(Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. . (Fortsetzung.) / Siebentes Kapitel. Tie kleine Verstimmung, in der sich Felicia am Abend sshres ersten Besuches von Herbert Ignatius getrennt, hatte jaus die Natur ihrer Empfindungen für die übrigen Mit- tzlieder der Familie offenbar keinen nachteiligen Einfluß geübt; denn schon am nächsten Tage war sie wieder in Las Haus des Stadtrats gekommen, um Hilde zu einem gemeinsamen Spaziergang abzuholen. Und wenn sie auch die dringende Einladung ihrer Verwandten, ganz zu ihnen überzusiedeln, mit freundlicher Entschiedenheit abgelehnt hakte, so war sie doch fortan täglich zu längerem, meist bis in den späten Abend hinein ausgedehntem Besuche bei ihnen erschienen. Allerdings schienen diese Besuche ausschließlich dem Haustöchterchen zu gelten, dessen so rasch entstandene Zusteigung für die junge Amerikanerin bald die Formen einer schwärmerischen Freundschaft angenommen hatte. Nachdem sie die erste Schüchternheit überwunden hatte, bemühte sich Hilde nicht mehr, ihre Liebe für die schöne Base zu verbergen, und Felicia ließ sich die Zärtlichkeit des reizenden, m ferner narven Offenherzigkeit oft wahrhaft bezaubernden Geschöpfchens gern gefallen. Sie nannte sie stets ihre liebe kleine Freundin, und das schwesterliche Du, das auf ihren enthusiastisch aufgenommenen Vorschlag schon am zweiten Tage die zuerst gebrauchte förmlichere Anrede ersetzt hatte, war aus ihrem Munde von besonders liebenswürdigen: Klange. Nach dem Assessor fragte sie niemals, wenn sie ihn bei ihrem Eintreffen im Jgnatius'schen Hause nicht anwesend fand; aber sie war doch auch bisher niemals auf- gebrochen, ehe er kam. Sie behandelte ihn gewiß nicht unfreundlich, und doch war in ihrem Benehmen gegen ihn eine so merkliche Zurückhaltung, daß Hilde schon einmal im TLne des Bedauerns gefragt hatte, ob sie denn etwas gegen ihren Bruder habe. Nur Herbert selbst schien diese ausfallende Kälte entweder gar nicht zu empfinden, oder Nr. 164. Samstag den 16. November. n ajOW M r-i baS Cicb und Leid, rMF Daß die Erkenntnis erst gedeiht, «SÄ Wenn Mut und Kraft verrauchen; Die Jugend kann, das Alter weiß, Du kaufst nur um des,Lebens Preis Die Kunst, das Leben zu brauchen. Emanuel Geibel. ihr doch keine sonderliche Bedeutung beizulegen; denn er machte durchaus keinen Versuch, Felicia gnädiger zu stiminen. Artig und ritterlich wie gegen jedes andere weibliche Wesen benahm er sich auch gegen sie; aber seine Seele war jederzeit viel zu sehr von dem Gedanken an Margarete erfüllt, als daß er der Schönheit der amerikanischen Base mit jener anbetenden Demut hätte huldigen können, an die sie von ihren Bostoner Verehrern gewöhnt worden war. .Hier itnb da, wenn eine seiner Ansichten nicht mit denen Felicia's übereinstimmte, war es sogar schon zu richtigen kleinen Wortgefechten zwischen ihnen gekommen, und die Amerikanerin hatte gerade ihm gegenüber eine Leidenschaftlichkeit des Widerspruches an den Tag gelegt, die vielleicht zu den peinlichsten Szenen geführt hätte, wenn Herbert nicht mit feinem Taktgefühl stets noch im rechten Augenblick auf eine scherzhafte Wendung des Gespräches verfallen wäre. Auch musiziert hatten sie noch nicht wieder mit einander, obwohl der Stadtrat und Hilde täglich darum baten. Felicia entschuldigte ihre Weigerung mit einer leichten Indisposition ihrer Stimme, und Herbert mußte wohl ebenfalls kein besonderes Interesse mehr daran haben, da er sich mit keinem Wort an dem schmeichelnden Zureden seiner Angehörigen beteiligte. Während sie sonst erst am Nachmittage zu kommen pflegte, hatte Felicia an diesem für den Kämmerer so verhängnisvollen Tage schon nm die zehnte Morgenstunde die Glocke an der Jgnatius'schen Wohnung gezogen. Aber man war auf ihreu frühen Besuch nicht vorbereitet, und das tzausmllvchen erklärte im Tone des Bedauerns, die Frau Stadträtin habe eben das Haus verlassen, während Fräulein Hilde mit der Köchin unten im Weinkeller sei, wo irgend eine Veränderung vorgcnommen werden sollte. „So werde ich eben warten, bis sie wieder herauf- kommt", erwiderte Felicia heiter. Ich habe Zeit genug, und da sie kein Klosterbruder ist, wird sie doch wohl nicht ewig im Weinkeller bleiben." Von den Herren war gar nicht die Rede; aber Felicia wußte ja auch, daß sie sich zu dieser Stunde beide in ihren Bureaus befanden, von lvo sie erst um die Mittagszeit nach Hause zurückkehrten. In der Gewißheit, ganz allein zu sein, betrat sie den großen Salon, aus dem eine offen- stehende Thür in das Zimmer des Hausherrn führte. • Da sie die Gemälde und sonstigen Sehenswürdigkeiten in dem etwas überladenen Prunkraume der Wohnung nachgerade oft genug betrachtet hatte, wandte Felicia ihre Aufmerksamkeit viel mehr den: Nebengemach zu, dessen Wände nur einige treffliche Kupferstiche und zahlreiche, zu den verschiedensten Zeiten aufgenommene Bildnisse der Familienmitglieder schmückten. Eines von diesen schien sogleich ihr ganzes Interesse auf sich zu ziehen, obwohl es nur von geringem Umfange, und in einen sehr einfachen schwarzen Holzrahmen gefaßt war. Es war ein photographisches Bildnis des Assessors, das wohl erst vor kurzem angefertigt 654 sein mußte, da es ihn ganz fo zeigte, tote Felicia ihn jetzt kennen gelernt hatte — in der Fülle seiner edlen männlichen Schönheit und imponierenden Kraft. Selbst das gewinnend liebenswürdige Lächeln, das beün Sprechen seine Lippen zu umspielen pflegte, war in das ausnehmend wohl- gelnngene Konterfei übergegangen, und verlieh ihm eine lebensvolle Aehnlichkeit, Ivie sie sonst nur der Pinsel des Malers hervorzuzaubern vermag. Felicia hatte das Bild bisher nicht bemerkt, da sie sich nur ein einziges Mal für wenige Sekunden mit Hilde in dem Arbeitszimmer des Stadtrats aufgehalten hatte. Nun aber hingen ihre Augen nnverwandt an dem ausdrucksvollen Männerkopfe, und plötzlich — wie von einem unwiderstehlichen Verlangen dazu getrieben — nahm sie das kleine Bild von der Wand, um es ganz in der Nähe zu betrachten, und es dann wiederholt inbrünstig an ihre Lippen zu drücken. Ein Geräusch hinter ihrem Rücken ließ sie heftig erschrocken zusammenfahren. Es war ihr, als hätte sie ein leises Knirschen gehört, und das schwere, beinahe keuchende Atmen einer menschlichen Brust. Fast hätte sie in der ersten Bestürzung das Bild zu Boden fallen lassen; aber sie nahm all ihren Mut zusammen, und wandte den Kopf. Tas Zimmer Ivar leer, und eine leichte Bewegung des bestickten Tuchvorhanges, der eine zweite, in den Vorraum hinausführende Thüröffnung verdeckte, war das einzige Zeichen, das für die Richtigeit ihrer ersten Wahrnehmung zu sprechen schien. Wenn wirklich jemand von dort aus ihr Beginnen beobachtet hatte, so hatte er sich also sehr eilig wieder zurückgezogen, und Felicia Ivar doch nicht tapfer genug, sich durch einen raschen Blick in das anstoßende Gemach Gewißheit zu verschaffen. Sie fühlte, wie ihre Wangen brannten, als sie das Bild an seinen Platz zurückbrachte, und mit einer tiefen Unmutsfalte zwischen den Brauen wandte sie sich wieder nach dem Salon, fest entschlossen, das Haus aus der Stelle zu verlassen. Wer sie kam nicht dazu, ihre Absicht auszuführen; denn noch ehe sie den Ausgang erreicht hatte, wurde die Thür von draußen ungestüm aufgerissen, und wie auf den Schwingen eines Sturmwinds flog Hilde auf sie zu. Sie war in ihrem einfachsten Hauskleide, aber Felicia hatte sie niemals so allerliebst gefunden wie in diesem Augenblick, da ihre Augen in jugendlicher Lebenslust förmlich leuchteten, und gleichsam der Abglanz irgend einer großen Herzensfreude shr reizendes Gesichtchen verklärte, Mit beiden Armen hatte' sie die Base umschlungen, und in kindlichen Uebermüt drehte sie sie zweimal im Kreise herum. „Wie himmlisch, daß Du schon heute vormittag gekommen bist, meine goldene, einzige Fee! Ich sehnte mich so sehr nach einen! Menschen, den ich recht nach Herzenslust abküssen könnte." Selbst ein Lebensüberdrüssiger hätte von ihrer sprudelnden Fröhlichkeit angesteckt werden müssen, und auch Felicias Unmut über die eben begangene Thorheit war schon wieder verflogen. „Eine höchst bedenkliche Sehnsucht, lieber Schatz!" sagte sie lachend. „Welch ein Glück, daß der Zufall gerade mich hierher geführt hat! Denn wenn es statt meiner irgend ein hübscher, junger Mann gewesen wäre —" Erglühend legte ihr Hilde die Hand auf den Mund. „Pfui, wie garstig! Natürlich dachte ich! von vornherein einzig an Dich. Und ein junger Mann, ob er nun hübsch oder häßlich gewesen wäre, hätte mich in solchM Aufzug überhaupt nicht zu sehen bekommen. Ich habe ja seit einer Stunde unten im Keller gearbeitet wie ein Aschenbrödel." „Um so gebieterischer fordert die poetische Gerechtigkeit, daß nun auch .der Königssohn kommt, um das Aschenbrödel heimzuholen. Und diese blanken braunen Augen da sehen ganz so aus, als ob sie gar zu gern ein wenig nach ihm ausschauen möchten." Hilde schüttelte lächelnd das Köpfchen. „Fehlgeschossen, Du kluge Felicia! Ich bin nicht so thöricht, nach einem Königssohn auszuschauen, der doch niemals kommen würde. Das einzige männliche Wesen, das ich heute mit Ungeduld herbeisehne, ist der Fleischergeselle, der uns wieder über Gebühr aus den bestellten Braten warten läßt." „Und Du glaubst wirklich, mich mit solchen Scherzen hinters Licht führen zu können, kleine Sünderin? Wenn einer jungen Dame zwischen siebzehn und achtzehn Jahren die Glückseligkeit so verräterisch aus den Augen sprüht wie Dir, darf man getrost tausend gegen eins wetten, daß irgend ein ritterlicher Held die Ursache ist. Sieh mich an und dann sage mir auf Ehre und Gewissen: würde ich dies-- mal die Wette verlieren?" Hilde hatte zwar versucht, dem ersten Teil des Befehls Folge zu leisten, aber ihre Lider hatten sich doch.gleich wieder gesenkt, und es klang garnicht mehr übermütige sondern sogar ein wenig beklommen, als sie erwiderte: „Nein — ich — ich vermute fast, Du würdest sie ge-i Winnen. Aber Du darfst: Dich darum nicht über mich lustig niachen. Denn so, wie Du Tir's wahrscheinlich vorstellst> verhält es sich damit doch nicht- Eigentlich weiß ich's selber kaum, weshalb ich mich über die Nachricht so sehn gefreut habe." „Ueber welche Nachricht? Jetzt, da ich einmal äuge-, fangen habe, in Deiner lieben, unschuldigen Seele zu lefech mußt Du mir auch alles beichten, kleine Hilde." „Ach, es giebt ja nichts zu beichten. Und mein Bäte« würde mich schön auslachen, wenn er sähe, welchen großen Eindruck seine leicht hingeworfene Mitteilung auf mich gemacht hat. Du mußt mir um des Himmels willen tieci sprechen, es ihm nicht zu verraten." „Ich schwöre es. Aber ich vergehe vor Wißbegierde^ Also heraus mit der Spräche! Wer ist der Glückliche, de« ein so goldiges Geflimmer in den braunen Sternen da hervorgezaubert hat?" „Nein, wenn Du so sprichst, Felicia, kann ich es überq Haupt nicht erzählen. Ich sagte Dir doch schon, daß dabei von Liebe oder so etwas gar nicht die Rede ist. Der HeriH um den es sich handelt, ist im Vergleich zu mir beinahe; schon ein alter Mann. Und außerdem hat er sicherlich längst vergessen, daß ich existiere." „Sehr schön t Er ist Dir also vollkommen gleich giftig,: und er weiß überdies nicht das Geringste von Deine«! Existenz. Desto unbefangener können wir uns über diesen interessanten Greis unterhalten. " „Daß er ein Greis ist, habe ich nicht gesagt, Mer das ist ja auch ganz nebensächlich!! Meine Bewunderung für ihn würde nicht geringer sein, und ich würde mich! über sein Herkommen nicht weniger freuen, wenn er siebzig Jahre alt wäre." „Ist es mir gestattet, zu fragen, wer dieser rätselhafte Er denn nun eigentlich ist?" „Ein Arzt, den man berufen hat, die Leitung de« soeben von unserer Stadt erbauten Heilstätte für Lungen-, kranke zu übernehmen." „Nun, da haben' wir doch wenigstens einen Anfang. Ich gestehe, daß ich keine besondere Vorliebe für den Stand der Aerzte habe. Wer es handelt sich ja glücklicherweise nicht um mich. Du sagst, daß er hierher kommen wiriü Er lebte also bisher nicht in M.?" „Nein. Er leitet gegenwärtig eine ähnliche Heilanstalt im schlesischen Gebirge." , „Und tote bist Dir dazu gekommen, seine Bekanntschaft zu machen?" „Ich erzählte Dir schon, daß wir während des verflossenen Sommers ein paar Wochen in Westerland waren auf der Insel Sylt. Da verbrachte auch er einen kurzen Urlaub. Aber ich wußte nichts von ihm, und sein Name wie seine Person würden mir wahrscheinlich dauernd fremK geblieben sein, wenn nicht eines Tages die ganze Bade^ gesellschaft nur von ihm und seiner edlen That gesprochen hätte." „Eine edle That? Ah, jetzt wird es interessant", sagte Felicia in erheuchelter Spannung, während es zugleich etwas spöttisch um ihre Mundwinkel zuckte. „Natürlich hat er mit höchster Gefahr des eigenen Lebens einen Ertrinkenden gerettet?" Hildes feines Ohr hatte den sarkastischen Ton sehr wohl gehört, und sie blickte verwundert zu der Freundin aus, da sie seine Ursache nicht begriff. „Allerdings", erwiderte sie ernsthaft, „und es war tollt* lich eine große, eine heroische That; denn von den hundert Schwimmern, die dabei zugegen waren, hat es keiner gewagt außer ihm. Es war ein stürmischer Tag, tntb die Brandung, die am Strande von Westerland schon Bei ruhige« See eine so heftige ist, war gewaltiger denn je. Einer von! bett Badegästen aber hatte sich trotzdem zu weit hinausge- toagt, und es war ihm ungeachtet seiner verzweifelten AM 655 — strengungen unmöglich, das Land wieder zu gewinnen. Da ging der Bademeister, ein schon bejahrter Mann und der Ernährer einer zahlreichen Familie, seiner Pflicht gemäß in das Wasser, um den Tollkühnen zu retten. Er erreichte ihn auch, aber die reißende Unterströmung hinderte ihn gleich jenem, sich zurückzuarbeiten. Weiter und weiter wurden sie zum Entsetzen der zahlreichen Zuschauer hinausgetrieben, und deutlich konnte man vom Strande aus an ihren Bewegungen wahrnehmen, daß die Kräfte sie verließen. Augenzeugen haben uns erzählt, daß viele tüchtige Schwimmer da waren, aber das Wagnis einer Hilfeleistung schien ihnen zu groß; denn sie alle kannten die Tücke der Brandung. Und der Rettungskahn lag so weit oben am Strande, daß die beiden verloren gewesen wären, ehe man ihn hätte flottmachen können." „Wie dramatisch Du zu erzählen weißt! Es ist ja, als ob man es vor sich sähe. Und da, in der letzten höchsten Not, stürzte er sich also in die Fluten, Dein heldenmiitiger Arzt? Mit starken Armen teilte er die haushohen Wogen und brachte die halb schon Ertrunkenen glücklich ans trockene Land." „Du würdest Dich nicht darüber lustig machen, Felicia, wenn Du die Erzählung der Leute gehört hättest, die es mit angesehen haben. Es soll ein furchtbarer Kampf gewesen sein, und sie konnten nicht Rühmens genug machen von der todesmutigen Aufopferung und der beinahe übermenschlichen Ausdauer, die Doktor Müller bei dem Rettungswerke bewiesen hatte." Felicia war jäh zusammengefahren, und für einen Moment wich alle Farbe aus ihren Wangen. „Was sagst Du da?" fragte sie hastig. „Wie war der Name dieses Arztes?" „Müller. Ein sehr gewöhnlicher Name und gar nicht ein bischen poetisch, das ist wahr. Wenn ich! ein Mann wäre und so hieße, würde ich wenigstens meinen Geburtsort oder den Mädchennamen meiner Mutter hinzufügen, um mich einigermaßen kenntlich aus der Masse der fünfmalhundert- tausend Müller im Deutschen Reiche herauszuheben." (Fortsetzung folgt.) Die Bekmfferungswerke des Nil. (Nachdruck verboten.) Eine der großen Folgen der Besitznahme Egyptens durch England bildete der Versuch, möglichst die ehemalige Fruchtbarkeit des Landes wiederherzustellen, welche im wesentlichen auf der alljährlichen Ueberschwemmung des Nil beruhte. Während mehrerer Jahrhunderte bildete der größte Teil dieses Landes, welches unter der Herrschaft der Pharaonen das glücklichste der Welt war, eine wüste Oede. Als die Macht des Landes den Zenit erreicht hatte, war es nach allen Richtungen von Kanälen durchschnitten, welche das Land bewässerten; aber im Laufe der Zeit füllten sich die Kanäle mit dem Sand der Wüste, und das Land verwahrloste. Der Nilfluß sammelt auf seinem Lauf durch Unteregypten eine große Menge fruchtbaren Schlammes, welchen man Jahrhunderte lang ungenutzt in das Mittelländische Meer fließen ließ. Man schätzt den Verlust dieses Schlammes auf Billionen Tonnen im Jahre. Als Egypten sich auf der Höhe seiner Blüte befand, wurden die Gewässer des Nils und sein Schlamm über die Wüste ausgeschüttet, und so öde, sandige Strecken in fruchtbare Gefilde verwandelt. Die britische Regierung ist bemüht, das Schlammwasser des Nils wieder zur Bewässerung und Befruchtung der wüsten Landesteile zu benutzen. Hierdurch werden diese nicht nur fähig gemacht, hinreichend Getreide, Baumwolle Usw. für den Bedarf des Landes hervorzubringen, sondern auch die verschiedenen Weltmärkte zu versorgen; es wird möglich sein, sogar drei Ernten in einer Jahreszeit zu erzielen. Diese Umwandlung wird durch den Bau großer Dämme an verschiedenen Punkten des Flusses erreicht werden. Schon sind zwei dieser enormen Konstruktionen vollendet worden, eine trt Assuan, die andere in Assiut. Me Idee ist keines-, Wegs neu, da ein ähnlicher Plan schon vor mehreren Jahren gefaßt und durch den Bau eines Dammes in der Nähe von Kairo (seitens französischer Ingenieure) ein interessanter Versuch nach dieser Richtung hin gemacht wurde. Die Ausführung war jedoch infolge der mangelnden Sorgfalt und der geringen Widerstandsfähigkeit des Baues ein Fehlschlag; der Damm würde umgestürzt und meilenweit vom Lande fortgeschwemmt sein, wenn er nicht noch rechtzeitig durch englische Ingenieure verstärkt worden wäre. Die Ausführung des Projektes erfolgt, nach Genehmigung seitens der egyptischen Regierung, durch den wohlbekannten Zivilingenieur Sir Benjamin Baker und die große Baufirma John Aird. Das Kapital wurde durch ein Londoner Syndikat aufgebracht, an dessen Spitze der große Finanzier Ernst Cassel stand. Es war unabweisbar, die Arbeit Tag und Nacht fortzusetzen, und mit allen Kräften zu beschleunigen, da sie andernfalls, ivenn der Nil gestiegen und das begonnene Werk unter Wasser gesetzt wäre, auf mehrere Wochen hätte! eingestellt werden müssen. Der Fluß ist bei Assuan über anderthalb Kilometer breit, sodaß man sich etwa eine Vorstellung von der Größe der Aufgabe machen kann. Der Damm besteht aus einer ungeheuren Granitmauer, die im oberen Teil GO Fuß breit ist und über dem Wasserstand zur Ebbezeit eine Höhe von 90 Fuß aufweist; die Länge der Mauer beträgt etwa 2,3 Kilometer. Sie erstreckt sich quer über den Fluß, von einem Ufer zum andern, und ist von 180 ungeheuren Stahlschleusen durchbrochen. Auf dem Damm soll ein Fahrweg angelegt werden, welcher eine Verbindung zwischen den beiden Ufern Herstellen wird. Eine Folge dieses gewaltigen Baues wird die teilweise Ueberschwemmung der historischen Tempel von Philä sein. Nach dem ursprünglichen Projekt sollten diese Ruinen völlig unter Wasser gesetzt werden; aber einer einflußreichen Vereinigung von Egyptenforschern, an deren Spitze der frühere Präsident der britischen Akademie stand, gelang es, die teilweise Erhaltung zu erreichen, sodaß jetzt die Ruinen selbst noch bei hohem Wasserstand sichtbar sein werden. Das Material für den Bau der Mauer wird aus denselben Steinbrüchen gewonnen, welche das Material für den Tempel von Philä und die „Nadeln der Kleopatra" lieferten. In der That tragen viele der ausgegrabenen Granitblöcke noch die Spuren der egyptischen Spaltkeile, die vor mehr als dreißig Jahrhunderten in den Steinbrüchen verwandt wurden. Die Bauarbeit wird unter der Oberaufsicht englischer Ingenieure ausgeführt und es sind 25000 Eingeborene bei dem Werk beschäftigt, und zwar arbeiten je 12500 Mann abwechselnd bei Tag und Nacht. Während der Nacht sind die Arbeitsstätten elektrisch beleuchtet. Die Arbeiter erhalten einen lächerlich! geringen Lohn, nämlich 4 Mark wöchentlich! bei freier Station. Man darf sich jedoch nicht zu sehr darüber wundern, da sonst in diesem Lande nur die Hälfte dieses Betrages gezahlt wird. Den Vertragsbedingungen gemäß wird den Unternehmern von der egyptischen Regierung keine Zahlung geleistet, bevor die Aufgabe vollendet ist. Dennoch ist die ungeheure Bausumme, welche ungefähr 500 Millionen Mark beträgt, anfgebraucht worden. Die Vollendung l.es Projektes wird den ertragsfähigen Flächenraum Egyptens nm 5600 Quadratkilometer vermehren, deren Wert für das Land auf 8000 Millionen Mark geschätzt werden. Hd. Nene Pariser Wintermäntel. (Nachdruck verboten.) Die verschiedenen Formen der diesjährigen Wintermäntel lassen gewisse charakteristische Uebereiustimmungen erkennen; namentlich ist der nach unten weite, offene Aermcl, der sich oft bis zum Pagodenärmel erweitert, vielen Facons gemeinsam. Höchst vornehm wirkt der Mantel „Tzarine", der in schwarzem Velours du Nord, Gros gram, Seidenbrochee oder genuesischem Sammet gefertigt werden kann. Der gerade geschnittene Mantel ist mit Pagodeüärmeln versehen, welche Lm Unterärmel in halber Höhe durch je zwei Atlasschleifen leicht zusammengehalten werden und unten einen schmalen Vorstoß von hellem Pelzwerk hervortreten lassen. Der hohe, pelzgefütterte Kragen ist etwas zurückgerollt und wird durch eine Atlasschleife geschlossen. Me Vorderteile bilden zwei Pelzrevers. Der untere Rand zeigt ebenfalls einen Pelz- Vorstoß. Der Mantel kann entweder ganz mit Pelz, oder auch mit gesteppter Atlaswattierung gefüttert sein. Den halblangen Pelerinenmantel „Aiglon" sieht man in sehr eleganten Ausführungen. Man fertigt diesen kleidsamen Umhang meist in mastixfarbenem, ober auch in 656 schwarzoem Tuch, umrandet ihn mit Stepperei. Die obere Pelerine wird mit Seide gefüttert, während man den Umhang selbst mit Pelzfutter oder gesteppter Atlaswattierung versieht. Der breite „Aiglou-Kragen" wird ebenfalls aus schönem Pelzwerk hergestellt. Der ganz lange, fast den Boden berührende Mantel von loser, gerader, nur unter den Armen leicht anliegender Form wird in mannigfacher Ausführung gefertigt. Ein sehr eleganter Mantel dieser Art war aus „Drap cuir" hergestellt und reich mit Stepperei verziert, welche auf dem Rücken ein zu einer Spitze zulaufendes Schulterstück abzeichnete. Die breiten, kurzen Pelzrevers waren mit dem offenen, stuartähnlichen Kragen zusammenhängend geschnitten; die sich nach unten etwas erweiternden Aermel waren mit einem Pelzstreifen über demselben verziert. Vier schöne Perlmutterkuöpfe dienten zum Verschluß des mit Seidenbrochee gefütterten Mantels. Ein anderer, hocheleganter, nicht ganz so langer Mantel war aus schwarzem Velours du Nord gefertigt. Die vorn lose Form lag im Rücken und unter den Armen leicht an. Ein vorn abgeschrägter, bis auf die Schultern fallender Umlegekragen aus Hellem Pelz und sehr breite, im Taillenschluß spitz auslaufende Pelzrevers bildeten eine äußerst wirkungsvolle Dekoration. Die weiten Pagodenärmel waren etwa 6 Zentimeter vom unteren Rande mit einem Pelzstreifen geschmückt. Als Futter läßt sich für diesen Mantel ebensowohl Seidenbrochee, als Steppfutter und Atlas- tvattierung verwenden. Sehr modern wird auch der bis über die Knie hinabreichende, ärmellose Umhang sein, der aus Drap zibeline oder Tartan gefertigt wird. Er ist häufig mit einem gestickten, pelzumrandeten Capuchon versehen, sowie mit dem „Aigl-on-Kragen" aus Pelz. Als Futter dient zu diesem Umhang gewöhnlich Atlassteppfutter oder Seidenbrochee. Die ganz lose Sackform wird ebenfalls in eleganten Exemplaren vertreten sein. Man verarbeitet für dieses Genre meist Sammet oder schweres Tuch und verwendet für den oft sehr großen, hochstehenden, an den abgerundeten Spitzen leicht umgeschlagenen Kragen, sowie für die kurzen abgerundeten Revers und die Aermelstulpen kostbares Pelz-- werk. Von schwarzem Sammet heben sich kleine Goldknöpfe als sehr wirkungsvoller Verschluß ab. Als Futter empfiehlt sich gesteppte Atlaswattierung. Neben den eleganten Mänteln und Umhängen behaupten sich jedoch auch die Jacketts in den verschiedensten Formen. Das lange, ganz anschließende Jackett mit angesetztem Schoß und breiten Pattentascheu wird voraussichtlich viel getragen werden. Es wird meist doppelreihig geknöpft und mit doppeltem Schulterkragen versehen. Man schmückt es vielfach mit Umlegekragen und kurzem Revers aus Astrachan, und fertigt es aus Tuch der verschiedensten Hellen und dunklen Nüancen, oder auch in Schwarz. Von besonderer Eleganz ist ein kurzes Jackett aus Otternpelz, Plüsch oder Sammet mit großem Kragen und Shawl- revers in Hellem Pelzwerk. Die geraden Aermel erweitern sich nach unten. Ist dieses Jackett aus Otternpelz gefertigt, so füttert man es mit Atlas oder Seidenbrochee ab, andernfalls kann man es vollständig mit Pelz füttern. __________ Madeleine. Velhage» & Klasings Monatshefte. Das soeben erschienene 3. Heft von Velhagen und Klasings Monatsheften bringt wieder eine überraschend lauge Reihe interessanter Beiträge. Ueber die Berliner „Hoch- und Untergrundbahn" berichtet Hanns von Zobeltitz; v. Hesse-Wartegg schildert das Leben in Korea; Ferdinand Pfohl plaudert über die Ham- burger Oper -- alle diese Artikel sind ungemein reich und geschmackvoll illustriert. Die großen Romane „D a s AB C d e s L e b e n s" von Ida Boy-Ed und „Die p a - Pi er ene Macht" von Fedor von Zobeltitz, sowie die Erzählung „Traum im Süden" von Georg Frhr. von Ömpteda werden fortgeführt. Das Heft enthält weiter, neben zahlreichen kleinen Gaben und einem reichen Bilderschmuck, eine fesselnde Arbeit des Historikers Prof. Ed. Heyck „Die Entstehung der Universitäten"- ünd eine übermütig lustige Plauderei „Mord und Totschlag auf der Bühne" von dem Oberregisseur des Berliner Schauspielhauses Max Grube. Gernerirnützrges. So mancher Garten wird liebevoll gepflegt. Was aber sachgemäße Behandlung der Bäume, gute Bewässerung und geeignete Düngung des Bodens vermag, das zeigt uns in seiner Nr. 44 der praktische Ratgeber rm Obst- und Gartenbam Er beschreibt in einem längeren, mit vorzüglichen und' lehrreichen Abbildungen versehenen Aufsätze, wie ein Lieb-- Haber aus einem unfruchtbaren Garten nach und nach eine Musteranlage machte. Besonders interessant ist in demselben das ausgedehnte Bewässerungssystem, durch welches eine bequeme, billige und vor allen Dingen intensive Durch-. feuchtung des Bodens erzielt wird und zwar in der Art,- daß längs der Spaliere und Schnurbäume Wasserleitunas- röhren laufen, deren Wände am Standorte der Bäume durchlöchert sind. Beim Anschluß dieser Röhren an die Hauptleitung strömt das Wasser durch die Rohre und rieselt gleich einem milden Regen nieder. Durch derartige, sinnreiche Anlagen wird viel Arbeit und viel Zeit erspart. Wer sich für die übrige Einrichtung eines derartigen Mustergartens interessiert, lese den vorerwähnten Aufsatz. Die betreffende Nummer ist kostenfrei vom Geschäftsamt obengenannter Zeitschrift zu Frankfurt a. d. Oder zu beziehen. Laurus tinus mit Knospen dürfen nicht zu früh! aus dem Freien in das Haus gebracht werden. Am meisten! sagt ihnen ein kühler, feuchter und heller Raum zu. Im geheizten oder trockenen Zimmer werden die Knospen leicht -abgestoßen. Die Pflanzen vertragen ganz gut einige Grads Kälte und eignen sich deshalb zur Dekoration auf Fluren; und Treppen; ist kein Knospen-Ausatz vorhanden, nehmen! sie auch mit einem dunklen Platz vorlieb, nur darf dieser- nicht warm sein. Die Pflanzen müssen durch kräftiges' Spritzen öfters vom Staube gereinigt werden.' „Praktischer Wegweiser", Würzburg. Weshalb schmeckt eine Tasse Bouillon aus! echtem Liebigs Fleisch-Extrakt, in der allgemein bekannten! Weise rasch und mit wenig Mühe hergestellt, so vortrefflich? Die Erklärung ist sehr einfach: Zur Herstellung dieser! Fleischbrühe hat ausschließlich das allerbeste Material gedient. Wie manche Tasse Bouillon erhält man z. B. auf Reisen, besonders in weniger zivilisierten Ländern, zu deren Bereitung alle möglichen Küchen- oder Schlachterei-Abfälle; benutzt worden sind! Dagegen das „echte Liebig" bedeutet die Kraft und Quintessenz der ausgesucht besten Stücke vom! Fleisch gemästeter Rinder edler Rasse, mit peinlichster Sorg-, falt unter strengster Sauberkeit zu Extrakt verarbeitet- unter gewissenhafter Kontrolle berühmter Gelehrter, dick es schon seit Jahrzehnten wirksam verbürgt, daß ausschließ-, lich nur Prima-Qualität, nie eine andere, im echten „Liebig- Töpfchen" auf den Markt gelangt. Also: Vom Besten das Beste; das soll wohl schmecken! Gedämpftes Schweinslendchen: 3 Personen.- Zubereitungszeit dreiviertel Stunden. Ein schönes Schweins? lendchen wird von Haut und Fett befreit und mit Salz und wenig Pfeffer bestreut. In einem gut verschließbaren! Pfännchen läßt man etwas Fett oder frische Butter' heiß werden, giebt das Fleisch hinein, brät es auf allen Seiten! schön an, thut eine kleine Zwiebel, eine Gelbrübe und ein! kleines Stückchen Weißbrot zu und läßt alles auf der Seite des! Herdes langsam in gut zugedecktem Topfe weich dämpfem Von Zeit zu Zeit giebt man etwas Fleischbrühe oder Wasser zu. Vor dem Anrichten fügt man einen Kaffelöffel ange- rührtes Mehl und zwei Eßlöffel sauren Rahm der Saueck bei, läßt diese nochmals aufkochen, verfeinert mit einem; Theelöffel Maggi-Würze und giebt sie durch ein Sieb über; das in schöne Scheiben geschnittene Fleisch. A. & R. Arithmogriph. 123456783 bekannter Philosoph. 2 13 5 spanischer Mädchenname. 3 6 6 3 1 deutsche Industriestadt. 4 2 6 7 8 Möbelstück. 5 2 11 Metall. 6 3 2 1 3 Fluß in Frankreich. 7 8 2 1 3 6 3 Asiat. 8 3 6 6 3 1 deutsches Land. 3 14 3 schmackhafter Bogel. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Scherz-Charade in vor. Nr.: Einwand. Redaktion: E. Burkhar dt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.