Sonntag den 16. Juni t WH E °MWas du auch denkst und thust, du thust und denkst vergebens, Fehlt ihm das rechte Maß — Bedingung alles Lebens. Den Schöpfertrieb beseelt der inn're Gotteshauch, Und wer was Rechtes schafft, schafft sich die Grenzen auch. Hammer. (Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Bernhard Sylvander, der bis dahin als eine Beute widerstreitender Empfindungen im Zimmer auf und nieder gegangen war, trat an seine Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Armer Alter", sagte er, itnb nichts mehr von emem Vorwurf, nur herzliche, liebevolle Teilnahme lag im Klang seiner Stimme. „Warum bist Tu nicht da sogleich zu mir gekommen?" „Weil ich bei Dir nicht suchen durfte, was mir not- that, Bernhard! Zu keinem andern wußte ich mich! aus all dem ratlosen Jammer zu flüchten, als zu dem edlen Freunde, der mein Lehrer und Führer, mein Tröster und Warner gewesen war seit den ersten Jünglingstagen. Und wenn er auch als ein stiller Schläfer vor mir lag, der den treuen Mund nicht mehr aufthun konnte zu einem befreienden und ermutigenden Wort — es wurde an seinem Sarge doch allgemach wieder ruhig und friedlich, in meinem Herzen. Als hätte er selbst es noch einmal gesprochen wie so manchmal in vergangenen Zeiten, wenn ich, in Sturm und Not zu ihm meine Zuflucht genommen, so klang es mir durch die Seele: Sei wahr gegen die anderen wie gegen dich selbst, und der rettende Ausweg aus jeder Bedrängnis steht dir offen! — Nun weißt Tu es, woher ich den Mut genommen, hierher zu kommen, und Hanna um die Auflösung unseres Verlöbnisses zu bitten." „Ich darf Dir nicht antworten, daß Du recht daran gethan, aber ich darf Dich! auch! nicht tadeln. Wenn es Dir gelingt, Hanna zu überzeugen, daß Du nicht unredlich und gewissenlos gegen sie gehandelt, so werde ich mich gewiß nicht berufen fühlen. Dich zu verdammen. Von Deinen Empfindungen für Erika Herbold, und von der Hoffnung, sie zum Weibe zu gewinnen, wirst Du meiner Schwester freilich nicht sprechen dürfen, wenn Dir daran liegt, ihre Verzeihung zu erlangen." „Wie sollte ich ihr von einer Hoffnung sprechen, die ich nicht hege! Weiß ich! doch aus Erikas eigenem Munde, daß sie mich nicht liebt, und werden sich doch morgen unsere Wege aller Voraussicht nach für immer trennen. Unmittelbar nachdem sie die letzte Kindespflicht gegen den toten Vater erfüllt hat, siedelt Erika nach dem in Thüringen gelegenen Landhause über, das sie von nun an dauernd bewohnen will. Das Atelier und die Berliner Wohnung des Professor, die zunächst unverändert bleiben soll, habe ich auf ein Jahr gemietet, um eine größere Arbeit in Ruhe zu vollenden. Dann gehe ich voraussichtlich nach Italien oder nach Paris. Tu siehst, iä) habe keinen Grund, in Bezug auf mein Verhältnis zu der Tochter des Dahingeschiedenen irgend etwas zu verbergen." Der Rechtsanwalt reichte ihm die Hand. „Es schmerzt mich, daß alles so kommen mußte — aber wie es auch werden mag, Du und ich, wir bleiben die alten. Und nun geh; denn Hanna ist heute wohl nicht in der rechten Verfassung für eine Aussprache, wie die Umstände sie zwischen Euch notwendig machen. Wenn Tu morgen wieder kommst, wirst Du sie durch mich vorbereitet finden. Dies Blatt aber nimmst Du wieder mit Dir, nicht wahr? Und wir wollen denken, ich hätte es überhaupt nicht gesehen. Jedem anderen hätte ich es entrüstet vor die Füße geworfen — ich brauche Dir nicht erst zu sagen, warum." „Ich möchte Dich trotzdem bitten, es vorläufig zu behalten. Wenn Hanna die Annahme verweigern sollte — und sie allein hat doch wohl darüber zu entscheiden — so bleibt uns ja immer nocy Zeit genug, es zu vernichten. Für mich hat es ganz und gar keine Bedeutung; denn ich werde unter allen Umständen auf diese Erbschaft verzichten." „Unter allen Umständen? Und weshalb?" „Weil ich ein Grauen davor empfinde. Weil mir ist, als ob ein Fluch daran haften müsfe. Ich brauche das Geld nicht; aber auch, wenn ich bettelarm wäre, würde ich keinen Pfennig davon annehmen." „Tu bist! ein seltsamer Mensch, Harro! Aber Du hast recht: wir werden darüber besser morgen reden. Und wenn ich auch nicht im Ungewissen darüber bin, wie Hannas Antwort ausfallen wird, so will ich ihr doch von Deinem Anerbieten Mitteilung machen. Es ist Immerhin besser, wenn es durch mich geschieht, als durchs Dich selbst." „Ich danke Dir, Bernhard; denn gerade das war es, um was ich Dich hatte bitten wollen." Er nahm seinen Hut, und der Rechtsanwalt geleitete ihn zur Thür. Als sie schon auf der Schwelle standen, fragte Bernhard halblaut: „Und wenn sie Dich nicht gutwillig freigiebt, Harro? Wenn sie die Erfüllung Deines einmal gegebenen Versprechens von Dir fordert?" „Tann werde ich es selbstverständlich erfüllen. Wir 338 — werden beide unglücklich sein. Aber ich werde wenigstens zu allem andern nicht auch noch den Vorwurf einer feigen Lüge auf meinem Gewissen haben." Sechzehntes Kapitel. Kaum eine Viertelstunde war seit Harros Verabschiedung verflossen, als Bernhard durch einen anderen, noch weniger erwarteten Besuch überrascht wurde. Erstatte feinen Ohren nicht trauen wollen, als ihm der anmeldende Schreiber Inges Namen genannt; er vermutete einen Irrtum des jungen Menschen, und erst, als er das geliebte Mädchen leibhaftig vor sich sah, schwand ihm auch der letzte Zweifel. Seine erste Empfindung war die einer heißen Freude; aber das Aussehen seiner Braut und noch mehr die scheue Zurückhaltuug in ihrem Benehmen mußten rasch genug das Glücksgefühl wieder ersticken, das sich in seinem Herzen geregt hatte. Er war ihr entgegengeeilt, und der beinahe jubelnde Klang seiner Begrüßung mußte ihr Beweis genug dafür sein, daß ihr bloßes Erscheinen hinreichend gewesen sei, ihn alle Kränkungen der letzten Tage vergessen zu machen. Ein einziges unbefangen herzliches Wort von ihren Lippen, und zwischen ihnen wäre wieder alles gewesen, tote in der glücklichen Zeit vor der Auffindung des Wedekingschen Briefes. Aber Inge sprach dies Wort nicht. Aengstlich entzog sie sich der von Bernhard beabsichtigten Umarmung und flüchtete sich hinter einen Stuhl. „Ich komme, weil ich eine Auskunft von Dir erbitten möchte, Bernhard", sagte sie. „Ich muß wissen, wie es um diese Prozeßangelegenheit steht; denn ich fürchte, daß mein Vater mir etwas verschweigt." Wie schmerzlich der junge Rechtsanwalt auch, durch diese hastig hervorgestoßene Anrede enttäuscht sein mochte, die flüchtige Aufwallung von Unmut und Bitterkeit wich! doch fast auf der Stelle einem Gefühl tief innigen Mitleids, als er in Inges bleiches, verhärmtes Gesichtchen und in ihre angstvoll auf ihn gerichteten Augen sah. „Er hatte keine Ursache, Dir etwas zu verschweigen", erwiderte er; „denn noch ist so gut wie nichts geschehen. Und ich wüßte nicht, warum man Dir aus dem gegenwärtigen Stand der Angelegenheit ein Geheimnis machen sollte." Er erzählte ihr von seiner Unterredung mit Hubert Wedeking, von der offenbaren Geneigtheit des Regierungs- Assessors, auf einen Vergleich einzugehen und von seinem heute eingetroffenen brieflichen Ersuchen um eine kurze Verlängerung der gewährten Bedenkzeit. Inge unterbrach ihn mit keinem Wort, aber die Spannung in ihren Zügen verriet ihm, daß ihr alles durchaus neu war, was er da sagte. „Mein Vater hat mir von diesen Dingen nicht das Geringste mitgeteilt", erklärte sie, als er geendet, mit leiser Stimme. „Und das alles geschieht lediglich auf den Brief hin, den Deine Schwester unter den nachgelassenen Papieren meines Oheims gefunden?" „Gewiß! Ohne diesen Brief würde Hubert Wedeking unseren Ansprüchen, die durcq keinerlei Beweismaterial unterstützt wurden, niemals irgend welche Beachtung geschenkt haben." „Und der Brief — er befindet sich -noch immer in Deinen Händen?" ,Ja." "Willst Tu mir erlauben, ihn noch, einmal auzusehen, Bernhard?" „Sehr gern, liebe Inge, wenn er Dich so sehr interessiert." Er öffnete den Wandschrank und die Mappe, in der er das kostbare Dokument verwahrt hielt, und legte es in ihre ausgestreckte Hand, deren Beben er deutlich wahrnahm. Lange blickte sie stumm auf die festen, energischen Schriftzüge hin, dann sagte sie in einem eigentümlich gepreßten Tone: „Darf ich Dich um ein Glas frischen Wassers bitten, Bernhard? — Ich fühle mich nicht ganz wohl." Er eilte sofort zur Thür, um ihr selbst das Verlangte zu holen. Ihr angegriffenes Aussehen hatte ihn ja schon seit dem Augenblick ihres Eintritts fürchten lassen, daß sie krank sei, und er durfte es unmöglich der gleich- giltigen Langsamkeit eines Schreibers anheimgeben, ihr die erbetene Erquickung zu verschaffen. Nur im Vorübergehen raunte er dem Bureauvorsteher zu: „Klopfen Sie an die Thür meiner Schwester, und bitten Sie sie in meinem Namen auf das Dringendste, sofort in mein Kabinett zu kommen. Sagen Sie ihr: ich fürchte, daß Fräulein von Restorp ihres Beistandes bedarf." Es waren sicherlich! noch nicht zwei Minuten seit einem Verlassen des Kabinetts vergangen, als er, das gefüllte Glas in der Hand, wieder in der Thür desselben erschien. Inge stand noch aus der nämlichen Stelle; aber ie kehrte ihm den Rücken, und er konnte ihre Hände nicht ehen. Nur einen eigentümlichen, flackernden Lichtschein glaubte er vor ihr auf dem Boden wahrzunehmen, und deutlich verspürte er einen Geruch wie von dem Anzünden eines Streichholzes und wie von verbranntem Papier. Von einer furchtbaren Ahnung durchzuckt, stürzte er auf sie zu, und klirrend siel das Glas zur Erde, als er sah, daß seine Vermutung ihn nicht betrogen. Es war Julius Wedekings kostbarer Brief, den Inge während feiner kurzen Abwesenheit am unteren Rande angezündet hatte, um ihn zu vernichten. Das Papier, das sie trotz der Gefahr, sich zu verwunden, noch immer in der Hand hielt, brannte lichterloh, einen zitternden, rötlichen Schein auf das statuenhaft starre Antlitz des Mädchens werfend. Mit blitzschnellem Griff bemächtigte sich Bernhard des flammenden Fetzens, obwohl Inge noch im letzten Moment eine heftige Bewegung machte, ihn daran zu hindern. Unbekümmert um den starken, stechenden Schmerz, den er dabei empfand, drückte er das brennende Papier zwischen seinen Händen zusammen, um die Vollendung des Zerstörungswerkes zu ' hindern, und zu retten, was noch zu retten war. „Inge — um Gotteswillen, was hast Du gethan?" In Lauten des höchsten Entsetzens war der Ausruf über seine Lippen gekommen. Ihr Gesicht aber blieb starr und ruhig wie zuvor. „Meine Pflicht!" erwiderte sie fest. „Nun wird dieser Brief keinem Menschen mehr vor die Augen kommen — nicht wahr?" Bernhard war mit dem halbverkohlten Papierrest, den er da zwischen den Fingern hielt, an das Fenster getreten. Vorsichtig glättete er den zum Knäuel zusammengeballten Fetzen, um mit einem Gefühl unsäglicher Erleichterung wahrzunehmen, daß er wohl vollständig versengt und gebräunt, doch nur etwa zum vierten Teile verkohlt und ganz vernichtet ivar. „Dem Himmel sei Dank", sagte er, „noch ist wenigstens nicht alles verloren. Es scheint, daß gerade die wichtigsten Stellen erhalten geblieben sind." Er erhielt keine Antwort; aber er achtete dessen nicht, sondern vertiefte sich ganz in die Prüfung des geretteten Fragments; denn in der That, wie wenn eine wunderbar schützende Macht über Inges unbegreiflichem Beginnen gewaltet hätte, schienen nur die minder bedeutsamen Sätze zu fehlen. Erst als er hinter feinem Rücken Hannas klangvolle Stimme sagen hörte: „Tu hast mich rufen lassen. Was ist denn geschehen?" erhob er, sich umwendend, den Kopf, um zu seiner Bestürzung wahrzunehmen, daß außer seiner Schwester und ihm niemand mehr im Zimer war. „Wo ist Inge?" rief er. „Hast Tu sie nicht mehr gesehen?" „Ich trat aus meinem Zimmer, als sie die Korridor- thür hinter sich schloß. Meinen Zuruf mag sie nicht mehr gehört haben; denn sie antwortete mir nicht. Und ich hatte natürlich keine Veranlassung, ihr zu folgen. Aber was für ein Papier hast Du da in der Hand?" Er konnte ihr nicht verschweigen, was sich zugetragen hatte, und es bedurfte nur weniger Worte, um sie von allem zu unterrichten. Während er sprach, warf sie den schönen Kopf wie triumphierend empor, und ihre ganze Gestalt schien zu wacysen, während ein feines Rot sich unter der durchsichtigen Haut ihrer Wangen verbreitete. „Und was gedenkst Du nun zu thun?" „Ich gedeuke dies Papier und mit ihm zugleich! meine Prozeßvollmacht in die Hände des Herrn von Restorp zurückzulegen. Harro hatte recht, es scheint ein Fluch, an dieser Erbschaft zu haften. Mag ein anderer sie für Jnge§ Vater erkämpfen. Ich will nichts mehr mit einer Sache zu 339 schaffen haben, die mich das Glück meines Lebens gekostet hat." „Hat Inge erfahren, dag ihr das Vernichtungswerk nicht vollständig gelungen ist — daß man das erhalten gebliebene Bruchstück noch immer als ein Beweismittel würde anwenden können?" „Ich denke, daß sie noch im Zimmer gewesen sein muß, als ich es sagte. „Und daraufhin ist sie wie eine Verzweifelte fortgestürzt? — Soll ich Dir offenbaren, Bernhard, was sie jetzt thun wird? Sie wird ihrem Vater mitteilen, daß er sich des Briefes nicht bedienen darf, weil — nun, einmal muß es ja doch gesagt sein — weil er nicht von der Hand des verstorbenen Wedeking herrührt, sondern von der meinigen. Sie hat es in ihrer Weise gut gemeint, als sie ihn verbrennen wollte, und Tu hättest; besser gethau, sie nicht daran zu hindern." (Fortsetzung folgt.) D. th. Georg Christian Tieffenbach, Geh. Kirchenrat zu Schlitz, geb. 4. Dezember 1822 zu Schlitz, f 10. Mai 1901 ebenda. Der vielen Freunden und Verehrern so teuere Heimgegangene ist ungemein rasch mitten aus emsiger Arbeit von Gott dem Herrn abgerufen worden. Sein sehnlicher Wunsch ist ihm, der sich seit Jahren viel mit Todes-und Ewigkeitsgedanken laut manchen Aufzeichnungen von seiner Hand getragen, in Erfüllung gegangen, daß er einmal in rüstiger Schaffenskraft abgerufen werden möchte. Noch am Vormittage seiner Erkrankung (9. Mai) dichtete er ein Liedchen für seine Zeitschrift „Für unsere Kleinen" und arbeitete an einem Predigtbuch, das er in Kürze herauszugeben gedachte. Fröhlich saß er mit den Seinen beim Mittagsmahl; es schmeckte ihm besonders gut. Da bemerkte seine Tochter, wie er den Mund verzog. Auf die besorgte Frage, was ihm fehle, sagte Drefsenbach selber noch: ich glaube, eilt kleiner Schlag hat mich getroffen. Darauf neigte er sein Haupt, und vermochte nichts mehr zu reden. Leider erholte er sich nicht wieder, sondern blieb bewußtlos bis zu seinem Tode, der schon am Tage darauf nachmittags 6 Uhr erfolgte. Sein von ihm hochgeschätzter Amtsgeuosse schreibt uns: „Mit dem Eniscylafenen ist ein reiches Leben zn Grabe gegangen; er war ein treuer hochbegabter Streiter Jesu, ein entschiedener Bekenner des lutherischen Bekenntnisses. Der Herr selbst hat ihm nun die Feder ans der Hand genommen. Ihm sei die Ehre!" Gott der Herr rüstet ja manche Menschen mit ganz besonderen Vorzügen und Gaben Leibes und der Seele aus. Zu ihnen gehörte G. Ehr. Dieffenbach. Von hochragender Gestalt, freundliche und gewandt im Umgänge und als Leiter mancher Konferenzen, von verbindlichen Formen im Verkehr mit allen, auch mit solchen, die andere Anschauungen zu vertreten pflegten, besonders liebenswürdig und lebhaft mitteilsam unter den Freunden, stets wohlunterrichtet über viele Fragen des öffentlichen sozialen und kirchlichen Lebens: so wird er allezeit in unserer Erinnerung leben. Nicht leicht ist ihm die erste Zeit seiner amtlichen Wirksamkeit geworden. Lauge hat er warten müssen, bis ihm eine definitive Stellung in der hessischen Kirche (in Schlitz) zu teil ward. Noch heute gedenken in unserer Nähe ältere Christen seiner feurigen begeisternden Predigten, zu denen man, als er noch Kandidat war, von weit her eilte. Auch ihnen, zum Teil einfachen aber heilsbegierigen Landleuten, hatte sich sein Bild und seine Art tief eingeprägt, sie redeten — nach 50 bis 60 Jahren seiner ersten Amtsarbeit — noch gern von ihm und seinen Gottesdiensten, und waren tief bewegt, als sein rascher Tod zu ihrer Kenntnis kam; denn seine vielen, teilweise so volkstümlichen und leicht faßlichen Schriften unterhielten stetig die Verbindung zwischen ihm und seinen Verehrern. In die Kandidatenzeit bereits fiel die Arbeit an feiner viel benutzten Hausagende, an die er fort und fort bei weiteren Auflagen die bessernde Hand legte. Seine reich gestaltete, wohl gegliederte Arbeit hat damals im Anfänge der 50 er Jahre wesentlich zur Belebung der Hausandachten zumal innerhalb der lutherischen Kirche in Stadt und Land beigetragen. Dieffenbach blieb bis in fein Alter in unausgesetzter fleißiger Arbeit. Wenn zum Beispiel bei den theologischen Konferenzen die Kollegen zumeist früh am zweiten Tage noch ausruhten von dem Gedankenaustausch des vorhergehenden Nachmittages und Abends: Dieffenbach hatte vor dem Anfänge weiterer Vorträge und Debatten immer schon einige Stunden angestpengt gearbeitet, Aufsätze und Korrespondenzen verfaßt, auch Korrekturen gelesen, und oft ging eine Reihe von Briefen schon zur Post, bevor die gemeinsame Morgenandacht alle zur Sammlung rief. Tas war für die theologische Jugend zumal ein leuchtendes Vorbild, von dem manche gelernt haben werden, und so wußte er dann bei den Besprechungen stetig einem Gegenstände neue Seiten abzugewinnen, in seiner lebendigen Art anzuregen und zu neuer Arbeit — für die kommenden Tage — anzuspornen: die lutherische Konferenz Oberhessens und die vereinigten lutherischen Konferenzen Hessens werden den Heimgegangenen treuen Freund lauge schmerzlich vermissen. Was und wie er unter den Gesinnungsgenossen im engeren Sinne und bei mannigfachen Tagungen der hessischen Landessynode in Darmstadt redete und wie er seine lutherische Ueberzeugung entwickelte, das war stets klar, und reich an Gesichtspunkten, so gewandt in der Rede, daß das genaue Stenogramm einer Korrektur nicht bedurfte. In der Landessynode war Dieffenbach ein gern gesehenes beliebtes Mitglied lange Jahre hindurch; Prälat D. Habicht, ein Altersgenosse, gab am Sarge des Vollendeten dieser Thatsache und seinem innigen Schmerze über den raschen Heimgang wie dem Tanke der geistlichen Behörde warmen Ausdruck. Tiesfenbachs Schriften sind in vieler Hand, und gar mancher in die Ewigkeit Abgerufene hat auf dem Kranken- und Sterbebette Trost und Aufrichtung wie ernste Gewissensmahnung besonders aus den Krankenblättern empfangen, wie die Familien Verstorbener Beruhigung durch die Trostblätter. Sein Büchlein über die letzten Tinge, mit veranlaßt durch den raschen Tod einer verheirateten lieben Tochter, ist neuerdings in vielen Häusern bei vornehm und gering mit Segen benutzt worden. Dieffenbach pflegte auf den dargebotenen Text eine präzise Auslegung, bann ein Gebet, und ein bis zwei Liederverse folgen zu lassen. So war, was er darreichte, praktisch, leicht faßbar und in hohem Grade erbaulich. Im Liederschätze war er wohlbewandert, Lieder und Gedichte waren ihm sonderlich genehm; war er doch selber ein Dichter. Zumal für kindliche Gemüter und Herzen wußte er sich den Zugang stets offen zu erhalten, wie oben berichtet war, bis zum Todestage; und wie gern lasen die Kinder feine Schriften, dem Kindesgeiste, Kindesverständnis so innig angepaßten Lieder! Biese derselben sind in die Schullesebücher ausgenommen, der Name G. Christian Dieffenbach deshalb weit gekannt uni1 auch in den Kinderkreisen beliebt. Manchen Braut- und Ehepaaren ist sein „Hochzeitsstrauß aus. Gottes Garten und von den Wiesen der Welt gesammelt" auf den Geschenktisch gelegt worden; ein ganz besonders frisches und herrliches Buch. In all seinen Büchern und Aufsätzen (in der „Evangelischen" und der „Evangel.-lutherischen K.-Zeitung" und an anderen Orten) bewährte sich der treue charakterfeste Lutheraner, der seinerzeit im Verein mit Gustav Schlosser, D. Haupt und anderen das Panier feiner heißgeliebten Kirche hochhielt, wenn es fein mußte tapfer sich wehrte und stritt, dabei oftmals auch schmerzlich litt, aber bei alledem doch einen milden friedfertigen Charakter bekundete. Es soll Tiefsenbach und seinen Freunden, die nachher zuweilen andere Wege einschlugen, als er sie zu billigen vermochte, nie vergessen werden, was sie für die lutherische Kirche einsetzten, dabei auch; einbüßten und litten; es war ein treuer beharrlicher Kampf um teuere angestammte Güter und Kleinodien. „Halte was du hast", so lautete ihre Losung, die sie hoch hielten. Gelegentlüch der Besprechung von TieffenbachD schriftstellerischer Thätig- keil muß auch seiner fleißigen Mitarbeit an der „Neuen Preußischen Zeitung" dankbar gedacht werden. , Mancher erbauliche Festartikel, viele Leitartikel und Aufsätze, sehr viele Rezensionen („D.") waren von dem abgelegenen Schlitz ausgegangen, das bis vor kurzem mit der Bahn noch nicht zu erreichen war. Jene Artikel haben viele dankbare Leser gefunden. 340 Im Jahre 1884 verlieh die theologische Fakultät Greifswald dem nun Seligen die Würde des;5X theol.; diese, Ehrung hat ihm Freude und Genugthuung bereitet; was andere Fakultäten ihm versagt, die pommersche hat es willig geboten. Auch die eigene Kirchenbehörde und sein Staat gaben ihm Titel und Würden (Geh. Kirchenrat), wie Ordensauszeichnungen, und der deutsche Kaiser zeichnete ihn aus, wenn er — zum öfteren — seinen gräflichen Freund Görtz-Schlitz aufsuchte, bei ihm in der Familie und in den schönen Waldungen der Ruhe und der Erholung pflegte. Noch jüngst bei der silbernen Hochzeit des Grafenpaares wurde auch Dieffenbaoy — der ältere Sohn war lange „Generalstäbler" wie sein Schwager General v. Hartmann — wie immer besonders berücksichtigt und ausgezeichnet. Er erfreute sich ja der ganz besonderen Gunst und Güte seiner Patrone, des Vaters, dem er sehr nahe stand, und des Sohnes. Das gräfliche Haus wußte wohl zu würdigen, was es an diesem ausgezeichneten geistlichen Freunde und Berater besaß. Als vor wenig Jahren der nun Heimgegangene sein 50 jähriges Dienstjubiläum feierte, wie ist er von vielen Seiten hochgeehrt und erfreut worden durch vielfache herzliche Beweise der Liebe, Hochachtung nnd Freundlichkeit in Wort und allerlei Gaben! Der eigentliche Quellpunkt seiner merkwürdigen Frische an Körper und Geist lag — dies zum Schlüsse — in dem trauten herzlich innigen Familienleben. Tie Freunde des Hauses pflegten zu sagen: das Ehepaar Tieffenbach stellt noch im Alter das Bild eines glücklichen Brautpaares dar. In Wetzlar war seinerzeit dieser Bund der Seelen begründet, und lange hatte man warten müssen, bis endlich ein eigenes Hauswesen gegründet werden konnte; auch bei diesen: Brautpaare hieß es, wie früher in vielen Fällen: Geduld thut euch not; es war für viele damals eine Warte- und eine rechte Prüsungszeit. In der kleinen Dorfkirche zu Klein-Rechtenbach bei Wetzlar segnete D. Schupper, damals Ortspfarrer, den Ehe- bund ein, und eine glückliche Zeit innigen Zusammenlebens- und Wirkens begann damit. Tieffenbach ist seinem Geburtsorte Schlitz treu geblieben; dort gründete er seine Häuslichkeit, dort ist er nun auch (am 13. Mai) begraben worden. Innige Herzensneigung verband die Eheleute; was erlebt wurde — viel Freudiges, auch Leid und Trübsal — das trug man in trauter Gemeinsamkeit. Die Kinder bereiteten viel Freude, und was kam und ging, nahm von beiden Eheleuten Belebung und Erfrischung mit von dannen. Je mehr ein Haus, zumal ein Pfarrhaus, dem Treiben der Welt entrückt ist, um so wichtiger ist es, wenn die Bewohner des Hauses an dem geistigen Leben und Streben der Zeit teilnehmen, und wenn sie in dem Besitz der höchsten Güter (Reich! Gottes und seiner Gerechtigkeit) einig gehen. Hier in Schlitz war die Pflege aller idealen Güter etwas Selbstverständliches, eines fand im Herzen und Geiste des anderen — es darf hier der Wahrheit gemäß anerkannt werden — für alles Gute, Fromme und Edle den vollen Widerhall: man gab und nahm, und im wechselseitigen Austausch vertiefte und festigte sich! — bis zuletzt, wo die plötzliche Trennung herbe Schmerzen schuf — inniges Verständnis, herzliche Liebe und Treue. Mutter und Tochter pflegten den Gatten und Vater mit hingebender Liebe; dafür ward ihnen wiederum die Teilnahme geboten an allem, was förderlich und herrlich erschien in Theologie, Kunst, Musik und Poesie. An Goethes 150 jährigem Geburtstage (1899) z. B. vergegenwärtigte man sich zuletzt noch an hervorragenden Werken und Liedern des Dichters seine eingreifende Bedeutung für die Nation, und Ende März d. I. brachte der letzte Brief von dort die Schlußwendung an den Schreiber dieser Zeilen: es ist zwar noch immer Winter, aber es muß doch Frühling werden! Wenn wir das Leben des Heimgegangenen überschauen: es hatte gewiß manch trüben dunklen Tag, jedoch — im großen und ganzen strahlte es aus den hellen Sonnenschein, den Gott der Herr freundlich und segnend über diesem treuen Diener des göttlichen Wortes und seiner Familie leuchten ließ; es war ein reich begnadigtes Leben und daraus war zu erklären die Frische, Lebendigkeit und nie versagende Arbeitsfreudigkeit des seligen Tieffenbach. Danken wir dem Herrn für alle ihm erwiesene Gnade und Freundlichkeit im Amt, in den Freunden und — im Hause. Have pia anima! Lindenborn-Odenhausen. Katechismus der Kalenderrunde von Tr. Bruno Peter. Zweite, vollständig neu bearbeitete Auflage. In Originalleinenband 2 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Alle Geschichtskenntnis würde ohne eine sichere Zeitbestimmung der Geschehnisse ein unentwirrbares Chaos sein. Noch heute datieren die griechisch-katholischen Völker nach dem julianischen, die römisch-katholischen und protestantischen dagegen nach dem gregorianischen Kalender, der aber keineswegs bei allen Völkern des Occidents zu gleicher Zeit zur Anwendung gelangt ist. Osten und Westen unterscheiden sich auch vielfach in den Festen des Kirchenjahres, aber je weiter zurück, desto häufiger geschah die Datierung nach den Namen der Kalenderheiligen. Die Juden rechnen seit Jahren nrch der Erschaffung der Welt, die Mohammedaner beginnen ihre Zeitrechnung mit der Hedschra des Propheten. Tie Beschäftigung mit der fran- zösischen Revolutionsgeschichte verlangt Vertrautheit mit der republikanischen Aera. In diesen: Labyrinth der Zeitrechnungen ist ein sicherer Führer der vorliegende, von dem Leipziger Professor Tr. Bruno Peter verfaßte Katechismus, der dem Freunde der Geschichtswissenschaft ein treuer Berater in allen Fragen der Chronologie ist. Kinder-Zeitung. Herausgegeben von Felix von Stenglin, Groß-Lichterfelde. Inhalt von Nr. 37. Was in der Welt vorgeht: Neue Kämpfe in Südafrika; Rückkehr aus China; Tie Königin der Niederlande in Berlin; Beduinen in Deutschland; Irrfahrten eines Luftballons; Von dem wiederaufgefundenen Babylon; Erdbeben. Aus dem Reiche der Natur: Von Blitzschlägen; Das Nest in der Schankstube. „Peters wunderbare Reisen und Abenteuer". (Schluß.) „Tas Katzenhaus." Vom tägtichen Leben. Tauschecke. Rätsel — Zu beziehen durch alle Postanstalten, Buchhandlungen und die Geschäftsstelle, Groß-Lichterfelde, Dahlemerstraße 75. Mr die Küche. F l e i s ch st r u d e l. (Resteverwendung!) Allerlei Fleischreste werden durch die Fleischmaschine gegeben. Dann läßt man in einem Stück heißer Butter etwas seingeschnittene Zwiebel und Semmelbrösel anlaufen, giebt das gewiegte Fletsch, sowie einviertel Liter sauren Rahm und zwei Eigelb zu, würzt nach Geschmack mit Salz und Pfeffer, und verleiht der Fülle durch einen halben Theelöffel Maggi- Würze einen seinen, kräftigen Geschmack. Hierauf bereitet man einen Strudelteig, zieht denselben recht dünn aus, bestreicht ihn mit zerlassener Butter, streicht die Fleischsülle gleichmäßig darauf, rollt den Strudel leicht zusammen, legt ihn in eine mit Butter ausgestrichene Bratpfanne und bäckt ihn in der Röhre zu goldbrauner Farbe. A. u. R. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten.) (Auflösung in nächst« Nummer.) Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Luftballon, Ulan, Falb, Tuba, Bonbon, Alba, Lanban, Lauf, Otto, Rull. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.