(Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Hannas Wißbegierde war durch diese Auskünfte indessen noch nicht befriedigt. Sie erkundigte sich nach allen möglichen Einzelheiten, und Erika mußte aus ihren Fragen den Eindruck gewinnen, daß sie sich bereits ein vollkommen zutreffendes Bild von der Krankheit ihres Vaters gemacht hatte. Dabei war auch das Gesicht der jungen Medizinerin immer ernster geworden, und als sie zuletzt verstummte, fragte Klemens Herbolds Tochter beklommen: „Auch Sie glauben nach alledem nicht mehr daran, daß er genesen könnte — nicht wahr?" „Meine geringen Erfahrungen geben mir nicht das Recht, daraus mit einem bestimmten Ja oder Nein zu antworten. Soviel aber, mein liebes Fräulein, weiß ich bestimmt, daß in dem Fortgang dieses Leidens häufig ein Stillstand eintritt, der Monate oder selbst Jahre andauern kann. Weshalb sollte gerade hier unmöglich sein, was in anderen Fällen so oft geschieht?" „O, wenn Ihre Hoffnung sich erfüllte! Wenn es meinem Vater vergönnt wäre, die Vollendung seines großen Werkes noch zu sehen!" „Eine Vollendung, die allerdings wohl ein anderer an seiner Stelle bewirken müßte! Glauben Sie denn, daß er dazu seine Einwilligung geben würde?" „Wenn Harro Boysen dieser andere wäre — gewiß! Er hat ja ohnehin einen so großen Anteil an dieser Arbeit, daß mein Vater nur mit ihm zugleich als Schöpfer genannt werden will." „Wäre es sehr unbescheiden, wenn ich Sie um die Erlaubnis bäte, einen Blick in das Atelier zu werfen — vorausgesetzt natürlich, daß wir Ihrer Meinung nach Herrn Boysen nicht in seinem Schaffen stören?" „Wir werden ihn nicht stören; denn er hat mir gesagt, daß er an diesem Vormittag kein Modell haben würde. Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen?" Lormerstag de« 16. Mai. 3» ----.-»i Ä "Mill/ohl blühet jedem Jahre Sein Frühling, mild und licht; Wr Auch jener große, klare — Getrost! er fehlt dir nicht; Er ist dir noch beschieden Am Ziele deiner Bahn; Du ahnest ihn hienieden, Und droben bricht er an. Lu dw. Uh land. Sie hatte sich erhoben und führte Hanna über den stillen, mit Bäumen und Sträuchern bepflanzten Hof zu dem einstöckigen, aus leichtem Material aufgeführten Quergebäude hinüber, das sich schon durch die mächtige Ein- gangsthür und die hohen breiten Fenster als ein Bildhauer-Atelier kennzeichnete. „Es ist, wie Sie sehen, durch einen gedeckten Gang mit unserer Wohnung verbunden", sagte sie, „aber ich mußte Ihnen trotzdem diesen kleinen Umweg zumuten, weil der Gang direkt in das Zimmer meines Vaters ausmündet." Sie drückte auf den Knopf einer elektrischen Klingel, und gleich darauf wurden von drinnen die gewaltigen Schiebethüren so weit geöffnet, daß sie eintreten konnten. Sie befanden sich in einem nur durch Vorhänge von dem eigentlichen Atelier abgegrenzten Vorraume, und ein ältlicher, vierschrötig gebauter Mann in gipsbestäubtem Arbeitskittel war es, der sie achtungsvoll begrüßte. „Guten Morgen, Kruschke", sagte Erika freundlich. „Wollen Sie Herrn Boysen mitteileu, daß Fräulein Syl- vander das Atelier besichtigen möchte?" „Ist nicht nötig, Fräulein Erika", erwiderte er mit jener respektvollen Vertraulichkeit, wie alte Hausbedienstete sie im Verkehr mit den Heranwachsenden Kindern ihrer Herrschaft an den Tag zu legen pflegen. „Er weiß ja, daß die Damen kommen werden, und ich habe schon alles beiseite bringen müssen, was Sie nicht zu sehen brauchen." Um Hannas Lippen zuckte ein Lächeln; Erika aber blieb unverändert ernst, und ihr Gesicht erhellte sich auch dann nicht, als Kruschke einen der Vorhänge zur Seite gezogen hatte, und als sie sich plötzlich dem jungen Bildhauer gegenüber sahen, der auf den Klang der wohlbekannten dunklen Frauenstimme herbeigeeilt war, sie zu empfangen. Er grüßte Erika, die er an diesem Morgen wohl schon gesehen hatte, nur mit einem Kopfnicken, Hanna aber reichte er die Hand, und der herzliche Truck seiner Finger wie sein dankbarer Blick sagten ihr deutlich, welche Freude er über die Erfüllung ihres Versprechens empfand. „Seien Sie mir in unserem Heiligtum gegrüßt, und schauen Sie sich nach Belieben darin um", redete er sie in launigem Tone an. „Aber nehmen Sie Ihre Toilette in acht; denn die Werkstatt eines Bildhauers ist ohne einigen Gipsstaub nun einmal nicht zu denken." Wenn Hanna erwartet hatte, ein phantastisch ausge- schmücktes Künstler-Atelier mit orientalischen Teppichen, 'interessanten Raritäten und schwellenden Polsterkissen in lauschigen Winkeln zu finden, so mußte ihre erste Empfindung notwendig die einer starken Enttäuschung sein. Denn von alledem' gab es hier nichts. Es war ein von kalter Tageshelligkeit erfüllter, kahler und nüchterner Raum, den Harro Boysen als sein Heiligtum bezeichnet hatte. Ein scharfes, blendendes Weiß schien die einzige Farbe, die man darin zugelassen hatte, und das helle, frostige Grau, - 274 mit dem die eine fensterlose Wand überzogen war, vermochte keine wohlthuende Abwechslung in die lichte Eintönigkeit zu bringen. Weiße Gipsabgüsse von Bildwerken der verschiedensten Größe und Art standen überall umher; weiße Reliefs, Gesichtsmasken und Abformungen einzelner Körperteile hingen an den Wänden. Eine weiße, figurenreiche, hoch zur Decke emporstrebende Gruppe nahm die Mitte des Raumes ein, und Hanna zweifelte nicht, daß dies das Werk sei, von dem sie nun schon wiederholt hatte sprechen hören. Aber sie lenkte ihre Schritte nicht zuerst dorthin, sondern sie begann ihre Besichtigung da, wo sie stand. Und schon die erste lebensgroße Statue, der sie sich zuwendete, lehrte sie verstehen, warum Harro von seiner und von seines Meisters Kunst als von einer herben und strengen gesprochen hatte. Es war eine leicht bekleidete männliche Gestalt, die Figur eines Arbeiters, wie man sie in Eisengießereien oder Walzwerken beschäftigt sieht. Im Augenblick einer schweren körperlichen Anstrengung dargestellt, zeigte diese kraftstrotzende Gestalt in bewunderungswürdiger Lebendigkeit das Spiel der gewaltig entwickelten Muskeln unter der dünnen Gewandung. Haltung und Bewegung waren von überzeugender Wahrheit; ein vollendetes Meisterwerk aber war der Kopf mit dem kurzen struppigen Haar und dem hageren, durchfurchten Gesicht, dessen harte Linien die ganze erschütternde Geschichte eines in Arbeit, Armut und Sorge hingebrachten Menschenlebens zu erzählen schienen. Lange stand Hanna schweigend vor dem Werke, das in seinen eckigen, vielfach gebrochenen Umrißlinien und bei dem Fehlen jeglichen Sinnenreizes den landläufigen Schönheitsbegriffen allerdings wenig entsprach. Dann aber, indem sie sich mit einer raschen Bewegung Harro Boysen zukehrte, sagte sie plötzlich: „Das ist herrlich! — Haben Sie es geschaffen?" Hell leuchtete die Freude über sein Gesicht. Aber er schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich war noch ein Knabe, als es entstand. Dieser „Arbeiter" war es, den man vor fünfzehn Jahren als eine Verhöhnung aller wahren Kunst verdammte, den man von allen großen akademischen Ausstellungen zurückwies und den unsere öffentlichen Sammlungen nicht einmal als Geschenk von hem Schöpfer annehmen wollten. Begreifen Sie nun, Fräulein Hanna, weshalb Klemens Herbold sich so lange grollend von der Oeffentlichkeit zurückgezogen?" Sie blieb ihm die Antwort schuldig, und nachdem sie das Bildwerk noch einmal mit einem langen Blick betrachtet hatte, sagte sie nur: „Nun aber möchte ich auch etwas von Ihnen sehen, Herr Boysen, etwas, davon Sie mit gutem Gewissen sagen können, daß es ganz und gar Ihr eigenstes Werk sei." Er führte sie nach der anderen Seite des Saales vor eine Gruppe, die Hauna auf deu ersten Blick einen Ausruf der Bewunderung abnötigte; von so packender Wirkung war die schlichte Wahrhaftigkeit der beiden in ihr vereinigten Gestalten. Ein am Wegrand neben einem hochragenden Muttergottesbild totmüde niedergesunkener Greis und seine ihm zur Seite an dem morschen Pfosten lehnende jugendliche Begleiterin versinnbildlichte den Jannner der Arnmt und der Verlassenheit mit einem so ergreifenden Anschein blutwarmer Wirklichkeit, daß wohl nur ein ganz verhärtetes Gemüt sie ohne ein leises Erschauern des Mitleids hätte betrachten können. „Ich beglückwünsche Sie zn diesem Meisterwerk", sagte Hanna, indem sie dem Bildhauer ihre Hand reichte. „War es schon einmal öffentlich ausgestellt?" „Nein. Ter Abguß wurde erst vor einigen Wochen fertig gestellt. Aber gefällt es Ihnen denn auch wirklich, Fräulein Hanna?" „Es macht mich stolz, daß sein Urheber der Freund meines Bruders ist — und ein wenig vielleicht sogar der meinige." Harro hatte ihre Hand nicht sogleich wieder frei gegeben, und bei den letzten Worten, die sie mit ihrem berückendsten Lächeln gesprochen hatte, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sich herabzubeugen, um sie zu küssen. i „Ein wenig? — O, wenn Sie mir nur gestatten wollten, es zu sein, aus dem ganzen, weiten Erdenrnnd sollte es keinen treueren und — —" 1 „Darf ich mich jetzt weiter umsehen", fiel sie ihm in die Rede, und dabei wiesen ihre ausdrucksvollen Augen ihn so deutlich auf Klemens Herbolds Tochter hin, daß er, der ihre Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien, Hannas Hand erschrocken aus der seinigen gleiten ließ; Erika aber sagte in demselben Moment: „Ich bitte um Verzeihuug, wenn ich mich auf eine kurze Zeit entferne, um nach nieinem Vater zu sehen. Tie Besichtigung wird Sie ja gewiß noch eine Weile hier festhalten, Fräulein Sylvander, und in einer Viertelstunde stelle ich mich wieder ein." Und dann, indem sie sich gegen den jungen Bildhauer wandte, fügte sie hinzu: „Sie haben wohl nichts dagegen, Harro, daß ich Kruschke mit mir hinüber nehme. Ich habe im Hause einiges für ihn zu thun." „Wie mögen Sie mich danach erst fragen!" sagte er und ging einige Schritte mit ihr, um den Vorhang emporzuheben, durch den sie das Atelier verließ. Als er zurück kam, stand Hanna vor der hohen Grnppe inmitten des Raumes. „Tas ist die große Arbeit, von der Sie gestern sprachen — nicht wahr?" „Ja. Aber der Abguß bedeutet, wie Sie sehen, noch nicht das fertige Werk/ Abgesehen von mancher unerläßlichen Aenderung handelt es sich um das Allerwichtigste, nämlich um den Kopf der weiblichen Gestalt, für den wir bisher trotz alles Suchens und Versuchens kein brauchbares Modell zu finden vermochten." „Und diese kopflose weibliche Gestalt — was soll sie darstellen? Vielleicht die Göttin des Glücks?" „Ja. Soll ich Ihnen die Idee der Komposition erklären, Fräulein Hanna?" „Ich glaube nicht, daß es dessen bedarf. Der Jüngling, der in so prächtig wiedergegebener Bewegung den steilen Felsen hinaufstürmt, ist der nach Macht und Glück strebende Mensch. Rücksichtslos hat er den andern, der ihm im Wege stand, niedergestoßen. Das abgebrochene Schwert in seiner Hand beweist es und die breite Wunde in der Brust des Hingestreckten. Ungestüm befreit er sich von der hindernden Umklammerung des Mädchens, das angstvoll flehend sein Knie umfaßt hält. In heißem Begehren streckt er schon die Linke nach dem göttlichen Weibe über ihm auf dem Gipfel der Klippe aus. Er sieht nicht die zu- sammengekauertc Schreckgestalt des Todes, der sich zähnefletschend hinter ihrem Gewände verbirgt. Der Beschauer aber hat die sichere Empfindung, daß die Kuochenhand, die sich da so unheimlich aus dem Totenlaken herauswickelt, ihn gerade in dem Augenblick ergreifen wird, wo er das Glück in seinen Armen zu halten wähnt. — Habe ich es so recht verstanden?" „Gewiß! Und Ihr Urteil, Fräulein Hanna?" „Ich bin mit dem Grundgedanken dieses Knnstwerks nicht völlig einverstanden. Tenn ich sehe nicht ein, weshalb das mutige Ringen nach den: Glück gewissermaßen als ein todeswürdiges Verbrechen dargestellt werden muß. Aber das hindert mich nicht, die unvergleichliche Schönheit der Gruppe zu bewundern. Ich bin überzeugt, daß sie Aufsehen erregen und begeisterte Anerkennung finden wird. Sie sollten sich beeilen, sie zu vollenden." „Ich? — So lange der Meister mich nicht damit beauftragt hat — nimmermehr! Aber da wir eben allein sind : sagen Sie mir doch ganz aufrichtig: hat Ihr Besuch bei Erika Herbold Sie gereut?" „Nein! Aber ich bin sicher, daß sie in ihrem Herzen wünscht, ihn nicht wiederholt zu sehen." Harro sah sie bestürzt an. „Meinen Sie das im Ernst? Und wie kommen Sie auf solche Vermutung?" „Ich glaube, sie bedarf meiner Freundschaft so wenig als der irgend eines anderen weiblichen Wesens. Wie gut und ehrlich ich es auch meinte, ich würde doch immer nur die störende Tritte fein. Und nach dieser undankbaren Rolle — Sie dürfen mir das nicht verübeln, lieber Herr Boysen — trage ich denn doch sehr wenig Verlangen!" „Die störende Dritte? Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Hanna! Wen, um des Himmelswillen, sollten Sie denn stören?" „Sind Sie wirklich so naiv, oder wollen Sie mir Hut* eine kleine Komödie Vorspielen? Sie müßten sich sehr schlecht auf die kleinen Zeichen weiblicher Eifersucht verstehen, wenn Sie nicht sogleich begriffen hätten, weshalb Fräulein Erika eben ein so plötzliches und dringendes Bedürfnis fühlte, nach ihrem Vater zu sehen. Es ioird Ihnen ja diesmal, wie ich hoffe, nicht schwer fallen, ihre Verstimmung zu beseitigen. Aber ich wünsche, daß dies der einzige Mißton bleibe, den ich in die schöne Harmonie Ihres Zusammenlebens gebracht habe." „O, wenn es nur dies ist, was Sie fürchten! i— Ich versichere Ihnen, daß Sie sich täuschen, daß zwischen Erika Herbold und mir niemals ein anderes Verhältnis als das einer guten Kameradschaft bestanden hat. Lasseü Sie sich durch diese falsche Vermutung nicht in Ihrem freundlichen Vorhaben beirren — ich bitte Sie darum von Herzen. Ich war ja so glücklich über Ihre liebenswürdige Bereitwilligkeit. Ich hatte mich so darauf gefreut, Sie recht oft hier zu sehen —" Er unterbrach sich, als fehle es ihm an Mut, den begonnenen Satz zu vollenden. Han/na aber wandte ihm ihr schönes Antlitz zu mit einem Lächeln, das seine Verwirrung vollständig machte. Ter Blick, mit dem sie die wundervollen, klaren Augen zu ihm erhob, trieb ihm ungestüm alles Blut zum Herzen, und er fühlte in diesem Moment nur das eine, daß die da vor ihm stand, für ihn der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit sei. Unwillig, als wäre er von einer täppischen Hand ans der Wonne des süßesten Traumes wachgerüttelt worden, drehte er den Kopf, da just in diesem Augenblick ein Ge- ränsch hinter seinem Rücken ihm verriet, daß er nicht mehr mit .Hanna allein sei. Er erwartete, den alten Kruschke zu sehen; aber ein Gemisch von Schrecken und Freude spiegelte sich in seinen Zügen bei dem völlig überraschenden Anblick, der ihm statt dessen zu teil wurde. In der ebenfalls nur durch einen schweren Vorhang verschlossen gewesenen Oeffnung des Ganges, der das Atelier mit der Privatwohnung des Professors verband, stand in seinem faltigen Schlafrock Klemens Herbold, auf den Arm seiner Tochter gestützt, und noch schwer atmend von der Anstrengung des kurzen Weges. Sein von langem grauem Haar umwalltes, edel geschnittenes Antlitz trug deutlich die Spuren der schweren Krankheit, aus seinen großen Augen aber, die unverwandt auf Hanna Shlvander gerichtet waren,. sprühte es wie ein jugendliches Feuer. „Nur eine Sekunde noch, mein Fräulein — ich bitte Sie, nur eine einzige Sekunde noch bleiben Sie so, wie Sie eben waren!" Mit seiner durch das furchtbare Leiden schon matt und klanglos gewordenen Stimme hatte er es Hanna zugerufen, als auch sie sich auf das Geräusch hin umgewendet hatte. Nun drehte sie lächelnd ihren Kops in die vorige Stellung zurück, und ihre Miene blieb so unbefangen, als hielte sie die seltsame Aufforderung des fremden Mannes für die natürlichste Sache von der Welt. (Fortsetzung folgt.) Philomele. Von K o n r a d i n B r u n n e r. (Nachdruck verboten.) In der zweiten Hälfte des April, je nach der Witterung bald etwas früher, bald etwas später, wenn die Berge zu grünen beginnen, wie es Aristoteles stimmungsvoll ausdrückt, erscheinen die schlichtfarbigen, melodieenreichen Sänger, denen der griechische Sprachgeist den bezeichnenden Namen Philomele, die Sangesliebende, gegeben hat. Zuerst treffen die Männchen ein, vier bis acht Tage später erst die Weibchen. Aber auch dann, wenn die heißersehnten Liebesgenossinnen noch nicht angelangt sind, lassen die Männchen sofort nach ihrer Ankunft die schmelzenden Weisen erschallen, wahrscheinliche, um die hoch in den Lüften Heranziehenden zu locken, und zur freundlichen Einkehr in dem auserkorenen Quartier einzuladen. Wie gegenwärtig, so wurde der Gesang der Nachtigall schon int Altertum hoch geschätzt. Nach der griechischen 'Sage wurde Aedon, die Tochter Paudareos, und Gemahlin des Königs Zethos, als sie versehentlich ihren Sohn Jthlos getötet hatte, auf ihr Flehen vom Göttervater Zeus in die — Nachtigall verwandelt, um so den schweren Verlust ihres Kindes desto inniger und rührender beklagen zu können. Homer läßt deshalb Penelope, die der endlichen Heimkehr des Gatten wartet, sagen: „Aber kommt nun die Nacht, da alle Sterblichen ausruh'n, Lieg' ich schlaflos im Bett, und tausend nagende Sorgen Wühlen mit neuer Macht in meiner zerrissenen Seele. Wie wenn die Nachtigall, Pandareos liebliche Tochter, Ihren schönen Gesang im beginnenden Frühling erneuert, Sitzend unter dem Laube der dichtumschattenden Bäume, Rollt sie von Tönen zu Töuen die schnelle melodische Stimme, Ihren geliebten Sohn, den sie selber ermordet, die Thörin, Ihren Jthlos beklagend, den Sohn des Königs Zethos, Also wendet sich auch mein Geist bald hierin, bald dorthin". In Aristophanes Komödie „Tie Vögel" jubelt Peist- hetairos auf: „O himmlischer Zeus, welch eilte Stimme des Vögleins! Wie übertaut's den ganzen Hain mit Honigseim!" Plinius, dieser erste römische Naturwissenschaftler, weiß nicht genug die Kraft und Ausdauer der, süßen Nachtigallenstimme zu rühmen. Er legt der kleinen Sängerin eine tiefe musikalische Kenntnis und Wissenschaft bei, und er ist der Ansicht, daß sich in der Kehle der Nachtigall alles vereine, was der Mensch an Tönen ersinnen und erfinden könne. Und ein spätklassischer Dichter singt: „Liebliche Freundin, o komm, mein trefflichster Trost in den Nächten: Ist doch kein einziger mehr unter den Vögeln wie du. Tu, Philomele, vermagst in tausend Tönen zu singen, Ewig wechselnden Lieds triffst du das Schöne doch stets; Und so viel Melodieen auch andere Vögel versuchen, Keiner erreichet jemals deinen melodischen Sang!" Wohl kaum war überhaupt die Vorliebe für die Nachtigall größer, als in der letzten Zeit der römischen Republik, und int ersten Jahrhundert der Kaiserzeit. In allen Vogelhäusern der römischen Reichen wurden neben Amseln Nachtigallen gehalten. .Besonders waren ihnen die römischen. Tomen zngethan. Meist stand der Käfig, den das Tierchen bewohnte, unter dem Stuhl der Herrin. Eine dieser Damen, Telesiita, errichtete für ihren toten Liebling nach Martials Zeugnis ein prunkvolles Grabmal. Aber man begnügte sich nicht nur mit dem Gesang, sondern man richtete die Nachtigallen auch ab, so daß mau sie frei auf der Hand tragen oder in Haus und Garten herumfliegen lassen konnte. Ja, man lernte sie auch zum Sprechen an. Wenigstens berichtet Plinius: „Zu der Zeit, wo ich dieses schreibe, besitzen die kaiserlichen Prinzen einen Star und Nachtigallen, die die griechische und lateinische Sprache lernen. Sie üben sie tägliche gründlicher, und lernen immer mehr Neues und Zusammenhängenderes dazu. Bei der Abrichtung sind sie ganz abgeschieden, und hören auf die Stimme dessen, der ihnen die Worte vorsagt, und sie mit Leckerbissen lockt". So wunderbar diese Nachricht klingt, so ist sie doch nicht gänzlich zu verwerfen. Sind doch neuerdings wiederholt Kanarienvögel zum Sprechenlernen abgerichtet worden. Eine weniger erfreuliche Vorliebe der Römer für die Nachtigallen war allerdings die, daß man die Nachtigallen auch gebraten verspeiste, und aus ihren Zungen Ragouts bereitete. Auch! die orientalischen Völker, so weit sie die Nachtigall kennen, haben von jeher die seelenvolle Sängerin bewundert. Der int zwölften Jahrhundert lebende persische Dichter Altar Ferideddin hat eilten alten Sagenstoff in seinem „Bülbül Nameh", dem „Buch der Nachtigall", zu einer sinnigen Legende um gedichtet: Einst kamen aus allen Himmelsgegenden die Vögel vor König Salomons Thron, und beschwerten sich, daß sie ihnen durch den nächtlichen, ilagenden Gesang die Ruhe raube. Der König ließ die ckngeschuldigte vor seinem Throne erscheinen, und fragte sie, was sie zu ihrer Rechtfertigung anführen könne. Das Vöglein erzählte, daß es allein die heiße Liebe zur Rose sei, die es zu der leidenschaftlichen und rührenden Klage jwinge, und daß es nicht anders könne, als in den stillen stunden der Nacht zu singen und zu meinen. Salomo sprach oie Nachtigall frei. Die Ankläger aber wurden so von Mitleid erfüllt, daß es fortan keinem mehr einfiel, sich! über die schmelzenden Töne der Nachtigall zu beschweren. — Auch - 276 andere persische Dichter dieser ZeitepoW haben die Nachtigall nicht nur als Sinnbild der Liebessehnsucht, sondern auch als dasjenige der Seele, die nach der Vereinigung mit der Gottheit strebt, die in der stillblühenden Rose, Gül, wie sie im Persischen heißt, verkörpert wird. „Gül und Bülbül", „Rose und Nachtigall" ist der Titel eines Gedichtes, in dem der Dichter Fasli die Beziehungen beider in diesem Sinn behandelt. Und die Empfindung der deutschen Volksseele für die Nachtigall? Wer weiß es nicht, wie sie in zahllosen Volksliedern gefeiert wird, sie, die in den Linden, in den Kronen wohnt, und singt vor der Liebsten Thür? Und wie das deutsche Volksgemüt, so fühlen auch die deutschen Dichter. Von den Minnesängern, von Walther von der Vogelweide her bis in die Gegenwart, immer erscheint ihnen die Nachtigall als die Verkörperung des Liebesjubels und des Liebesschmerzes. Nachtigall und Liebe sind zwei sich deckende Begriffe. Wie fingt doch Walther von der Vogelweide? Unter der Linde an der Haide, Tn unser beider Lager war, Da mögt ihr wohl finden beide — Gebrochene Blumen und Gras; Bor dem Walde in einem Thal — Tandaradei! Schön sang die Nachtigall! Mnnig läßt Julius Sturm in der Zeit, wo die Nachtigall Wagt, den Lenz sich mit der Erde vermählen: Violen duften und Flieder Mit süß berauschender Macht, Und flötende Nachtigalllieder Durchfluten die weiche Nacht. Das ist die heimliche Stunde, Wo leise vom Himmel steigt Der Lenz und mit küssendem Munde Zur blühenden Erde sich, neigt. Dichter sind keine Naturforscher. Und darum ist es ihnen nicht zu verargen, wenn sie unter der Nachtigall zwei Marten, die Gartennachtigall oder den Rotvogel und die Aunachtigall oder den Sprosser zusammenfassen. Der Sprosser unterscheidet sich von dem Rotvogel durch seine Größe, die wolkig gefleckte Oberbrnst und das dunklere Grau. Während der Rotvogel bis in die Mitte Schwedens hinauf- ?eht, ist der Sprosser an der Wolga, Weichsel und Donau eimifch, findet sich aber seltener auch noch in der Schweiz, Süddeutschland, Sachsen, Schlesien und Pommern vor. Entschieden wird der Rotvogel von dem Sprosser an Fülle und Wohlklang der Stimme, sowie an Reichtum der Ge° fangstouren übertroffen. Mit Recht hat man daher die Gartennachtigall eine hervorragende Gesangskünstlerin, die Aunachtigall aber einen Tondichter genannt. In menW lich>e Laute übertragen klingen ihre Weisen etwa folgendermaßen : Tschahuj-tschahuj-tschahuj Tarak-tarak-tarak Gollgvllgollgollgollgollgoll Tkrrrrrrrrrhez David-david-david Didero-didero-didero Klingklingkling-klingklingkling Ziot-ziot-ziot-ziot-ziot-ziotzit Filig-Filig-Filig Hijogol-Hijogol-Hijogol Tzetzetzetzetzetzetzetzetze Wälwälwälwälwälwälwälfek. Bereits Ende Juni stellen sowohl die Gartennachtigallen als auch! die Aunachtigallen ihren Gesang ein. Nur vereinzelte Männchen schlagen noch im Juli und Beginn des Augusts. Bald darauf verlassen sie ihre Heimstätten. Nach der altgermanischen Auffassung starben sie, wenn ihr Liederquell versiegte. Wir wissen jetzt, daß sie nach, dem Süden ziehen, wenn hier, bei uns, ihre Minnezeit verstrichen ist. So ist es denn nicht blos ein dichterisches Gaukelspiel, wenn Schiller sagt: „Willst du nach, den Nachtigallen fragen, Tie mit seelenvoller Melodie Dich entzückten in des Lenzes Tagen? Nur so lang' sie liebten, waren sie". Gemeknnrttzige». Die Balkonbepslanzung in England. Wo es sich! um die Ausschmückung seines Heims handelt, da kargt der Engländer nicht. Da gilt bei ihm fein Wort: My hoom is my castle (Mein Haus ist mein Schloß). Auch für die Außenseite desselben thut er sehr viel, und sorgt für einen dauernden und stets wechselnden Blumenschmuck seiner Balkons, und seiner Fenster. Wir Deutschen könnten in dieser Beziehung viel von den Engländern lernen; denn die Ausschmückung der Balkons und der Fenster läßt häufig viel zu wünschen übrig. Wenn wir auch nicht immer gewillt sind, viel Geld dafür auszugeben, so könnten wir mit einigem guten Willen und etwas Geschmack auch, mit wenig Ausgaben viel erreichen. In Nr. 5 des „Erfurter Führers" finden wir einen Artikel über die Ausschmückung der Balkons in England und gleichzeitig Angaben, wie man billig und geschmackvoll das Ausschmücken durchführen kann. Unseren Lesern steht die Nummer kostenfrei zur Verfügung, wenn sie sich mittels Postkarte nach Erfurt wenden. Die abgeschnittenen Zweige der Rosen können zum Okulieren verwendet werden, wenn man gutentwickelte Wildlinge im Frühjahr besitzt. Tas Okulieren ist allerdings etwas schwierig, weil die Blattstiele fehlen und die Wildlinge nicht lösen. Das ist aber gar nicht notwendig, wenn die Rinde vorsichtig mit dem Messer, der Größe des Auges entsprechend, losgeschnitten wird. Die Zweige als Stecklinge zu verwenden, ist weder empfehlenswert noch praktisch; denn selten wird etwas daraus. Die kleinen Garten-Ameisen (Formica nigra) können, wenn sie massenhaft auftreten, recht lästig werden, obwohl der von ihnen angerichtete Schaden gering anzu- schlagen ist. Um sich derselben zu erwehren, sind zunächst ihre Nester oder unterirdischen Verstecke ausfindig zu machen. Tann gieße man kochendes Wasser, Tabakslauge oder noch besser eine Lösung von schwefelsaurem Salz in die Eingänge und bedecke diese fest mit Erde, was nötigenfalls alle 2—3 Wochen zu wiederholen ist. Um recht weiße Wäsche zu erzielen, wird folgende der Wäsche unschädliche Mischung empfohlen: 2 Teile starker Spiritus und 1 Teil reines, sehr Helles Terpentinöl, davon je 2 Eßlöffel voll auf 50 Liter Blauwasser zu geben, und damit die Wäsche zu blauen. Der unverdünnte Teil der Mischung kann längere Zeit aufbewahrt werden und ist als Fleckwasser bei starkem Fett und Harzflecken gut zu gebrauchen. Wegen der feuergefährlichen Eigenschaft dieses Fleckwassers ist Vorsicht geboten. A. n gutes Desinfektionsmittel ist, Betten, Kleider, Wäsche, Möbel usw. den Sonnenstrahlen auszusetzen. Professor Esmarch in Kiel behaftete dergleichen Gegenstände mit den mannigfachsten Krankheitserregern, und ließ darauf dre Sonnenstrahlen einwirken. Eine hinterher angestellte Untersuchung ergab, daß nur noch wenige der Bakterien rn den Gegenständen sich vorfanden. Von Wichtigkeit ist es daher, Schlafzimmer möglichst viel der Besonnung aus- zusetzen. „Praktischer Wegweiser", Würzburg. Logogriph. Nachdruck verboten. Mit r trägt'S dich und mancherlei; Der Bauer kommt damit herbei, Es wird geschoben und gezogen. Mit t zeigt es dir Weg und Ort; Man wechselt'S und man schickt eS fort, Doch viele hat es schon betrogen. Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung der Gleichung in vor. Nr.: , cm ■ , Maibowle. (a MaiS, b Stengel, c Egel, d Boa, e Astern, f Stern, g Weile, h Ei.)' . RtHftien: «. -Mmi» «erlag »er «rShl'sche» Nui»«rstt,tr.»nch. an» «Atofati (Pietsch «tlte) i* «ich«.