Sonntag den 15. Dezember. Nr. 18V. 1901. b1 UBö Ujwf? ■Wi Emanuel Geibel. Oder so kurz die Trauer. g# as ist's, waS an der Menschcnbrust Mich oftmals läßt verzagen, Daß sie den Kummer wie die Lust Vergißt in wenig Tagen. Und ist der Schmerz, um den es weint, Dem Herzen noch so heilig — Der Vogel singt, die Sonne scheint, Vergessen ist er eilig. Und war die Freude noch so süß — Ein Wölkchen kommt gezogen, Und vom geträumten Paradies Ist jede Spur verflogen. Und fühl' ich das, so weiß ich kaum, Was weckt mir tiefern Schauer: Daß gar so kurz der Freude Traum, (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Frau Limbach bemerkte erst jetzt, daß auch, die zweite Kerze fast ganz niedergebrannt war, und daß die Schwarzwälder Uhr am Fensterpfeiler auf zehn Minuten vor eins wies. Wer sie äußerte keine Verwunderung mehr, sondern ging schweigend in die Mche, um den verlangten Kaffee' zu kochen. Als sie ihn nach einer kleinen Weile ins Wohnzimmer bringen wollte, fand sie Felicia dort nicht mehr vor, und beim Betreten des Schlafstübchens sah sie die junge Amerikanerin auf dem Bettrand sitzen, noch immer in Hut und Mantel und mit eigentümlich starrem, unverwandt auf die nämliche Stelle des Fußbodens gerichtetem Blick. „Da ist den Kaffee, liebstes Fräulein! Wer wollen Sie denn nicht ablegen? Der schwere Mantel muß Ihnen ja unbequem werden." Erschrocken war die Gefragte aus ihrer Versunkenheit emportzefahren. „Nicht doch — er belästigt mich durchaus nicht. — Wer diese Kopfbedeckung da" — und sie deutete auf den wieder am Haken hängenden Hüt des Assessors — „müssen Sie ebenso wie mein Gesellschaftskleid in einem sicheren Versteck verbergen, wo niemand sie finden könnte. Und in aller Frühe schon müssen Sie es thun." „Wenn Ihnen daran gelegen ist — sehr gern! Und den Herrenmantel auch — nicht wahr? — Wer wo ist er denn? — Er hing doch vorhin hier am Nagel." „Er ist fort. Ich — ich habe ihn seinem Eigentümer zurückgegeben. — Sie haben mir also geschworen, daß Sie schweigen werden." „Ja — ich habe es geschworen." „Ich danke Ihnen. Und nun noch einmal: Gute Nacht! — Ich werde am Morgen so leise wie möglich das Hails ver- lassen, um Sie nicht zu stören. Und an einem der nächsten Tage werden Sie jedenfalls weiteres von mir hören." Frau Limbach mußte fühlen, daß ihr längeres Ber- weilen nicht gewünscht werde, und mit bekümmertem Herzen ließ sie ihre junge Wohlthäterin, die, heute einen so „beängstigenden Eindruck auf sie machte, in der engen, dürf- tigen Kammer allein. Achtzehntes Kapitel. Der Stadtrat Ignatius hatte eine schlechte Nacht gei habt, und gegen Tagesanbruch erst hatte er sich durch die dringenden Bitten seiner Frau bewegen lassen, eines, von den für den äußersten Notfall bereit gehaltenen, beruhigen-, den Pulvern zu nehmen. Der dadurch künstlich herbeige-i führte Schlummer des Rekonvaleszenten dlirfte natürlich nicht gestört werden, und so mußte Herbert auf die Er-, füllung des Wunsches verzichten, seinen Vater noch vor Antritt des Dienstes zu sprechen. Er war eben im Begriff, den Weg nach seinem Bureau anzutreten, als ihm das Mädchen die Visitenkarte eines Herrn überbrachte, der ihn in dringlicher Angelegenheit sogleich zu sprechen .verlangte. „Pauli, königlicher Polizeikommissar", las der Assessor, und sofort gab er Weisung, den ihm wohlbekannten Beamten Der überaus liebenswürdige und weltmännisch gewandte Kommissar entschuldigte sich wegen der verursachten Störung mit dem Hinzufügen, daß es ein spezieller, Auftrag des Herrn Landgerichtsrat ■ Schröder sei, der ihn dazu gezwungen habe. ■ „Mer der Herr Rat hätte mich doch nach einer Stunde viel bequemer in meinem Bureau erreichen können", sagte Herbert etwas verwundert. „Ich bin in der That sehr neugierig, zu erfahren, was er mir so überaus Dringendes mitzuteilen hat." , „ , „ v „Nichts als die Bitte, Herr Assessor, sich so schnell wie möglich zu ihm bemühen zu wollen. Es handelt sich, so viel ich weiß, um eine wichtige Auskunft in der Untersuchungssache gegen den unbekannten Mörder des Doktor Hermann Müller." Herbert starrte den Polizeikommissar an, als hatte er plötzlich in einer fremden Sprache mit ihm zu reden begonnen. „Was sagen Sie da? Was für ein Doktor Hermann Müller ist es, von dem Sie sprechen?" „Der zur Leitung der neu errichteten Heilstätte hierher berufene Arzt. Sie wissen also noch garnichts von dem abscheulichen Verbrechen, dem er zum Op-fer gefallen ist?'- „Nicht ein Wort!" rief der Assessor tn höchstem Entsetzen. „Man hat ihn ermordet?"- 718 „Er ist gestern abend auf dem Heimwege nach seiner Wohnung in den Anlagen der Heilstätte von einem leider entkommenen Individuum meuchlerisch niedergeschossen worden. Heute früh war er zwar noch am Leben, aber es soll wenig Aussicht vorhanden sein, ihn zu retten." „Großer Gott, welche schreckliche Neuigkeit! Und hat inan wenigstens eine Spur des Thäters? Weiß man, aus welchen Beweggründen er gehandelt hat?" „Leider nein! Wir tappen bis jetzt vollständig int Dunkeln. Und da der Herr Landgerichtsrat, in dessen Händen die Untersuchung liegt, von Ihnen einige wichtige Fingerzeige erhofft, wäre er Ihnen für Ihr baldiges Erscheinen ganz besonders verbunden." „Es soll sich also um eine Vernehmung handeln, wenn ich recht verstehe, nicht um eine dienstliche Besprechung?" „So glaube ich, Herr Assessor!" „Ich bin, wie Sie sehen, zur Verfügung. Lassen Sie uns aus der Stelle gehen." Als sie auf der Straße angelangt waren, wünschte Herbert von dem Kommissar weitere Einzelheiten über das entsetzliche Ereignis zu erfahren, an dessen Wirklichkeit er noch immer kaum zu glauben vermochte. Aber der Beamte entschuldigte sich mit dringenden dienstlichen Verpflichtungen, dre ihn unverzüglich an eine andere Stelle riefen, und Herbert mußte seine verzehrende Ungeduld meistern, bis er im Amtszimmer des Untersuchungsrichters, dem wegen seiner Menschenfreundlichkeit allgemein beliebten alten Herrn gegenüber saß. „Ich danke Ihnen für Ihr rasches Erscheinen, lieber Herr Kollege", sagte der Landgerichtsrat. „Sie wissen vermutlich bereits,, um was es sich handelt." »Ja — ich hörte es aus deut Munde des Kommissars — zu meiner grenzenlosen Bestürzung, wie ich wohl hinzu- iügen darf. Aber Herr Pauli hatte nicht Zeit, mir auch die Details zu erzählen, und wenn ich Sie darum bitten dürfte, Herr Rat. • ." „Das ist schnell geschehen. Der Doktor Hermann Müller, den Sie ja, wie ich höre, persönlich gekannt habett, kehrte! gestern abend gegen zehn Uhr — wir haben darüber sogar eine ganz genaue Zeitangabe — ans einer Gesellschaft nach seiner Wohnung zurück. Da sich dieselbe im Hauptgebäude der neuen Heilanstalt befindet, mußte er die um solche Zeit fast ganz menschenleeren und mangelhaft beleuchteten Parkanlagen passieren. Nach seiner eigenen Erklärung ist ihm dabei irgend etwas Verdächtiges nicht aufgefallen. Es ist also anzunehmen, daß sich der Attentäter hinter einem Baum oder sonstwo versteckt hatte, um sein ahnungsloses Opfer zunächst an sich vorüber zu lassen. Denn der Schuß, der den bedauernswerten Mann zu Boden streckte, wurde von hinten und zwar aus unmittelbarer Nähe auf ihn abgefeuert. Doktor Müller war kaum noch zweihundert Schritt von den Gebäuden der Anstalt entfernt, als er die Verwundung erlitt. Die Kugel ist ihm in den Rücken gedrungen, und es konnte von den Aerzten bisher noch nicht mit Gewißheit festgestellt werden, welchen Lauf sie im Innern des Körpers genommen. Man befürchtet indessen eine schwere Verletzung edler Organe und demzufolge den Tod oes Verwundeten. Als er den Schuß erhielt, stürzte der Getroffene sogleich vornüber auf das Gesicht und verlor die Besinnung. Er hat infolgedessen von dem Attentäter nichts gesehen. Ein anderer aber, ein gewisser Wilke, der als Wächter aus dem Gebiet der Heilstätte angestellt ist und eben im Begriff war, seinen ersten Rundgang zu machen, befand sich zur Zeit des Mordanfalls in unmittelbarer Nähe des Thatortes, und will, als er auf den Knall des Schusses herbeieilte, den fliehenden Mörder noch deutlich genug gesehen haben, um zu erkennen, daß es ein Mensch von hoher, schlanker Gestalt war, der einen hellgrauen Kragenmantel und einen weichen, eingedrückten Filzhut von derselben Farbe trug. Er schlug sogleich Lärm und machte sich aus allen Kräften an die Verfolgung des Verbrechers. Während dieser bis dahin auf dem Hauptwege geblieben war, bog er, sobald er das Rusen und Schweren hinter sich hörte, zwischen die Baumstämme ein, und der Vorsprung, den er vor dem Wächter hatte, war leider groß genug, um ihm auf solche Art in der Duttkelheit das Entkommen zu ermöglichen. Alle Nachforschungen, die von anderen, bald herzugeeilten Personen in dem Gehölz an- gestellt wurden, blieben ohne Ergebnis. Und die einzige, allerdings sehr wichtige Entdeckung, die man dabei machte, bestand in der Auffindung eines am kahlen Strauchwerk hängenden grauen' HohenzollernmantelI, ohne allen Zweifel den nämlichen, den Wilke auf den Schultern des Mörders gesehen hatte. Auf seiner wilden Flucht durch das dornige Gestrüpp des Unterholzes war dem Attentäter das Kleidungsstück jedenfalls sehr lästig geworden, und er hatte es vielleicht freiwillig von sich geworfen, wenn es ihm nicht etwa von den Zweigen geradezu vom Leibe gerissen worden war. Dieser Mantel soll uns, wie ich hoffe, der der Ermittelung seiner Persönlichkeit erhebliche Dienste leisten. Er ist von feinem Stoff und — wie die an der Innenseite des Kragens angebrachte Firma beweist, von einem hiesigen Schneidermeister verfertigt. Ich habe bereits nach dem Manne geschickt und halte es nicht für unmöglich, daß es uns den Kunden namhaft machen rann, dem er das! Kleidungsstück geliefert hat. Damit aber habe ich Ihnen auch schon beinahe alles gesagt, was sich bisher in der Sache hat ermitteln lassen, und Sie sehen, lieber Herr Kollege, es ist wenig genug." „Der Herr Rat sprachen von einer Erklärung des Doktors — er ist also trotz seiner schweren Verwundung! vernehmungsfähig geblieben?" fragte der Assessor. „Ja — wenigstens zeitweilig", erwiderte der Landgerichtsrat. „Von seinem herzugerusenen Diener und einigen anderen Personen wurde -er alsbald in seine Wohnung getragen, und es waren sehr schnell mehrere Aerzte zur Stelle, um ihm die erste Hilfe zu leisten. Unter ihren Händen kam er wieder zum Bewußtsein, ohne indessen irgend welche Angaben über den Hergang des Ereignisses machen zu können. Und es scheint, daß wir von ihm überhaupt ferne Mitteilung erwarten dürfen, die als ein Fingerzeig für die Ermilleluttg des Thäters zu nützen wäre. So. unzweideutig alle Umstände dafür sprechen, daß es sich hier viel eher um einen Racheakt als um einen Raub anfall handelt, so bestimmt hat mir Herr Doktor Müller bei seiner in der Frühe des heutigen Tages erfolgten kurzen Vernehmung erklärt, daß er keinen Verdacht gegen irgend eine Persönlichkeit seiner Bekanntschaft hegt, und daß er sich trotz alles Nachdenkens nicht erinnern kann, irgend jemandes Haß auf sich gezogen zu haben. Wir werden also nach dieser Richtung hin ganz aub unsere eigenen Nachforschungen angewiesen bleiben." „Und darf ich fragen, Herr Rat, welche Auskünfte Sie von mir erwarten?" „Zunächst nur einige Mitteilungen allgemeiner Natur., Sie sind mit dem Doktor persönlich bekannt?" „Ganz oberflächlich — aus einer Begegnung im See-, bade und von einem Besuche her, den er in meinem Eltern- Hause machte. Bei dieser letzteren Gelegenheit bin ich ihm allerdings insofern näher getreten, als er in die Sage tarn,, meinem Vater bei feiner plötzlichen Erkrankung den ersten' ärztlichen Beistand zu leisten." „Ueber feine Verhältnisse und darüber, ob er hier oder anderswo Feinde hatte, find Sie also nicht unterrichtet?" „Nein — ich weiß von alledem nicht das Mindeste/" „Es hing dann auch wohl mit der Erkrankung Ihres Herrn Vaters zusammen, daß Sie ihn vor einer Reihe von! Tagen in früher Morgenstunde besuchten und ihn auch gestern abend wieder besuchen wollten?" „Nein — das eigentlich nicht. Es war eine Angelegen-, heit privater -Natur, die mich zu ihm führte, und ich möchte' mich darüber nicht weiter ansspr echen, da hie Ursache meiner! Besuche in keinem Zusammenhänge mit der hier vorliegenden Angelegenheit steht. Ich bin sogar einigermaßen überrascht, den Herrn Rat darüber so genau unterrichtet zü „Der Diener des Doktors hat im Verlauf einer Vernehmung davon gesprochen. Aber es scheint mir,nach Ihrer Bekundung beinahe überflüssig, zu fragen, ob Sie eine Vermutung hinsichtlich der Person des Thäters hegen." „Nein, ich hege keine. Und wenn ich eine Ansicht über den Vorfall äußern darf, so geht sie dahin, daß Doktor Müller das Opfer einer PersonenverwechDlnng gewordeü sein dürfte. Der mörderische Schuß hat wahrscheinlich! einem ganz anderen gegolten als ihm." Der Untersuchungsrichter zuckte mit den Achseln. „Diese Annahme ist natürlich nicht völlig von der Hand! zu weisen; aber wir dürfen doch die Richtung unserer Nach?- forsch,ungen nicht durch sie bestimmen lassen. Uebrigens" — und er warf einen verdrießlichen Blick auf seine Taschenuhr — „ich begreife nicht, wo dieser Kronenberg bleibt.. Meiner Berechnung nach müßte er längst zur Stelle fein/* 719 Herbert horchte aus. „Kronenberg? Ist das der Verfertiger des vom Herrn Rat erwähnten Mantels? „Allerdings. Kennen Sie ihn?" „Er arbeitet seit Jahren auch für mich. Würde es mir gestattet sein, das cvrpus delicti zu sehen?" „Gewiß! Da ist es." Der Untersuchungsrichter entfernte das Tuch, das über einen auf dem Nebentische liegenden Gegenstand gebreitet war, und Herbert trat herzu, um den Mantel zu betrachten, der dabei zum Vorschein kam. Er faltete ihn auseinander, drehte ihn nach allen Seiten und wandte sich dann mit merkwürdig bleichem Gesicht wieder gegen den etwas verwundert dreinschauenden Landc>erichtsrat. „Die Vernehmung des Schineidermeisters Kronenberg dürfte sich als überflüssig erweisen. Denn der Eigentümer dieses Kleidungsstückes ist mir bekannt." „Wie? Sie kennen ihn, Herr Kollege? Und wer ist es?" „Er steht vor Ihnen, Herr Rat!" „Was? Sie selbst? Aber das ist ja unmöglich — Sie müssen sich in einem Irrtum befinden." „Durchaus nicht. Ich bin meiner Sache ganz gewiß. Nicht an einem einzigen, sondern an einem halben Dutzend untrüglicher Anzeichen erkenne ich diesen Mantel als den meinigen. Eine Täuschung ist vollständig ausgeschlossen." (Fortsetzung folgt.) Der Wunschzettel. Plauderei von Anita Baumann. (Nachdruck verboten.) Der Wunschzettel! Der liebe alte Wunschzettel! Wem von uns erweckte er nicht teure Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, da der Gedanke an das, was wir dem kleinen Blättchen Papier anvertrauen könnten, uns während vieler Tage und Wochen im Wachen und im Träumen beschäftigte! Das heißt, manchmal wurde aus dem kleinen Blättchen aucb ein recht großes Blatt; denn es waren der Wünsche, oie darauf.Platz finden sollten, gar zu viele, und wenn den Eltern der eine oder andere unerfüllbar schien, so mußten sie dafür doch eine Anzahl anderer zur Auswahl verzeichnet finden.' Und in Verlegenheit, was wir aufschreiben sollten, waren wir nie — nie. Was begehrt solch' Kinderherz nicht alles! Es giebt Leute, die dem Wunschzettel den Krieg erklärt haben, die da behaupten, er gehöre auf den weihnachtlichen Sündenzettel der Eltern, und sei der Idee des Geschenkgebens zuwider, weil er das erspare, worauf es ankäme — nämlich pachzudenken, was dem Kinde Freude macht. Eine Rechnung nennen sie ihn, auf der einige Posten unbezahlt blieben. Ach, die so sprechen, haben wohl ihre eigene Kindheit vergessen, oder in dieser recht traurige Erfahrungen gemacht. Kritisieren läßt sich schließlich alles, und eben so wahr ist es, daß jeder Brauch von thörichten Menschen verkehrt gehandhabt werden kann — ihn deshalb ausvotten zu wollen aber hieße das Kind mit dem Bade ausschütten. Wie vermöchte eine kinderreiche Mutter sämtliche Wünsche eines jeden aus ihrem kleinen Häuflein zu kennen! Es ist ganz unmöglich, sie sinnt Und sinnt, und trifft doch nicht das Rechte. In dem Kopf .eines Kindes leben solche krause, wunderliche Vorstellungen, von denen der Erwachsene, der es stets zu sehr von feinem eigenen Standpunkt aus betrachtet und beurteilt, gar nichts ahnt. Er mag sich noch! so viel mit ihm beschäftigen — ein großer Teil seines Innenlebens bleibt ihm dessenungeachtet verborgen. Die Wünsche aber, die es auf den Zettel schreibt, legen von seinen Neigungen, Talenten und Charaktereigenschaften Zeugnis ab. Schon gus diesem Grunde besitzt die Sitte so hohen Wert. Irgend jemand äußerte einmal, die Eltern hielten es für sehr pädagogisch, einen Wunschzettel schreiben zu lassen, weil er vrtographisch fehlerlos sein muß. Diese Rechtfertigung ist falsch.; die Sache hat allerdings ihre pädagogische Seite, aber nur insofern, als sie den Eltern zur besseren Erkenntnis ihres Kindes hilft. Eine alte Dame, die ich vor Jahren kannte, und die, obgleich sie felbst unverheiratet geblieben, innige Neigung für Kinder hegte, hatte sich eine förmliche Sammlung von Wunschzetteln angelegt. Eine sehr seltsame Sammlung, iw der That, an der auch nur solche Allerweltstante, wie sie es war, Freude zu finden vermag. Es erscheint gerade unglaublich, was auf diesen Zetteln zu lesen stand. Da sah man z. B- auf einem, den ein kaum siebenjähriges Mädchen, das einzige Kind wohlhabender Eltern verfaßt hatte, gleich obenan mit ungefügen Buchstaben hingekritzelt „ein sieben Spannen langes Mädchen, das sprechen und gehen kann". Was noch folgte, waren nur ein paar unbedeutende Kleinigkeiten, die zusammen noch nicht eine Mark kosteten. Natürlich meinte man, der Hauptwunsch beträfe eine Puppe, mit einem kunstreichen Werk im Innern. Als man aber die Kleine danach fragte, schüttelte sie entschieden den Kopf. „Es ist nichts Totes", sagte sie. Erst nach längerem Hin- und Herreden erfuhr man, daß das Kind sich eine lebende Spielgefährtin wünschte. Niemand, auch die Mutter nicht, die ihr Töchterchen beständig um sich sah, hatte bisher geahnt, mit welcher krankhaften Leidenschaftlichkeit das Mnd sich nach dem Umgang mit Seinesgleichen sehnte. Wie groß war der Jubel, als am Weihnachtsabend ein fremdes kleines Mädchen, das man nunmehr in's Haus genommen, unter dem lichtstrahlenden Baum saß! Auf Einem andern Zettel stand nichts vermerkt, als „eilte Muschel mit Gold tusche und eine mit Silbertusche". Die Eltern kannten zwar die Neigung ihres Kindes für's Zeichnen und Malen, sie hatten ihm Tuschkasten und Bilderbogen zum Ausmalen geschenkt, aber Gold- und Silbertusche war zufällig nie dabei gewesen. Als sie jetzt die paar Worte einsam auf dem Zettel stehen sahen, stieg ihnen förmlich die Röte der Beschämung in's Gesicht; denn jetzt erinnerten sie sich, wie oft ihr Liebling diesen Wunsch geäußert, ohne daß 'sie darauf geachtet hatten. „Tusche ist Tusche!" hatten sie wohl gedacht. Und so großen Werk legte das Kind auf die beiden Muscheln, daß es um ihretwillen auf alle andern Weihnachtsgaben verzichten wollte! Was aber machte es später mit der Metalltusche? Es knetete sich aus Brotteig Figuren, und betnschte sie mit Silberbelag. Aus dem kleinen Ding ist später eine berühmte Bildhauerin geworden. Man kann viel lernen aus solchem Wunschzettel, unter anderm ' auch gar manches bezüglich! der eigenen Fehler. Ost hört man sagen: „Ich habe mich so unendlich bemüht, durch meine Geschenke Freude zu machen, und trotzdem gab's am Weihnachtsabend nur verdrossene Gesichter". Ja, hat man denn wirklich den Geschmack der Beschenkten zu Rate gezogen, und nicht im Gegenteil vieles gekauft, was man selbst für zweckmäßig und hübsch erachtete? Gerade beim Schenken feiern unsere Herrschsucht und unser Eigensinn so oft wahre Orgien. Mancher spricht es sogar direkt aus, daß es sein gutes Recht wäre, zu schenken, was er selbst zu schenken wünschte. Da war in einem bekannten Hause ein Dienstmädchen, das gegen seine Herrin die Bitte aussprach, solche Weihnachtsgaben für sie zu wählen, die sie ihrer Mutter schicken könnte. Da sie aber zu bescheiden war, diese namhaft zu machen, so kaufte ihre Prmzipaliu für sie ein warmes Kleid und eine Sonntagshaube für alte Frauen. Nun stellte es sich heraus, daß die Mutter des Mädchens seit langen Jahren schon bettlägerig war. Die Tochter hatte gewünscht, ihr eine Flasche Wein, eine Büchse mit Fleisch-Extrakt, ans dein die Kranke sich jederzeit mühelos eine wohlschmeckende und stärkende Brühe zu bereiten vermochte, und ähnliche Dinge mehr, zu schicken, die Dame aber hütete sich wohl, nach den Bedürfnissen der alten Fran zu forschen, weil sie im Glauben an die eigene Unfehlbarkeit besser zu wissen glaubte, was jener frommte, als die eigene Tochter. Alle derartigen Vergewaltigungen der, Beschenkten werden durch den Wunschzettel auf ein geringeres Maß zurückgeführt. Gerade die Klagen der Hausfrauen über die Unzufriedenheit der Dienstboten mit ihren Weihnachtsgaben würden sich wesentlich vermindern, wenn man sie einen Wunschzettel schreiben ließe. Mancher wirft hier vielleicht im Geist ein, daß die Sache dadurch zu kostspielig werden würde. Ich glaube jedoch, daß das Umgekehrte der Fall fein dürfte. Oft giebt man viel mehr Geld aus, als man sich .borgenommen hat, einzig und allein, weil man fürchtet, mit dem Gekauften nicht den Geschmack der zu Beschenkenden getroffen zu haben. Die Menge soll bann die Güte ersetzen. Es freut sich ober! 720 — zweifellos jeder mehr über einen billigen Gegenstand, den er brauchen kann, als über einen teuren, für den er keine Verwendung hat. Kurz, ich lasse nichts aus den Wunschzettel kommen. Und wenn ich auch völlig von seinem Praktischen Nutzen absehe, so verkörpert er für mich doch ein ganzes Stück Weihnachtspoesie. Birgt diese denn nur der Heilige Abend allein? Ist nicht die Adventszeit ebenfalls hehr und schön — diese Zeit, in der die Kinder den lichterstrahlenden Baum schon zu sehen, und mit den Händen die herrlichen Dinge, die sie auf deu Wunschzettel geschrieben, zu fassen wähnen? Diese Vorfreude aber verstärkt und verdoppelt er, und wo ich ein blondes oder braunes Kinderköpfchen mit glühenden Wangen über den Wunschzettel gebeugt sehe, da meine ich die Weihnachtsglocken läuten zu hören. Zwei Frauen. Roman voll Hermann Heiberg. Leipzig, Johannes Cotta Nachfolger Preis Mk. 5,—. Es mag an die zwanzig Jahre her sein, als ich! mit wahrem Heißhunger Heibergs derzeit in Schorers Familien- tlatt erscheinenden Roman „Apotheker Heinrich" verschlang. Indes — die Zeiten ändern sich, un6 wir wandeln uns in ihnen —, sei es, daß der sonst wertgeschätzte Zunft- genosse mählich verflacht, sei es, daß meiner Wenigkeit Lebensanschauung sich inzwischen vertiefte; ich lasse es dahingestellt —, den „Zwei Frauen" stehe ich mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Tie sich unheimlich mehrenden Ehezerwürfnisse gelten sicher durchaus nicht als ein erfreuliches Zeichen der Zeit; noch unerquicklicher aber ist es, daß man an ihrer Verwertung dermaßen Gefallen findet, daß sie sich zum blühenden Litteraturzweig auswachsen konnten. Heibergs seelen- kundliche Beobachtungsgabe und seine Erzählergewandheit w allen Ehren —, aber, obschon beide Frauen am Ende sagen können: „Es ist erreicht!" — mir gefallen sie "--cht; dagegen gefällt mir der eine Mann, den die ^schichte aufzuweisen hat, der äußerer Vorzüge bar, in seiner schlichten Herzensgute lehrt, was schon die Heiden wußten, darum die Christen beherzigen sollten: „ Omnia vincit amor!“ „Die Liebe überwindet alles!" Und um dieses einzigen Mannes willen sei bedankt auch für diese Gabe, Hermann Heiberg. Bdt- Das tolle Jahr. B ü ch n e r, A l e x. Das „toll e" Jahr- Vor, während, und nach 1848. Von einem, der nicht mehr toll ist. Gießen, Verlag von Emil Roth, 1900; geh. Mk. 4, eleg. geb. Mk. 5. Hessenland bringt auf Seite 336 der Nr. 23 vom 2. Dez. 1901 folgende empfehlende Besprechung des Buches, der wir uns hiermit rückhaltlos anschließen: Lebenserinnerungen Pflegen, wenn sie nicht aus der Feder überragender Geister fließen, selten über einen kleinen Kreis hinaus zu kommen. Anders, wenn persönliche Memoiren zugleich eine Zeitepoche zu illustriereu geeignet sind, noch besser, ivenn ihnen dieser Zweck gleich als Stempel aufgedrückt ist, tote es bei dem vorliegenden Werke der Fall. Nirgends drängt sich das Persönliche so stark hervor, daß die Ereignisse dahinter zurücktreten, und doch legt jede Seite Zeugnis ab von der starken Originalität des Verfassers, die den Leser bald in ihren Bann zwingt. Dett eigentlichen Kern des Buches bilden 1848 er Erinnerungen. Daß es in Gießen, dem „Universitätsdorf", das es damals noch war, besonders kunterbunt zugegangen ist, wird den nicht wundern, der unsere studentische Jugend kennt. Büchner hat damals heftig mitgeratet und gethatet. Aber daß er nun als sein eigener Chronist alles sein säuberlich berichtet, ist der Sühne genug, zumal er so prächtig zu erzählen weiß. Denn auch das, was sich um dies Hauptkapitel herumrankt, kommt diesem gleich, über- -rifft es stellenweise sogar in mancher Beziehung. Dem „Studentendorf" z. B. ist noch ein eigner Abschnitt gewidmet, der allerlei Enthüllungen aus dem akademischen und galanten Leben der Herren Musensöhne bringt. Ein anderes Kapitel, „Maibowlina" betitelt, harrdelt von einer jener Gesellschaften, die zur Rettung des Va^rlandes damals allenthalbett sich bildeten. Eine politische Liebesgeschichte macht dieses Kapitel noch amüsanter, sodaß es geradezu als Novelle bezeichnet wird. Das Thema „Liebe" wird auch sonst noch häufig angeschlagen. Von köstlichem Humor durchtränkt, dem sich eine tüchtige Dosis gutmütigen Spottes zugesellt, ist der erste Abschnitt „Bilder aus Arkadien", in dem der Verfasser durch eilt reichhaltiges anekdotisches Material die idyllischen Zustände vor dem tollen Jahr im Darmstädtischen illusttiert. Eine anschaulich und interessant geschriebene „Reise nach Spanien" wär« aus den später?» Erinnerungen hervorzuhebeu. Neber dem ganzen Buche liegt die sonnige Stimmung, wie sie dem! Alter eignet, das auf ein zwar wechselvolles, aber schönes! Leben zurückblickt. Man kann nach alledem das Buchs nur warm empfehlen. Die gediegene, prächtig«! Ausstattung macht es auch als Weihnachts- g e s ch e n k h ö ch st g e e i g u e t. H. D. Mode. „Wiener Mode". Das soeben erschienene Heft 6 ist als letztes des Jahres 1901 eine Luxusnummer. Die Zusammenstellung der neuen Damentoiletten ist berückend, die! stattliche Anzahl der neuen Modelle modernen Stils muß gefallen. Jedes Doilettestück der Jahreszeit ist berücksichtigt und in mehreren Exemplaren veranschaulicht. Besondere Aufmerksamkeit wurde den Weihnachtsgeschenken gewidmet; ratend und helfend giebt das Blatt den Damen nützliche Winke, aus der reichen Auswahl passender Gegenstände geschickt zu wählen. Der Unterhaltungsteil bietet eine Weihnachtsgeschichte von Erna Viereck, einen Beitrag zum 100. Geburtstage Nestroys, und neben andern beachtenswerten Arbeiten die Fortsetzung des Romans „Was! Liebe vermag". Abonnementsbestellungen für das neue Vierteljahr werden schon jetzt von allen Buchhandlungen, von den außerösterreichischen Postanstalten, sowie vom Verlag der „Wiener Mode", Wien VI., zum Preise vorr Mk. 2.50 vierteljährlich, entgegengenommen. Gemeinnütziges. Myrten müssen während des Winters kühl stehen, da sie andernfalls austreiben und dadurch nicht vollkommen ausreifendes Holz bekommen, was sie Krankheiten zu sehr! geneigt macht. Bor Ende Februar sollte die Myrte nicht treiben, sie braucht viel frische Luft, damit die Triebe recht kurz und gedrungen bleiben. („Prakt. Wegw.", Würzburg.) Schachaufgabe. (Nachdruck verboten.) d e f g h 8 7 6 5 4 3 2 1 abcdef g h M 8 !■ 7 H 6 Mgi 5 ■ 4 ■ 3II' 2 ■ 1 in a b Weiß. (8 + 6) Weiß zieht an und setzt mit dem vierten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Rätsels in vor. Nr.r Horn, Ahorn. W wohlfeiles Schachspiel -« für 20 Pfennige zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter» Redaktion: E. Burkhar dt. — Rotationsdruck und Verlag der Brstbl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.