khi. 1901. Nr. 147. H Frida Schanz. Und wir geh'n mit! as hilft's, wenn wir die Uhren rückwärts stellen — Die Zeit wirft immer ihre gleichen Wellen, Die Tage geh'n mit immer gleichem Schritt, (Nachdruck verboten.) Der Erbe von Petershagen. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) Wedemeyer ritt bis an den Graben vor, ber, die beiden Felder trennte, während Eitel Fritz hinter einem halbbeladenen Wagen halten blieb. „Guten Morgen, Fräulein Breymanu", rief er hinüber, seinen §ut lüftend. „Sie sind ja riesig fleißig!" „Guten Morgen —" tönte es frisch und kräftig zurück. „Man darf jetzt nicht feiern." „Allerdings — haben Sie denn den Roggen schon verkauft ?" „Ja — ich will nicht warten, bis der Preis wieder fällt. Der erste Roggen wird stets am besten bezahlt." „Was haben Sie bekommen?" -„Hundert und sechzig —" klang es zurück. „Da gratuliere ich!. Ein hübscher Roggenpreis. Mir hat Wilhelmi aus Stettin hundertfünfzig geboten." „Ja, ich habe auch schon vor acht Tagen abgeschlossen." „Sie sind doch stets klüger, als andere Leute, Fräulein", sagte der Inspektor lachend. „Danke für das Kompliment . . Sie wollte fortreiten, als Wedemeyer fortfuhr: „Einen Augenblick noch, Fräulein Breymann. Herr Baron möchte Sie begrüßen." „Wer?!" Doch sie brauchte nicht mehr zu fragen, Eitel Fritz war rasch herbeigeritten, nahm den Graben und- parierte (sein Pferd dicht vor ihr, höflich grüßend. „Ich! bin es nur, Fräulein Else . . ." sagte er stockench Mährend eine heiße Flamme seine Wangen überlohte. „Verzeihen Sie, daß ich mich unangemeldet Ihnen äderte , . Eine leichte Blässe hatte ihr Antlitz auf einen Moment überzogen, dann aber reichte sie ihm ruhig und gefaßt die Hand. „Ich! hörte schon, daß Sie und Ihre Frau Gemahlin gestern auf Schloß Petershagen eingetroffen seien. Es freut mich, daß Sie die alte Heimat noch nicht vergessen haben, Herr Baron." „Oh) ich habe nichts vergessen . . " „Ta wir jetzt Nachbaren sind, werden wir uns w!ohl öfter begegnen", fuhr sie ruhig fort. „Oder werden Sie nicht lange bleiben?" „Wenn es auf mich anrommt, für immer." „Aber Ihre Fran Gemahlin wird sich schwer an die ländliche Einsamkeit gewöhnen. — Nun — auf Wiedersehen, Herr Baron — ich muß zum Hofe zurück . . ." „Fräulein Else — ich bin erstaunt — erfreut — Sie so thätig — so frisch, und wohl zu sehen . . . ich fürchtete fast..." Sie blickte ihn ruhig und sicher an, daß er verwirrt schwieg. „Was fürchteten Sie, Herr Baron? — Vielleicht, daß ich nicht mit einem schmerzlichen Ereignis mich abzusinden vermocht hätte? — Man muß sich mit vielem im Leben abfinden — es geht nicht alles nach unseren Wünschen — die Arbeit, Herr Baron, die redliche Arbeit hilft einem über manches fort." „Und Sie arbeiten tüchtig, wie ich sehe." „Mein Vater ist kränklich geworden, da ruht denn die Wirtschaft fast ganz auf meinen Schultern." „Und wird Ihnen diese Last nicht zu viel?" „Ich empfinde die Arbeit nicht als eine Last. Es gereicht mir vielmehr zur Genugthuung, zu sehen, drß meine Arbeit Segen bringt." „Sie sind zu beneiden, Fräulein Else. . ." Sie errötete flüchtig. „Glauben Sie nicht, daß ich es leicht gehabt habe", fuhr sie fort. „Jägerhof ivar sehr vernachlässigt, und erst jetzt, nach drei Jahren, fängt das Gut an, unsere Arbeit zu lohnen. Wir haben schwere Jahre durchgemacht, sind jetzt aber auch aus dem Gröbsten heraus. — Doch wirklich, Herr Baron, ich habe keine Zeit mehr-'.. ." „Ich will Sie nicht länger zurückhalten. — Adieu, mein Fräulein. . ." Eine leichte Empfindlichkeit klang in seinen Worten wieder. Er hatte sich das Wiedersehen so ganz anders gedacht — jetzt stand er vor ihr, wie ein unreifer Jüngling, der allerhand thörichte Hoffnungen und Wünsche in seinem Herzen trägt, während sie ihm mit einer ruhigen, kühlen Sicherheit gegenübertrat, die in ihm ein Gefühl der Demütigung erweckte. Ein feines Lächeln huschte um ihre Lippen. Sie schien zu erraten, was in seiner Seele vorging. Mit offener Gebärde reichte sie ihm die Hand. „Aus gute Nachbarschaft, Herr von Petershagen . . ."■ Er beugte sich über ihre Hand, als ob er sie küssen wollte; rasch zog sie die Hand zurück, winkte noch einmal zum Abschied und ritt davon. Eitel Fritz sah ihr eine Weile nach!, wie sie ruhig und, sicher und doch weich und elegant in ihren Bewegungen über das Stoppelfeld trabte und allmählich, hinter einer Bodenwelle verschchand. Leicht ausseufzench wandte er sein Pferd zurück. Wenn 586 er doch auch sich diese stolze Ruhe hätte erwerben können. „Wollen Herr Baron sich noch die Moorwiesen ansehen?" fragte Wedemeyer. „Nein — ich reite nach Petershagen zurück. Lassen Sie sich nicht stören, wenn Sie hier noch zu thun haben. Ich finoe schon meinen Weg. Uebrigens bitte ich Sie, heute um sechs Uhr mit uns auf dem Schloß zu speisen — ich habe noch mancherlei mit Ihnen zu besprechen. Sie können doch abkommen?" „Gewiß, Herr Baron. Ich werde dem zweiten Verwalter die nötigen Weisungen erteilen." „Nun gut — auf Wiedersehen heute abend." „Ich habe die Ehre, Herr Baron . . ." Mit abgezogenem Hut saß der Inspektor im Sattel, tadellos und korrekt, die Schenkel zurückgenommen, das Pferd straff in dem Zügel haltend, sodaß es unbeweglich dastand. Eitel Fritz nickte ihm freundlich zu, die Haltung des Mannes gefiel ihm — dann galoppierte er davon. Ueber Herrn Arthur Wedemeyers hübsches Gesicht flog ein selbstgefälliges Lächeln. Er war mit dem Eindruck, den er auf seinen Chef gemacht hatte, zufrieden. „Mit ihm läßt sich schon auskommen", dachte er. „Man muß die Menschen nur zu nehmen wissen. — Und die Frau Baronin — Teufel, ist das ein schneidiges! Weib! Tiefe Augen — wie die mich gestern beim Empfang anblitzten — hm, ich! glaube, der Herr Baron steht mächtig unter dem Pantoffel. . ." Tie Erntearbeiten und die Moorwiesen schienen für Herrn Wedemeyer jedes Interesse verloren zu haben. Er gab einige ganz selbstverständliche Anordnungen, dann ritt er langsam und in Gedanken versunken nach Petershagen zurück. Tiefe abhängige Jnspektorstelle paßte seinem Ehrgeiz eigentlich durchaus nicht. Aber da er so gut wie gar kein Vermögen besaß, so waren für ihn die Aussichten, zur Selbständigkeit zu gelangen, sehr fragwürdig. Eine Zeitlang hatte er daran gedacht, sich um die Hand Else Brey- manns zu bewerben; denn der alte Breymann galt als ein wohlhabender Mann. Mer Else lachte über seine Galanterie, und als er einmal Ernst machte, und ihr seine Liebe in aller Form erklären wollte, da lachte sie ihn erst recht aus und schickte ihn mit einer kühlen, glatten Abfertigung nach Haus. „Wenn wir Freunde bleiben wollen, Herr Wedemeyer", fügte sie, „dann dürfen Sie nicht so ungereimtes Zeug schwatzen." Das hatte ihn denn doch gewaltig geärgert; denn er konnte sich über Unglück bei Frauen nicht beklagen. Er erinnerte sich, daß man ihm einmal von einem Liebesverhältnis zwischen Leutnant von Petershagen und Else erzählt, und er beschloß die Augen offen zu halten. Man konnte ja nicht wissen, ob sich aus dieser Kenntnis nicht irgend ein Vorteil herausholen ließ! XIV Irma hate sich eben erhoben, als Eitel Fritz von jeinem Morgenritte heimkehrte. Ungeduldig ging er im Speisezimmer auf und ab, um sie zu erwarten. Er hatte sich vorgenommen, mit ihr ein ernstes Wort über ihr ferneres Leben zu sprechen; er war des bisherigen Lebens überdrüssig und wollte fortan ein Leben der redlichen Arbeit und treuen Pflichterfüllung führen. Er wußte, daß Irma ihn schwerlich ganz verstehen würde, aber er wollte ihre Liebe anrufen, er wollte die Gegensätze auszugleichen suchen, die sich allmählich zwischen ihnen herausgebildet hatten. Er war mit den besten Vorsätzen heimgekehrt und hoffte, daß Irma sein ehrliches Streben anerkennen würde. Endlich! erschien sie. Sie sah reizend verführerisch m ihrem spitzenübersäeten Morgenkleide aus. Das dunkle Haar schmiegte sich in weichen Wellenlinien um ihre weiße Stirn, die Wangen zeigten eine leise Röte, nur die Augen blickten etwas matt und müde und waren von dunklen Ringen umgeben. Tie Bewegungen ihres schmiegsamen Körpers waren lässig und müde; eine ungesunde Weichheit lag in ihrer ganzen Erscheinung, die Eitel Fritz' heute zum erstenmale so recht auffiel, nachdem er die kraftvolle Gestalt Else Breymanns gesehen. Etwas katzenhaft Schmiegsames gegenüber der bewußten Kraft der Löwin! „Tu bist ja schon sehr früh ausgeritten", sagte sie lässig, ihm die weiche, weiße Hand reichsend. „Ja, und ich habe etwas Herrliches von diesem Riti heimgebracht", entgegnete er heiter. „Ta bin ich neugierig?" „Einen festen Entschluß.- . •" Sie sah verständnislos zu ihm auf. „Laß! uns zuerst frühstücken", fuhr er fort. „Tann erzähle ich Tir. Jetzt bin ich hungrig wie ein Löwe. . ." „Ich habe keinen Appetit", sagte sie. „Habe überhaupt schlecht geschlafen. — Tie Bäume rauschen so stark, undj der Lärm vom Wirtschaftshofe störte mW. . ." „Tn wirst Dich daran gewöhnen, liebe Irma." „Schwerlich^. Ich werde mein Schlafzimmer verlegen müssen. Man sieht, es schmeckt Tir. . ." Eitel Fritz ah und trank in der That mit einem gesunden Appetit, während Irma nur eine Tasse Kakao trank. Dann lehnte sie sich in den Sessel zurück uud beobachtete mit heimlicher Verwunderung ihren Gatten. Er kam ihr so verändert vor. Sein gelblich-blasses! Gesicht hatte eine gesunde Farbe erhalten und seine Augen blickten klar und heiter. „Du ißt nicht mehr?" fragte er nach! einer Weile. „Nein, ich danke. . ." „Auch ich bin fertig. — Friedrich-, lassen Sie uns allein.^ Ter alte Diener, der beim Frühstück aufgewartet hatW zog sich zuriick. Eitel Fritz erhob sich und ging einigemale im Zimmer auf,und ab. „Nun", fragte Irma, „was hast Tu mir mitzuteilen?" Er setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand. „Irma", sagte er freundlich, „hast, Tu schon über die Pflichten nachgedacht, welche nns ein großer ländlicher Besitz auferlegt?" „Ja — ich habe auch schon daran gedacht, daß wir eine Menge Besuche in der Umgegend machen müssen. Ruschst hat mir eine Liste gegeben — das ist recht lästig. . Er lachte. „So meinte ich es nun eigentlich! nicht, Schatz. Sondern ich dachte an die Arbeit, welche ein solcher Besitz mit sich bringt." „Arbeit?! Ich verstehe TW nicht . - •" „So laß Dir erklären. — Sieh, Petershagen ist ein alter Sitz meiner Familie. Seit Jahrhunderten haben meine Vorfahren hier gehaust, hier gelebt, hier gearbeitet. — Da ist es doch wohl natürlich, daß ich an Petershagen mit Liebe hänge." „Gewiß. Man weiß doch, wohin man sich einmal zurückziehen kann, wenn man der Erholung bedarf." „Sag' lieber, wenn man des Lebens da draußen in der Welt überdrüssig geworden ist!" „Ja — bist Tu es denn? — Ich glaubte bislang „Irma, versteh mich recht! — Tu selbst mußt fühlen, daß! wir so nicht weiter leben können. Wir ruinieren uns moralisch. . •" „Ah — ich bitte..." „Lege meine Worte nicht zu sehr auf die Goldwage.- — Ich meine, wir verlieren die Lust an der Arbeit, wir leiden an unserem Pflichtgefühl Schaden und legen den Hauptwert auf Tinge, die eigentlich sehr nebensächlich sind.- Ja, wir laufen in dem Leben, welches wir geführt haben, Gefahr, uns selbst, unsere Liebe, unser bestes Gefühl zu verlieren! — Sieh, Irma, es ist zwischen uns nicht alles sv, wie es sein sollte. Wir leben neben einander — wir lebest für die Gesellschaft — aber nicht miteinander, nicht für uns! Ich will Tir gern zugeben, daß W einen großen Teil dep Schuld trage. Ich hatte gehofft, nach meinem Abschrede vom Militär im Sport eine mich befriedigende Beschäftigung zu finden — aber der Sport und alles; was drum und drast ist, befriedigt mich nicht — ich bin unzufrieden geworden, ich sehne mich nach! einer ernsthaften Arbeit, die meine ganzü Kraft ersordert, nach einer ehrlichen, tüchtigen Arbeit. Wenn ich mW einer solchen Arbeit widme, wenn ich eine mich befriedigende Beschäftigung gefunden habe, dann werde ich auch wieder ein anderer — dann wirst Du TW über mich nicht zu beklagen haben, daß ich launisch! oder empfnrdlich bin." Sie hatte ihm zuerst mit Erstaunen, dann mit einem leicht spöttischen Ausdruck aus dem Gesichte zugehört. Als er schwieg, sagte sie, ironisch! lächelnd: Es ist nur gut, daß Tu eiusiehst, Hu trägst die Schuld. ftfetm nicht alles! so zwisch-en uns ift> wie es sein sollte. Ich Lenke, ich habe das Meinige gethan, um unsere Verhältnisse so angenehm wie möglich 51t gestalten und! Dir — auch! den alten Fannlienstammsitz! zu erhalten." „Irma! Willst, Tu jetzt von Deinem Reichtum sprechen? —" .Sie zuckte mit den runden Schultern. „Ohne Geld ist man nun einmal nichts in der Welt . . /< „Und ohne redliche Arbeit ist man ein — Lump . . ■“ ries er ärgerlich. „Ist es das, was Du mir mitzuteilen hattest?" fragte sie spöttisch. Er zwang sich zur Ruhe. „Verzeih", sagte er, „wenn ich heftig wurde. Tu siebst daraus, daß ich nervös verssimmt bin. Ich! will Dir keinen Borwurfmachen..." „Ich glaube, Du hast auch! kein Recht dazu." „Mag sein — ich hätte eher mit Dir sprechen müssen — ich hätte als Mann handeln müssen — aber, Irma, noch! ist es nicht zu spät. Es wird noch alles gut werden, wenn' wir beide den redlichen, ernsten Willen haben." „Aber ich weiß! noch nicht, worauf Tu hinaus' willst?" Nun denn, ich will die Bewirtschaftung von Peters- Hagen selbst übernehmen, und Tu sollst mir dabei zur Seite stehen." „Welche Idee! — Du verstehst doch! von der Landwirtschaft nichts — und ich? — Ich wüßte wahrhaftig nicht, wie ich Dir in der Bewirtschiastung zur Seite stehen sollte, r— Dazu hat man doch die Leute. . „Sieh Dir einmal Schwager Sannow und! meine Schwester Ruscha an! Würdest Tu ein solches Leben nicht schön finden? Sannow arbeitet und bemüht sich!, vorwärts zu kommen — er sieht mit Befriedigung auf den Lohn seiner .Arbeit. Und Ruscha ist die umsichtige Hausfrau, sie unterstützt -ihren Gatten, wo sie kann — sie sorgt für Ordnung in Haus und Hof und Garten —" „Und zählt die Eier, die die Hühner legen, und sieht nach, wie viel Liter Milch die Kühe geben, und füttert die Hühner und Tauben, Enten und Gänse! — Nein, mein Bester, das kannst Tu mir wirklich nicht zumuten. Zu einer solchen soliden Wirtschafterin fehlt mir jedes Talent." „Nun — dann werde ich die Wirtschaft auch! ohne Dich führen können." „Tu willst wirklich die Wirtschaft übernehmen?" „Und das ganze Jahr hier in Petershagen sitzen?" Irma erhob sich. Ein spöttisches Lächeln umzuckte ihre Lippen. „Verzeih — dafür fehlt mir jedes Verständnis. Du wirst mir dann schon erlauben müssen, den Winter über bei meiner Mutter in Berlin zuzubringen." „Tas werde ich- nicht erlauben . . ." . „So werde ich es ohne T-eine Erlaubnis thun." „Irma, ich- warne Dich! Tu gehörst zu mir — Du bist weine Frau und hast Dich meinen Wünschen zu fügen." Sie lachte jetzt laut auf. Dieses Lachen erregte sein Blut noch mehr. Er haßte seine Frau in diesem Augenblicke, und- mit drohendem Ausdruck in den Augen sprach er mit grollender Stimme: „Bringe mich nicht zur Verzweiflung, Irma — ich will mir durch Dich nicht mein ganzes Leben zerstören! lassen. Mein Entschluß steht unwiderruflich fest — wir werden hier auf Petershagen bleiben, und ich werde mich der Bewirtschaftung unseres Gutes widmen. Wie weit Tu Dich- darum bekümmern willst, muß! ich! freilich! Deinem Ermessen 'überlassen. Ich hoffe jedoch, daß Tu mit der Zeit auch; GeschMack an dem Landleben sindest. Heute zum Essen habe ich den Inspektor Wedemeyer eingeladen, um mit ihm das Nähere zu besprechen." Ueberlege Dir meine Worte — wenn Du, ebenso wie ich, den redlichen Willen hast, gut zu machen, was wir bislang versäumt haben, können wir uns noch- ein glückliches, zufriedenes Leben schaffen. :— Auf Wiedersehen heute bei Tisch". Ex verbeugte sich leicht und ging. (Fortsetzung folgt.). Kinder auf der Bühne. Von Wilhelm Asmus. (Nachdruck verboten./ , . , - „Die Armee sich immer muß neu gebären." Dieses Zitat aus „Wallensteins Lager" kann mit Fug und Recht auch aus den Nachwuchs für das Bühnenvölkchen in Anwendung gebracht werden; denn das bissel „frisches Blut", das ihm aus dem Nähr-, Lehr- und Wehrstande zufließt, würde den Bedarf der Nachfrage nicht decken, der jetzt mehr denn je zuvor auf den Börsen der Theater-Agenturen zu Tage tritt. Und in der That vermag jeder „kundige Thebaner" im Theateralmanach Hunderte von Namen zusammen zu addieren, die seit Olims Zeiten schon als darstellende Bühnenkünstler den heiteren wie den tragischen Dichtern ihre „plastische Phantasie" zur Verfügung stellten, um deren Werke im Reiche des schönen Scheins zu verkörpern und verlebendigen. So gießt es förmliche Schauspieler-Dynastien, die ihren Stammbaum bis auf den zehnten, ja bis auf den zwanzigsten Urahnen zurückführen können. Freilich hat sich daneben auch zu allen Zeiten stets ein immerhin ganz ansehnliches Kontingent hon neuen Namen und Geschlechtern eingefunden, allein im großen und ganzen suchen der verbummelte Student und der verkrachte Buchhalter, der entgleiste Offizier und der seinen eigentlichen Lebenszweck verfehlt habende kluge Mensch heutzutage lieber in anderen „Branchen" einen Hafen für ihr mast- und steuerlos gewordenes Lebens- schifflein. Aus den „Laienkreisen" hat dagegen in neuerer Zeit insbesondere das Kindermärchen der Schausptelerwel manches schöne Talent zugefiihrt. Ob man darüber in den Kreisen der Pädagogen allzusehr erfreut sein wird, welche den Glaubenssatz aufstellen, daß die Bühnenkunst (noch mehr wie die Politik) den Charakter verderbe, soll hier nicht des weiteren erörtert werden. Jedenfalls liegt es ja ungemein nahe, daß der berückende und bestrickende Bühnenzauber gar leichtes Spiel hat, die giolle des Rattenfängers von Hameln zu spielen, wenn sich ein mit lebhafterer Phantasie begabtes Kind einmal zufällig in seinen Bann stellt. Und wo könnte das leichter geschehen, als bei der Aufführung von Kindermärchen? Die Nachkommenschaft der Fachmänner und Fachfrauen reicht selten aus, um alle Rollen zu besetzen, die der Dichter nun einmal durch kleine Darsteller ausgeführt wissen will. Da muß dann die Werbetrommel gerührt werden, und die wird von so kundiger Hand geschlagen, daß ihr Lärm bis in die Schulstuben hineinklingt. So ein lustiger Springinsfeld, dem vielleicht schon längst das Hören, Sehen und Denken vor den Kathedern des gestrengen Herrn Magisters vergangen ist, wird sorglos sein Ohr weit öffnen, wenn diese Lockung an ihn herantritt. Lustig ist's auf alle Fälle: zu beobachten, wie diese kleinen Schelme, nachdem sie kaum Kulissenluft gerochen haben, sich befleißigen, das Gebühren der Großen uachzuahmen; zum Glück niuß die betreffende Nase eigens konstruiert sein, um die eigentümliche Atmosphäre der Bretterwelt als eine angenehme zu empfinden, wessen Geruchsorgan aber einmal dafür richtig „empfänglich" ist, erliegt deni Zauber ganz unbedingt. Mir erzählte darüber einmal — lang, laug ist's her! — der berühmte Heldenspieler Hermann Hendrichs in Berlin Folgendes: „Meine Schwester und ich sollten in -einem der ersten Weihnachtsmärchen für Kinder mitwirken. Ich erinnere mich noch lebhaft, daß ich die drei letzten Nächte vor der ersten Leseprobe im Theater vor Freude kaum chlafen konnte! Als wir nun endlich an dem heißersehnten Tage in die heiligen Hallen eintrateu, hielt sich mein Schwesterlein sofort mit dem Schnupftuch die Nase zu, während ich die mir geradezu balsamisch dünkende Luft mit vollen Zügen und wonnetrunken einatmete. Sie war eben nicht — empfänglich) dafür, und gab ihre Rolle schon nach der zweiten Probe ab. Der Mummenschanz käme ihr zu dumm vor, und in der Kulissenatmosphäre müsse sie er- licken. Ich aber schwur mir: wenn nicht zum Theater, dann lieber gleich in die Spree!" Als eines meiner Kindermärchen in einem größeren Stadttheater seine erste Aufführung erleben sollte, fand ch den Mut, meine Beklommenheit niederzukämpsen, die mich sonst immer von allen Proben ferngehalten hatte, und bei dem Anlaß that ichj denn auch! einen Einblick '.n die „kleine Eoulissenwelt". Gar drollig gings da zu. Tie Tuodez-Kvmödianten hatten natürlich schon Weihnachts- 688 — retten und konnten nun der Probe beiwohnen „mit Seele und Leib". Und wie sie das thäten. Selbst die Talentloseren und Nnbeholfeneren nahmen die Sache sehr ernst und ermüdeten in ihrem Spieleifer nicht tut mindesten obschon sie der Regisseur mit endlosen Wiederhiol- ungen der einzelnen Szenen plagte. Die Begabteren aber, die sich! sofort auf den weltbedeutenden Brettern heimisch fühlten und die „Prädisponierten", welche nicht dre Spur von „Lampenfieber" hatten, wußten mit oft geradezu staunenswertem Verständnis alle Weisungen des Bühnenleiters aufzufassen. Am besten hinter den Coulissen! Na- türlich redeten Inspizient und Requisiteur, diese hausbackenen Helfershelfer, die jugendlichen Menschendarsteller und Mensch^endarstellerin ohne viel Förmlichkeit mit dem Vornamen an: „Du, Schplz-Marie!" Da kamen sie an die Rechte. Das kleine Ding schnitt ihnen eine verachtungsvolle Fratze. Sie spielte die Rolle des „Klein-Däumling" und war schon ans der dritten Probe mit der Auffassung, ja sogar mit dem Detail der „Nuancierung fix und fertig". Es war eigentlich kein schönes Kind, diese Scholz-Marie, aber ihr listiges und lustiges Auge und ihr bewegliches Mienenspiel, das jeden inneren Affekt durchaus entsprechend kennzeichnete, verrieten, daß sie von allen Kollegen und Kolleginnen die „Prädisponierteste" sei. Und wie sie sich in der Garderobe, während sie aus der Szene nichts zu thun hatte, zu gebärden und zu benehmen wußte. „Ganz wie eine Alte", meinte der Komiker, der mich bei der Probe in einen Winkel zog, „um mich „die jüngere Konkurrenz" beobachten zu lassen. Wie ich von diesem hörte, hatten allerdings die „Alten" schon längst auf die angehende Aktion abgefärbt; denn die Mutter der Scholz-Marie, im übrigen eine sehr ehrenwerte, wenn auch! wicht mit Glücksgütern gesegnete Wittib, ernährte sich und ihre „Einzigste" hauptsächlich durch Logis-Vermieten an Schauspieler oder Sckauspielerinnen. So gehörte sie denn eigentlich damals schon sozusagen „zum Bau". Als ich ihr auf der Probe ein anerkennend Wort schenkte, meinte sie, in ihrer ganzen Höhe sich urkomisch aufrichtend: „Oh, Herr Doktor, dieses is so gut wie gar nischt. Wer am Abend da sollen Sie bloß sehen. Ich werde dem Publikum schon mit meinem „Däumling" zeigen, „was ne Harke is". Und wie selbstbewußt sie dieses in der Eoulissenwelt beliebte, seinem Ursprrmge nach recht dunkle Witzwort, von sich gab. Ich mußte unwillkürlich an Hermann Hendrichs denken: „Wenn nicht zum Theater, dann lieber gleich in die Spree!" Es war mir, der ich - seit jener Zeit viel herumgewandert bin, gleich dem verschlagenen Odysseus, ein besonderes Vergnügen, zu verfolgen, ob dieser oder jener jugendliche Menschendarsteller, der mir bei den Aufführungen meiner Weihnachtsmärchen als besonders talentvoll ausgefallen war, sich hernach das theatralische Kunstschasfen zum Lebensberuf gewählt hatte und wie er in demselben sodann Erfolg hatte. Bon der Scholz-Marie erfuhr ich lange Zeit nichts mehr. Im Theateralmanach ihr nachzuforschen, wäre" wohl vergebene Liebesmühe gewesen; denn den Namen teilte sie ja mit mancher anderen Schwester im Apoll. Im allgemeinen machte ich jedoch die Bemerkung, daß nun aus den Kiudermärchen-Darstellern Leute geworden waren oder richtiger: Herren und Damen, die im humoristischen Fach ungleich Höherwertiges leisteten. Das psychologische Moment, das uns dabei entgegentritt, ist nicht uninteressant. Von der Scholz-Marie (natürlich ist der Name ein erdachter, aber der richtige kommt im deutschen Vaterland ebenso ost vor, wie dieser) hätte ich schwören mögen: sie sei eine ausgezeichnete Naive oder Soubrette geworden. Und eines Tages schien sich diese Vermutung zu bestätigen. Ich hatte in einer kleinen Residenzstadt mit einem Verleger einen Vertrag persönlich zum Abschluß gebracht, und dieser lud mich! ein, den Rest des Abends erst im Hoftheater und dann in seiner Stammkneipe zu verleben.' In die letztere- kamen wir früher, als wir gedacht hatten; denn das Hoftheater blieb geschlossen, weil die Darstellerin der Titelrolle — plötzlich durchgegangen sei! Daß so etwas auch am Hoftheater vorkommt, ist eine Thatiache, die besonders registriert werden muß. Wohl aber begreift der Leser mein Staunen, als ich ganz beiläufig erfuhr, daß die Bewußte den für mich nun einmal bock interessanten "Namen, Fräulein Marie Scholz trage. Zwei Tage später machte ich an der Grenze von einer norddeutschen Hansestadt stuf der Eisenbahn die Bekanntschäft der flüchtigen Dame, die sich entschlossen hätte, mit ihrem „Bub'n" nach! Amerika durchzugehen. Die europamüde Jüngerin Thalias war übrigens eine echte Bayerin und daher — meine Schiolz-Marie auf keinen Fall! Wo nun aber in aller Welt steckte die richtige? Und welches! LoS hatten die Schtcksalsgötter ihr beschert? Um der Wahrheit getreu zu bleiben, muß ich diesä Skizze mit einer Silhouette schließen; denn das hübsche herzige Ding stellte sich! mir bei unserem Wiedersehen in gar trauriger Gestalt vor das Auge. Es ist gleichgiltig, wo dieses Wiedersehen stattfand. Eines Tages erhielt ich! ein mit grotesker Ornamentik verziertes Eouvert, welches die Direktions-Firma eines Chantants in Lapidarschrist zur Schau trug, und in bent Brief, den dieses Reklame-Couvert einschlvß, wurde ich von — „einer alten Bekannten" gebeten, der Vorstellung am selbigen Tage beizuwohnen. Die zierliche Handschrift, der hübsche Stil und ein ganz anmutender Humor veranlaßten mich, der ich sonst das Referat über die Vor-, führungen dieses Lokals meinem Lokalreporter überließ- das bewußte. Institut auszusuchen. Wer beschreibt meinen Schreck: als ich auf dem Programm das Gastspiel einer Gesellschaft von Zwergen angegeben finde, die einen Einakter von Roderich Bewedix zur Darstellung brachten. „Die Dienstboten" lautete ber Titel, und die Rolle der komischen Men spielte Marie Scholz. Ach und nur zu gut paßte die offenbar in ihrem Wachstum gänzlich Zurückgebliebene, nun schon Vierzigjährige in das Ensemble dieser Miniatur-Menschen! ^;hr Spiel war aber durchaus nicht dilettantisch, wie das der andern, der wirklichen Zwerge. Es lag ein urstischer Humor in ihrer Darstellung, und man sah es ihr an: sie fühlte sich ganz glücklich in dieser Wirksamkeit und in dieser Umgebung. Daraufhin ging ich denn getrost im Zwischenakt auf die Bühne, um die —■ „alte Bekannte" zu begrüßen. Unbefangen wie ein Kind kam mir Marie entgegen; ferne Falte bes Gesichtes verriet inneres Weh'. Hatte sie sich gewaltsam bezwungen, um sich in bas utrabäiiberliche, eigentlich doch schreckliche Los zu finden? Ober war sie wirklich so naiv, wie sie sich gab? Jebenfalls war fie nicht unglücklich, und doch lag eine Art von Pathos in ben weißen Silberfäden, die bereits das Haar der Vierzigjährigen durchzogen. Seltsames Rätsel! Die Eoulissenwelt hat derer gar viele, ich, weiß es, aber dies ist doch! oas größte, das an mich aus derselben herangetreten! Gemeinnütziges. Nicht zu viel Gewürze verwenden. Zur Zubereitung und Verbesserung der Speisen werden verschiedene Zusätze angewendet. Eine so wohlthatrge Gabe des Himmels die verschiedenen Speise^usätze sind, so können sie doch leicht dem Körper und seiner Gesundheit nachte ilig werden, wenn man sie entweder verkehrt anwenoet oder sich ihrer zu reichlich und häufig bedient, tnbent fie die Wallung int Blute und Vollblütigkeit des Unterleibs begünstigen, ja selbst Blutflüsse Hervorrufen können, was namentlich von den exotischen Gewürzen gilt, von denen wir folgende benützen: den spanischen Pfeffer, den Nelken^ Pfeffer, die Cubeben, den Ingwer, die Vanille, den Zimmet, dre Gewürznelken, die Cardamomen, die Muskatnuß und Muskatblüte, die Kapern und die Schale der Zitronen und Pomeranzen, (Prakt. Wegw, Würzburg.) P y r a m i d e. (Nachdruck verboten.) G ' A ® @ © A A B @®©@© DEGII* ®e©©©®®MNNKKSU An Stelle der Punkte vorstehender Figur sind die daneben stehenden Buchstaben zu setzen, sodaß die mittelste senkrechte Reihe eine» schmackhaften Vogel, die drei wagerechlen Reihen ohne die Spitze folgendes bedeuten: Technisches Hilssmittck, weiblicher Vorname, große deutsche Stadt. (Auflösung in nächster Nummcrp Zluflösung des Arithmogriphs in vor. Nr.: Oktober, Korb, Torte, Otto, Boot, Ebro, Robert. Redaüion: 5. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schcn Univerfitäts-Buch- und Steindrucke!« (Pietsch Erben) in Gießen.