Samstag den 14. Dezember. Nr. 179. 1901. ■ijr WÄL-ft 8 8 NM H «K M Aollc nur einerlei, und das wolle von Herzen! T M. Claudius. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Aber die späte Besucherin fürchtete sich nicht vor dieser Gefahr. Sie war rasch hereingeschlüpft und hatte sich wie jemand, der mit der Oertlichkeit bereits vertraut ist, bis zu der Thür des linker Hand gelegenen Wohustübchens getastet. Hier verbreitete die Petroleumlampe, die vor einer aufgeschlagenen Bibel auf dem Tische stand, trauliches Licht, und die alte Frau, die erst hinter ihrem Gast eingetreten war, rückte geschäftig den altväterlichen Lehnstuhl zurecht, in dem sie selbst bis dahin lesend gesessen hatte. „Bitte — nehmen Sie Platz, mein liebes Fräulein! Darf ich Ihnen ein Täßchen Kaffee anbieten? — Es ist so kalt draußen. Und ich glaube gar, Sie sind, zu Fuß gekommen ; denn einen Wagen hätte ich wohl gehört." Felicia hatte den dargebotenen Sitz nicht angenommen. „Ich danke Ihnen, Frau Limbach! Mir ist nicht kalt, und Sie sollen sich Meinetwegen durchaus keine Unbequemlichkeiten machen. Einen großen Dienst aber sollen Sie mir allerdings erweisen. Ich muß noch einmal Ihre Gast- freundschaft in Anspruch nehmen —nur für wenige Stunden; denn ich reise jedenfalls schon vor Tagesanbruch wieder ab." „Lieber Himmel, wenn Ihnen mein Schlafkämmerchen nicht zu schlecht ist — Sie wissen, daß ich es Ihnen mit tausend Freuden überlasse. Und Sie sollen mir nicht wieder etwas dafür zahlen wie neulich, als Sie mir gegen meinen Willen die beiden Zwanzigmarkstücke auf die Kommode legten. Ich bin so sehr in Ihrer Schuld, daß Sie mir schon das kleine Vergnügen gönnen sollten, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen." „Nun, darüber können wir ja später sprechen, Frau Limbach! Die Kleidungsstücke, die Sie mir damals geliehen haben, sind doch wieder in Ihren Besitz gelangt?" „Gewiß! Ich habe sie mit der Post erhalten. Aber das hätte nicht so sehr geeilt. Meine arme Marie, von der sie herstammen, hat sie da drüben unter der Erde nicht mehr nötig." Sie fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen, wie immer, wenn sie den Namen ihrer vor wenig Wochen nach langem Siechtum gestorbenen Tochter nannte. Aber in der nächsten Sekunde schon war sie wiener ganz voll emsiger .Sorge um ihren vornehmen Gast. „In der Kammer ist noch alles so, wie Sie's in dep vorigen Woche verlassen, haben, Fräulein Rubarth! Ich schlafe ja hier im Wohnzimmer, weil ich da hinten zu sehr an die Verstorbene erinnert werde. Und ich mochte Ihre Sachen nicht erst wegpacken, weil ich immer erwartete, daß sie abgeholt werden würden. — Aber, guter Gott, mein liebes, gnädiges Fränlein, was haben Sie denn mit Ihrem wundervollen Haar gemacht? — Sie haben sich's ja wohl gar abschneiden lassen?" Sie hatte erst jetzt die große Veränderung wahrgenommen, die seit der Nacht, da Felicia zum ersten Male ihre Gastfreundschaft beansprucht hatte, mit der jungen Amerikanerin vorgegangen war. Die prächtigen, dunklen Flechten, über die sie sich noch vor wenigen Tagen mit so großer Bewundernng geäußert hatte, während sie ihrem schönen Gaste beim Umkleiden behilflich gewesen war, sie waren in der Thal verschwunden, und unter dem Schleier verbarg sich ein fchwarzlockiges Ti tus'köp scheu, das sie gar fremdartig anmutete. „Ja, ich habe mich dazu entschließen müssen, weil mir das schwere Haar bei meinen häufigen Migräneanfällen zu lästig wurde. Hat es mich sehr zu meinem Nachteil ver-, ändert?" Felicia hatte den Hut abgenommen und war näher an die Lampe herangetreten. Fran Limbach schob die Brille, deren Gläser ihr zumeist vor der Stirn saßen, auf die Nase herab, um besser zu sehen. Dann schüttelte sie den Kopf: „Nein, zu Ihrem Nachteil gewiß nicht! Wer so schön ist tote Sie, den kleidet am Ende alles. Aber schade ist's doch — jammerschade! Ich habe mein Lebtag nicht so herrliches Haar gesehen." „Nun, der Verlust ist ja nicht unersetzlich! Wollen Sie jetzt die Freundlichkeit haben, liebe Frau Limbach, die Schlafstube zu erleuchten? Ich möchte mich darin umkleiden." „Ich gebe Ihnen natürlich meine Lampe; denn die kurze Zeit, bis ich zu Bett gehe, behelfe ich mich hier sehv gut mit einer Kerze." „Sie sind sehr freundlich. Und jedenfalls dürfen Sie um meinetwillen nicht länger aufbleiben, als Sie's gewöhnt sind. Ich werde vielleicht heute abend noch einmal fort müssen, aber ich — —" „Wie? Heute abend noch?" fiel die alte Frau ganz bestürzt ein. „Aber es ist ja beinahe neun Uhr. Und Sie können doch nicht um diese Stunde ganz mutterscelen-, allein--" „O, für mich brauchen Sie niichts zu fürchten. Die Gefahren, die mich auf der Straße bedrohen könnten, haben keine Schrecknisse für mich. Aber ich, will nicht, daß,Sie meinetwegen noch einmal aus Ihrem bequemen Lehnstuhl da aufstehen müssen — hören Sie? — Ich will es durchaus nicht. Und Sie würden mich aufrichtig betrüben, wenn Sie es dennoch thäten. Ich finde mich, ganz allein zurecht, und wenn Sie mir den Hausschlüssel geben, brauchen Sie sW 714 weder um mein Fortgehen, noch um mein Wiederkommen zu bekümmern." Frau Limbach wollte noch eine Einwendung machen; aber Felicia wiederholte ihr Verlangen in einem so dringenden Tone, daß die Frau ihr wohl versprechen mußte, sich ihrem Willen zu fügen. Sie zündete ein Licht au, und nahm dann die Lampe auf, um ihren Besuch in das an der anderen Seite der Diele legene Schlafstübchen zu führen, darinnen die arme, frühzeitig hingewelkte Marie die letzten Monate ihres freudlosen Daseins zugebracht hatte. Au einem §afen in der Wand, sorgfältig mit einem sauberen weißen Leintuche zugedeckt, hing das Helle Kleid, das Felicia an ihrem Polterabend getragen, und an einem anderen der graue Pelerineumantel des Assessors nebst seinem weichen Filzhute. „So! — Ich danke Ihnen, liebe Frau", sagte die Amerikanerin, indem sie ihr die Lampe aus der Hand nahm, „und ich wünsche Ihnen gleich jetzt Gutenacht! Morgen früh mit dem Sechsuhrzug gedenke ich wieder abzureisen, und ich werde natürlich nicht unterlassen, mich vorher von Ihnen zu verabschieden. Sollte ich aber wider Erwarten in dem Hause zurückgehalten werden, wo ich heute abend noch einen Besuch machen will, und sollte ich deshalb nicht zurückkommen, so ängstigen Sie sich meinetwegen nicht. Sie werden dann schon im Laufe des Tages von mir hören." Sie hatte es offenbar sehr eilig, allein zu sein; denn sie schob ihre Wirtin fast zur Thüre hinaus, und Frau Limbach hörte deutlich wie diese Thür hinter ihr verriegelt wurde. Kopfschüttelnd kehrte sie in ihr Wohnzimmer und zu ihrer unterbrochenen Bibellektüre zurück. Sie hatte bei Felicias erstem Erscheinen ebensowenig eine neugierige Frage an sie gerichtet, als sie es heute gethan, wie unbegreiflich es ihr auch sein mochte, daß diese reiche und vornehme junge Dame nun schon zum zweite« Male nächtlicher Weile hier in ihrer armseligen Hütte eine Zuflucht suchte. Die Dankbarkeit und die aufrichtige Verehrung, welche sie für die fchöne Amerikanerin hegte, hatten ihr die Lippen verschlossen. Denn Felicia war für sie die leibhaftige Verkörperung der Großmut und der edelsten Nächstenliebe, seitdem ihre Freigebigkeit die letzten Wochen der armen Marie fast zu den heitersten und sorglosesten ihres ganzen Daseins gemacht hatte. Einem glücklichen Zufall nur hatte sie es damals zu danken gehabt, daß die junge Fremde von ihrer Existenz erfuhr. Weil ihre Tochter in leidlich gesunden Tagen allerlei Näharbeiten für die Inhaberin des von Felicia bewohnten Pensionats ausgeführt hatte, war Frau Limbach eines Tages, da Not und Kummer besonders schwer auf sie drückten, zu jener Dame gegangen, um ihren Beistand für die hoffnungslose Kranke zu erbitten. Sie hatte eine kaltherzige Abweisung erfahren, aber Felicia, die im nebenan gelegenen Konversationszimmer jedes Wort der Unterhaltung gehört hatte, war ihr auf die Treppe hinaus gefolgt, hatte ihr ein Goldstück in die Hand gedrückt und sich ihre Adresse geben lassen. Am nämlichen Nachmittag schpn war sie in einer Droschke angefahren und hatte allerlei gute Tinge mitgebracht, von denen sie annahm, daß sie dem leidenden Mädchen Erquickung bereiten oder Freude machen würden. Und das traurige Bild, das sich bei diesem Besuche ihren Blicken dargeboten hatte, mochte wohl ihr Mitleid in hohem Maße erregt haben: denn in kurzen Zwischenräumen war sie wiedergekommen — jedesmal wie eine gute Fee mit Ge- fchenkeu reich beladen, und überdies durch ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit von Trost und lichtem Sonnenschein in die Kammer der Kranken tragend. Die arme Marie, die wie zu einem überirdischen Wesen anbetend zu ihr aufblickte, hatte jedes Mal nach ihrem Weggange die Stunden bis zu ihrem Wiedererscheinen gezählt, und Frau Limbach hatte ihr mehr als einmal mit Thräuen freudiger Rührung versichert, daß ihre Dankbarkeit nur mit ihrem Tode würde erlöschen können. Was ihre Armut der vornehmeu Fremden zu gewähren vermochte, das hatte Frau Limbach Felicia am Abend ihrer Flucht aus dem Hause ihres Bräutigams freudigen Herzens gegeben: ein Obdach für die Nacht und einige Kleidungsstticke aus Mariens Nachlaß, die es Felicia ermöglichten, (int1 nächsten Morgen in einem unauffälligen Anzug nach N. abzureisen. Das Beste und Wertvollste an ihrem Beistands aber war die achtungsvolle Zurückhaltung gewesen, mit der sie ihn geleistet hatte. Konnte sie auch im ersten Moment ihre Ueberraschüng und ihr Erstaunen nicht ganz verbergen, so hatte sie doch sehr schnell begriffen, daß jede Aeußerung der Neugier oder einer unerbetenen Teilnahme ihrem jungen Gaste peinlich fern müsse, und sie hatte mit jenem seinen Zartgefühl, das den Armen oft in so viel höherem Maße eigen ist, als den vom Glücke Begünstigten, auf das ängstlichste alles vermieden, was einer offenen oder umschriebenen Frage ähnlich gesehen hätte. Und ganz so war sie auch heute Verfahren, obwohl ihr dieser zweite abendliche Besuch mit all seinen seltsamen und geheimnisvollen Nebcnumständen gewiß nicht weniger befremdlich war, als der erste. Was ihr Felicia Rubarth nicht etwa ans freien Stücken sagte, das brauchte sie auch nicht zu erfahren. Etwas Schlimmes und Sträfliches war es ja gewiß nicht, das die hochherzige Wohlthäterin der armen Marie zu ihr geführt hatte; und wenn es, wie sie vermutete, irgend ein schweres Mißgeschick war, so stand es ihr viel besser an, ihr zu helfen und nach ihrer frommen Gewohnheit für sie §11 beten, als ihr mit dringlichen Fragen lästig zu fallen. --- Sobald sie gehört hatte, daß drüben die Wohnzimmer- thür hinter der alten Frau zugefallen war, hatte Felicia ihren Mantel abgeworfeu und das Baud gelöst, das ihren Kleiderrock um die Taille festhielt. Er glitt zu Boden, imbi das junge Mädchen hatte sich wie durch ein Wunder mit einem Schlage in einen bildhübschen Jüngling verwandelst Wenn es wirklich, wie sie der Frau Limbach gesagt hatte, ihre Absicht war, noch einen Besuchs zu machen, so mußte ihr außerordentlich viel daran gelegen sein, dasi Ziel ihres Weges unerkannt zu erreichen; denn sie hatte unter dem Frauenmantel einen vollständigen Männeranzug angelegt, und auch ihr herrliches Haar mochte nur für diesen einzigen Zweck geopfert sein. Nun nahm sie den! Mantel des Assessors vom Haken und wußte ihn mit weiblicher Geschicklichekit durch Anwendung einiger mitgebrachter Sicherheitsnadeln um so viel zu verengern, daß er zu einem leidlich passenden Kleidungsstück für sie wurde. Eine gleiche Behandlung erfuhr der Filzhut ihres bisherigen Verlobten. Und als sie ihn nun auf ihr kurzlockiges Haar gedrückt hatte, würde sicherlich niemand ohne eine lange, und eingehende Betrachtung das Weib in ihr erkannt haben. Wenige Minuten nur hatte Felicia mit dieser Vor- bereituug für ihre Maskerade verloren. Nun griff sic nach dem Hausschlüssel, den Frau Limbach für sie auf den Tisch gelegt hatte und wandte sich zum Gehen. Aber noch einmal blieb sie stehen, um die Knöpfe des Mantels wieder zu öffnen. Aus der Seitentasche des knapp anliegenden Herrenjacketts, das sie darunter trug, zog sie einen kleinen, dunklen, im Lampenlichte mit mattem metallischem Glanze auf- blinkenden Gegenstand, den sie eine Sekunde lang aufmerksam betrachtete und dann in die rechte Außentasche des Mantels steckte, wo er ihr sehr viel bequemer zugänglich war als au seinem bisherigen Platze. Wie ein Fieberfrösteln machte es ihre schlanke Gestalt erbeben, aber sie wollte nicht schwach werden und richtete! sich mit einer energischen Bewegung straff empor. „Rein, keine Feigheit!" sagte sie halblaut vor sich hin. „Kanu er mir meine Freiheit nicht wiedergeben, so will ich vor seinen Augen sterben. Und er soll nicht zum zweiten Mal die Genugthuuug haben, mich deni Tode zu entreißen."- Sie schob den Riegel zurück uud ging leise hinaus. Vorsichtig tastete sie sich über die finstere Diele, öffnete mit ihrem Schlüssel möglichst geräuschlos die Hausthür und schlüpfte hinaus, um sie ebenso behutsam wieder zu verschließen. Dann ging sie mit raschen Schritten die stille, dunkle Straße hinab, und war bald nach jener Richtung hin verschwunden, wo die Gebäude der neu errichteten Heilstätte lagen. Trotz der von Felicia beobachteten Vorsicht hatte Frau Limbach indessen deutlich gehört, daß ihre Besucherin sich entfernte, und sie hatte zugleich deu Entschluß gefaßt, bis zu ihrer Rückkehr aufzubleiben, da sie sich überzeugt hielt, in ihrer Sorge um das junge Mädchen doch keinen Schlummer finden zu können. Sie steckte statt der fast herabgebrannten eine neue Kerze in den Leuchter und bemühte sich, alle ihre Gedanken auf den für sie oft sehr dunklen Sinn der Worte zu richten, welche sie las. Wer die Müdigkeit und das schlechte flackernde Licht ließen ihre Lider schwerer und chwerer werden. Ein paar Mal wohl gelang es ihr noch, ich dem Halbschlummer zu entreißen, dann aber reichte die Kraft ihres. Willens nicht mehr dazu aus, und vom 716 Schlaf überwältigt, sank sie gegen die Lehne ihres Armsessels zurück. Eine kleine, eiskalte Hand, die mit festem Druck ihre rechte erfaßt hatte, rüttelte sie plötzlich aus dem sanften Schlummer auf. „So erwachen Sie doch, Frau Limbach!" klang es an ihr Ohr. „Ich habe mit Ihnen zu sprechen-" Es war Fräulein Rubarth, die vor ihr stand, angethan mit derselben Kleidung, in der sie am Abend Einlaß begehrt hatte, aber mit gespensterhast bleichem, verstörtem Gesicht und unnatürlich großen, flackernden Augen. „O, du grundgütiger Himmel — wie sehen Sie aus, mein liebes Fräulein! Gewiß ist Ihnen nun doch unterwegs was Schlimmes widerfahren?" „Nein! Aber fragen Sie mich nichts! Wenn ich Ihnen sage, daß mein Lebensglück und vielleicht mein Leben selbst an Ihrer Verschwiegenheit hängt, wollen Sie mir dann versprechen, zu schweigen?" Die alte Frau, die sich rasch vollständig ermuntert hatte, konnte diesmal ihr Erstaunen und ihre Bestürzung nicht verbergen. „Natürlich will ich's, Fräulein Rubarth! Aber was könnte ich denn überhaupt ausplaudern, da ich doch gar nichts zu erzählen wüßte?" „Sie dürfen keinem Menschen sagen, daß ich bei Ihnen gewesen bin — daß Sie mich in dieser Nacht gesehen haben. Bei dem Andenken Ihrer Tochter müssen Sie mir schwören, daß niemand es von Ihnen erfahren wird." „Aber weshalb, um Gotteswillen--" „Sie sollen mich nicht fragen! Später werde ich Ihnen alles mitteilen. Wollen Sie es mir schwören?" „Ja doch — ja! Glauben Sie denn, daß sich jemand bei mir danach erkundigen könnte?" „Nein, ich glaube es nicht, aber es wäre immerhin nicht ganz und gar unmöglich. Und wenn es geschähe, so müßten Sie eben erklären, Sie hätten mich seit der vorigen Woche nicht wiedergesehen." „Das würde mir freilich rechtschaffen sauer werden, liebes Fräulein! Denn auf das Lügen habe ich mich all' mein Lebtag schlecht verstanden. Aber wenn Sie mir sagen, daß es sein muß, weil Ihr Lebensglück davon abhängt, so will ich es thun." „Es soll, bei Gott, nicht zu Ihrem Schaden sein, Frau Limbach! Wenn Sie Ihr Versprechen halten, werde ich Sie bis an Ihr Lebensende vor jeder Sorge bewahren. Ich bin reich — sehr reich; und es kostet mich nicht das geringste Opfer, Ihnen ein heiteres, glückliches Dasein zu schaffen. Sie sollen nicht mehr um Ihr tägliches Brot arbeiten müssen. Und was Sie etwa noch an besonderen Wünschen auf dem Herzen haben — alles, alles will ich Ihnen erfüllen." Mit fliegendem Atem, in hastig hervorgestoßenen, sich überstürzenden Worten hatte sie es gesprochen. Und dabei zuckte es so seltsam in ihrem Gesicht, daß die alte Frau von einer großen Bangigkeit befallen wurde. „Aber ich verlange gar keine Belohnung, ment liebes, teures Fräulein", sagte sie. „Und ich würde gern tausend Mal mehr für sie thun, wenn ich Sie damit wieder so heiter und glücklich machen könnte, wie sie es damals waren, als meine arme Marie noch lebte. Sehen Sie: ich bin eine alte Frau und schweigsam wie das Grab. Können Sie mir denn nicht anvertrauen, was Sie bedrückt?" Aber Felicia schüttelte heftig den Kops. „Nein, nein, wenigstens nicht jetzt. Wollen Sie mir noch etwas Liebes erweisen außer dem, um was ich Sie gebeten habe, so bereiten Sie mir jetzt einen starken Kaffee. Und wenn er fertig ist, lassen Sie sich durch meine An-j Wesenheit nicht länger um Ihre Nachtruhe bringen. Auch! ich werde die wenigen Stunden bis zum Abgänge meines Zuges zu verschlafen suchen." (Fortsetzung folgt.) Weihyachtsgebäck. Eine zeitgemäße Plauderei von Anna Detten (Stuttgart). (Nachdruck verboten.) Mit Fug und Recht Preisen wir die „fröhliche, selige,- gnadenbringende Weihnachtszeit", die da in unseren Kleinen heimliche Ahnungen und sehnlichstes Verlangen weckt, während sie in den Erwachsenen eine Fülle wehmütig-seliger Erinnerungen hervorrust. .Schon geraume Zeit vor dem Feste beginnt, da die rührigen und hilfsbereiten Heinzelmännchen nur noch in alten Sagen Vorkommen, in jedem Hause eine gesteigerte Thätigkeit, ein eifriges Rüsten und Arbeiten, das auch auf die Küche sich erstreckt. Es darf nämlich, wenn Vvir dem poetischen Zauber des Weihnachtsfestes die Rede ist, doch nicht ganz übersehen werden, daß auch etwas Materielles dabei mitspielt — in erster Linie die verschiedenen Weihnachts- gebäcke. Jeder Volksstamm, jede Landschaft beinah hat deren besonders geartete uitd benannte aufzuweisen, die nach altüberlieferten Rezepten hergestellt, am Christabend in reicher Fülle gespendet werden. Den Kindern wässert schon vorher der Muttd danach, wenn sie übrig gebliebene Teigreste verzehren dürfen, und sie können sich gar keinen richtigen Christabend ohne das herkömmliche Weihnachtsgebäck vorstellen.' Den Großen aber, die etwa fern von der Heimat sind, schickt man ihren Anteil, sorgfältig verpackt, rechtzeitig zu, damit sie in der Fremde eine echte Weihnachtsfreude haben. Es ist bekannt, daß viele von diesen Bäckereien auf den altgermanischen Opferdienst zurückdeuten. Es wurden Bilder von den Göttern und den ihnen geheiligten, und beim Fest der Wintersonnenwende zum Opfer dargebrachten Tiereit in Teig geformt und gebacken, tote man das heute noch in Schweden findet. Später kamen dann alle möglichen Tiergestalten, in Teig, Zucker oder Marzipan geformt, auf den Weihnachtsmarkt. In Schlesien und Sachsen werden, tote Ortwein in seinem Buche „Deutsche Weihnachten" anführt, „Männer und Schweine", in Steiermark Männer und Hirsche aus Semmelteig gebacken. In Schwaben hat man zu Weihnachten „Springerle", ein Backwerk mit darauf gepreßten Menschen und Tieren, Blumen usw. Im mittleren und nördlichen Deutschland herrschen die Christstollen, Christwecken und -striezel vor; im südlichen ein Gebäck aus gedörrten Birnen oder Birnenmus, Rosinen, Feigen, Honig und dergleichen; int schwäbischen Gebiete Huzelbrot, im bayrisch-österreichischen Klötzen- oder Klezenbrot geheißen (Hutzel, Klözen sind gedörrte Birnschnitzel). In Steiermark werden außerdem noch die Putizen gebacken, ein strudelartiges Gebäck mit Nuß oder Mohn gefüllt. Besonders beliebt sittd fast in ganz Deutschland die Pfefferkuchen, mit Honig zubereitete Lebkuchen, deren berühmteste Gattung in Nürnberg gebacken wurde und, tote auch in Thorn, noch wird." Bereits itt altchristlicher Zeit waren mit Honig und Butter zubereitete Kuchen eine beliebte Weihnachtsspeise. Sie sollten an den Ausspruch des Propheten Jesaias 7, 15, nachdem unmittelbar vorher die Geburt des Sohnes von der Jungfrau verkündet ist, erinnern: „Butter und Honig wird er essen, daß er wisse, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen." Daher auch der uralte Brauch, den Kindern nach der Taufe Milch und Honig vermischt einzuflößen. Süß- liebte man die Weihnachtsbäckereien; dadurch kam neben dem Honig auch der Mohn zur Geltung: in Steiermark Honig- und Mohnstrudel, in Mähren Mohnknödel, in Schlesien Mvhnklöse, in der Mark Mohnpielen. Daß man ursprünglich in der Form auch vielfach das in Windeln gewickelte Jesuskind wiederzugeben suchte, lassen noch die beliebten Dresdener Christstollen erkennen, die aus seinem Weizenmehl mit Zuthaten tion Rosinen und Korinthen und feinen aromatischen Würzen bereitet iverden. Ein gewürztes Gericht hieß ehemals „Pfäffer", und davon ist unseren Pfefferkuchen und Pfeffernüssen der Name verblieben, wenngleich der Teig dieses Gebäcks wohl Honig und mannigfache Gewürze, jedoch keine Spur von Pfeffer enthält. Bezeichnender ist jedensalls der Name Honigkuchen, wofür mau wieder in Süddeutschland „Lebkuchen" sagt. Die Silbe „Leb" wird verschieden gedeutet; vielleicht hat der alte Christoph Weigel Recht, wenn er meint: „Weil der Honig, sowohl innerlich als äußerlich gebraucht, ein zur Lebensunterhaltung sehr dienliches Mittel ist und viele hundert Jahre bewährt befunden worden, daß mancher sein Leben dadurch sehr hoch gebracht und nächst Gottes Beihilfe ein hohes Alter erlanget, so mag der von Honig bereitete Kuchen hiervon den Namen „Lebkuchen" bekommen haben, als welcher das Leben gleichsam stärke und mit neuer Kraft begebe." Nach altem Brauch ist es der Leibkompagnie des preußi- schett Ersten Garde-Regiments zu Fuß Gerechtsame, dem obersten Kriegsherrn und allen kaiserlichen Prinzen, die beim Regiment geführt werden, Pfefferkuchen zu Weih- — 716 — nachten schenken zu dürfen. Die Ueberreichung des m Potsdam hergestellten Gebäcks findet am Vormittag dev 24 Dezember durch den Kommandeur der Leibkompagnie statt Außerdem schenkt aber auch die Stadt Thorn jede Weihnachten dem Kaiser und der Kaiserin, sowie den groß- jähriqen kaiserlichen Prinzen Honigkuchen, von denen jeder nach altüberlieferter Gewohnheit bei einem Gewicht von 9 Kilogramm 70 Zentimeter lang, 40 Centimeter hoch ist. ^eder Kuchen wird besonders verpackt und erhält als Beigabe 180 Thorner Katharinchen und 150' Stück Lebkuchen. Tie iogen. Thorner „Katharinchen" sind von der Schwester Katharina des Bernhardiner-Cistercienserklosters bei Thorn, —1312 erbaut — erfunden. Wie auch die braunen Pfeffernüsse am besten geraten, wenn sie aus möglichst altem Teig gemacht werden, io wurden ursprünglich die „Katharinchen" au« fünfzigjährigem Honnigkuchenteig gebacken. Auch der Thorner Mandelkuchen ist mit Mandeln belegter Honigkuchen. , , t vUe diele Weihnachtsgebäcke, wie auch der Königsberger Marzipan, die Haller intö Braunschweiger Pfefferkuchen, die Erlanger niti) Nürrcherger Lebkuchen, die Aachener Printen, die Frankfurter Brenteii oder Brendan und dm Baseler Leckerli »sw. werden in neuester Zeit massenhaft hergestellt und in alle Welt versandt. Die wohlschmeckendsten Weihnachtsbäckereien sind und bleiben aber doch diejenigen, welche daheim von der fleißigen Hausfrau selbst hergestellt und auf die Teller unter dem Christbaum gelegt werden. Zum Schluß seien daher noch einige wohlerprobte Rezepte solchen Gebäcks. zu Nutz und Frommen unserer geneigten Leserinnen hier mitgeteilt. Gutes Weihnachts-Spekulatius erfordert 5 Pfund Mehl, zweieinhalb Pfund Zucker, 1 Pfund Butter, 9 Eier, 3Theelöffel Zimmet, 2 Muskatnüsse, fein gerieben, zlvei Messerspitzen, etwa einen halben Theelöffel gestoßene plägelchen (Nelken) und eine Messerspitze Hirschhornsalz. Man mengt davon einen Teig, hält jedoch ungefähr einhalb Pfund Mehl zum Streue» zurück; der Teig darf nicht zu dünn ausgerollt werden. Man nimmt Holzformen zum Aus- dr'icken oder Blechformen zum Ausstechen imb läßt hierauf das Spekulatius hellgelb backen. In einer Blechliste oder einer zugedeckten Porzellanschüssel kann man es, wie die meisten ähnlichen Weihnachtsbäckereien, wochenlang frisch erhalten. ' Vanille-Brötchen: 7 Eier, 50 Gramm Vanillezucker, 1 Pfund Zucker und 1 Pfund Kaisermehl. Die Eier werden mit dem Zucker eine Stunde lang gerührt, dann kommen der Vanillezucker und das Mehl hinzu. Schließlich formt man von der Masse Häuschen und setzt diese auf ein mit Butter bestrichenes Blech, Ein anderes Rezept: I Pfund Zucker ivird mit 5 Eiern eine Stunde lattg gerührt, 10 Gramm gestoßene Vanille und dreiviertel Pfund Mehl darunter gemengt. Die Häufchen, welche man daraus formt, setzt man ebenfalls auf ein bestrichenes Blech und läßt sie gar backen. Chokolade-Makronen: 500 Gramm Zucker, 4o0 Gramm süße und 50 Gramm bittere Mandeln werden fein gerieben/ ebenso 150 Gramm Chokolade, zuletzt mit dem Schnee von 8 Eiern gut durchgerührt. . Ma» formt mit einem Kaffeelöffel kleine Häufchen von der Masse und backt sie aus einem mtt Butter ab gerieben en Blech. Anisbrot: IPfund Butter wird mit der abgeriebenen. Schale einer Citrone und 8 Eiern eine halbe Stunde lang gerührt, dann kommt 1 Pfund Kaisermehl und 1 Eßlöffel Anis hinzu. Auf einem mit Butter bestrichenen und mit Mehl bestreute» Blech formt man von der Masse zwei lange Leibe, die gebacken werden. Nachher werden sie in Scheiben geschnitten und nochmals zum Rösten in den Backofen gebracht. - Mand elhäufchen: 6 Eiweiß werden zu einem steifen Schnee geschlagen und mit 1 Pfund Zucker dick verrührt, dann mit 1 Pfund abgebrühter und in längliche Scheiben geschnittener Mandeln vermischt. . Man erhält davon etwa 56 Häufchen, die auf ein mit Butter bestrichenes und mit Oblaten belegtes Blech gesetzt werden. Zim niet st er ne: 6 Eiweiß werden zu einem steifen Schnee geschlagen, dann mit 1 Pfund Zucker, 1 Eßlöffel feingestoßenem Zimmet und etwas Citronenschale verrührt. Von dieser Masse stellt man ungefähr eine halbe Tasse voll Redaktion: E. Burkhardts — Rotationsdruck und Verlag der Brü zurück zum Bestreichen. Zu der Hauptmasse kommt noch 1 Pfund ungeschälter, feiner Mandeln; sie ivird hierauf einen halben Centimeter dick mit Zucker ausgewellt, mittelst einer blechernen Sternform ausgestochen, die Sterne mtt der zurückgestellte» Masse bestrichen und in nicht zu heißem. Ösen gebacken. „z ; . Damit genug für diesmal. Möge überall, das ist ment eifrigster Wunsch zum Schluß, das Weihnachtsgebäck, wohl geraten und schön ausfallen, damit es den Kleinen tote den Großen gleich gut munde und bekomme, wenn die Kerzen strahlen und die Christbaumlichter durch die „stille, heilige Nacht" erglänzen! Im alten Eisen. Eine Erzählung von Wilhelm Raabe. 3. Auflage. Berlin, G G r v t e'sche Verlagsbuchhandlung. 1901. Preis geh. 3 Mk., geb. 4 Mk. Muß es schon zuweilen als gewagtes Unterfangen gelten, von der Menschen Aeußerem allgemein auf ihr Fnneres schließen zu wollen, da doch oft in rauher Schale nur sich birgt ein edler Kern, so ist es doch neuerdings mehr und mehr Brauch geworden, der Bücher Gewand ihrem Gehalt anzupassen, und so schon äußerlich erkennen zu lassen, wes Geistes Kind sie sind. Sv hielt ich bemt das durch Verlegers Gute nur zugänglich gemachte Raabe'sche „Im alten Eisen" sinnend nr der Hand, um, den Einband betrachtend, mir einen Vers , ans den Inhalt zu machen. Ein mit einem Offiziersdegen gekreuzter Knotenstock bildet das Wahrzeichen des Buches, darunter befindet sicheln verhängnisvoller Dreizack; das Ganze ist von leichtem Gerank umgeben. Halt, dachte tch, Knoten- stock und Degen spielen jedenfalls i» der Erzählung die Hauptrolle, auch Forke und Gerank haben gleich ihnen sicherlich Bezug auf die Charaktere der int Buch geschilderten Menschen. „ , , , , o , , ^er eine bleibt ritterlich, so hart auch immer de? Lebens Kampf ihn anficht, der andere verleugnet in keiner Lage die ihm eigentümliche urwüchsige Kraft, beun dritten heißt's: „Treib die Natur mit Forken aus; ,te fühlt sich doch bei dir zuhaus!" — magst bu nun zu den ^genannten ehrenwerten Leuten oder leichtsinnigen Geschöpfen gehören. . Und so ist's denn auch. Wir begegnen tnt alten Eise» Helden, Knorren und Sklaven, wie sie urbildlicher im Leben kaum zu finden sind; echten Schöpfungen Raabe'sche» Geistes. Ich nehme aus guten Gründen davon Abstand, den Gang der packenden Erzählung hier zu verraten, möchte vielmehr durch meine Verschwiegenheit bezwecken-, daß recht viele Familienblattleser sich das Buch zu oder besser noch ttto r Weihnachten leisten möchten. — Es ist nicht alles Gold, was glänzt; doch steckt verborgene Kraft int alten Eisen! Similia similibus, den homöopathischen Grundsatz, de» der Volksmuiid etwa verdeutscht: Man muß Hitze mit Hitze vertreiben, hat Raabe weislich als Wahlspruch der Erzählung vorgesetzt. Trefflicher konnte er fein Werk gar nicht kennzeichnen. Es ist allerdings eine homöopathische Kur allerersten Ranges, i» des Wortes verwegenster Bedeutung, Möchte sie nicht erfolglos sein bei denen, die ihrer bedürfen, und von Zeit zu Zeit bedürfen solcher Kuren wir alle. Vielleicht hat zur heiligen Weihnacht auch in der werdenden Großstadt Gießen mancher jemand nebenan, dem er beispringe» kann in der Bedrängnis. Das wäre im Geist und Sinn des lieben Alten, der dem alten Ei,en so erweckliche Töne zu entlocken vermag. Bdt. Rätsel. Nachdruck verboten. Mich trägt der Kopf, doch läßt du mich Den Kopf von andern tragen, -Dann sichst du mich im grünen Schmuck Empor zum Himmel ragen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Magischen Dreiecks in vor, Nr,: F K A AAR GRAB E 8 C H E__________ 'schm Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.