Nr. 163. 13 bEJisBi MM 1-1 Mü f r Ifffcä veraltet am Menschen, nur das Herz nicht. Jean Paul. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Und in hastigen, durch Hustenanfälle und Atemlosigkeit Vst unterbrochenen Worten erzählte er die Geschichte seiner Wertrrung. Bor zehn Jahren schon hatten seine Geldverlegenheiten begonnen. Der wirtschaftliche Ruin eines Bruders, den er weit über seine Kräfte durch Darlehen und Gefälligkeitswechsel unterstützt hatte, war die erste Ursache gewesen; andere Widerwärtigkeiten hatten sich in rascher Folge dazu gesellt, und eine Katastrophe, die ihn um seine gesamte Habe tote um Amt und Brot gebracht hätte, wäre unvermeidlich gewesen, wenn er sie nicht durch einen Griff in die ihm anvertraute Stiftungskasse im letzten, dringendsten Augenblicke abgewendet hätte. „Meine Frau lag damals an ihrer letzten Krankheit danieder", sagte er. „Es würde sie auf der Stelle getötet haben, wenn vor ihren Augen die Gerichtsvollzieher olles hinausgetragen hätten, woran ihr Herz hing. Und mein Kind — mein armes, unschuldiges Kind! Ich hatte nicht die Kraft, es der Not und dem Elend zu überliefern." . . ' „Weiter!" drängte der Stadtrat mit heiser klingender Stimme. „Halten Sie sich an das Thatsächliche! Zu senti- mentalen Redensarten ist jetzt nicht Zeit!" Und gehorsam vollendete der Unglückliche fein Geständnis. Da er den durch die erste Veruntreuung entstandenen Fehlbetrag von seinem bescheidenen Gehalte niemals hätte ersetzen können, war er auf andere Mittel bedacht gewesen, ihn zu decken. Er hatte einen Jugendfreund in der Stadt, einen gewissen Jrmisch, der eine Wechselstube hielt, und sich Mit allerlei zweifelhaften Geldgeschäften befaßte. Wenn er ihn auch nicht geradezu ins Vertrauen gezogen hatte, so war doch die Art, wie er ihn um Rat gefragt hatte, wohl danach angethan gewesen, den verschlagenen Menschen die Wahrheit ahnen zu lassen. Und er hatte nicht gezögert, diese halbe Mitwisserschaft zu seinem Nutzen auszubeuten. Durch die Vorspiegelung sicheren Gewinns hatte Jrmisch den Rendanten veranlaßt, ihn mit allerlei Börsenspekulationen zu betrauen, für welche die erforderlichen Kapitalien natürlich erst durch neue Unterschlagungen aufgebracht cherden mußten. Und nach dem Fehlschlagen der ersten Geschäfte war es ihm ein Leichtes gewesen, die Schlinge immer fester um den Hals seines Opfers zusammen zu ziehen. Andere Spekulationen sollten das Verlorene doppelt und dreifach wieder einbringen. Und wenn Lindemann in erwachender Gewissensangst zauderte, dem ersten und zweiten Amtsverbrechen immer neue Vergehungen ber«i selben Art folgen zu lassen, so hatte Jrmisch durch versteckte Drohungen seinem Schwanken jedesmal ein Ende zu machen gewußt. Hier und da waren denn auch wirklich kleine Gewinne erzielt worden, aber sie hatten niemals hingereicht, die gestohlene Summe zu ersetzen, und von Monat zu Monat hatte sich das Defizit mit furchtbarer Schnelligkeit vergrößert. Daß er aber trotz eines scheinbar vortrefflich eingerichteten Aufsichtswesens seine dreisten Unterschlagungen jahrelang unentdeckt hatte fortfetzen können, verdankte der Rendant einem Zusammenwirken günstiger Umstände. Seine bescheidene Lebensführung, seine Bedürfnislosigkeit, und sein unermüdlicher Fleiß ließen bei Amtsgenossen und Vorgesetzten keinen Argwohn gegen ihn aufkommen. Und das Märchen von der reichen Erbschaft zerstreute auch die leisen Bedenken, die sich zu regen begonnen hatten, als ein Mitglied des Magistratskollegiums zufällig von den Börsengeschäften des Rendanten erfuhr. Bei den regelmäßig vorgenommenen Revisionen fanden sich die- von Lindemann verwalteten Kassen ja auch stets in bester Ord- Lnung, und in vollkommener Uebereinstimmung mit den Büchern. Und dasselbe Ergebnis hatten die, einmal im Jahre ohne voraufgegangene Mitteilung erfolgenden außergewöhnlichen Prüfungen. Das Geheimnis dieser scheinbaren Richtigkeit aber erklärte sich einfach genug daraus, daß es immer nur eine der beiden, von einander ganz unabhängigen Kassen war, die an einem und demselben Tage revidiert wurde, und daß der Rendant stets vierundzwanzig Stunden vorher genau wußte, welche von ihnen an die Reihe kommen würde. Galt es dann eine Revision der Stadthauptlasse, so entnahm er den unter seiner Obhut stehenden Stiftungsfonds eine entsprechende Anzahl von Wertpapieren und verpfändete sie bei dem immer, dienstwilligen Jrmisch auf einen oder zwei Tage für dre Barsumme, deren er zur vorübergehenden Deckung des rhm genau bekannten Fehlbetrages bedurfte. Und ebenso verfuhr er, wenn es sich baritm handelte, die St:ftüngska,se für einen Tag auf ihren buchmäßigen Bestand zu bringen. Daß er dem liebenswürdigen Freunde für jede derartige „Gefälligkeit" eine beträchtliche Summe zahlen mußte, war bei der keineswegs ganz ungefährlichen Natur dreser regel-i mäßig wiederkehrenden Manipulationen bemahe selbstver-, stündlich. Die Entdeckung aber wurde dadurch immer, aufs neue hinausgeschoben, Lindemann erntete vielmehr jeees- mal die wärmsten Lobsprüche sür seine geradezu musterhafte ^llerbings würde auch dies geschickte Manöver nicht im stände gewesen fein, die Gefahr einer Entlarvung vpK 650 — ihm abzuwenden, wenn sich nicht sein nächster Vorgesetzter, der Kämmerer Ignatius, andauernd einer groben Vernachlässigung seiner Pflichten schuldig gemacht hätte. Aus ihm lag die ganze Verantwortlichkeit für die finanziellen Angelegenheiten des städtischen Genieinwesens, und ihm vor allem wäre deshalb auch die Aufgabe zugefallen, seinen Untergebenen unausgesetzt scharf zu beanfsichtigeu. Aber schon seit vielen Jahren war der Kämmerer in blindeim Vertrauen zu Lindemanns Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit ganz seinem Hange zur Bequemlichkeit gefolgt, und hattte sich damit begnügt, die ihm von dem Rendanten vorgelegten Monats- und Quartalsabschlüsse durch seine Unterschrift als richtig zu bestätigen, ohne sich jemals durch; den Augenschein von dem Vorhandensein der ausgeführten Summen zu überzeugen. Ja, er hatte noch mehr und Schlimmeres gethan, als das. Auf die gelegentliche, rnit anscheinend ganz unverfänglichen Gründen motivierte Bemerkung Lindemanns, daß es ihm recht erwünscht sein würde, wenn er von den im Magistratskollegium beschlossenen, außergewöhnlichen Kasseurevisionen jedesmal vorher benachrichtigt würde, hatte er ihm bereitwillig versprochen, diesen Wunsch zu erfüllen, obwohl er damit geradezu gegen eine beschworene Pflicht der Verschwiegenheit verstieß. Aber er hatte gerade an jenem Tage guten Grund gehabt, sich so willfährig zu zeigen; denn es war das erste Mal geivesen, daß er den Rendanten um ein Darlehen gebeten hatte, und die eine Gefälligkeit war der anderen wert. Franz Lindemann war seitdem gegen alle Unliebsamen Ueberrafchungen von feiten der städtischen Revisoren gesichert gewesen, und er hätte das verbrecherische Treiben wohl noch jahrelang uuentdeckt fortsetzen können, wenn nicht rasch nach einander zwei Ereignisse eingetreten wären, die das ganze künstlich aufgeführte Gebäude von Betrügereien jäh zum Einstürze zu bringen drohten. Das erste war der Entschluß des Oberbürgermeisters/ die Verwaltung des Stiftungsfonds in andere Hände zu legen. Wenn das Magistratskollegium dieser Absicht zustimmte, und wenn dem Rendanten damit jede Verfügung über die Stiftungskasse entzogen würde, so konnte er das so oft gelungene rettende Manöver künftig natürlich nicht mehr zur Ausführung bringen, und schon die nächste ordentliche Revision der Stadthauptkasse — die allerdings erst nach Ablauf von etwa vier Monaten zu erwarten war — mußte die begaugeuen Unterschleife -offenbaren. Es war darum sicherlich keine Uebertreibung, wenn Lindemann mit fast versagender Stimme erzählte, daß er die Tage und Nächte seit jener Mitteilung des Kämmerers in einem Zustande der Verzweiflung hingebracht habe, durch den er zuletzt beinahe unfähig gemacht worden sei, überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen. Aber es war bei alledem in einem Winkel seiner Seele doch immer noch etwas wie eine schwache .Hoffnung gewesen, daß der vielgewandte Jrmisch auch bicr Rat schaffen, und selbst da noch einen Ausweg sinoen würde, wo er selbst keinen mehr sah. Der heutige Morgen erst hatte diese Hoffnung grausam und für immer zerstört. Eine Zeitungsnotiz von wenigen Zeilen war es gewesen, die solche Wirkung getban hatte. Das Blatt lag noch auf dem Nachttischchen neben oem Bette des Kranken, und Ludivig Ignatius überflog mit düsterem Blick die Stelle, die ihm der knochige Finger des Rendanten bezeichnet hatte. Da war in gesperrter Schrift zu lesen: „Der Wechselstubeninhaber Jrmisch aus der Elisenstraße, der durch seine eigenartigen Geldgeschäfte schon wiederholt die Aufmerksamkeit der Kriminalpolizei auf sich ge- 5-0gen hatte, ist seit gestern flüchtig, wahrscheinlich unter Mitnahme beträchtlicher Depots, die ihm von leichtgläubigen Kunden anvertraut worden waren. Seine zurückgelasseuen Geschäftsbücher sind von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, und die Bureauräume amtlich versiegelt worden. Im Geldschranke fand sich nur ein Bündel völlig wertloser Effekten. Von dem Flüchtling selbst fehlt bis jetzt jede Spur, und da er seine Entweichung wahrscheinlich von langer Hand vorbereitet hatte, scheinen die Aussichten auf seine Ergreifung recht gering." „Als ich das gelesen hatte, wußte ich, daß alles zu Ende sei", flüsterte der Reudant, da Ignatius das Blatt schweigend auf den Tisch zurücklegte. „Und in demselben Augenblicke faßte ich den Entschluß, mich Ihnen rückhaltlos zu offenbaren"- - -»Ein großartiger Entschluß in der That! Und was ist es denn nun eigentlich, das Sie von mir erwarten? Glaubten Sie etwa, statt Ihres durchgebrannten Spieße gesellen nun in mir einen Helfershelfer Ihrer Schurkereien zu finden?" „Rein, gewiß nicht! Ein unsinniger Gedanke ist mir niemals gekommen. Ich dachte nur daran, daß Sie rechtzeitig gewarnt werden müßten, Herr Stadtrat, damit wenigstens die siebzehntausend Mark, die Sie nach und nach von mir entliehen haben, wieder in der Kasse Und,, ehe die Entdeckung erfolgt. Es darf unter keinen Umständest den Anschein gewinnen, als ob Sie mein MitMildiger ge-i wesen wären.." „Wie freundlich Sie um mich besorgt sind! Und dies! Geld, das ich aus den Händen eines Ehrenmannes zu empfangen glaubte, dies Geld, mit dessen Rückzahlung es! nach Ihren oft wiederholten Versicherungen durchaus keine Eile hatte — woher soll ich es nun so plötzlich nehmen? Unter meinen Freunden ist keiner, dem ich mich offenbaren kann. Und Sie haben wahrscheinlich gut genug gewußt, ivelche Kette Sie mir an den Fuß schmiedeten, als Sie mir jene Summen so bereitwillig zur Verfügung stellten. E^j war auch ein Faktor in ihren schmachvollen Berechnungen, nicht wahr?" „Nein. Bei dem Leben meines Kindes schwöre ichs Ihnen, daß Sie mir Unrecht thun mit solchem Verdachst Jch würde Ihr Ersuchen rundweg abgeschlagen haben, wenn! es sich bei alledem nur um Sie und um mich gehandelt Hätte; denn ich habe niemals den Wunsch gehabt, Siel mit hineinzuziehen in mein Verhängnis. Aber ich wußten daß Sie mein Feind sein würden von der Stunde an, da ich Ihnen das gewünschte Darlehen verweigerte. Und das! Kind eines Feindes hätten Sie sicherlich niemals als Ihre; Schwiegertochter willkommen geheißen." „Soll das etwa eine Rechtfertigung Ihrer treulosen; Handlungsweise sein?" brauste der Kämmerer auf. „Wahr-, hastig, Mann, Sie thun nicht gut, jetzt von dieser Verlobung; zu reden, die ich mir in Unverzeihlicher Schwäche auf-, drängen und aufschwatzen ließ. Ich habe meine Nachgiebigkeit schon vor dem heutigen Tage bitter bereut. Undf wenn Sie nun obendrein die Stirn haben, anzudeutens« daß mir meine Einwilligung gewissermaßen für ein paar; tausend Mark von Ihnen abgekauft worden sei, so---i bei Gott, so könnte ich vergessen, daß Sie hier als ein! wehrloser Schwächling, und als ein Bild des Jammers! vor mir sitzen." Es mußte ihm in der That sehr heiß geworden seins denn er ging zum. Fenster, zerrte die Vorhänge zurück,! und riß beide Flügel auf, unbekümmert darum, welche! Wirkung die hereinströmende eiskalte Luft auf den dürftig bekleideten Kranken üben würde. Ein paar Minuten lang blieb er da stehen, dem Rendanten den Rücken zukehrend,, und mit leerem Blick in den düsteren, von trostlos kahlen! Wänden umgebenen Hvfraum hinabstarrend. Als er sichs wieder in das Zimmer zurückwandte, war sein Gesicht' von steinerner ügärte, und stahlhart, doch beinahe unheim-- lich ruhig ffang auch seine Stimme, da er sagte: „Glauben Sie, daß sich aus den Büchern des flüchtigen! Jrmisch die Art der Beziehungen ergeben wird, in denen; Sie zu ihm geflaudeu haben?" „Nein, ich glaube es nicht; denn er war ein sehr vorsichtiger Mann, und immer darauf gefaßt, daß sich die Polizei um seine Geschäfte kümmern würde. Er hat mir oft versichert, daß ich mir in dieser Hinsicht durchaus' keine Sorgen zu machen brauchte." „Und es weiß außer mir noch niemand' um Ihr Verbrechen?" „Niemand, Herr Stadtrat!"- „Sv werden Sie es auch weiterhin keinem Menschen! offenbaren, es sei denn, daß ich Sie ausdrücklich von der Verpflichtung des Schweigens entbinde." „Wenn ich nun aber in einigen Tagen oder Wvch!en! die Stiftungskasse ausliefern muß, wird man dann nicht auch ohne mein Geständnis alles entdecken?" „Sie werden Sie nicht ausliesern. Die Uebertragung der Verwaltung an einen anderen Beamten darf unter den! obwaltenden Umständen natürlich nicht erfolgen. Ich werde! meinen ganzen Einfluß daran' setzen, sie zu hintertreiben.^ Der Rendant, der ebenso sehr vor Kälte als vor Auft regung am ganzen Leibe zitterte, hob seine gefalteten' Hände empor, 651 — „O, Herr Stadtrat,, wenn Sie das thun wollten — wenn Sie — — —" Aber Ludwig Ignatius fiel ihm hart in die Rede. „Lassen Sie uns keine überflüssigen Worte machen! Saß ich aus Mitleid für Sie nicht einen Finger zu Ihrer Rettung rühren würde, können Sie sich doch wohl denken. Aber Sie haben von vornherein recht gut gewußt, daß Ihre Entlarvung auch mich zu Grunde richten würde, und darauf haben Sie Ihre Hoffnungen gesetzt. Wohl wird niemand verrückt genug sein, mich eines Einverständnisses mit Ihnen fähig zu halten; aber man wird mir mit Recht vorwerfen, daß ich meine amtlichen Pflichten vernachlässigt hätte, indem ich einem Siebe jahrelang mein rückhaltloses Vertrauen schenkte. Und ich werde unter allen Umständen gehalten sein, die gestohlene Summe zu ersetzen. Wenn ich mich also bemühe, das drohende Verhängnis in diesem Augenblick noch von ihnen abzuwenden, so geschieht es wahrhaftig nicht aus Wohlwollen für Sie. Darüber, denke ich, werden Sie sich keiner Täuschung hin geb en." Lindemann ließ das Kinn auf die Brust herabsinken. „Und was befehlen Sie mir zu thun?" fragte er leise. „Ich befehle Ihnen vor allem, aufzustehen. Und sich zur Wahrnehmung Ihrer Dienstgeschäfte in das Rathaus zu begeben. Heute nachmittag wünsche ich Sie jedenfalls an Ihrem Platze zu sehen." .-Mer ich fühle mich so schwache Herr Stadtrat! Als ich vorhin einen Versuch machte, das Bett zu verlassen, brachen mir förmlich die Kniee." „Gleichviel! Da es augenscheinlich nur die Angst gewesen ist, die Sie krank gemacht hat, so müssen Sie auch inr stände sein, durch eine energische Willensanstrengung Herr über diese Krankheit zu werden. Jede Stunde Ihrer Abwesenheit kann die Gefahr einer Entdeckung heraufbeschwören. Und es wird mir noch schwerer fallen, den Antrag des Oberbürgermeisters zu bekämpfen, wenn er sich zur Begründung desselben obendrein auf Ihre Kränklichkeit berufen kann." Der Rendant nickte zustimmend, und obwohl seine Zähne hörbar aufeinanderschlugen, machte er doch einen verzweifelten Versuch, seinem zusammengesunkenen Körper eine straffe Haltung zu geben. „Ja, ich sehe ein, daß Sie Recht haben, Herr Stadtrat! Und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich heute nachs- mittag auf meinen Posten sein werde. Nun, da ich wieder hoffen darf, fühle ich mich auch schon bei weitem besser." „Andere Verhaltungsmaßregeln habe ich Ihnen vorläufig nicht zu geben. Wir müssen abwarten, wie sich die Sache mit Ihrem schuftigen Freunde, dem Jrmisch, weiter entwickelt, und ob es mir gelingen wird, die Absicht des Oberbürgermeisters zu durchkreuzen. Geht die eine wie die andere Gefahr glücklich vorüber, so ist vor der nächsten ordentlichen Kaffenrevision nichts mehr zu fürchten, es sei denn, daß Sie sich durch irgend eine unverantwortliche .Dummheit selbst an^das Messer liefern." „Ich werde mich gewiß zusammennehmen. Aber wenn die vier Monate um sind, die uns noch von der Revision trennen, werden wir uns dann nicht auf demselben Punkte befinden, wie heute?" „Vielleicht! Aber wenn es bis dahin nicht gelungen ist, Rat zu schaffen, wird es alsdann ja noch immer früh genug sein — für Sie, um ins Zuchthaus zu wandern, in das Sie schon heute gehörten, und für mich um mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen." „Der Himmel wolle etwas so Schreckliches verhüten. Ich habe nicht den Mut, Sie Um Verzeihung zu bitten, Herr Stadtrat; denn ich weiß wohl, daß Sie mir niemals vergeben können. Aber soll nun auch mein schuldloses Kind das Verbrechen des Vaters mit seinem Lebensglück bezahlen?" Er hatte es mit fast erstickter Stimme gefragt, und in seinen Augen, die an den Lippen des Kämmerers hrngen, flackerte aufs neue eine tödliche Angst. Ludwig Ignatius aber sagte mit einer Geberde, die deutlicher als Worte seine Verachtung ausdrückte r i „Haben Sie ganz den Verstand verloren, daß Sie noch jetzt an die Möglichkeit dieser Heirat denken? Nein, mein Bester, so weit geht meine Duldsamkeit nicht. Aber Sie werden es mir überlassen, die Angelegenheit so zum Ab- schluise zu Bringen, wie es mir zweckmäßig erscheint. Sobald ich zu einer festen Entschließung gelangt bin, werden Sie darüber erfahren, was Ihnen zu wissen not thut. Vorläufig haben Sie zu warten, zu schweigen, und nach wie vor die Obliegenheiten Ihres Amtes zu erfüllen." Es war sein letztes Wort; denn im nächsten Augenblick schon fiel mit lautem Krachen die Thür des Jimmers hinter ihm ins Schloß. (Fortsetzung folgt.) Das bunte Band. Eine Geschichte zum Semesteranfang von Paul Morgan. (Nachdruck verboten.) Gähnend, noch halb schlaftrunken, richtete sich Hans Krüger im Bett auf. Wie spät war's denn eigentlich? Halb elf? Donnerwetter, er konnte sich keines Tages entsinnen, an dem er zu so vorgerückter Stunde noch nicht aufgestanden war. Wie sein Blick int Zimmer umherirrte, blieb er auf einer Mütze und einem Bande, die beide auf dem Tische lagen, haften. Ein freudiger Schimmer flog über sein Gesicht. Jetzt erinnerte er sich. Seit gestern abend war er Couleurstudent. Hurra! Mit beiden Beinen sprang er aus dem Bette. Um einhalb zwölf Uhr mußte er ja auf dem Fechtbvden sein. Sine tempore, ohne das übliche akademische Viertel, wie ihm der Paukwart eingeschärft hatte. Da hieß es, sich eilen. Er stürzte zur Waschschüssel. So, das that ihm wohl; denn er hatte einen riesigen Brummschädel. Na, es war ja auch etwas gefällig gewesen auf der Kneipe. Zwei Füchse waren zu gleicher Zeit aufgenommen worden, und das mußte natürlich begossen werden. Er hatte sich über seine eigene Leistungsfähigkeit gewundert und gefreut. Er versuchte zusammenzurechnen, was er getruitken hatte. Die zwei Ganzen, die der Fuchsmajor der Fuchstafel vor- gekvmmen war, war er nachgekommen. Ebenso den Ganzen, den der Kneipwart beim Beginn auf das fröhliche Gedeihen der Kneipe getrunken hatte. Eine Unmenge Blumen, Halbe, Kuhschlucke und Reste hatte er auch vertilgt, dazu kam dann noch ein Welthalber, ein Halber beim Semesterreiben und einer, den er bei einem Sprengungsliede sich einverleibt hatte. Pro poena hatte er nur wenig trinken müssen. Ja, richtig, den Ganzen beim Bierskandal hatte er noch vergessen, wie er da den Gegner, seinen Eon fuchs hineingetunkt hatte. Er hätte sich sehr bierehrlich benommen, hatte fein Leibalter anerkennend geäußert. Kurz, es war wirklich eine feudale Antrittskneipe gewesen. Wenn nur diese verdammten Kopfschmerzen nicht wären. Schließlich, wenn man zwölf oder fünfzehn Schoppen intus hat, ist es ja kein Wunder, aber zuletzt gewöhnt man? sich daran. Wie war er denn eigentlich nach Hause gekommen? Keine Ahnung, da konnte er mal die Wirtin fragen. Zum Kuckuck, wo blieb denn die alte Schraube mit dem Kaffee? Er konnte dochMcht gleich das erste Mal zu spät auf den Fechtboden kommen. Was die wohl für Augen machen würde, wenn sie die Couleur sähe? So ein Corpsfuchs ist doch etwas anderes als ein Trauerkloß von Finke. Es war doch ein wahrer Segen, daß er sich hatte keilen lassen. Mittlerweile war seine Toilette so weit vorgeschritten, daß er sich halbwegs vor Menschen sehen lassen konnte. Er öffnete die Stubenthür und schrie auf den Korridor hinaus: „Kaffee". Während er vor dem Spiegel stand und mit höchster Sorgfalt einen Scheitel durch das blonde Haar zog, überlegte er, wie er wohl mit einem Schmiß aussehen würde. Hm, so ein Durchzieher auf Quartseite vom Kinn weg, am Mundwinkel vorbei, über die halbe Wange, mußte sich famos machen. Na, dafür würden die Bestimmungs- Mensuren schon sorgen. Neugierig war er doch, gegen wen er zuerst antreten würde. Die Arminen hatten auch einen Fuchs in gleicher Größe, das wäre eine Partie für ihn. Hans nahm sich heilig vor, den Bonzen abzustechen, in jedem Falle aber zu stehen wie eine Mauer. Die Frisur war fertig. Wie er nach dem Kragenknopf suchte, fiel sein Blick abermals auf die Couleur. Das seidene Band schimmerte in den Strahlen der Herbstsonne^ es war ganz neu, und besonders schön strahlte der silberne Streifen, der sich der Länge nach hindurchtzog. Weniger! hübsch war die Mütze, sie war alt und gedrückt, es wat eine von dm vielen, die herrenlos an t>.er Wand hingen. Natürlich 652 — mußte er sich schleunigst bei dem Eorpsmützenmacher einige neue besorgen; bei dieser Gelegenheit konnte er sich gleich nach einer anständigen Dedikation für seinen Leibalten umsehen. Einen Moment stutzte er- Lumpen konnte er sich doch nicht lassen, das würde also ein schönes Stück Geld kosten. Ach was, er hatte hundertundfünfundsiebzig Mark Wechsel, so viel Däuser hatte er ja als Pennäler noch nie zusammen- geseheu. Ganz so, wie Vater es sich zu Hause vorgestellt hatte, würde es freilich nicht werden. Er mußte mit seinen Corpsbrüdern in einem Bräu zusammen speisen, das billige Lokal, in dein er die ersten Tage gegessen hatte, war majt couleurfähig, das sah er selbst ein. Wenn er nur uicht unwissentlich einen Verstoß gegen den Eomment beging und zur Strafe hinausgehäugt würde, oder gar dimittiert. Seinen Conabiturienten und bisherigen Dutzsreuud Heinrich Weimann hatte er gestern, bei dem Exbummel vor der Kneipe gegrüßt. Zum Glück hatte ihn der Präside schon darauf aufmerksam gemacht, daß die Couleur zuerst zu grüßen fei, und daß er den Verkehr mit außerhalb des Corps Stehenden, zumal mit Finken, am besten meide. Ja, der Präside ivar ein Kerl. Schon zweiundzwanzig Mal los ge- wesen, und die letzten sieben Mal hatte er unberührt ab- gestochen. Zehntes Semester, nun aber wollte er inaktiv werden, um seinen Referendar zu bauen. Und was er vertragen konnte. Er hatte doch gestern unheimlich getrunken, und man hatte ihm nichts angemerkt.... So weit war er in seinen Betrachtungen gekommen, da brachte ihm die Wirtin den Kaffee. Hinter ihr trat das Dienstmädchen ein mit dem gebürsteten Rock. Sie entschuldigte sich. „Er war so schmutzig, Herr Doktor, und' ich kriege die Flecke nicht raus. Sie werden ihn wohl zum Reinigen schicken müssen." Dann ging sie, die alte Frau blieb. Das war fatal mit dem Rock, aber was kam schließlich darauf an. Begierig wartete er auf ein Wort des Staunens, der Bewunderung. Da sie schwieg, so begann er. „Na, was sagen Sie, Frau Franke, ich bin aktiv geworden." Sie nickte still mit dem Kopfe, dessen schneeweißes Haar ihm zum ersten Mal in die Augen fiel und ging leise aus dem Zimmer. Verblüfft starrte er ihr nach, aber nur eine Minute blieb sie fort, dann kehrte sie zurück. In der Hand trug sie einen sorgfältig in Seidenpapier eingeschlagenen Gegenstand. Sie entfernte die Hülle und siehe da, es war ein zusammengevolltes Band, genau so eines, wie es da auf dem Tische lag, nur verblichen und dunkel geworden. . „Das trug mein Sohn", sagte sie leise, und das von unzähligen Falten durchfurchte Gesicht sah kummervoll und verhärmt aus. Hans wurde auf einmal ganz bange um's Herz. „Er war so alt wie Sie, als er einsprang", fuhr sie fort, als spräche sie zu sich selbst. „Wir waren kleine Leute in der Provinz, wir verstanden's nicht besser, wir freuten uns, als er uns schrieb, weil er nun doch ein richtiger Student geworden war. Mer er war eben nicht reicher Leute Kind, und bald langte der Wechsel nicht, und was ich ihm heimlich schickte, auch nicht. Bald mußte er Wechselsteuer zahlen, und bald kam eine Repartition von einer Festkneipe, und bald hatte er eine Dedikation zu machen, und dann war wiederum ein Anzug nicht Patent genug. Und fertig mit dem Studium ist er nicht geworden." Hans hatte das bunte Band, das er umhängen wollte, wieder hingelegt, er starrte die Alte an und redete kein Wort. Die aber sprach eintönig weiter: „Der Vater ist darüber gestorben. Mein Junge hätte ja alles haben können. Er sollte fechten lernen, auch trinken, und zu einer Ferienreise hätte es auch gelangt, aber für die Couleur hatten wir nicht Geld genug." „Und was ist aus ihm geworden?" fragte Hans stockend. Sie antwortete nicht, sie schüttelte den Kopf und ging fort. Das alte bunte Band nahm sie mit ...» Hans Krüger aber ist nicht aktiv geworden. Wohlfeiles Schachspiel. Im Verlage von E. L a n g e in A l t o n a ist neuerdings ein Schachspiel mit Anleitung erschienen, das geeignet ist, dem schönsten aller Brettspiele neue Freund« zu erwerben. Die Ausstattung ist einfach und billig. Preis 20 Pfg. Das vierteilig zusammenlegbare Spielbrett aus Pappe läßt sich mit den 32 runden Pappscheiben, auf die die Figuren gedruckt sind, bequem in die dazu geliefert« Umhüllung von noch nicht 1 Zentimeter Dicke und 13 Zentimeter Länge und Breite hineinlegen. Die jedem Spiel beigelegte Anleitung ist kurz, verständlich, richtig und für. den Anfang ausreichend. Tie Musterpartie — ein Evans- gambit— ist mit Geschick ausgewählt. Wir sind erwünscht tenfalls bereit, den Bezug zu vermitteln. Muster- Exemplar liegt in der Geschäftsstelle der Fa-j milienblätter zur Einsichtnahme aus. Kunstgewerbe für's Haus. Die illustrierte Monats-Zeitschrift „Kunstgewerbe für's Haus", herausgegeben von C. v- Sivers, Verlag von Otto Lienekampf, Berlin W. 35, Lützowstraße 9, die sich so überaus schneller und weitgehender Verbreitung erfreut, hat mit der Oktober-Nummer ihren zweiten Jahrgang begonnen. Dieselbe liegt uns in neuer, geschmackvoller Ausstattung vor, und bietet wieder einen erfreulich reichen Inhalt von künstlerisch schönen Arbeiten in den verschiedensten Techniken des modernen Kunstgewerbes. Wir finden darin außer einem interessanten Aufsatze „Ein Jahr deutschen Kunstgewerbes" von Peter Jessen, dem Direktor vom Kunstgewerbe-Museum zu Berlin, einen schönen Schrank von dem dänischen Meister Th. Bindesboll, einen Spiegelrahmen von Prof. E- Doepler d. I., ferner Kissen, Decken, Rahmen, Fächer, Konsolbretter, einen Kinder-Waschtisch mit Majolikafüllung, Schreibmappen, eine sehr eigenartige farbige Beilage u. a. m., alles Entwürfe von bewährter Künstlerhand. Die beiden Musterbogen, welche die natur- grotzen Aufzeichnungen geben, sind diesmal ganz besonders reichhaltig ausgefallen. Gemernrrtttzrges. Das Ueberwintern der Zimmerpflanzen. Seit Jahren habe ich .bei der Ueberwinterung meinest Zimmerpflanzen ziemlich viel Pech gehabt. Bald welkten sie ab, bald trieben sie unbändig lange kahle Ruten, und wenn es dann zum Frühling kam, wollten sie nicht mehr, sie waren übertrieben. Auf der Suche nach einer guten Ueberwinterungsmethode, lese ich kürzlich einen Artikel in Nr. 30 des „Erfurter Führers int Obst- und.Gartenbau"« über diesen Gegenstand. Der Verfasser, Herr Rother, der mehr als 600 Pflanzen überwintert, teilt dort die in 30 jähriger Praxis gemachten Erfahrungen mit. Sie gipfeln darin, die Pflanzen möglichst kühl zu halten. Mer wie er dies thut, wie er den Standort der Pflanzen im Laufe des Winters wechselt, wie er sie aufstellt, das ist nicht nur. allein interessant zu lesen, sondern giebt auch so viel Winke, daß man sich unwillkürlich sagt, so, jetzt kannst du deine Pflanzen auch überwintern. Die Nummer 30 des „Erfurter Führers im Gartenbau" wird den Lesern dieser Zeitung kostenfrei zugesandt, wenn sie sich mittels Karte nach. Erfurt wenden, . Scherz-Charad st. Nachdruck verboten. Das Erste ist im Weine Und geht etwas das Erste, Vorbei wird's mit ihm sein. Das Zweite ist im Haus; Es steht, wo Felsen ragen Und schützt vor Sturmgebraus, Das Ganze stört den Plan; Bald reizt's zur Widerlegung, Bald ficht dich's wenig an. (Auflösung in nächster Nummer.) Redaktion; E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen..