KM MM fiffitYi. ...... 1901. - m. 68.1 ! WAMlW AsW ^ÄM8 eschieht wohl, daß man einen Tag Weder sich noch andre leiden mag, Will nichts dir nach dem Herzen ein; Sollt's in der Kunst wohl anders sein? Drum Hetze dich nicht zur schlimmen Zeit, Denn Füll' und Kraft stnd nimmer weit: Hast in der bösen Stund' geruht, Ist dir die gute doppelt gut. Goethe, Guter Rat. (Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) „Ach, ich vermag leider fast nichts, um ihr die schwere Aufgabe zu erleichtern, die bas Schicksal so grausam auf ihre Schultern gefegt hat", sagte er im Tone ehrlichster Betrübnis. „Wit dem guten Willen ist da so wemg gethan. Ich sehe, daß sie unter der Last ihrer Pflichten fast zusammenbricht und bin doch außer stände, ihr zu helfen " „Aber der Professor muß doch ein Wohlhabender Mann sein, wenn er fünfzehn Jahre lang auf jegliches Erträgnis seiner Arbeiten verzichten konnte. Was hindert sie also, zu ihrem Beistände eine barmherzige Schwester oder sonst ein geeignetes weibliches Wesen anzunehmen. „Ihr Vater duldet niemanden um sich als sie. Er wird sofort unruhig, wenn sie auch nur auf wenige JJcv nuten das Zimmer verläßt, und da jede Aufregung einen der qualvollen Anfälle herbeiführen kann, tue das Wesen feiner Krankheit äusmachen, darf sie sich nur dann hinauszustehlen wagen, wenn er schläft." Das ist! allerdings ein wahres Martyrmm für ein junges Mädchen. Und sie ist doch noch jung?" „Kaum zwanzig, Fräulein Hanno ! Ach, ich wollte, daß Vie ihre Freundin wären." t ~ ä „Und warum gerade ich? Es wird der Tochter des Professor Herbold sicherlich nicht an Freundinnen Wen." „Sie hat nicht eine einzige. Die grollende Weltflucht ihreK Vaters hat auch sie bisher zu einem fast einsiedlerl- fchen Leben gezwungen. Und sie gehört überdies nicht zu den mitteilsamen Naturen, die sich leicht dem ersten besten Wesen anschmiegen. Es ist sicherlich ein Unglück für sre; denn sie steht nun in dieser schweren Prüfungszeit ganz allein" „Aber sie hat doch Sie, foerr Boysen!" Er schüttelte mit niedergeschlagener Miene Bett Kopf. „Ich glaube, daß Sie mein Verhältnis zu Fräulein Erika falsch beurteilen", sagte er. „Gewiß würde ich sehr- glücklich sein, wenn ich irgend etwas zu ihrer Erleichterung thun dürfte. Aber sie gestattet mir nichts, das in den Mugen irgend eines Menschen auch nur den leisesten Anschein einer Vertraulichkeit gewinnen könnte. Davon, daß sie mir ihr Herz ausschüttet und mich zum Mitwisser ihrer geheimsten Sorgen und Kümmernisse macht, kann ja auch den Umständen nach gar nicht die Rede sein. Dazu bedurfte es einer Freundin, einer treuen, liebevollen, hin- gebenoen Freundin. Und weil ich manchmal wahrzunehmen glaube, wie heiß sie sich nach einer solchen mitfühlenden Frauenseele sehnt, darum — •—“ „Darum wünschen Sie, daß ich ihr diese Freundin sei. Aber wenn ich mich nun dazu bereit erklärte, fürchten Sie nicht, daß ich mich der Gefahr einer Abweisung aus-- fetzen könnte?" Ueber Harro Boysens ernstes Gesicht ging es wie ein Schimmer der Freude. „Wie müßte das Wesen beschaffen sein, das Ihre Freundschaft zurückwiese, Fräulein Hanna! Nein, nein, für eine solche Besorgnis wäre wirklich kein Grund vorhanden. Und ich würde so glücklich sein, wenn es Ihnen wirklich Ernst wäre mit dem, was Sie da sagten." „Haben Sie denn dem jungen Mädchen bereits von mir gesprochen?" „Gewiß!" sagte er. Und dann, da er etwas wie fragendes Erstaunen in ihren Mienen zu lesen glaubte, fügte er in einiger Verlegenheit hinzu: „Als ich nach meinem letzten Besuch bei Ihrem Bruder noch einmal im Atelier vorsprechen wollte, fand ich dort gegen meine Erwartung den Professor und Fräulein Erika. Da war es doch wohl ziemlich natürlich, daß ich von meiner Begegnung mit Ihnen erzählte. Und sie zeigte gleich ein viel lebhafteres Interesse für Sie, als ich es jemals für eine unbekannte Person bei ihr wahrgenommen habe. Sie sagte sogar im Laufe des Gespräches-- „Nun, haben Sie vielleicht doch Bedenken, mir zu wiederholen, was sie sagte." Harro Boysen war augenfällig errötet, und er vermied es, Hanna anzusehen, während er vollendete: „Sie sagte, daß es ihrer Meinung sehr leicht sein müßte, Sie lieb zu gewinnen." „Und das auf Grund einer Schilderung, die Sie von mir entworfen hatten, ohne mich viel länger als seit einer Viertelstunde zu kennen? Ich bin in einiger Besorgnis, Herr Boysen, daß eine nähere Bekanntschaft Ihnen wie ihr mancherlei Enttäuschungen bereiten würde." „Ich' aber teile diese Besorgnis nicht", rief er mit verräterischer Lebhaftigkeit. „Und ich bitte Sie von Herzen, 270 Fräulein Hanna, es darauf ankommen zu lassen — um der armen Erika willen." „Natürlich um ihretwillen. Sie würden es also gern sehen, wenn ich sie ohne weiteres aufsuchte, vielleicht schon morgen?" „O, wenn Sie das thun wollten! Bis an mein Lebensende würde ich ' es Ihnen danken." „Nun, nun", wehrte sie lächelnd ab. „Soviel Tank ist es doch wohl nicht wert. Aber ich verlasse mich darauf, daß Sie mir einen freundlichen Empfang erwirken. Denn Sie begreifen, wie peinlich eine kühle Aufnahme für mich sein müßte." „Sie werden keine Ursache haben, sich enttäuscht oder verletzt zu fühlen — seien Sie dessen gewiß, Fräulein Hanna!" „Und werde ich bei der Gelegenheit auch etwas von Ihren künstlerischen Arbeiten zu Gesicht bekommen, Herr Boysen?" „Wenn Sie sich von Fräulein Erika oder von einem der Dienstboten in das Atelier führen lassen wollten — gewiß! Aber Sie dürfen Ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen. Ich sürchte mich sogar ein wenig vor Ihrer Kritik." „Sie fürchten sich — o, das ist doch wohl ■ kaum Ihr Ernst." , c , „Mein voller Ernst. Denn ich weiß sehr wohl, daß meine Kunst nicht von der einschmeichelnden Art ist, die den Beschauer unmittelbar gewinnt, indem sie seine Sinne besticht. Klemens Herbold hat mich gelehrt, daß es noch ein höheres Schönheitsideal giebt als das der weichen Linien und der berückenden Formen. Aber es hat wohl keinen Zweck, darüber zu reden, ehe Sie meine Arbeiten gesehen haben." „Sie haben mich natürlich nur um so neugieriger gemacht. Morgen vormittag also! Darf ich Ihnen jetzt noch eine Tasse Thee bereiten?" Aber er lehnte ab, weil es ihn zu seinem kranken väterlichen Freunde zurücktrieb. Als ihm Hanna die Hand zum Abschied reichte, sprach er ihr noch einmal in schlichten, aber ersichtlich aus dem innersten Herzen kommenden Worten seinen Dank sür ihre Zusage aus. „Sie werden ein gutes Werk thun, und Sie werden Ihren hochherzigen Entschluß nicht bereuen, nachdem Sie Erika Herbold gesehen haben." Als die Geschwister wieder allein waren, sagte der Rechtsanwalt: „Tu bist fürwahr ein seltsames Mädchen, Hanna! Man weiß niemals, wie man mit Dir daran ist, nnd in der kurzen Zeit unseres Zusammenlebens hat mir fast jeder Tag eine neue Ueberraschung gebracht. Daß Du ,jemals ein Verlangen fühlen könntest, gerade dem Fräulein Herbold freundschaftlich beizustehen, hätte ich wahrhaftig nicht für möglich gehalten." „Und warum nicht ihr so gut als irgend einer anderen? Vielleicht thue ich es auch gar nicht ihretwegen." „Wenn Tu es aber um Harros willen thust, hast Du dann .auch bedacht, Hanna, was aller Voraussicht nach daraus entstehen wird?" Sie schüttelte den Kopf und ihre Augen richteten sich in unbefangener Frage auf sein Gesicht. „Mein Gott — er ist doch nicht von Stein. Und es kann Dir unmöglich entgangen sein, daß er — nun, daß Du ihm schon jetzt nicht mehr gleichgiltig bist. Wenn es also nicht gerade Deine Absicht ist, einen Roman mit ihm anzuspinnen, so — —" „Nun? Möchtest Du nicht vollenden?" „So stelle Dich nicht zwischen ihn und Erika! Denn darauf kämss es doch schließlich hinaus. Er ist ja schon jetzt auf dem besten Wege, sich in Dich zu verlieben." „Und Tu würdest das, wie es scheint, für ein großes Unglück halten?" „Nicht, wenn Tu seine Neigung erwidertest und es ehrlich, mit ihm meintest. Aber nach Deinen neulich abgelegten Bekenntnissen ist daran ja nicht zu denken." „Weshalb nicht! Ich habe doch, soviel ich mitf). erinnere, das Heiraten keineswegs verschworen." „Und Deine hochfliegendcn Träume von Reichtum und Macht? Als Harro Boysens Gattin würdest Du auf ihre Verwirklichung wahrscheinlich verzichten müssen. Denn seine Vorstellungen von irdischer Glückseligkeit sind — so weit ich ihn kenne — von wesentlich anderer Art." „Es würde also nur darauf ankommen, ihn zu den meinigen zu bekehren", erwiderte sie gelassen. „Aber das alles ist doch nur müßiges Gerede. Und ich denke, wir thun besser, zu arbeiten, als hier über so weit entfernte Möglichkeiten zu disputieren." Sie kehrte in ihr Zimmer zurück, nnd noch lange nach Mitternacht brannte die Lampe auf dem Schreibtische, an dem sie sich mit Dietrich von Restorps nachgelassenen Papieren beschäftigte. Sechstes Kapitel. Als Hanna am nächsten Vormittag in Klemens Her- bolds Hause erschien, konnte sie sich sogleich überzeugen, daß Harro Boysen ihren Besuch angemeldet habe; denn sobald "sie ihren Namen genannt hatte, wurde sie von dem freundlichen Dienstmädchen in ein Zimmer geführt, das ohne allen Zweifel das Stübchen Erikas war. „Das Fräulein ist drinnen beim Herrn Professor; aber ich sollte sie sofort von Ihrem Kommen benachrichtigen, und sie wird gewiß gleich erscheinen." Damit ließ sie die Besucherin allein, und Hannas klare Augen musterten aufmerksam ihre Umgebung. Es konnten nur günstige Schlüsse sein, die sie aus der Beschaffenheit dieses Gemaches aus seine Bewohnerin zog; denn ein fein ausgebildetes Schönheitsgefühl und ein zartsinniger vornehmer Geschmack ofsenbarten sich überall in der Wahl wie in der Anordnung der Einrichtungsstücke. Nirgends ein aufdringlicher Luxus, und nirgends eine Anhäufung jener glänzenden oder bizarren Nichtigkeiten, mit denen junge Mädchen sonst wohl ihr Boudoir auszuschmücken lieben. Hanna hatte Verständnis genug, nm zu erkennen, daß sich eine ganze Anzahl sehr kostbare Gegenstände im Zimmer befand. Aber sie waren so harmonisch dem ganzen eingefügt, daß ihre Kostbarkeit sich nicht prahlerisch geltend machte, sondern nur dem Kenner zum Bewußtsein kommen konnte. Eine sehr kurze Zeit nur hatte sie wartend zugebracht, als Erika Herbold in der Thür erschien. Sie war größer als Hanna, und ihre dunkle Kleidung, ihr glatt gescheiteltes Haar wie der sür ihre Jugend fast befremdliche Ernst im Ausdruck ihres Antlitzes gaben ihrer Erscheinung auf den ersten Blick etwas Strenges und Kaltes, das eher abstoßen als gewinnen mußte. Ohne jede Befangenheit trat sie auf die Besucherin zu und reichte ihr die Hand. „Guten Morgen, Fräulein Sylvander! Ich war durch Herrn Boysen auf Ihr Kommen vorbereitet, und ich danke Ihnen von Herzen sür die freundliche Absicht, die Sie dazu bestimmte." Ihre Stimme war ein schöner dunkler Alt. Und von großer Schönheit waren auch die braunen, wie mit kleinen glänzenden Goldtupfen durchsetzten Augen, die Hanna mit festem, ruhigen Blick auf sich gerichtet sah. Sie hatte sich nach Harros Andeutungen eine wesentlich andere Vorstellung von Klemens Herbolds Tochter gemacht, und sie erkannte sofort, daß es sehr thöricht sein würde, diesem Mädchen ihre Freundschaft wie ein großmütiges Gnadengeschenk anzubieten. Nicht mit jener etwas herablassenden Güte und Herzlichkeit, die sie gegen die schüchterne Braut ihres Bruders an den Tag gelegt hatte, sondern in einem sehr schlicht und natürlich klingenden Gesprächstone erwiderte sie: „Ich habe keinen Anspruch aus Dank, Fräulein Herbold; denn meine Beweggründe ivaren ziemlich selbstsüchtiger Natur. Da ich hier völlig fremd bin und weder die Möglichkeit noch den Wunsch habe, mich in den Strudel eines abwechslungsreichen geselligen Lebens zu stürzen, würde ich den engeren Anschluß an ein halbwegs gleichgeartetes Wesen als eine große Annehmlichkeit empfinden. Tas ist die ganze Erklärung für meinen Besuch, und ich bin schon zufrieden, wenn Sie ihn nicht für eine Zudringlichkeit nehmen." . , Sie hatte sich aus Erikas stumme Einladung wieder niedergelassen, und die Tochter des Professors setzte sich ihr gegenüber. Ihre unverändert ernsten Züge ließen nutzt erraten, ob sie Hannas Worte für ganz aufrichtig hcelt. Aber es mußte doch wohl der Fall sein, da sie erwiderte: 271 „Es wird nur leider sehr wenig sein, das ich Ihnen zu bieten vermag. Auch wenn die Voraussetzung hinsichtlich der Gleichartigkeit unserer Naturen zuträfe, würden Sie von dem Verkehr mit mir weder erheiternde Unterhaltung noch geistige Anregung erwarten dürfen. Ich bin durch das eingezogene Leben, das wir seit vielen Jahren führen, etwas weltfremd geworden. Und nun beherrscht vollends die Sorge um den Vater alle meine Gedanken." „Diese Sorge wird hoffentlich bald von Ihnen genommen werden. Der Herr Professor wird genesen und —" Das traurige Kopfschütteln Erikas hinderte sie, zu vollenden. „Ich wage nicht mehr, das zu hoffen. Tie Veränderung, die während dieser letzten Tage mit ihm vorgegangen ist, hat mir den Mut dazn genommen." „Worin besteht Ihres Vaters Leiden? Sie wissen vielleicht, daß ich mich ein wenig mit der ärztlichen Wissenschaft befaßt habe, und ich frage deshalb nicht bloß aus müßiger Neugier." „Es ist eine Herzkrankheit, deren Anfänge wohl schon seit längerer Zeit vorhanden sein mögen, die aber erst in den letzten Wochen diesen furchtbaren Charakter angenommen hat. Sie äußert sich in.oft wiederholten, qualvollen Anfällen, von denen jeder einzelne aussieht, als könnte mein armer Vater ihn nicht überleben." „Hütet der Herr Professor das Bett?" „Nein, es ist unmöglich, ihn dazu zu bewegen. Aber er wird täglich schwächer und kann nur mach kurze Strecken ohne Unterstützung gehen." (Fortsetzung folgt.) Hefter unsere Kraft. Ein Beitrag zur Hygiene der Arbeit und des Sports. Von Dr. med. Adelbert Günther. (Nachdruck verboten.) Es ist die Bestimmung des Menschen, daß er, um sich durch die Welt zu schlagen, zu ernähren und zu vervollkommnen in fleißiger Arbeit seine Hände regen muß. Die unerfüllbaren Zukunftsträume von Weltverbesferern werden an dieser Thatsache nichts ändern, und der Einzelmensch findet sich mit der Notwendigkeit, von früh bis abend zu arbeiten, in der einen oder anderen Weise ab, indem er sich entweder dem Machtgebot unterwirft, welches ihm zuruft: „Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brod essen" oder indem er sich die bittere Pille, die er tagtäglich schlucken muß, mit der Spruchweisheit versüßt „Arbeit macht das Leben süß". Im Grunde ihres Herzens glauben aber doch nur recht wenige, welche bis in ihre höchsten Lebenstage von einem leidenschaftlichen Thätigkeitstriebe beseelt sind, an die wohl- thätige Wirkung der Arbeit. Das Ziel eines jeden ist es, sobald wie möglich, sich, so viel zu erübrigen, daß er sich' zur Ruhe setzen kann, um dann im Besitze eines kleinen Anwesens gerade nur noch so viel leichte Arbeit zu verrichten, als er bedarf, um nicht der grauenhaftesten Langweile anheimzufallen. Wer dies Ziel nicht erreicht, sondern in steter Frohnde schaffen muh, bis die Spannkraft des' Geistes und Körpers erlahmt, und er selbst der Altersoder Armenversorgung zur Last fällt, zählt sich zu den Enterbten dieser Welt, und sieht in der Arbeit einen schwer auf ihm lastenden Fluch, dessentwegen er mit den Schicksalsmächten hadert. Wenn die Arbeit unter allen Umständen ein Uebel wäre, dann wäre der idealste Zustand eigentlich das Leben eines von der Zivilisation noch unberührten Negers, dem eine üppige Vegetation mühelos das zum Leben Notwendige in den Schoß wirft. Im Ernste würde sich aber wohl keiner von uns eine derartige Rückkehr an den Busen der Natur, wie sie seinerzeit vom Weisen von Ferney gepredigt worden ist, wünschen; denn bei gänzlichem Nichtsthun verkommt der Mensch, an Körper, wie an Geist und Charakter, und von der bevorzugten Minderheit, welche nie einen Finger zu rühren braucht, um zu erwerben, geht derjenige Teil sicher unter oder gerät auf allerhand nichtsnutzige Tollheiten, der es nicht versteht, seinem Leben durch irgend eine Thätigkcit einen Inhalt zu geben. Tie Arbeit wird nur dann zum Fluche, wenn sie „über unsere Kraft" geht. Während der, welcher seinen Kräften angemessen arbeitet, einem Kapitalisten gleicht, der nur die Zinsen seines Kapitals verbraucht oder das letztere durch, weise Ersparnis vielleicht sogar noch vermehrt, zehrt der Ueberarbeitete von seinem Kapital an Lebenskraft, und steht, ehe die Uhr seines Lebens abgelaufen ist, eines Tages vor der Erwerbsunfähigkeit. Dies gilt nicht nur von dem Arbeiter, der in der Fabrik vor der Maschine steht, im Walde den Baum fällt, oder mit dem Pfluge die Furchen über den Acker zieht, sondern auch für den Geistesarbeiter. Der fleißige Student, der durch eine falsche Berufswahl in ein Studium gedrängt wurde, welches ihm Aufgaben stellt, denen seine geistige Fassungskraft nicht gewachsen ist, der Beamte in verantwortlicher Stellung, den Ehrgeiz und Gewissenhaftigkeit zu viel höheren Leistungen treiben, als billigerweise von ihm erwartet werden, der Kaufmann oder Geschäftstreibende, der bis in die späte Nacht hinein doppelte Arbeit leistet, um eine Hilfskraft zu sparen, oder schneller wohlhabend zu werden, der Schriftsteller, der sein Hirn zermartert, und sich die Finger wund schreibt, um sein kärgliches Einkommen zu erhöhen — sie alle muten ihren Kräften zu viel zu, und laufen Gefahr, daß eines Tages bei ihnen die Neurasthenie zum Durchbruch kommt, und sie zu vielwöchiger Unthätigkeit verdammt. Allerdings führt jede Arbeit, auch wenn sie sich in maßvollen Grenzen hält, zur Ermüdung; denn Mensch und Tier sind, wenn sie auch die vollendetsten Kraftmaschinen sind, doch nicht in dem Sinne Maschinen, daß sie bei genügender Zufuhr von Kraft ununterbrochen arbeiten können, bis irgend ein Teil mangelhaft wird, der dann nur gegen einen neuen umgewechselt zu werden brauchte. Sie' gleichen einer Maschine nur insofern, als sie statt Kohle der Nahrungszufuhr bedürfen, und die in derselben enthaltene Kraft der Muskelsubstanz, und der Blutflüssigkeit einverleiben. In dem Maße, wie Arbeit geleistet wird, findet ein Verbrauch! dieser Kraft und ein Eiweißverlust in den Zellen statt, der in kurzen Zeiträumen immer neu ergänzt werden muß; der Muskel- und Nervenapparat braucht aber auch außerdem Ruhe, um sich zu erholqn, und die Zersetzungsprodukte zu entfernen, welche sich bei längerer Arbeit in ihm aufgehänft haben. Diese Zersetzungsprodukte, welche man als Ermüdungsstoffe bezeichnet, sind Nervengifte. Sie wirken auf die Zellen und Fasern des Nervensystems lähmend ein, wenn das Wachsein allzulange währt, oder die Arbeit ohne Erholung fortgesetzt wird. Die körperlichen Verrichtungen und die Denkprozesse vollziehen, sich mit immer größerer Langsamkeit; in den Vorstellungsreihen treten Lücken ein, die einen immer breiteren Raum einnehmen; das Bewußtsein ist zeitweise unterbrochen, und endlich dämmert der Mensch in jenen Zustand hinüber, den wir Schlaf nennen. Während der Dauer desselben erfolgt eine Erstarkung des ganzen Körpers. Der niemals stockende Blutstrom wäscht die erzeugten Ermüdungsstvffe aus den Muskeln und Nerven aus; die Zellen der beiden genannten Gewebe sammeln ans dem Blut und Lymphsafte, die zu ihrer Wiederherstellung nötigen Stoffe, und nach einer Reihe von Stunden erwacht man mit dem Gefühl, ausgeruht und zu neuer Arbeit fähig zu sein. Ueberall, wo Arbeit und Erholung nicht im richtigen Verhältnis stehen, vollzieht sich der Prozeß der Erquickung nur in ungenügender Weise. Während den Faullenzer schließlich der Schlaf flieht, weil es in seinem Körper nie zu einer wirklichen Ermüdung kommt, zwingt der Ueberanstrengte seinem Organismus ttud), dann noch Arbeit ab, wenn jener bereits schlafbedürftig ist; die Willenskraft treibt die Muskulatur oder den Denkapparat zu weiteren Kraftleistungen an, und fordert obendrein auch! nach verkürzter Rast neue Arbeit. Die Summe der Ermüdungsstoffe wird also vermehrt; die Zeit zu ihrer Ausscheidung und Ersatz verkürzt, und nebenher läuft obendrein häufig eine gleichfalls auf der Ermüdung beruhende Verrichtungsuntüchtigkeit des Magens, der nicht mehr den Appetit und die Verdauungskraft entwickelt, wie sie bei dem gesteigerten Kraftverbrauch, sehr notwendig wäre. Wer in der vorbeschriebenen Weise nut seinem Körper wirtschaftet, betreibt ein Geschäft, welches zweifellos mit einem Fehlbetrag enden muß, und merkt seinen leidenden Zustand sehr bald an den Funktionsstörungen seines Herzens. Dieses Organ, welches seine Thättgkett beginnt, lange bevor das Kind den mütterlichen Organismus ver- läßt, und erst im Augenblick seines Todes stell steht, besitzt sein eigenes Nervensystem, das vom Gehirn in hohem Grade unabhängig ist» Während über letzteres im Schlafe ausruht, muh das Herz — wenn auch in vermindertem Umfange weiterarbeiten; es wird geschwächt, wenn im Körperkreislauf zu viel Ermüdungsstoffe umherlaufen, wenn denr Wüte zu große Flüfsigkeitsmengen zugeführt werden, wenn das Individuum sich an den Genuß großer Mengen von Reizmittel wie Alkohol und Tabak gewöhnt, und wenn endlich beim Sport oder schwerer Muskelarbeit allzu große Blutmengen durch dasselbe hindurchgetrieben werden sollen. Nach! dem eben Gesagten ist es kein Wunder, wenn wir gegenwärtig im Zeitalter der Schwachherzigkeit leben. Die zahlreichen jungen Beamten, welche in eine akademische Laufbahn hineingezwungen wurden, um schließlich an den großen Staatsprüfungen zu fcheitern, Beamte in mittleren Lebensjahren, die plötzlich nerMckrank werden, und in Pension gehen, Offiziere, die trotz sonstiger tadelloser Führung frühzeitig ihren Wschied nehmen müssen, und noch tausend andere, die mitten int Leben ausspannen müssen, gehören zur großen Armee jener, welche sich vergeblich bemüht haben, Anforderungen gerecht zu werden, die, über ihre Kraft gingen, und welche jedenfalls minder unglücklich geworden wären, wenn man für sie einen ihren Kräften angemessenen Beruf gewählt hält«. Thöricht ist es natürlich, wenn ntmt im Bewußtsein der eigenen Unzulänglichkeit vor ängstlichen und nieder- drückenden Gedanken Zuflucht beim Alkohol sucht; denn sein regelmäßiger und reichlicher Genuß schwächt Herz und Nerven noch mehr, und es ist ein kläglicher Anblick, zuzusehen, wie Tausende von jungen Leuten, die andernfalls ihr Ziel erreicht hätten, nur deswegen einen Mißerfolg im Leben haben, weil die leidigen Trinksitten es erfordern, daß sie dieselben Quantitäten Wein und Bier in sich hineinschütten, wie andere, welche, wie man sagt, eine Bärenkonstitution haben. Gewiß erfreut der Wein des Menschen Herz, und es wäre — dermalen wenigstens — ein lächerliches Unterfangen, Enthaltung von geistigen Getränken predigen zu wollen: aber die irrige Vorstellung muß bekämpft werden, daß der Alkohol zur Arbeit und zur Ertragung von Anstrengungen Kraft verleihe; denn gerade das Gegenteil ist der Fall. Wer schwer geistig oder körperlich zu arbeiten hat, erfährt durch Alkoholgenuß an seiner Leistungsfähigkeit nur Einbuße, und nur in den Feiertagsstunden kann ein mäßiger Bier- oder Weingenuß ohne Nachteil bleiben. Wer bei schwerer körperlicher Arbeit nicht die Erfahrung machen will, daß das von ihm Geforderte über feine Kraft geht, mutz abgesehen von reichlicher Ernährung alle verfügbare Zeit auf Ausruhen verwenden. Der Kopfarbeiter, dessen Nerven, wenn die Raststunde gekommen ist, geneigt ist, mit unruhvoller Reizbarkeit werter zu arbeiten, wird aber Schlaf und Ruhe nur finden, wenn er die fehlende körperliche Ermüdrrng durchs Bewegung hervorrust. In diesem letzteren Umstande liegt der hohe Wert jedes körperlichen Sports, dessen enorme Zunahme in den letzten Jahrzehnten nur aus dem instinktiven Verlangen der eine fitzende Lebensweise führenden Menschen nach der aus die Ausübung des Sportes folgenden süßen Müdigkeit und einem tiefen, stärkenden Schlaf zu erklären ist. Natürlich übt der Sport auch einen großen Reiz deswegen aus, weil er Gelegenheit giebt, zu zeigen, daß man mehr vermag, als ein anderer. So berechtigt nun an sich die Freude nach der eigenen Leistungsfähigkeit, so leicht verführt leider dieser Beweggrund wieder zur Ueberanstreng- ung. Enorme körperliche Anstrengungen können, auch, wenn sie nur ein einziges Mal geleistet werden sollen, zu lebenslänglichem Siechtum durch bleibende Herzerweiterung führen. Viel häufiger tritt dieser traurige Fall natürlich ein, wenn bei Ausübung eines Sports wie Wettlaufen, Ringkämpfen, Turnen, Bergsteigen, namentlich aber beim Wettrennen mittels Rad die Kräfte in unmäßiger Weise in Anspruch genommen werden. Die Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen hat gezeigt, vcch eS bei Übermätztgen Wörtlichen Uebungen stets zu einer mindestens vorübergehenden Erweiterung des Herzens kommt. Häufig besitzt jemand aber ein ungemein widerstandsfähiges Herz, ohne davon eine Ahnung zu haben, und dann kommt es bei ihm statt zu vorübergehender Herzerweiterung, zu einem plötzlichen Riß der Herzwand mit sofortigem tätlichen Ans gange. In der Regel ist die Natur jedoch so gütig, die Vorboten einer drohenden Gefahr vorauszufenden, sei es in Gestalt von Herzflopfen oder unerklärlicher Aufregung oder schwer zu bemeisternder Ermüdung. Kann auch der Mensch, der in der Tretmühle seines Berufes einaespannt ist, zwar in den meisten Fällen beim Eintrrtt dieser Vor- zeichen sich nicht seinen Arbeitspflichten gänzlich entziehen, so wird er doch immer in der Lage sein, jene Schädlich? ketten in seiner Lebensweise auszumerzen, die wir vorstehend geschildert haben, und denen wir uns jederzeit entziehen können, wenn wir den Mut haben, uns dem gesellschaftlichen Vorurteil entgegeuzustemmen, welches uns Lebensgewohnheiten vorschreibt, die wie der Genuß nervenreizender Genußmittet unsere Leistungsfähigkeit nur herabsetzen. ______________ Iür die Küche. Spargel! Wem kitzelt nicht der Gaumen beim Gedanken an dieses edelste aller tzrühjahrsgemüse» Während wir früher unsere Spargel in Mehlsaueen tauchen und statt ihres reinen, unvergleichlichen Aromas den unbestimmbaren Geschmack einer zweifelhaften Mischung von Fleischabsud und Mehl kosten mutzten, verfahren wir heute weit besser folgendermaßen: Wir befreien die Spargel von der äußeren Haut und den Blattansätzen unterhalb des! Kopfes, waschen sie gut, binden sie zu Bündelchen von 10-15 Stück und schneiden das harte Ende ber Stengel! so ab, daß die Bündelchen eine gleichmäßig« Länge erhalten. Wir sieden die Spargel in Salzwasser aus schwachem Feuer, bis sie gar sind, und lassen sie auf einem Sieb gut abtropfen, richten sie nach Entfernung der Bindfaden auf einer Serviette an und garnieren sie mit einem Sträußchen Petersilie. Dann mischen wir nach Geschmack gutes Olivenöl, Weinessig, wenig Senf, etwas Magai-Würze, sowie Salz und Pfeffer und servieren diese Salatsauee in einem Saueennapf. Die Methode ist einfach, und Einfachheit ist eine Grundbedingung für die richtige Zubereitung junger Gemüse mit delikatem Geschmack. Littevarifches. Wie Frauen schlank bleiben, möchte gar manche unserer Leserinnen wissen. Es ist nicht zu leugnen, daß eine gewisse Formenfülle verheirateten Frauen gut steht, allein wie leicht ist die Grenze überschritten, wie leicht verliert sich die Anmut der Bewegungen, und gerade in der heißen Jahreszeit lernt man den Mangel an Schlankheit am empfindlichsten kennen. Da erweist sich die ausführliche Behandlung der Frage: „Wie bleiben Frauen schlank?" in ,,Di«A Blatt gehört der Hausfrau!" (Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin SW., 13, Neuenburgerstr. 14 a) als sehr zeitgemäß. Ohne Gewaltmittel, ohne peinliche und angreifende Entziehungskuren, läßt sich nach den sachverständigen Anweisungen in „Dies Blatt gehört der HanSfranI" die lästige Fülle in angemessener Zeit wegbringen. Die klar und verständlich vorgetragene Methode ist praktisch und hat sich in sehr vielen Fällen ganz vorzüglich bewährt. Auch die Königin von Dänemark hat diese natürliche Kur mit großem Erfolg angewendet. Da die in jeder Beziehung reichhaltige Zeitschrift nur 1,40 Mk. vierteljährlich kostet, ist ein Probeabonnement anzuraten. ___________ Gleichung. Nachdruck verboten, a—(b—c) + d—(e—f) + (g—h) ---- x. a — Nutzpflanze. b — Teil der Schiffsausrüstung, e — kleines, blutdürstiges Tier, d — bekannte Schlangenart. s — Blumen. f — Himmelskörper und Auszeichnung, g — unbestimmter Zeitabschnitt, h — Nahrungsmittel. x — beliebtes Getränk. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Aus Fünkchen kann ein Feuer werden. Rtbeftien: «. Burkhardt. — »ruck und «erlag ter BrShttschrn UmuersttätteBmh- «u» Striudruckerri (hdtetsich i* ***.