(Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Geeroman von Clark Rüssel. (Fortsetzung.) Siebzehntes Kapitel. Meuterei. Ich begab mich an Deck und atmete die reine, frische Luft trotz der Kälte mit Vergnügen ein. Es war nichts in Sicht; ringsumher nichts als blitzender, silberner Sonnenschein und dunkelblaues Wasser. Trotz des schönen Wetters aber konnte ich meiner Befürchtungen doch nicht Herr werden. Ein förmlicher Truck lastete auf meiner Seele, den ich mit dem Gefühle eines eben aus dem Schlafe erwachenden Menschen vergleichen möchte, der weiß, daß ihn irgend eine Sorge oder ein Kummer drückt und sich doch nicht darauf besinnen kann, bis er wieder völlig wach ist. Wenn man sich in solche Stimmung verrannt hat, wird durch einen schönen, heiteren Tag die Niedergeschlagenheit womöglich noch vergrößert. Herr Short — als dienstthuender Offizier wurde er „Herr" genannt — befand sich an Deck und ging breitbeinig zu Xmrtmrb auf und ab, indem er fortwährend an einem großen Priem kaute. Um den Tabakssaft auszuspritzen, ging er von Zeit zu Zeit hinüber an die Leereeling. Die Mann- fmaft war verschiedentlich an Deck oder in der Takelage beschäftigt und schien sehr ruhig zu arbeiten. Als ich sie betrachtete, dachte ich an das Volkslogis vorne unter der -Barct und zerbrach mir den Kops darüber, wie es dort Wohl aussehen möge, auf welche Art die Leute ihre Zeit darin hinbrächten und so weiter. Es wurde mir jedoch langweilig, immer allein herum- zuwandern, und da ich aus Furcht, ich! könnte Richard ni dem ihm so notwendigen Schlummer stören, nicht hmnntergehen wollte, wendete ich mich Herrn Short zu, mit dem ich bis dahin noch nicht gesprochen hatte. Ich hoffte, daß seine Rauheit eben nur äußerlich sein würde, und daß er mir irgend etwas über das Leben im Volkslogis erzählen oder sich mit mir in jener Seemannsweise M z I MW M as verkürzt mir die Zeit? Thätigkeit! Was macht sie unerträglich lang? Müssiggang! Was bringt in Schulden? Harren und Dulden! Was macht gewinnen? Nicht lange besinnen! Was bringt zu Ehren? Sich wehren! Goethe, Fünf Dinar. unterhalten würde, in welcher einer der Hauptvorzüge des Charakters eines echten Seefahrers liegt. Ich habe früher schpn erzählt, daß die Gestalt dieses Beaunes nur wie die eines verstümmelten Riesen vorkan: Dreser Gedanke wurde durch die Länge seiner Arme hervor- gernfen. Seine Hände reichten fast bis zu den Knien herab. Es waren kolossale, knochige, braune Hände, die beim Gehen Ichtaff herunterhingen, ohne zu schlenkern. Die Finger waren gekrümmt, als ob sie ein Tau umspannten, und die Handflächen hatten durch Teer und harte Arbeit ein Aussehen erhalten, als ob sie mit Walnußsaft gefärbt wären. Ermge Pockennarben auf seinem Gesicht vervollständigten noch die seltsam rauhe Erscheinung. Bei dem Leben an Bord eines Schiffes gewöhnt man sich leicht und schnell an die merkwürdigsten Erscheinungen, und so machte auch Herr Short jetzt bei weitem nicht den Eindruck auf mich wie zuerst, wo mir seine Erscheinung besser für eine Schaubude auf einem Jahrmarkt, als für das Quarterdeck eines Schiffes zu passen schien. Er bemerkte, daß ich ihn anzureden beabsichtigte und machte einige Finten, mir zu entgehen, indem er that, als ob er in den Kompaß schaute oder nach der anderen Seite hinübergehen wollte. Schließlich, als er mich heran- fommen sah, blieb er an den Besanwanten stehen und schien ganz plötzlich in die Betrachtung des Großmars versunken zu sein. „Es ist merkwürdig", sagte ich! in einem so freundlichen 2wn, wie er mir nur irgend möglich war, „daß wir bereits seit acht ^agen auf See sind, ohne bis jetzt miteinander gesprochen zu haben. Was halten Sie von der Bark, Herr- Short? Entspricht sie Ihren Erwartungen?" Er sah mich flüchtig an, offenbar in Verlegenheit darüber, mich eine Unterhaltung mit ihm anknüpfen zu sehen, ergriff mit der einen Hand eine Pardune und fing an, sich hin und her zu drehen und zu wenden, während er mit der anderen Hand seine Pelzmütze erst über die Nase und daun wieder zurückschpb. Bei dieser Gelegenheit bemerkte i ch einen kolossal dicken Silberring an seinem Mittelfinger und ein rot und blau tätowiertes Armband auf seinem Handgelenk. „Ja, sie entspricht meinen Erwartungen, Madame", antwortete er. „Sie ist trocken und sie ist schnell und kann auch zu Lnward aufkommen." „Ist das Volkslogis einigermaßen bequem?" fragte ich. „Gut genug für Matrosen; ich bin nicht oft darin", antwortete er, indem er sich abwandte. „Meinen Sie, daß es nicht behaglich ist?" „Ich meine, daß es gut genug für Matrosen ist, die ja doch nur zur See gehen, um wie die Hunde zu leben und nichts anderes erwarteten, als eine Hundehütte, um darin zu liegen." Dabei erhob er- seins Stimme, als ab er 90 - vsn dem am Ruder stehenden Matrosen gehört zu werden wünschte. „Schlafen die Leute in Hängematten oder in Kojen?" fragte ich. Ich wußte kaum, ivie ich das Gespräch fortsetzen sollte, und stellte die Frage nur, um irgend etwas zu sagen. Dabei sah ich aber an dem eigentümlichen Blick, den er mir zuwarf, daß er irgend eine direkte Absicht bei meinen Fragen vermutete. „Nun, da ist beides zu finden", sagte er. „Sind Sie noch niemals in einem Volkslogis auf einem Schiffe gewesen?" „Niemals." „Na, ich wünschte bloß, daß ich das auch sagen könnte", rief er, indem er ein kurzes, rauhes Gelächter ausstieß und sich wieder nach dem Manne am Ruder umsah. „Meine Bekanntschaft mit den Ratten und Kakerlaken (Schwaben) dürfte dann Wohl nicht so ausgedehnt sein, und ■ ich hätte mir ein gutes Teil Mühe sparen können und nicht so viele Maden aus dem verschimmelten Brot herauszuklauben brauchen, aus einer Sorte von Brot, das die Schweine nur beschnuppern und gerne den Matrosen überlassen würden." „Sicherlich ist es doch hier nicht so?" sagte ich. „Nein, nein; der Proviant ist gnt genug. Dagegen kann hier nichts gesagt werden. Sie fragten mich ja nachdem Volkslogis auf den Schiffen im allgemeinen, Madame. Und darauf antwortete ich Ihnen eben." Ich dachte bei mir, wenn ich in der Unterhaltung mit diesem Manne fortführe, könnte er leicht irgend etwas sagen, worüber sich Richard ärgern würde, namentlich, wenn er hörte, daß ich das Gespräch angeregt habe. Ebensowenig mochte ich es aber anch so plötzlich abbrechen, und so sagte ich: „Ich weiß, daß die Matrosen auf manchen Schiffen schlecht verpflegt und behandelt werden. Aber in einem guten, neuen Schiffe, das von einem wohlwollenden, tüchtigen Führer befehligt wird und mit so guten Lebensmitteln versehen ist, wie man überhaupt auf See findet, da kann es ihnen doch nicht so schlecht gehen." „Na, das kann es wohl nicht", antwortete er, indem er sich wieder von mir abwandte, „das heißt, wenn Sie meinen, daß weiter nichts nötig ist, damit die Matrosen sich glücklich und behaglich fühlen. Da ich indessen nicht im Volkslogis wohne, kann ich Ihnen auch nicht sagen, was sie dort reden und treiben. Ich nehme die Dinge, wie sie kommen — denn sehen Sie, das gehört nicht zu meinem Amt, daß ich mich um Sachen bekümmere, die mich nichts angehen. Und darin stimme ich mit Ihnen überein, Madame, daß unsere Leute mit dem Proviant und dem Schiff und dem wohlwollenden und wichtigen Kapitän, der uns alle kommandiert, zufrieden sein können." Jetzt war ich entschlossen, das Gespräch nicht weiter fortzusetzen. Ich verließ ihn und nahm meinen Spaziergang wieder auf. Short war ein Mann, der nicht ganz so schwer zu behandeln zu sein schien, wie Herr Heron. Unter den meisten Schiffsmannschaften gießt es irgend einen alten, fortwährend nörgelnden und fluchenden Seemann, der jeden ihm erteilten Befehl bekrittelt und die geringste Arbeit, die ihm von den Vorgesetzten aufgetragen wird, als persönliche Bosheit betrachtet. Ein solcher Mann war ohne Zweifel auch Short. Obgleich er sich jetzt in einer ähnlichen Stellung befand, wie die Leute, die er gehaßt haben würde, wenn er Matrose hier an Bord gewesen wäre, so änderte das doch nichts an der Sache. Auch wenn er als wachhabender Offizier das Kommando der Bark übernahm, geschah es mit denselben aufrührerischen Gedanken, die er gehabt hätte, wenn er Matrose gewesen wäre. Ich durchschaute ihn, wie ja die meisten Frauen mit offenen Augen und ohne Vorurteile int stände sind, die Männer zu durchschauen. Und doch sah ich. noch nicht weit genug. Die meisten Meutereien werden durch derartige Hetzereien unter den Matrosen erregt und kommen nur dadurch zum Ausbruch, daß das Benehmen der Meuterer bis zum festgesetzten Augenblick durchaus keine Veranlassung zum Argwohn gießt. Ich 'vermutete, daß es beinahe Mittagszeit sein müßte. Die Leute verließen ihre Arbeit und gingen in das Volkslogis zum Essen, und mein Mann und Heron erschienen, jeder mit seinem Sextanten in der Hand, an Deck. „Nun, Jeß", fragte Richard, an mich herantretend, „wie ist es Dir ergangen?" „Ausgezeichnet", antwortete ich, „aus Mangel an frischer Luft werde ich wohl nicht umkommen." „Bist Du seit dem Frühstück an Deck gewesen?" „Ja, ich habe Ausguck gehalten, während Du schliefest." „Ist es Dir auch nicht zu kalt, Schatz Du mußt die Sache nicht übertreiben, Jeß. Vielleicht war aber die Gesellschaft nach Deinem Geschmack." Dabei blickte er zu Short hinüber. „Du hast doch Wohl nicht mit. jenem alten Knaben geliebäugelt, während ich schlummerte?" „Sieht er aus, wie ein Mann, der einer Dame Artigkeiten sagen kann?" rief ich lachend. „Er ist ein Menschenfresser, Richard, und würde sich für die Weihnachts-Pantomimen im Tynetheater eignen. Diese beiden Steuerleute und der saure Herr John Orange müssen von irgend einem bösen Geiste eigens für die „Aurora" ausgesucht sein." „Hat er Dich etwa beleidigt?" fragte Richard schnell, während ein harter, finsterer Ausdruck über seine Züge flog. „Nein, nein", beeilte ich mich zu entgegnen. „Ich rede nur ganz im allgemeinen von seinem Benehmen." „Na, Jeß, kümmere Dich nicht nm ihn. Short ist kein Mann, der es — selbst Dir gegenüber — jemals fertig bringen könnte, höflich zu fein. Er und Heron sind ein paar Seehunde,- von denen der eine nur vou etwas unreineren Rasse ist als der andere, so eine Art Bastard. Ich denke mein möglichstes zu thun, daß sie mich satt bekommen, ehe wir noch in Sierra Leone eintreffen, und dann werden wir hoffentlich unsere Kajüte und unser Quarterdeck mit etwas angenehmerer Gesellschaft ausstatten können." Damit schritt er hinüber auf die andere Seite, wo Heron stand, und beobachtete die Sonne durch seinen Sextanten. Inzwischen bemerkte ich, daß vorne in der Luke des Volkslogis ein Matrose stand, ein dunkelbärtiger, blasser Manu, "nur mit dem Kopf daraus hervorragend. Ich nahm an, daß der Mann auf das Mittagessen wartete; aber auch, als die Leichtmatrosen die Mahlzeit bereits hinuntergetragen hatten, sah ich ihn noch immer dort stehen und uns fortwährend beobachten. Herr Short hatte das Quarterdeck verlassen und spazierte hin und her an der Kombüse. Er näherte sich dabei zuweilen jenem Matrosen. Ob er mit ihm sprach, konnte ich nicht bemerken. „Acht Glasen!" rief mein Mann, als die Sonne die Meridianhöhe erreicht hatte. Der Zimmermann ging an die Glocke und schlug sie achtmal an. Es schien mehr die Folge eines verabredeten Zeichens als der Schiffsordnung zu sein, als mit dem letzten Glockenschlage der Mann, der bis dahin in der Luke gestanden hatte, an Deck trat. Ihm folgte die ganze Mannschaft, einer nach dem andern, wie bei dem Kommando: „Alle Mann an Deck." Richard sprach gerade mit mir. Er schaute überrascht auf die ungewöhnliche Bewegung vorne, als er zufällig den Blick dorthin richtete. „Nun, was soll das bedeuten?" murmelte er vor sich hin. Er trat an das Oberlicht, legte seinen Sextanten nieder und blickte einige Augenblicke sehr scharf zu 'Herrn Heron hinüber, der sehr angelegentlich mit dem Ablesen seines Sextanten beschäftigt zu sein und die plötzliche Versammlung der Mannschaft gar nicht bemerkt zu haben schien. Der Zimmermann trat, nachdem er die Glocke angeschlagen hatte, in seine Kammer und blieb unsichtbar. Es schien ziemlich klar, daß er die Mannschaft sich zu irgend einem andern Zweck versammelt hatte, als um frische Luft zu schöpfen oder sich das Wetter anzusehen. Die Leute ließen uns jedoch noch eine Weile in Ungewißheit. Sie standen und sprachen miteinander und schauten mit einer gewissen Entschlossenheit zu uns herüber. „Weshalb sind alle Mann an Deck? Was wollen die Leute, Herr Heron?" fragte Richard. „Ich habe keine Ahnung, Herr", antwortete der Steuermann. „Wahrscheinlich wohl doch", dachte ich bei mir selber. „Was meintest Du denn heute morgen damit, daß die Leute uns noch viel zu schaffen machen würden?" Richard wartete eine zeitlang. Tann drehte er sich kurz um, offenbar in der Absicht, seinen Sextanten aufzu- 91 nehmen und hinunterzugehen. Als die Leute dies be- merkten, setzten sie sich in Bewegung und kamen in geschlossener Kolonne nach achtern. Mein Mann stand neben dem Kajütenoberlicht, und die Mannschaft stellte sich etwas achterlich vom Leesallreep aus. Jetzt lag in ihrem Auftreten entschieden nichts Unentschlossenes mehr. Zwei Leute, von denen ich schon früher sagte, daß sie mich an amerikanische Matrosen erinnerten, verliehen der Gesamtheit hauptsächlich einen bestimmten Ausdruck. Es waren ein paar hagere, kraftvolle Gestalten mit schmalen Hüften und dunkelbärtigen Gesichtern, geschmeidig wie Stahlklingeu. Ihre dunkelblau gefärbten Drillichbeinkleider trugen sie in die halbhohen Stiefel hineingestopft. Die ganze Gesellschaft bestand aus sieben Personen, vier Vollmatrosen, zwei Leichtmatrosen und einem Schiffsjungen; der fünfte Vollmatrose stand am Ruder. (Fortsetzung folgt.) „Für die Armen." Novellette von HeleneLang-Auton. (Nachdruck verboten.) Auf allen Bällen, Festlichkeiten und Wohlthätigkeits- bazaren machte Miß Sigrid Aruson, die schöne, reiche . Amerikanerin Aufsehen. Sie war mit ihrem Vater übers Meer gekommen, um in der Residenz einen Winter zu verleben, und, wie mau sich heimlich zuflüsterte, sich einen Mann zu holen. Der Millionärin öffneten sich leicht alle Thüren, und sie war bald der Mittelpunkt der vornehmsten Kreise, die sie mit Aufmerksamkeiten und Liebenswürdigkeiten überhäuften. Die jungen Männer bildeten einen Hofstaat um sie, und jeder wünschte sehnlichst, der jungen Miß Herz und Hand zu erringen. Auch alte Herren verloren ihre Köpfe und versuchten noch Bresche zu schießen, was allerdings nur ein spöttisches Lächeln des schönen Mädchens zur Folge hatte. Selbst die Damen der höchsten Aristokratie, Mütter armer, heiratsfähiger Söhne, übersahen des jungen Mädchens exzentrische Launen, die sie in einem andern Falle unbarmherzig verurteilt hätten, und ließen sich herab, sie mit Schmeicheleien zu überschütten. Sigrid Arnson sah all dies, das mehr ihrem Gelde als ihrer Person galt, und amüsierte sich köstlich darüber. Sie that, was sie wollte. Vielleicht manchmal des Guten zu viel, um die Langmut ihrer vielen Verehrer zu erproben, und ließ sich von aller Welt verwöhnen. Allen voran ihr eigener Vater, der sein einziges Kind vergötterte, und ihr jeden Willen bedingungslos erfüllte. Er träumte von einer Herzogskrone für seine Tochter, würde ihr aber auch den ärmsten und unbedeutendsten Manu gegeben haben, wenn sie es verlangt hätte. Auf dem Wohlthätigkeitsbazar heute stand Sigrid in entzückender Toilette, duftig und schön, wie ein Frühlingstag, und bot den Herren Zigarren und Zigaretten an. Natürlich waren alle Herren plötzlich leidenschaftliche Raucher, und man raufte sich förmlich, um aus ihrer kleinen Hand die Zigarren oder Zigaretten für teures Geld zu erstehen. Wenn sie die Zigarre oder Zigarette anzündete, kostete diese mehr, noch mehr — wenn sie sie anrauchte. Trotz ihrer großen Beschäftigung schaute sie öfters über die sie umringenden Herren nach. dem roten Vorhang links in der Ecke, wo Baron Kallnow hinter einem Blumenarrangement halb verborgen stand. - Der hübsche Mann in der kleidsamen Husarenuniform betrachtete sie unausgesetzt. Sein ganzes Herz drängte sich in seine Augen, und diese redeten eine Sprache, die nicht mißzuverstehen war. Er liebte dieses schöne Mädchen glühend und ehrlich, und dennoch spannte er sich nicht gleich den andern an ihren Triumphwagen. Er wollte nicht einer von vielen sein. Entweder der eine — oder gar keiner. Der alte, reiche Geheimrat Forstuer hatte sich zu Sigrid Arnson durchgedrängt und bat sie um eine Zigarre. Sie fragte: „Anrauchen?" „Natürlich", schmunzelte er. „Wenn man keinen wirklichen Kuß bekommen kann, so muß man sich mit solchem telephonischen begnügen." Sigrid lachte, sie betrachtete das dicke, behagliche, rote Gesicht des alten Junggesellen. Sie sah, wie seine kleinen Augen sie auztvinkerten, und es kam ihr plötzlich ein Gedanke: „Warum sollte man für die Armen nicht einmal wirklich küssen?" Sie sprach es so laut, daß man es weit hören konnte. „Sehr richtig", stimmte lebhaft der Geheimrat zu. „Topp, es gilt", und er hielt ihr die Hand hin. Sie zögerte einen Augenblick. Wie würde man diese neue Laune' in der Gesellschaft aufnehmen? War das nicht zu viel, was sie da wagte? Die Deutschen sind so schwerfällig in solchen Sachen. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre Unentschlossenheit, dann schlug sie kräftig ein. Entzückt hielt der Geheimrat ihre Hand fest. „Kostenpunkt?" fragte er. „1000 Dollars." Alles hatte sich herzugedrängt, um das seltene Schauspiel zu genießen. Fast alle beneideten den alten Herrn, der einen Check auf tausend Dollar ausstellte mit einer Gleichgiltigkeit, als wenn es ein Almosen wäre, um ihn der schönen Amerikanerin zu überreichen. Diese nahm das Papier, legte es aus den Teller zu dem übrigen Gelde, neigte sich über den Verkaufstisch und reichte dem Geheimrat ohne Ziererei ihre frischen, roten Lippen. Während der Geheimrat sie beseligt küßte, sahen ihre Augen nach Kallnow, der totenblaß geworden war und die Augen geschlossen hatte. Er wollte offenbar diesen Kuß, der ihm entsetzlich war, nicht sehen. Sigrid lächelte. Ein Strahl voll Zärtlichkeit traf aus ihrem Auge den Fernstehenden. Im Saale wurde dieser „neue Sport der Wohlthätig- keit" viel bekrittelt. Man fand ihn doch etwas M frei und unerlaubt. Und die Damen des Komitees zuckten die Achseln, sahen mit empörtem Augenaufschlag nach oben, und notierten dann mit Befriedigung in ihr Vereinsbuch die 1000 Dollars. Selbst die Herren fanden diesen Kuß nicht ganz einwandfrei, weil sie ihn sich nicht leisten konnten, und dem alten Geheimrat, der dickgeschwollen vor Vergnügen als der Löwe des Abends stolz im Saale herumging, dies fabelhafte Glück nicht gönnten. Miß Arnson hatte ihren Platz in der Verkaufsbude einer andern Dame abgetreten und war auf das große Blumenarragement, hinter welchem Kallnow lehnte, zugegangen. Der Husarenoffizier bemerkte sie erst, als sie knapp vor ihm stand. Er sah sie so schmerzlich und unglücklich an, daß sie, ihrem impulsiven Gefühl nachgehend, ohne recht M wissen, was sie that, nach seiner Hand griff, und leise fragte: , „Was ist Ihnen nur, was haben Sie?" Er drückte ihre Hand heftig: „Wie konnten Sie es thun?" Sie erglühte bei diesem Vorwurf und senkte leicht den Kopf. „Ist es denn etwas so schreckliches, mich zu küssen?" „Das höchste (Älück ist es, die unsagbarste Wonne", flüsterte er mit bebender Stimme. „Und das sagt lein Mann, der sich nie um mich kümmert." . „Ein Mann, der Sie über alles liebt, der Sie anbetet, dessen einziger Gedanke Sie sind. Und der nicht weiß, wie er das Leben weiter tragen soll, wenn er Sie verliert." Das tiefste Gefühl durchzitterte diese Beteuerungen und berührte eine Saite in ihrem Herzen, die bis jetzt noch- nicht erklungen war. „Warum denn verlieren?" kam es wie ein Hauch von ihren Lippen. Sigrid!" jubelnd klang es Sie sahen sich in die Augen. In süßer Beklommenheit standen sie dicht nebeneinander. Keiner von beiden vermochte zu reden. Sie fühlten sich mit magnetischer Gewalt zueinander gezogen. Und lautlos, jede Vorsicht vergessend, sanken sie sich in die Arme, durch die hohen Pflanzen den Augen der Außenwelt verborgen. In demselben Augenblick, als ihre Lippen sich zum Kusse fanden, und Kallnow sie heftig an sich preßte, stieß er mit dem Rücken gegen die Blumentöpfe, die mit lautem Gepolter zu Boden stürzten, beide den neugierigen Blicken der andern preisgebend. - 92 - Lief erschrocken, ließen sie sich los, doch nur einen Augenblick dauerte Sigrids Verlegenheit. Sie nickte den neugierig Nähergekommenen freundlich zu, dann sagte sie lächelnd: „Für die Armen!" und bot Kallnow den Mund hin. Dieser küßte sie verwirrt. Ungeheure Aufregung bemächtigte sich aller. Welch eine Schmach! Dies Benehmen schlug ja jeder Sitte ins Gesicht. Unter dem Schilde der Wohlthätigkeit sich von aller Welt küssen zu lassen, war denn doch unerhört. Und Kallnow hatte wohl den Verstand verloren. Wie konnte er, der mittellose Offizier, 1000 Dollar für einen Küß zahlen. Aber vielleicht bekam er ihn billiger, weil er jung und hübsch war? Herr Arnson hatte auch davon gehört und trat, zum erstenmale unzufrieden mit seinem Töchterchen, auf Sigrid zu. Sie sprachen leise miteinander. Er schüttelte den Kopf. Dann nickte er und ging auf die Vorsitzende des Komitees zu. Man hatte die kleine Szene zwischen Vater und Tochter beobachtet, aller Augen richteten sich auf ihn, als er an die Damen des Komitees herantrat. Wie würde er seine Tochter entschuldigen? Im Grunde ihres Herzens gönnten sämtliche Damen diese Bloßstellung dem schönen Mädchen, das sie um ihre Erfolge heimlich beneideten. „Gnädigste Gräfin", begann Herr Arnson laut und vernehmlich, sodaß man ihn weithin im Saale hören konnte. Alles horchte auf, wie unabsichtlich näherkommend: „Gestatten Sie, daß ich für den Kuß, den Baron Kallnow eben meiner Tochter gegeben hat, 10 006 Dollars in Ihre Hände für die Armen lege. Sie werden diesen Kuß nicht für überzahlt finden, wenn ich Ihnen zu gleicher Zeit sage, daß es — der Verlobungskuß — meiner Tochter mit dem Herrn Baron war." „Ah! wir gratulieren", erscholl es von allen Seiten. Das Blatt hatte sich gewendet. Nach einem Augenblick der vollkommensten Verblüffung strömte alles herbei, um dem Brautpaare Glück zu wünschen. Kallnow stand sprachlos. Er konnte es noch nicht fassen. Narrte ihn ein süßer Traum oder war es Wirklichkeit, daß dieses entzückende heißgeliebte Mädchen ihn wiederliebte, .und daß Herr Arnson ohne Kämpfe und Schwierigkeiten seine Einwilligung gab? Das übertraf die kühnsten Hoffnungen des armen Offiziers. Sigrid lachte ihm zu und schob ihren Arm in den seinen. Jetzt gehörte er ihr, und sie wollte ihn schon fürs Leben festhalten. Der alte Geheimrat, der durch das neue Geschehnis ganz um seinen Ruhm gebracht war, trat auch an das Brautpaar heran, um ihm zu gratulieren. Er konnte es sich nicht versagen, Kallnow gegenüber zu bemerken: „Ja, mein lieber Herr Baron, ich bin Ihnen doch zuvorgekommen. Ich war der erste." Dieser lachte siegesbewußt auf. „V o r mir — konnten Sie kommen, Herr Geheimrat, n a ch mir — nie." Verletzt warf der alte Mann den Kopf zurück. Diese Anspielung auf seine Ungefährlichkeit, war doch etwas zu unverblümt. Kallnow, dies gewahrend, beeilte sich, zu sagen: Daß es nicht für ihn, sondern für jeden gegolten hätte. Der alte Herr, dadurch versöhnt, verließ das Brautpaar. Man hörte ihn später im Saale sagen: „Dieser Kallnow ist ein unerhörter Glückspilz. Ich muß für einen flüchtigen Kuß ihr 1000 Dollars zahlen, während sein Schwiegervater für seinen Kuß 10 000 Dollars zahlt, und er außerdem noch das „Prachtmädel" bekommt." Allmählich glätteten sich die Wogen der Aufregung, und das Fest nahm seinen weiteren Verlauf. Die Damen des Komitees waren außerordentlich zufrieden über ihre glänzende^ Einnahme und wünschten solche Fälle öfters. Am glücklichsten aber waren die jungen Mädchen, sie brauchten die schöne Amerikanerin nicht mehr zu fürchten, und sie lachten und scherzten fröhlich mit ihren Verehrern, die reurg zurückgekehrt waren. Gemeinnütziges. F u ß b o d e n a n st r i ch. Der Schutz, welchen der Anstrich) sei derselbe aus Oelfarbe und Kopalsirniß, oder aus weingeistlgem Schellackfirniß, gewährt, ist nur ein vorübergehender; durch das Gehen u. s. w. und das nur zu oft wiederholte Aufwaschen findet baldige Abnutzung statt, und die Splitter treten von neuem hervor. Ein neues Anstreich- mittel, welches die „Süddeutsche Bauzeitung" mitteilt, dürfte sich vielleicht besser bewähren. Dasselbe wird bereitet, indem man 1 Kilogramm Tischlerleim, 30 Gr. gepulvertes, doppelt chromsaures Kalium, 100 Gr. Anilinbraun, 10 Liter Wasser in einen: Blechgefäße zusammenmengt, nach Verlauf von 6 Stunden, wo der Leim vollkommen aufgequollen ist, allmählich bis zum Siedepunkt erwärmt. Der Anstrich soll warm, aber nicht heiß, mit einem gewöhnlichen Zimmerbesen aufgetragen werden. Derselbe wird nach zwei bis drei Tagen vollständig wasserdicht; deckend ist derselbe, da ihm der erdige Körper fehlt, nicht. Der Leim ist geeignet, die Holzfasern zur festen Verbindung zu bringen. Unauflösbar wird derselbe durch Zusatz von doppeltchromsaurem Kalium bei der Einwirkung von Licht. Es empfiehlt sich, das Kaliumbichromat und das Anilinbraun erst zuzusetzen, wenn der Leim nach dem Aufquellen gelöst worden ist. Eine gute Schuhwichse. 1 Kilogramm Galläpfelpulver, 40 Gr. Blauholzextrakt, 25 Liter Essig. Die drei Körper tverden eine halbe Stunde gekocht, der flüssige Anteil abgeseiht, mit 300 Gr. Eisenvitriol versetzt, nach 24 Stunden der klare Anteil abgezogen und mit 250 Gr. Gummi, 3 Gr. Zucker, 2 Kilogr. Syrup, so lange erwärmt, bis diese Stoffe gelöst sind. Die Flüssigkeit wird versetzt mit 2 Liter Weingeist, 1 Liter Schellacklösung, 130 Gr. Gerbstoffextrakt. Die Schellacklösung wird bereitet, indem man in sehr starken: Weingeist so viel braunen Schellack löst, als sich überhaupt zu lösen vermag.Prakt. Wegw. Mode. Das neueste Heft der „Wiener Mode" (vierteljährlich 6 Hefte zum Preise von Mk. 2.50) enthält Modelle und Beschreibung einer vollständigen Brautkleidansstattung, Theater- und Gesellschaftstoiietten, Kommnnion- kleider für Knaben und Mädchen, Hauskleider und Wäschegcgenstände in stattlicher Auswahl für jeden Geschmack und jede Börse. Die musterhaft geleitete Handarbeitsabtcilung weist nicht weniger als 24 eingehend erläuterte Abbildungen auf, sowie einen Lehrkurs für Knüpfarbeit. Von wesentlicher Bedeutung ist der reichhaltige und schön illustrierte Unterhaltungsteil des starken Heftes. Der Beigefügte Schnittmusterbogen setzt die Damen in den Stand, sich Toiletten selbst anzufertigen, und der Verlag liefert auf Wunsch Schnitte nach persönlichem Maß unter Garantie guten Passens gegen Spesenersatz. — Zu beziehen durch alle Buchhandluugen oder direkt vom Verlag der „Wiener Mode" in Wien, IV., Wienstraße 19. Skatarrfgabe. Nachdruck verboten. (a b c d die vier Farben; A Aß; K König; D Dame, Ober; B Bube, Wenzel, Unter; V M 8 die drei Spieler.) Es wird nach Werten gereizt. M, der Mittelhandspieler, hat den ganzen Abend im Glück gesessen und fängt auf folgende Karte gleich wieder an, übermütig zu reizen: a, b, cB; bK; cK; dA, 10, K, D, 9. Das ist natürlich ein unverlierbares Großspiel. V, der Borhand- sp'cker, ärgert sich hierüber, und zum Trotz hält er auf seine nur 33 Augen zahlende Karte, in der sich kein Aß befindet,' alles, was auch M bieten mag, und schließlich macht er a-Handspiel. Dies geht ohne 6 Matadore, wird aber mit Schneider gewonnen. Die Gegner kommen mir bis 29. Wie war Kartenverteilung nnd Gang des Spiels? Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: F REU NEBEL FEBRUAR BRUST BAD R Redaktion: T. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Umverfitäts-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Siegelt.