„Nun, jetzt hat es Breymann selbst übernommen, und Tu wirst erstaunt sein, was! er in den zwei Fahren aus dem Gute gemacht hat. Ich an Deiner Stelle hätte Brey- mann doch, nicht gehen lassen, es ist ein sehr tüchtiger Landwirt." „Er hat mir ja selbst gekündigt." , , „Ja, ich erinnere mich. Ihr hattet einen kleinen Streit, aber der hätte sich doch beilegen lassen!" „Tn irrst Dich!. Ich habe keinen Streit mit Herrn Breymann gehabt." Sannow lachte kurz aus. „Ich will nicht in Deine Geheimnisse eindringen, lieber Schwager, aber man munkelte, so etwas von einem kleinen Techtelmechtel. . ." „Arno — ich bitte Dich. . ." „Na, nimm's nicht übel, alter Junge. Schließlich kommt alles auf das alte Wort hinaus: Sucht nur die Frau! — Vielleicht interessiert es Dich aber doch, zu hören, daß Else Breymann eigentliche das Gut ihres Vaters ganz allein bewirtschaftet." „Was Du sagst?" „Ja, der Alte ist 'n bißchen stumpf geworden, er war längere Zeit krank — da hat denn Else Breymann die Bewirtschaftung des Gutes ganz allein in die Hand genommen. Ein famoses Mädchen, von dem mancher Landwirt lernen könnte." In dem Zimmer herrschte bereits! tiefe Dämmerung, sodaß Arno nicht erkennen konnte, wie sich Mel Fritz' Wangen gerötet hatten. Der Name Else Breymann hatte in- seinem Herzen die alten Schmerzen wieder erweckt, und er fühlte mit wehmütiger Freude, daß sein Herz noch immer an den Erinnerungen seiner Jugend hing. Mit Gewalt hatte er sie in den letzten Jahren, fortgetriebeul — immer wieder kehrten sie zurück, und schließlich gab er sich willenlos diesen süß-schmerzlichen Erinnerungen, hin, je mehr er sich in seiner Ehe unglücklich und unbefriedigt fühlte. Und jetzt, da er nach langer Zeit den ersten Schritt in seine Heimat that, trat ihm die Gestalt Elses, in der sich alle, jene Erinnerungen zu verkörpern schienen, in voller Deut-, lichkeit entgegen; er hörte ihr Lob aus dem Munde seines Schwagers, und es freute ihn, daß er mit jemandem über sitz sprechen konnte. Doch dann Feim ihm wieder zum Bewußtsein, daß alle diese Erinnerungen für ihn wesentliche Schatten waren; nichts war ihm von früher geblieben, sein Leben hatte keinen Zusammenhang mehr mit der Vergangenheit, er selbst hatte ja den Schritt vollzogen, der die Gegenwart von der Vergangenheit trennte. Mit rauher, ungeduldiger Stimme entgegnete er: „Was kümmert mich das Mädchen und ihre Wirtschaft!" „Natürlich nichts", sagte Arno. „M dachte nur, es interessierte Dich!, von Breymanns zu hören," hi 1901. — Nr. 146. Bonntag den IS. Moder. ♦tf* \ll MM» MA S liegt nicht an Büchern noch Vernunft, c§ liegt daran, daß Gott Leute auf Erden schickt. So sehen wir in allen Historien und der ganzen Schrift: wenn Gott einem Volke hat helfen wollen, hat er's nicht mit Büchern gethan, sondern nicht anders, denn daß er einen Mann oder zwei hat aufgeworfen, die regieren besser, denn alle Schriften und Gesetze. Martin Luther. (Nachdruck verboten.) Der Erbe von Petershagen. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) Eitel Fritz atmete auf, als er in das einfach und erwäs altmodisch ausgestattete Zimmer seines Vaters trat. Auch Urno Sannow schien sich jetzt erst behaglich zu fühlen., „Weißt Du, Eitel Fritz", sagte et, indem er sich eine Zigarre anzündete, „ich komme mir in all der Pracht, die Deine Frau um sich zu verbreiten liebt, doch recht fremd Und fast etwas verbauert vor, — verzeih) ich will damit keinen Tadel gegen Deine Frau aussprechen —" „Bitte, geniere Dich nicht — dasselbe Gefühl habe ich auch." „Ja, aber — erlaube mal' — Du kannst doch — hm, ich, will nichts sagen, aber ich meine, Du bist es doch, jetzt so gewohnt — und eure Mittel erlauben es ja auch! . . ," „Meine Mittel nicht — nur meiner Frau Mittel —" >,Na, das ist doch dasselbe." l! „Nicht so, wie Du vielleicht meinst," Das Gespräch stockte. Arno Sannow fühlte sich! unbehaglich, er ahnte, daß zwischen den Gatten etwas nicht in Ordnung war. Er trat an das Fenster, aus dem man eine weite Aussicht über die Ebene mit ihren Weilern Und Dörfern genoß) „Ist Dir bet eurer Fahrt hierher nicht eine große Veränderung in Jagerhos aufgefallen?" fragte er nach einer Weile. . „Wieso? — Ich habe nichts bemerkt." . J „Wer ihr seid doch an dem Gut vprübergefahren?"- v „Allerdings . . ." „Na da muß Dir doch der famose Zustand, des Gutes! Und der Felder ausgefallen sein?" „Ich, habe nicht darauf geachtet." „Erinnerst Du Dich) Ivie, verwahrlost bas kleine Gut früher war?" „Ja —. ja ■-/' ! „Euer alter Inspektor Brehmauu riet vor Fahren Deinem Vater, Jägerhof zu kaufen, da es sehr billig zu haben war, unmittelbar an Petershagen grenzte und bei geeigneter Bewirtschaftung einen hohen Ertrag versprach." „Ich entsinne mich nicht mehr." 582 XIII. Nach einer Weile fragte er: „Wie bist Du denn mit Deinem Inspektor Wedemeyer zufrieden?" „Tu vergißt, daß ich kaum drei Stunden hier bin . . ." „Ja, freilich — aber Du haft doch mit ihm in Korrespondenz gestanden." „Nur wenn er Geld haben wollte. Abwerfen thut ja Petershagen so gut tote nichts . . ." „Das wundert mich... da würde ich doch dem Herrn Wedemeyer mal etwas ans die Finger sehen." „Arno, ich bitte Dich — willst Du sagen, daß Wede- nieyer unehrlich ist?" „Beileibe nicht — ich möchte keinen Menschen verdächtigen. Aber er scheint mir etwas großspurig zu wirtschaften. Er rechnet zu viel mit Deinem großen Portemonnaie . . . bod): ich glaube, wir müssen jetzt zu den Tarnen zurückkehren." Man begab sich wieder in den Salon. Eine Weile schleppte sich das Gespräch noch mühsam hin. Darm empfahlen sich Arno und Ruscha. Eitel Fritz begleitete sie bis zum Wagen. Als er wieder zurückkehrte, hatte sich Irma bereits in ihr Zimmer begeben. „Gnädige Frau hätten Kopfschmerzen und wollten sich niederlegen", meldete der alte Diener. Eitel Fritz nickte nur mit dem Kopfe. Er kannte diese Rücksichtslosigkeit schon, mit der sich, seine Frau zu verabschieden pflegte. Ihm war es auch ganz recht, daß er Diesen Abend allein sein konnte. So begab er sich denn in das Zimmer seines Vaters, setzte sich! vor dessen Schreibtische, stützte die Stim in die Hand und gab sich den alten Erinnerungen hin, die hier, in dem Raume, wo er dem Vater zum letzten Male gegenüber gestanden, mit unbezwinglicher Macht aus ihn eindrangen. Mitternacht war schon vorüber, als er sich zur Ruhe begab. Früh am andern Morgen erwachte Eitel Fritz aus einem unruhigen, von lebhaften Träumen ost gestörten Schlaf. Er sprang aus dem Bett, zog die Jalousie zurück und öffnete das Fenster, um die frische Morgenluft in sein dumpfes Schlafzimmer eindringen zu lassen. Eine Flut goldenen Lichtes quoll ihm entgegen, und ein kühler Wind umfächelte feine heiße Stirn. Rasch kleidete er sich an. Er wählte ein Reitkostüm, da er die Ställe besichtigen und einmal wieder durch die taufrischen Felder reiten wollte. Ter strahlende Sommermorgen, der herrliche, würzige Dust, der von den Feldern und Wiesen zu ihm heraus- strömte, der rauschende Wald und die mannigfachen Töne, Die das Arbeitsleben da drunten ans dem Wirtschgfts- hose und in dem Torfe erweckte, ließen ihn die düsteren Träume der Nacht vergessen und stimmten ihn froh und heiter, wie seit langer Zeit nicht. Er schellte dem Diener, dem er aufirug, der gnädigen Fran, wenn sie sich erhoben habe, zu melden, daß er wohl erst zum zweiten Frühstück zurück sein werde, da er einen Ritt durch die Felder machen wollte. Dann begab er sich nach dem Wirlschastshose, wo er bereits die Knechte und Arbeiter in voller Thätigkeii fand. Ehrerbietig und etwas erstaunt begrüßte ihn der Inspektor Wedemeyer, ein junger, stattlich aussehender Herr von etwa dreißig Jahren. „Ich! stehe eben im Begriff, nach dem Moorkamp hinauszureiten, Herr Baron", sagte er. „Ich! lasse dort Roggen einfahren und möchte zugleich einmal nach! ben dortigen Wiesen sehen. Sie sind etwas sumpfig, und ich! habe Graben ziehen lassen — Herr Baron wissen es wohl Ähivn?" Eitel Fritz wußte nichts, aber er that, als ob er ganz genau unterrichtet sei. „Ich! werde Sie begleiten", sagte er. „Lassen Sie mein Reitpferd, das ich vor einigen Tagen sandte, satteln." „Ter Moorkamp liegt aber sehr weit, Herr Baron." „Tas schadet nichts — so sehe ich mir gleich die anderen Felder an." Ter Inspektor gab den Befehl zum Satteln des Pferdes, und nach! kurzer Zeit ritten beide aus dem sandigen weichen Wege durch, die Felder. Eitel Fritz sah sich das Pferd seines Inspektors mit einem gewissen Erstaunen an. „Sie reiten dä ein vortreffliches Pferd, Herr Wede- meher", sagte er. „Sehr edel gezogen — schönes Halbblut — woher haben Sie das Pferd?" Herr Wedemeyer errötete ein wenig. Er wußte wohl, daß das Pferd eigentlich viel M teuer für ihn war, hatte es doch dreitausend Mark gekostet. „Ich habe es billig von einem Reserveoffizier gekauft, Herr Baron", flunkerte er. „Das alte Pferd wollte nicht mehr . .?' „So — meines Wissens habe idj selbst es aber erst vor ettoa vier Jahren als junges Pferd geritten. war guter ostpreußischer Zucht. Ist dem Pferde was zugestoßeu?" „Es war sehr ftruppiert, Herr Baron, und jetzt geht es im Gespann. Ich gebrauche es auch als Kutschpferd."- „So — so . . ?' Eitel Fritz entsann sich- der Worte seines Schwagers, daß Herr Wedemeyer etwas „großspurig" wirtschaftete, und fand diese Worte bestätigt. Im übrigen war der Inspektor ein sehr gewandter und angenehmer Gesellschafter von durchaus sicheren und takt-, vollen Formen. Er zeigte Eitel Fritz die Felder und Wiesen- welche zu Petershagen gehörten, erklärte ihm dieses und jenes und machte einige Vorschläge zu Bodenverbesserungen/ die Eitel Fritz ganz passend erschienen. Ueberhaupt lebte Eitel Fritz inmitten des herrlichen Sommermorgens und der heimatlichen Umgebung, die ihn an seine fröhliche Jugendzeit erinnerte, ordentlich wieder auf. Sein Geist, sein Körper gewannen fast die alte Spann-, kraft wieder, er gab seinem Pferde die Schenkel und flog in langem Jagdgalopp über die Felder. Wedemeyer blieb dicht an seiner Seite. Eitel Fritz wollte versuchen, ob der Inspektor ihm auch auf schwierigerem Gelände folgen konnte, und wählte einen geraden Weg über Hecken und Gräben, die sein edles Vollblutpferd mit Leichtigkeit nahm. Nach einem scharfen Ritt von zehn Minuten parierte er sein Pferd — unmittelbar an seiner Seite hielt aber auch, schon Herr Wedemeyer und blickte ihn lächelnd an. „Brav geritten, Herr Wedemeyer — man merkt, daß Sie bei der Kavallerie gebient haben." „Allerdings, Herr Baron — aber ■*— mit dem altert Jüfpektorpferde hätte ich dem Herrn Baron nicht zu folgert vermocht." Eitel Fritz lachte. Er merkte wohl, was der Inspektor mit diesen Worten sagen wollte, und entgegnete nur: „Da haben Sie freilich recht. . ." Im Schritt ritt man weiter.. Nach einiger Zeit wies Herr Wedemeyer auf mehrere Ackerwagen „bei denen Leute mit dem Ausladen der Garben beschäftigt waren. „Tort ist der Moorkamp, Herr Baron, — aber wahr-! hastig", rief er, „da ist uns der alte Breymann wieder zuvorgekommen. Der alte Schlaumeier drischt gleich auf dem Felde und verkauft das Kom vom Felde weg! Sehest Sie, Herr Baron — dort drüben die Dreschmaschine? Das ist schon Jägerhofer Gebiet — der Moorkamp grenzt nnmittefe bar daran !" Auf dem benachbarten Felde war eine Dreschmaschine bereits im vollen Gange, und ihr Mmpfes Drohnen ließ den Erdboden erzittern. 'DM aiisgedroscherie Stroh wurde dann gleich zu hohen Diemen aufgeschichtet. „Das trockene Wetter ift dem Allen allerdings zu Hilfe gekommen", fuhr Wedemeyer fort. „,DM- Storni brauchte nicht lange zu trocknen und konnte saft vom Halme weg gedroschen werden. Wer, wahrhaftig, da ift Fräulein Breymann schon! — Sehen Herr Baron bie Reiterin! — Fräulein Breymiaün ift wirklich eine SaniM ... Wirtin, wie sie im Buche steht", setzte er lachend hinzu. „Immer die erste und die letzte bei der Arbeit. Die könnte selbst Petershagen selbständig bewirtschaftend Neben der Drsschmaschine hielt eine Reiterin auf einem großen, etwas berbrnochjgeu Pferde. Ein dunkel-, graues, einfaches Reitgewand, das jedoch! die Füße frei liest umgab knapp die kräftig schlanke Gestalt. Das blonde Haar war am Hinterkops tu einen kunstlosen Knoten zusammen-, gefaßt, ein weißer Sirohhut beschattete bas Gesicht, bas durch den Aufenthalt in frischer Lust, bei Sonnenschein und Regen, eine häftige, gesunde Färbung angenommen hatte. Lässig hielt die mit einem grauen Lederhandschuh bekleidete Linke den Zügel, während die Rechte hierhin und 583 dorthin weisend, die Anordnungen unterstützte, welche die Reiterin den Arbeitern gab. „Wollen Herr Baron unsere Nachbarin nicht einmal begrüßen?" fragte Wedemeyer lächelnd. „Sie ist jedenfalls ein interessantes Frauenzimmer — allerdings nicht mein Geschmack . .," „Was ist denn Ihr Geschmack?" fragte Eitel Fritz. „Eine elegante Frau, Herr Baron — nicht solch ein r-i Verzeihen Sie den Ausdruck! — Kraftweib." Eitel Fritz erwiderte nichts. Langsam ritt er weiter. Seltsam bewegte ihn dieses Wiedersehen mit Else, die er in voller Kraft und gesunder Thätigkeit da vor sich- sah, während er, mißmutig zu jeder ernsten Arbeit, sein Leben unlustig dahinschleppte. Er hatte oft mit Reue an die letzte Begegnung mit Else gedacht; er wußte, daß sie unter seiner Treulosigkeit schmerzlich gelitten, und glaubte, daß dieser Schmerz auf ihr ganzes Leben einen Schatten werfen müßte, wie auf sein Dasein der Gedanke, nicht treu, nicht redlich gehandelt zu haben. Und jetzt sah er Else wieder so kraftvoll, so ruhig und sicher, so selbst^ bewußt und unberührt durchs Kummer und Schmerz, als wäre nie irgend eine Enttäuschung in ihr Dasein getreten. Ein Gefühl der Scham überkam ihn, wenn er sein nichtiges, inhaltloses Leben mit dem Elses verglich, Zugleich keimte aber auch der Wunsch in ihm empor, ihr wieder näher zu treten, um zu erfahren, ob sie in der That jenen Schmerz überwunden oder ob diese sichere Ruhe nur äußere Maske war, hinter der sich der Schmerz verbarg. Deshalb ritt er näher heran. Die Arbeiter Elses bemerkten die Reiter nicht. „Sprechen Sie die Dame an", sagte Eitel Fritz zu dem Inspektor. (Fortsetzung folgt.) Die letzten Astern. Humoreske von Teo von Torn. (Nachdruck verboten.) Herr von Usadel legte nachdenklich! seine schwelende Zigarre auf die Tischkante, kraute sich dann tief auf- atrnend hinterm Ohr und faltete die Hände. Das war eine ganz verteufelte Geschichte. Wer da half kein Maulspitzen, es mußte gepfiffen werden. Nachdem er chen semmelblonden dicken Freiersmann Noch einmal verstohlen von unten bis oben gemustert, huschte sogar etwas wie ein Lächeln über die Züge des alten Herrn. Wenn er nun nicht gleich- sprach, würde der junge Mann Unfehlbar die Krempe feines funkelnagelneuen Zylinders Ubbrechen; und- das wäre schade um den blanken Bibi. Herr von Usadel räusperte sich also und sagte: „Mein lieber Herr Gostenow — die Sache kommt mir stin bischen überraschend, und Sie werden mir nicht übel- Uehmen, wenn ich mich nicht gleich so auf den Dutt entscheide. Sehen Sie mal — das Heiraten ist doch schließlich ein anderer Handel, als wenn Sie mir Futterrüben und ich Ihnen ein Fohlen ab kaufe, mit dem Sie mich übrigens das 'letzte Mal behumpst haben — „Herr von Usadel —i —" „Reden Sie nicht, Gostenbw, Sie haben mich! behumpst; aber das ist im Grunde meine eigene Schuld, Und gehört auch nicht in diesem festlich befrackten Moment. Ich für meinen Teil habe gegen Ihre Werbung nichts einzuwenden. Ihr Mustin ist ein schönes Gut. Sie haben —" „Achtzig Kühe, dreißig Pferde, fünfzig Schweine —" beeilte sich Joachim Gostenow, mit einem stolzen Aufblitzen in seinen blondbewimperten blauen Augen zu ergänzen. „Ganz recht", nickte der Major a. D. von Usadel, indem er seinen prächtigen, noch völlig unangegrauten Schnurrbart durch die Finger zog, um ein Lächeln zu verbergen, „und damit wäre ja auch der Grundstein des Glückes für mein Mündel vorhanden. Aber — haben Sie sie schon gefragt?" „Nein, meine- Mama meinte, ich sollte mich vrd- Uungsgemäß erst mit Ihnen in Verbindung setzen." „Hm — natürlich- — sehr richtig! Mer — hm — ich habe das eigentlich nicht so gemacht, als ich meine selige Frau heiratete. Man mutz doch schließlich erst mal eine Ahnung haben, ob- däsj Mädel einen will. Haben Sie eine Ahnung?"- „Rein; — oder — —", fügte Joachim Gostenow unter heißem Erröten hinzu, „oder doch! Fräulein Mariechen nennt mich immer „Plums"." „Plums — na, sehen Sie, das ist schon was! Aber, lieber Gostenow, der Sicherheit halber würde ich- das Mädel doch- noch einmal fragen, nicht wahr? Vielleicht kommt ihr das „Plums" gar nicht so von Herzen. Ter Deibel soll sich bei den Mädels auskennen. Es wird überhaupt das Beste sein, wir legen die Entscheidung in die Hände meines Mündels. Sagt sie ja — dann in Gottes Namen! Also vorwärts!" Herr von Usadel erhob sich zu seiner ganzen stattlichen Größe, in der er den Freiersmann um anderthalben Kops überragte, und bot dem dicken Joachim die Rechte. Dieser ergriff die Hand mit der Geflissentlichkeit eines tötlich verlegenen Menschen, und hielt sich sozusagen an ihr fest, als er fragte: „Und dürfte ich vielleicht heute noch — — ?" „Mer natürlich, Herr Nachbar, frisch- gewagt ist halb gewonnen. Das heißt — -ich furchte, Sie werden sich das Mädel greifen müssen. Seit der Bafsewitz von Nieder- Kostow hier in demselben feierlichen Aufzuge 'ansch-wirrte, da reißt das Frauenzimmer vor jedem jungen Manne aus. wie Schafleder. Na, jedenfalls versuchen Sie Ihr Glück!" Der Major hatte inzwischen auf einen Knopf gedrückt. Ein Diener trat ein. „Melden Sie Fräulein von Leesten den Besuch des Herrn Gostenow-Mustiu." „Zu Befehl, Herr Major, aber das gnädige Fräulein lassen sagen, es sei totkrank." „So — na, dann bestellen Sie nur, daß mein Mündel sich Binnen jetzt und fünf Minuten gesund melden möchte. Ich- .wünschte das! Verstanden?" „Zu Befehl, Herr Major." Der Diener ging. Joachim Gostenow trat verlegen von einem Bein auf das andere und hauchte: „Aber, ich Bitte — wenn Fräulein Mariechen sich nicht Wohl befindet--“ „Papperlapapp — nicht Wohl! Dickköpfig ist sie! Gehen Sie nur in das Terrassenzimmer, Gostenow. Ich finde mich dann auch- ein, und wir werden sehen." ©ine Viertelstunde später stand Herr von Usadel immer noch an Bern Fenster seines Arbeitszimmers in genau derselben Stellung, die er eingenommen, nachdem der Mustiner gegangen war. Er hatte die hohe Stirn an das Fensterkreuz gelehnt, und blickte sinnend in den herbstlichen Garten. Vor ein paar Wochen der Bassewitz, und jetzt wieder einer! Ja, war denn das Mädel überhaupt schon soweit? Im Juli ivar sie achtzehn — nee Deibel noch mal — neunzehn war sie geworden. Neunzehn Jahre. Wie die Zeit flitzt! Tann waren es also auch schon fünf Jahre her, oaß ihm der Unband das Haus auf den Kopf stellte — das heißt in gutem Sinne. Sie hatte Ordnung und stramme Zucht gebracht in die verfluchte Wirtschaft, die seit dem Tode der Hausfrau eingerissen war. Man sah der feinknochigen Teerst gar nicht an, was für kolossale Energie in ihr steckte. Und her Humor! Herrgott — das Mädel war ja Sonnenschein unb Wärme im Hanfe! Herr von Usadel rieb die schmerzenden Knöchpl, auf die er sich am Fensterbrett gestützt hatte, dann zog er — es war eine ihm eigentümliche Bewegung — den Äh-nurr- bart durch die Finger und trat vor den Spiegel. Hier sah er fein Bild wohl ein, zwei Minuten mit einem gewissen neugierigen Spott starr an. Tas Resultat dieser fast nnbe wußten Prüfung war ein ärgerliches Achselzucken. „Alter Esel", brummte er vor sich hin, und trat wieder ans Fenster. Unter den abgeernteten Obstbäumen hatte sich das fallende Laub- schon zu einer dichten gelbroten Decke angesammelt. Der geschorene Rasen, die einst so herrlich!, blühenden Rabatten trugen das fahle Herbstkleid, fest angeklatscht von dem Sprühregen, der seit Tagen wie ein prickelnder grauer Nebel über der trostlos öden Landschaft lag. Und das war nur ein Vorspiel. Ein paar Wochen später, dann pochte die Rüster, welche jetzt noch! mit ein paar Blättern gegen die Scheiben strich!, mit dürren Zweigen an das Fenster. Dann war alles tot — auch die letzten Astern drüben, neben der Laube, und daun war — ■-- Herr von Usadel zog den Schnurrbart durch; die Finger, aber -er hielt sozusagen uns halbem Wege inne. Mit einest 584 raschen Bewegung trat er noch! näher an das Fenster, und spähte mit langem Halse auf den Weg, welcher von der Terrasse zur vorderen Auffahrt führte. Marie und ihr Freiersmann waren herausgetreten. Erstere spannte einen Regenschirm auf, und hielt ihn vorsorglich über den dicken Mustiner, welcher recht beklommen neben ihr herging. „Nee, Plums", hörte der Major sein Mündel sagen, „wie kann man bei solchem Wetter nur so 'nen feinen Quadrillenschwenker anziehen!" „Aber Fräulein Marie", wandte Joachim Gostenow mit viner halb ungeduldigen, halb verlegenen Gebärde ein, indem er stehen blieb; „ich will Ihnen erklären — wenn Sie mich nur zu Worte kommen lassen wollten!" „Lassen Sie nur, Plumschen. Ich! weiß schon. Sie sind ein so unvernünftiger Mensch, daß Sie im stände wären, mich heiraten zu chollen, und das wäre eine zu harte Strafe für den spatigen Gaul, mit dem Sie den Onkel angeschmiert haben. Aber zeigen muß ich Ihnen das Unglücksvieh, auf daß Sie ob Ihrer Schandthat erröten. Also dalli —!" Damit zerrte sie den Widerstrebenden in der Richtung nach .den Ställen mit sich! fort, „Du — Onkel!" „Ach, laß. mich in Frieden! Du erzürnst mir die ganze Nachbarschaft mit Deinem Henehmen. Den Bassewitz hast Du direkt auf die Rüben gejagt, und den Mustiner schleifst Tu gar durch die Ställe! Ich weiß nicht, was Tu willst ~~ schließlich wird's doch auch für Dich Zeit — —" „Wozu?" „Na, zuni Heiraten, Deibel noch mal!" „Wie so?" „Wie so!" brauste der Major auf, indem er heftig die Asche seiner Zigarre abschucllte. „Da giebt es kein Wieso! Tu bist bald zwanzig, und wirst Dich doch äuf Perschow nicht sauer einlegen wollen!" „Tu — Onkel?" „Na?!" ' „Der Mustiner nimmt den Gaul zurück." Herr von Usadel zuckte die Achseln, und setzte sich ärgerlich an seinen Schreibtisch, wo er Federhalter, Papierschere und noch Verschiedenes ziemlich geräuschvoll durch tzinanderwarf. Marie von Leesten hob den Kopf mit den schweren braunen Flechten, und folgte dem zornigen Spiele mit einer Mischung von Befremden und Heiterkeit. Dann senkte sie den Kopf wieder, und bemerkte trocken: „Na, also schön' Ich! werde heiraten." Der Major fuhr herum. „So! Hm — und wen, wenn ich fragen darf?" rief er grundlos laut, nachdem er ein paar Mal heftig geschluckt, wie jemand, dem ein Schreck die Stimme verschlagen, „Das kommt darauf an." „Worauf?" „Ob er mich will." „Quatsch! Alle wollen sie Dich!! Weiß er denn schon 'was?!" „Ich glaube nicht!" „Nun, dann rede doch mit ihm, wenn der Schafskopf so nicht merkt, daß Tu ihm gut bist!" „Tu — Schafskopf sage nicht, das verletzt mich in meinen Empfindungen. Meinst Tu, daß das geht, wenn ich mit ihm rede?" „Natürlich geht's! Weshalb follt's nicht gehen!" brauste Herr von Usadel mit einer zornigen Bitterkeit aus, die er vergeblich niederzuringen suchte: „schmeiß Dich doch! irgendwen; an den Hals! Du machst Dir ja doch! 'nen Deibel 'was daraus, ob Dein alter Onkel hier in dem alten Eulenneste einsam zu Grunde geht!" Ter Major tobte sich weiter in seinen unbegründeten Zorn hinein, und zwar so, daß er zuerst sein Alleinsein gar nicht merkte. Erst als er müde war, sah er sich verstört um. Sie war fort. Er hatte sie mit seinem verrückten Poltern davongejagt. „Jawohl — verrückt!" flüsterte er vor sich hin, indem dr die Stirn in die Hände stützte. „Wenn ich nur wüßte, wie viel das Mädel von dem Blödsinn gehört hat!" Tann seufzte er tief und zitternd auf, und wandte den schwimmenden Blick zum Fenster. Ta würde nun bald der Winter zu ihm hineinschauen. Und was für einer! Allein — ohne das Blitzmädel, dieses einzige, liebe--! Menu die letzten Astern, da drüben an der Laube---- „Ja, zum Donnerwetter — wo finb denn die Astern!! !"• rief der Mchor, indem er aufsprang, und das Fenster öffnete, um besser sehen zu können. Ein wirklicher Schreck griff ihm ans Herz — um die fünf, sechs einfachen Blumen, die den letzten spärlichen Rest seines Sommers verkörperten. Eine plötzliche scharfe Zugluft ließ ihn das Fenster schließend Er sah sicht um. Der alte Grotkopf, welcher den Major noch auf seinen Knieen getragen, und seit Jahrzehnten schon wie zur Familie gehörig betrachtet wurde, steckte seinen weißen Kops ins Zimmer, und schob sich dann sachte nach. In den zitternden Händen hielt er die letzten Astern — und seine sonst schon etwas blöden Augen waren so hell und freudig, als wenn er um vierzig Jahre jünger geworden wäre. „Herr — Herr Major — das gnädige Fräulein schicken die Blumen, und — lassen fragen, ob Sie nicht so gut sein wollten — — sie zu heiraten." „Mensch — Grotkopp! — :— Bist Du verrückt oder -ich! !"■ „Das gnädige Fräulein meinten, daß der Herr Major wahrscheinlich so 'was Aehnliches sagen würden", erwiderte der Alte, „aber da der Herr Major immer nichts merkten, bliebe ja dem gnädigen Fräulein gar nichts anderes übrig —" „Ist das wahr!" jaucbzte der Major. „Gewißi, ist das wahr!" rief von der Thür her eine helle Mädchen stimme zwischen Lachen und Weinen — — —i Ter alte Grotkopf legte die Blumen leise auf den Schreibtisch nieder uno ging. Und in der schweigenden Dämmerung, durch- die es wie ein Gotteshauch von Glück zog, leuchteten die letzten Astern wie köstliche Lenzrosen. Gemeinnütziges. D a s O h r e n s a u s e n ist keine Krankheit, sondern das Kennzeichen, daß irgend etwas im Ohr oder sonst im Körper nicht in Ordnung ist Ohrensausen kann beispielsweise auch! nach dem Genüsse der jetzt oft mißbräuchlich, verwendeten Kopffchmerzpulver Nervosirt, Migränin und dergleichen Präparaten, sowie nach dem Gebrauche von Salieylsäure eintreten. Außerdem ist Ohrensausen eine Begleiterscheinung bei Blutandrang nach dem Kopfe, übermäßigem Tabak- und Alkoholgenuß, sowie bei Erkrankungen des Ohres, z. B. Katarrh der Ohrtrompete u. s. w- Es wäre fehlerhaft, ohne den eigentlichen Grund des Ohrensausens zu wissen, eine Behandlung vorzunehmen. Ist der Mißbrauch! eines Medikamentes die Ursache, dann verschwindet das Ohrensausen, das in diesem Falle ein Vergiftungssymptom ist, gewöhnlich nach, einigen Tagen wieder. Bei Blutandrang nach dem Kopfe Helsen ableitende Fußt- oder Sitzbäder. Ist die Ursache in einer Erkrankung der anderen Organe oder des Ohres E zu suchen, dann kann nur der Arzt nach körperlicher csuchung feststellen, was zu machen ist. Arithmogriph. Nachdruck verboten. 1 2 3 1 4 5 6 Teil des Jahres. 2 16 4 Behälter. 3 1 6 4 5 Gebäck. 13 3 1 Vorname. 4 113 Fahrzeug. 5 4 6 1 Fluß in Spanien. 6 1 4 5 6 3 Vorname. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.: Güter — Ritter. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.