£« 1901. - Nr. 114. mß deinen Mund verschlossen sein, So schluckst du keine Fliegen ein. Hans Aßmann v. Abschatz. (Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Mehr besorgt als getröstet sah Frau Willisen zu ihm auf. „Sie, mein Herr? Aber Sie hören doch, daß wir kein Geld haben, Sie für Ihre Mühe zu bezahlen." „Davon ist auch nicht die Rede. Ich! betrachte mich als Ihren Schuldner; denn wenn auch die irrtümliche Aussage meines Vaters die Verurteilung wohl nicht allein her- beigeftthrt hat, so hat sie sie doch immerhin mit verschuldet. Ich thue also in diesem Falle ganz und gar nichts anderes, als meine Pflicht, ivenn ick mich! Ihnen mit allem, was ich kann und habe, zur Verfügung stelle." Me Kranke schien merkwürdigerweise noch immer Bedenken zu hegen, diesmal aber ließ ihre Tochter es nicht zu, daß sie ihnen von neuem Ausdruck gab. „Sie handeln damit so edel und großmütig, Herr Referendar", sagte sie, „daß wir Ihnen niemals genug werden danken können. O, wenn es möglich wäre, daß dies Furchtbare wieder von mir genommen würde! Es bringt mich ja dem Wahnsinn nahe, nur daran zu denken." „Ich; darf nichts versprechen, was zu erfüllen ich- nicht die Macht habe, mein Fräulein! Davon aber dürfen Sie überzeugt sein, daß ich Ihre Sache so führen werde, wie wenn es meine eigene — nein, wie wenn es die meiner Mutter oder meiner Schwester wäre. Ich bin mit einem Rechtsanwalt befreundet, auf dessen Opferwilligkeit ich ebenso sicher rechnen kann, als auf seine Tüchtigkeit und seine Energie. Noch heute werde ich mit ihm Rücksprache nehmen, und ich erwarte, daß Sie seiner Aufforderung Folge leisten werden, wenn er Sie zu einer Besprechung in sein Bureau bittet." „Gewiß! Ich; werde alles thun, was Sie mir raten und was Sie von mir verlangen." Ein so tiefes und demütiges Vertrauen war in ihren Worten, daß Rudolf Jmberg ihr in einer Aufwallung der Rührung feine beiden Hände entgegenstreckte. „Wahrhaftig, Fräulein Willisen, Sie sollen es nicht bereuen. Halten Sie nur den Kopf hoch; — und auch Sie, verehrte Frau! Menschen können irren, aber Recht muß am Ende doch immer Recht bleiben." Frau Willisen antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, der nichts weniger als Zuversicht ausdrückte, und als Rudolf Jmberg, dem sein Zartgefühl verbot, länger zu bleiben, die Thür hinter sich; zuzog, hörte er schon wieder ihr Jammern und Weinen. Er war aus das Schmerzlichste erschüttert von dem, was er hier erlebt hatte, aber er wußte, daß ihm noch. Schwereres bÄorstand. Noch nie in seinem Leben war ihm so bitter traurig zu Mute gewesen, als jetzt, da er den Heimweg nach der väterlichen Behausung einschlug. An der Thür von August Jmbergs Kontor war ein Zettel befestigt mit der Aufschrift: „Heute bis fünf Uhr nachmittags geschlossen." Als Rudolf in das Wohnzimmer trat, sah er den kleinen Mann an seinem Schreibtisch über ein Buch gebückt, das er sogleich als eine kommentierte Ausgabe des Strafgesetzbuches erkannte. So eifrig hatte sich der Pfandleiher in die Lektüre versenkt, daß er das Oeffnen der Thür völlig überhörte, und daß er bei dem ernsten kurzen Gruß seines Sohnes erschrocken auffuhr. „Ah, Du bist es, Rudolf! Entschuldige, wenn ich mir bei Deinen Büchern zu schaffen machte. Ich weiß, Du siehst es nicht gern, — aber id) — ich! langweilte mich eben ein bißchen — und da--" „Es bedarf keiner Entschuldigung, Vater! Alle diese Bücher gehören Dir!" August .Jmberg sah ihn verständnislos an, dann lachte er gezwungen auf. „Natürlich! Nach dem Grundsatz: was mein ist, ist dein — und umgekehrt. Wir leben ja seit langem in der besten Gütergemeinschaft. Das ist es doch, was Du meinst — nicht wahr, mein Junge?" „Nein, Vater! Ich meine, daß ich außer den Kleidern, die ich! auf dem Leibe trage, und die ich nicht gut hier zurücklassen kann, nichts mit mir nehmen werde, wenn ich heute aus Deinem Hause gehe." Der Pfandleiher griff nach, einer Stuhllehne. Es war erbarmungswürdig anzusehen, wie es in seinem alten Gesicht arbeitete und zuckte. „Aus dem Hause? Und vielleicht auf Nimmerwieder- kehr?" „Ich denke wohl, daß es so sein wird. Sei mir nicht böse, Vater, und mach mir's nicht noch schwerer. Es kann nicht anders sein." „Es kann nicht? So? Und warum nicht? Etwa weil ich; heute auf dem Gericht die Wahrheit gesagt habe?" „Hättest Du's doch gethan, Vater! Aber versteh mich recht — ich weiß wohl, daß Du der festen Ueber- zeugung warst, sie zu sagen. Nur Tein Gedächtnis hat Dich im Stich gelassen, nicht Deine Rechtschaffenheit — daran habe ich selbstverständlich keinen Augenblick gezweifelt." „Wenn Du das weißt, was für eine Ursache kann dann noch für Dich vorliegen, Dich von mir zu trennen?" 454 „Muß ich Dir's erst sagen? Auf Grund Deines Zeugnisses ist das unglückliche Mädchen verurteilt worden, was auf die bloße Aussage der Frau Haller hin bei dem Fehlen aller wirklichen Schuldbeweise nimmermehr hätte geschehen können. Und Dein Zeugnis war objektiv falsch, darüber ist jeder Zweifel bei mir ausgeschlossen; denn meine Augen sind eben jünger und schärfer als die Deinen, wovon ich. die Richter leider nicht zu überzeugen vermocht habe. Wenn ich jetzt für die unschuldig Verurteilte eintrete, ivas ich als meine Pflicht ansehe, so kann es nur geschehen, indem ich Dich eines verhängnisvollen Irrtums bezichtige. In dem Kampf, den ich da um die Ehre eines schutzlosen Mädchens führen werde, bin ich Dein Gegner, Vater! Ich muß es sein, so schmerzlich und peinigend auch die Vorstellung für mich ist. Und es wäre ehrlos, wenn ich hier im stillen Deine Wohlthaten genösse, während ich; Dich öffentlich anklage." Die kleine Gestalt des Pfandleihers luctr immer mehr- in sich zusammengesunken, als drückte eine unsichtbare Last seine schgnalen Schultern nieder. „Also anklagen willst Du mich — öffentlich anklagen! Um dieses wildfremden Geschöpfes willen, das Dir's mit seinem hübschen Lärvchen und seiner heuchlerischen Unschuldsmiene angethan hat!" „Nein, um der Gerechtigkeit willen, Vater! Wir müssen uns ivohl niemals recht gekannt und recht verstanden haben, wenn Du einen so schimpflichen Verdacht gegen mich; hegen kannst." August Jmberg nickte traurig. „Es scheint so, mein Sohn! Ich hätte wohl darauf gefaßt sein müssen, daß einmal ein Tag kommen würde wie dieser. Und ich; selbst trage die Schuld daran, wenn auch anders, als Du es jetzt in Deinem Ehrlichkeitshochmut meinst. Wer aus seinen Kindern so viel mehr machen will, als er selber ist, der darf sich nicht wundern, wenn sie sich eines Tages mit Geringschätzung von ihm abwenden. Und vielleicht ist's auch so am besten. Geh mit Gott, Rudolf, und thue, was Du für Deine Pflicht hältst. Ich; werde Dich; nicht daran hindern." Ter Referendar wollte antworten, aber der Alte erhob abwehrend die Hand. „Laß es gut sein, mein Junge! Und da ich Dich, tote Tu siehst, nicht verfluche, obwohl Tu doch; mit der Absicht umgehst, mich vor aller Welt zum Lügner und zum Meineidigen zu machen, da wir vielmehr in Frieden und Freundschaft voneinander gehen, so hast Du auch teilten vernünftigen Grund, meinen väterlichen Beistand zurückzuweisen. Du Mußt doch Dein Leben fristen, und wenn es Dich gar so sehr drückt, in meiner Schuld zu sein, so kannst Du mir ja später zurückzahlen, was ich Dir jetzt gebe." „Nein, Vater, nein! Quäle mich nicht mit einer Groß- mnt, die ich; in diesem Widerstreit der Pflichten nicht annehmen kann und darf. Ich bedarf auch" keiner Unterstützung. In wenigen Wochen werde ich mein letztes juristisches Examen bestehen, und als Assefsor finde ich schon Gelegenheit, so viel zu erwerben, wie ich! für meinen Lebensunterhalt brauche." „Nun, tote Du willst. Ich; will Dich, selbstverständlich; nicht quälen. Aber wenn Du jemals in Not geraten solltest, in eine Lage, wo Du Dir aus eigener Kraft nicht mehr zu helfen weißt — und es ist nicht bloß die leibliche Not, an die ich dabei denke — dann erinnere Dich, daß Dir hier allezeit ein Frennd und Tröster bereit ist. Einer, der nicht lange fragen wird: was hast Du verschttldet? sondern nur: was kann ich für Dich thun?" Der junge Mann kämpfte schwer mit seiner Beweguitg. Aber er mußte stark bleiben, wenn er sich selbst die Treue halten wollte — und er blieb stark. Als August Jmberg sah, daß sein Entschluß unwiderruflich war, reichte er ihm die Hand. „Ich will an mein Geschäft gehen", sagte er scheinbar gelaßen, „und es ist wohl am besten, daß wir nns gleich; jetzt verabschieden. Meine besten Wünsche begleiten Dich. Möge Dich nie eine bittere Erfahrung darüber belehren, daß es doch noch Heiligeres auf Erden giebt, als diese sogenannte Gerechtigkeit, der Du jetzt Deine kindliche Liebe zum Opfer bringst." Rudolf hatte seinen Vater kaum jemals in so gewählten Worten sprechen hören, und jedes dieser Worte schnitt ihm ins Herz; denn er war gewiß weder lieblos noch undankbar. Aber er durfte der Rührung nicht nachgeben, die ihn ergriffen hatte, und über dem Bemühen, gefaßt und standhaft zu bleiben, gewann sein Lebewohl einen viel trockeneren und kälteren Klang, als er es gewollt hatte. Der Pfandleiher ging in sein Kontor, aber er nahm den Zettel nickst von der verschlossenen Thür, und er öffnete sie auch noch nicht, als die fünfte Stunde gekommen war. Er stand an seinem alten, wackeligen Pult und starrte auf die zahllosen Tintenflecke, die seine Platte bedeckten, bis sie vor seinen Augen zu allerlei abscheulichen Fratzen zu- sammenflossen, und bis zwei schwere, heiße Thränen auf das verblichene Tuch herniederrollten. Fünftes Kapitel. In den ersten Tagen des November hatte die Gerichtsverhandlung gegen Margarete Willisen stattgefunden. Heute schrieb man bereits den fünfzehnten Mai des folgenden Jahres. In seinem hübsch ausgestatteten Arbeitszimmer saß Rudolf Jmberg über einem dickleibigen Aktenstück, das er aufmerksam studierte. Er war seit zwei Monaten der Sozius seines um zehn Jahre älteren Freundes, des Rechtsanwalts Doktor Volkmar. Dieser hatte die außergewöhnlichen Fähigkeiten des jungen Mannes seit langem erkannt und fand nun täglich aufs neue Gelegenheit, sich im stillen zu der Gewinnung diefes klugen und unermüdlich fleißigen Mitarbeiters zu beglückwünschen. Doktor Volkmar war es auch der auf Rudolfs Bitte die Einlegung der Revision gegen Margaretes Verurteilung bewirkt und sie vor dem zuständigen Gericht vertreten hatte — trotz all seiner Bemühungen und seiner glänzenden Beredsamkeit aber ohne Erfolg. Bei der Verhandlung, die vor einigen Wochen stattgefunden hatte, war die auf Rudolfs Nichtvereidigung gestützte Beschwerde zurückgewiesen, und das Erkenntnis der ersten Instanz damit unanfechtbar geworden. Der Eintritt des Freundes veranlaßte Rudolf, von seiner Arbeit aufzublicken. Doktor Volkmar sah sehr ernst aus und reichte ihm den Brief. „Da — lies! Wenn sie selbst es nicht anders haben will, läßt sich; freilich nichts mehr für sie thun." „Von Fräulein Willisen!" rief Rudolf, nachdem er einen Blick auf das Blatt geworfen, und dann, als er es überflogen, fügte er in großer Bestürzung hinzu: „Wie? Sie schreibt, daß sie beim Eintreffen dieses Briefes ihre Strafe bereits angetreten habe! Sie hat also den Erfolg des Gnadengesuches nicht einmal abgewartet!" „Nein. Und aus richtigem Frauenzimmertrotz. Weil eine Begnadigung die Thatsache ihrer Verurteilung nicht aus der Welt geschafft 'mti> den Makel, der sie zur Verbrecherin stempelt, nicht von ihr genommen haben würde, will sie nun auch; die Strafe verbüßen. „Gerechtigkeit, nicht Gnade ist es, die ick begehre" — schreibt sie. Ist das nicht etwas überspannt?" „Nein", widersprach! Rudolf, der von seinem Schreibsessel ' aufgesprungen war, mit Wärme. „Es ist ein berechtigter Stolz, den ich begreife und achte. Genau so würde auch ich an ihrer Stelle gehandelt haben. Die Gnade des Landesherrn hätte das furchtbare Unrecht nicht sühnen können, das die Justiz an ihr begangen hat, und darum that sie wohl daran, sie zu ver- Doktor Volkmar schüttelte den Kopf, aber als er sah, daß Rudolf nach Hut und Ueberrock griff, fragte er: „Willst Du schon fort?" „Ja, ich; will zu ihrer Mutter und dann ins' Gefängnis. Vielleickst kann man doch irgend etwas thun, um ihr diese grausamen drei Monate zu erleichtern." „Viel wird das schjverlich fein; denn man kennt Bei uns keine Ausnahmen zu Gunsten des einen oder des anderen. Aber ich; will Dich natürlich! nicht abhalten. Dein Heil zu versuchen." (Fortsetzung folgt.) _ 466 Die Berufsarten der Tiere. Von Herniann Grelling. : ; :| (Nachdruck verboten.) I „Tie Tiere haben es doch recht gut". Diesen Aus- I spruch habe ich schon ost gehört. „Sie haben keine Sorgen I und Krankheiten, brauchen nicht zu arbeiten, keinen Be- I ruf zu erlernen, nicht Soldat zu werden, nicht Knechte I und Diener zu sein, keine Steuern zu zahlen, und was g dergleichen unangenehme Folgen unseres modernen I Menschendaseins mehr sind." Nur gemach! Steuern zahlen I die Tiere freilich nicht, aber so leicht und bequem, wie I es nach diesem Ausspruch scheinen sollte, haben sie es I doch nicht. Jedes Tier hat für seinen eigenen Unterhalt I und seine Nachkommenschaft zu sorgen, und das ist bei I dem vortrefflichen Appetit, dessen sich die meisten Tiere I erfreuen, keine kleine Aufgabe. Die unermüdlichste Arbeit I ist. notwendig, um ihr zu genügen, und es folgt ihr I ebensowohl vor allem bei den größeren Säugetieren, oft I eine Zeit völliger Teilnahmlostgkett und Erschöpfung, wie I es beim Menschen der Fall ist. Der Kampf ums Dasein ist I in der Tierwelt nicht minder schwer, wie unter den I Menschen; denn wenn die Tiere auch keine Sorgen, Krank- I heiten, Steuern, Lasten usw. kennen, so hat doch auch auf I der anderen Seite jedes Tier nur seine eigene Thätigkeit, I es kann nur von der Hand in den Mund oder richtiger I von der Pfote in das Maul oder vom Maul in beit Magen I leben, kennt in den überwiegendsten Fällen keine Ar- I beitsteilung, ist auf den Platz angewiesen, den es eben I bewohnt, und ganz der Gnade und Ungnade der Natur I anheimgegeben. Zeiten der Not sind nichts Seltenes unter I den Tieren, in kalten Wintern gehen Tausende elend zu I Grunde. Die Tiere arbeiten alf» so gut wie wir, und! was I noch! mehr sagen will, die meisten in ihrem besonderen I Berufe; denn sie haben ihre Berufe so gut wie wir, I nur sind diese nicht Gegenstand ihrer freien Wahl, son- I dern ihnen von der Natur kraft ihrer Geburt zugeteilt I worden. Der Sohn oder die Tochter — denn darin sind I sie uns voraus, es giebt keine Emanzipativnsfrage, und das schöne Geschlecht übt ebensowohl seinen Beruf aus wie das stärkere! — erbt einfach! den Berus der Eltern,- und vererbt ihn wieder auf die eigenen Sprößlinge weiter. Und zwar sind die Berufsarten der Tiere die mannigfal-. tigsten. Wir finden unter ihnen Jäger, Fischer, Weber, Spinner, Künstler, Baumeister, Totengräber, Schneider, Zimmerleute, Ackerbauer, Viehzüchter, ja sogar Soldaten, Sklaven und Räuber. Auch, üben sie ihren Berus aus demselben Grunde aus, wie. wir Menschen, sie leben von ihm, höchstens dient er noch in manchen Fällen zum I Zwecke der Sorge für die Nachkommenschaft, oder sie wenden ihre Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit an, um sich! gegen Feinde und Verfolgung zu schützen. Betrachten wir einige Berufe der Tiere! Das edle Waidwerk ist am meisten vertreten, eine große Zahl Tiere aller Klassen von den großen Säugetieren bis hinab zu den Insekten sind kühne und gewandte Jäger, die Jagd ist ihr natürlich!es Handwerk, und sie bieten nicht nüst Kraft und Geschicklichkeit, sondern auch! List ititb Klugheit auf, um sich in Besitz ihrer Opfer zu setzen. Wer kennt nicht das herrliche Gedicht vom „Löwenritt"? Lauernd hockt der König der Tiere im dichten hohen Schilfrohr! der Lagune, mit Gebrüll stürzt er sich aus den Nacken der trinkenden Giraffe, und während sie ihn in rasen-« dem Laufe, Todesschweiß vergießend, durch die Wüste trägt, saugt er gierig ihr Blut, und klammert sich an ihr fest, bis sie leblos zu Boden stürzt, unb seine Speise wird. Auch der Trotze fehlt dem gewaltigen Nimrdd der Wüste nicht. Schakale, Hyänen unb Aasgeier begleiten ihn, um einen Teil der Beute für sich zu erhaschen. Gewaltige! Kämpfe werden unter den großen Raubtieren dabei aus- gefochten; denn die kräftigeren Opfertiere setzen sich zur Wehr, und lassen ihr Leben erst nach blutigem Streite. Manche Tiere, wie der Fuchs, verlassen sich! mehr ans ihre Intelligenz, als aus rohe Gewalt, und! andere wieded stellen, wie die Wölfe und wilden Hunde, förmliche Treibjagden an. So wird von den Kolsnns, indischen Windhunden, sowie den Hyänenhunden, berichtet, daß sie ihre Beute in größeren Meuten mit der größten Ausdauer verfolgen, und fiel) sogar in Gruppen teilen, um derselben den Weg nach allen Seiten zu verlegen. Ihnen entgeht selbst der schnellste Hirsch nicht, durch, ihre kluge Methode hetzen sie ihn müde, und treiben ihn einander, zu. Der Kuriosität halber sei hier ein Fisch erwähnt, der Schützenfisch, der seine Opfer regelrecht schießt, toenn er auch weder Gewehr, noch Pulver, und Blei besitzt. Steht der schlaue Bursche irgend ein ihm zusagendes ^nsekt auf einer Wasserpflanze sitzen, )"o schleicht er sich bis auf eine Entfernung von ungefähr einem Meter heran, und fpritzt aus seinem Schnabel, der die Form, einer Röhre hat, einige Wassertropfen mit solcher Sicherheit nach! dem Kerbtier, daß es ins Wasser herabfällt, und seine Beute wird. Ein Jäger aus der Jnsektenklasse, der seine Leute wie ein echter Nimrod! auf dem An stand belauert, ist der Ameisenlöwe, oder vielmehr die Larve desselben. Rückwärts im Kreise sich bewegend, stellt sie sich eine trichterförmige Höhlung im Sande her, auf deren Grund sie ans Insekten, hauptsächlich Ameisen, lauert. Erscheint ein Kerbtier am Rand der Grube, so wirft sie mit ihren Freßzangen Sand nach ihm, sodaß es mit, diesem m den Trichter hinabgezogen, und ihre Beute wird. Ein Fischer, wie ihn die zweihändige Lebewelt wohl nicht aufzuweisen hat, ist der Fischotter, er, schwimmt und taucht mit unglaublicher Gewandtheit. Die Taucher und, Fifcher sind noch durch! eine große Zahl anderer Säugetiere und Vögel vertreten, die Wasserratten, und Wassermäuse z. B. vereinigen alle notwendigen Qualitäten beider Berufe in sich. Unter den Vögeln unserer Heimat zeichnen sich der Eisvogel und die Wasseramsel als ebenso ! geschickte und kühne Taucher und Fischer aus. Die Wasseramsel lebt an den Gebirgswässern Deutschlands, „und wenn der starke Frost", sagt Dr. Ruß,, -„selbst die fließen- den Gewässer in Fesseln schlägt, so sucht sie gleich anderen Vögeln, welche nicht nach dem Süden wandern, di-e Stellen auf, wo das Wasser durch! reißende Bewegung oder Dittel) sogenannte warme Quellen offen gehalten wird. Trotz I eisiger Kälte taucht sie hinab in die Flut, und schlupft unter dem Wasser, selbst unter Eisschollen, hinweg, um wohl erst nach 15 bis 20 Sekunden emporzukommen". Sogar der Angelsport ist in der Tierwelt vertreten: Der Angler oder Seeteufel, ein bis zu zwei Meter langer häßlicher Fifch, trägt auf seinem ungeheuren Kopfe eine Art I Angeln, regelrechte Fangfäden mit einem Anhängsel. Ter I seltsame Angler wühlt in dem Meeresschlamm, und laßt I feine Angelschnüren in verschiedenen Richtungen spielen, I wodurch er die Fische, die eine Beute wittern, heranlockt, I um sich dann hervorftürzend auf sie zu werfen, und sie I zu verschlingen. Unter den Baumeistern steht wohl der Biber obenan. Er I ist geradezu der Wasserbauingenieur unter den Tieren, setne I berühmten Burgen baut er aus geschälten, oft mehr als I armdicken Stämmen von 1 bis 2 Meter Länge. Sie haben I fußdicke Wände, ein festes Dach, sind oben gewölbt und I gleichen den Schneehäufern der Eskimos. Bei sinkendem I Wasserstand errichten die Biber Dämme, um das Trocken- I legen ihrer über den Wasserspiegel emporragenden Häuser I zu verhindern. In ihren scharfen, starken Vorderzahnen I besitzen sic sowohl Sägen als Beile, sie fällen starke Baume I damit und errichten förmliche Brustwehren; ihre Damme I sind oft 3 bis 4 Meter dick und einzeln bis 200 Meter I lang! Die künstlichen Bienenbauten kennt jedermann, I ebenso die Kolonien der Ameisen mit ihren regelrechten I Straßen und Kammern, auch die oft achtzehn Meter im I Umfang messenden, mehrere Meter hohen Bauten der Termiten, die Nester der Vögel usw. gehören hierher. Als I tüchtigen Maurer kannen wir alle die graziöse Schwalbe; I fetter Schlamm dient ihr als' Baumaterial, ihr klebriger I Speichel als Mörtel; mit diesem überzieht sie tedes Klümpchen des Schlammes oder Lehms und fügt eins so lange I itt das andere, bis die mühevolle Arbeit des Nestbaues gelungen ist. Gleich nach, der Schwalbe kommt die Singdrossel die sich ebenfalls vorzüglich ans den Maurerberuf versteht; ihr Nest ist ein äußerst künstlicher Bau, den sie tnt Zunern sorgfältig verkittet, wobei ihr, gleichfalls eine schleimige Absonderung ihrer Speicheldrüsen als Mörtel 456 — Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitüts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gietzen. bient. Die Kolonieweber ober Siebelwebervögel im Innern Afrikas errichten in Gesellschaften von 400 bis 500 Pärchen an einem geeigneten Baume ein großes Dach aus Gras, unb unterhalb desselben, eines bicht ans anbere gefügt, bringen sie ihre Nester an, von denen sie jedes Jahr neue ansetzen, bis der ganze Bau zu schwer wird unb zusammenkracht. Einen Zimmermann sondergleichen stelle ich dem Leser im Specht vor, der nicht nur das hämmern vorzüglich! versteht, sondern auch mit seinem starken, meihelsörmig zugespitzten Schnabel auf die Baumrinde loshackt, daß die Spähne umherfliegen. Bant er sich sein Haus, so meißelt er an einem ausgefaulten Aste ein kreisrundes Schlupf- loch in einem Baumstamm, höhlt dann den Stamm 35 bis 40 Ctm. tief aus und belegt den Boden der Höhlung mit seinen Spähnen. Als Weber haben sich die bekannten Webervögel einen wohlbegründeten Ruf erworben, sowohl die Bayas Ostindiens, welche ihre langen kunstreich! gefügten Nester an die über Gewässer hängenden Zweige ber Bäume befestigen, als auch die amerikanischen, die bis anberthalb Meter lange, beutelsörmige Nester flechten. Ein Schneider, ber seine Sache versteht, ist ber indische Schneider-Vogel. Aus zwei kleineren Blättern oder einem einzigen großen Blatt stellt er sich eine richtige, sein Nest darstellende Tasche her, indem er mit seinen ihm als Nadel dienenden Schnabel Löcher in die Ränder der Blätter bohrt und aufgefundene Fadenstücke ober Ranken von Schlingpflanezn hindurchzieht, ja er soll, sich sogar — und insofern würden wir auch einen Seiler in der Tierwelt zu verzeichnen haben — selber Bindematerial aus roher Baumwolle zusammenspinnen. Als Spinnerin und Weberin zugleich wirkt die Spinne ’ mit unermüdlichem Fleiße. Die Gewebespinnen besitzen an ihrem Körper einen vollständigen Webestuhl. Aus sechs kegelförmigen, beweglichen Warzen am Hinterleib sondern sie entweder einen einfachen dicken ober nach Bedarf eine Anzahl dünner Fäden ab. „Auf jeder Spinnwarze", schreibt Dr. W. Heß, „stehen .zahlreiche größere Spiunkegel und kleinere Spinnspulen, welche ebenfalls durchs besondere Muskeln bewegt werden können. Dieselben sind in so bedeutender Anzahl vorhanden, daß auf den beiden vorderen Spinnwarzen je ein Spinnkegel und etwa je 70 Spulen, auf den mittleren beiden je drei Spiunkegel unb etwa je 150 Spulen unb auf bett beiden hinteren Warzen je 5 Spiunkegel unb etwa 120 Spulen stehen, sodaß der ganze Webstuhl ober auch Spinnrocken mit ungefähr 700 Spulen arbeitet. Die Spiunkegel und Spulen stehen mit Drüsen in Verbindung, in denen sich eine klebrige Masse befindet, welche durch die Thätigkeit ber Leibesmuskeln in die Spinn- röhreu getrieben wird. Mit den tämmartigen Klauen ihrer Füße zieht die Spinne den Faden aus den Spulen, unb je nachdem mehr oder weniger Spulen arbeiten, ist der Faden dicker oder dünner. Der Faden einer einzigen Spule hat ungefähr die Ticke eines tausendstel Milli- meters." Zu den von Menschen geschätztesten Spinnerinnen der Tierwelt gehören die Seidenraupen. Der Arbeiter st and findet sich in schönster Entwicklung bei den Bienen und Ameisen, die letzteren besitzen bekanntlich auch besondere Soldaten, da sie den „löblichen" Gebrauch des Kriegsührcns mit uns Menschen gemeinsam Haben, ja sie haben sogar ihre Sklaven, aus fremden Kolonien entführte Ameisen, die für sie arbeiten müssen. Auch die Ackerbauer und Viehzüchter haben wir unter dem Ameisen zu sucyen, wenigstens wird von einzelnen Ameisenarten erzählt, daß sie zur Verbreitung der Samen der Alpenveilchen beitragen, deren Duft ihnen zuzusagen scheint, und von anderen, daß sie förmliche Kulturen von Gräsern züchten, deren Samen ihnen zur Nahrung dienen, ihre Grasacker durch Abreißen der Halme abmähen usw. Eine brasilianische Pflanze, die Cecropia, schützen sie zum Dank dasür, daß sie ihnen Aufenthalt und Nahrung bietet, vor schädlichen Tieren. Ihre Milchkühe sind die Blattläuse. Sie bewachen diese mit Argus äugen, treiben sie, wenn möglich, auf einen Haufen zusammen, ja hegen oft den betreffenden Platz durch einen Erdwall ober eine Umzäunung ein, stellen Wachen aus, die Herde zu beschützen, gegen Feinde zu verteidigen und bauen manchmal sogar — hier haben wir wieder Ingenieure und Chausseearbeiter! — bedeckte Wege, um zu ihren Viehherden zu gelangen. Sie melken ihre „Milchkühe" förmlich, indem fie sie sauft mit den Fühlern streifen, und dadurch zur Hergabe ihres süßen Honigsaftes, der Milch, veranlassen. Manche Arten sammeln sogar die Eier der Blattläuse, weisen ihnen geeignete Plätze in ihrer Wohnung an, ziehen die Larven aus und pflegen die ausge- bildeten 5£iere. Die Tierwelt hat auch ihre „Räuber"; eigentlich gehören ja alle Tiere mehr ober weniger zu dieser ehrenwerten Gattung, aber es giebt besonders ausgeprägte Individuen, welche ganz besonders auf die Zugehörigkeit zu diesem Berufe Anspruch erheben dürfen. Die Katze, ber Tiger, Luchs, die Adler und Raben, Wasserspitzmäuse und Spitzmäuse, Raubkäfer usw. Die aasfressenden Tiere (Aasgeier usw.) bilden die Sanitätspolizei, die Affen find die Clowns und Akrobaten, die Wanderratten, Wander- tauben, Lemminge, Wanderheuschrecken usw. die Reiseonkel der Tierwelt, wenn man mir diesen kühnen Ausdruck gütigst gestatten will. Es kehlt auch! nicht an Totengräbern, den' bekannten Käsern, welche die Leichen kleiner Tiere einscharren, und ihre Eier daran legen, worauf die toten Körper den auskriechenden Larven als Nahrung dienen. Und zuletzt — das Letzte, aber nicht das Beste, — die löbliche Gattung der Schmarotzer ist kaum weniger reichlich vertreten wie unter dem „Geschlecht der königlichen Menschen". Wir wollen den Widerwillen des Lesers — und vor allem der Leserinnen — nicht durch Aufzählung der ekelhaften Arten und eine Beschreibung ihrer Lebensweise wachrufen — jedermann kennt die liebenswürdigen Vertreter der Parasiteuklasse zur Genüge —, nur nicht unter» lafsen wollen wir, zu betonen, daß sich, in einer Hinsicht fast alle sehr zu ihrem Vorteil von den menschlichen Schmarotzern unterscheiden: sie sind so häßlich von außen, wie von innen, während bei ihren zweibeinigen Genossen der Schein meist recht erheblich! trügt, nur die Wohlbeleibtheit haben sie meistens mit ihnen gemein, und das ist kein Wunder. Womit ich, wohlbemerkt, niemand beleidigen will; denn man kann bei fleißiger Arbeit unb einfacher Kost einen recht stattlichen Schmerbauch babontragen. Mögen sich allein die kratzen, die es juckt! Velhagen & Klastngs Monatshefte. Soeben erschien, als letztes Heft des laufenden Jahrgangs, das Augustheft von Velhagen & Klasings Monatsheften, wie immer reich und vielseitig, nach der textlichen und nach ber illustrativen Seite hin, aus- gestattet. Besonders interessant erscheint uns ein wundervoll illustrierter Artikel „Die Marienburg" von W. von Bremen, eine ganz persönlich gehaltene Plauderei über Wilhelm Raabe zu dessen siebzigstem Geburtstag von §an§ Hcsfmaun und eine höchst originelle „seltsame" Geschichte von Haus Olden: „Eome in, Sir!" — Mitde m n ä ch st e n .Heft beginnteinueuerJahrgaugderMonats- hefte. Rach der Voranzeige der Redaktion werden im ersten Heft, also gleichzeitig, nicht weniger als drei große Romane zu erscheinen beginnen: „Das ABC des Lebens" von Ida Boy-Ed —- „Traum im Süden" von Georg Freiherr von Ompteda — „Die papierene Macht" von Fedvr von Zobeltitz. Gemeinnützige». Olivenöl bei Augenleiden. Um fremde Körper aus den Augen zu entfernen, empfiehlt es sich, reines Olivenöl hiueinzuträufeln. Dieses Mittel soll sicher wirken und die eingebrungenen Körper, wie Körnchen, Asche, Kalk, Splitter usw. entfernen. Auch bei Röte und Schmerz der Augen soll sich Baumöl recht gut bewähren und Besserung in kurzer Zeit herbeiführen, wenn man die Augenlider damit bestreicht. L Auflösung der Schachaufgabe in voriger Nummer: (Zweiziiger von Trcala.) W. Kc8, De3, ToG, 843, g6, Ba4, g4. Schw. Kd5, Ld2, Sg8, 844, e4, h6. 1. De3—hG; beliebig. 2. Vierfach matt.