(Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) „Nein", brachte er mit sichtlicher Anstrengung heraus. „Es ist nichts — mir fehlt nichts. Aber der Beschluß, von dem Sie da sprachen, ist doch Wohl noch kein endgiltiger — nicht wahr?" „Er muß natürlich erst vom gesamten Magistrats- kollegium gebilligt werden, bevor er in Kraft tritt. Aber die einstimmige Annahme des Vorschlags ist unbedingt sicher. Es liegt gar kein Anlaß zum Widerspruch vor, und Sie wissen ja, daß unser neuer Oberbürgermeister seinen Willen schließlich auch gegen einen etwaigen Widerspruch durchzusetzen weiß." ‘ „Aber ich — ich fühle mich durchaus nicht überbürdet. Ich liebe die Arbeit und befinde mich wohl dabei. Sie haben es gewiß sehr gut gemeint, Herr Stadtrat, aber ich kann diese Erleichterung nicht annehmen, die ich wie chne Demütigung empfinden würde. Wenn Sie mich zu innigstem Dank verpflichten wollen, so sagen Sie das dem Oberbürgermeister — und sagen Sie es ihm, bitte, schon morgen." Befremdet schüttelte. Ludwig Ignatius den Kopf. „Sie sind wahrhaftig ein wunderlicher Heiliger, mein lieber Lindemann! Jeder andere an Ihrer Stelle würde herzlich froh sein, die Plackerei los zu werden; denn es bleibt Ihnen mit der Verwaltung der Stadthauptkasse doch immer noch Arbeit genug. Ich glaubte, Ihnen einen Freundschaftsdienst zu erweisen, als ich den Oberbürgermeister in seiner Absicht bestärkte. Aber ich vermute, offen gestanden, daß die neue Anordnung auch ohne mein Zureden erfolgt sein würde. Sie bildet einen Teil jener großen Reform, der auf Betreiben des neuen Oberhauptes die gesamte städtische Verwaltung unterworfen werden soll. Und Sie können sich wohl denken, daß Ihr Wunsch, die Kasse zu behalten, daran nichts ändern wird. , Ganz abgesehen davon, daß ich. mich geradezu lächerlich machen würde, wenn ich morgen widerriefe, was ich heute gesagt habe." Der Rendant hatte den Kopf auf die Brust herabsinken lassen. Seine Gestalt schien innerhalb weniger Sekunden noch kleiner und hinfälliger geworden zu sein. Es war, als ob er etwas erwidern wollte, aber er kam nicht Dienstag den 12. November. Nr. 162. 1901. ÜBf 2* £ jmn du des Daseins Kranz zu erwerben, Wenn du dich selbst zu vollenden begehrst: Leb', als müßtest du morgen sterben, Streb', als ob du unsterblich wärst. Geibel. Über das vorbereitende Räuspern hinaus, und nachdem er kurze Zeit vergeblich gewartet hatte, fuhr der Stadtrat - in seiner jovialen Weise fort: „Suchen Sie sich also mit der unerlviinschten Bequemlichkeit abzufiilden, lieber Freund! Und trösten Sie sich mit der Gewißheit, daß noch niemand an einer Verringerung seines Arbeitspensums gestorben ist. Jetzt, aber lassen Sie uns zu unseren Damen zurückkehren, damit ich nicht bei meiner Nichte in den Verdacht der Unhöflichkeit komme." Er nahm den Arm des Rendanten,. um ihn mit sich fortzuziehen. Lindemann aber hielt ihn noch für einen Augenblick fest. „Wann wird die nächste Magistratssitzung stattfinden, GSprr (strtbfTClt ?/z „Heute in acht Tagen — das sollten Sie doch wissen." „Ja, ja! Ich fürchtete — ich glaubte nur, daß vielleicht eine außerordentliche Sitzung anberanmt wäre. Und vorher wird die definitive Entscheidung also in keinem Fall erfolgen?" „Nein, in keinem Fall", bestätigte Ludwig Ignatius mit kaum verhehlter Ungeduld, lliti) nun hinderte ihn der Rendant nicht mehr, in den großen Salon zurückzukehren. Felicia hatte dort soeben einen verstohlenen Blick auf ihre winzige, brillantenbesetzte Taschenuhr geworfen und erklärt, daß sie aufbrechen müsse. Der Stadtrat, der ihre letzten Worte gehört hatte, beeilte sich zu versichern: „Herbert wird Sie natürlich begleiten — ein Ritterdienst/ den ich alter Mann ihm leider nicht streitig machen darf." „Aber ich fürchte, den Herrn Assessor seiner Braut zu entziehen", wandte Felicia zögernd ein, und erst auf Margarethens freundliche Erwiderung, daß sie heute ja einen Beschützer in ihrem Vater habe, zeigte sie sich mit der Begleitung Herberts einverstanden. Die Gäste waren gleichzeitig aufgebrochen, aber der Weg nach Felicias Pensionat führte in die der Wohnung des Rendanten entgegengesetzte Richtung, und schon vor der Thür des Jgnatius'schen Hauses mußten sich deshalb die beiden Verlobten trennen. Gewiß war Margarethe daran gewöhnt, daß Herbert ihr auf dem Heimwege das Geleit gab, aber in ihrem Benehmen zeigte sich, doch nichts von eifersüchtiger Verstimmung gegen die Amerr- kanerin, derentwegen sie sich heute in ihrem Liebesglück verkürzt sah. Sie nahm den Arm ihres Vaters, mehr um ihn zu stützen als um sich von ihm führen zu lassen, und als der Assessor sich noch einmal nach ihnen umschaute, waren sie seinen Blicken bereits entschwunden. Er selbst zeigte sich anfänglich wenig gesprächig, aber seine schöne Begleiterin wußte ihm bald die Zunge zu lösen; denn sie brachte die Unterhaltung auf seine, Ver- lobte, und äußerte sich mit solcher Wärme über die anmutige Erscheinung, und die liebenswürdigen Eigenschaften 646 Margarethens, daß es nur natürlich war, wenn er freudig einstjmmte, und mit der lebhaften Beredsamkeit des aufrichtig Verliebten von seinem gegenwärtigen Glück, und von seinen Hoffnungen auf eine noch seligere Zukunft sprach. Er geriet dabei so in Hitze, daß er es gar nicht bemerkte, tote Fekicias Zwischenreden intmer seltener wurden, und zttletzt ganz verstummten. Erst als sie das Ziel ihres Weges erreicht hatten, und mitten in dem Hellen Lichtkreis einer Straßetilaterne Halt machten, um einander Gutenacht zu wünschen, nahm er wahr, daß ihr Gesicht nicht mehr die vorige Heiterkeit zeigte, und auch ihre Stimme schien ihm von merkwürdig verändertem, frostigen Klange. Sie reichte ihm Wohl zum Abschiede die Hatto, aber sie zog sie auffallend schnell wieder zurück, und als er fragte, ob er sich Hoffnung auf eine baldige Fortsetzuttg ihrer gemeinsamen musikalischen Uebuttgen machen dürfe, erwiderte sie ziemlich kurz, darüber ließe sich heute noch nichts Bestimmtes sagen. Tie Thür des Hauses fiel hinter ihr zu, uttb Herbert hatte die Empfindung, daß er sie durch sein Benehmen oder durch eine seiner Aeußerungen wider Willen gekränkt haben müsse. Diese Vorstellung erfüllte ihn mit Bedauern; denn er hatte sich dem bestechenden Eindruck ebensowenig entziehen können, als irgend jemand, der in ihre Nähe kam. Uttb es war gewiß nicht feine Absicht gewesen, bte genußreichen Stunden, die er ihr verdankte, durch irgend eine Unfreundlichkeit zu vergelten. Umsonst aber rief er sich alle Einzelheiten ihres Gespräches ins Gedächtnis zurück, um die Ursache ihrer so plötzlich zutage getretenen üblen Laune zu ergründen. Unb ° allgemach drängte die Erinnerung an Margarethe das kleine Unbehagen, welches ihm. der Abschied von Felicia erzeugt hatte, soweit in den Hintergrund seiner Seele zurück, daß er es ganz und gar vergessen hatte, noch ehe er wieder über die Schwelle des väterlichett Hauses getreten war. Sechstes Kapitel. Als der Kämmerer Ludwig Ignatius fünf Tage später zur gewohnten Bormittagsstunde sein Amtszimmer betrat, machte ihn der alte Noster auf einen ebeti eingelaufenen und an den Herrn Stadtrat persönlich adressierten Eilbrief aufmerksam, den er an einer in die Augen fallendeti Stelle ttiedergelegt hatte. „Das ist ja die Handschrift des Rendanten Lindemann!" sagte Ignatius, nachdem er einen Blick auf den Umschlag geworfen hatte. „Ist er denn nicht in seinem Bureau?" Noster kotmte darüber keine Auskuttft geben, und der Kämmerer erbrach den Brief, dessen Inhalt sein Befremden noch um ein Erhebliches steigern mußte, da er lautete: „Sehr geehrter Herr Stadtrat! Durch ein heftiges Unwohlsein zu meinem Leidwesen ßtt das Bett gefesselt, bitte ich Sie inständig, sich gütigst sofort nach Empfatrg dieses Briefes zu mir zu bemühen. Ich habe Ihnen eine Mitteilung von äußerster Wichtigkeit zu machen, eine Eröffnung, die Ihr eigenes Interesse ebenso nahe berührt als das meinige, und die keinen Aufschub duldet, da nur durch rasches Handeln ein schweres Unglück vielleicht noch abgewendet werden kann. Nicht so sehr meinetwegen als um Ihrer selbst, und um unserer Kinder willen flehe ich Sie an, die Bitte eines Verzweifelnden nicht unberücksichtigt zu lassen, und bleibe in Erwartung Ihres baldigen Erscheinens in tiefster Ergebenheit Franz Lindemann." Stirnrunzelnd hatte der Kämmerer die wenigen Zeilen gelesen. „Was in aller Welt hat das zu bedeuten?" dachte er. „Ist der sonderbare Kauz etwa über Nacht vollständig närrisch geworden? Er wird doch nicht am Ende gar auf eine Rückzahlung seines Geldes drängen. Der Augenblick dazu wäre wahrhaftig schlecht genug gewählt." Eiue Weile schien er ungewiß, ob er der Aufforderung überhaupt Folge leisten solle; dann aber entschloß er sich doch, den peinlichen Weg nach der Wohnung des Rendanten anzutreten. Und er fühlte sich keineswegs frei von Beklomntenheit, als er, von einer alten Aufwärterin empfangen, die Schwelle des halb verdunkelten, schmalen Schlafzimmers überschritt. „Na, was ist denn nun Fürchterliches passiert, lieber Lindemann?" rief er mit erzwungener Jovialität dem Patienten zu, der sich bei seinem Anblicke mit halbem Leibe aus den Kissen erhob. „Sie haben doch hoffentlich noch nicht die Absicht, mich zum Vollstrecker Ihres letzten! Willens zu ernennen?" Seine Augen gewöhnten sich erst allmählich an die! herrschende Dämmerung, und nun, da er die Züge des im Bette aufrecht Sitzenden erkennen konnte, wollte ihn fem Scherz beinahe gereuen; denn Franz Lindemann hatte! wirklich das Aussehen eines Menschen, dem der Gedanke! an den Tod näher liegen muß, als irgend ein anderer.; Sein Gesicht war ganz verfallen, und in seinen tief ein-t gesunkenen, von breiten, blauen Ringen umgebetien Äugest zeigte sich das unstete Flackern hochgradigen Fiebers. „Treten Sie näher, Herr Stadtrat!" sagte er mitj heiserer, fast klangloser Stimme. „Und verriegeln Sie, bitte',, hinter sich vte Thür, daß niemand uns überrascht. Ich; habe zwar Margarethe unter einem Vorwande fortgeschickt, nm mit Ihnen allem zu sein. Aber es könnte doch geschehens daß Sie vorzeitig kommt; denn sie ließ sich nur schwer bewegen, mich zu verlassen." Ludwig Ignatius that nach dem Wunsche des Kranken/ aber je weniger er die Ursache dieses geheimnisvollen Gebührens begriff, desto unbehaglicher wurde ihm dabei zu Mute. Er wollte in einiger Entfermmg stehen bleiben; aber der Rendant deutete mit bittender Geberde auf einen hart neben sein Lager gerückten Stuhl. „Setzen Sie sich hierher, und bemühen Sie sich, mich ruhig anzuhören. Ich muh Ihnen ein Geständnis machen,- das sich nicht länger hinausschteben läßt. Ich bin nicht der,' für den Sie mich bis heute gehalten haben — nicht der wohlhabende Mann, und nicht der achtungswerte, Pflicht?, getreue Beamte. Ich bin ärmer als ein Bettler — und ich bin ein gemeiner Dieb." Dem Kämmerer rieselte es kalt über den Rücken, als wäre er mit einem Kübel eisigen Wassers überschüttet wor-, den. Aber diese Selbstanklage war zu ungeheuerlich, als daß er sie sogleich hätte für Wahrheit nehmen können. „Sie sind krank, lieber Freund", sagte er begütigend,, „und es ist das Fieber, das Ihnen solche HirngespinW erzeugt. Ich hoffe, daß Sie bereits nach einem Arzte geschickt haben, damit etwas für Sie geschieht." „Ich brauche keinen Arzt, Herr Stadtrat! Und toemt ich auch nicht ganz wohl bin, so ist es doch keineswegs das Fieber, das aus mir redet. Mein Verstand ist völlig klar, und was ich Ihnen soeben gesagt habe, ist die lautere! Wahrheit. Seit mehr als vier Jahren habe ich die meiner! Obhut anvertrauten Kassen bestohlen, und die Gesanttsuntme! meiner Unterschlagungen beläuft sich in diesem Augenblick auf ungefähr vierundachtzigtausend Mark." Ludwig Ignatius war von feinem Stuhl aufgefahren.- Mit dunkelrotem Gesicht und mit geballten Fäusten stanh er vor dem Kranken, „Mensch! Wenn das wahr wäre! Wenn Sie meist Vertrauen auf eine so schamlose Weise getäuscht hätten! Aber es ist ja unmöglich. Die Erbschaft von hunderttausend' Mark, die Sie vor drei Jahren gemacht haben — —" „Sie war eine Lüge. Das Legat, das mir mein ist Montevideo verstorbener Vetter ausgesetzt hatte, machte kaum den vierzigsten Teil dieser Summe aus. Unb ich erfand die Geschichte von der großen Erbschaft zu keinem! anderen Zweck, als um meine Börsengeschäfte zu er Hären,; von denen einer der Herren im Magistrat zufällig KennK nis erhalten hatte." Der Kämmerer preßte die Fäuste gegen die Schlafest.; Noch vermochte er nicht ganz die Tragweite der sürch-ter-t lichen Enthülllung zu erfassen, und doch schwindelte ihm,- als hätte sich hart vor seinen Füßen plötzlich ein Abgrunds aufgethan, und als fühle er in seinem Nacken schon die unbarmherzigen Fäuste, die ihn in die grauenhafte Tiefs hinabstürzen wollten. „Ein Verbrecher also! Ein ehrloser Betrüger! -s Und Sie haben es gewagt — Der Rendant hob flehend seine abgemagerten Hände/ um ihn an der Weiterrede zu hindern. „Ich verdiene keine Schonung — ich weiß es. Aber! Sie sollten mich trotzdem anhören, ehe Sie mich verdammest,; Nachher mögen Sie dann meinetwegen sagen, unÄ thun, was Ste für das Rechte halten,"- - (Fortsetzung folgt.). Vom Monat November. November 1901. Nachdruck verboten. Die goldigen Herbsttage sind vorüber, raube Winde, grauen Nebel, Regen und wohl auch Schneegestöber bringt der November. Für Jagdliebhaber ist jetzt die beste, fröhlichste Zeit; es beginnen die großen Treibjagden, Kesseltreiben und wie die Jagdfeste alle heißen. Keine Wildgattung ist jetzt ihres Lebens sicher und die Wildhandlungen' strotzen von der Fülle des gebotenen Wildes. Die Zufuhr an Hasen, Reh und Rotwild nimmt zu, sowie auch an Fasanen und Krammetsvögeln, Rebhühner werden seltener, finden jedoch Ersatz durch russische Schneehühner, Birk- und Haselhühner. Die Feldlerchen sind im November wohlgenährt, sie geben allerdings nur einen Bissen, aber von wunderbarer Saftfülle und köstlichem Wohlgeschmack. Eine vornehme Delikatesse sind Leipziger Lerchen und französische Wachteln. In der ersten Hälfte des Monats stehen Wild und Wildgeflügel etwas zurück, die Gans beherrscht den Markt, und täglich vergrößert sich der Vorrat an Schlachtgänsen, der wohl in den meisten Gegenden mit dem Martinstage, dem 11. November, den Höhepunkt erreicht. Nach altem Glauben darf auf einem guten bürgerlichen Tisch die Martinsgans nicht fehlen. Sehr wichtig ist es für die Hausfrau eine junge und alte Gans zu unterscheiden. Im allgemeinen werden jetzt noch junge Gänse zum Verkauf gebracht, später kommen mitunter ehrwürdige Vertreterinnen früherer Jahrgänge auch an die Reihe, die unschuldig zwischen den Reihen jüngerer geschlachteter Schwestern liegen. Lebende Gänse unterscheidet man leicht an der Stimme, eine, alte Bauernregel sagt: „Eine alte Gans singt den Tenor, eine junge aber den Diskant." Die junge Gans hat helle, gelbe Füße, während die der alten rot sind. Von einer jungen geschlachteten Gans muß sich der Schnabel leicht durchbrechen und die Gurgel leicht zusammen drücken lassen. Eine gute Bratgans muß weiße fette Haut haben und darf nicht weniger als 4 Kilo wiegen. Viel gekauft wird jetzt Beifuß, welcher dem Gänsebraten den beliebten aromatischen Geschmack verleiht. Der Geflügelmarkt ist weiter noch gut bestellt mit Enten und Tauben; Suppenhühner und junge Hühnchen haben rege Nachfrage, und ist das beliebte Hühnerfricassee stets herzustellen, das in folgender Zubereitung auf peruanische Art besonders wohlschmeckend ist. Man läßt reichlich Butter mit Mehl in einer Kasserolle gelb werden, löst es mit Bouillon aus Liebigs Fleisch-Extrakt auf, gießt je eine Messerspitze weißen Pfeffer Und Sassafras, drei Scheiben Zitrone, etwas ganzen spanischen Pfeffer, Salz und zwei in je 4 Teile geteilte, junge, fleischige Hühner hinein und läßt sie gar dünsten. Zu gleicher Zeit kocht man besonders eine Hand voll Schalotten mit Wein und gießt von dieser Flüssigkeit nach und nach dem dünstenden Fleisch' zu. Das Fricassee richtet man auf einer runden Schüssel an, giebt die geseihte Sauce über das Fleisch und verziert das ganze mit zierlich geschnittenen hartgekochten Eiern. Gegen Ende des Monats bekommt auch der Truthahn oder Indian höheren Tafelwert, die Handlungen bieten belgisches und französisches Mastgeflügel aller Art. Obwohl der Herbst mächtig vorgeschritten ist, so täuscht uns doch die Gärtnerei noch glücklich über diej Jahreszeit hinweg. Die Gemüsestände zeigen noch überraschend frisches Grün. Die Zufuhr von Kraut ist noch sehr rege. Weiß-, Rot-, Welsch- und Grünkohl sind in bester Ware da, ebenso auch Blumen- und Rosenkohl. Radieschen und Kopfsalat sind noch gut, während schon Wintersalatei in der Rapunze auftreten. Erfurt sendet bereits frische Brunnenkresse. Die Zeit. ausgezeichneter Delikatessen hat begonnen, jede Woche bringt Neuigkeiten von Feingemüsen, z. B.: französische Artischvken, englischen Bleichsellerie, Teltower Rübchen, die aus der Mark nach dem Auslande versandt werden, die Schwarzwurzel oder spanische Scorzonere/ die den ganzen Winter am Markt und in den Delikateß-i geschäften zu haben ist und ein sehr feinschmeckendes, gesundes Gemüse liefert. Zuerst wurde sie in Spanien gebaut, wo man sie gegen den Biß der Vipern anwendete, auch als Küchenpflanze wurde sie dort zuerst gezogen. In Deutschland hat sie sich immer noch nicht recht einzubürgern vermocht. Sehr zu empfehlen sind auch die kleinen Kerbelrübchen, als selbständiges Gemüse oder in Butter geschmort, als Beilage zu Grünkohl und Spinat. Man achte bei der Bereitung darauf, daß die Rübchen nur so lange in Salzwasser kochen, bis sie sich wie gebrühte Mandeln von der Haut befreien lassen. Sehr zart ist der noch wenig bekannte Knollenzist oder Stachis, diese feinen weißen Rübchen in ihrer gewundenen Form. Trotz der teilweise reichlich ausgefallenen Obsternte sind die Preise für besseres Obst keineswegs niedrig. Guts Tiroler und kalifornische Aepfel werden angeboten. Preißel- beeren sind noch in guter Ware am Platz, dürften aber nicht mehr lange Vorhalten. Der Fischmarkt bietet die reichste Auswahl. In bester Ware sind Karpfen vorhanden, ebenso Lachsforellen, Forellen haben Schonzeit — Schleien, Barben, Hechte, Karauschen, Barsche, Lachse, die Aristokraten des Meeres, Steinbutt und Seezunge, Schellfische, Schollen und Weißling, der auf schottische Art zubereitet, besonders schmackhaft ist. Man nimmt kleine, sehr frische Fische, richtet sie vor, reibt sie mit Mehl gut ein und thut sie nebeneinander in reichlich Butter in eine Bratpfanne, wo man sie langsam brät, ohne daß sie Farbe annehmen dürfen. Wenn sie fast gar sind, bestreut man die Fische mit feingehackter Petersilie und Zwiebeln, gießt zwei Löffel Sahne und zwei Löffel Brühe ans 3 Gramm Liebigs Fleisch-Extrakt darüber und dünstet sie vollends fertig. Man richtet sie mit ihrer Sauce an und gießt kleine, gekochte Kartoffeln dazu. Neue Delikatessen sendet Parma. Es sind Alici picanti, Sardellen mit einer Art Senfsauce und Alici a la Falstaff, gerollte Sardellen mit Oliven und Mixed-Pickles, beide erfreuen sich großen Beifalls. Englische und holländische Austern sind in diesem Jahr sehr schön. Mooenbencht üöer WrKterüöerkleider. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schuittmanufaktur, Drcsdcn-N. Reichhaltiges Modenalbum und Schnittmustcrbuch für nur 50 Pfg. daselbst erhältlich. „Alles schon dagewesen", sagt Ben Akiba. Auch wir möchten es ausrufen beim Anblick der neuesten Jacketts für diesen Winter. Wie alt diese neuesten Formen sind, geht schon aus ihrem Namen hervor; denn man nennt sie „Louis XV." Jacketts, und auch vor etwa zehn Jahren sah man ganz ähnliche Formen. Wie bei allen derartigen, aus längst vergangenen Zeiten stammenden Moden, ist allerdings auch hier eigentlich nichts weiter von der ursprünglichen Gestalt geblieben, als gerade die Grundform, welche in anliegender Taille und tütenförmig abstehenden stngesetzten Schößen besteht, wie an dem hocheleganten Modell Nr. 219 zu ersehen ist. Alles Uebrige ist der gerade herrschenden Mode angepaßt, und das eben ist es, was die Facon, die Modeneuheit, bildet. An den diesjährigen Jacketts gießt es modernes Beiwerk von einer so großen Mannigfaltigkeit, daß man Unmöglich alles aufzählen kann. Schon die Kragen- und Halspartie bietet ßte denkbar größte Abwechselung. Da hat man zunächst die bekannten Herrenfacons (Kragen und Revers), ist ein- Und zweireihig. Zu. ihnen gesellen sich öfters noch Schulterkragen, welche an sich wieder die verschiedensten Abweichungen aufweiscn. Oft auch wird Umlegekragen und Revers so weit ausgeschnitten, daß es zugleich den Schulterkragen mit bildet. Dazu kommt noch, daß die Ausstattung dieser Kragen die denkbar verschiedenste ist, und ist hierbei Pelz, hauptsächlich voller langhaariger, ganz besonders beliebt. Was die Aermel anbetrifft, so fehlt es auch hier nicht an Abwechselung; denn Aufschläge in den. verschiedensten Formen und blusige Bündchenärmel wechseln ab mit glatten Aermeln. -Alle aber zeigen die gleiche Haltung, oben eng, und nach unten zu weiter zu sein, was man alles unter dem Sammelnamen Pagodenärmel zusammenfaßt. Doch nicht nur das Beiwerk, sondern die Form an sich tritt schon in einer ungewöhnlichen Vielseitigkeit auf, so daß man sich diese Mode kaum vielseitiger d nken kann, als sie gleich von Anfang an ist. So haben z. B. dis Schöße sehr verschiedene Längen und Weiten; auch treten sie oft in der vorderen Mitte über einander, während sie 648 Modell Nr. 799. - Nr. 805. sondern folgt im Rücken mehr der Form des Körpers, ohne jedoch anliegend zu sein. Für die Halspartie ist die Kragenfvrm charakteristisch; denn sie ist immer breit über die Schultern fallend, wie schon aus unserer Abbildung Modell Nr. 799 hervorgeht. Sehr häufig besteht dieser! Kragen aus Pelz, was nicht nur besonders elegant, son-, dern auch sehr wärmend ist. Bei echtem Pelz dürfte es auch ziemlich kostspielig sein; denn man nimmt meist edle Felle dazu, wie Skunks, Chinchilla, Silberfuchs oder gar Zobel, wennschon letzteres sich nur die wenigsten Menschen leisten können. Me Aermel dieser modernen Sackpaletots sind, tote bei den „Louis XV." Jacketts meist in der nach unten zu weiter werdenden Pagodenform mit all' ihren Variationen gehalten, so daß auch hier die Abwechselung eine große ist. Ganz neu sind in diesem Winter auch die ganz langen Mäntel; doch glauben wir nicht, daß denselben eine große Zukunft bevorsteht, da sie zum Gehen zu unpraktisch sind; denn sie machen das Raffen des Kleides fast zur Unmöglichkeit. Für Wagenfahrten mögen sie ja sehr angenehm sein, doch wie grloß ist der Teil des Publikums, der sich mit seinen Ueberkleidern auf Wagenfahrten einrichten kann? Ta haben unserer Ansicht nach die kurzen Sackjacken größere Aussicht auf Erfolg; denn trotz ihrer großen Be- auemlichkeit sehen sie flott und elegant aus, und gestatten, die größtmöglichste Bewegungsfreiheit, weshalb sie viel für die Eisenbahn und für Wintersport im allgemeinen getragen fit anderen Füllen nur gerade zusammentreffen, oder gar zurücktreten. Auch die Schnittform ist sehr verschieden; denn sie sind nicht immer ringsum angesetzt, sondern stehen manchmal mit der vorderen Mittelpartie im Zusammenhang, so daß nur die Rückenpartie bis zum vorderen Brustausnäher mit dem Schoß durch Naht verbunden wird. Manchmal erhalten sogar alle Jakettterle den Schoß direkt angeschnitten Wollte man nun noch von den oft hrerbet vorkommenden verschiedenen Westen, von den dazu gehörenden brs jns unendliche verschiedenen Revers, von den ungemein vielseitigen, hierbei zur Verwendung gelangenden Garnituren und Stoffen reden, so könnte mau noch Seiten füllen. Doch wir wollen lieber nicht so voreilig fein, und erst abwarterr, wie sich das Publikum dazu verhält; denn es ist schon öfters vorgekommen, daß eine Mode mitsamt ihren verschiedenen Variationen gründlich durchgefallen ist, weshalb wir uns als gewissenhafte Berichterstatter lieber noch etwas eingehender mit den vom Publikum anfgenommenen Formen beschäftigen wollen. Darunter sind in erster Linie die dreiviertellangen, halbanschließen-, den Sackpaletots zu nennen; denn dieselben werden ihrer großen Vorteile halber mehr denn je getragen. Das Kennzeichen der diesjährigen Neuheiten besteht in der Hauptsache darin, daß sie aus rauhen, wolligen Stoffen bestehen, wie Homespun, Zibelme oder dergleichen. Auch ist ihre Schnittform nicht mehr so lose, wie im Vorjahre, und Fabrikationswesen wieder anfängt, die Handarbeit zu schätzen und zu ehren, und daß man Möbel, Schmuckgegeim stände, Geräte, Stickereien re., sobald sie mit der Hand her- gestellt sind, mitunter erstaunlich hoch bezahlt. Besonders aber auf dem Gebiete der Schneiderei ist die Handarbeit zu ganz besonderem Ansehen gelangt, und weisen die teuersterl und elegantesten Toiletten eine verschwenderische Fülle peinlichster Handarbeit auf. Damit E Seschickteri Frauenhänden die beste Gelegenheit geboten, ihre Fähigkeit wirklich nutzbringend zu verwerten; denn ein ganz m Fältchen genähtes mit Einsätzen durchquertes oder mit aus- genähten ^Cretonneblumen verziertes Kleid, wurde vondqv Schneiderin als hochelegantes Kostüm ziemlich hoch! berechnet werden, während im Hause hergestellt, der Preis-em ganz wesentlich niedriger ist. Die Schwierigkeit, der Selbst- schneiderei, welche früher das Zuschneiden mit W, verschwindet jetzt fast ganz, sobald man sich der Schnitte der internationalen Schnittmanufaktur Dresden-N. .8 bedient, denn dieselben sind nicht nur durchaus zuverlässig, sondern durch die ausführliche beiliegende Gebrauchsanweisung ,o leicht verwendbar, daß das Schneidern damit MM Vergnügen wird. Die Auswahl erfolgt nach dem reichhaltigen Modenalbnm und Schnittmusterbuch, welches für nur a0 Psg- erhältlich ist. Modell werden. Damit erweisen sie sich von vornherein jedoch als nur für die Jugend bestimmt, so daß auch nur ganz junge, schlanke Mädchen mit ihr rechnen können. Tas; es unter diesen Umständen nicht allzu leicht ist, sich in diesem Jahre für eins oder das andere Modell bei Neuanschaffungen zu entschließen, liegt auf der Land- denn im Verhältnis zu den gewohnten Jackett- preisen sind sie eigentlich alle teuer, und da man von den Sackpaletots nicht weiß, wie lange sie noch modern bleiben, und von den „Louis XV." ^acketts, ob sie voll in Mode kommen, so liegt der Gedanke, sich gar keines davon anzufchaffen, nicht allzufern. Da ist denn em kurzes Spencer ückchen, wie Modell Nr. 805 ein angenehmer Ausweg ; denn man kann es mit Hilfe eines guten Schnittes leicht selbst Herstellen, oder von einer Scyneiderm Herstellen lassen, weshalb es nicht zu teuer kommt. Dabei ist es immer modern und elegant, besonders wenn, es durch eine jener hochmodernen Pelzboas. ergänzt wird, welche als selbständiges Stück der Garoerooe für lange bleibt. Auch sind diese Jäckchen nicht nur für schlanke Figuren bestimmt, sondern auch vollhüftige sehen „darm sehr aut aus, da sie die Hüften nicht unnötig verstärken. Moderne Frauenarbeit. Wer seine Augen offen hält und etwas Beobachtungsgabe besitzt, der wird bemerken können, daß man in unserer jetzigen Zeit trotz Industrie Modell Nr. 2l9. Redaktion: E. Burkhardt. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei Metsch Erben) in Gießen.