t aft a -Ain den Wald und auf die Wiese Mit dem ersten Morgengrau i-V- Träuft ein Quell vom Paradiese, Leiser, frischer Maientau; Was den Mai zum Heiligtume Jeder süßen Wonne schafft, Schmelz der Blätter, Glanz der Blume, Würz und Duft, ist seine Kraft. Sink denn auch auf mich hernieder, Balsam du für jeden Schmerz! Netz' auch mir die Augenlider, Tränke mir mein dürstend Herz. Gib mir Jugend, Sangeswonne, Himmlischer Gebilde Schau, Stärke mir den Blick zur Sonne, Leiser, frischer Maientau! Uhland. (Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Fünftes Kapitel. Seit Hannas erstem Besuch bei den Restorps war ungefähr eine Woche vergangen. Es war um die neunte Stunde, und nach dem gemeinsam eingenommenen Abendessen hatten sich die Geschwister wieder getrennt, weil jedes sich noch eine Weile ungestört zu beschäftigen wünschte. Der Rechtsanwalt arbeitete in seinem Bureau, und Hanna saß in dem hübschen kleinen Wohnzimmer, das sie sich innerhalb weniger Tage unter Aufwendung sehr bescheidener Mittel zu einem traulichen und anheimelnden Boudoir umzugestalten gewußt hatte. Sie hatte beide Thüren des Gemaches hinter sich verschlossen, und eine seltsame Arbeit war es, der sie sich bei dem Schein der hell brennenden Studierlampe hingab. : Vor ihr auf der weit ausgezogenen Platte des Schreibtisches lag eine große Anzahl von Briefen und Papieren verstreut, die sämtlich von derselben Hand herzurühren schienen, einer festen, in großen, kaufmännisch deutlichen Zügen schreibenden Hand^ Dazwischen standen verschiedene Fläschchen, von denen einige mit Tinte und andere mit wasserhellen oder milchweißen Flüssigkeiten gefüllt waren. Bier der fünf Federhalter, ein paar feine Pinsel und zwei verschieden gestaltete Messerchen mit blitzenden, haarscharfen Klingen lagen im Bereich ihrer Hand in einer flachen, metallenen Schale, und sie griff bald nach dem einen, bald nach dem anderen dieser Instrumente, um sich seiner zur Hervorbringung oder zur vorsichtigen Austilgung der Schriftzüge zu bedienen, mit denen sie einige Blätter weißen Kanzleipapieres bedeckte. Es waren immer dieselben vier oder fünf Zeilen, die fie da schrieb, und sie zeigten eine überraschende Aehnlichkeit mit der festen, großzügigen Handschrift, der vor ihr liegenden Briefe. Aber es hatte nicht den Anschein, als ob Hanna von dem Ergebnis ihrer seltsamen Thätig- keit befriedigt sei; denn zwischen ihren Augenbrauen war eine kleine Falte, und sie schüttelte wiederholt unmutig den Kopf. Ta — sie mochte ungefähr eine halbe Stunde bei ihrer Beschäftigung zugebracht haben — erklang draußen die Wohnungsglocke, und gleich darauf wurde eine sonore Männerstimme vernehmlich, die nach dem Rechtsanwalt fragte. Hanna erkannte diese Stimme sofort, obwohl sie sie bisher nur an einem einzigen Abend gehört hatte, und in einem tiefen Atemzuge hob sich ihre Brust, Sie unterbrach ihre Arbeit sofort und brachte die eigenartigen Hilfsmittel, die sie dabei verwendet. hatte, so fürsorglich beiseite, als dürfe niemand ihrer gewahr werden, und als hätte sie trotz der verschlossenen Thüren eine Ueberrasch- ung zu fürchten. Die Flaschen und Pinsel verwahrte sie in einem Schubfache des Schreibtisches; die Blätter mit den sonderbaren Schreibversuchen aber trug sie zum Ofen, zündete sie, weil kein Feuer darin brannte, mit einem Streichhölzchen an verschiedenen Ecken an und sah aufmerksam dem Vernichtungsprozeß zu, bis sie völlig zu Asche verfallen waren. Nur die Briefe ließ sie auf der Platte liegen, und nachdem sie den Schlüssel in oer auf den Gang hinausführenden Zimmerthür wieder umgedreht hatte, uahm sie ihren vorigen Platz aufs neue ein, um sich anscheinend sehr eifrig in das Studium jener Briese zu versenken. Sie wußte, daß Bernhard kommen würde, sie zu rufen, und sie hatte sich in dieser Erwartung nicht getäuscht. Kaum fünf Minuten waren vergangen, als sie ihn klopfen hörte, und mit freundlichem Zuruf lud sie ihn zum Eintritt ein. „Also wirklich schon wieder bei dieser Sisyphos- Arbeit", sagte er, aus der Schwelle stehen bleibend. „Hast Tu Dich denn noch immer nicht davon überzeugt, daß sie eine vergebliche ist?" „Nein! Ich könnte eine solche Ueberzeugung doch erst dann gewinnen, nachdem ich auch das letzte Blatt gelesen habe. Es ist nicht meine Art, vorzeitig aufzugeben, was ich einmal begonnen." „Für heute aber wirst Du Dein saures Tagewerk nun schon beschließen müssen, liebe Hanna, Harro Boysen ist 266 — da, und ich glaube, es verlangt ihn sehr lebhaft danach, Dich zu sehen." „Die Thatsache, daß er sich für das Wiederkommen eine ganze Woche Zeit gelassen hat, macht diese Vermutung nicht gerade wahrscheinlich. Hat er seine Sehnsucht so lange beherrschen können, wird es ihm auch wohl noch weiter gelingen. Ich bin sehr wenig zum Plaudern aufgelegt." „Nein, Liebste, mit einem solchen Bescheid mag ich ihm nicht kommen. Er sieht aus, als ob ihm gute Worte und freundliche Menschengesichter recht nötig wären." „So? Was ist ihm denn widerfahren? Hat er etwa von Professor Herbolds holdem Töchterchen einen Korb bekommen?" „Nicht doch! — und es thut mir beinahe leid, daß ich Dir im Scherz von seiner klernen Schwärmerei für Fräulein Erika Herbold gesprochen habe. Er denkt höchstwahrscheinlich gar nicht daran, ihr jemals einen Heiratsantrag zu machen. Und wenn Deine Vermutung zuträfe, würde er für eine solche Herzenswunde schwerlich gerade bei uns Heilung suchen. Nein, es ist sicherlich etwas ganz anderes. Aber ich mochte ihn nicht danach fragen." Hanna schien einen Augenblick zu schwanken, dann aber sagte sie: „Gut! Wenn Du es für so notwendig hältst, werde ich kommen. Nur diese Papiere will ich zuvor noch in Sicherheit bringen:" Wenige Minuten, nachdem der Rechtsanwalt zu dem Freunde zurückgekehrt war, trat sie denn auch in der That über die Schwelle von Bernhards Arbeitszimmer. Harro Boysen, der bis dahin ruhelos auf und nieder gegangen war, blieb bei ihrem Erscheinen stehen und wandte ihr sein Gesicht zu. Ein tiefer Ernst, der Ausdruck einer noch nicht völlig überwundeneu seelischen Erschütterung war in seinen Zügen. Hanna mochte fühlen, daß es nicht angebracht fei, in diesem Augenblick die §Em- pfindliche zu spielen, denn sie reichte ihm mit gewinnender Freundlichkeit die Hand. ' „Sie haben lange aus sich warten lassen, Herr Boysen! Es war, wie ich hoffe, kein für sie betrübender Anlaß, der Sie uns ferngehalten." „Ein sehr betrübender leider, Fräulein Hanna! Ich habe alle diese Abende an dem Krankenlager eines Mannes zugebracht, der mir teuer ist wie ein Vater." „Ist es der Professor Herbold, den Sie damit meinen?" „Ja! Bernhard hat Ihnen also allem Anschein nach bereits erzählt, in welchem Verhältnis ich zu Klemens Herbold stehe. Er war nicht nur mein Vormund und der Lehrmeister, dem ich alles verdanke, was ich in meiner Kunst gelernt, sondern er ist mir auch seit Jahren der treueste, hochsinnigste Freund. Ich weiß nicht, wie ich es ertragen soll, ihn zu verlieren." „Aber ist es denn schon gewiß, daß Sie ihn verlieren werden? Ist seine Krankheit so bedenklich?" „Vor einer Stunde sagte mir der Arzt, daß er keine Hoffnung mehr aus Genesung habe. Er glaubt, daß sich die Auflösung noch um Wochen oder vielleicht selbst um Monate hinausschieben lassen werde; aber er hält ihren Eintritt für unabwendbar." „Tas ist allerdings sehr traurig — besonders für Professor Herbolds Tochter. Und er hat doch eine Tochter — nicht wahr?" „Ja. — Und wie traurig es für sie ist, das können Sie nicht einmal ahnen, Fräulein Hanna! Denn von dem wahrhaft idealen Verhältnis zwischen diesen beiden Menschen vermag sich nur der eine Vorstellung zu machen, der es aus der Nähe beobachtet hat." „Ich weiß nicht, wo ich einmal gehört oder gelesen habe, Professor Herbold sei persönlich ein sehr unangenehmer Herr." „Er ist es nur für solche, die eünen Menschen lediglich nach Aeußerlichkeiten zu beurteilen wissen. Für mich steht er als Charakter ebenso groß und verehrungswürdig da wie als Künstler." „Haben Sie wirklich eine so hohe Meinung von seiner Kunst? Ich verstehe nicht viel davon, und ich erinnere mich: auch nicht, jemals eines seiner Werke gesehen zu haben. Aber man pflegt seinen Namen nicht zu nennen, wenn von den ersten Bildhauern der Gegenwart gesprochen wird. Liegt seine Glanzzeit denn schon so weit zurück?" „Er war noch an dem Tage, als ihn diese letzte, tückische Krankheit niederwarf, so genial und so schafsens- mächtig, wie nur je in seinem Leben. Aber er ist seit anderthalb Jahrzehnten mit keinem seiner Werke mehr an die Oeffentlichkeit getreten. Tie tiefste. Verstimmung über eine schwere Ungerechtigkeit, die ihm damals widerfuhr, hat ihn bewogen, auf die Anerkennung der Mitlebenden zu verzichten und einem zukünftigen, verständnisvolleren Geschlecht die Beurteilung seines Schaffens zu überlassen." „Eine seltsame Art, erlittene Unbill zu rächen! Glaubt denn Ihr Professor im Ernst, daß die Strafe, die er da über seine Zeitgenossen verhängt hat, von irgend jemand schmerzlich empsunden werde, außer von ihm selbst?" „Ich kann Ihnen darauf nicht antworten, Fräulein Hanna, so lange Sie den Mann nicht kennen. Er ist eben in jeder Hinsicht so ganz anders als die gewöhnlichen Durchschnittsmenschen, daß man ihm von vornherein Unrecht thäte, wenn man seine Entschlüsse und Handlungen mit dem kleinen Maßstabe der Alltäglichkeit messen wollte." Hanna schwieg, und es gab eine kleine Stille, bis der Rechtsanwalt fragte: „So wird Klemens Herbold die Vollendung des großen Werkes nicht mehr erleben, an dem Du gemeinsam mit ihm seit zwei Jahren arbeitest?" „Aller menschlichen Voraussicht nach — nein! Und das ist es gerade, was mich so tief erschüttert. Tenn der Erfolg dieser Gruppe sollte — wie ich hoffe — wenigstens zum Teil wieder gut machen, was Unverstand und Beschränktheit an dem trefflichen Manne gefehlt hatte. Wenn Klemens Herbold vor sechzehn Jahren seiner Zeit zu weit vorausgeeilt war, und wenn sie ihn damals verlachte, weil sie die herbe Größe seiner Kunst nicht begriff, so würde man ihr heute eine ganz andere Aufnahme bereiten, dessen bin ich gewiß. Nur vier oder fünf Monate noch, und das Werk'wäre für die öffentliche Ausstellung fertig gewesen, in die zu willigen, ich ihn mit unsäglicher Mühe bestimmt hatte. Für die, die ihn lieben und die die ganze Tragik seines Schicksals mit ihm empfunden haben, ist es wahrhaft herzzerreißend, zu denken, daß er jetzt vielleicht als ein halb Vergessener aus dem Leben scheidet, während er noch einmal das Glück des Ruhmes in vollen Zügen hätte genießen können, wenn ihm nur eine kurze Zeitspanne mehr vergönnt gewesen wäre." „Aber sagte nicht Bernhard soeben, daß Sie gemeinsam mit dem Professor an jenem Werke gearbeitet haben? Tie Hälfte des Erfolges fiele also auf Sie?" Harro Boysen machte eine fast ungestüm verneinende Geste. „Welchen Ruhmesanspruch dürfte der Schüler erheben für die Handlangerdienste, die er seinem Meister geleistet! Es war Glück genug für nlich, daß er mich solcher Mitarbeit für würdig hielt." „Und nun? Wird die Gruppe jetzt etwa unvollendet bleiben?" „Ich weiß es nicht; denn der Schöpfer allein hat darüber zu bestimmen, was mit ihr geschehen soll. Und er hofft noch immer, zu genesen. Sein starker Geist wehrt sich noch mit Riesenkraft gegen den täglich fortschreitenden Versal! seines armen schwachen Leibes." „Natürlich ist es Fräulein Herbold, die ihren Vater in seiner Krankheit Pflegt. Und Sie stehen ihr dabei freundschaftlich zur Seite, nicht wahr?" Es war durchaus nichts Spöttisches in dieser Frage Hannas gewesen, und Bernhard, der einen raschen, mißtrauischen Blick auf das Gesicht der Schwester geworfen, sah zu seiner Beruhigung, daß sich auch die feine sarkastische Linie nicht zeigte, die zuweilen im Gespräch an ihren Mundwinkeln sichtbar wurde. Dem jungen Bildhauer aber war überhaupt nicht für einen Moment der Verdacht gekommen, daß ihre Worte etwas anderes, als der Ausdruck einer herzlichen Teilnahme sein könnten. (Fortsetzung folgt.) 267 Weiße Haare. Novellette Von Ernst Otto Hopp. (Nachdruck verboten.) „So jung, und schon weiße Haare!" Ter Zuruf galt einem kaum dreißigjährigen Manne, der ein offenes und ehrliches, hübsches Gesicht zeigte, und gleich mir bei einem Hamburger Großkaufmann zu Gast geladen war. Es war eine feierliche, sogenannte „Abfütterung", zu der sich alle eingestellt hatten, die in freundschaftlicher oder geschäftlicher Beziehung zu dem Hanse standen. Viele Augen wandten sich zu dem jungen Greis mit dem rosigen Gesicht. „Herr Lehmann", sagte unser Wirt, der Chef, der an unsere Gruppe herangetreten war, und obige Bemerkung vernommen hatte, „hat sich- einmal unter wirklichen echten Menschenfressern befunden, und grausige Tage verlebt. Die Aussicht, verspeist zu werden, ich glaube es gern, hat etwas nicht gerade Angenehmes an sich. Vielleicht erzählt uns Freimd Lehmann ein bischen davon; aber starke Nerven muß man bei der Geschichte haben, sonst wirkt sie zu rührend." „O bitte, erzählen Sie doch", riefen sämtliche, ungemein nervöse Damen im Chor. Herr Lehmann begann: „Vor acht Jahren wanderte ich nach Brasilien aus, wo ein Onkel von mir lebte, von dem meine Familie Jahre lang nichts mehr vernommen hatte. Nach weiten Streifereien fand ich! den alten Herrn, der sich keineswegs in einer beneidenswerten Lage befand; er hatte sich eine Mulattin geheiratet, lebte in einer jämmerlichen kleinen Stadt im Innern des Landes) und ernährte seine zahlreiche Nachkommenschaft durch! fleißiges Zigarrenmachen. Er war mürrisch und trunkfällig geworden, und fristete sein Leben im köstlichen Palmenlande unter trostlosen Verhältnissen. Von ihm konnte ich nicht einmal einen guten Rat erwarten, er war körperlich und geistig gebrochen; darum begab ich nud} bald nach Bahia zurück, wo ich vor einigen Wochen gelandet war, um mein Glück zu machen. Als ich dort eines Tages am Hafenquai umherschlenderte, stieß ich auf einen von Tropensonne und Nordlandseis gleicherweise genug mitgenommenen alten Seebären, der ein recht gutmütiges Gesicht aufgesetzt hatte, und mich! in Lanz unverfänglicher Weise zu einem „Drink" einlud. Wir traten in eine Taverne, in der einer der dort häufigen, und schon lange ansässigen echt-schwarzen, prächtig gewachsenen Minas-Neger hinter dem Schenktisch! stand, und uns einen Gin mit Eis, einen „gin-cobbler", kredenzte. Wir kamen in ein lebhaftes Gespräch, der alte Matrose wußte manch! ein interessantes Abenteuer zn er- erzählen, manch nettes „Garn zu spinnen". Dem ersten Glas folgte ein zweites und drittes. Plötzlich fühlte ich, wie mir das Bewußtsein schwand. Tie Augen sanken zu, bleischwer legte es sich mir aufs Hirn; umsonst kämpfte ich gegen die Schlafsucht, ich fiel zusammen, wie eine tote Masse. Als ich! wieder erwachte, befand ich mich an Bord eines Schiffes, das mit Tabak und Kaffee nach Barcelona bestimmt war. Tie Aufklärung, die mir zu teil ward, war eine niederschmetternde. Ich war „Shanghaiern" oder Mensch!enräubern in die Hände gefallen, und zwangsweise angeworben. Ein starkes, narkotisches Mittel hatte mich betäubt; der alte Matrose entpuppte sich als Untersteuermann, machte gar kein gutmütiges Gesicht mehr, und wies lakonisch auf das Tauende, als ich Vorstellungen machen wollte. Dys genügte; falls ich widerspenstig bliebe, erklärte er kurz und mürrisch, würde man mich zerblänen, bis ich Vernunft angenommen hätte. Gewalt geht vor Recht; ich schluckte meinen Ingrimm hinunter, und fügte mich ins Unabänderliche. , Unsere Reise war keine glückliche. dritten ^age setzte eine scharfe Nordwestbrise ein, die sich bald zum Sturm entwickelte; in der Nacht tobte ein Orkan, und als es Morgen ward, war unser Dreimaster, zu einem hilflosen Wrack geworden, über das sich wütende Sturzwellen ergossen. Das Schsif gehorchte dem'Steuer nicht mehr, und begann sich langsam mit Wasser zu'füllen; den Kapitän hatte eine Riesenwoge gegen die scharfe Kante der Kajüte geschleudert, sodaß er bewußtlos dalag. Eine zweite Welle führte ihn und drei Mann von der Besatzung mit fort in die große Tiefe. Tas Schiff schlingerte heftig; wir versuchten, uns zu entlasten, und einen Teil der Fracht ins Meer zu werfen; aber es war schon zu spät, und Menschenhilfe vergebens. Die letzte Hoffnung beruhte auf dem Boote, das groß und stark war, und uns retten mochte. Wider Erwarten gelang das Flottmachen gut, allein eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln konnte nicht mehr vorgenommen werden. Wir waren unser elf, als wir abstießen. Wasser und Lebensmittel reichten höchstens auf vier Tage. Mit Mühe behaupteten wir uns gegen den Schwall der Wogen. Wie sie angerollt kamen, bergehoch, in gewaltigen Reihen sich bäumend und überschlagend! Wie der Sturmwind dazu seine wildfrohen Weisen spielte, wie er ächzte und grollte, und in den Abgründen pfiff und heulte! Die Wasser waren lebendig geworden, und führten ihre Reigen auf. Der Tag war noch erträglich; aber dann kam die Nacht, nicht mild und ambrosisch, und Ruhe und Segen spendend, nicht sternengeschmückt und duftig, wie sie zur Sommerzeit über der deutschen Heimat schauert, fondern schwarz, und unheimlich-gellende, höhnische Stimmen tönten aus dem wüsten Chaos des Ozeans, bis die bleichte Frühe erschien, und die erste Hoffnung auch uns spendete, die wir in unserer Nußschale um die Existenz stritten. Am dritten Tage erscholl plötzlich der willkommene Freudenruf: ein Segel! Es erschien weit entfernt, und die Wellen gingen noch immer so hoch daß man unser kaum gewahr werden konnte. Wir banden Kleidungsstücke an die Ruder, und schwenkten diese Notfahnen, wir feuerten Schüsse ab aus einem Revolver, den der Obersteuermann bei sich trug — eitles Wähnen! Am fernen Horizont glitt das Segel dahin, und verschwand unbarmherzig am Rand der grauen Wüste, da wo Meer und Wolkenstreifen in eins überzugehen schienen. Wieder kam die Nacht, und wieder der Tag mit seinem gelben Schein. Todmüde hockten wir auf den Bänken, von Sprühwellen stetig benetzt, fieberschauernd, hungernd und dürstend — die Lebensmittel gingen uns aus. Den Kamps gegen Wind und Wogen hatten wir siegreich bestanden, gemach lullte sich die See in Ruhe, aber das Ringen wider den Durste war das Schrecklichere. Mitleidlos stieg die Sonne empor, und warf ihr sprühendes Tropenlicht auf uns herab, die Gaumen waren verdorrt — blaue Lippen — stiere Augen — Ausbrüche von wahnsinniger^ Wut und Verzweiflung — wehe dem, der sich mit Meereswasser die lechzende Zunge netzte! Einige machten sich Einschnitte in die Arme und tranken gierig ihr eigenes Blut. Der Mulatte, unser Koch, erlag zuerst, und stürzte sich in einem Verzweiflungsanfall ins Meer; wir versuchten ihn zu retten, doch fanden wir seine Leiche nicht mehr, niemand mochte oder konnte noch rudern. Da sprach unser Obersteuermann mit heiserer Stimme: „Es geht zum letzten, wir müssen das Los ziehen, ich habe noch zwei Schüsse im Revolver. Wen das schwarze Los! trifft, den erschieße ich; von dessen Fleisch und Blut können die andern sich nähren". Der Plan fand die Zustimmung aller, bot er doch immerhin eine kurze Frist! Als die Reihe an mich kam, und ich gezogen hatte, wußte ich schon mein Geschick; alle Augen richteten sich auf mich. Ich hatte den Einsatz ums Leben verloren. „Eine Stunde Gnadenzeit wollen wir ihm gönnen", sagte der Obersteuermann, der mir wohl wollte, der Bootsmann zog die Uhr. Eine kurze Stunde — und vor mir saßen die hungrigen Hyänen nnd sahen mich! mit verzehrenden Blicken an! Eine Viertelstunde war bereits vergangen, noch eine — eintönig rief der Mann die Zeit aus, leise, fast stockend, ihm graute selber vor dem Entsetzlichen . . . Der Erzähler holte tief Atem, dann fuhr er fort: „Was in den wenigen Augenblicken alles von mir noch einmal durchlebt ward, kann ich heute kaum in kurze Worte fassen. Mein ganzes verflossenes Leben zog an mir vorüber; vor meinen Augen standen die Eltern und Geschwister, die Freunde meiner Jugend, das Heimatsdvrf mit seinen grünen Linden — ich weinte nicht, ein Krampf schnürte mir die Brust zusammen — so jung noch und schon sterben — ich konnte es nicht mehr ertragen, die Genossen, 268 — Ozean hinaus, dorthin, wo int grauen Osten das Land der Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Zahlenquadrats in voriger Nr.: Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). G