richt ein wirklicher Schmerz herein, Wie da die kleinen Sorgen verstummen! Wenn über'm Bergwald die Adler schrei'n, Hört wohl niemand die Mücken summen. Frida Schanz. (Nachdruck verboten.) Die Seekömgin. Seeroman von Clark Rüssel. (Fortsetzung.) „Wenn das allerdings nur ein Vorurteil sein sollte", fuhr Richard fort, „kann ich es ja sofort wieder fallen lassen, sobald sein Betragen beweist, daß ich mich irre. Außerdem hatte ich noch ein anderes Bedenken; einige Matrosen sollten uns an Land rudern und dann mit dem Boot auf uns warten. Angenommen nun, wir.hätten uns Deal angesehen, wären wieder an den Strand gekommen, und hätten zwar das Boot, aber keine Leute vorgefunden. Matrosen haben eine große Vorliebe fürs Desertieren. Ich sage nicht, daß es geschehen wäre, aber es hätte geschehen können. 'Das würde mir wieder mehr Aufenthalt verursacht und Mühe und Sorgen gemacht haben. Daran dachte ich, als ich Dir am Fallreep sagte, es wäre besser, wenn wir an Bord blieben. Dennoch thut es mir leid, daß Dir diese Enttäuschung Bereitet werden mußte. Meine kleine Frau soll aus ihrer ersten Reise doch auch etwas Vergnügen haben." „Und das hat sie auch. Rede doch nicht mehr werter von meiner Enttäuschung, Richard. Ich könnte gar nicht vergnügter sein." Gegen Abend sprang der Wind nach Nordost um. Das schöne frühlingsähnliche Wetter verschwand wie Wachs am Feuer. Dunkle Wolken rollten heran, und der Horizont wurde ringsumher dick und undurchsichtig.. Der alte Winter war wieder erwacht, und als ob er ärgerlich darüber wäre, von einem Schläfchen überrascht worden zu sein, machte er sich durch einige schwere Hagelböen bemerkbar., Die Schloßen rasselten auf Deck hernieder, als ob oben in den Marsen ganze Eimer voll Rehposten ausgeschüttet,, würden, und der Wind wehte mit einer so schneidenden Schärfe, daß er durch Mark und Bein drang. Glücklicherweise war die fortwährend steifer werdende Brise uns günstig; bei Eintritt der Dunkelheit wehte bereits ein halber Sturm. So rasten wir denn nun unter doppelt gerefften Marssegeln und Fock über die kurze scharfe Kanalsee dahin. sj 1901. - Nr. 22. Dienstag den 12. Februar Ich konnte ziemlich rauhes Wetter vertragen, aber jetzt wurde der Aufenthalt an Deck doch etwas zu unangenehm für weibliche Widerstandsfähigkeit. Ich ging hinunter und blieb einige Stunden in der Kajüte. Als ich endliche meiner eigenen Gesellschaft überdrüssig wurde, gedachte ich, noch einmal an Deck zu gehen, ehe die Nacht einbrach. Ich zpg mich; warm an und stieg die Treppe empor, kam aber nicht weiter, als bis in die Kajütskapp. Ein Blick ringsumher genügte. Die Kälte war so schneidend, als ob mir jemand mit ein paar Zangen in die Backen kniffe. Die Bark hatte ein trübseliges Aussehen. Das ganze Deck wär naß, und beim Stampfen in der hohen See brachen fortwährend die dunkelgrünen Wassermassen über die Back und strömten in zischenden, weißschäumenden kleinen Gießbächen den Leespeigatten zu. Die schmalen, von der feuchten Luft grau gefärbten Marssegelstreifen schwankten hin und her unter dem hart winterlichen, schieferfarbenem Himmel, über den die Wolkenmassen dahin rollten, in Farbe und Bewegung dem aus Fabrikschornsteinen aussteigenden Rauch ähnlich, wenn unten in den Glutöfen frisch angefeuert wird. Und über den Marssegeln wankten die kahlen Stengen und Raaen, schwarz wie Tinte mit hier und dort daran haftenden Schneespuren, und vollendeten so dieses Gemälde von Frost und Sturm. Zwei Matrosen standen auf dem Ausguck in ihrem glitzernden Oelzeug und klammerten sich fest an die Reeling. Zuweilen bückten sie sich, um den Spritzwasserergüssen den Rücken zuzuwenden. Die übrigen zur Wache gehörigen Leute standen in einer Gruppe in Lee vor der Kombüse, wo sie etwas Schutz gegen den Wind hatten: eine rauhe, verwittert aussehende Gesellschaft in den schwarzen oder gelben Südwestern, unter denen die weißen Gesichter eigentümlich blaß erschienen, und in den dicken Jacketts und Oelzeug- beinkleidern. Die Leute schlugen die Arme über der Brust zusammen, um etwas Leben in ihre steif gefrorenen Finger zu bringen, und trampelten mit ihren schweren Seestiefeln auf Deck herum. In solchen Augenblicken kann man sehen, wie das Seemannsleben in Wirklichkeit beschaffen und wieviel Wahrheit in den Romanen enthalten ist, die den Seemann als einen fortwährend mehr oder weniger rauchenden, trinkenden, fiedelnden, singenden, fröhlichen Gesellen darstellen, der thut, als ob die See ein höchst lustiger Spielplatz wäre, und der nichts zu thun hätte, als sich hinzusetzen und sich von sanften Winden vorwärts blasen zu lassen. Zwei Minuten in diesem Wetter waren völlig genug für mich. Ich eilte hinunter, legte meine Umhüllungen ab, nahm ein Buch und fetzte mich dicht au den Kajütenofen. So lauschte ich dem Stöhnen des Schiffsrumpfes 86 — und dem langgezogenen, trauervollen Seufzen des Windes und der hochgehenden See. Wir behielten dieses Wetter den ganzen Kanal hindurch. Von Richard sah ich daher sehr wenig. Ich verließ selten die Kajüte, und er kam nur selten hinein, — höchstens zu den Mahlzeiten, die er daun mit solcher Schnelligkeit einnahm, daß ich nicht dazu kam, mich mit ihm zu unterhalten. Des Nachts umhüllte uns undurchdringliche Finsternis, die uns mit jeder Böe noch enger einschloß, so daß nichts sichtbar blieb als-wenige Faden der stürmischen See, über die die Bark wild dahinstampfte. Jedesmal, wenn icfy etwas von den Sorgen des Schifferberufes höre, muß ich an jene Fahrt int Kanal zurückdenken. Selbst bei klarem Wetter braucht ein Kapitän allen Verstand, den Gott ihm gegeben hat, um sein Schiff wohlbehalten durch diese Gewässer zu führen. In solchem Wetter aber, wie wir es hatten, wird jede körperliche und geistige Fähigkeit in einem Grade angespannt, die sich nicht beschreiben läßt. Jede Stunde, die wir vorwärts segelten, brachte uns jedoch dem offenen Ozean näher, und am dritten Morgen, nachdem wir die Downs verlassen hatten, sah ich, als ich erwachte, die Sonne scheinen und meinen Mann neben meiner Koje stehen. Er wollte mir mitteilen, daß wir den Kanal hinter uns und den ganzen Atlantischen Ozean vor uns hätten. Der Steuermann nahm heute an unserer Morgenmahlzeit teil. ■ Er trat eben aus seiner Kammer, wo er eine Abwaschung vorgenommen hatte, nachdem er seit 4 Uhr morgens an Deck gewesen war. In seiner Gegenwart fühlte ich mich stets etwas bedrückt. So sehr ich mich auch bemühte, dieses Gefühl schon wegen des lieben Friedens in der Kajüte zu verbannen, es gelang mir nicht. Ja, ich glaube sogar, daß meine Abneigung durch die Anstrengungen, die ich machte, um dieselbe zu verbergen, ihm nur noch deutlicher wurde. „Wie ist das Wetter, Herr Heron?" fragte ich, „ich bin noch nicht an Deck gewesen." „Schön!" erwiderte er. „Eine angenehme Brise und ein klarer Himmel." „Wir verdienen einen klaren Himmel", ries Richard. „Ein paar Tage dickes Wetter int Kanal genügen, um einen jungen Mann grau zu machen. Kein Wunder, daß Schiffsführer in den sogenannten besten Jähren schon alt aussehen." »Ja", meinte Herr Heron in seiner kurzen Art, „die See ist. voll von allerhand Mühsalen, und auch Steuerleute haben ihr Teil davon zu tragen." „Das weiß ich so gut wie irgend einer", antwortete Richard herzlich. „Auf See ist die Verantwortlichkeit des Steuermannes und des Schiffers ziemlich gleich groß. Es rst eine Last, welche zwei Paar Schultern zu tragen haben. Wenn die beiden Träger zusammen arbeiten und in gutem Einverständnis miteinander handeln, trägt jeder Mann eben nur die halbe Last. Wie wird Short mit den Leuten fertig, Herr Heron?" „Soviel ich sehen kann, ganz gut, Herr", antwortete der Steuermann. „Ich bemerke, daß Sie und er sehr gut miteinander stehen, das freut mich", fuhr mein Mann fort, indem er, wie mir schien, Herrn Heron scharf anblickte. Dieser hielt die Augen auf das Tischtuch, gerichtet oder schaute nach oben durch das Oberlicht, wobei das Weiße in den Augen sichtbar wurde, als ob er betete. „Waren Sie schon vor dieser Reise einmal mit Short zusammen, Herr Heron?" „Nein", antwortete er. „Uebrigens wüßte ich nicht, daß wir so besonders gut miteinander ständen. Obgleich Schisfszimmermann, ist er doch auch zweiter Steuermann, und demgemäß behandle ich ihn." „Nun, das freut mich zu' hören", rief Richard. „Ich habe es gern, wenn die Steuerleute gut miteinander stehen, natürlich in der Voraussetzung, daß sie sich in Reden und Gedanken von den Leespeigatten klar halten und die Quarter- deckangelegenheiten ihrem Kapitän und sich selber überlassen. Wenn Short die Freundschaft der Leute im Volkslogis genießt und an Deck von ihnen mit der schuldigen Achtung behandelt wird, dann ist er ein tüchtiger Mann, darauf können Sie sich verlassen." „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie die Leute über Short denken, Kapitän", erwiderte der Steuermann. „Und wie finden Sie die Mannschaft, Herr Heron?" fuhr Richard in derselben leichten und offenen Manier fort. „Mir scheinen alle ganz tüchtige Leute zu sein — bis auf James Snöw vielleicht — dem der Verweis jedenfalls nichts schaden kann, den ich! ihm darüber erteilte, daß er damals vor dem Tyne das Fahrzeug nicht meldete." Der Steuermann nahm sich etwas Zeit, ehe er antwortete, als ob er sich erst mehr die Fassung, als den Smn seiner Antwort überlegte. Dann sagte er: „Ich glaube, Sie werdeu noch Mühe haben, Herr." „Weshalb meinen Sie das?" fragte Richard schnell, doch ohne Schärfe und Aufregung. „Ich hörte, daß man vorn davon spricht, daß einige von den Leuten, die als Vollmatrosen angemustert sind, thre Arbeit nicht verständen." „Sie hörten, — aber von wem, bitte?" „Von Herrn Short." „So! Haben Sie irgend etwas derartiges bemerkt, Herr Heron?" „Seit ich Steuermann bin", antwortete Herr Heron, „habe ich es mir zum Gesetz gemacht, niemals von den Reden der Mannschaft Notiz zu nehmen, bis die Sache nach achtern gebracht wird. Wenn irgend welche Nörgeleien int Gange sind, finden sie ihren Weg schnell genug nach diesem Ende des Schiffes." Ich weiß nicht, welches der Eindruck dieser Worte auf Richard war; mir wurde es sofort klar, daß der Steuermann ein Schurke war, der meinen Mann haßte und in jeder Hinsicht auf feiten der Mannschaft stand. „Gut", entgegnete Richard, „wie Sie ganz richtig sagen, Herr Heron, haben wir Zeit genug, uns mit der Angelegenheit zu beschäftigen, wenn die Leute sie nach, achtern bringen." Hiermit brach er davon ab und erzählte mir von all den landschaftlichen Schönheiten des Kanals, die wir nicht gesehen hätten: von dem malerischen Anblick der ^nsel Wight, wenn man sie bei Sonnenuntergang von See aus sieht iind so weiter. Herr Heron erhob sich und trat in die Kammer. Ich sah Richard an und wollte etwas sagen, doch er hielt den Finger an die Lippen. „Still, Jeß", sagte er mit leiser Stimme, „wenn der Mann auch gerade kein Esel ist, so hat er doch lange Ohren, und wenn die Natur einem Menschen diese ausgebildeten Hororgane verleiht, unterläßt sie auch nicht, ihn so zu veranlagen, daß er davon den ausgiebigsten Gebrauch macht. Ich durchschaue ihn, und gerade der Umstand, daß er das wohl merkt, sich offenbar aber nichts daraus macht, scheint mir bedenklich. Inzwischen geht ja alles gut, Jeß, und Du hast gar keinen Grund, Dich zu beunruhigen." Der Eintritt des Stewards veranlaßte mich, die Tafel zu verlassen. Dieser Bursche, für den Höflichkeit allerdings ein unbekannter Begriff, und dem es jedenfalls auch völlig unmöglich war, sich diese Eigenschaft anzueignen, hatte sich doch seit jenem Morgen in den Downs, wo mein Mann chn zurechtgewiesen, etwas zu seinem Vorteil verändert. Trotzdem war es mir unangenehm, ihn in der Nähe zu haben, und ich konnte in seiner Gegenwart niemals ruhig bei Tische sitzen. „Gehst Du an Deck, Jessie?" fragte Richard. Ich antwortete: „Ja", da es sehr schönes Wetter war. , । । , ; . j^j Luft ist scharf, also bleibe nur in Bewegung. Ich will mich auf ein paar Stunden niederlegen." (Fortsetzung folgt.) Sittenbilder aus China. (Nachdruck verboten.) Die Mandarine. Cs läßt sich kaum in Abrede stellen, daß die Verwaltung Chinas, wie sie schon seit so vielen Jahrhunderten bestanden, in mancher Hinsicht recht gut organisiert ist — in der Form wenigstens und in der Theorie! Und was uns noch befremdender erscheinen mag, ist die That- ache, daß in einem Lande, dessen Haupt unbedingter Gewaltherrscher ist, ja als Gott betrachtet ivird, diese Verwaltung in gewissem Sinne mit demokratischer — 87 — Grundlage errichtet ist, insofern wenigstens, als die Beamten, die Mandarine, wie die in Europa allge- nlern übliche, ursprünglich portugiesische Bezeichnung lautet - m der Theorie! - nur durch wiederholte Prüfungen für dre Aemter srch qualrsizieren können, Prüfungen, die wieder allen Söhnen des Landes in gleicher Weise offen Uhen, mrt alleiniger Ausnahme derer der allerniedrigsten Klasse, der Schauspieler, und bis vor kurzem auch der Barbrere. ’■ Was für eine irrige Vorstellung wir uns da von der Regierung Chinas leicht machen könnten, wollten wir die Zustande nach der gewiß recht hübsch erdachten Theorie allein beurteilen. Denn in der Praxis gestaltet sich die Sache so ganz anders, eine Praxis, die sich durch den Um- stand herausgebildet hat, daß dein Chinesen der bloße Schein so leicht genügt und eine Bestechlichkeit sich einqe- schlichen, die das ganze öffentliche Leben in der schändlichsten Weise unterminiert hat. . Die allgemeinen Prüfungen sind allerdings eine wunderbare Thatsache in diesem wunderbaren Lande Bei meinem ersten Besuch einer größeren chinesischen Stadt, Kanton, kam ich plötzlich auf einen großen Platz endloser Rechen streng voneinander abgeschlossener Schuppen. Es waren die Examinations-Gefilde, und in diesen kleinen Bnden werden die Kandidaten mehrere Tage einzeln eingeschlossen, die ihnen gestellten Aufgaben zu lösen. Diese bestehen ausschließlich aus einigen den Lehren des C o n - fucius entnommenen Thematen, und je mehr in der Bearbeitung derselben Confucius ausgeschlachtet, je ausgeprägter die Lösung im Sinne der Anschauungen des Con- fucms erfolgt, für .desto besser gelten die Arbeiten, die zum Teil in Versen, zum Teil in Prosa abzufassen sind. In derselben Weise haben auch die militärisch en Mandarine ihre Fähigkeiten an den Tag zu legen. Doch genießen diese keineswegs dasselbe Ansehen wie die Zrvrlbeamten, und ihre Prüfungen sind dementsprechend lerchter. Dagegen müssen sie im Reiten und — so war es Brauch seit Urväter Zeit, so ist es daher bis auf diesen Tag — im Bogenschießen einigermaßen bewandert sein, wenn sich dazu in neuester Zeit unter europäischen Unterweisern mit mehr oder weniger Erfolg auch wohl noch einige andere Dinge gesellt haben. Würde es nun nach unseren Begriffen wenig zweckentsprechend sein, wollten wir unsere Beamten und Offiziere lediglich ans Grund ihrer Bibelfestigkeit und nach ihren Fähigkeiten, die Bibel auszulegen, auf ihre Posten berufen, so hat man in China, wo eben alles bestechlich ist, noch keineswegs die Sicherheit, daß eben jene Befähigungen allein zum Ziele geführt haben. Auch haben diejenigen, welche die erforderlichen Prüfungen bestanden, damit noch keinen Anspruch auf Anstellung. Darin muß erst noch der allmächtige Tael mitsprechen. Und wer den nicht hat, nun der findet auch wohl Leute, die sich seiner annehmen, wie sie ihm vielleicht schon zum Studieren die Mittel vorgestreckt haben, in der Berechnung, ihr angelegtes Kapital bei einer erfolgreichen Laufbahn des hoffnungsvollen Kandidaten, dereinst mit Zinsen zurückzubekommen. Aber die Mehrzahl der Literati bleibt ihr Lebelang ohne Amt. Denn der Andrang zum offiziellen Gelehrtentum ist so groß, wie die Auszeichnung — selbst ohne Amt — eine erhebliche ist. Es giebt daher Leute, die ihr ganzes Leben hindurch studieren und kandidieren, kein Examen unversucht'lassen und schließlich solch „löbliche Ausdauer" belohnt finden, indem ste dann — etwa in ihrem achtzigsten Lebensjahre — durch einen Gnadenakt des Kaisers zur Zunft zugelassen werden. Der erbliche Adel, der nur eine kleine Anzahl von Personen umfaßt, ist von geringer Bedeutung. Der eigentliche Adel Chinas sind die Literati, also immerhin ein Adel der Intelligenz. — Werden nun in der Theorie die Mandarine ausschließlich aus dem Gelehrtenstande ausgewählt, — wenn sie die erforderlichen Mittel aufzuweisen haben, so genügt die letztere Befähigung in vielen Fällen aber auch schon allein zur Eröffnung der Beamtenlaufbahn, und zwar nicht nur mit Hilfe der das ganze chinesische Leben überwuchernden Bestechlichkeit, sondern es werden häufig auch Männer, die etwa zur Zeit eines nationalen Unglücks und bei sonstigen Gelegenheiten als Wohlthäter auftreten, auf Grund dessen ganz offen mit einem Amte belehnt, das ihnen Mittel und Wege an die Hand giebt, sich wieder zu bereichern. Die Mandarine sind in neun verschiedeneGrade abgestuft, die allesamt durch den Stein oder Knops, den sie vor der Mütze tragen, das Muster des ihnen auf die Brust wie aus den Rücken ihres offiziellen Gewandes gestickten Tieres und die Gürtelschnalle sich voneinander unterscheiden, von dem Rubin an der Mütze des höchsten Grades, dem gestickten mandschurischen Kranich und der Gürtelspange aus Nephrit bis zum einfachen Silberknopf der langschwünzigen Elster und der Schnalle aus Büfselhorn des letzten Grades. Jeder Beamte ist streng seinem nächsten Vorgesetzten untergeben, jeder für alle, die ihm unterstellt, im strengsten Sinne des Wortes verantwortlich. Er deckt daher geringfügigere Versehen gern rückhaltlos auf, während er schwerere Vergehen, die ihn selbst in eine unangenehme Lage bringen könnten, nach Möglichkeit ver- deckt. Alle aber lassen sich's vornehmlich angelegen sein, nach! oben hin weislich zu schmieren und von unten her nach Kräften sich schmieren zu lassen. Daran hindert auch das große Jnspektionsamt nichts, das Kollegium der „Zensoren", denen es obliegt, zu prüfen, ob die Beamten überall ihre Pflicht thun und über- all Gesetzmäßigkeit herrscht, und was noch wunderbarer erschernen dürste, die von ihnen entdeckten Fahrlässigkeiten und Gesetzesübertretungen werden rückhaltlos in den Spalten der offiziellen Peking-Zeitung, dem ältesten Blatte der Welt aufgedeckt. Rückhaltlos! So scheint es wenigstens. Indessen, wo nicht die erforderlichen Taels schon genügend gesichtet, da wird wohl aus anderen Gründen eine strenge Redaktion stattfinden; und was veröffentlicht wird, ist in den meisten Fällen gewiß nur eiu Schatten von dem, was veröffentlitch werden sollte. Es wird sicherlich vielfach nur „kritisiert", um das „Gesicht" — den Schein — zu wahren. Aber man sollte es! kaum für möglich halten, den Späher- äugen der Zensoren ist selbst das Thun und Treiben des allmächtigen Kaisers unterworfen. Und selbst seine Sünden werden in dem offiziellen Regierungs-Organ zuwerlen öffentlich gerügt! — Hat es einmal lange nicht geregnet oder zu viel geregnet, so wird das sofort dem Kaiser .zugeschrieben, und die Berufskritiker werden nicht ermangeln, ihn zu ermahnen, „ernstlicher auf einen mora- lischen Lebenswandel bedacht zu sein und sich einer wirkungsvolleren Erfüllung seiner Pflichten zu befleißigen"! Indessen werden bei zu lange andauerndem Regen auch Die betreffenden Götter zuweilen aus den Tempeln ins Freie gebracht, um ihnen in handgreiflicher Weise vor Augen zu führen, was sie angerichtet haben! — Solche öffentlich gegen den Kaiser gerichteten Vorwürfe sind von altersher so Brauch, und werden wohl erst sorgfältig genug erwogen und genehmigt werden. Aber es scheint wirklich, daß die offiziellen Fehlerfinder zuweilen aus eigener Machtvollkommenheit Kritik üben und nicht nur an dem Kaiser, sondern an der noch 'furchtbareren Person der Kaiserin-Witwe, die nicht mit sich spaßen läßt. So hatte zur Zeit ihrer Regentschaft ein solcher Zensor die Kühnheit gehabt, in der Zeitung zu beantragen, daß der Vater des damals noöß unmündigen Kaisers sein Amt als Gouverneur einer Provinz niederlegen und der verstorbenen Kaiserin ,noch nach ihrem Tode ein Ehrentitel verliehen werden solle. Daß die Regentin eine solche Kühnheit übel ausgenommen, kann uns kaum so sehr wundern, als daß ein solches Gesuch, in dem offiziellen Journal überhaupt abgedruckt, und daß die hohe Frau nun in der nächsten Nummer darauf antwortete und hervorhob, daß die Vorschläge fie mit Erstaunen füllten. Weniger betrofsen sind wir vielleicht von dem Schlußsatz ihrer Antwort, der da lautet: „Er" — der Zensor — „soll den Behörden überliefert und exemplarisch bestraft werden." Indessen der ganze Vorgang erscheint so befremdend, daß man sich gewisser Nebengedanken kaum erwehren kann. Wer weiß, ob die hohe Frau dem Artikel selbst so fern gestanden, wie sie sich den Anschein gab. China ist ja ein so wunderliches Land, daß dort vielleicht zuweilen gar die Presse von oben her inspiriert wird. Wilh. F. Brand. 88 - Mer die Gefahren des elektrischen Lichts. Im allgemeinen besteht gegenwärtig der Glaube, daß der Besitzer eines Hauses oder eines Geschäftes vielen Gefahren aus dem Wege geht, wenu er für die Beleuchtung statt Gas, Petroleum oder Kerzen das elektrische Licht verwendet. Es ist jedoch, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, sehr zweifelhaft, ob diese Annahme das Richtige trifft, so lange in der Beilegung der elektrischen Leitungen nicht noch größere Vorsicht beobachtet wird als heutzutage. Mindestens sollten die gar nicht so selten vorkommendeu Brände und Unfälle, die elektrischen Beleuchtungsanlagen zur Last gelegt werden müssen, einiges Bedenken veranlassen. Es ist eine mehr und mehr in ihrer wahren Bedeutung gewürdigte Thatsache, daß ein sonst ganz unschädlicher Strom, d. h. ein solcher von niedriger Spannung, durch gewisse Defekte zu einem äußerst gefährlichen Strom von sehr starker Spannung werden kann. Als gewöhnliche Quelle und allgemein benutzte Entschuldigung für solche Vorkommnisse gilt der Kurzschluß, und in der That hört man Klagen darüber von allen Seiten. Selbstverständlich vermehren sich die Gefahren mit der Stärke des Stromes. Erst in jüngster Zeit ist wieder ein ernstlicher Brand in London dadurch herbeigeführt worden, daß die Kabel einer elektrischen Leitung am Schaltbrett geschmolzen waren, die in dem betreffenden Hause zur Vorführung von Projektionsbildern benutzt wurde. Es kann gewiß niemand verwehrt werden, wenn er einen möglichst starken elektrischen Strom zu irgend welchen Zwecken zur Verfügung haben will, aber es kann andererseits im Namen der öffentlichen Sicherheit verlangt werden, daß dann bei der Verlegung der Leitung eine besondere Vorsicht beobachtet, auch von Zeit zu Zeit eine sorgfältige Nachprüfung vorgenommen wird. Wenn dies nicht geschieht, so kommt es ungefähr auf dasselbe hinaus, als ob man irgend wo ein großes Wasserbassin für Millionen von Litern hoch über dem Boden anbringen wollte, ohne Vorsichtsmaßregeln zu treffen für den Fall, daß ihr Behälter eines Tages ein Leck bekommt und etwa alles Darunterliegende unter Wasser setzt. Durch den Brauch, die Erde als Ableitung für die elektrischen Ströme zu benutzen, wird der Boden mit Elektrizität derart gesättigt, daß bei ungenügender Isolierung jede sonst harmlose Leitung, Telephondrähte, Gasröhren u. a. plötzlich einen sehr starken und gefährlichen Strom an sich ziehen. In manchen Fällen wird die Entstehung eines Brandes durch Ueberhitzung von Drähten oder durch Erzeugung von Funken infolge mangelhafter Isolierung der Leitung nachträglich nicht erkannt werden, aber die Zahl der unzweifelhaften Vorkommnisse genügt vollständig, um eine Reform in der Anlage der elektrischen Leitungen dringend zu fordern. Bisher ist trotz häufiger Erörterung wenig oder gar nichts nach dieser Richtung hin geschehen. In England verlangt man jetzt energisch den Erlaß behördlicher Bestimmungen für eine zuverlässigere Art der Anlage der elektrischen Beleuchtung in t iusern. Wahrscheinlich werden Unfälle durch die elektrischer: Leitungen nicht früher ganz verschwinden, als bis Kabel und Drähte in besonderen Röhren geborgen und vor allem eigene Drähte für die Rückleitung des Stromes zur Anlage kommen werden. Bei den heutigen Zuständen ist der Boden unserer großstädtischen Straßen mit einem dichten Netzwerk durchzogen, und darin liegt ein Hauptgrund, weshalb das Hinüberleiten der elektrischen Ströme in den Boden nicht mehr: als unbedenklich gelten kann. Kesirndyeitspflege. WatteimOhr. Es giebt Leute, die bei der geringsten Erkältung des Kopfes übel' Reißen klagen oder Zahnschmerzen bekommen, und diesen Leiden Einhalt zu thun glauben, durch das Tragen von Watte oder Baumwolle im Ohr, die sie womöglich mit Spiritus oder Kölner Wasser getränkt haben. Der Gehörgang wird durch langes Tragen der Watte verweichlicht; die kleinen feinen Drüsen, die zur Absonderung des Ohrenschmalzes dienen, werden in ihper Thätigkeit geschwächt. Es dient den gesundheitlichen Zwecken durchaus nicht, Watte im Ohr zu tragen, auch wird das Schönheitsgefühl verletzt, und manches ernste Gehörleiden hat seinen ursprünglichen Grund in dieser Unsitte. Eine alte Bauernnahrung war die Hafergrütze. Heißt doch das Sprichwort: „Denn Geduld und Hafergrütze, sind zu vielen Dingen nütze". Eine Zeit lang war durch die neuere Zeit die Hafergrütze ganz außer Gebrauch gekommen. Der Pfarrer Kneipp war einer der ersten, der auf den hohen Nährgehalt des Hafers verwiesen hat, und Kneipp war auch hier Bahnbrecher. Die Aerzte, besonders Kinderärzte und Professoren, empfehlen jetzt besonders oft für Gesunde, Kranke und Kinder die Hafersuppen und den Haferbrei. Die Hafersuppen sind schmackhaft und vor allem viel nahrhafter als viele andere Suppen, wie Sago, Reis und dergleichen, und vor allem sind sie sehr leicht verdaulich. In den Städten, so gehen die Dinge oft ihren Gang, wird heute die Hafernahrung bereits mehr geschätzt wie auf dem Lande; man wird in der Stadt keinen Kaufladen finden, wo es nicht Hafersuppeneinlagen zu kaufen giebt, die alle möglichen Namen führen, wie Platthafer, Haferflocken, Haferflaum, Quäkers Oats, und diese Ware wird, in schönen Paketen verpackt, das Pfund oft um 50 bis 60 Pfg. verkauft. Kür die Küche. Bereitung des Schrotbrotes. Drei Liter feines Schrotmehl (kein Salz, keine Hefe, kein Sauerteig) knete man in einem Liter abgekochter lauwarmer Milch zu einem elastischen Teig, der sich leicht von der Hand und Schüssel löst, teile die Masse in zwei Teile und rolle einen jeden für sich auf dem Brette sehr rasch hin und her, ohne daß Mehl unter-gestreut wird. Beiden giebt man die Form länglicher Brote von etwa 4—5 Ztm. Höhe, bestreicht sie mit kaltem Wasser und macht mit dem Messerrücken 4—6 leichte Einschnitte hinein. Nun kommt das Brot sogleich auf ein mit Mehl bestreutes Blech in einen gut geheizten Ofen oder in den Bratofen eines Küchenherdes. Nach anderthalb bis zwei Stunden ist es ausgebacken. Bei der Teigbereitung ist Milch dem Wasser vorzuziehen; denn sie macht das Brot lockerer als dieses, schmackhafter und nahrhafter. Vermischtes. Die Wärmeentwickelung im Körper eines erwachsenen Menschen beträgt, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, durchschnittlich täglich! so viel, als erforderlich ist, um 2500 Kilogramm oder Liter Wasser um 1 Grad C. oder 25 Liter um 100 Grad C. zu erhitzen. Bei 100 Grad C. kocht aber das Wasser. Wenn wir also die im Laufe eines Tages in unserem Körper erzeugte Wärme zum Kochen verwenden könnten, so würden wir damit einen großen Topf mit 25 Liter Inhalt zum Sieden bringen. Wie würde es uns ergehen, wenn diese Wärme im Körper zurückgehalten, wenn ihr nicht vielmehr durch die Wärmestrahlung unserer ganzen Körperoberfläche ein Ausgleich nach außen hin möglich gemacht würde? S. Diamanträtsel. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben AA, BBB, D, EBBE, FF, L, N, RRB.RRR, 8, T, UUU derart einzutragen, daß die mittelste wagerechte und senkrechte Reihe gleichlautend ist, und die Buchstaben, wagerecht gelesen, folgendes bedeuten: 1. Konsonant; 2. Empfindung; 3. Naturerscheinung; 4. Teil des Jahres; 5. Körperteil; 6. technisches Hilfsmittel; 7. Konsonant. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Der gute Name ist das beste Erbstück. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfiläll-Buch- und Strindruckerei (Pietsch Brdea) in Gieß«.