Samstag den 12. Januar. UWW m MW« WKW UmM I-WM -R lL! bjiik LLA niiun. M JJ>bQ^ogr.:äüfe~ H.NOH. lernt wir selbst keine Fehler hätten, würden wir sie nicht mit so großem Wohlgefallen an andern aufsnchen. Rochefoucauld. « (Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman vvir Clark Rüssel. (Fortsetzung.) „Der Whisky steht neben Euch, Salmon", sagte mein Vater beschwichtigend. „Was Ihr da sagt, ist ganz richtig"; dabei gab er meiner Mutter einen Wink, um bemerklich zu machen, daß er nur zustimme, um den alten Mann nicht zu ärgern. „Wenn nun Seeleute einmal keine Seeleute mehr sein sollen", sagte meine Mutter lächelnd, „so haben sie, wenn sie das Seefahren nicht aufgeben wollen, nicht einmal die Entschuldigung, daß sie es aus Liebe zur See thun." „Sie lieben die See auch nicht", versetzte mein Vater. „Nur solche alte Seebären, wie Salmon und ich, sehnen sich zurück, wenn sie einmal an Land sind." „Nur mein Alter vertrieb mich von meinem Platze", sagte Kapitän Salmon. „Wenn die Zeit noch einmal Kehrt machte, so würdet Ihr mich wieder draußen seh'n, Thomas." Ein trüber Schatten glitt über meines Vaters Gesicht, während er frischen Tabak in seine Pfeife stopfte. „Was ich sagen will", sagte er, indem er sich an Salmon wandte, aber doch mehr zu meiner Mutter sprach, „ist nicht von Bedeutung; denn Ihr wißt, daß mein Entschluß feststeht: ich bin und bleibe an Land. Aber kein Weib und kein Landbewohner auf der Welt kann den Kampf im Herzen eines Seemannes nachfühlen, der dem Meere auf immer Valet sagt. Ich komme eben aus einem fürchterlichen Sturm und danke dem allmächtigen Gott für meine Rettung und doch denke ich kaum noch daran. Nur an die sonnigen Tage, an die Freuden, die mir das Meer geschenkt, erinnere ich mich, und an meine Triumphe auf den alten Schiffen. Pein, Annie, fürchte nichts, ich bin fest entschlossen; aber dennoch werde ich — wielange mir auch zu leben vergönnt sein mag — mit der Erinnerung ins Grab steigen, daß die See mir 47 Jahre lang freundlich gewesen ist, von dem Tage an, wo ich als Junge zuerst den Fuß auf ein Schiff setzte und stolz war, die erste Planke zu verladen, das erste Tau anzuholen, während meiner Wache zur Koje auf das Kommando: „Alle Mann an Deck" als der erste hinaufzustürzen, — bis zu dem Augenblicke, wo ich mit Gottes Hilfe den letzten Sturm überlebte und e die „Gräfin" sicher über die Barre brachte. Die schönsten Stunden, die ein Mensch überhaupt durchleben kann, habe ich unter freiem Himmel und auf offener See genossen, deren Horizont, solange ich lebe, die Grenze meiner Welt gebildet hat." „Ja", rief der alte Salmon, der aufmerksanr und zustimmend dieser Rede zugehört hatte, „aber ich kann Ihnen sagen, Frau Snowdon, daß Thomas, wenn er dies auch sagt, Ihnen nicht unrecht thun will, sondern ganz genau weiß, wie viel Glück er Ihnen verdankt." „Das weiß sie — das weiß sie", rief mein Vater mit bewegter Stimme. „'s ist natürlich und 's ist schön", fuhr der Alte fort, „daß, wenn ein Seemann die See verläßt, er ihr noch einen Segenswunsch nachschickt. Welchen Beruf kann ein Mann leichten Herzens aufgeben, dem er von Kindheit auf gedient hat? Vergangene Woche traf ich Jackson, der vor einem kleinen Laden stand nnd ihn beschaute. „Ei", sag ich, „Jackson, Ihr denkt doch nicht daran, wieder anzufangen, da Ihr es Euch so genau beguckt?" „Nein", antwortete er, „daran denke ich nicht, aber 35 Jahre habe ich dadrinnen verbracht, und wenn ich hineinblicke, sehe ich mich wieder als jungen Mann voller Hoffnung und Kraft vor mir. Ich kann nie Vorbeigehen, ohne das alte Haus zu grüßen wie einen alten Freund". Das liegt - in der Meuschennatur, Frau Snowdon, und wenn ein in Ruhestand getretener Schnittwarenhändler so fühlt, was muß da Sin Seemann empfinden, der von dem Meere • scheidet, das ihn ein halbes Jahrhundert lang auf seinem Schoße gewiegt hat, wie eine Mutter ihr Kind, das ihn oft geliebkost und noch öfter hart angelassen hat, und das ihn jetzt seinen Lieben mit Erinnerungen zurückgiebt, die einen Mann nur stolz und glücklich machen können." „Genug, Salmon", rief mein Vater beinahe weinend. „Wenn Ihr noch lange redet, werde ich mir bald wie dev verlorene Sohn Vorkommen." „Ich denke, mein Mann braucht sich bei niemand zu entschuldigen, daß er die See verläßt, Kapitän Salmon", sagte meine Mutter etwas scharf. „Nun, nichts für ungut, Madame", antwortete der Alte, indem er aufstand und seinen Hut suchte. „Ich kam nur herein, um mich nach Snowdon zu erkundigen und bin schon länger geblieben, als ich sollte." Nachdem er uns allen die Hand geschüttelt und ich ihm die Hausthür öffnete, blieb er stehen, sah mich an, und murmelte: „Wahrhaftig, sie ist ein ganzes Fräulein geworden, und gestern hätte ich sie noch tn meinen alten Hut einpacken können." Dann schwankte er aus dem Hause. Wir blieben fast noch eine Stunde auf und plauderten miteinander. Niemand mochte das freundliche, warme 22 — Zimmer verlassen. Mir schien eS, als sähe btc Mutter müde und bläh aus; aber als ich ihr riet, zu Bette zu gehen, sagte sie, sie wäre gar nicht schläfrig, und es sei ihr eine Freude, nach der Angst der. vorigen Nacht, anfzubleiben und zu plaudern. . ■ Atem Vater ging ans Fenster und sah schweigend eine Weile zu den glänzenden Sternen empor. Dann riß er sich plötzlich los und sagte: . „Jessie, mein Mädel, morgen werde ich Dir wahrscheinlich einen schmucken, jungen Mann vorstellen, der so brav ist wie die, von denen Du in den Geschichtenbüchern gelesen hast. Annie, erinnerst Du Dich, daß wir einmal zusammen nach Tynemouth gingen, um eine gewisse Frau Fowler zu besuchen, eine sanfte, hübsche Dame in Schwarz, die Witwe eines englischen Predigers?" Sie konnte sich nicht gleich besinnen. „Ach was, Du kannst es nicht vergessen haben. Du sagtest damals noch, sie hätte so seine Manieren; sie hatte große, schwarze Augen, und Du hieltest sie für schwindsüchtig." v , rL o ,Ja, jetzt erinnere ich mich; aber das muß mindestens zehn Jahre her sein." _ „Ja, ungefähr zehn Jahre", sagte er. „Nun, ich erinnere mich, wie sie uns sagte, sie hätte einen Sohn, Namens Dick, der aus einem Schiffe, das einer Londoner Firma gehörte, Schiffsjunge war. Und wer, meint Ihr, war mein Steuermann auf dieser letzten Reise mit der Gräfin"? Kein anderer als jener Bursche. Seine Mutter ist vor einem Jahre gestorben. Er ist sechsundzwanzig Jahre alt, und einen besseren Seemann kann es nicht geben Gestern im Sturm war er meine rechte Hand, so behend und so leise wie eine Katze. Ich habe ihm versprochen, meinen ganzen Einfluß auszubieten, ihm ent Schiff zu verschaffen, und ich werde Wort halten. Morgen wird er uns besuchen; nimm Dein Herz tn Acht, Jessie. Wenn Du ihn mit Deines Vaters Augen siehst, wird er Dir gefallen. Du wirst ihn bewundern, unb Mutter mag Dir sagen, was es bedeutet, wenn ein Mädchen einen Mann bewundert." , c „ „Da er Seemann ist, wird er nur schon gefallen, entgegnete ich lächelnd. , „ , „Wie alt ist Jessie, Mutter? fragte er und musterte mich' von oben bis unten. „Nächsten Mynat wird sie zwanzig Jahre alt , sagte die Mutter und sah mich zärtlich an. „Ja, richtig. Dann, Jessie, wirst Du Dich bald nach einem Manne umsehen müssen, wenn Du nicht eine alte Jungfer werden willst." , 5 ,Sich nmsehen!" rief meine Mutter. „Ich hoffe, das wird sie nicht nötig haben. Die Männer, die man sich sucht sind gewöhnlich keine besondere Sorte. Und warum soll Jessie schon heiraten? Du bist eben erst aus entern schrecklichen Sturm nach Hause gekommen, und statt daß wir hier mit dankbarem Herzen beisammen sitzen sollten, machst Du schon Pläne, uns wieder zu trennen." „Ich scherzte ja nur, mein Herz", sagte er, stand auf und küßte mich zärtlich. „Nein, sie soll noch em Weilchen bei uns bleiben. Aber, gütiger Himmel!" rtef er, indem 6r seine altmodische goldene Uhr herauszog und mit der ' auf dem Kaminsims verglich, „wie spät ist es, mernt Ihr? „Dreiviertel auf zwölf!" Ich erhob mich. „Bleibe, Jessie", sagte er mit leiserer Stimme; „ehe wir zur Ruhe gehen, haben wir noch eine Pflicht zu erfüllen. Gott hat mich beschützt und sicher hermgesuhrt; wir wollen ihm für seine Güte danken." Ein altes Sprichwort sagt: „Wer nicht beten lernen will, der muß zur See gehen". Wer zugehört hätte, wie mein Vater Gott für die Erhaltung seines Lebens dankte, würde dies alte Sprichwort verstanden haben. Kerne Erinnerung ist mir so heilig, wie das Andenken an jene Nacht. Damals ahnte ich die nahende Trübsal nicht; aber wenn ich jetzt zurückdenke, sehe ich den Schatten des Todes, wie er in dem alten Wohnzimmer über uns' hing und meine Mutter unter ihm kniete. Als mein Vater geschlossen hatte, stand meine Mutter aus und sah ihn mit thränenfeuchtem Gesichte an, auf dem ein fremder Ausdruck lag. Ich sah meinen Vater an, ob er ihn auch bemerkte; aber er lächelte und wollte etwas sagen, und als ich wieder nach der Mutter schaute, war der fremde Ausdruck verschwunden, und sie hörte auf ein paar lustige Worte, die der Vater ihr zurief. Ich nahm an, daß ich mich getäuscht habe, und daß der jähe Wechsel eine Folge des doppelten Lichtscheins war, der von der Lampe und dem Kaminfeuer aus ihr Gesicht siel. Aber als ich am nächsten Tage daran dachte, war ich überzeugt und Bin es noch heute, daß die Vorahnung in ihrem Herzen auf ihrem Gesicht geschrieben stand. Die instinktive Erkenntnis dessen, was da kommen würde — eine Erkenntnis, die ihr kam, ohne daß ihr Verstand etwas dabei that — hatte die kaum merkliche, schnell vorübergehende Veränderung in ihren Zügen hervorgerufen, welche mich beunruhigte. Obwohl ich nicht mehr daran dachte, nachdem sie mich geküßt, und mir Gute Nacht gesagt hatte, so regt mich der Gedanke daran doch jetzt noch in einem Grade auf, der fast kindisch zu sein scheint. Fünftes Kapitel. Der Mutter Tod. So spät ich auch zu Bette gegangen war, so lag ich doch noch lange wach. Der Tag hatte zu viel Aufregung gebracht, aber ich muß ehrlich gestehen, daß noch ein anderer Grund den Schlaf verscheuchte. Es waren die Gedanken an den schmucken Seemann, der uns am nächsten Tage besuchen sollte, oder richtiger, heute schon; denn ich hörte die St. Nikolas-Uhr eins schlagen, als ich noch immer meinen Gedanken nachhing. Ich glaube, daß viele Mädchen, die ein ruhiges Leben führen und in regelmäßiger Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten unmerklich den Kinderschuhen entwachsen, plötzlich wie durch Offenbarung zu dem Bewußtsein kommen, daß sie nicht mehr Backfische, sondern reife Jungfrauen sind. Ost kommt diese Entdeckung infolge aufkeimender Liebe. Bei mir kam sie zum Teil durch die leicht hingeworfenen Worte meines Vaters, zum Teil durch die jetzt gegebene Möglichkeit, einem Manne zu begegnen, der sich in mich verlieben könnte. Bis dahin war es mir nie voll zum Bewußtsein gekommen, daß ich kein kleines Mädchen mehr sei. Als ich so in meinem dunkeln Schlafzimmer lag, und darüber nachdachte, daß ich nun schon zwanzig Jahre alt sei, fand ich diese Zahl sehr bedeutungsvoll. Wie ein Mensch, der in einem Boote einschläft, beim Erwachen merkt, daß ihn der Strom tief in die See hinausgetragen hat, so erwachte ich aus dem ruhigen Traum meines Lebens. Ich erkannte, daß ich unbewußt weitab von den Grenzen der Kindheit getrieben war, und sanst auf dem großen Ozean der Zeit schwamm. Solche Gedanken erfüllten mich mit Freude, was sie, wäre ich älter gewesen, wohl kaum gethan hätten. Nachdem ich mir das Gesicht und die Gestalt des Steuermanns Fowler auf die verschiedenste Art ausgemalt hatte, kam ich zu meiner eigenen Person und fragte mich, ob er mich wohl hübsch finden würde. Ich glaubte es zu sein, obgleich ein Mädchen über diesen Punkt erst Gewißheit erhält, wenn ihm die Männer jeden Zweifel benehmen. Wenn ich sage, daß ich hübsch war, daß ich rötlich- braunes Haar, graue Augen hatte, daß meine Gestalt gut, etwas über mittelgroß, vielleicht etwas zu derb, und meine Haltung so gerade war, daß Fremde glauben konnten, ich hätte eine sehr hohe Meinung von mir; denn Freunde, die mich kannten, hätten mich nie für eingebildet gehalten — wenn ich das und noch viel mehr sage, und wenn es zehnmal mehr zu sagen gäbe, so hätte ich doch nichts gesagt. Ein einziges charakteristisches Merkmal, eine eigentümlich geformte Nase, ein Punkt, der mit wenig Worten angebeutet werden kann, kommt oft der Phantasie mehr zu statten als viele Seiten einer genauen Beschreibung, die oft nur leere Worte enthält. So lag ich fast zwei Stunden wach, eigentümlich froh gestimmt und immer neue Zukunftsbilder entwerfend, bis ich die Turmuhr zwei schlagen hörte, und mich ärgerte, zu einer so unvernünftig späten Stunde noch wach zu sein. Ich legte mich auf die Seite und schlief ein. Eine Hand, die sich auf mich legte, weckte mich leise. Ich öffnete die Augen und sah meinen Vater, nur int Hemd unb Beinkleidern, am Bette stehen. Es war schon 23 — heller Morgen, und die Sonne schien strahlend ins Fenster. Sobald ich bei vollem Bewußtsein war, bemerkte ich einen schrecklichen Ausdruck des Schmerzes auf seinem Gesicht. „Steh schnell auf, Jessie", sagte er; „etwas Furchtbares ist geschehen. Wenn Du angekleidet bist, komm in unser Schlafzimmer". Nachdem er diese Worte mit schwacher, kaum vernehmbarer Stimme gesagt hatte, verließ er mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, was ihn so vollständig niederdrückte. Schnell kleidete ich mich an; mein Herz schlug so heftig, daß ich fast ohnmächtig wurde; dann eilte ich durch den Gang nach meiner Mutter Schlafzimmer. Mein Vater stand am Fenster; er wandte sich um, als. ich eintrat, zeigte auf das Bett und sagte: „Sie hat uns verlassen, Jessie!" — (Fortsetzung folgt) Wie grosse Mimen studieren. Eine Ausplauderei von Wilhelm Anthony. (Nachdruck verboten.) Der große Feinschmecker Brillat-Savarin giebt seinen Lesern in seinem berühmten Buch über die „Physiologie des Geschmacks" den Rat, niemals eine Küche zu betreten. Vor den Ateliers unserer Maler und plastischen Künstler hat bisher noch niemals ein Aesthetiker in ähnlicher Weise gewarnt. Wie steht es aber mit der Studierstube der Menschendarsteller? Nun — ehrlich gesagt: ich möchte im allgemeinen den Besuch nicht anraten; denn die Herren Mimen sind im Durchschnitt alle -etwas nervöse Menschenkinder, und die wenigsten von ihnen dürften sich überhaupt dazu herbeilassen, uns einzuladen, sie zu besuchen, wenn sie sich — wie es im Jargon der Coulissenwelt heißt — „in eine neue Rolle hineinlegen". Selbstredend ist! dadurch die Neugierde nach den Schöpfungsgeheimnissen der Schauspielerkunst -eine umso regere geworden, und die Feuilletons wie die Biographien, welche dieser gewidmet sind, haben uns manchen intimen Einblick thun lassen in diese Mysterien. Es mag von Interesse sein, aus diesen vielfach verstreuten Quellen das zusammenzutragen, was auch zur besonderen Charakteristik der Wissenschaft der einzelnen großen Historien beiträgt, wenn manches d«von auch nur als Anekdote zu bezeichnen ist Eine der ältesten Ueberlieferungen, welche zu obigem Thema einen Beitrag Kesern, findet sich in einer Chronik von Verona aus der Zeit, da die cvmmedia d'el arte in Italien in höchster Blüte stand-. Es wird in dieser nämlich des weiteren und breiteren erzählt von der Truppe eines gewissen Alfieri, die in der Bevölkerung durch ihre tollen Streiche fast noch mehr Sensation gemacht zu haben scheint, als auf der Schaubühne! Von diesem Alfieri wird berichtet, daß er fast allabendlich mit seinen Histrionen in einer Taverne zusammengekommen sei, wo sie sich ihre neuen Stegreifspiele zurechtschusterten und- beim Wein in zwanglosester Weise einstudierten, wobei der Prinzipal die Rolle des Regisseurs abgab, der besonders für die Anfänger und Neulinge durch wirksame Pointen und Nuancen Sorge trug. Hatte einer für ein neues Stück die Grundidee selbst erfunden, so. zahlte Alfieri die Zeche allein. Ein Sekretär (der nebsther auch Kassierer und Theaterdiener gewesen zu sein scheint und den schönen Namen Ambrosio führt) schrieb, während die andern agierten, die Hauptphasen der Handlung nieder, und dieses Szenarium wurde hernach der Bibliothek -einverleibt. Vollständige „Bühnen-Manu- skripte" gab es natürlich nicht. In dem Szenarium kehrten stets gewisse Zeichen wieder, die man später nicht verstand, und an deren Deutung sich mancher Bibliothekar den Schädel warm machte, der unter seinen Bücherschätzen ein Oder das andere Szenarium aus der Stegreis-Komödien- zeit entdeckte. Endlich wurde ein solches gefunden, in' dem neben den mysteriösen Zeichen die Erklärung stand. Ein Kreuz bedeutete: den Anfang einer allgemeinen Prügelei (mit einer solchen schlossen fast immer diese Stücke), ein Ring: die feierliche Verlobung der Colombine usw. Daß die Vorbereitungen zu den „regelmäßigen Stücken", also z. B. schon zu den Tragödien und Komödien eines Hans Sachs usw. ernsterer Art waren, läßt sich wohl annehmen, allein von einem Privatstudium der Akteurs wird wohl dazumal noch nicht allzuviel die Rede gewesen fein. Es mag auf den Proben wohl ähnlich so zugegangen fern, wie in Shakespeares Sommernachtstraum, wo in der sogenannten Rüpel-Szene ganz offenbar, die Akteurs der kleinen „Meerschweinchen"-Bühnen parodiert werden. Von den großen Menschendarstellern der früheren Zeit wissen wir nicht allzuviel, und das liegt in der Natur der Sache. Aus der Zeit der Griechen und der Römer sind uns kaum ein halbes Dutzend Namen erhalten, und selbst die Darsteller der großen Werke, durch welche ein Shakespeare und Calderon, ein Gozzi und Moreto, ein Corneille und Moliere die Schaubühnen ihrer Nationen zum höchsten Ruhmesglanz emporgehoben haben, sind der Nachwelt nur spärlich überliefert. Damals standen die Dichter und die Dichtungen im Vordergründe des Interesses, nicht die Darsteller und die Darstellungen. Der persönliche Kultus, den man heutzutage — und zum Teil in etwas sehr übertriebener Weise! — den Schauspielern und Sängern zuterl werden läßt, datiert erst von der Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Tagespresse sich eingehender mit der theatralischen Darstellungskunst zu beschäftigen begann. Früher wurden auf den Theaterzetteln nicht einmal die Namen der Akteurs und der Aktricen angeführt; heutzutage glaubt man sogar deren Vornamen den Kunstfreunden nicht vor- enthalten zu dürfen. Auch trug die soziale Stellung der Schauspieler viel dazu bei, daß die Gesellschaft der übrigen Kasten ihrem persönlichen Thun und Treiben näher trat; ferner hatten die Photogramme und das theatralische Feuilleton, sowie — nicht zum wenigsten — die Selbstbiographie und das Konversationslexikon nicht geringen Anteil an der Steigerung des persönlichen Interesses für die hervorragenden Bühnenkünstler. Selbstredend offenbart sich dasselbe ganz unwillkürlich auch in der Frage: wie diese Götter und Göttinnen der Szene die Gestalten, durch die sie uns auf der Bühne ergötzen oder erschüttern, in den Vorarbeiten modellieren? Und darüber will unsere Ausplauderei einige Auskunft geben. Von Talma, dem Günstling Napoleons L, dem großen Reformator der französischen Schauspielkunst, wird berichtet, daß er, nachdem er des Wortlautes seiner Rolle mächtig war, vor einem großen Spiegel, vollständig kostümiert und geschminkt, dieselbe ganz genau so ausgestaltete, wie er sie später auf der Bühne darstellte. Das Zimmer war dunkel, nur der Spiegel wurde beleuchtet. Zugegen war niemand. Der Künstler probierte oft eine Stelle zehn- ja zwanzigmal und zwar mit voller Stimme. Mehrmals fand ihn sein Diener ohnmächtig vor dem Spiegel, auf der Erde liegend. — Aehnlichen Eifer bis zu völliger Erschöpfung der physischen Kräfte entwickelte die berühmte Koloratursängerin Catalani, die infolge solcher Ueberanstrengungen schon im 50. Lebensjahre starb. — Tie größte Tragödin der französischen Bühne, welche das Repertoire der Klassiker noch einmal zn neuem Glanz belebte, verließ den irdischen Schauplatz schon zehn Jahre früher aus ganz demselben Grunde. Als der Khedive Felix-Rachel in Kairo als Phaedra gastieren sah, rief er aus: „Das arme. Kind; es ist eine Feuerseele in einer Gazehülle; wie bald wird diese zu Asche verbrannt sein!" — Viel phlegmatischer wie seine französische Kollegin war der Wiener Komiker Josef Kurz, der Schöpfer des burlesken Charakters Bernardon auf der alten Poffenbühne Wiens; er studierte im Prater, während er Bier trank und Wurstl schmauste. Ueberhaupt ist die komische Muse viel günstiger für die Langlebigkeit, und ihre Jünger werden von allen Menschendarstellern die ältesten. Sie studieren, selbst lachend, die Charaktere, mit denen sie hernach ihr Publikum lachen machen, und wenn ein berühmter Hanswurst-Darsteller einmal aus Melancholie starb, so hatte er sich diese sicherlich nicht durch zu ernstes und zn anstrengendes Rollenstudium zugezogen. — Karl Helmer ding suchte, wie bekannt, die Vorbilder zu seinen Charakteren da, wo das Leben am frohesten und feurigsten pulsierte, und Anna Grobecker, die in der Darstellung von „Hosenrollen" Meisterin war, hat für ihre drastischen Vollblut-Charaktere sicherlich nicht in der Kirche oder in der Klinik das Urbild gesucht. Daß in das letztgenannte wissenschaftliche Institut die „Modernen" oftmals den Weg nicht verschmähen, ist bekannt. Mitterwurzer besuchte sogar in jeder Stadt, in welcher er gastierte, da? Irrenhaus! Dasselbe wird von Garrick erzählt, der oft 24 — Kus daS Studium einer einzigen Rolle mehrere Jahre verwendete, und nicht selten zuerst den Versuch mit einer solchen neuen Schöpfung seines Genies auf einer ganz kleinen Provinzbühne und unter erdichtetem Namen machte. Auch Konrad Eckhos, den man nicht mit Unrecht den. Vater und Schöpfer der deutschen Schauspielkunst genannt hat, war beim Studium seiner Bühnenaufgaben sehr sorgfältig, doch zeigte sich dies mehr in Aeußerlichkeiten, z. B. in der Kostümfrage und Maskenwahl; mit dem übrigen wurde er wie jedes erste Genie schnell fertig. So auch Ludwig Devrient, der die eigentliche Ausgestaltung seiner Theaterfiguren immer erst unter dem Bann des Theaterrampen- Lichtes vollzog, und sich dabei gänzlich auf die Eingebung des Moments verließ. Ueberhaupt gilt hier das Wort: je kleiner das Talent, desto größer der Fleiß; je weniger von großen Zügen eine Leistung etwas spüren läßt, desto zahlreicher und zierlicher werden die Details sein. Der leider zu früh verstorbene Charakterspieler Wilhelm Kläger verließ sich fast gänzlich auf den Souffleur, und nicht selten auch nur auf die Eingabe des Augenblicks. Es war ihm peinlich, in Anwesenheit von höher Gebildeten über seine Rollenauffassungen sich auslassen zu sollen, und er ging solcher Bitte stets mit irgend einem drastischen Scherzwort geschickt aus dem Weg. Aeußerst interessant war es dagegen, den genialen Mann belauschen zu können, wenn er — durch die Gaben des Bacchus begeistert — halblaute Selbstgespräche sührte, in denen er, geschlossenen Auges und in den Sessel zurückgelehnt, über irgend eine große Rolle philosophierte! Ich habe niemals einen vertrauteren Einblick in die Gedankenwerkstatt eines Bühnenkünstlers gethan, als in solchen Stunden, deren Erinnerungen, obschon sie seit Jahrzehnten hinter mir liegen, doch heute noch so lebendig in mir sind, als stammten sie von vorgestern. So z. B. dje folgende: Eines Abends hatte Wilhelm Kläger in Mainz gastiert und ein Künstmäcen lud ihn und eine ganze Schar von Kunstfreunden in ein Hotel zu einem Souper nach der Vorstellung ein. Man unterhielt sich trefflich, nur der Held des Abends blieb wortkarg. Als die letzten Gäste sich entfernt hatten, hielt mich der Künstler am Rockkragen fest und interpellierte mich wie Hamlet den Horatio. Ich mußte mit ihm noch eine Flasche Rüdesheimer ausstechen. Der Champagner vordem hatte ihn seltsamerweise schläfrig gemacht; der edle Rheinwein löste ihm die Zunge. Er kam in das Deklamieren und endlich an die Rolle des Mephisto, den er am andern Abend spielen sollte. „Siehst Du, mein Junge", so sagte er, „so studiert Wilhelm Kläger. Gieb acht! Also zunächst die Schülerszene. Hm, was sagt der denkende Künstler zur Charakteristik der vier Fakultäten? Der grübelt und häuft Gedankenstriche und Ausrufungszeichen so viel wie möglich auseinander, und malt Dir so viele Nüancen in den Goetheschen Dialog, daß Du glaubst: er spiele Dir, weiß Gott, was eignes vor. Gieb acht! So mach ich's." — Und nun zitierte er die ganze Szene, oft sich jedoch unterbrechend: mehr Sarkasmus Wilhelm. Die Stelle noch einmal. Ach, das war schlecht! Hier muß die volle mephistophelische Diabolik elementar vorbrechen. Wart einmal. Hier — so — so ist der rechte Ton?" / Dazwischen stürzte er Glas auf Glas hinunter, bis Gott Bacchus ihn in seine Arme schloß und er einschlief! Im schroffsten Gegensatz dazu staud „der denkende Künstler" Karl Seydelmann, den Rötschers Biographie doch wohl etwas zu liebevoll dargestellt hat. Zunächst schrieb dieser die in Frage kommende neue Rolle vollständig — und kalligraphisch schön! — aus, dann unterstrich er das besonders zu Betonende, dann lernte er den Wortlaut zunächst ganz mechanisch, und dann erst begann der Intellekt, die Sezierarbeit, als handle es sich um einen klinischen Bericht. Freilich war hernach alles so „im Lot", daß der Zuschauer nicht merkte, wie mühsam die Vorarbeit gewesen. Und das soll er ja auch nicht. Grillparzer hat schon für immer recht, wenn er die Künstler also ermahnt: „Wohl dem Künstler, der Bildung hat. Mit einer Bedingung indessen, Kommt es zur gestaltenden That, Muß er auf die Bildung vergessen!" Die kurioseste Methode, seine Rollen zu studieren, hat unbedingt der große Shakespeare-Interpret Eduard Kean (der ältere des Namens und Vater von Charles) angewendet. Er legte sich, sobald er den Text ohne Souffleur hersagen konnte, in einem gänzlich dunklen Zimmer ins Bett! Dann deklamierte er, bald liegend, bald sitzend, bald hockend, bald stehend, bald pianissimo, bald fortissimo! Für den Horcher an der Wand muß das in der That eine lästige Sache gewesen sein! Jffland und Schröder studierten am liebsten in stiller Nachtzeit und bei schwarzem Kasfee, Hermann Heedrichs bei Selterswasser, Peppt Gallmeyer im Ballsaal der Vorstädte und Charlotte Birch-Pfeiffer in den Zirkeln der Blaustrümpfe, denen sie selber innerlich bekanntlich durchaus nicht angehörte. Emil Devrient legte bekanntlich den Hauptaccent in seinen klassischen Rollen, eigentlich ganz in Uebereinstimm- ung mit dem Weimarischen Reproduktionsprinzip der Goetheschen Schule — auf die schöne Deklamation und studierte deshalb gar oft am Klavier. Als er seine Laufbahn begann, in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts also, waren Oper und Schauspiel noch nicht so streng geschieden, wie heute. Alle Begabten wirkten gleicherweise in beiden Ressorts. Ich besitze z. B. zwei Theaterzettel des Stadttheaters in Bremen; aus dem einen figuriert Emil Devrient als Caspar im Freischütz und auf dem andern als Fiesko! Freilich merkte man insbesondere seinem Posa und Tasso den Sänger recht sehr an; er bot zumal bei einigen recht weichen Stellen geradezu Gesang. Wir schließen mit einem drastischen Ausspruch über das Studium des Schauspielers überhaupt — ohne' denselben jedoch rückhaltlos zu unterschreiben! Der alte Gloy, ein Veteran des Hamburger Stadttheaters in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts pflegte zu den Novizen, die ihn um Rat baten für ihre Karriere, zu sagen: „met den Studium, min Jung, is dat so'n Saak. En büschen to veel und en büschen to wenig — wer kann da dat Richtige drepen (treffen)? Speel he man good (spiele er nur gut), dat is de Hauptsaak vun de ganze Geschicht!" Literarisches. Kinder-Jeitung. Herausgegeben von Felix von Stenglin, Groß-Lichterfelde. Inhalt von Nr. 14. Was in der Welt vorgeht: Ein deutscher Held zu Grabe geleitet; Bon den Geretteten der „Gneisenau"; Wie die Buren kämpfen; Eine chinesische Theatervorstellung; Ein treuer Wächter; Kleine Notizen. Aus dem Reiche der Natur: Eine Feuerkugel. Der Beobachter in Wald und Feld: Die Spechtschmiede. „Das geheimnisvolle Haus." „Jndianerleben im Thüringer Wald" (Forts.). Erlebnisse. Anzeigen. Zu beziehen durch alle anfialten, Buchhandlungen und die Geschästsstelle in Groß-Lichterfelde, Dahlemerstr. 75. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten,. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Maar — Aar — Ar — A. Auflösung des Zahlen-Diamanträtsels in voriger Nummer: N REH J A U E R NEUJAHR URAHN AHR B Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.