(Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Ter Pfandleiher atmete mühsam. In großen Tropfen perlte der Schweiß auf seiner Stirn. Wenn er sich nur hätte bei seinem Sohne Rat holen dürfen! Aber er wagte nicht einmal, sich nach ihm umzusehen. Und dann — durfte er Venn etwas widerrufen, was nach seiner innersten Ueberzeugung reinste Wahrheit gewesen war? Bei der Gegenüberstellung vor dem Untersuchungsrichter war er ja allerdings während der ersten Minuten bezüglich der Identität der Angeklagten mit der lieber» Bringerin der Brosche ein wenig im Zweifel gewesen, aber dann war es ihm doch allgemach mehr und mehr zur Gewißheit geworden, daß er dasselbe junge Mädchen vor sich habe. Dis zu der überraschenden Erklärung' Rudolfs war ihm wegen .seiner Aussage ctudj. nicht das leiseste Gewissensbedenken'-gekommen. Durfte er sich jetzt irre machen lassen, nur weil sein Sohn das Opfer einer Täuschung oder — er wagte es kaum auszudenken vielleicht gar das Opfer eines sträflichen Mitleids war? Und sollte um seiner Schwäche willen die Diebin straflos ausgehen, diese verschlagene, schändliche Person, die ihn um den Schlummer so vieler Nächte und um tausend Mark sauer erworbenen Geldes gebracht? Nimmermehr! Gerade der Gedanke an die tausend Mark war es, der seinem kurzen Schwanken ein Ende machte und ihm die Festigkeit des Entschlusses wiedergab. Sie sind sehr gütig, Herr Richter", sagte er bescheiden, „aber ich bleibe bei dem, .was ich gesagt habe — ich kann mich unmöglich irren." „Der Irrtum wäre also auf Seite Ihres Sohnes. Können Sie sich den • Widerspruch zwischen Ihrer Ansicht und der feinigen vielleicht erklären?" Mit einem Eifer, als gälte es bereits, Rudolf vor dem Gefängnis zu retten, erwiderte der Gefragte: „Wollen Sie gütigst bedenken, Herr Richter, daß er die Person eigentlich nur im Halbdunkel gesehen hat. Sie hielt sich! ja int Wohnzimmer offenbar absichtlich möglichst weit von der Lampe entfernt, während ich sie in meinem Kontor bei hellster Beleuchtung betrachten konnte." Sonntag den 1t. August OB 1901. - St. 113. nfje-tiSTSiit1 ’ 11 I' UM MWH Zu ihm, der es gegeben! Fr. Bodenstedt. er glücklich ist, der bringt das Glück Und nimmt es nicht im Leben! Es kommt von ihm, und kehrt zurück „Ist das richtig, Herr Referendar?" „Nur zum Teil; denn das junge Mädchen trat einmal bis in den Lichtkreis der Lampe und nahe zu mir heran — allerdings in einem Augenblick, wo mein Vater nicht im Zimmer war. Ich bin bereit, zu beschchören, daß das angebliche Fräulein v. Neuhofs braune Augen hatte, während die der Angeklagten blau sind, und überdies würde schon die Verschiedenheit im Klange der Stimme hinreichen, mich meiner Sache gewiß zu machen." Im Zuschauerraum gab -es Geflüster und Lachen, und das Interesse der Hörer steigerte sich bis zu höchster Spannung, als nun der Gerichts dien er mit den beiden Kleidungsstücken -eintrat, die aus dem benachbarten Untersuchungsgefängnis herbeigeschafft worden waren. Margarete Willisen mußte den Mantel wie das seidene Kopftuch anlegen, und Vater und Sohn wurden noch: einmal oufgeforb-ert, sich zu erklären. Beide blieben bei dem, ma£ sie früher gesagt hatten — der Pfandleiher mit zitternder, gepreßter Stimme und mit ängstlichen Blicken auf seinen Sohn, Rudolf Irnberg aber fest und entschieden wie bisher. Ter öffentliche Ankläger beantragte, dem Referendar, der sich ganz offenbar im Irrtum befände, den Zeugeneid nicht abzunehmen, und. trotz- Rudolfs entschiedener Verwahrung verkündete der Vorsitzende nach kurzer Beratung, daß der Gerichtshof diesem Anträge stattgegeben habe. Tas war beinahe gleichbedeutend- mit einer Verurteilung der Angeklagten; denn es bewies ja, daß. man der beschworenen Aussage des Pfandleihers volle Glaubwürdigkeit beimaß. Rudolf Jmberg, der sehr bleich geworden war, erbat sich noch einmal das Wort. „Fräulein Willisen hat, wie ich sehe, leider keinen Verteidiger. Ein solcher würde ohne allen Zweifel mit Nachdruck gegen den Antrag des Staatsanwalts protestiert haben, und ich meine — —" „Das sind Ausführungen, Herr Referendar, die einem Zeugen nicht zustehen. Haben Sie zur Sachss selbst noch! etwas zu sagen?" Der junge Mann richtete sich! hoch auf und- in feierlichem Tone erklärte er: „Ja, ich habe zu sagen, daß die Verurteilung des Fräulein Willisen auf das Zeugnis meines Vaters hin ein beklagenswerter Justizirrtum sein würde, und daß ich, wenn sie erfolgt, alles daran setzen werde, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen." „Ich entziehe Ihnen das Wort und fordere Sie auf, das Sitzungszimmer zu verlassen!" Rudolf Jmberg verbeugte sich schweigend und ging hinaus. Mit zornig gefurchter Stirn und finsterem Blick schritt er draußen auf dem Korridor auf und nieder, bis nach Verlauf einer Viertelstunde die Thür aufgerissen und die nächste Sa-che ausgerufen wurde. Frau Therese: 450 Haller war die erste, die in ihrer ganzen seidenrauschenden Würde herausstolzierte, einen Ausdruck inniger Genug- thuung auf dem jetzt noch dunkler geröteten, fetten Gesicksi. Der Blick, den sie dem Referendar zuwarf, sagte deutlicher als Worte, daß sie ihn in ihrem Herzen für einen Helfershelfer der untreuen Gesellschafterin ansah, den diese ohne Zweifel mit ihrem süßen Lächeln verführt habe. Rudolf aber kümmerte fick' nicht um sie, sondern eilte auf seinen langsam in den Gang hinaustretenden Vater zu. „Nun?" fragte er ungestüm. „Das Erkenntnis?" „Drei Monate Gefängnis", kam es beklommen über die Lippen des alten Mannes. „Ich glaube, mein Sohn — ich glaube, es ist den Umständen nach! doch! eine sehr milde Strafe." „Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit rst es — ein Verbrechen! Und Du, Vater, Du hast es auf dem Gewissen." „Ich! — Ach! du lieber Gott! Am Ende wirst Du nun hingehen und mich wegen Meineides anzeigen. Nach Deinem Benehmen da drinnen würde es mich schon gar nicht mehr wundern." „Ich werde thun, was meine Pflicht ist", sagte der Referendar düster. „Lebe wohl für jetzt, Vater! Wir werden nachher zu Hause weiter darüber sprechen." Ohne den Zuruf des Alten zu beachten, eilte er davon. Er wußte, daß man die Verurteilte zunächst in das Untersuchungsgefängnis znrückgeführt haben würde, um sie dann vorläufig zu entlassen. Und wenn es ihm vielleicht auch nicht gelang, sie selbst zu sprechen, so konnte er dort doch jedenfalls ihre Adresse erfahren. In der That sagte man ihm auf seine Frage, Margarete Willisen habe das Gebäude bereits verlassen, und er konnte sich nur ihre in der Johannisstraße, in einem der bescheidensten Stadtviertel gelegene Wohnung notieren. Ohne Besinnen sprang er in einen nach jener Richtung fahrenden Pferdebahnwagen; denn mit unumstößlicher Gewißheit stand es in seinem Herzen fest, daß es für ihn zunächst keine dringendere und heiligere Pflicht geben dürfe, als die, das soeben begangene furchtbare Unrecht zu sühnen. Viertes Kapitel. Bis in das dritte Stockwerk eines alten Hauses hatte Rudolf Jmberg emporsteigen müssen, ehe er auf dem Porzellanschild an einer Thür den Namen Willisen fand. Er zog die Glocke, aber er mußte minutenlang warten, ehe man ihm öffnete. Trotz der Dunkelheit, die auf dem Gange herrschte, sah er sogleich daß Margarete Willisen selbst vor ihm stand. Auch sie mußte ihn auf den ersten Blick erkannt haben; denn überrascht und bestürzt nannte sie seinen Namen. „Ja, Fräulein Willisen, ich bin es", sagte er herzlich „und ich bitte Sie, mein Erscheinen nicht als Zudringlich keit zu deuten. Ich wollte meinen Besuch! nicht aufschieben, weil die Gewißheit, daß Sie nicht ohne Beistand sind, Ihnen vielleicht gerade in diesen ersten schweren Augenblicken zu einigem Trost gereicht." „Ich danke Ihnen", erwiderte sie, tapfer gegen die Thränen kämpfend, die ihre Stimme verschleiern wollten. „Sie haben sich meiner schon vorhin so freundlich angenommen. Und wenn Sie wirklich meiner armen Mutter jetzt ein Wort der Beruhigung sagen könnten —" „Gewiß — führen Sie mich zu ihr. Ihr und jedermann gegenüber will ich mich dafür verbürgen, daß man Sie ungerecht verurteilt hat." „So warten Sie, bitte, hier einen Augenblick. Ich muß meine Mutter erst vorbereiten; denn sie ist krank und über die Unglücksnachticht, die icfy ihr eben bringen mußte, der Verzweiflung nahe." Sie trat in eines der an dem Gange gelegenen Zimmer ein. Rudolf Jmberg hörte eine schwache, jammernde Frauenstimme, dann wurde die Thür wieder geöffnet, und Margarete ersuchte ihn durch einen bittenden Blick, hereinzukommen. Ganz von seiner Aufgabe erfüllt, sah er sich nicht viel in dem Zimmer um, aber er empfing doch den Eindruck, daß es bei weitem nicht so dürftig und ärmlich sei, wie er es erwartet hatte. In einem Lehnstuhl am Fenster saß eine magere Frau von vierzig und einigen Jahren, deren gelbe Gesichtsfarbe wie die dunkel umschatteten Augen von körperlichen Leiden sprachen, während die Thränen, die unaufhaltsam über ihre Wangen rannen, stummberedte Zeugen ihres seelischen Kummers waren. Sie bemühte sich zwar nach Kräften, vor dem fremden jungen Manne ruhig und gefaßt zu erscheinen, aber es gelang ihr nur schlecht, und schon nach seinen ersten tröstlichen Worten brach der künstlich zurückgedämmte Strom ihres Jammers aufs neue hervor. „Wir sind zum Unglück bestimmt, mein Herr", klagte sie, „und vielleicht ist es am besten, uns unserem Schicksal zu überlassen. Dann wird es ja desto schneller zu Ende sein. Und auf dem Friedhof wenigstens muß man mir doch Ruhe gönnen." Rudolf Jmberg runzelte die Stirn. „Ich weiß natürlich nicht, verehrte Frau, wie viel oder wie wenig Anlaß Sie haben, sich nach dieser traurigen Ruhe zu sehnen. Aber ich denke, daß es sickr hier vorerst nicht so sehr um Sie als um Ihre Tochter handelt. Sie ist ein beklagenswertes Opfer menschlichen Irrtums geworden, und es gilt jetzt, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß dieser Irrtum berichtigt werde." Aber die Leidende schüttelte trotz der energischen Tons seiner letzten Worte hoffnungslos den Kopf. „Ja, wenn ich gesund wäre und wenn wir Geld hätten! Die Kranken und Armen werden doch immer mit Füßen getreten, und je mehr sie sich dagegen auflehnen, desto schlimmer treibt man's mit ihnen. Es ist ein Schicksal, mein Herr, und wenn wir auch daran zu Grunde gehen, wir müssen es tragen." „Ist das auch Ihre Meinung, Fräulein Willisen?" Sie stand mit zusammengepreßten Händen am Fenster. Der verzweifelte Schmerz in ihren Zügen zerschnitt ihm die Seele. „Mein Gott, was können wir denn thun? Unsere Mittel erlaubten uns nicht, einen Verteidiger für mich zu nehmen, und heute sagte man mir auf dem Gericht, daß eine Berufung gegen das Urteil nicht zulässig sei." „Man sagte Ihnen leider die Wahrheit; denn unsere Gesetzgeber haben es für zweckmäßig gehalten, diese wohl- thätige Einrichtung aufzuheben. Aber man kann Revision einlegen, und ich werde veranlassen, daß es unverzüglich geschieht." (Fortsetzung folgt.) Die Schwiegertochter. Novellette von Leo Berthold. Nachdruck verboten. Im Erker sahen sie beide, die Frau Professor Heyden mit ihrem einzigen Sohne, der von langer Urlaubsreise heimgekehrt war. „So, und nun weißt Du,, was ich Dir mitgebracht habe, etwas so lang Gewünschtes, das nun plötzlich zu Dir ins Haus kommt, eine Schwiegertochter, und nun weißt Du Mütterchen, wie ich meine blonde, schlanke Hedwig in den Bergen gefunden — Du wirst sie lieb gewinnen, sie ist eine ehrliche, reine Natur, ein sehr moderner Mensch mit ausgeprägtem Empfinden für alles Schöne. Noch ist sie keine gute Hausfrau, aber das wird sie unter Deiner Leitung schon werden. — Ein Hauch von Schwermut liegt über ihr. — Sie hat vor einigen Jahren die Mutter verloren, kann den herben Verlust noch immer nicht verwinden, diese Mischung von tiefem Gefühl und modernen Neigungen gießt ihr einen absonderlichen Reiz. Aber, Mütterchen, Du sagst ja gar nichts, siehst mich! nur immer an, und streichelst meine Hand . . - kannst Du Dich noch immer nicht hineinfinden? Hat es Dich denn so sehr überrascht?" Tie Frau atmete tief, dann versuchte sie, einen heiteren Ton anzuschlagen. „Nicht doch, Wolfgang. Ich habe es mir doch so innig gewünscht. Wie viele Mädchen, die Du kennen gelernt, habe ich mir darauf angesehen, . . • könnte das die Rechte sein, möchtest Du die als Schwiegertochter haben? Ich bin mir schon ganz lächerlich damit vorgekommen, und nun ift's da, nun bist Du ein glücklicher Bräutigam, aber ich, ich muß Dich! hingeben, Du gehst von mir, und mußt Deine Liebe teilen. —" „Nicht teilen, Mutter, nicht teilen!" Neben meiner heißen, dankbaren, Sohnesliebe für Dich, 451 die mein ganzes Herz aus gefüllt hat, ist die stille Neigung gekeimt, ist gewachsen, so innig und tief geworden, daß sie mein Leben durchsonnt, aber Du, Du wirst immer die Erste sein, und bleiben, als ob ict). je vergessen könnte, was Du mir gewesen! Sieh nur, der alte Cäsar teilt meine Freude, wie er um mich herumwedelt, — ja . . - Tn kommst mit in die neue Wohnung, nicht wahr, Mutter, den giebst Du mir?" „Als ob ich Dir nicht alles geben würde, mein Kind. Was brauche ich einsame Frau dann noch! Die gute Stube schenke ich Dir natürlich, die gepreßten, grünen Sammetmöbel sind noch sehr schön, auch! der Velourteppich, und die Krystallkrone . . . o, ich will es Euch schon behaglich machen . . ■“ Der junge Doktor lachte laut unb herzlich. „Mütterchen, da kennst Du Hedwigs Geschmack nicht. „Stilvoll" ist die Losung, Sezessionsrichtung, geschwungene Linien, seltsame Stoffe und so weiter... wir übergeben hier alles einem berühmten Kunstgewerbe-Geschäft, Du behalte nur Deine alten, lieben Sachen, wir müssen es doch behaglich bei Dir finden, wenn wir zu Dir kommen." Der junge Arzt war in die Praxis gegangen. Still war's im Zimmer geworden, fast feierlich- Die Somrner- sonne schien über die großen Blattpflanzen ins Gemach hinein, auf die Oelbilder mit den schmalen Goldrahmen, auf die altmodischen, feinen Möbel. „Welche spottschlechte Mutter ich doch geworden bin, flüsterte die einsame Fran vor sich hin. . ., „müßte ich nicht jubeln und jauchzen? Wie ein Stein liegts mir auf der Seele, — ich verlier ihn ja doch, der fremden Schönen gehört er ganz und gar . . . dort das Briefchen, das sie mir geschrieben — so steil die Buchstaben, so steif die Worte, — förmlich, gemessen, nicht einmal den Mutternamen giebt sie mir. . . Und doch" — die Frau hielt die zitternden Hände an die Schläfen und starrte vor sich hin — doch will ich sie lieben, doch will ich! sie mir erobern, damit er ganz glücklich wird, er, der Rest von all' meinem Glück!" „Ja der Rest vom Glück", so hatte sie ihn genannt, damals, als schwere Schicksalsschläge ihr alles geraubt, den Mann und hoffnungsvolle Kinder, aber dieser Rest war zu einem einzigen, großen Glücksbesitztum herangewachsen, zu einer Gesamtsumme von Reichtum, daß ihr Leben aus- gefüllt wurde, und ihre trüben Erinnerungen verblaßten. Wenig sah sie den Sohn in den nächsten Wochen. Nur in späten Abendstunde!! konnte sie seinen Worten lauschen. Sein Beruf, die Wohnung, die Einrichtung, Hochzeit und- Hochzeitsreise . . . das erfüllte ihn ganz, und wie ein roter Faden schlang sich durch! alles der Gedanke an seine Braut und doch, nie hatte sie ihn weicher, liebevoller! gesehen, nie hatte sie 'tiefer empfunden, welche Lücke durch sein Fortgehen entstehen würde. — Der wilde Wein vor ihrem Fenster hatte die letzten roten Blätter verloren, die Rosen waren abgeblüht und für den Winterschlaf gebettet worden, die Vögel draußen schmetterten nicht mehr ihre Lieder, und das zierliche, gelbe Mätzchen im Käfig saß auch im Zimmer still aus der Stange, fast wehmütig. Cäsar war in das neue Heim üb er gesiedelt, und freudig von der jungen Fran begrüßt worden. Das war ein Kamerad, tote sie ihn liebte. Er hatte seinen Platz in der vornehmen Wohnung bekommen, in der alles zu einander Paßte, die seltsamen Möbel, die Vorhänge mit den — ins ungeheure gewachsenen Blumen, die sonderbar geformten Zierstücke auf den Gesimsen und Tischen, und zwischen allem die schlanke, elegante, blonde Frau mit dem lang wallenden, weichen Gewände. Nein, da hinein hätte das grün gepreßte Sopha, der bunte Velourteppich nicht gepaßt, nur die Büsten der alten griechischen Weisen — Plato und Aristoteles, die des Vaters Studierzimmer geschmückt hatten, die Bibliothek, sie hatte der junge Ehemann mit hinübergenommen — sonst nichts. „Nun Mutter, wie gefällt Dir meine Hedwig?" — Einmal in den ersten Tagen hatte Wolfgang so gefragt. „Wirst Du sie lieb gewinnen?" „Sie ist Dein Weib, und macht Dich glücklich!, mein Sohn, daher steht sie meinem Herzen schon sehr nah. Ich hoffe, daß wir uns immer mehr verstehen werden." Alle Welt war entzückt von der eleganten, feinen, jungen Frau. Wo sie hinkam, war sie Siegerin. Immer neue Talente entdeckte man an ihr. Wolfgang war sehr stolz auf seine Hedwig, nur umwölkte sich oft seine Stirn, wenn er sie mit seiner Mutter zusammen sah, und keine Herzlichkeit entdecken konnte. Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hoffte er, es würde besser werden, aber mit immer stärkerem Wehgefühl mußte er sich sagen, daß es an Hedwig lag, wenn das Verhältnis nicht inniger geworden. Einst in traulicher Stunde hatte er die feine Gestalt in seine Arme genommen, und leise aber dringend gefragt: „Hede, Kind, hast Du meine Mutter nicht lieb?" „Aber Schatz, wie Du fragst! Siehst Du es nicht, daß ich sie von Herzen gern habe? Lasse ich es an irgend einer Rücksicht fehlen?" „Du bist höflich unb zuvorkommend, Hede, Du küßt ihr die Hand, wenn sie kommt und geht, trotzdem meine gute Mutier das gar nicht mag — Du erweist ihr Aufmerksamkeiten, o ich weiß Dir wohl Dank dafür. . . aber das echte Gefühl ist nicht da . . - Hedwig, ich habe noch nicht einmal gehört, daß Du „Mutter" zu ihr gesagt hast." Die junge Frau wurde leichenblaß, und wand sich aus den sie umschlingenden Armen. „Ich kenne doch sonst Dein feines Empfinden, Hedwig." „Gerade, weil Du es kennst- Wolf, solltest Du mich schonen. Du weißt, was meine heißgeliebte Mutter mir gewesen, wie ich ihrer in Sehnsucht gedenke, Du weißt, daß mein Vater nur meinetwillen die Absicht aufgegeben, ihr eine Nachfolgerin gegeben, — ich hätte mich töchterlich gegen sie benehmen können, es wäre Heuchelei und Falschheit gewesen, ich kann diesen geliebten, heiligen Namen keiner andern geben, es würde mir wie eine Versündigung Vorkommen an dem Andenken der Einzigen, ich kann nicht, Wolfgang, . . . Alles in mir bäumt sich dagegen auf, mir wär's, als würde ich eine Lüge aussprechen ..." „Hedwig, auch! mir zuliebe nicht? Ich kann es nicht mit ansehen, wenn der Blick der teuren Frau sich umflort, wenn sie sich seufzend abwendet, fest den Mund schließt, um keine Klage auszusprechen. Ich habe es ihr in heiliger Stunde versprochen, daß sie stets die Erste in meinem Herzen sein soll. . . ich glaube, ich habe mein Wort gebrochen, jetzt kommt die Strafe. Feierlich, wie einer Fremden reichst Du ihr die Tasse, den Teller, das kälte „bitte" ist das einzige, das Du ihr dabei gönnst, „bitte", „danke", nie ein liebevolles Wort dazu — o, es ist so förmlich, so fremd —" Die junge Frau kämpfte mit Thränen. „Sei nachsichtig, Wolf", bat sie, „gönne mir Zeit, gerade jetzt, wo alles so unruhig in mir ist, so erregt . . • sprich jetzt nicht« mehr davon, glaube nur, Du siehst Gespenster. Deine Mutter entbehrt es gar nicht, sie ist immer so gleichmäßig, wir haben ja noch! wenig Berührungspunkte, . . . sie sieht mich oft so prüfend an, o ich mache ihr keinen Vorwurf, gönne mir Zeit, Du Lieber, vielleicht kommt bald die Stunde, daß ich von selbst. . • zwinge mich zu nichts — da drinnen, in meiner Seele, da liegt es noch wie ein ungelöstes Band, da fühle ich's noch so schwer, so' schwer, aber Dich liebe ich', Dich! liebe ich über alles!" Und sie schmiegte sich an ihn, seltsam bewegt, und er hatte Mitleid mit ihr, und küßte ihr die Thränen von den Wangen. Und so blieb es lange, lange. Der Winter kam mit Eis unb Schnee, mit Stürmen, Schlittenfahrten, mit Bällen und Konzerten, Vergnügungen aller Art. Die junge Fran schwelgte in den Genüssen der Jahreszeit, die ihr in der fernen Stadt, in der sie ihre Jugendzeit verlebt, niemals geboten waren. Wohl war es dem im Berus angestrengt arbeitenden Wolfgang oft zu viel, wohl warnte die Mutter bescheiden, sich zu schonen, Frau Hedwig wollte den schäumenden Trank mach nicht entbehren, trotzdem ihr Ruhe und Vorsicht geboten waren. „Deine Mutter ist altmodisch", sagte sie mehr als einmal, „wenn ich so verbraucht sein werde, wie sie, sitze ich auch den ganzen Tag im Stuhl, unb häkele Jäckchen und mache Hemdchen für meine Enkel, und lächle 452 dabei so sonderbar, wie sie es thut, als betete sie in jeden Stich ein Gebet hinein. . . übrigens hat Deine Mutter mir versprochen, in der alten Truhe nachzusehen, ob sie nicht noch Gewänder vom Anfang des vorigen Jahrhunderts findet — Du weißt doch, Schatz, zuin nächsten Kostümfest . . . ich gehe nachmittag zu ihr .. . kommst Du mit?" „Ich denke, Hedwig, wir sagen das Fest ab, es wird zu viel, viel zu viel!" „Absagen, Wölfchen, nicht um die Welt. Der herrliche Winter ist ohnehin bald vorbei, dann kommt der langweilige Frühling, aber es soll das letzte, große Fest sein, das verspreche ich Dir feierliche —" Der schwache Mann konnte nicht widerstehen, er tröstete sich, daß es nun wirklich für lange, lange aufhören müsse mit den anstrengenden Vergnügungen. Nachmittags fuhr der Wagen vor dem Hause der Mutter vor. Die junge Frau war in besonders froher Stimmung. „Erlaube, daß ich mit der „Sophie" nach dem Boden gehe", sagte sie, „da suche ich mir gleich alles Passende aus." Die Professorin wollte es nicht zugeben, aber Hedwig, eigensinnig wie stets, lief ihr voran mit dem großen Schlüsselbund, so daß Sophie kaum folgen konnte. ‘ Ta ging es nun an ein Suchen und Wühlen, und Anprobieren und Verwerfen, da jauchzte Hedwig, wenn' sie etwas Besonderes fand: charakteriMsch und seltsam, recht ein Zeichen der damaligen Zeit! Endlich war sie mit den Ausgrabungen fertig. Sie belud Sophie mit allen möglichen Kleidungsstücken, sie selbst nahm fröhlich lachend einen alten, langen, seidenen Shwal um die Schultern, setzte sich einen riesigen Blumenhut auf, und trat die Rückwanderung an . . - Aber in ihrem Eifer, schnell hinunter zu kommen, trat sie fehl, verwickelte sich in den altmodischen Shwal, und fiel so unglücklich die Stufen herab, daß sie besinnungslos liegen blieb. — Auch bei dem furchtbaren Schreck bewahrte die von der fassungslosen Dienerin herbeigerufene Schwiegermutter ihre Ruhe. Sie ließ die ohnmächtige, junge Frau in ihr Schlafzimmer bringen, und bemühte sich so erfolgreich um sie, daß Dr. Wolfgang, der in kürzester Frist erschienen war, ihr nur immer wieder und wieder danken konnte. Bange, schwere Zeiten kamen. Es war nicht möglich, Hedwig in ihr eigenes Heim zu schaffen. Aber sie war gut aufgehoben, es konnte keine bessere Pflegerin geben, als die sorgsame Schwiegermutter. Tag und Nacht blieb sie bei der Kranken, nur von Wolfgang abgelöst. Seufzend packte sie alle die zierlichen Sächelchen fort, die Jäckchen und kleinen Hemden. Die brauchte man nun nicht mehr, vielleicht nie wieder. Hedwig wußte nichts von dem Kummer, den sie den teuren Menschen machte. Wochenlang lag sie in heftigem Fieber, quälte sich in wilden Phantasien. Sehnsuchtsvoll, klagend rief sie nach ihrer toten Mutter, die sie doch erlösen sollte von dem schweren Leid oder mit sich nehmen in den grausen Tod. Dann schauderte sie, streckte die so elend gewordenen Hände aus, dann flackerten die großen Augen in verzehrendem Feuer, und nur wenn die nimmermüde Pflegerin sie wie ein Kind in die Arme nahm, ihr Liebesworte zuflüsterte, und Stirn und Wangen und Mund küßte, wurde sie ruhig und fand endlich auch den ersehnten Schlaf. „Mutter, Mutter", zitterte es dann von den blassen Lippen, die sich zum traurigen Lächeln verzogen. Und — „Mutter!" rief auch Wolfgang, „es geht so nicht länger. Du erliegst der Anstrengung. „Weißt Du denn, was Tu thust?" „Ja, ich weiß es,' mein Sohn. Ich ringe mit Dir dem Tode ein Opfer ab, ich kämpfe für mein Kind."— Der Frühling war gegangen. Hedwig hatte nichts von seinem Zauber empfunden. Veilchen und Maiblumeri hatten an ihrem Bette geblüht, sie hatte es nicht beachtet, das Keimen, das Werden in der Natur hatte ihr Interesse auch früher nie erregt, nur was die Kunst geschaffen, schätzte sie, Wolfgang hatte sie oft geneckt, und gesagt: Für Dich müssen eigentlich neue Pflanzen erstehen, mit modern geschwungenen Linien, Duft und Farbe ist Dir gleichgiltig, nur die Form kann Dich, Tu übermoderner Mensch, packen, wie sonderbar das ist! Sie hatte dazu gelacht, und mit den schlanken Fingern riesengroße Narzissen in Schlangenwindungen aus die helle Seide gestickt, die ein Geschenk für die alte Dame sein sollten. „Laß mich mit den Sentimentalitäten in Ruhe", das war ihre Antwort gewesen! Jetzt lag sie am offenen Fenster auf dem Ruhebett, schaute hinaus — gerade in die duftenden Linden hinein — und atmete tief. „Mutter", sagte sie leise. . . „ich möchte Dir etwas gestehen, erstens sollst Du es wissen. Du Liebe, wie köstlich es sich auf Deinem alten, grünen Sopha liegt, viel, viel besser als aus meinen sämtlichen Divans. Urväter Hausrat habe ich's genannt, als Wolfgang mir davon sprach, ich war ja so thöricht, und Du hast alles geduldig ertragen. Alles. „Nicht aufregen, Hede, es war nicht Deine Schuld, der verfeinerte Geschmack regiert nun mal die Welt- Daß Du mich, altmodische Frau, doch! noch lieb gewonnen hast, das ist das Beste von allem . . - Hier nimm die Kornblumen, die ich Dir draußen vor dem Thor gepflückt habe, ein Sommergruß soll's sein von der üppig schaffenden Natur, 's ist ja nur müßiges Unkraut, sagt der Land- m'cknn, aber doch, man sieht sie gern, und freut sich daran. . . ." „Mein Symbol, Mutter!" Die junge Frau sagte es bitter ernst. . - „Bin auch nur müßiges Unkraut, und doch ist jeder gut zu mir . . - o, ich fühle es wohl, ich war noch nicht reif genug, die hohe Würde der Mutterschaft zu tragen, das heilige Gefühl zu verstehen, meine Selbstsucht hat alles getötet... ich habe die Strafe verdient." Sie weinte leise vor sich hin. Tie zarten Finger liebkosten die feinen blauen, gezackten Blütenblätter. „Ich weiß es, ich habe mich an der Natur versündigt, schon lange, lange,, hilf Du mir, mich zu ihr hin zu finden. Habe mich lieb — habe die arme Kornblume lieb — um seinetwillen, bis ich selbst es mir verdiene. Ihr Kopf ruhte an der Brust der erschütterten Fram Schachaufgabe. Von Trcala in Brünn. 8 7 6 5 4 3 2 1 8 7 6 4 3 2 1 a b c d e f g h a b c d e f g h Weiß. ("7 -4-6)- Weiß zieht an und setzt mit dem zweiten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Buchstabenrätsels in vor. Nr.: Stern — Stein. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.