Sonntag heu 10. November. Nr. 161. M - ft ferne Tritte hörst du's schallen, Doch weit umher ist nichts zu sch'n, Als wie die Blätter träumend fallen Und rauschend mit dem Wind verweh'n. Es'dringt hervor wie leise Klagen, Die immer neuem Schmerz entsteh'», Wie Wehruf aus entschwund'nen Tagen, Wie stetes Kommen und Vergeh'». Du hörst, wie durch der Bäume Gipfel Die Stunden unaufhaltsam gch'n; Der Nebel regnet in die Wipfel, Du weinst und kannst es nicht versteh'». Martin Greif. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Rein h o l d O r t m a n n. (Fortsetzung.) Margarete war rot geworden, und wie ein Schatten von Betrübnis hatte es sich über ihr Antlitz gebreitet. „So solltest Du doch wohl nicht sprechen, lieber Vater", erividerte sie leise, „jetzt, nachdem der Stadtrat in unser Verlöbnis gewilligt hat." „Hat er es etwa mit freudigem Herzen gethan? Und hat er nicht vorher alles Erdenkliche aufgeboten, Dir den Assessor abwendig zu machen?" Wenn er schließlich seine Zustimmung gab, so war es doch mir, weil er einsah, daß ihm nichts anderes übrig blieb, und weil — doch davon will ich nicht reden. Er hat eingewilligt, das ist richtig. Wer eine Verlobung ist noch keine Heirat! Und es wäre am Ende nicht das erste Mal, daß--" Er verstummtes denn Margarethe hatte wie in flehentlicher Bitte ihre Augen zu ihm aufgeschlagen, und er sah, daß diese schönen, sanften Augen in Thränen schwammen. In einer Aufwallung von Zärtlichkeit, die seltsam mit feiner bisherigen galligen Art kontrastierte, nahm er den Kopf des jungen Mädchens zwischen seine Hände und küßte sie auf die Stirn. „Nicht weinen, mein liebes Kind — mir nicht weinen! — Ich habe Dir ja nicht wehe thun wollen, und es sind auch gewiß grundlose Sorgen, die ich mir da mache. Herbert Ignatius ist ein Ehrenmann — ich weiß es. Er wird Dir sein Wort nicht brechen, auch wenn sein Vater es von ihm verlangt. Es ging mir nur so im Kopfe herum, seit ich den Stadtrat mit diesen überschwenglichen Worten von der Amerikanerin sprechen hörte. Aber ick will Dich, nickst mehr damit quälen. Zeige mir nur wieder ein fröhliches Gesicht." Sie lächelte ihm zu, und er hatte wohl nicht bemerkt, daß es dabei noch immer bedenklich in ihren Mundwinkeln zuckte. Als Margarethe ihn bat, sich jetzt ebenfalls umzukleiden, damit man nicht unpünktlich zu sein brauche, versicherte er bereitwillig, daß er sich nach Kräften beeilen werde, und strebte mit hastigen Schritten seinem Schlafzimmer zu. Schon nach einer Viertelstunde kam er im schwarzen Gesellschaftsanzuge, in dem sich seine hinfällige Gestalt noch dürftiger ausnahm, wieder zum Vorschein, und war ersichtlich bemüht, feine Tochter durch eine erheuchelte Heiterkeit den peinlichen Eindruck feiner vorigen Aeußerung vergessen zu machen.. Sie begaben sich auf den Weg, und da sie den größten Teil desselben in einem rasselnden und klirrenden Pferdebahnwagen zurücklegen mußten, wurde bis zu ihrer Ankunft im Hause des Stadtrats nicht mehr viel zwischen ihnen gesprochen. Schon von der Straße ans hatten sie bemerkt, daß sämtliche Fenster der Jgnatius'schen Wohnung hell erleuchtet waren, und als ihnen von einem Mädchen die Entreethür geöffnet wurde, drangen die Töne eines Flügels und der Klang einer Hellen Sopranstimme ans dem großen Salon zu ihnen heraus. „Man musiziert schon", raunte Lindemann seiner Tochter zu. „Laß uns ganz leise hier in das Nebenzimmer eintreten, damit wir den Vortrag nicht stören!" Ihr Erscheinen wurde denn auch von den im großen Salon Befindlichen gar nicht bemerkt, obgleich die in das Nebenzimmer führenden Flügelthüren weit geöffnet waren. Die Ankömmlinge sahen, daß sich in dem sehr luxuriös eingerichteten Raume die ganze Familie Ignatius um den Flügel versammelt hatte. Der Stadtrat lehnte mit verschränkten Armen am Fußende des Instruments, und sein Mienenspiel sollte ohne Zweifel das lebhafteste Entzücken zum Ausdruck bringen. Seine Gattin, eine unscheinbare, etwas kränklich aussehende Dame, die sich in ihrem schwarzen Seidenkleide gar nicht sehr behaglich zu fühlen schien, saß mit andächtig gefalteten Händen etwas abseits in einem Polstersessel, während Hilde Ignatius, welche die Begleitung übernommen hatte, der Thür des Nebenzimmers den Rücken zukehrte. 'Die hochgewachsene junge Dame zu ihrer Rechten in dem eleganten, hellfarbigen Kleide und mit dein herrlichen blauschwarzen Haar konnte nur die amerikanische Verwandte sein, und Margarethe machte ihr in der Stille ihres Herzens sofort das Zugeständnis, daß sie viel schöner sei, als sie. Aber es war nicht ihre Schönheit allein, die in diesem Augenblick die Bewunderung der ungesehenen Beobachterin herausforderte, sondern es war in noch höherem Maße der bestrickende Liebreiz ihrer Stimme. Sie war im Begriff, mit dem Assessor Herbert Ignatius, der ihr gegenüber an der linken Sette seiner Schwester stand, ein Duett zu singen, das Margarethe nicht kannte und dessen italienische Textworte sie nicht verstand. Sie konnte darum auch nicht beurteilen, ob Fräu- lein Felicias künstlerische Auffassung richtig und beifallswürdig war. Dem Zauber ihrer sinnbethörend süßen Stimme aber vermochte sie sich nicht zu entziehen, und die sehr 1: eramentvolle , fast leidenschaftliche Art des Vortrages weckte in ihr die Vorstellung, daß es seurige Liebes- Worte sein müßten, die von den Lippen der schönen Sängerin kamen. Erst als nun des Assessors klangvoller Bariton einsetzte, konnte Margarethe ihre Augen von der blendenden Erscheinung der Amerikanerin losmachen, um sie mit einem Aufleuchten innigster Zärtlichkeit dem geliebten Manne zuzuwenden. Tas Licht des Kronleuchters, unter dem er stand, fiel voll auf das lockige Haupt des vielleicht Siebenundzwanzigjährigen und auf sein energisches, edel geschnittenes Profil. Trotz ihrer Größe überragte er Felicias Gestalt noch um ein Beträchtliches, und man hätte ihn keineswegs mit dem verklärenden Blick einer Braut zu betrachten brauchen, um zu dem Schlüsse zu gelangen, daß er ein ungewöhnlich schöner Mann sei. Margarethe wußte, daß er ein enthusiastischer Musikfreund war, und es befremdete sie darum nicht, als sie wahrnahm, daß er sich dem Vortrage mit derselben Wärme und demselben Eifer hingab wie seine dunkelhaarige Partnerin. Es war, als gelte es den beiden, sich den Beifall eines großen Konzert- publiküms zu ersingen. Ihre Wangen waren höher gerötet, und in ihren Augen, die fich zuweilen wie unter einem geheimnisvollen Zwange von den Notenblättern erhoben, um einander zu begegnen, leuchtete es wie der Wiederschein Heller Begeisterung oder eines anderen sie mächtig bewegenden Empfindens. „Wunderschön! In der That — wunderschön!" sagte der Kümmerer, noch ehe der letzte Ton des Nachspiels verklungen war. „Sie sind schon jetzt eine große Künstlerin, liebe Felicia! Und wie gut Eure Stimmen znsammenklingen! Ihr müßt in der That recht oft mit einander musizieren." Ein vernehmliches Räuspern des Rendanten veranlaßte ihn, sich zu unterbrechen, und den neuen Ankömmlingen, die bis dahin so ganz unbemerkt geblieben waren, einige Schritte entgegen zu gehen. Es gab eine allgemeine, freundliche Begrüßung, und weltmännisch, gewandt ver- mittelre der Stadträt Felicia's Bekanntschaft mit der Braut seines Sohnes und ihrem Vater. Die junge Amerikanerin zeigte sich dabei sehr unbefangen, und mit jener bezaubernden Liebenswürdigkeit, die, wenn sie es so wollte, nicht weniger in ihren Augen und ihren Mienen als in dem Klange ihrer süßen Stimme lag, richtete sie einige verbindliche Worte an Margarethe. Auch Hilde Ignatius umarmte ihre Schwägerin. Sie war ein zierliches Geschöpf von sprühender Beweglichkeit — noch kindlich schlank und von elfenhaft zartem Bau der Glieder, doch mit großen, sprechenden Augen, in denen es zuweilen glänzte, wie wenn sie mit seinen Goldtupfen punktiert wären, und mit wundervoll üppigem, kastanienbraunem Haar. In ihrem Benehmen gegen die neue Base legte sie noch eine gewisse Schüchternheit an den Tag; aber es war unverkennbar, daß Felicia's eigenartige Schönheit ihre Bewunderung erregte. Sobald sie sich unbeobachtet glaubte, ruhten ihre Blicke unverwandt auf dem Antlitz der Amerikanerin, und mit einer beinahe andächtigen Aufmerksamkeit lauschte sie ihren Worten. Da man nur noch auf die Leiden letzten Gäste gewartet hatte, ging man alsbald zu Tisch. Der Stadtrat hatte Felicia den Arm gereicht, während Herbert seine Brant, und der Rendant Frau Ignatius führte, zu deren kleiner Gestalt uitb deren scheuem, gleichsam verängstigtem Wesen seine dürftige Persönlichkeit auch in der That am besten paßte. Die Ueppigkeit der aufgetragenen Mahlzeit mußte Felicia beweisen, daß man sich durch ihre ausdrückliche Verwahrung nicht hatte abhalten lassen, gewisse festliche Vorbereitungen zu ihrem Empfange zu treffen, und die Weine, die der Kämmerer seinen Gästen vorsetzte, legten ehrenvolles Zeugnis ab für seinen guten Geschmack, und für seine Kennerschaft auf diesem Gebiet. Dank der heiteren Unbefangenheit und der liebenswürdigen Gesprächigkeit des Hausherrn befand man sich bald in lebhafter Unterhaltung. Die Amerikanerin verriet kaum hier und da durch die etwas fremdartige Aussprache eines Wortes, daß ihre Wiege nicht auf deutschem Boden gestanden batte. Wer die Sicherheit, mit der sie über alle, von dem allgemeinen Gespräch berührten Dinge zu reden wußte, ihre glänzende Schlagfertigkeit und die Freiheit ihrer Anschauungen ließen doch bald erkennen, daß ihre Erziehung eine andere gewesen war, als man sie in Deutschland jungen Mädchen zu teil werden läßt. Der Assessor, der den Platz zu ihrer Rechten erhalten hatte, lvurde von ihrem anmutigen Geplauder sichtlich gefesselt, ohne daß er darum doch seine um vieles schweigsamere Braut vernachlässigt hätte. In der That sprach Margarethe nur dann, wenn jemand aus der Gesellschaft geradezu das Wort an sie gerichtet hatte, aber jede ihrer Aeußerungen ivar so klug, und so liebenswürdig, daß es für einen Uneingeweihten sehr schwer gewesen wäre, in ihr die Tochter des unansehnlichen, vertrockneten Männchens zu vermuten, das mit der verlegenen Scheu eines Eindringlings neben der Dame des Hauses saß. Den Blick beharrlich auf seinen Teller oder auf die Brotkrümchen heftend, mit denen seine mageren Finger spielten, beteiligte sich der Rendant Lindemann mit keinem Wort an den nm ihn her geführten Gesprächen. Und als er einmal wohl oder übel eine an ihn gerichtete Frage des Stadtrats beantworten mußte, geschah es mit so leiser, unsicherer Stimme, und mit so erschrocken umherirrendem Blick, als fürchte er, sich einer schweren Sünde schuldig zu machen. Auch die braunhaarige Hilde sprach nicht viel, aber es schien ein geheimer seelischer Rapport zwischen ihr und der amerikanischen Base stattzufinden, eine Verständigung ohne Worte, da sich Hilde's reizendes Gesichtchen immer sonniger verklärte, und da sie nach aufgehobener Tafel als die erste auf Felicia zueilte, um ihr gesegnete Mahlzeit zu wünschen. Die Amerikanerin aber begütigte sich nicht damit, ihr die Hand zu reichen, sondern sie zog die feingliedrige Gestalt, die neben ihrem eigenen stolzen Wuchs fast noch wie die eines Kindes aussah, zärtlich an ihre Brust, und küßte sie auf die Wange. „Ich glaube, wir werden gute Freundinnen sein. Nicht wahr, kleine Hilde?" Das liebliche Köpfchen schmiegte sich für einen Moment noch fester an ihre Schulter, und erst als der Stadtrat, der die kleine Szene lächelnd beobachtet hatte, durch eine scherzende Bemerkung seiner Befriedigung über das rasch geschlossene Freundschaftsbündnis Ausdruck gab, machte sich Hilde mit glühendem Antlitz los, als habe sie sich aus einem Unrecht ertappen lassen. Nach einer Weile, da er sah, daß die in angeregter! Unterhaltung begriffenen jungen Leute seine vorübergehende Abwesenheit kaum bemerken würden, gab Ludwig Ignatius dem Rendanten einen Wink mit den Augen, und sie traten in ein Nebenzimmer ein. Schon auf der Schwelle des Gemaches hatte Lindemann in die Brusttasche gegriffen, und mft zitternder Hand überreichte er dem Kämmerer das bereit gehaltene Eouvert. „Hier ist das Gewünschte, Herr Stadtrat! Aber es ist mir sehr sauer geworden, es zu beschaffen". Der andere klopfte ihn jovial auf dre Schulter, und meinte lachend: „Ihr reichen Leute müßt doch immer ein wenig jammern. Wer ob es Ihnen nun leicht oder schwer geworden ist, jedenfalls bin ich Ihnen sehr verbunden. Und ich freue mich. Ihnen auch meinerseits durch eine angenehme Neuigkeit eine kleine Freude zu bereiten. Ich hatte heute nachmittag eine Konferenz mit dem Oberbürgermeister, und ich habe die Gelegenheit benutzt, ihm zu sagen, baß Sie entschieden überbürdet seien. Er stimmte, mir darin zu, und ich erfuhr, daß es ohnehin feine Wsicht gewesen sei. Ihnen die Verwaltung der Stistungskasse abzunehmen und sie einem der Magistratssekretäre zu übertragen. Sie werden dadurch mindestens um die Hälfte Ihrer bisherigen Arbeitslast erleichtert werden, und — aber was ist Ihnen denn? Fühlen Sie sich nicht wohl?" Die Frage war sehr begreiflich; denn während der freundlichen Rede des Stadtrates war eine auffällige Veränderung in Franz Lindemanns Aussehen vor sich gegangen. Aus seinem Gesicht schien auf einmal , auch! der letzte Blutstropfen gewichen, seine schmalen Lippen zitterten, und in seinem Blicke war etwas von der tödlichen Angst eines gehetzten Tieres, das jeden Ausweg abgeschnitten sieht. (Fortsetzung folgt.) 643 Von der Martinsgans. Bon Dr. Oskar Wilda (Breslau). (Nachdruck verboten.) „Ein Thor, wer im Novembermond Das Lebenslicht der Gans verschont." Wie fast alle mit den christlichen Festen und Gedenke tagen verknüpften Volksbräuche, hat auch die Sitte, eine Martinsgans zu essen, ihre Wurzel. in altheidnischen Bräuchen unserer Vorfahren. Sie hängt zusammen mit dem herbstlichen Wuvtansfeste, dem großen Ernte- und Dankfest, das in nordischen Gegenden Ende September, im südlichen im November gefeiert, und in den ersteren später durch das christliche Michaelisfest ersetzt wurde. Neben anderen Tieren wurden an dem Herbstfefte auch Gänse als Opfer dargebracht. Die Auffassung des Gansopfers als eines Dank- vpfers ist neuerdings angefochten worden. B- Säubert meint in seiner „Germanischen Welt- und Gvttanschauung", daß es sich hier vielmehr um ein Sühnopfer handle, das den Winterriesen zur Novemberzeit, in der die Schneegänse, das Nahen scharfer Kälte verkündigend, von Norden nach Süden ziehen, dargebracht wurde. Die in alter Zeit sehr zahlreichen Züge der Schneegänse richteten auf den Feldern, in denen sie sich niederließen, großen Schaden an und erschienen so als Feinde der Vorbereitung zu einer neuen Schöpfung, und so wird wohl — meint B. Säubert — die Gans als Tier des Winterriesen zur Sühne geopfert worden sein, wie der Eber als Tier des Glutriesen. Verbunden damit war das Weinopfer, da der Wein erst nach dem großen Dank- und Erntefeste geerntet worden war. Dem Hruodgerath (Ruprecht), das heißt dem herbstlichen Wodan, der als Wanderer oder als Schimmelreiter durch die Lande zieht, wurde bei einem Gansessen der erste Trunk geweiht, während der Peratha Backwaren geopfert wurden. Die christliche Kirche setzte an Stelle des Heidengvttes einen christlichen Heiligen, den Bischof Martin von Tours, der am 11. November 402 starb. Sie führte somit das Martins- fest ein, und aus der Opfergans wurde die Martinsgans, wie aus dem Opfertrunk der Martinstrunk, aus den: in Hufeisen- oder auch Bockhörnerform gestalteten Gebäckopfer das Martinshorn wurde. Der Ruprecht blieb aber neben dem heiligen Martin bestehen; und noch heute erscheint er, um die artigen Kinder mit Aepfeln und Nüssen zu beglücken. Man glaubt die Einführung des Martinsfestes ungefähr aus das Jahr 650 ansetzen zu dürfen. Jedenfalls besitzt die Martinsgans ein höchst ehrwürdiges Alter. Ihre erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1171, wo Ulericus de Swalenberg oder Ulrich von Schwalenberg der Abtei von Corvei eine silberne Gans zum Martinsfeste schenkte. Doch wird schon in den norwegischen Runenkalendern, wie auch aus den alten Runenschwertern oder Kalenderschwertern — oen Abkömmlingen der alten stabförmigen Runenkalender — der Martinstag durch eine Gans bezeichnet. Ein solches Runenschwert ist das im Dresdener Museum aufbewahrte angebliche Schwert des Thomas Münzer (1489 bis 1525), das vielleicht in Wirklichkeit nicht hem Bauernführer gehört hat, aber jedenfalls eine große Seltenheit ist. Dieses aus einer 82 Zentimeter langen Sensenklinge hergestellte Schwert — das einzig wirkliche Sensenschwert, welches wir besitzen — trägt eingraviert auf der einen Seite der Klinge die Zeichen der Sommerhälfte (7. April bis 8. Oktober); auf der anderen Seite die Winter- Runen. In diesem doppelten Runenbande bezeichnen größere, kleinere oder Halbkreuze die verschiedenen Feste, je nach ihrem Range, und daneben deuten kleine Bilder die Hauptkennzeichen der Heiligen an. Für den heiligen Martin von Tours figuriert als Sinnbild neben der Bischofsmütze die Gans. Daß die für das Münzerschwert, das selbst bereits im 15. Jahrhundert entstanden sein wird, — benützte Vorlage uralt gewesen sein nruß, ist aus der Beibehaltung eines heidnischen Zeichens unter denjenigen, welche auf die Jahreszeiten Bezug haben, zu schließen, nämlich des für die Julfeier gebrauchten großen Trinkhorns. Sebastian Frank erwähnt das Martinsfest in seinem Weltbuche oder „Cosmographei" (Tübingen 1534) in folgender Weise. „Erstlich loben sy (die Franken) Sanct Martin mit guotem wein, genßen bis sy voll werden. Unselig ist das Hauß, das nit auff deh nacht ein gans zuv essen hat, da zepffen sy yre neüwen wein an, die sy bißher behalten haben." Zur Heldin einer scharfen satirischen Dichtung machte die Martinsgans am Anfang des 17. Jahrhunderts der Tübinger Magister und Straßburger Meistersäuger Spangenberg. Der vollständige Titel seines Werkes, das sich gegen die Kanonisierung der Heiligen richtete, lautet: „Ganß-König. Ein kurtzwehlig Gedicht von der Martins-Ganß: wie sie zum König erwehlet, resigniret, iHv Testament gemacht, begraben, in Himmel und an das Gestirn kommen: auch was jhr für ein Lobspruch und lehr-Sermon gehalten worden, durch Lycosthenem Psellionovos Andro- pediacum (Wolfhart Spangenberg aus Mannsfeld)" 1607 Wie die berühmten Kapitolsretterinnen dazu kamen, mit dem heiligen Martin von Tours, dem wackeren Kriegs- manne, der seinen Mantel mit dem armen frierenden Bettler teilte in Verbindung gebracht zu werden, erläutern, keineswegs ungezwungen, mehrere Legenden. Nach der einen störte das Geschnatter der Gänse den Heiligen in seiner Predigt; nach der anderen verriet es ihn, als er, in jungem Alter zum Bischof gewählt, sich in dem Bewußtsein, dem hohen Amte nicht gewachsen zu sein, im Gänsestall verborgen hatte. In beiden Fällen strafte er die lauten Tiere: „Schlachtete sie all' zusammen, Briet sie dann in heißen Flammen." „Daher ist der Brauch gekommen, Daß man noch die Gänse ißt, So oft diese Tage kommen, Daß es „Martinsabend" ist. Also daß oft Schaden bringt. Wer zu viel schwätzt oder singt; Weil die Gänse Schweigen hassen. Müssen sie sich braten lassen." Während nach diesen Erklärungen die Beziehungen des Heiligen zu „Märtiins Vaegelken mit siin vergült Snae- velken" (Schnäbelchen) nichts weniger als freundschaftliche sind und -ihm offenbar die gebratenen Gänse lieber als die lebenden waren — was übrigens auch bei profanen Erdenkindern Vorkommen soll — läßt eine Fabel das Verhältnis zwischen beiden in erfreulicherem Lichte erscheinen. Hier nennt die Gans, als sie sich durch List vor der Nachstellung des Wolfes gerettet hat, den heiligen Martin ihren Nothelfer und rühmt dann: „demselben ißt man uns zu er." — Daß die Protestanten die Martinsgans nicht im Ge denken an den Heiligen, sondern an den großen Reformator verzehren, und ihnen statt des 11. November der Geburtstag Martin Luthers, der 10. November, als der wahre Martinstag gilt, rst begreiflich ! interessant ist, daß, wie den katholischen Heiligen, auch den Gründer der protestantischen Kirche die Sage in mehrfache Beziehungen zu dein „Martinsvogel" gebracht hat. Schon in der Vorgeschichte der Reformation tritt die Gans auf; denn bekanntlich bedeutet der Name von Luthers Vorläufer Hus nichts anderes als „Gans", und dem auf dem Scheiterhaufen stehenden böhmischen Reformator hat die Volkssage die prophetischen Worte in den Mund gelegt: „Heute bratet ihr eine „Gans"; Nach 100 Jahren kommt ein Schwan, Den werdet ihr ungebraten la'n." — Wenn auch dieser und jener heute unterlassen mag, den Martinstag durch den Genuß einer Gans würdig zu feiern, so geschieht dies gewiß nicht aus Verschmähung dieses schmackhaften Bogels; nur wenige dürften die Berechtigung des bekannten Berliner Spruches anfechten, der da lautet: „Eine jute jebratene Juns ist eine jute Jabe Jottes", wenn auch nicht jeder seine Verehrung für das Geflügel so kräftig zu beweisen im stände sein dürfte, wie der berühmte „Enspekter" Bräsig, der da meinte, daß die Gans ein närrischer Vogel wäre: äße man eine zum Frühstück, würde man nicht satt, äße man zwei, verdürbe man sich — das Mittag! Alle aber, die es nicht versäumen, eine Martinsgans zu genießen, seien auf die Beachtung des Brustbeins hingewiesen, da man — so geht die Sage — aus demselben die Witterung des bevorstehend den Winters erkennen könne; ist es weiß, ist strenge Kälte zu erwarten, ist es dunkel, giebt es viel Schnee und laues Wetter, ___________ Unser Garten im November. (Nachdruck verboten.) Wohl giebt es im Herbst noch eine Reihe von Arbeiters die! gemacht werden müssen. Im Vordergrund, aller steht 644 f- aber die Arbeit mit dem Spaten und mit dem Messer.. Der .Herbst ist die Zeit des Grabens und die Zeit des Schneidens. Gegraben wird alles, was abgeerntet ift; denn das Graben im Herbst kommt gleich einer halben Düngung, so sagt das Volkswort, und wer möchte nicht düngen, ohne daß er in umständlicher Weise Dünger kaufen und auf das Land bringen müßte! Daß beim Graben Queckenwurzeln, Wurzeln der lästigen Winde und anderer dauernder Unkräuter ausgesucht werden sollen, verlangt jede gute Arbeit. Hie und da sind auch noch einige Aussaaten zu machen. Man sät noch Schwarzwurzeln, Mohrrüben, Kerbelrüben; man Pflanzt noch Winterkvhl und Wintersalat, man legt Meerrettichbeete an, rigolt für zukünftige Spargelbeete, sät ; Spargelsamen. Viel mehr Arbeit als die Aussaaten macht das Einwintern der Gemüse. Dasselbe soll ordentlich geputzt und dann so überwintert werden, daß es sich nicht allein hält, sondern auch schmackhaft bleibt. Wie viel wird da gesündigt! Dumpf und moderig ist der Geschmack derjenigen Gemüsearten, 'die an dumpfen Orten aufbewahrt sind oder in der Nähe faulender Gemüse gelegen haben. Frische Luft für alle Aufbewahrungsräume unserer Gemüse sei daher strengste Losung, ob das Gemüse nun im Keller oder in der Grübe oder im Mistbeetkasten oder im kalten Gewächshause aufbewahrt wird. Im dunkle« Keller bleicht das Kardhgemüse von selbst, giebt es brauchbare Cichorien- blätter ohne unser Zuthun, wo aber grünes Laub der Petersilie oder des Sellerie gewünscht wird, da ist Heller Stand notwendig. Die überaus schlechten Erfahrungen,, welche wir im vergangenen Winter mit unseren Erdbeerbeeten gemacht haben, werden uns Heuer veraulassen, die Beete mit leichtem . Tannenreisig zu decken. Auch Pfirsiche und Aprikosen an der Wand brauchen solche Decke, vorher aber sind sie mit Kupferkalkbrühe tüchtig zu bespritzen. Der Weinstock ist zu . schneiden, dann zu putzen und mit Kalkmilch, der reichlich Blut zugemischt ist und etwas Schwefel, anzustreichen. Im Obstgarten beginnt das Ausästen. Die Kronen sollen licht werden. Hemmende Aeste, dürre Aeste, kranke Aefte, Wasserschosse, Ausläufer, alles ist zu entfernen. Die Wunden sind mit Teer zu streichen. Das Pflanzen der Obstbäume nimmt seinen Fortgang, richtiges Pflanzen, rich- , tiges Schneiden ist eine Hauptsache. Man kann mit dem Schnitt des Forinobstes beginnen. Gegen Frostnachtspanner sind die Ranpenleimringe klebfähig zu erhalten, die Eier des Ringelspinners sind zu vernichten und die in den dürren Blättern hängenden Nester des Gvldafters herunter zu holen. Ein ungleich schlimmerer Feind unserer Obstbäume ist , der Borkenkäfer, der hie und da beginnt, verheerend aufzutreten. Kein Baum ist zu retten, sobald dieser unheimliche Gast erst zwischen Rinde und Holz sich eingenistet hat, und ängstlich sollte jeder Baum, der nach kurzer Zeit eingeht und kleine, stecknadelgroße Löcher in der Rinde und flache Bohrgänge auf dem Holze zeigt, vernichtet werden. Gleich ins Feuer mit solchen Gesellen und alles fort aus. dem Obsthof, was irgendwie vom Borkenkäfer bewohnt zu sein scheint. Nur durch solche außergewöhnlich energische Mittel ist ein Bauinhos vor diesem Feinde zu retten.' Dünge im Obstgarten! Es kann verschieden ausgeführt werden, entweder mit Stallmist, mit Jauche oder mit künstlichen Düngern. Weißdornhecken werden angelegt, Beerensträucher jeder Art gepflanzt, Himbeeren vor allem nicht vergessen. Eine besonders reichtragende Sorte ist Goliath. Sie lieferte bei den vergleichenden Anbauversuchen noch einmal so viel Ertrag als alle anderen. Das Einwintern der Rosen beginnt. Trocken sie einzuwintern, darin liegt die Kunst des Rosengärtners und wenn er sie berücksichtigt, ist es ganz gleichgiltig, ob er zuni Einwintern Erde, Sand, Dorfmüll oder Holzdächer verwendet. Die Clematis bedürfen eines kleinen Schutzes, auch die Magnolien, ferner manche Stauden, die sich durch große Blätter auszeichnen, so die Gunnera. Die Bananen sind ins Haus zu bringen, Mrschlvrbeer, feinere Nadelhölzer, Azaleen- Alpenrosen ein klein wenig mit Laub zu necken oder sonst wie einzupacken; auch Lilien bedürfen der Laubdecke. Fuchsien, Pelargonien, Verhenen, Petunien, Begonien re. sie wollen mildwarm und verhältnismäßig trocken stehen. Trieb im Winter ist ein unnütz und gefährlich Ding, wie besonders anschautich in Nr. 30 des „Erfurters Führers im Gartenbau" geschildert wurde. Man kann allmählich die Hyazinthen etwas wärmer stellen; von Christrosen, Anemonen, Winterstern durch Aufstellen in 2 bis 4 Grad warmem Raum Wuchs und Blüte hervorlocken. 'Auch Calla wollen jetzt treiben, sofern sie im Sommer geruht haben und im September umgepflanzt wurden. I. C. Schmidt, Erfurt. Daheim-Kalender 1902. Verlag von Velhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig. Preis geb. Mk. 1.50. Soeben erscheint der Daheim-Kalender für das Jahr 1902, wie immer reich und geschmackvoll ausgestattet und ungemein inhaltreich. Er bringt hübsche, gemütvolle Erzählungen von H. von Krause und Agnes Harder, trefflich illustriert von W. Zehme und Paul Hey. Er bringt weite« einen orientierenden Artikel über „Die Entwickelung und den Verlauf der chinesischen Wirren" von W. v- Bremen, einen fesselnden Aufsatz, „Ein Jahrhundert deutscher Bildhauerkunst" von Dr. A. Rosenberg, einen ernsten, schönen Beitrag „Dein Wille geschehe!" von Otto Funke, dem gefeierten Bremer Pfarrer; außerdem reichhaltige Beiträge mit allerlei praktischen Anleitungen für unsere Frauen, vielerlei Gemeinnütziges, eine vollständige Genealogie der regierenden Fürstenhäuser ic. Besonders aufmerksam möchten wir aber auf die Zusammenstellung über „Stifte und Heime" von D. Theodor Schäfer machen- Wer da weiß, toie schwierig es ist, für einen Schützling oder einen Verwandten ein passendes Heim, einen vor dem Sturm des Lebens gesicherten Aufenthalt zu finden, der wird diese praktische Zusammenstellung zu schätzen wissen. Sie ist übrigens die Ergänzung eines entsprechenden Aufsatzes im vorjährigen Daheim-Kalender und bildet im Verein mit diesem ein mit großem Fleiße zusammengestelltes, in seiner ganzen Anlage einziges, für alle Interessenten geradezu unersetzliches Nachschlagebucht Gemeinnütziges. Schutz gegen Einfrieren der Wasserleitungen. Man bedeckt die Wasserröhren mit Sägespähnen und einer Lage von Streu, Lohe oder dergleichen und legt darauf nuß- bis faustgroße Stücke von gebranntem Kalk, die wiederum mit einer Lage Streu überdeckt werden. Dann wird bei Rohrleitungen, die nahe der Oberfläche liegen, der Graben zugeworfen . Der Kalk zieht sehr allmählich Feuchtigkeit an, und die sich entwickelnde Wärme genügt, um die Leitung während eines ganzen Winters vor Einfrieren zu schützen. Schon gefrorene Leitungen lassen sich dadurch wieder auftauen, daß man sie, wie beschrieben, mit Streu und gebranntem Kalk bedeckt und dann Wasser übergießt. „Praktischer Wegweiser", Würzburg. *) Lösungen sind mit Aufschrift: ,,PreisrStsel-8ösuug" versehen innerhalb acht Tagen an die Redaktion der „Girßeue? Familienblälter" einzusenden. Auflösung des Telegraphenrätsels in vor. Nr.: Borgen macht Sorgen. (Boreas, Augen, Minna, Licht, Soda, Regal, Wien.) Preisrätse I.*) Rösselsprung. Nachdruck verboten. dich le von ein wenn wenn lob kcn sie be wem ta wol ein beim del der 6 en kann dein den von dich del dcln auch be ken kann wem quer krön a Palm UN ist Redaktion: E. Burkbardt. — Rotationsdruck und Berlaa der Briibl'schen liniversitiits-Vuch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.