1901. £ M siil oWw llein zu sein! Drei Worte leicht zu sagen, i Und doch so schwer, so endlos schwer zu tragen. Chainisso. (Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Der Alte schüttelte mißbilligend den Kopf. „Du solltest Dir das doch noch überlegen, mein Junge! Ich! habe absichtlich Deinen Anteil an der Geschichte verschwiegen, damit Du nicht mit hineingezogen wirst. Am Ende" — und er blickte dabei verlegen zu Boden „am Ende braucht doch nicht alle SBelt zu erfahren, daß der Referendar Jmberg der Sohn eines Pfandleihers ist." Zwischen den Augenbrauen des jungen Mannes erschien eine Falte des Unmuts. „Soll ich mich! dessen etwa schämen, Vater? Dürfte ich unter Deinem Dache leben und Dein Brot essen, wenn ich es thäte?" „Nein, nein, ich sage ja nicht, daß Du Dich Deiner Herkunft schämen sollst. Aber es giebt doch nun einmal Leute, die mich um meines Geschäftes willen verachten." „Und deren Verachtung! wir, wie ich denke, mit Gleich^- mut ertragen können, so lange uns das eigene Gewissen sagt, daß sie ungerecht und thöricht ist. Laß uns nicht weiter davon reden, lieber Vater!" Mit einem Blick voll unendlicher Zärtlichkeit und Liebe sah Auguit Jmberg zu seinem stattlichen Sohne auf. „Thue denn, was Dir gut und zweckmäßig scheint, Rudolf! Es wird ja gewiß immer das Richtige sein." Der Referendar drückte ihm die Hand und ging in das Wohnzimmer hinüber. Aber seine innere Bewegung schien doch stärker, als er es in dem Gespräch mit seinem Vater gezeigt hatte. Ruhelos ging er lange auf und nieder, und als er endlich in seiner Wanderung innehielt, genau an der nämlichen Stelle, wo er den dankbaren Händedruck der angeblichen Melanie v. Neuhofs empfangen, sagte er nach schwerem Aufatmen halblaut vor sich hin: „Nein, es ist unmöglich! Und ich werde es nicht glauben, so lange ich es nicht aus ihrem eigenen Munde gehört habe." Drittes Kapitel. „Die Zeugen in der Strafsache gegen Margarete Williseni" rief der Gerichtsdiener mit schallender Stimme in den Korridor hinaus. „Frau Rentiere Therese Haller! — Herr August Jmberg! — Herr Referendar Rudolf Jmberg! — Alle anwesend? Gut! — Frau Haller soll zuerst eintreten." Er öffnete der ältlichen, wohlbeleibten, und mit übertriebener Eleganz gekleideten Dame die Thür des Sitzungszimmers und winkte den beiden anderen Zeugen noch einmal zu, sich aus seinen Ruf bereit zu halten. Frau Haller, die zwar vor Aufregung fehr rot war, im übrigen aber durch den feierlichen Ernst des Orjes keineswegs allzusehr eingeschüchtert schien, steuerte geradeswegs auf den mit einer grünen Decke belegten Richtertisch zu, um dann, als man sie bedeutete, stehen zu bleiben, einen majestätischen, zornsprühenden Blick nach der Anklagebank hinüberzuwerfen. Dort, auf dem erhöhten Platz hinter der Gitterschranke, stand das junge Mädchen, dessen Schicksal in dieser Stunde entschieden werden sollte. Sie trug ein einfaches, schwarzes Kleid, ihr reiches, blondes Haar war in zwei dicken Flechten um den Kopf geschlungen, und ihr blasses, sanftes Gesicht war von rührender Lieblichkeit, obwohl Angst und Kummer ihren Zügen sicherlich Piel von der früheren Weichheit genommen hatten, und obwohl ihre Augen vom Weinen gerötet waren. Unter dem Blick der Frau Haller brach! sie aufs neue in Thränen aus, und sie ließ das Taschentuch kaum von den Augen, solange die Vernehmung dieser Zeugin währte. Mit lauter, fester Stimme hatte die Dame die üblichen Fragen nach ihren Personalien beantwortet und die Eidesformel nachgesprochen. Nun sagte der Richter: „Die Angeklagte Margarete Willisen, die verdächtig ist, Sie bestohlen zu haben, stand als Gesellschafterin in Ihren Diensten?" „Ja. Ich hatte sie vor einem halben Jahre engagiert — halb aus Mitleid, weil sie mir als sehr bedürftig empfohlen worden war. Ihr Pater war kürz vorher gestorben, und die kleine Pension, auf die feine Witwe angewiesen war, reichte nicht hin, um Mutter und Tochter zu erhalten. Da dachte ich ein Werk der Menschenliebe zu thun, aber ich bin schlecht dafür belohnt würden." „Haben Sie schon vor diesem letzten Ereignis Zeichen von Unzuverlässigkeit oder Unredlichkeit an der Angeklagten wahrgenommen?" , Mein Gott — nein! Ich schenkte ihr eben unbegrenztes Vertrauen, weil sie doch am Ende aus einer anständigen Familie war und sehr gewinnende Manieren hatte." „So erzählen Sie uns, wie der Diebstahl Ihrer Ansicht nach verübt worden ist, und auf welche Weise Sie ihn entdeckten." Mit großer Redefertigkeit kam die resolute Dame dieser Aufforderung nach. 446 „Es war am Vorabend meines Geburtstages, und ich war mit meiner Gesellschafterin allein. Da meinte ich ihr eine Freude zu machen, indem ich ihr meine Schmucksachen zeigte. Ich habe deren ziemlich viel; denn mein seliger Gatte Pflegte mich sehr reich zu beschenken, mtb; manches hcche ich auch! von meiner verstorbenen Mutter geerbt. Ich bin nämlich aus gutem Hause, Herr Präsident! Mein Vater--" „Das interessiert uns hier nicht weiter. Lassen Sie uns, bitte, bei der Sache bleiben." „Nun also! Ich gab der Margarete Willisen die Schlüssel zu dem eisernen Schrank, der in die Wand meines Schlafzimmers eingelassen ist, und beauftragte sie, mir die beiden großen Kassetten mit den Juwelen zu holen. Wir breiteten alles auf dem Tisch im Empfangssalon aus, weil dort die beste Beleuchtung ist, und ich ließ sie die einzelnen Stücke betrachten, indem ich ihr sagte, welchen Wert jedes von ihnen ungefähr habe. Der Brillantschmetterling mit den Rubinen und Saphiren schien ihr ganz besonders zu gefallen, und ich erzählte ihr, daß mein seliger Gatte ihn mir auf unserer Hochzeitsreise in Paris für achttausend Franken gekauft habe. Dann packte ich mit eigenen Händen alles wieder in die beiden Kassetten ein und befahl ihr, sie an ihren Platz zurückzubringen.. Da ich ihr den ganzen Schlüsselbund mitgeben mußte, weil sie doch den Wandschrank verschließen sollte, hatte sie auf dem Wege nach dem Schlafzimmer die allerbequemste Gelegenheit, die eine Kassette zu öffnen und sich den Brillantschmetterling, der wahrscheinlich! obenauf lag, anzueignen. Als sie zurückkam, war sie unbefangen wie immer. Mir aber kam eine Besorgnis, daß sie die Schrankthür nicht gehörig zugesperrt haben könnte, und ich ging gleich nachher hin, um mich zu überzeugen, daß alles in Ordnung sei. An die Möglichkeit eines unterwegs von ihr verübten Diebstahls dachte ich natürlich nicht." „Und wie gelangte dann dieser Diebstahl zu Ihrer Kenntnis ?" „Es war eine ganze Woche später, als ich zum Theaterbesuch mein Smaragdarmband anlegen wollte, ein Geschenk, das mir mein seliger Gatte aus Petersburg — ja so, das interessiert Sie wieder nicht. Also ich öffnete den Schrank und die Kassette, in der ich das Armband wußte. Das fiel mir's auf, daß der Schmetterling nicht darin war, obwohl ich mich genau erinnerte, daß ich ihn zugleich mit dem Armband hineingelegt hatte. Heftig erschrocken durchsuchte ich trotzdem auch! den anderen Kasten, um mich bald zu überzeugen, daß ich von dieser Person dort auf eine schändliche Weise bestohlen worden war." „Sie hatten den Schrank in der Zwischenzeit nicht geöffnet?" Frau Haller verneinte. „Und dör Schlüssel kann auch nicht in die Hände irgend einer anderen Person geraten sein, die sich seiner dann- in sträflicher Weise bediente?" „Ganz unmöglich, Herr Präsident! Ich bin in solchen Sachen sehr vorsichtig, und ich kann einen heiligen @ib; darauf leisten, daß ich den Schlüsselbund Tag und Nacht in meinem Gewahrsam gehabt habe." „Nun, Angeklagte, Sie hören, was die Zeugin bekundet. Möchten Sie sich auf diese mit solcher Bestimmtheit ausgesprochene Anschuldigung hin nicht doch! lieber zu einem offenen Geständnis bequemen?" Die schmalen Hände Margarete Willisens sanken bei den Worten des Präsidenten von dein blassen Gesichtchen herab, und eine müde Stimme sagte: „Ich kann nur immer aufs neue wiederholen, daß ich nichts zu gestehen habe. Ich habe weder die Kassette geöffnet, wie Frau Hallev vermutet, noch den Schmetterling genommen." „Und Sie können auch keiue Vermutung darüber äußern, auf welche Weise er sonst abhanden gekommen und zu dem Pfandleiher gelangt sein mag?" „Nein." Der Landgerichtsrat zuckte die Achseln und wechselte ein paar leise Worte mit- den Beisitzern. Dann drückte er auf ,die vor ihm stehende Glocke und befahl, nachdem er Frau Haller durch eine Handbewegung bedeutet hatte, auf der Zeugeubank Platz zu nehmen, dem Gerichtsdiener: „Der Pfandleiher August Jmberg." Der kleine alte Mann verbeugte sich tief vor dem Gerichtshof. Er war sehr befangen und antwortete auf die Fragen des Vorsitzenden mit leiser, schüchterner Stimme. Den Eid aber, der ihn verpflichtete, die lautere Wahrheit zu sagen, sprach auch er fest und ohne Stocken. „Betrachten Sie die Angeklagte, Herr Zeuge, und sagen Sie uns, ob Sie sie kennen." August Jmberg leistete der Aufforderung Folge. „Ja, ich glaube sie bestimmt wiederzuerkennen. Sie brachte mir am Abend des dreißigsten September einen Brillantschmetterling, um ihn bei mir zu verpfänden. Und sie gab sich dabei für ein Fräulein Melanie v. Neuhofs aus." „Sie sind Ihrer Sache ganz gewiß? Ein Irrtum in der Person der Angeklagten scheint Ihnen vollständig ausgeschlossen?" Der Pfandleiher betrachtete die Angeklagte nochmals aufmerskam und erklärte dann, ein solcher Irrtum scheine ihm nicht möglich. „So erinnern Sie sich vielleicht auch!, wie die Ueber- 6 ring ernt des Brillantschmetterlings gekleidet war?" „Jawohl. Sie trug einen langen, eng anschließenden Regenmantel von dunkelgrauer oder dunkelblauer Farbe und einen roten Seidenshawl um den Kopf." „Frau Haller — wollen Sie gefälligst noch einmal vortreten! — Besaß Ihre Gesellschafterin Kleidungsstücke, auf welche diese Beschreibung paßt?" „Allerdings! Sie hatte einen blauen Regenmantel, und das rote Kopftuch habe ich ihr selbst geschenkt. Sie begleitete mich, als ich ein solches für meine Nichte kaufte, unb- da es ihr so sehr gefiel, nahm ich ein gleiches auch für sie." Einer der Richter flüsterte dem Vorsitzenden eine Frage zu, und dieser nickte. „Die Nichte, deren Sie da soeben erwähnen, ist außer allem Verdacht?" „Aber Herr Präsident! — ich bitte Sie! Die Tochter meiner Schwester unb ein adeliges Fräulein! Außerdem hat meine Nichte während der fraglichen Zeit mein Haus überhaupt nicht betreten, und am Abend des dreißigstem September war sie gar nicht hier in der Stadt. Sie mußte schon am Vormittag abreisen. Ich erinnere mich! dessen so genau, weil der dreißigste mein Geburtstag war und weil ich mich darüber ärgerte, daß sie mir weder gratuliert noch sich von mir verabschiedet hatte." „Ich danke Ihnen — das wäre also erledigt. Nur noch etns: die Person, welche den Schmetterling! bei dem Pfandleiher Jmberg versetzte, bediente sich zu ihrer Legitimation einer Visitenkarte mit dem Namen Melanie v. Neuhofs. Haben Sie eine Erklärung dafür, wie Ihre Gesellschafterin in den Besitz einer solchen Karte gelangt sein könnte?" „O, nichts war für sie leichter als' das. Aus einer Schale in meinem Empfangssalon liegen Hunderte von Karten meiner Besucher. Auch die des Fräulein v. Neuhofs war in mehreren Exemplaren darunter. Die Diebin wird wohl die erste beste herausgegriffen haben, die ihr in die Hände fiel." „Sie können sich setzen. — Angeklagte Willisen, ich frage Sie noch einmal, ob Sie trotz der beschworenen Aussage des Zeugen Jmberg bei Ihrem Leugnen beharren wollen?" „Ich bin niemals bei diesem Manne gewesen, und id)' sah ihn zum ersten Mal, als er mir int Amtszimmer des Untersuchungsrichters gegenübergestellt wurde." Ter Vorsitzende klingelte wieder. „Herr Referendar Rudolf Jmberg!" Bleich und mit einem Ausdruck höchster Spannung' in den Zügen trat der junge Manu in den Sitzungssaal ein. Sein erster Blick galt der Angeklagten, und' er wandte die Augen nicht von ihr, während er die Personalfragen beantwortete. Je länger er sie ansah, desto- mehr hellte sein Gesicht sich auf, und noch ehe seine Vereidigung erfolgt war, sagte er: „Ich muß! es auf das tiefste beklagen, daß der Untersuchungsrichter meinem Verlangen nicht stattgegeben und mich der Angeschuldigten nicht schon früher gegenübergestellt hat. Er hätte sie dann jedenfalls sofort aus der Hast entlassen müssen; denn sie ist nicht dieselbe, die meinem Vater den Brillantschmuck überbrachte." 447 Eine Bewegung des Erstaunens ging durch den Saal. Mit solcher Bestimmtheit und mit so gewichtigem Nach- druck war die Erklärung abgegeben worden, daß sie nach Lem Voraufgegangenen notwendig einen geradezu verblüffenden Eindruck hervorbringen mußte. Der Vertreter! der Anklagebehörde nahm zuerst das Wort. „Ich beantrage, die Beeidigung dieses Zeugen vorläufig auszusetzen." Der Referendar erhob mit einer jähen Bewegung den .Kopf. „Aus welchem Grunde?" „Darüber bin ich Zhnen keine Rechenschaft schuldig. Aber ich will es Ihnen trotzdem sagen. Ihr Vater hat soeben beschworen, daß er den Schmuck von der Angeklagten empfangen habe. Wenn Sie nun unter Ihrem Ende die Behauptung des Gegenteils aufrecht erhalten wollten, so müßte einer von Ihnen sich notwendig zum mindesten eines fahrlässigen Falscheides schuldig gemacht haben. Der Gerichtshof wird also nur Ihr eigenes Interesse wahrnehmen, toenn er Ihnen Gelegenheit giebt, sich, über die Tragweite Ihrer Aussage völlig klar zu werden, ehe Sie ihre Richtigkeit beschwören." Mehrere nicht allzu vertrauenerweckend aussehende Personen im Zuhörerraum, sogenannte „Kriminalstudenten", spitzten jetzt die Ohren und drängten sich näher an die Schranke heran. Die bis dahin ziemlich gewöhnliche und uninteressante Sache schien plötzlich; einen sensationellen Charakter annehmen zu wollen. Ter Referendar stand mit gesenktem Kopfe da, wie von , einem betäubenden Schlage getroffen. Dann wandte er sich nach seinem'hinter ihm auf. der Zeugenbank sitzenden Vater um, und seine Lippen zuckten, als ob er eine Frage an ihn richten wolle. Aber der Präsident, der sich leise mit seinen Beisitzern besprochen hatte, machte es ihm unmöglich. „Der Gerichtshof beschließt, Ihre Vereidigung vorläufig auszusetzen, Herr Referendar! Die Gründe dafür hat der Herr Vertreter der Staatsanwaltschaft Ihnen bereits verraten. Treten Sie nahe an die Angeklagte heran und sehen Sie ihr aufmerksam ins Gesicht. Ich brauche Sie, der Sie selbst Jurist sind, wohl nicht erst ausdrücklich auf die Bedeutung Ihrer Aussage hinzuweisen." Margarete Willisen und Rudolf Jmberg standen sich; Auge in Auge gegenüber. Von der beglückenden Hoffnung; erfüllt, in ihm einen Retter gefunden zu haben, hielt sie seinem fest und durchdringend auf sie gerichteten Blicke stand, ohne die Lider zn senken. In seiner Hilflosigkeit; und seinem namenlosen Jammer war ihr Gesichtchen von wahrhaft rührendem Liebreiz, und als sich jetzt langsam ein zartes Rot über ihre Wangen breitete, war wohl keiner im Saale, der sie nicht wunderhübsch gefunden hätte. Wohl eine Minute lang war es so still, daß man das leise Knistern eines von dem Gerichtsschteiber umgewendeten' Blattes bis in den entferntesten Winkel hören konnte. Tann erklang die sonore Stimme des Referendars fest und entschieden wie vorhin: „Diese junge Dame war die Ueberbringerin der Schmetterlingsbrosche nicht. Mein Vater hat sich geirrt, wenn er sie in ihr wiederzuerkennen glaubte." Der Pfandleiher hatte sich langsam, Zoll für Zoll, von seinem Sitze erhoben. Seine über der Krücke des Regenschirmes zusammengelegten Hände zitterten. Schmerz und Bestürzung spiegelten sich in seinem Gesicht. „Rudolf — mein Sohn —" keuchte er. „Bedenke doch, was Du da sagst! Willst Du Deinen eigenen Vater--" „Ich muß jede Unterhaltung zwischen den Zeugen auf das entschiedenste verbieten", fiel der Vorsitzende befehlend ein. „Angeklagte Willisen, wo befindet sich in diesem Augenblick Ihr Regenmantel und das Kopftuch, das Sie von Frau Haller zum Geschenk erhielten?" „Im Untersuchungsgefängnis. Ich mußte die Sachen dorthin holen lassen, als ich dem Pfandleiher vorgestellt wurde." „Gut! Man schaffe diese Gegenstände herbei, uttb: Sie, Herr Referendar, werden uns inzwischen ausführlich erzählen, wie sich Ihre Begegnung mit der Ueberbringerin' des Schmuckes gestaltete." Rudolf Jmberg kam dem Verlangen nach, ohne zu Zögern. Als er mit seinem Bericht zu Ende wär, mußte er zurücktreten, und sein Vater wurde wieder aufgerusen. „Haben Sie an der Darstellung Ihres Sohnes etwas zu berichtigen oder ihr etwas hinzuzufügen?" „Nein." „Und wünschen Sie vielleicht an Ihrer eigenen Aussage etwas zu ändern? Sollten Sie sich etwa inzwischen überzeugt haben, daß Ihre vorige Bekundung auf einem Irrtum beruht, so können Sie jetzt noch durch einen Widerruf alle üblen Folgen abwenden. Ich werde Ihnen den Paragraphen des Strafgesetzbuches vorlesen, dessen Schutz Sie in solchem Falle in Anspruch nehmen dürfen. Es ist der Paragraph hundertdreiundsechzig, und er lautet in seinem zweiten Absatz: Straflosigkeit tritt ein, wenn der Thäter, bevor eine Anzeige gegen ihn erfolgt oder eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet, und bevor ein Rechtsnachteil für einen anderen aus der falschen Aussage entstanden ist, diese bei derjenigen Behörde, bei welcher er sie abgegeben hat, widerruft." (Fortsetzung folgt.) Das Horn von Wanza. Eine Erzählung von Wilh elm Ra ab e. Zweite Auflage. Berlin 1901. Verlag von Otto Janke. Preis geh. 3, gebt 4 Mark. „Hoffentlich ist die Geschichte vom Horn von Wanza in den zwanzig Jahren seit ihrem ersten Erscheinen nicht so sehr veraltet, daß das heutige Publikum eine nochmalige Ausgabe als eine Unhöflichkeit auffassen könnte" — so lautet kurz und bündig, und doch zugleich Bände redend des Verfassers Vorwort zur zweiten Auflage, aus dem zugleich der stillvergnügte goldene Humor hervorleuchtet, der die ganze Erzählung durchglüht. Zwanzig Jahre waren erforderlich, um die sicher nicht gar hoch gegriffene erste Auflage des „Horn von Wanza" abzusetzen. So versteht das deutsche Volk seine besten, gemüt- und humorvollsten Schriftsteller zu würdigen! Wir wollen hoffen, daß sich viele beeilen, den nun bald Siebenzigjährigen gründlich kennen und schätzen zu lernen. Das Horn von Wanza zeigt ihn von seiner besten Seite, und wenn diese zweite Auflage bis zum 8. September vergriffen wäre, so dürfte dies als nicht geringste Geburtstagsfreude für den Verfasser gelten. Nein, veraltet ist die Geschichte vom Horn von Wanza ganz und gar nicht, so wenig, wills Gott, jemals deutsche Treue und Biederkeit veralten werden. Freilich schreitet die Zeit unaufhaltsam fort, aber die so oft zu Unrecht geschmähte gute alte Zeit bleibt doch die Wurzel allen Fortschritts, und wehe uns, wenn wir je vergessen, was uns groß und stark gemacht hat. Darum, wem über dem Hasten unserer Zeit die Freude am Kleinstadtleben und seinen Charakteren nicht verloren gegangen ist, der greife zum Horn von Wanza und tute kräftig mit hinein, ohne befürchten zu müssen, damit zum Nachtwächter zu werden. Bdt. Gemeinnützige». Etwas über Häuserschmückung. Es ist eine sehr lobenswerte Bestrebung der letzten Jahre, nicht nur an hochherrschastlichen Häusern, sondern auch . an einfacheren Mietswohnungen für möglichst jede Mietspartei einen Balkon anzubringen. Man sieht häufig diese Balkons in reichem und geschmackvollem Blumenschtnuck prangen, und manche Städte unterstützen das Interesse an der Ausschmückung der Balkons durch ausgesetzte Preise, da sie sich wohl bewußt sind, welch freundliches Aussehen geschmückte Balkons den Straßen verleihen, und wie dadurch der Fremde sich angeheimelt fühlt.. Mit besonderer Liebe pflegt meist der Großstädter dieses einzige Stückchen Natur, welches ihm in dem Straßen- und Häusermeer geblieben ist. Die Engländer, die ja als Garten- und Blumenfreunde bekannt sind, betreiben die Ausschmückung der Außenseite ihrer Häuser mit Gewächsen in ausgedehntem Maße. Begünstigt wird dieses Bestreben noch dadurch, daß Mietskasernen, wie bei uns, in England nicht in dem Maße bestehen, daß vielmehr dort das Einfamilienhaus vor- 448 herrscht, dessen Aeußeres dann von dem Mieter oder Besitzer in reizender Weise mit allen möglichen Schling- getvächsen berankt wird. Die neueste Nummer des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau, von dem Geschäftsamt zu Frankfurt a. Oder zu beziehen, enthält einen längeren, reich illustrierten Artikel über die spezifisch englische, künstlerische Verwendung der Schlinggewächse zur Häuserausschmückung. Ein früherer Redakteur des praktischen Ratgebers, jetzt in England angestellt, hat den Artikel in Gemeinschaft mit einem jetzigen Redakteur, der besonders zu diesem Zwecke nach England gefahren ist, geschrieben und illustriert. Kesundyettspflege. Worin b e st eh t der Wert desObstgenusses? Der menschliche Körper bedarf einer Nahrung, die eine ausreichende Menge von Mineralbestandteilen enthält, da diese zur Bildung des Blutes und zum Aufbau des Knochengerüstes sehr notwendig sind. Können dem Blute diese Stoffe aus der Nahrung nicht in der nötigen Menge beigegeben werden, so ^ergeben sich Krankheiten, Schwäche des Nerven- und Muskelsystems, des Stoffwechsels k. Leider hat die wissenschaftliche Therapie noch wenig Rücksicht auf die Thatsache, daß neben Eisen auch andere Substanzen das Fundament zum Wiederaufbau der roten Blutkörperchen bilden, genommen. Deshalb haben die künstlichen Nährpräparate, die gegen Blutarmut und Schwäche empfohlen werden, meistens geringen Erfolg, weil man bei ihrer Zusammensetzung den Hauptwerk auf den Stickftoffgehalt legt, anstatt das Vorhandensein der Mineralien gebührend zu berücksichtigen. Die Analysen der physiologischen Chemie ergeben die unbestrittene Thatsache, daß in den roten Blutkörperchen außer Eisen noch Kalk, Kali- und Natronsalze, phosphorsaure Bittererde und Schwefel enthalten sind. Man hat auch gesunden, daß die dem menschlichen Körper so unentbehrlichen Mineralsalze in den Vegetabilien, vorzugsweise im Obst und in den Gemüsen enthalten sind. Daher ist dieses das gesundeste und natürlichste Ernährungs- und Kräftigungsmittel für den menschlichen Körper und, was besonders hervorgehoben zu werden verdient, diese Mineralsalze gehen direkt ins Blut über und führen den Körper am schnellsten und sichersten die benötigten Mineralbestandteile zu. Werden dem Körper die Mineralsalze in seiner Jugend .vorenthalten, so entwickelt er sich schlecht, krankt an Blutarmut, und dann sucht man diese durch Eisentinkturen und Kalkphosphate zu beseitigen. Allein niemals haben diese künstlichen Mittel guten Erfolg; viel schneller werden blutarme und bleichsüchtige Personen durch reichlichen Obstgenuß von ihren Leiden geheilt. In hohem Maße stärkt der Obstgenuß auch die Nerven und steigert ihre Thätigkeit, und da diese Stärkung wieder eine nachhaltige Wirkung auf die Geistesthätigkeit ausübt, so ist der Obstgenuß schon aus diesem Grunde allein auch jedem Erwachsenen zu empfehlen. Der Saft der Aepfel und Birnen enthält eine Menge nährender und stärkender Stoffe, blut- und herzstärkendes Kali, nervenaufbauende Phosphorsäure und Kalk, die zugleich Bau- und Nährstoffe für die Haare und Galle sind, Kieselsäure als Zahn- und Haarbildungsmittel. Große Eisenmengen finden sich in Pflaumen, Stachel- und Erdbeeren, sowie in etwas geringerem Maße auch in Aepfeln und Birnen. Daraus geht hervor, daß der Obstgenuß für Kinder 'und Erwachsene von unschätzbarer Bedeutung ist, und da die Billigkeit des Obstes es noch jedem ermöglicht, sich dieses beste und natürlichste Nahrungsmittel ohne Schwierigkeit zu verschaffen, so kann nicht dringend genug zum Verbrauch desselben gemahnt werden. Deutschlands Lage ist zwar nicht eine solche, daß die Natur es jahrein jahraus mit frischem Obst zu versehen vermag.,,.Allein wir besitzen im gedörrten Obst, sowie in den eingemachten Früchten, Fruchtsäften,, Gelees, Obstmus, Marmeladen re. ein treffliches und billiges Ersatzmittel und somit kann sich jeder der Wohlthaten des Obstgenusses das ganze Jahr hindurch teilhaftig machen. Der Mißbrauch von Gewürzen als Krankheitsursache. Neben den Nahrungsmitteln, die dazu bestimmt sind, dem Körper des Menschen die Stoffe zuzuführen, die er zu seiner Erhaltung gebraucht, haben wir noch die Genußmittel, welche dieser Kost Geschmack und Geruch verleihen und bewirken, daß sie uns mundet. In mäßiger Weise genossen, sind sie für den Körper meist, unschädlich, im Uebermaß jedoch schaden sie. Wir denken dabei hauptsächlich an die Gewürze, und es ist ja der Fluch der modernen Küche, daß sie durch Uebermaß vou Gewürzen und Kochsalz die Menschen krank macht. Das große Heer der Magen-, Darm- und Nierenleiden ist nicht zum geringsten Teil auf einen übermäßigen Genuß von Gewürzen und Kochsalz zurückzuführen. Einmal wird ein großer verderblicher Reiz auf diese Organe ausgeübt, dem eine notwendige Erschlaffung folgen muß, zu deren Beseitigung man wieder in erhöhtem Maße zu Reizmitteln greift, dann aber führen sie auch, ebenso wie der übermäßige Fleischgenuß, zu hochgradigem Durst. Durch das viele Trinken entsteht dann eine Verwässerung des Blutes, wie man sich auszudrücken Pflegt, und Blutarmut, Beleibtheit und Herzleiden sind die Folgen. Manche Gewürze wirken auch noch in anderer Weise schädlich So erregt der Pfeffer, das Ideal der Gifte, wie man ihn genannt hat, das Nervensystem in hochgradiger Weise. Versuchs, die mit schwarzem Pfeffer und Paprika an Tieren angestellt sind, haben überdies ergeben, daß schwere Veränderungen der Leberzellen bei längerem Genuß — die Versuche waren überein Jahr ausgedehnt — stattfinden, nämlich im Absterben derselben, ähnlich wie bei Phosphorvergiftung entstehen. Auch die Leberschrumpfung wird, wie schon früher der englische Forscher Bud behauptete, ähnlich wie durchs übermäßigen Alkoholgenuß, durch die scharfen Gewürze verursacht. Die Gefahr für den menschlichen Körper durch den Mißbrauch von Gewürzen ist also nicht unbedeutend. Almrrerrpflege. Die Vermehrung der Alperiveslchen (Cy- elamen) geschieht leicht aus Samen, den man im Januar oder Februar, auch im Juli oder August in Schalen unter doppeltem Glase aussät, dünn mit Sand, besser mit Holzkohlenstaub bedeckt und mäßig feucht hält. Me jungen Sämlinge werden wiederholt verstopft, dann einzeln in mehrflache als tiefe Töpfe mit Heide- und Lauberde, Sand mit wenig Lehm und Kalksteingrus gesetzt und während eines ganzen Jahres unter Glas gehalten, damit sie nicht zur Ruhe kommen, sondern sobald als möglich blühen, was bei den im Winter ausgesäten im nächsten Winter, nach, den Sommeraussaaten int nächsten Frühjahr der Fall sein wird, wenn die Pflanzen stets nahe dem Fenster gestandenhaben. „Praktischer Wegweiser", Würzburg. Vermischtes. Napoleon I. über die englische Sprache. Eine französische Zeitschrift veröffentlichte jüngst eine' Anzahl bisher noch nicht bekannt gewordener Briefe Na» poleons I. In einem derselben, den er am 7. März 1816* auf St. Helena an den Grafen de Las Cafes schrieb, äußerte er sich über die Erlernung einer fremdem Sprache. Deu Brief lautet: „Seit sechs Wochen lerne ich Englisch und. mache keine Fortschritte. Sechs Wochen machen 42 Tage. Wenn ich täglich 50 Worte hätte lernen können, würde ich, 2100 Worte können. Es find im Wörterbuch mehr als 40 000 Worte vorhanden; sagen wir nur 20 000. Das erfordert 120 Wochen, um sie zu erlernen. 120 Wochen macht mehr als zwei Jahre. Hiernach werden Sie zugeben, daß. das Studium einer Sprache eine große Arbeit ist, welche, man im frühen Alter unternehmen muß." Buchstabenrätsel. Nachdruck verboten. Bald scheint es unerreichbar fern, Bald zieret es vom Hof die Herrn; Doch kommt statt r ein i hinein, Wird's auf und in der Erde sein. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungscätsels in voriger Nummer r Wer jedem traut, wird leicht betrogen, Wer keinem traut, betrügt sich selbst. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.