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Wir unterhielten daher im Wohnzimmer ein großes Feuer, deckten den Tisch zum Abendessen und richteten das Zrmmer so her, daß es aus einen Mann, der eben von der Reste und aus einem schrecklichen Sturme kam, wohl einen freundlichen Eindruck machen mußte. Es schlug 10 Uhr; da hörte ich, wie sich die Hausthür öffnete. Ich lief hinaus und lag im nächsten Augenblick in mernes Vaters Armen. Es war ein herzerfreuendes Wieder- sehen und die Mutter wollte Vaters Hand gar nicht mehr loslassen. ’ „Wir sahen Dich kommen, Vater", sagte ich. „Wir waren in Shields und erkannten die Brigg schon, als sie noch nrcht größer wie eine Fliege war." ' „Wav, z>hr wäret beide in Shields?" fragte er und fah ganz gerührt von mir auf meine Mutter. „Ich kann nnr denkn, Madel, daß Dir der Atem stockte, als wir über M.,^°rre hmuberfegelten. Auf mein Wort, das war ein Ä' f ^lßtDu Annre, daß zwischen Blyth und Marsden Schiffe Schiffbruch gelitten haben und, schlecht gerechnet, über zweihundert Mann ertrunken sind? Der 20b2e ^ ganze Küste entlang bis zum Kanal. Da 1001,1 wochenlang täglich herzzerreißende Nachrichten nd doch — mir wer da sterben hat gesehn, S Nur der wird auch das Leben recht verstehn. Die Jugend, die in vollsten Pulsen schwillt, Glaubt freudig an der Erde buntes Bild. Doch wer nur einmal letzten Abschied nahm, Der geht ein andrer fort, als der er kam. Ein kühler Schauer hat sein Haar gestreift — Das ist die Stunde, da die Seele reift. Ein Schatten weist mit auSgereckter Hand Den dunklen Weg in's unbekannte Land. _________________________Ernst Zitelmann. (Nachdruck verboten.) Er versank in Gedanken, wärmte sich die Hände «m Feuer und sprach mit sich selbst. Als aber das Abendessen fertig war und wir bei Tisch saßen, erzählte er uns von dem Sturme. Ich konnte dabei meine Augen nicht von seinem Gesicht losreißen. Es schien mir, als wäre ich selbst auf dem kleinen Schiffe und sähe mit eignen Augen das schrecklichstchöne Schauspiel, das er schilderte, als hörte ich das Krachen un8 Splittern des Holzes über mir, wenn sich die Brigg unter dem dröhnenden Schlage neigte und ihr Leedeck bis zu« Großluke in dem Schaumberge vergrub, den der Wind glatt und eben fegte. Nach dem Abendessen rückten wir unsere Stühle anS Feuer. Ich stopfte meinem Vater die Pfeife und stellte Spirituosen und heißes Wasser auf den Tisch. Unterdessen sah die Magd ins Zimmer und sagte, Kapitän Salmon wäre gekommen, um sich zu erkundigen, ob des Vaters Brigg glücklich eingelaufen sei. „Ist Salmon da?" rief mein Vater. „Ja, Tom Snowdon, hier ist er!" rief eine rauhe, zrtternde Stimme. „Ich bin froh, Euch lebend und siche« im Hasen zu finden, Kapitän!" „Kommt herein, Salmon, kommt herein!" ries mei» Vater, und nun trat das seltsamste und älteste Seegewächs ein, welches damals in Newcastle oder anderswo aufzutreiben war: ein alter, vertrockneter Kapitän von 82 Jahren, der sich zur Ruhe gesetzt hatte. Sein linkes Auge war erblindet, und das andere hatte sich, als ob es ärgerlich wäre, nun alle Arbeit allein thun zu müssen, vorgedrängt und glänzte wie eine braune Glaskugel vor einem Lichte. Dichtes, schneeweißes Haar fiel an beiden Seiten des Kopfes auf den Rockkragen hinab, der Scheitel jedoch war kahl wie eine Marmorkugel. Der Verlust aller Zähne brachte sein Kinn der Nase ziemlich nahe, und Wetter, Alter und Grog hatten seine Haut einem Trommelfell ähnlich gemacht. Er trug einen langen ovüffelrock, ein großes blaues Tuch mit weißen Punkten hatte er sich um den Hals geschlungen, und als Kopfbedeckung diente ein hoher Cylinderhut, der nach der verkehrten Seite gebürstet war und an den Rändern schon kupferrot aussah. Er nickte der Mutter und mir zu, sah sich langsam um, nahm einen Stuhl, unter den er seinen Hut stellte und setzte sich dann mühsam. Mein Vater hatte ihn fast sein ganzes Leben lang gekannt — war oft mit ihm gesegelt und zweiter Steuermann auf dem Schiffe gewesen, mit dem der alte Mann seine letzte Reise gemacht hatte. Salmon war erst Leichterschiffer, dann Matrose gewesen. Er hatte sich etwas Geld erspart, das er in Küstenfahrern angelegt, sobald er selbst ein Kommando bekam. Alle seine Verwandten hatte er begraben und lebte nun allein in einem kleinen Häuschen draußen an der Northumberland-Straße, 18 — kochte selbst seine Mahlzeiten und räumte eigenhändig seine Wohnung auf. „Ich habe bei Ben Stephenson eine Pfeife geraucht", sagte er mit einer Stimme, die man kaum ohne Lachen anhören konnte, „aber ich wollte nicht heimgehen, ohne nachzufragen, ob man etwas von Euch gehört hat. Das war ein harter Sturm, mein Junge! Was für'n Schiff war's? Eine Brigg?" „Die ,Gräfin Durham'," antwortete mein Vater und gab mir einen Wink, dem alten Manne einen steifen Grog zu mischen. „Die kenne ich ganz gut", quackte der alte Bursche und folgte dabei mit seinem einzigen, glänzenden Auge allen meinen Bewegungen. „Was für Wetter hattet ihr?" „So, so!" rief mein Vater und stieß eine Rauchwolke «ms. „Wir waren in Ballast, und das Schiff war so rank tote ein Kreisel, der sich ausgetanzt hat. Die Vormarsstenge ging zum Teufel und nahm den Klüverbaum mit. Salmon, einen ärgern Sturm habt Ihr noch nicht durchgemacht. Mann, ich sage Euch, er stand tote eine Mauer." Der Alte that einen langen Zug aus dem dampfenden Glase und sah sich dann mit einer ziemlich sauren Miene im Zimmer um, als ob dieser Vergleich mit seinen eigenen Erfahrungen nicht nach seinem Geschmack wäre. Als sein Blick endlich auf meine Mutter fiel, sah er sie nachdenklich an und sagte: „Liebe Frau, jetzt müßt Ihr Tom Snowdon veranlassen, die Seefahrerei aufzugeben. Er hat sein Schäfchen ins Trockene gebracht und kann nicht verlangen, daß Ihr Euch bei jedem Sturm halb zu Tode ängstigen sollt." „Wenn er wüßte, was Jessie und ich diese Nacht und heute morgen durchgemacht haben", erwiderte sie und blickte Hren Mann liebevoll an, „so würde er nie wieder ein Schiff anfehen." „Annie, mein Herz", sagte der Vater feierlich, „Du sollst Leinen Willen haben. Jetzt gebe ich das Seefahren für immer auf. Der alte Ozean soll mir keine solchen Streiche mehr spielen. Mein Kabel ist abgelaufen. Von nun an bleibt Tom Snowdon an Land." Die Pfeife zitterte in seiner Hand, als er zuerst meine Mutter und oann mich anblickte; sein wettergebräuntes Gesicht zuckte vor innerer Bewegung, und er sprach mit gebrochener Stimme. Meine Mutter sprang auf und schlang die Arme um seinen Hals, und als sie ihn genug geherzt hatte, kam ich an die Reihe. Trotzdem er schon oft versprochen hatte, sich zur Ruhe zu setzen und doch immer wieder zur See gegangen war, so merkte man doch, daß es ihm diesmal heiliger Ernst war. „O Tom", sagte meine Mutter, „das ist eine rechte Freudenbotschaft." „Aber haltet auch Euer Versprechen", rief Kapitän Salmon aus, indem er sein Glas mit einer Hand erhob und seinen langen, hornartigen Zeigefinger darüber legte. „Ich kenne die Seeleute. Ich weiß, wie ich war. Kein Kabeltau ist lang und stark genug, um eine echte, rechte Teerjacke an Land festzuhalten. Die See hat eine unwiderstehliche An- zichungskraft, und er wird schon eine Ausrede zum Entwischen finden, liebe Frau", wandte er sich an meine Mutter, „wenn Ihr ihn nicht fest und kurz haltet." „Keine Furcht, Salmon; keine Furcht, Annie", antwortete mein Vater, noch immer tief bewegt. „Ms ich gestern nacht luvwärts in die pechschwarze, tobende Schaumslut sah und daran dachte, was die, die ich in dem alten Hause zurückgelassen, wohl fühlten, wenn sie den Sturm so heulen hörten, da sagte ich zu mir selbst: „Thomas, wenn Gott der Allmächtige dich noch diesesmal glücklich heimführt, dann machst du ein Ende und gehst nicht mehr zur See, sondern bleibst zu Hause. Du wirst dich zwar nach dem freien Leben hier draußen sehnen und deine Gedanken auf Reisen gehen lassen, aber du wirst deinen Lieben gegenüber deine Pflicht erfüllen. Du wirst es ihnen ersparen, noch einmal solche Herzensangst zu durchleben und wirft Vergnügen und Unterhaltung auf dem Lande suchen. Auf die Knie wirst du fallen und Gott danken, daß du dich nach 47jährigem Seedienst als gesunder Mensch mit geraden Gliedern, gutem Appetit und Humor und mit etwas Geld im Kasten zur Ruhe setzen kannst, sodaß dir die Gerichtsvollzieher stets zehn ^ritt vom Leibe bleiben." Das waren meine Gedanken, und hier sitze ich nun, danke Gott und bin fest entschlossen. — Nein", rief er mit großer Energie und heftigem Kopfschütteln aus, „Ihr sollt sehen, ich werde nicht anderer Meinung. Hier bin ich und hier bleibe ich. Ich brauche Ruhe und will sie genießen." Dann steckte er wieder die Pfeife in den Mund und rauchte schnell und förmlich herausfordernd. Dabei sah er Kapitän Salmon unverwandt an, als wollte er sagen, wenn wir an seine Aufrichtigkeit glaubten, so sollte der alte Mann es auch thun. „Kein Mann, der Gatte und Vater ist, sollte auf der See bleiben, sobald er Geld genug erspart hat, um sie aufgeben zu können", sagte meine Mutter. „Giebt es ein gefährlicheres Leben? Und welche Ehre bringt es einem Manne ein, Seemann zu sein? Letzte Nacht und heute, Tom, hast du schrecklicheren Gefahren getrotzt, als irgend ein Soldat auf dem Schlachtfelde. Und welchen Lohn bekommst du dafür? Wenn du dein Schiff verlierst, so kann es sein, daß sie dir dein Patent nehmen, und wenn du arm bist, so kannst du dann betteln gehen. Wenn du ertrinkst, bricht deinem Weibe das Herz, und deine Tochter ist eine verlassene Waise. Wenn du aber wohlbehalten nach Hause kommst, so verliert niemand ein Wort darüber, niemand nimmt Notiz davon, niemand lobt dich wegen deines Mutes und deiner Geschicklichkeit". „Das ist alles wahr", erwiderte mein Vater und schüttelte gedankenvoll den Kopf, indem er nach dem alten Salmon blickte. „Kein Leben ist undankbarer, als das des Seemanns. Die Leute auf dem Lande haben kein Interesse für Janmaat, verstehen ihn nicht und mögen sich nicht mit ihm befreunden. Sein Sold ist armselig, und er arbeitet für sein Leben und seiner Dienstherren Gewinn. Wenn er stirbt, so giebt man ihm den letzten Stoß; niemand weint ihm nach, und die Ringe und Blasen im Wasser, nachdem die Hängematte, in die man ihn genäht hat, über Bord gegangen ist, sind das einzige wahre Bild von eines Seemanns Leben und Tod". Kapitän Salmon hörte regungslos zu, und nur feine Unterlippe bewegte sich. „Aber Seeleute werden doch auch geliebt, Vater", sagte ich schüchtern. „Zu jeder Stunde, Tag und Nacht, beten Tausende treuer Herzen für die Seeleute, die unterwegs sind." „Nun, das weiß ich noch nicht so genau, mein Mädel", rief der alte Salmon plötzlich aus. „Es wird zwar sehr gefühlvoll über uns Seeleute gesprochen, und es werden mehr Lieder auf uns gedichtet, als ich singen hören möchte, und wenn ich bis zum Jahre 1895 lebte. Ml dies Gewäsch über den Janmaat ist aber erst aufgekommen, seitdem ich zur See ging. Früher war ein Seemann ei« Seemann, nicht blos ein Mann in einer blauen Jacke. Ter Dampf hat die Leute verdorben. Da sie immer warm im Maschinenraum sitzen, ist ihre Gesundheit so zart geworden, daß sich die Weiber hingesetzt haben, und Gedichte über sie schreiben, und, wie Fräulein Jessie hier, von den treuen Herzen reden, die ihnen überallhin folgen." „Ich wundere mich, Kapitän Salmon, daß Sie so etwas sagen können, wenn Ihnen ein Seemann wie mein Tom zuhört", sagte meine Mutter ziemlich aufgeregt, und sah meinen Vater an, dessen Gesicht von schlecht verhehlter Lustigkeit glänzte. „Entschuldigen Sie, Frau Snowdon", sagte der alte Mann ziemlich scharf und hiell sein Glas krampfhaftsiest; „wenn auch fünfzig Seeleute wie Tom Snowdon hier wären, so würde ich meine Behauptung wiederholen, ohne Widerspruch -zu fürchten. Ich kannte Ihren Mann lange, ehe Sie ihn kannten, Madame, und bitte, es nicht übel zu nehmen, aber ich kann nichts dafür. Tom Snowdon und ich haben zusammen in Schiffen gesegelt, die versunken und untergegangen sind. Sie können dreist zehntausend Pfund bieten, um nur noch einen Kupferbolzen zu sehen, der dazu gehörte; es wäre vergebens. Niemals, wieder! zu meiner Zeit, noch vor oder nachher wird's einen bessern Seemann geben als Tom Snowdon. Das kann er meines wegen hören. Aber wenn er auch zuhört, so werde ich doch nichts sagen, was ich nicht meine. Ich sage Ihnen, Madame, jetzt sind die Seeleute nicht mehr,. was sie zu meiner Zeit waren. Sehen Sie 'mal die Schiffe an, dte sie jetzt bauen. Stellen Sie sich 'mal an den Lawe hm 19 — und sehen Sie zu, wenn die eisernen Kasten vorbeischwim- men. Der Bug ist so in die Höhe gestülpt, als ob er sich der Stengen schämte, die Sie Masten schimpfen. Mittschiffs sind diese Bauwerke so schmal, daß ein Mann mit etwas langen Beinen mit einem Fuß aus jeder Seite stehen könnte. Und dann seh'n Sie sich 'mal die innere Einrichtung an und schauen Sie, wie die Teerjacken mit schwarzen Gesichtern sich in den Kohlenkellern ihr Brot verdienen." (Fortsetzung folgt.) Sittenbilder aus China. (Nachdruck verboten.) I. Der Kaiserund derHof. „Sintemal am fünften Tage des Mondes (12. Januar) in der Aeo-Stunde (5 Uhr abends) Seine Erhabenheit der Kaiser aus diesem Leben geschieden und auf einem Drachen in die Höhe gefahren ist, wurde das gnädige Mandat der Kaiserin-Witwe und der Kaiserin-Mutter von uns ehrfurchtsvoll ausgenommen, das uns auferlegte, die große Erbfolge anzutreten. Zur Erde gebeugt, klagten wir dem Himmel unfern Kummer, vergeblich unsere Hand im Jammer ausstreckend ... In Worten können wir die Trauer nicht zum Ausdruck bringen, die unser Herz durchdringt und sich in blutigen Thränen ausdrückt." So hieß es in dem Edikt, in ivelchem der gegenwärtige Kaiser von China im Jahre 1875 den Thron bestieg. Er war damals vier Jahre alt. Aber seine zarte Jugend war wohl seine vornehmste Anwartschaft auf die Thronfolge — wenigstens in den Augen der herrsch- und ränkesüchtigen „Kaiserin-Witwe", die sich wiederum zur Regentin hatte ernennen lassen, wie sie es unter seinem Vorgänger gewesen war. Tsu-Hsi war nie eigentliche Kaiserin gewesen, sondern nur ein Nebenweib dritten Ranges des Kaisers Hsien-Fung, der 1861 starb. Wie ihn der Tod ereilte, darüber konnte wohl nur ihre Majestät Thu-Hsi Auskunft eben, die nun zusammen mit einer anderen Gattin, aber auch nicht Haupt-Gemahlin des Kaisers — deren ganz jungen Sohn Tung-Chi nominell zum Kaiser ausrief, selbst aber die Regentschaft ausübte. Im Jahre 1873 wurde der Kaiser volljährig, übernahm die Regierung und nahm sich auch eine Gattin oder mehrere. Sobald sich die älteren Kaiserinnen auf diese Weise etwas in den Hintergrund gedrängt sahen, fing der Kaiser auch bald zu „kränkeln" an und starb 1875, nachdem sich die beiden vormaligen Regentinnen ihr Amt aufs neue hatten übertragen lassen. Seiner jungen Witwe wurde nun nahegelegt, wie geziemend es sein würde, wenn sie in ihrem unheilbaren Schmerze um den Gatten sich selbst den Tod geben würde. Ob sie die Sache wirklich in dem Lichte aufgefaßt, wird wiederum Tsu-Hsi am besten wissen. Jedenfalls wurde es offiziell so der Welt kuudgethan und ihre edelmütige Hingabe weit und breit gepriesen. Recht gelegen mochte der Kaiserin Tsu-Hsi auch wohl der Plötzliche Tod ihrer Mitregentin kommen. Wenigstens wird berichtet, daß die beiden Damen einen gar heftigen Streit mit einander gehabt. Den offiziellen Hofnachrichten zufolge hauchte die Kaiserin-Mutter ihr Leben in einem Wutanfall aus. Inzwischen war ein Neffe der Verstorbenen, deren Schwester einen der Brüder des verstorbenen Kaisers geheiratet, unter dem Namen Kwang-Hsu — denn bei der Thronbesteigung findet ebenso wie beim Tode stets ein Namenswechsel statt — der gegenwärtige Kaiser auf den Thron berufen, dessen Eingangs erwähntes Edikt sich in der Abfassung gewiß in nichts davon unterscheidet, wie sie bei dergleichen Schriftwerken in China zu Zeiten Abrahams und seither stets üblich gewesen. Der junge Kaiser, der vor lauter Heiligkeit zur Puppe herabgesunken, wuchs auf in dem goldenen Käfig der für dre Außenwelt streng „verbotenen" Tartaren-Stadt und bei solcher Abgeschlossenheit ist es denn erklärlich, daß int allgemeinen niemand über das Land mangelhafter unterrichtet tst als derjenige, der es zu beherrrschen berufen. Er verläßt bte Tartarenstadt nur sehr selten, wenn er im Tempel des Hunmels Opfer bringt. Und dann müssen alle Fenster und schüren der Straßen, durch die er kommt, verschlossen und verhängt werden. Wer sich aut der Straße befindet, muß sich zu Boden werfen, und wer aufblickt, ist des Todes. Doch Kwang-Hsu mag em Schwächling fein und ist, wie es heißt, von tiefer Melancholie niedergebeugt, aber im übrigen erfreut er sich eines sehr guten Rufes. Im Jahre 1889 übernahm er, wenigstens nominell, die Zügel der Regierung und begann sogar mit Hilfe des bekannten aufgeklärten Kaug-Au-Wei tiefgreifende Reformen zu planen. Indessen er hatte ohne die Kaiserin-Witwe gerechnet. „Was, an den Einrichtungen unserer Vorfahren rütteln?" rief sie, und das ganze Beamtentum, das in den zerrütteten Verhältnissen der allgemeinen Bestechlichkeit ein gutes Auskommen findet, rief es ihr nach. Kang-Du-Wei entkam noch zeitig nach Schanghai, aber sechs seiner Verwandten, denen nichts nachzusagen war, als eben diese Verwandtschaft, und vierzehn Männer aus der nächsten Umgebung des Kaisers wurden sofort hingerichtet. Der Kaiser selbst suchte zu entfliehen. Er kam bis an das Thor der „verbotenen Stadt", wo er sich plötzlich von einer Schar von Eunuchen der Kaiserin umringt sah. Sie wagten nicht, an feine geheiligte Person Hand anzulegen. Auf ihren Knien umlagerten sie ihn aber in solchen Massen, daß er sich schließlich genötigt sah, wieder umzukehren. Er wurde nun in noch strengerem Gewahrsam gehalten, wenn, auch sein Gefängnis wohl immer noch „goldig" genannt werden durfte. Aber wir können uns kaum wundern, wenn es nun bald hieß, daß auch dieser Kaiser „zu kränkeln" angefangen, und nach einiger Zeit eröffnete „er selbst" seinem Volke, daß er an einer unheilbaren Krankheit leide und die geheiligte Majestät der Kaiserin-Witwe ersucht habe, einen Nachfolger für ihn auszuwählen. In ihrer „superlativen Güte" und auf wiederholtes Drängen des Kaisers hatte die edle Frau sich denn auch endlich bereit gefunden, den jungen Sohn des Prinzen Tuan zum Erbfolger zu erlesen, einen Entschluß, den der Kaiser „mit unaussprechlicher Freude" aufnahm. Prinz Tuan war es bekanntlich, der zur Zeit der jüngsten Wirren in Peking die Regierung an sich gerissen und den Angriff auf die Gesandtschaften leitete. Sein Sohn wird gewiß niemals Kaiser werden. Wohl aber dürfen wir hoffen, daß die europäischen Mächte ein Mittel finden werden, den noch lebenden Herrscher von dem „Leiden" zu befreien, von dem er, wie feine Vorgänger befallen, daß die Tage der Kaiserin-Witwe selbst gezählt sind, jedenfalls aber ihre Macht auf immer dahin ist. Das gegenwärtige Herrscherhaus Chinas ist dasjenige der Mandschuren, die im Jahre 1644 das Land eroberten. Von dieser Zeit her stammt auch erst der Zopf, der als ein Zeichen der Anhänglichkeit an die neue Dynastie anfangs mit so großem Widerstreben von den Chinesen angenommen, heute aber längst ihren ganz besonderen Stolz bildet. Die Mandschuren-Damen unterscheiden sich von den Chinesinnen noch dadurch, daß sie sich niemals zu den in China üblichen Verkrüppelungen der Füße bequemt haben. Auch dürfen noch jetzt keine ehelichen Verbindungen zwischen den beiden Völkerschaften geschlossen werden, und so sind auch die Gemahlinnen und Nebenweiber des Kaisers und" selbst alle Dienerinnen des Palastes ausschließlich Mandschurinnen. Doch herrscht in unseren Tagen sonst kein großer Unterschied mehr zwischen Mandschuren und Chinesen, indem die Eroberer im wesentlichen die Anschauungen und Sitten des m der Zivilisation doch höher stehenden eroberten Landes angenommen haben. Der Kaiser ist „der Sohn des Himmels", „der höchste Herrscher", „der Heilige und Erhabene", „der himmlische Herrscher", „der Buddha der Gegenwart, „der Herr". Ja, er ist „dem Himmel und der Erde ebenbürtig" und bildet mit ihnen zusammen eine Dreieinigkeit, ist aber selbst wieder der Höchste von allen Dreien, wie er ja auch die Macht hat, andere Götter im Rang zu erhöhen und zu erniedrigen. Freilich mit den Göttern hat es in China eine eigene- Bewandnis. Sie sind von geringem Belang. Nur die Buddhisten und Taoisten haben sich solche zurecht gemacht; und die Konfueianer glauben eigentlich nur daran, insofern sie gleichzeitig auch der Buddhistischen ober Taoistischen Religion — oder beiden — angehören. Konfucius aber lehrt: Man solle sich eines moralischen Lebenswandels'befleißigen, und die Voreltern ehren, aber sich nicht um das Uebematür- liche kümmern, seien es Götter, Engel oder Teufel. Wilh. F. Brand. 20 — Der Garten im Januar. (Nachdruck verboten.) Abwärts ging's bislang. Das Sonnenlicht wurde immer kürzer und schwächer, jetzt geht es wieder bergauf, es nimmt von Tag zu Tag die Menge des Lichtes zu, und wenn auch knarrender Frost die Pflanzen gefangen hält: wir wissen, es beginnt mit der steigenden Sonne zaghaft und leise zwar anfangs, aber doch sicher ein neues Leben. Und wie es in der Natur beginnt sich langsam vorzu- bereiten auf den kommenden Frühling, so beginnen auch wir in dem Monat, der am schroffsten und härtesten jedem Pflanzenleben entgegenzutreten scheint, energischer zu planen und vorzubereiten. Wir stellen die Bepflanzungstabelle für unseren Garten zusammen. Wir sehen unseren Samen durch, wir prüfen ihn auf seine Keimfähigkeit, wir stellen Berechnungen an über das, was unser Garten uns im neuen Jahre kosten darf und das, was er einbrigen muß. Aus Grund dieses Planens benutzen wir eventuell mildes Wetter zum Rigolen für Kulturen, die es notwendig haben: Spargel, Himbeeren rc. Wir decken noch zu rigolendes Land mit Mist zu, damit es nicht einfrieren soll. Wir bringen unsere Geräte in Ordnung, wir setzen das Ausästen zu dichter Obstkronen, das im vorigen Monat begann, fort. Wir fangen an, Edelreiser zu schneiden sür die dem- nächstige Veredelungszeit, düngen mit Kloake und flüssigem Tung auf den Schnee, setzen unsere Komposthaufen um und suchen durch das Abhauen der Heckenkirsche (Lonicera tatarica) der Kirschenmade Abbruch zu thun, durch das Verbannen des Wacholders (Juniperus) und anderer Juniperus-Arten aus der Nähe der Birnbäume den Gitterrost der Birnen unmöglich zu machen. Hasen und Kaninchen sind unseren Obstbäumen so schädlich wie Kirschenmade und Birnenrost/ auch ihnen gilt unsere Abwehr. Bei stärkerem Froste sind die Gemüseräume auf ihre Widerstandsfähigkeit zu untersuchen. In warmen Kellern werden Champignonbeete angelegt. Es beginnen die Vorbereitungen zur Anlage des ersten Mistbeetkastens, welcher zur Aussaat von Radies, Karotten und Salat benutzt werden soll. Wir fertigen Strohdecken, damit der Kasten den nötigen Schutz erhalten kann. Fürs Zimmer hat uns das Weihnachtsfest herrliche Blumenspenden gebracht. Die blühenden Azaleen und Ka- rnellien, die blühenden Flieder, Maiblumen und Rosen, das was an Hyacinthen, Tulpen, Christrosen und anderen Sachen den Weihnachtstisch geschmückt hat, soll erhalten und gefördert werden. Da heißt es Vorsicht! Nicht zu warm und auch nicht zu kühl, 8 bis 12 Grad R., aber hell sollen alle diese Pflanzen stehen. Die Azaleen, die Kamellien und die Rosen sind öfters zu überbrausen, alle Pflanzen verhältnismäßig stark zu gießen, weil die trockene Zimmerluft den Blättern viel Feuchtigkeit entzieht. Alle Zwiebelgewächse können nach der Blüte halbtrocken hingestellt werden, der Flieder aber muß in einem kühlen, Hellen Raume Unterkunft erhalten, damit er hier sich erhält und tauglich bleibt zum Auspflanzen im Frühjahr. Auch der Rose wird gleiche Behandlung zu teil, und mit den Azaleen kann man es ebenso machen. Die Kamellie muß im warmen Zimmer bleiben. Unsere eigene Treiberei im Zimmer nimmt jetzt lebhaften Fortgang. Mit Ausnahme des Schneeglöckchens können wir alles zum Treiben hereinbringen. Wir vermögen uns ein kleines niedliches Sträußlein von Blüten sogar zu schaffen, wenn wir Zweige mit Blütenknospen von Flieder, von Forsythien, von Kornelkirschen, vom gefüllten Pflaumenbaum (Prunus triloba), vor allem aber von der Spiraea prunifolia abschneiden und in ein Wasserglas stellen. Im Wohnzimmer heißt es sonst mehr wie vorher mit dem Zerstäuber in der Hand kultivieren. Nur wo genügend feuchte Luft um die Pflanzen herum geschaffen wird, können wir ihre Blätter .gegen die Ungeziefermengen schützen, deren Fortpflanzung und Vermehrung durch die Ofenwärme aus das äußerste gefördert wird. • I. C. Schmidt, Erfurt. Gemeinnütziges. Bei der herrschenden Kälte ist eine gute Suppe stets willkommen. Sie wärmt und kräftigt ganz anders als alkoholische Getränke, welche nach scheinbarer, momentaner Erholung erschlaffend auf Gehirn- und Herzthätig- keit wirken. Ist keine Fleischbrühe zur Stelle, so verwende man die auch von Aerzten empfohlenen Maggi'schen G; müse- und Kraftsuppen, mit welchen sich für billiges Gela in wenigen Minuten, nur mit Wasser gekocht, ganz vorzügliche Suppen in mehr als 30 Sorten Herstellen lassen. Der ed'elste deutsche Apfel ist der Gravensteiner. Das weiß bei uns jung und alt; mag es auch sonst mit der Pomologie bei unseren Hausfrauen, bei unseren Obst- essern schlecht bestellt sein, den Gravensteiner kennt jeder, und sein Name klingt sogar dem wählerischen Feinschmecker lieblich in die Ohren. Da ist es nun interessant Genaues über die Herkunft und Zucht dieser edlen Frucht zu hören. Anbauorte sind vor allen Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Pommern, auch noch die angrenzenden Länder, aber am gesegneten Rhein z. B. fühlt der Gravensteiner sich nicht wohl, er wird dort zum minderwertigen Sommerapfel. Der Baum wächst stark und liebt reichlichen Feuchtigkeitsgehalt der, Luft und des Bodens; das Grundwasser sollte nicht tiefer als 2,50 Meter stehen, andernfalls muß reichlich bewässert werden. Der Gravensteiner trägt leider meist nicht vor dem 12. bis 15. Jahre und dann auch nicht sehr regelmäßig. Diese Eigenschaft muß vor Massenanpflanzung abhalten, trotzdem die Früchte stets die gesuchtesten am Markt sind und sehr hoch bezahlt werden. Wer sich für den Gravensteiner näher interessiert, dem sei empfohlen, sich die neueste Nummer des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau, Frankfurt a. Oder — die vom Geschäftsamt desselben gern umsonst versandt wird — kommen zu lassen. Sie enthält auf Grund der Mitarbeit zahlreicher Obstbau-Autoritäten eine ausführliche Darstellung der Anbaubedingungen und Ansprüche dieser vielbegehrten Sorte, die mit Recht eine deutsche genannt wird, da sie nur hier ihre wunderbare Saftigkeit und ihr Aroma erreicht. Reinigung von Lederhandschuhen. Eine sehr gute Mischung zur Waschung unsauberer Lederhandschuhe besteht in einem halben Liter gereinigtem Benzin, dazu 2 Gramm Schwefeläthtzr, 4 Gramm Spiritus und einem Guß Eau de Cologne. Man gießt alle diese Ingredienzen zusammen, schüttelt sie gut um und wäscht die Handschuhe darin, darauf spült man sie je nach Bedarf ein- oder mehreremale. Alsdann legt man sie auf reine Tücher, zieht die Finger recht aus, sodaß die Handschuhe gute Form zeigen, und reibt sie mit einem anderen Tuche ziemlich trocken. Dabei bleibt das Leder ganz weich. Danach läßt man die Handschuhe in der Luft trocknen. Rätsel. Ein Dörfchen ist's im Hessenland, Nicht ruhmreich, daher unbekannt; Doch nimmst du flugs den Kopf ihm fort. Umkreist als Raubtier es den Ort. Noch 'nen Kopf kürzer, und als Maß Beut es dem Landmann Frucht und Gras. Schlügst du nun gar den Fuß ihm ab. So wird sein Umfang freilich knapp; Doch folgt als Führer ihm alsdann Ein Zug von vierundzwanzig Mann. Ch. Auflösung in nächster Nummer. Zahlen-Diamanträtsel. Nachdruck verboten. 1 Konsonant. 7 2 6 Tier. 4 5 8 2 7 Stadt in Schlesien. 1 2 8 4 5 6 7 Zeitabschnitt. 3 7 5 6 1 Vorfahre. 5 6 7 Nebenfluß des Rheins. 7 Konsonant. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kolüelrätsels in vor. Nr.: Neujahrsgratulanten. Redaktion: