1901. —- W. 176. Sonnlag den 8. Dezember. ♦ft WWW ■ it jedem Hauch cuiflieht ein Tci! des Lebens; Nichts beut Ersatz für das, was du verloren, Drum suche früh ein würdig Ziel des Strebens. Es ist nicht deine Schuld, daß du geboren. Doch deine Schuld, wenn du gelebt vergebens. Fr. Badenstedt. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold O r t m a n n. (Fortsetzung.) „Verzeihen Sie, wenn ich mich ungeschickt ausgedrückt habe. Aber schon die Rücksicht ans die peinliche Lage, in der ich mich befinde, sollte die Bedenken besiegen, welche Sie allem Anscheine nach an einer freimütigen Aussprache verhindern. Sie wissen, daß meine Braut unser Haus unmittelbar vor der Hochzeit, und ohne jede Angabe von Gründen verlassen hat, daß ich ihren gegenwärtigen Aufenthalt nicht kenne, und nicht ahne, welcher Art die ersten Nachrichten sein werden, die ich von ihr erhalte. Ich will nicht von meinem eigenen Seelenzustande sprechen; denn es ist nicht Ihr Mitleid, an das ich apelliere. Aber Sie bedenken vielleicht nicht, daß hier die Ehre einer ganzen Familie, und vor allein die Ehre der Entflohenen selbst der Vernichtung durch alle boshaften Lästerzungen der Stadt preisgegeben sind. Mir fällt die Pflicht zu, : sie zu verteidigen, und ich bin zu jedem Kampfe bereit, den ich nicht auf Kosten meiner Selbstachtung führen müßte. Andeutungen und Verdächtigungen aber, wie es die Ihrigen sind, müssen mich von vornherein zweifelhaft machen, ob ich mich überhaupt noch! zum Schützer von Felicia Rubarth's Ehre machen darf. Sicherlich wäre es Ihr gutes Recht gewesen, gänzlich zu schweigen; aber Ihr eigenes Gewissen mag Ihnen Antwort geben auf die Frage, ob Sie berechtigt sind, mich auch jetzt noch in dieser durch Sie selbst hervorgerufenen Ungewißheit zu lassen." 'Sier Assessor hatte vollkommen höflich, doch mit Nachdruck und tiefem Ernst gesprochen. Sicherlich hatte er eine andere Wirkung seiner Worte erwartet, als sie sich in Doktor Hermann Müllers Entgegnung offenbarte; denn schon bei dem ersten Satze dieser Erwiderung stand er auf, um eine sehr gemessene Haltung anzunehmen. „Ich kann nur wiederholen, was Sie bereits gehört haben", sagte der Arzt, „die auffallende Aehnlichkeit des Bildes, das ich auf dem Schreibtisch Ihres Vaters fand, mit einer itttt bekannten Dame machte mich betroffen, und ich habe mich, wie es scheint, nicht hinlänglich beherrscht, um diese Betroffenheit vor den Augen des Fräuleins Ignatius zu verbergen. Ich war in jenem Augenblick überzeugt, wirklich ein Portrait meiner — meiner Bekannten in den Händen zu halten; aber die Mitteilung, daß das Original der Photographie Ihre Braut sei, machte mich wieder in so hohem Maße unsicher, daß ich einen bloßen Zufall jetzt für ebenso wahrscheinlich halte, als er mir wünschenswert wäre. Volle Gewißheit freilich könnte mir nur eine persönliche Begegnung mit Fräulein Rubarth geben, und bis zu dem Augenblick, wo diese erfolgt sein wird, müssen Sie sich eben mit meiner jetzigen Erklärung begnügen." „Und Sie wollen mir den Namen jener angeblichen Doppelgängerin nicht nennen, wollen mir nicht sagen, wo und unter welchen Umständen Sie sie kennen gelernt haben?" „Das eben ist es ja, was ich Ihnen nicht sagen kann. Und Sie dürfen mir glauben, Herr Assessor, daß ich die allertriftigsten Gründe dafür habe." „Es muß ivohl so sein. Entschuldigen Sie also, daß ich Sie belästigt habe. Die Wahrheit wird ja, wie ich hoffe, auch ohne Ihre Mitwirkung zu ermitteln sein." Eisig kalt, und mit einer gewissen Schärfe hatte Herbert diese Worte gesprochen. Er verbeugte sich leicht, und ging, ohne dem Arzte die Hand zu reichen, zur Thür. Merklich unwillig wandte er den Kopf, als Hermann Müller ihn zurückhielt. „Gestatten Sie mir noch eure Bitte, Herr Assessor! Es war selbstverständlich, daß ich Ihrem Herrn Vater gestern abend den ersten Beistand leistete. Aber ich habe nicht den Wunsch, störend in die Praxis meiner hiesigen Kollegen einzugreifen, zuinal da sich meine Thätigkeit ja in einer ganz' anderen Richtung bewegen soll. Sie würden mich also zu Dank verpflichten, wenn Sie die weitere Behandlung des Patienten in die Hände desjenigen Arztes legten, den Sie sonst zu Rate zu ziehen pflegen." „Das heißt, Sie möchten der Notwendigkeit überhoben sein, noch einmal zu uns zu kommen?" „Wenn Sie dieser Erklärung vor der meinigen den Vorzug geben wollen, so habe ich keinen Anlaß, Ihnen zu widersprechen." Der Assessor verbeugte sich noch einmal. „Ich iverde nach Ihrem Wunsche Verfahren,. Herr Doktor! Hoffentlich befindet sich irtetit Vater bald in der Lage, Ihnen hier in eigener Person für die geleistete Hilfe zu danken. Er wird dazu jedenfalls besser imstande sein, als ich es in diesem Augenblick vermöchte." Die Thür fiel hinter ihm zu, und Hermann Müller klingelte nach dem Diener, der ihm fein Morgenbad fyen richten sollte. Der treuherzige, flachsblonde Mecklenburger, den er gleich nach der Ankunft in Deutschland in seinen Dienst genommen hatte, und der ihm mit einer geradezu rührenden Anhänglichkeit ergeben war, trat kopfschüttelnd über die Schwelle. ‘ , „Nun, was ist's, Pining?" fragte der Arzt. „Was. setzt Sie denn so in Verwunderung?" 702 „Mr Herr Doktor entschuldigen — aber der Herr, der eben hier war, muß ja verdeubelt fuchtig gewesen sein. Ein Gesicht machte er beim Hinausgehen, als wenn er gleich die ganze Welt übern Haufen schießen wollte." „Sie sollten sich nicht auf derartige physiognomische Studien einlassen, Pining! Machen Sie mir jetzt mein kaltes Bad zurecht, und sorgen Sie für das Frühstück! Ich möchte drüben im Hauptgebäude sein, bevor die Handwerker kommen." Nm neun Uhr vormittags erschien Herbert Ignatius im Bureau der Staatsanwaltschaft, um seinem höchlichst erstaunten Vorgesetzten zu erklären, daß wegen der plötzlichen Erkrankung seines Vaters der Termin der Hochzeit verschoben worden sei, und daß er deshalb den ihm bewilligten Urlaub vorläufig nicht antreten werde. Eifriger als je vertiefte er fich in seine Arbeit, und in später Abendstunde erst kehrte er nach Hause zurück. Hilde beantwortete seine Frage nach dem Befinden des Vaters durch die Mitteilung, daß der Kranke den ganzen Tag mit wenig kurzen Unterbrechungen in einem Dämmerzustände hingebracht habe, den man auf die Weisung des alten Hausarztes nicht habe stören dürfen. Ein paar Mal sei er wohl zu klarem Bewußtsein erwacht, aber die Erinnerung ,ait die letzten Ereignisse vor seiner Erkrankung fei ihm offenbar auch in diesen Augenblicken nicht zurückgekehrt; denu er habe fich ohne weiteres zufrieden gegeben, als man ihm auf seine Frage nach Felicia erklärte, sie würde durch, ein strenges ärztliches Verbot von seinem Krankenlager fern gehalten. „Lauge aber toerbett wir diese Täuschung natürlich nicht aufrecht erhalten können", fügte das junge Mädchen bekümmert hinzu, „der Sanitätsrat glaubte mir gewiß etwas recht Tröstliches zu sagen, als er versicherte, daß auch, das jetzt noch fehlende Erinnerungsvermögen morgen wieder vorhanden sein werde. Und wenn diese Prophezeiung zutrifft, welche Unwahrheit sollen wir dann ersinnen, um den Vater zu beruhigen, und ihn vor neuen Aufregungen zu schützen? Tu hast ja noch immer nichts von Felicia gehört — nicht wahr?" „Nein — nichts! Wer sie hat mir in ihrem Abschiedsbriefe Nachricht versprochen, mtb ich zweifle nicht, daß sie Wort halten wird. Bis dahin bleibt uns eben nichts anderes übrig, als geduldig zu warten." „Wenn ich nur begreifen könnte, Herbert, wie Du bei alledem so ruhig und gefaßt bleiben kannst! Wenn ich an Deiner Stelle wäre, ich glaube, ich würde über der Qual dieser Ungewißheit den Verstand verlieren. Es gießt doch gewiß gar nichts Schrecklicheres, als die Angst, einen Menschen zu verlieren, den mau von ganzer Seele liebt." „Tarin. magst Du wohl recht haben, meine liebe Hilde", sagte er bitter. „Einen Menschen zu verlieren, den man von ganzer Seele liebt, ist wahrhaftig die schwerste aller Prüfungen. Ich habe es hinlänglich erfahren. Aber es kommt jetzt am allerwenigsten auf mich und auf meine Empfindungen an. Tie Gesundheit des Vaters ist bei weitem das Wichtigste, und wir dürfen selbst vor einer Notlüge nicht zurückschrecken, wenn es gilt, sie zu schonen." „Hätten wir nur jemand, der uns darin raten und beistehen könnte! Dem Sanitätsrat dürfen wir uns nicht anvertrauen; denn wir könnten es ebenso gut gleich auf die Straße hinaus schreien. Weißt Du auch, Herbert, daß ich heute mehr als einmal nahe daran war, dem Doktor Müller zu schreiben, und ihn trotz der angeblichen Absage um fernen Besuch zu bitten; denn außer der Mutter und Dir ist er der einzige Mensch auf Erden, zu dem ich rückhaltloses Vertrauen habe." Der Assessor runzelte die Stirn, und in rauherem Ton, als sie ihn von ihm zu hören gewöhnt war, fiel er der Schwester in die Rede: . „Laß Dir's nicht einfallen, Hilde, jemals etivas Derartiges zu thun. Mit diesem Herrn sind wir vorläufig fertig, uud wenn ich mit ihm noch einmal in persönliche Berührung kommen sollte, so dürfte sie für ihn nicht allzu erfreulich ausfallen. Es war schlimm genug, daß mrr die Rücksicht auf die Dienste, die er dem Vater gemistet hat, verbot, seine Handlungsweise schon heute mit dem rechten Namen zu bezeichnen." ' Sie waren der Thür des Krankenzimmers zu nahe gekommen, als daß Hilde noch hätte wagen dürfen, einen lauten Widerspruch zu erheben. In ihren Augen aber war dieser energische Widerspruch ebenso deutlich, zu lesen ivie ™ dem trotzigen Zug, der um so markanter an ihren Mnnbwmkeln hervortrat, je seltener er auf dem weichen blichen Kindergesichtchen erschien. Mit einer unwilligen Gebärde wandte sie bent Bruder bett Rücken, und er sah sie an diesem Wend nicht wieder. Die erste Poft des nächsten Tages brachte einen Bries für den Assessor Ignatius, in dem er trotz der verstellten Handschrift der Adresse sofort das verheißene Lebenszeichen von ferner verschwundenen Braut erkannte. Er trug den Poststempel der Stadt A., derselben, die Felicia vor einigen mit ihrer Studiengenossin zu kurzem Aufenthalt besucht hatte, imb er war nach dem Ausweis dieses Stempels erst in später Stunde des gestrigen Wends auf- gegeben worden. Allzu weit also war die Flüchtige an diesem ersten Tage jedenfalls nicht gekommen, und es schren wunderlich genug, daß keiner der Eingeweihten auf den Gedanken verfallen war, sie dort zu suchen. Herbert schloß sich in dem Arbeitszimmer seines Vaters ein, und erbrach mit einer aus herzbeklemmenber Furcht, unb uneingestandener Freiheitshoffnung seltsam ge- mrschten Empfindung den Umschlag des Briefes. Mehrere eng beschriebene Blätter fielen ihm entgegen; aber wie laug auch immer dieser Herzenserguß Felicia's war, die mit Bestimmtheit erwartete Aufklärung brachte er nicht. Was sie in den ersten Zeilen über die Beweggründq ihres romantischen Entweichens sagte, war nur ein in andere Worte gefaßter abermaliger Hinweis auf die durch eilt furchtbares Verhängnis geschaffene unerbittliche Notwendigkeit dieses äußersten Schrittes. Sie deutete an, daß jenes Verhängnis urplötzlich über sie hereingebrochen sei und sie von dem höchsten Gipfel irdischer Glückseligkeit jäh in den tiefsten Abgrund des Jammers gestürzt habe. Aber sie gab ihrem Verlobten nicht einmal das Versprechen, ihm später zu enthüllen, was sie ihm jetzt verschwieg. Ihr Brief war vielmehr ein in den heißesten und leidenschaftlichsten Ausdrücken abgefaßter Appell an sein Vertrauen, eine immer und immer wiederholte flehentliche Bitte, an ihre Liebe zu glauben und großmütig auf jedes andere! Geständnis zu verzichten. So glühende, sehnsuchtsatmende, hingebende Worte fand sie für dies einzige Gefühl, das ihre ganze Seele erfüllte, daß der Empfänger des Briefes wohl an allem anderen hätte zweifeln können, nur nicht an der Tiefe und Wahrhaftigkeit ihrer Empfindungen für ihn. Aber sie mußte die gleiche Größe der Zuneigung wohl auch bei ihm voraussetzen; denn was sie forderte, konnte nur die schrankenlose, alle Hindernisse unbedenklich! niederreißende Liebe gewähren^ Felicia erklärte, daß sie niemals nach M. zurückkehren könne und wolle, daß sie aber ebensowenig im stände sei, auf die Vereinigung mit dem Geliebten zu verzichten. Und sie zeigte ihm den Weg, auf dem nach ihrer Meinung aller feindseligen Tücke des Schicksals zum Trotz das Glück zu erreichen war. Man mußte sich nur über einige kleine Vorurteile Hinwegsetzen, wie es schon Tausende vor ihnen ge- than hatten, die nicht die ohnmächtigen Sklaven der sogenannten guten Sitte, sondern die freien Herren ihres Geschickes fein wollten. Heimlich, in irgend einem versteckten Winkel des Deutschen Reiches, oder noch besser int Auslände, wo sich mit Gold alle Schwierigkeiten beseitigen ließen,- sollte ihre Vermählung stattfinden — ohne Hinzuziehung anderer Zeugen, als sie ihnen der Zufall eben zur Verfügung stellte, und ohne daß irgend jemand in M. davon wußte. Herbert sollte ihr den Ort bezeichnen, den er für die Trauung aus ersehen hatte, und an dem Tage, den er. ihr vor schrieb, wollte sie dort mit ihm zusammentreffen.! Aber er sollte ihr zuvor bei seiner Mannesehre gelobens daß er sie weder mit Fragen quälen noch von ihr verlangen werde, ihn jemals nach M. zurück zu begleiten- Sie forderte! sein Versprechen, daß er den Jnstizdienst quittieren und! sich mit ihr in Frankreich oder Italien niederlassen würde,, indem sie in einer zarten Umschreibung darauf hinwies, daß ihr Vermögen groß genug sei, ihm eine freie und unabhängige Lebensführung nach seinen Wünschen und Neigungen zu gestatten. Seine Antwort erbat sie unter einer angegebenen Chiffre postlagernd nach N., und in eindringlich beschwörenden Worten fügte sie hinzu, daß er keinen Versuch machen dürfe, sie dort persönlich aufzusuchen. (Fortsetzung folgt.) 703 Seumes Spaziergang nach Syrakus vor 100 Jahren. (8. Dezember 1801.) Literarische Erinnerung von Friedrich Thieme. (Nachdruck verboten.) Vor 100 Jahren gab es nächst Schiller und Goethe kaum einen volkstümlicheren Dichter in Deutschland wie Johann Gottfried Seume, und obgleich seine poetischen Schöpfungen nicht entfernt an die Werke jener Dichterfürsten heranreichen, erfreut er sich heute noch, nachdem gelehrtere und litterariscb bedeutendere Zeitgenossen längst vergessen sind, eines hohen Ansehens in den Herzen vieler edlen und großen Männer unserer Nation. Woran liegt das? Tie Lösung des Geheimnisses liegt in dem edlen, ehrenwerten, unerschütterlich festen Charakter dieses schlichten Bauernsohnes, der in Wahrheit ein deutscher Edelmann, ein kostbarer, deutscher Edelstein zu nennen ist. Immer wieder hat die Bewunderung dieses seltenen Charakters schwärmerische Verehrer nach seinem Grabe in Teplitz geführt und manchen deutschen Dichter zu wahrhaft begeisterten Ergüssen hingerissen. , Seume war der Sohn eines einfachen Bauers und am 29. Januar 1763 in Poserna bei Weißenfels geboren. Früh ..erweist, besuchte er durch die Güte des Grafen von Hohen- hal-Knauthain die Nikolaischule und später die Universität ,a Leipzig. Das Studium der Theologie brachte ihn jedoch bald mit seinen Anschauungen in inneren Zwist, und so verließ der erst Siebzehnjährige, nachdem er alle seine Schulden bezahlt, kurz entschlossen Leipzig, um sich, nach Paris zu begeben. In einem Torfe bei Erfurt geriet er in die Hände der Werber des Landgrafen von Hefsen, der ihn mit einer Anzahl Unglücksgenossen an die Engländer verkaufte, von denen er nach, Amerika gebracht wurde, um die für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Nordamerikaner mit unterdrücken zu helfen. Der Krieg war aber bereits! seiner Entscheidung nahe, und Seume bekam kein Pulver zu riechen, statt dessen machte er fleißig Gedichte und „erlebte" sein berühmtes Gedicht „Der edle Wilde": „Ein Kanadier, der noch Europens Uebertünchte Höflichkeit nicht kannte" usw. Zurückgekehrt, benutzte er die erste Gelegenheit zu entweichen. Der Unglückliche geriet aber aus dem Regen in die Traufe, er fiel preußischen Werbern in die Hände und mußte als gemeiner Soldat in Emden Gamaschendienst thun. Sobald es ging, desertierte er aufs neue, wurde wieder eingefangen, aber begnadigt; der dritte Versuch mißlang abermals, und das Kriegsgericht verurteilte ihn zu zwölfmaligem Spießrutenlaufen, welche Strafe aber aus besonderer Gnade in sechD Wochen Arrest umgewandelt wurde. Nun wählte er einen anderen Weg. Ein Bürger borgte ihm 80 Thaler, die er als Sicherheit bot, wenn man ihm Urlaub gewährte. Er erhielt den Urlaub und kam glücklich bei seiner Mutter in Poserna an. Jetzt konnte er sich in Leipzig den Wissenschaften widmen, er wurde Magister, später Erzieher bei der Gräfin Jgelström. General Jgelström machte ihn 1793 zu seinem Sekretär und verschaffte ihm eine Offizierstelle bei den Grenadieren; glücklich entging er den Schrecken des polnischen Ausstandes von 1794 und widmete sich in der Folge in Leipzig und Grimma litterarischen Arbeiten. Seine merkwürdigen Lebensschicksale hatten die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, die wahrhaft stoisch,e Lebensweise, die er führte, die Unerschrockenheit, mit welcher er in seinen Gedichten die Stimme der Wahrheit ertönen lieh, die Eigenart seines Stils, machte ihn bald zum Liebling der Lesewelt. Noch berühmter wurde er durch seine großen Fußwanderungen, vor allem durch, seinen Spaziergang nach, Syrakus (1801/2) und seine Reise nach, Rußland, Finnland und Schweden (1805). Sein Spaziergang nach Syrakus erregte Aufsehen, und das darüber veröffentlichte Werk ward bald eins der gelesensten Bücher seiner Zeit. Tas war eine Idee, des Mannes würdig, welcher das Wort gesprochen hat: „Es stünde viel besser in der Welt, wenn man mehr ginge." Ein Wort freilich,, das heutzutage nicht mehr viel Anklang finden dürfte, heutzutage, wo zu den Wagen, Equipagen und Posten, welche der ehrliche Seume im Auge hatte, noch Eisenbahnen, Fahrräder und Automobile hinzugekommen sind. Schon lange gährte der Plan zu der großen Reise in ihm, denn schon als der Buchhändler Göschen kn Grimma ihm die Aufsicht über seine damaligen typographischen Unternehmungen antrug, antwortete er: „Zwei Jahre will ich, bei Ihnen sitzen, dann muß ich mich aber wieder ein wenig auslaufen. Ich will nach Syrakus." Was ist hercte eine Reise nach Italien? Ein ivirklicher Spaziergang, weiter nichts. Seumes sogenannterSpaziergang stellte dagegen eine beschwerliche und nicht ungefährliche Reise vor; denn erstens war das Reisen nach dem Lande der Kunst und Antike damals noch nicht so bequem, sodaß die Reisenden sich oft mit den erbärmlichsten Unterkunstsstellen begnügen mußten, und dann hatte auch das arme Land die Folgen der napoleonischen Kriege noch nicht überwunden, und auch im Punkte der persönlichen Sicherheit erfreuten sich einige Gegenden nicht gerade des besten Rufs. Trotzdem wagte Seume im Vertrauen auf sein unscheinbares Aeußere und seinen Knotenstock das Abenteuer; mit dem letzten Tage der zwei Jahre, am 8. Dezember 1801, trat er seine Reise an „und nach, neun Monaten, an demselben Tage, den er als Ziel seiner Abwesenheit bestimmt hatte, traf er wieder in Göschens ländlicher Hütte ein, zum frohen Erstaunen der ganzen Familie." Der „edle Cyniker", wie Goethe ihn nannte, traf für feinen Spaziergang die sorgfältigsten Vorbereitungen. Eine derbe, allen Unbill des Wetters Trotz bietende Kleidung, ein Tornister von Seehundsfell, derbe Stiefeln, die fast die halbe Reise aushielten, ein tüchtiger Knotenstock, bildeten seine Ausrüstung, sein Geld trug er in Goldstücken eingenäht. So begab er sich, von einigen Freunden ein Stück Wegs und seinem Freunde, dem Maler Schnorr bis Wien begleitet, wohlgemut von Grimma aus auf den Marsch Tie Sonne blickte warm wie der Frühling. „Unbemerkt", erzählt der Wanderer in seinem Reisewerk, „suchte ich einige Minuten für mich, setzte mich Sankt Georgens großem Lindwurm gegenüber und betete mein Reisegebet, daß der Himmel mir geben möchte billige, freundliche Wirte und höfliche Thorschreiber von Leipzig bis nach Syrakus, und zurück" ans dem anderen Wege wieder in mein Land." lieber Dresden und Prag ging es nach Wien, und von da über Graz, Laibach, Triest, Venedig, Bologna und Ancona nach! Rom, dann weiter nach Neapel, zu Schiffe nach Palermo und hierauf zu Fuß nach Syrakus, wo er am 1. April anlangte und mit Asmus fröhlich, ausruft: „Heute will ich fröhlich, fröhlich sein, Keine Weise, keine Sitte hören; Will mich wälzen und vor Freude schrein. Und der König soll mir das nicht wehren!" Der Dichter sah überall, ivas zu sehen war, und schilderte seine Erlebnisse in seiner kritisch-eckigen Art, spricht begeistert über die Schönheiten des Landes und die Herrlichkeiten der Kunst, mit Ingrimm und Wehmut aber von den traurigen politischen und sozialen Zuständen, die er allenthalben vorfindet. Die Ersteigung des Aetna gewährt ihm einen hohen Genuß, aber die Reize des Vaterlandes halten denjenigen des Südens doch die Wage: „Am Aetna wächst die Frucht der Hcsperiden Und Oel und goldner Wein, Allein man wohnt am Aetna nicht zufrieden Und kann nicht ruhig sein. Der Feuerberg stürzt aus dem Höllenschlunde Oft seine Flut herab. Und wälzt die Stadt mit Oel und Frucht zu Grunde, Und macht ein großes Grab! Anr Hügel hier, blüh'n jetzt noch schöne Rosen, Und ivächst auch etwas Wein; Auch können wir 6eint Lied vertraulich kosen Und immer ruhig sein! Zwar nickt uns nicht von einem hohen Baume Tie Ambrafeige zu. Doch pflücken wir vom Ast die Mohrenpflaume Und cffen sie in Ruh'. Tie Mandel fehlt, wir haben aber Kirschen Und haben dran Gewinn; Und gäben wir wohl uns're Purpurpsirschen Für die Granate hin? Ter Aetna ist ein häßlicher Herr Vetter Mit seiner Feerei: Hier kommt wohl auch kleines Donnerwetter, Doch ist es bald vorbei. Trum wollen wir genießen, singen, kosen Und froh sein wollen wir, Singt, Freunde, singt: es leben unsre Rosen Auf unferm Berge hier!" — 704 — Die Metalle. Verimisehtes. die Redaktion: E. Bnrkhar bt. - Rotationsdruck und Verlag der Vrübl'fchen Universitäts-Buch- und Etcindruckerci (Pietsch Erden) in Gießen. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.: Bast, Mast, Rast, Last, Gast. Unter den Engpässen der Gebirge ist der- jenige von Thetmopylä, wo Leonidas mit seinen 300 Spartanern den Heldentod fürs Vaterland erlitt, Wohl der erste, von dein die deutschen Schüler Kenntnis erhalten. Aber es gießt noch so manchen anderen interessanten Engpaß; das beweist eine neuerschienene Serie sog. Liebig-Bilder, zu ! denen die Liebigs Fleisch-Extrakt-Kompanie dieses Thema ! gewählt hat. Geboten werden, außer den Thermopylen/ die Gebirgspässe von Cha-Tow in China, vom St. Gotthardt (Schweiz) und von Finstetmünz (Tirol), der Malakcmd- paß iin Indien und der Chiloootpaß üt Alaska. Die zierlichen Kärtchen werden eifrige Nehmer finden; ihre Rückseiten bieten, wie noch erwähnt sein mag, wiederum eine Auswahl neuer Rezepte aus dem Gebiete der Kochkunst, der Hausfrau willkommen sein werden. Die Metalle. Von Prof. Dr. K. Scheid.Rmch illustriert. Geh. Mk. 1.—, geschmackvoll geb. Mk. i;2t>. („Aus Natur uud Geisteswelt." Santmlung wissenfchaftlich-gemein- verständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 29. Bändchen.) Verlag von B. G. T eub n er in LerP zi g. Das Bändchen will, ohne daß irgend welche Kenntnisse der Chemie und Gesteinkunde vorausgesetzt werden, eine Erklärung geben, wie die Metalle in der Erde ich als Erze abgelagert haben mögen, und tote bte Erze stch Ut das reine Metall nmwandeln lassen; tote bte Metalle auf den Hüttenwerken dargestellt werden, ist unter Beigabe von Abbildungen erklärt. Um ihre Bedeut- u n g f ü r d a s d e u t s ch e G e w e r b e besser hervortreten zu lassen, sind zahlreiche Tabellen über Er z s örd er un g, Metallproduktion nnd Preis ttt bett letzten Jahrzehnten aus allen Staaten, der Erbe, insbesondere DeuUch- । lands, in den Text eingeretht. In den letzten Abschnitten werden sodann die Metalle hinsichtlich ihrer Etgen- I schaftetr verglichen und das Allgemeine über ! D a r st e l l u tt g u n d B e r a r b e i t u n g zusantmenfassend I erklärt. Das mit vielen und guten Abbildungen illustrierte Bändchen wird sich bei dem billigen Preise sicher biete Freunde erwerben. Natürlich fehlte es nicht an mancherlet Abenteuern Und Gefahren, einmal wäre der Wanderer bald ttt entern Sumpfe versunken, zweimal fiel er Banditen ttt bte Hande uni) entging nur mit knapper Not uer Ausraubung. „Ungefähr sieben Minuten" (es war auf der Ruciretst und zwar zwischen Neapel und Rom) „mochte ich so sortge- wandelt sein, da stürzten links aus dein Gebüsch, vier Kerle auf mich zu. Ihre Botschaft erklärte sich sogleich. Einer faßte mich bei der Krause und setzte nur den svolch an die Kehle, der andere am Arm und setzte tritt den Dolch auf bte Brust ■ die beiden klebrigen blieben disposittonsmaßtg in einer kleinen Entfernung mit aufgezogenen Karabinern. Fn Eile nahmen sie mir nun die Börse und etwas Geld aus den Westentaschen", dann schleppten sie das Opfer nach dem Gebüsch, um es in aller Bequemlichkeit zu durchsuchen . und auszuziehen oder auch vielleicht, um nicht verraten zu werden, kalt zu machen, da, „im kritischsten Momente, Zollte der Postwagen heran, Stimmen wurden laut, und die Räuber ließen den Ueberfallenen los und entflohen. Ein andermal verhörte man ihn nur scharf, und da man nichts Wertvolles bei ihm vermutete, ließ man ihn laufen. Den Rückmarsch nahm er über Zürich, Paris und Frankfurt, da er nicht nur ein möglichst großes Stück Welt sehen, wildern auch seinen alten Freund Münchhausen (an den er fein berühmtes Gedicht: „Nimm meinen Kuß im Geist an Deinem Rheine" gerichtet) zu besuchen. . Der Freund, (tn Gemeinnütziges« Schmalkalden wohnhaft) nahm ihn jubelnd auf, und et genoß I «n s en v e r e d elün q im Win le t. Bot Weihnachten mehrere Tage die frohe Heiterkeit setner Gesellschast. In . Rosenvereoetungm tierebeIlt, aber nach Weimar sah et Wieland, Böttiger und die Herzogin Mutter, tm ^tmm t ' recht gutem Erfolge, die ihn mit freundlicher Wärme nnd Gute aufnahmen. [elft utn diese Zeit auf bett Ueberhaupt war er unter den Großen Weimars allezeit gern zu späi. Die Rosenveredelung gelitten: , . , „ . , , inber das Echtmachen der Rosen im Zimmer muß schon „Schiller rüste mir und Herder fragte, oder J W Behandlung bet Rosenwildlinge bot- Wann ich meinen Gang zur Jlnta nahm, . bereite toerden. In einem längeren, durch Abbildungen Und der Hetaklide Goethe sagte , | - aeickimückten Artikel, finden wir in Nt. 33 des „Erfurter Lehrreich manches Wörtchen, wenn ich kam, Db?t- und Gartenbau" die notwendigen Vot- Vater Wieland winkce voll Vettrauen, I ^ten beschrieben. Wer Rosen im Zimmer veredeln will, Wenn er leinen alten Pilger sah, I Zeilen W ^on Erfurt schicken, umsomehr. War b& eSC "SraUett aÄ sie unseren Abonnenten kostenfrei übersandt wird, wenn In «Lm mL-E nach d« H-im-i 1 I» !«> '»««» **«* .znrückkarn, beweist folgendes kleine Ereignis, das ihm in einem Wäldchen bei Naumburg begegnete. Ein preußisches Bataillon zog an ihm vorbei, und einer bet Offiziere fragte den andern: „Was ist das für ein Kerl, der dort geht?" worauf prompt die Erwiderung erfolgte : „Er wird wohl gehen und das Handwerk begrüßen." Ein dritter wußte es aber besser und sagte: „Nein — ich weiß nicht, was das für ein närrischer Kerl sein mag: ich habe ihn gestern bei " der Herzogin im Garten sitzen sehen." Sein Buch über die Reise verschaffte ihm „als Schrift- stellet und als Menschen eine große Achtung bei allen Edlen von der Newa bis an den Rhein". Das Werk ist so originell und farbeuvoll gehalten, daß. man es selbst noch, mach 100 Jahren, mit Interesse liest, und sein ästhetischer und littetarischer Wert geht weit übet den einet bloßen Reisebeschreibung hinaus. War doch die Veranlassung zu der Reise keine andere, als der Wunsch, bett klassischen Boden zu durchwandern und in den großen Begebenheiten, in dem herrlichen Reiche der Kunst des Altertums und in bet schönen Natur Italiens anschaulich zu leben. Nur noch wenige Jahre waten ihm vergönnt. Ein Blasenleiden befiel ihn, et wurde zusehends schwächet, und eine Kur in Teplitz vermochte ihn nicht zu retten. Auf fremdet Erde, fn der genannten Badestadt, hauchte er am 13. Juni 1810 seine edle Seele aus- „In Seume ist", ruft begeistert Ludwig Storch in einem itt der Gartenlaube aus Anlaß seines 100 jährigen Geburtstages (29. Januar 1863) erschienenen Artikel, „die schlichte, rechte Grundehrlichikeit und Redlichkeit des Deutschtums, die deutsche Treue und Rechtschaffenheit, das spezifisch deutsche Charaktertum, zur greifbaren Erscheinung gekommen; es ist der schlichte Mensichenverstand, gepaart mit dem edlen Mannesmut, bet ohne Furcht itttb Scheu sagt, was er als Recht und Wahrheit erkennt, und sein Leben uud Streben nach dieser Erkenntnis einrichtet." Hamlets Wort: „Er wat ein Mann" paßt aus ihn tote auf wenige. Möge das deutsche Volk heute feiner in Ehren gedenken! & & n. Mi