Sonntag den 8. September. wr4 1901. — Nr. 127. «wEj twv'vEzSa WWM!»! s "7///^ iiüludrÜMlij MW M^roßer Wind und starker Regen Ist mir oftmals gar entgegen; Ich duck mich, laß es vorüber gähn — Das Wetter will fein' Fortgang Han. Alter Spruch. (Nachdruck verboten.) Prüfung. Kriniinalerzählung von E. Hainberg. (Fortsetzung.) Forstmeisters blieben der Trauer wegen all diesen Festlichkeiten fern. Um so öfter und lieber aber wandelte Held hinaus, um sich in der frischen Waldesluft und Hannas Nähe seine Seele rein zil baden von dem, was durch sein Berufsleben, oder die neuen ihn umgebenden Verhältnisse widerwärtiges an ihn herantrat. 'Der Verkehr zwischen Held und Hanna gestaltete sich immer zarter und inniger Wie klopfte ihr Herz, wenn ihr der bekannte Schritt und die vertraute Stimme schon vom Korridor her das Nahen des teuren Mannes kündete, wie leuchtete ihr Auge auf, in freudiger Bewillkommnung, wenn seine hohe Gestalt mit dem dunklen Kopf in der geöffneten Thür erschien. Im eigentlichen Sinne schön war ja dieser ausgesprochene Eyarakterkopf nicht, und dennoch war sein Anblick ihr das liebste, was ihr begegnen konnte. Und dann der Blick dieser Augen, so treu, so tief und wahr, in denen ihr em Himmel voll Liebe zu liegen schien. Wenn er dann ihre Hände ergriff und der innige Druck seiner Hand, ihr sagte, daß sie unvergessen sei, daß es ihn zu ihr ziehe, mit süßer Allgewalt, dann durchbebte sie, ein Frohgefuhl, eine unaussprechliche Wonne, die fast nichts mehr mit Irdischem gemein hatte. Er war, sie wußte kaum, tote das so schnell gekommen, ihres Daseins Inhalt geworden. Ihre Augen strahlten sich das süße Geheimnis entgegen, nur das, was dies Seelenbündnis besiegeln sollte, das freie, offene Wort, fehlte noch. Aber es schwebte sozusagen in der Luft, die nächste günstige Gelegenheit konnte die Aussprache herbeiführen. Doch ein eigener Unstern schien über den wenigen Augenblicken seligen Alleinseins mit der Geliebten zu schweben, kaum daß Held Mut gefaßt hatte, das befreiende Wort zu sprechen, oder auch wohl schon einzelne Worte seinen Lippen entflohen waren, kam auch die Störung; das Alleinsein war unterbrochen, der günstige Augenblick entflohen. Aber beide ivaren ihrer gegenseitigen Liebe gewiß, sie zweifelten nicht aneinander. „Wozu auch übereilen?" dachte dann Held, „die Gegenwart ist so unaussprechlich schön, sodaß die Zukunft kaum noch schöner werden kann." , . . Außer Held war Mohrmann ein oft und tote es schien, auch! gern gesehener Gast im Forstmeisterhause. Seme Huldigung galt noch immer Frau Bertha. Held" ließ zuweilen bei diesen wenig verschleierten Kundgebungen seine Augen nach dem Forstmeister hmuber- schtoeifen, doch dessen Miene zeigte nicht die leiseste Spur von Mißbehagen. Mit der an ihm gewohnten, 'offenen, freundlichen Unbefangenheit belachte er du: seiner Gattin gebrachten Kotuplimente. „Sie verwöhnen meine Frau, Herr Staatsanwalt", sagte er wohl lächelnd, „sie findet Geschmack an dem Süßholz und verlangt dann auch von mir damit versorgt zu werden." l _ ., Alle lachten, selbst Frau Bertha stimmte heiter mit ein „Du könntest Dir wohl einigen Vorrat davon anschaffen", scherzte sie, „Du scheinst das in unserer zweijährigen Ehe schon ganz vergessen zu haben." Der Forch meister fuhr sich, leise in sich hineinschmunzelnd, durch sein sehr dichtes Blondhaar. „Wie kannst Du das verlangen?" sprach er mit drolligem Ernst; „habe ich Dir nicht erst vor wenigen Tagen meine ersten zwei weißen Haare gezeigt? Nun denke Dir, ein Mann mit grauem Haar uud — Süßholz raspeln!" Abermals hatte er die Lacher aus ferner Seite, doch die Forstmeisterin ließ sich so leicht nicht übertrumpfen. Sie seufzte komisch auf: „Ja, es ist em wahres Herzeleid, so einen alten Mann zu haben! Schon graue Haare! Wer mir das vor zwei Jahren gesagt hätte!" „Mit einem anderen konnte Dir dasselbe Schicksal werden!" verteidigte sich der Forstmeister. Einmal auf dem gemeinschaftlichen Heimwege sagte Held zu Mohrmann: „Verzeihung, bester Freund, aber treiben Sie Ihre Hofmacherei bei nuferer liebenswürdigen Wirtin nicht ein ivenig zu weit? Denken Sie nie daran, daß das den Forstmeister kränken könnte?" — Mohrmann lachte auf. „Wo denken Sie hin? Der Mann ist nach zweijähriger Ehe noch! immer in seine schöne Frau verliebt, sodaß er es nur in Ordnung findet, wenn alle Welt ihr huldigt. Er weiß, daß es seiner Gattin Vergnügen macht, die Herren der Schöpfung vor ihren Füßen zu sehen, und er ist ein viel zu liebenswürdiger Ehemann, ihr dies unschuldige Vergnügen nicht zu gönnen. Und unschuldig ist es in der Thal; Frau Bertha weiß ihre Anbeter trotz alledem in Schach zu halten, sodaß es auch keiner wagen wird, eine gewisse Grenze zu überschreiten" , Die jungen Damen von C. mußten wohl endlich em- sehen, daß ihre Bemühungen, den neuen Amtsrichter in ihre Kreise zu ziehen, vergeblich waren. Seine fast beständigen Absagen auf die an ihn ergehenden Einladungen mußten endlich doch befremden, ja beinahe beleidigen, wenn man seine mehrfachen Besuche in dem Forstmeisterhause 506 damit verglich; dieselben waren den spähenden Augen und Ohren der „Wissensdurstigen" nicht entgangen, und ein geheimer Aerger hatte sich dadurch der Enttäuschten bemächtigt, die laut oder auch nur leise ausgesprochene Absicht, des Forstmeisters Familie gegenüber sich ebenso kühl zu verhalten, gab davon das beredteste Zeugnis. Bedauerlicherweise fehlte ihnen indes noch jede Gelegenheit, ihren Unwillen an den Bevorzugten auszulassen, aus dem Forstmeisterhause kamen weder Besuche noch Einladungen. Wahrscheinlich wünschte man nicht, dem Freier Gelegenheit zu geben, Vergleiche anzustellen. Es mußte wohl mit der vielgepriesenen Schönheit der jungen Schwester des Forstmeisters nicht weit her sein. Leider hatte man noch immer nicht Gelegenheit gehabt, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen. Der Trauer wegen, hieß es, hielte sie sich noch! von allem Verkehr zurück. Die Trauer indes hinderte doch! nicht, mit den beiden Bevorzugten, Held und Mohrmann, die sich! allwöchentlich einmal wenigstens im Forsthause einfanden, zu verkehren und ihre Netze auszuspannen. Hanna hatte sich durch diesen Verkehr, der doch ganz, natürlich und ohne ihr Zuthun entstanden war, unbewußt Feindinnen gemacht, welche die durch ihre vereitelten Bemühungen, den jungen Amtsrichter auf ihre Seite zu ziehen," empfangene Niederlage so bald nicht vergessen würden. Aber auch Frau Bertha, die jetzt ebenfalls ganz zurückgezogen lebtet entging der Tadelsucht der Vernachlässigten nicht. Obgleich man ihre Koketterie und ihr etwas selbstgefälliges Wesen längst kannte und sich! zum Teil damit ausgesöhnt hatte, weil sie eine liebenswürdige, allezeit auf das Wohlbefinden ihrer Gäste bedachte Wirtin war, war der Aerger der guten Freundinnen jetzt doch zu weit gediehen, um nicht eine kleines Verdammungsurteil über die Verwegene, die sich unterstanden hatte, sie entbehren zu können, heraufzubeschwören. O, sie würde wohl ihre Gründe haben, ihr Haus so gegen die Außenwelt abzusperren, daß außer den beiden bevorzugten Herren, die freien Zutritt hatten, niemand geladen wurde. Man sollte da gewiß nicht zu tief in die Karten sehen, ihr kokettes Spiel nicht klar durchschauen. „Man spielt nicht umsonst mit dem Feuer, Frau Bertha! Wer weiß, wie das noch enden wird! Der arme Mann, der so blind und sorglos in seinem Vertrauen ist! Ob er wohl gar nicht merkt, wie er betrogen wird? Es würde kein Wunder sein, wenn er einmal zu einem Radikalmittel griffe!" So und ähnlich schwirrten die Verdammungsurteile hin und her. Die guten, nachsichtigen Freunde, welche bis dahin Frau Berthas kokettes Spiel der Herrenwelt gegenüber sehr mild beurteilt hatten, waren nunmehr einig in ihrer Aburteilung. Auch Held, dem bisher so viel Begehrten, sowie Mohrmann, dem sie ebenso ob seiner Abtrünnigkeit zürnten, wollte man nun zeigen, daß man sie entbehren könne; man ließ sie scheinbar unbeachtet und veranstaltete Vergnügungen, ohne sie zur Teilnahme aufzufordern. Die Betroffenen merkten indes nichts davon, lagen in der Woche ihren Geschäften ob und wanderten Sonntags zusammen stillvergnügt in das befreundete Haus. Auch im Forstmeisterhause lebte man ahnungslos des sich über seinem Dache zusammenballenden Unheils. Frau Bertha schien neuerer Zeit der jungen Schwägerin freundlicher gesonnen zu sein, es lag wie ein wohligW Behagen über den einzelnen Gliedern, das nur zuweilen durch des Forstmeisters bitterböse Laune, die aus seinen dienstlichen Verhältnissen entsprang, gestört wurde. Er klagte wiederholt über neuerdings wieder um sich greifende Forstfrevel, über das Niederknallen seines besten und geschontesten Wildes. Die verübten Frevel waren aber auch! danach, eines Forstmannes Herz aufzubringen. Junge Schonungen wurden mutwillig über Nacht zerstört, entweder waren die Pflänzlinge ausgerissen, oder der Spitze beraubt — in beiden Fällen vernichtet! „Aber Robert", sagte Hanna -eines Tages, als Werner aufs höchste gereizt, den Bericht des Försters über die Zerstörung einer jungen Anpflanzung entgegengenommen, nun seiner gerechten Empörung Worte gab, „laß Dir doch das nicht so zu Herzen gehen. Du thust Deine Schuldigkeit, Deine Untergebenen auch. Wozu Dich also aufregen, das ändert ja an der Sache nichts." „Du hast gut reden, Kleine, von nicht aufregen! Fuchsteufelswild sollte man werden, wenn man sieht, wie jahrelange Arbeit und die Freude am kräftigen Gedeihen in einer Nacht durch solche Schandbuben vernichtet wird! Ich glaube uoch immer, da steckt der Karsten, der vermaledeite Wilddieb, dazwischen. Er will mir das Leben sauer machen , hofft vielleicht, daß ich, müde der ewigen Plackereien und des Aergers, um meine Versetzung -einkomme." „Aber Karsten ist doch ein Wilddieb, weshalb sollte er sich an Deinen Pflanzungen vergreifen, Robert?" „Was verstehst Du, kleine Unschuld, von einem rachsüchtigen Gemüt, das dem Gegner auf alle mögliche Weise das Leben erschweren möchte. Aber er soll sich hüten, der Spitzbube, kriege ich ihn zu fassen, so wird es ihm übel ergehen, mehrere Jahre Zuchthaus sind ihm dann sicher!" „Möchtest Du nicht ein wenig nachsichtiger und damit vorsichtiger sein, lieber Robert? Du reizest den Menschen durch Deine strenge Verfolgung nur noch mehr und setzest Dijch selbst, bei einer so rohen, nur auf brutale Gewalt fußenden Natur der größten Gefahr aus", wagte Hanna einzuwenden. „Sei nicht bange, liebes Kind, ich bin gewappnet für solche Angriffe. Die Kerle wissen das, und es hieße, ihr eigenes Leben einsetzen, wollten sie mich! angreifen." „Aber aus dem Hinterhalt, Robert! Ach, ich bin so bange, bitte, bitte, mir zuliebe, sei aus Deiner Hut!" „Liebe Hanna!" Der Forstmeister legte gerührt seine Arme um der Schwester Nacken. „Hast Du mich wirklich so lieb, daß Tu Dir solche Sorge um mich machst?" „Zweifelst Du daran? Tu, der beste, gütigste Mensch, dem ich so unendlich viel zu danken habe — Du nahmst die Verwaiste ans in Deinem Hause —" „Ach was, nichts hast Du. mir zu danken! Mir ist es Freude, eine Genugthnung, Dir eine Heimat, einen Schutz zu geben, bis dahin — wo ein anderer diese Rechte beanspruchen wird — und wie mir scheinen will, ist diese Zeit nicht allzu fern?" Er hob ihr gesenktes, tief errötendes Köpfchen empor und sah ihr schelmisch lächelnd in die halb verschleierten Augen. „Nun, welche Staatsgehl imnisse werden denn hier verhandelt?" tönte Frau Berthas lachende Stimme, die soeben, gefolgt von Mohrmann, in das Zimmer trat. „Ah Sie, Herr Staatsanwalt", rief Werner überrascht, den Ankömmling begrüßend, „ich hatte heute kaum uoch auf das Vergnügen gerechnet." „Es lag auch nicht in meiner Absicht, Sie noch so spät zu überfallen, aber schieben Sie die Belästigung Ihrer Frau Gemahlin zu, der ich bei meinem Spaziergang begegnete und die mir erlaubte, sie hierher zu begleiten; nun konnte ich der freundlichen Einladung, einen Augenblick einzutreten, nicht widerstehen." „Seien Sie mir deshalb um nichts weniger willkommen und fassen Sie mein Erstaunen nicht etwa falsch auf; ich war über die späte Stunde erstaunt, in der Sie den verhältnismäßig weiten Weg noch unternommen hatten." Er bot Mohrmann herzlich die Hand und bat, Platz zu nehmen. „Die Damen werden indes für einen Imbiß sorgen, ich fange -an, einen kannibalischen Hunger zu spüren." Werner wirklich bei dem Eintritt Mohrmanns ein kleines Mißbehagen empfunden, so mußte das wohl jetzt vollständig beseitigt fein; denn nun war er wieder ganz der joviale, freundliche Herr, als welcher er allseits bekannt und geliebt war und in munterster Laune Jagd- anekd-oten zum besten gab. Mitten zwischen einen solch! heiteren Scherz hinein unterbrach ihn Mohrmann: „A propos, Herr Forstmeister, ich glaube, wir bekommen bald wieder einen Prozeß mit dem Karsten. Es scheint, als ginge er wieder auf Raub aus. Ehe ich Ihrer Frau Gemahlin vorhin begegnete, hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, ihn an mir vorüberdefilieren zu sehen. Und der Kerl sah mich dabei so spitzbübisch grinsend an, als wenn er sagen wollte, wir beide werden demnächst einmal wieder miteinander zu verhandeln haben. Er scheint es nicht vergessen zu haben, daß ich bei der letzten Asfaire ihn meiner Ueberzeugung nach 507 -als schuldig hinstellte und darlegte, daß eben nur die handgreiflichsten Beweise zu seiner Verurteilung fehlten." „Ich selbst habe ihn tut Verdacht, bei dem neuerdings wiederholt vorgekommenen Forstfrevel die Hand im Spiel zu haben. Es könnte daher wohl leicht zutreffen, daß ich Ihnen bald wieder eine Anklage einreichen werde, Herr- Staatsanwalt." (Fortsetzung folgt.) Wilhelm Raabe. Zu seinem siebzigsten Geburtstage, 8. September. Von Karl Neumann-Strela. (Nachdruck verboten.) „Er wird berühmter als viele andere." llnd als der Leihbibliothekar Adolf Stülpnagel das zu mir sagte, zeigte er über die Bücherreihen hinter dem Ladentisch. Stülpnagels in den fünfziger Jahren viel benutzte Leihbibliothek befand sich ziemlich an der Ecke der Markgrafen- und Behrenstraße in Berlin. Damals, 1857, war Wilhelm Raabes Erstlingswerk „Die Chronik der Sperlings- gasse" erschienen, und als Stülpnagel dieses gelesen hatte, schaffte er noch ein zweites Exemplar davon an. Zwei Exemplare eines Erstlingswerkes in einer Leihbibliothek — das war damals ein Ereignis in Berlin. , Und Stülpnagel hat recht gehabt. Mit dem „Er" meinte er Wilhelm Raabe, „der nicht nur berühmter als viele andere", sondern ein Meister der von dem feinsten und erquickendsten Humor erfüllten Erzählungskunst geworden ist. Von 1857 bis heute — ein langer Weg auf litterarischem Gebiete, doch ivas Raabe auf diesem Wege ersonnen, und geschrieben hat, ist zum größeren Teile in viele »Herzen gedrungen, und wird allen, die Sinn und Verständnis für das Schöne haben, zur Freude und zum Gewinn bis in ferne Zeiten gereichen. An Dich, Freund Stülpnagel, an Deine eingetroffene Prophezeiung von Raabes dereinstigem Ruhme und an jenen Sommerabend muß icty denken, als wir beide durch die Berliuer Spreegasse schritten. Dort zeigtest Du mir die Stube, in der Studiosus Raabe sein erstes Buch geschrieben, statt der Spreegasse die Chronik der Sperlingsgasse genannt. Du wußtest auch, daß Raabe, am 8. September 1831 zu Eschershausen im Herzogtum Braunschweig geboren, erst Buchhändler wurde, dann „umsattelte" und nach! Berlin kam, um Philosophie zu studieren. In der hochgelegenen Wohnung in der alten Spreegasse, jener schmalen Verbindung zwischen der Brüderstraße nnd dem Wege am Wasser „An der Schleuse", reifte er zum Dichter heran. Ob er, der Chronist dieser Gasse, die von ihm geschilderten Menschen dort auch wirklich gekannt und gesprochen hat? Uns genügt, daß er diese Künstler, Frauen und Mädchen, und das ganze altfränkisch-originelle Treiben der Kleinbürger in den stillen Gassenwinkeln auf so innige, rührende Weise und im schönsten Schmucke dichterischer Farben beschrieben hat. Und an Dich, Freund Gutzkow, an die Abendstunden in Weimar muß ich denken, als wir im Familien- und Bekanntenkreise 1863 Raabes „Hungerpastor" lasen. Gutzkow, der in belletristischen Büchern meist nur zu blättern pflegte, kannte Raabe von Dresden her. Den jungen, stillen, bescheidenen Mann, wie er ihn nannte, hatte er lieb gewonnen. Zwar war es ihm nicht recht, daß Raabe das Brotstudium verlassen, und die „so höchst prekäre Schriftsteller-Existenz ergriffen" hatte. Dennoch bewahrte er ihm eine bei Gutzkow höchst seltene Anhänglichkeit, die ihn denn auch veranlassen mochte, den Leseabendeu beizuwohnen. Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, in die Sophaecke gelehnt, den Kopf ein wenig geneigt, die rechte Hand am Kinn. So lauschte der Meister den Worten des werdenden Meisters — doch nein, trotz seiner Jugend war Raabe schon damals ein Meister geworden. Nicht seine inzwischen erschienenen sechs andern Romane, sondern die „Chronik der Sperlingsgasse" und besonders „Der Hungerpastor" hatten ihn bereits zum Meister gemacht. Von dem Werte und der Bedeutung des letztgenannten Buches mag in unserer heutigen Litteratur nur wenig vorhanden sein. Das tief angelegte, im Grundton und in jeder Person streng durchgeführte Werk erhebt, erschüttert und regt zum Nachdenkeu an. Klarer als durch manche wissenschaftliche Schrift erhält der Leser aus diesem Roman ein gewinnreiches Bild gesunder Lebensphilosophie. Der durch die Welt gehende Hunger, der echte und falsche Hunger nach Glück und Ehre, Geld, Ruhm und Zufriedenheit trotz mäßiger Lebenslage ist geschildert; das große Entstehen, Sein und Vergehen, das unendliche Werden, die Weltentwickelung, zieht an uns vorbei. Der Leser wird belehrt, im Innersten geläutert, und kann den Autor mit einem Kanzelredner vergleichen, den die Zuhörer im dankbaren Bewußsein verlassen, daß seine Lehre ihnen einen Gewinn fürs Leben bereitet hat. In einem andern Raabeschen Roman „Der Schüd- derump" (1869) ist Sein und Vergehen gleichfalls dargestellt, hier aber mehr zu einem Ganzen verschmolzen. Der durch die Welt gehende Tod, der durch einen alten, Schüdderump genannten Pestkarren nähere Begründung und tiefere Erklärung findet, rollt unaufhaltsam dahin. Die Räder des Schüdderump lassen sich nicht aufhalten; wieviel Gutes, Edles und Liebes, und wie manches, das sich für bedeutend, epochemachend, unverwüstlich hielt, oder dafür gehalten wurde, wird auf diesen Karren gelegt. Tie das Werk erfüllende Schwermut und der düstere, wehmütig stimmende Hintergrund mochten der weiteren Verbreitung desselben anfangs im Wege gestanden haben. Während eines Vierteljahrhunderts, meinte Raabe, hätten es die meisten Leser beiseite geschoben. Doch von manchem, der sich alljährlich vergrößernden Raabe-Gemeinde wurde der große Wert desselben, eines würdigen Seitenstückes zum „Hungerpastor", schon früher erkannt. Man muß nur sorgsam lesen, um durch tieferen Einblick zu bemerken, daß auch hier wieder der feinste Humor dem Schwermütigen die Wage hält. Die Komik, das Lächerliche im Weltwesen ist freilich nicht Raabes Humor. Der f einige wurzelt in einer großen Weltanschauung und ist der lebendigste Ausdruck reinster Herzensgüte und Seelenheiterkeit. Ueber die menschlichen Thorheiten kann er lächeln, sogar spotten, die Verwandtschaft zwischen Humor und Ironie weist er niemals ab, doch sein innigstes Mitleid mit dem Geschöpfe blickt überall hervor, und ist der Sonne zu vergleichen, die Schatten und Nebel siegreich durch^- dringt. Eine Aufzählung seiner sämtlichen Schriften würde ein längeres Bücherverzeichnis erfordern. Seine historischen Romane enthalten für mein Empfinden eine zu große Fülle wüster und leidenschaftlicher Szenen, und haben mich mehrfach an Ritter- und Räuberromane nach dem Geschmacke unserer Großväter erinnert. Im Gegensätze zu ihneu sind die „dem Fleische und Blute der Gegenwart" entnommenen Romane von Raabe wirkliche Kunstwerke zu nennen. Jeder der letzteren beweist, wie sorgsam sich Raabe auch um das Kleinere, Alltägliche kümmert und es durch eigenartige Beleuchtung zu wirklicher Bedeutung erhebt. Bis auf das Kleinste, das andere gar nicht beachten, erstreckt sich — seine Aufmerksamkeit, um es ' im Rahmen eines größeren Werkes verwenden zu können. Darüber hat schon Otto Müller, Raabes Stuttgarter Freund, berichtet: „Eines Tages sehe ich ihn breit in seinem Fenster im dritten Stock liegen, mit tief herunter gesenktem Kopse, das Gesicht etwas zur Seite gekehrt. Ich bleibe stehen, um zu warten, bis er mich sieht. Aber er regt sich nicht. Ich warte und warte, denke bei mir, will doch sehen, wer von uns zuerst die Geduld verliert. Aber endlich wird es mir doch zu lang, und ich lasse meinen bekannten schrillen Pfiff ertönen. Da fährt er bolzenstrack in die Höhe und ruft: „Ich komme gleich. Habe nur meiner Mauerwespe ein wenig zugesehen, wie sie ihr Nest znklebtej" Er schrieb damals an „Abn Telfan" oder „Die Heimkehr vom Mondgebirge", in dem auch die Erdflöhe eine Rolle spielen." Müller tadelte die „absonderlichen Verschnörkelungen" in Raabes Stil nnd suchte ihn „von den rein äußerlichen, bizarren Paradoxen abzubringen, die zu seinem gedanken- tiefen Wesen gar nicht paßten." Dagegen läßt sich ein- wenden, daß Raabe, ohne diesen Stil der Raabe, wie wir ihn kennen, schätzen und lieben, nie geworden wäre. Gerade dieser Stil bleibt eine Eigenart seines ganzen Wesens, seiner Tarstellungskunst und litterari- schen Bedeutung. Zutreffender möchte der Tadel be- — 508 — Redaktion: E. Burkhardt. Trockenheit und Nahrungswangel wird empfindlich bestraft durch Abfallen der Blätter und durch mangelhaft, terung von Canna, Begonien und dergleichen Knollen- gewächsen anschaffen möchte, denke daran, Auch die Horden zur Lagerung des Obstes müssen beschafft werden Weintrauben sind gegen Wespen m Drahthullen oder Gaze- säckchen einzuhüllen. Tomaten, wo sre vrel grüne Fruchte haben, allmählich zu entblättern, um die Reise der Fruchte zu beschleunigen. Rosenkohl kann entspitzt werden. Mau kann Stecklinge von Nadelhölzern machen, die über sinter an einem 2 bis 3 Grad warmen Ort steheu müssen. Einpftm zen der zum Treiben bestimmten Zwrebe- aewäcbse beginnt. Rosen zur Treiberei werden trocken gehalten Im September lassen sich kahl gewordene Raftn- flächen wieder besäen, und überwintert ber junge Rasen Eistens aut. Es ist dann im Frühjahr gleich der ganze Rasen grün und aus diese Weise viel Arbeit erspart. 1 I. C. Schmidt, Ersurt. wäbrter Kritiker sein, daß Raabes Romanen und kleineren tl'nre Durchführung der Handlung fehlt. öulja ) Springende am Anfang einzelner Kapitel, sowie scheinbare, A im Laufe der Erzählung ausgefüllte Lücken erschweren die Lektüre. Hier wäre statt des „Romanes aneinander das einst oft gehörte Schlagwort vom „Romane Nebeneinander" anzuwenden. Sollte Gutzkow rn diesem Sinne aus Raabe während seines Dresdener Aufenthaltes mm aewirkt haben? Im übrigen wollen wir uns freuen, daß Raabe trotz Gutzkows Bedenken „das^BvotstudiUM aufgab und nur von seiner Feder lebte". Wer^etwa ab Jurist hinter Akten sitzt oder als Lehrer ben Staub der Schulstube atmet, kann in seinen Freistunden nicht Werke schreiben, wie wir sie Raabe zu danken haben. Werke von dieser Bedeutung erfordern die ganze Krast, den ganzen Mann. cieüt bat Wilhelm Raabe das biblische Alter erreicht, und „ « feinem banft einmütige Verehrung ihm für da» Schone und Gemütvolle das er sich zur Ehre und andern zum Nutzen und zur'Freude geschrieben hat. Mit Gruß und ^unsch sür einen heiteren Lebensabend gedenkt man semer in den weitesten Kreisen. In Braunschweig, wo er seit vielen wahren lebt blickt er auf ein arbeitsames, von Erfolg, aekröntes Leben zurück. Aus seinen Werken spricht nicht nur ein echter Dichter, sondern auch ein Mann, der aus dem tiefsten Geistesbrunnen der Zeit ^°pft und unsere Seelen damit befruchtet. Mögen ihm noch vie.e Schassmm- tage beschieden sein! Unser Garten im September. (Nachdruck verboten.) Fmmer näher rückt die wichtige Ernte in Kern-und Steinobst Wenn auch die Fruchtbarkeit der Baume durch Dürre und eine beängstigende Insektenplage gelitten ha so wird doch zum Dörren und Keltern noch genügend Obst vorbanden sein. Wer Dörren und Keltern will, sollaver setzt schon Vorbereitungen tresfen, und sich die Maschinen zum Trocknen, zum Pressen oder die Fässer zur Aufnahme de?' Mostes anschaffen. Wenn die Fruchte erst rm Keller lagern, der Most seiner Behandlung yarrt, ist die Zeit ba- D^Ungeziefer-Plage werden wir am besten Herr, wenn wir die iistNr. 19 des „Erfurter Führer im Gartenbau beschriebenen amerikanischen Mittel zur Vernichtung Unaeziefers anwenden. Das schließt aber nicht aus, daß wir ieüt alles madige Obst auflesen, und sosort verwerten müssen) wen» wir im nächsten J»hr- weniger Arbeit m.t den Insekten haben wollen. , t t Unter den Bäumen mit reisenden Fruchten wird der Boden gegraben, und leicht feucht gehalten, damit er locker bleibt, und die herabsallenden Fruchte sich nicht zer- cklaaen Auch ist es gut, Stroh auf den gegrabenen Boden zu breiten, es mildert den Fall noch mehr^ Wo ältere Bäume versetzt werden sollen, sind die dazu nötigen Vorarbeiten jetzt zu treffen. Das Bastband der Okulationen ist zu lösen, damit mcht einschneideü Neue Erdbeerbeete werden angelegt. Man vernichtet dre Kohlstrünke, welche knollige Wurzeln haben, durch Verbrennen. Spinat, Wintersalat, Feldsalat, Petersilie, Kerbelrüben, Perlzwiebeln werden ausgesaet, ebenso blumen Mohn, Rittersporn und vieles andere. Man rrwi rt Sckmeealöckchen, Scilla, Engelsthranen, Tulpen, 8W SSWSgm Staube,,. Ti- Lücken auf de,, Blumenbeeten werden durch blühende Astern ausgefultt, Tovfpflanzen, die zur Kräftigung im freien Grunde emes Kastens oder auf ein Gartenbeet ausgesetzt waren, sind unter Schonung der Wurzeln wieder in Töpfe zu pflanzen. Man bringt solche Gewächse acht Tage lang an einen schattigen Platz, damit sie sich erholen, und tnt -opfe Wurzeln fassen Die Erdbeeren, welche zur Treiberei dienen sotten w rden zum letzten Male umgepflanzt und dann mit ihren TöPftn Widder in die Beete eingelassen. Der Flor der Chrysanthemum beginnt bald. Reichliche Wasserung und kräftige Düngung bis dahin soll man nicht vergessen. GesundheiL und Krankheit in der Anschauung alter Zeiten. Von T r o e l s - L u n d. Vom Verfasser durchgesehene Uebcr- setzung von Leo Bloch. Preis geb. Mk. 5,—. 1901. Leipzig, Druck und Verlag von G. B. Teubner. Nachdem wir bereits in Nr. 108 der. Familien- Blätter unter der Ueberschrift: Der Stern ver Weisen einen fesselnden Auszug ans gedachtem 'Serie aebrackt haben, geben wir'nachstehend eme. ^nhaltr>nbersnh i„s Nm'winneresfanten Buches. Die tteberschriften der -1. Äct» S?Ära: S ift - Entwickelung der Gesundheitsbegrisse. — Gesundheitsbegriffe der Aegypter. — Gesundheitsbegriffe der Griechen. Hippokrates. Spatere griechische und römische Aussassungem — Geiundhmts- beariffe des Mittelalters. Die Araber.— Gesundheitsbegrisse im 16 Jahrhundert. - Der menschliche Körper. - Dre Kraul- !"ii stammi ®»tl. - Tie MM M-«* - Die Krankheit stammt von den Sternen. ^Die Krankhett stammt voil den menschlichen Saften. - Dre Araber . Krankbeit ist das Negative, das Heilmittel das Positive. Aauavit Apotheker. Medizinische Bücher. — Paracelsus- — Tie Krankheit ist eine selbständige Lebensform. Ar- canum Der Stein der Weisen. Das Universalmittel. __ Me Kirche und die neue Heilkunde. — Tycho Brahe. - Nettere der Gegenwart. „ r. Der als Kulturhistoriker rühmlichst bekannte Berfasser bat es in genanntem Werke meisterhaft verstanden, Verhalt- ntts/ und Gesichtspunkte zu schildern, unter denen man leweils Gesundheit und Krankheit betrachtete. r.em auf Erfahrung gegründeten Wissen der Jetztzeit steht em Tasten ySen 9ber «orpeitfleflenttB«M ietnrat «Whge SäWE SÄX man nur die Verhältnisse des 16. Jahrhunderts d e das Matt ii drastisch wiedergiebt, mit dem jetzigen Zustande. N irgendwie Sinn für Kulturgeschichte hegt, der wird L Bnch Wit Nutzen lesen und bem Setfaffer für ferne nngewein berbienfttidje Arbe,t xaut wessen. Scherzrätsel. (Nachdruck verboten.) Mein Schätzchen hat's als Schmuck bekommen; Doch wird ein Teil daraus genommen, So fehlt es zwar dem lieben Schatze, Dafür doch hat es ihre Katze. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Ergänznngsrätsels in vor. Nr.: La (Labe, Lack, Lade, Lage, Lahn, Lama, Lamm, Land, Last, K Latz, Laub, Laut.) und der Brüh,'scheu «MMM «»‘ Mcknd.n-.rei »i-.sch «>»<« -» **"•