Donnerstag den 8. August. Nr. 111. W W niirKv n WK!«'!« [Hl W n der Tugend Geleit, ^uf 6er Liebe Schwingen Hip* Jedes Ziel erringen Kann Beharrlichkeit. Kotzebue. (Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Der Pfandleiher war bereits an den Geldschrank geeilt, in dem er die wertvolleren Pfandstücke aufzubewahren pflegte, und mit zitternder Hand öffnete er den besonderen Verschluß, der die allerwertvollsten enthielt. Er drückte auf die Feder des roten Etuis, das er ihm entnommen hatte, urtfr las mit fast versagender Stimme: „Armand Thiebaut, Paris! Es stimmt — stimmt alles ganz genau. Und das mußte mir widerfahren — mir! Ah, es ist niederträchtig — schändlich — es ist ein Nagel 311 meinem Sarge!" „Aber so beruhigen Sie sich doch, bester Herr Jmberg. Tas kann ja jedem widerfahren. Kein Mensch wird Ihnen einen Vorwurf daraus machen, und da Sie bei der Beleihung ohne allen Zweifel vollkommen korrekt verfahren sind, wird Ihnen auch kein Schaden aus der Sache erwachsen. Mit dieser selbst hat es freilich offenbar feine Richtigkeit. Tie Beschreibung paßt ja in allen Einzelheiten. Von wem haben Sie denn nun den Schmuck bekommen?" Der Pfandleiher war noch immer ganz fassungslos, und der Beamte mußte seine Frage wiederholen, ehe er Antwort erhielt. „Bon einem jungen Mädchen — einer Person, auf deren Ehrlichkeit ich unbedenklich Gift genommen hätte." „Na, in der Beziehung kann man sich allerdings gründlich täuschen, namentlich bei Frauenzimmern — davon wissen wir ein Lied zu singen. Unter welchem Namen ist sie denn aufgetreten?" „Warten Sie — ich werde gleich nachsehen. Da, hier steht es. Melanie v. Neuhoff, Parkstraße 2." Der Schutzmann lachte. „Als etwas Geringeres mochte sie es wahrscheinlich nicht thun. Den Herrn v. Neuhoff und seine Familie kenne ich zufällig. Er ist ein pensionierter General und besitzt durch seine Frau ein Vermögen von einigen Millionen. Das Fräulein Melanie braucht also keine Schmucksachen zu versetzen, und sie hat es noch weniger nötig, solche zu stehlen. Wodurch hat sich denn die Diebin als Fräulein v. Neuhoff ausgewiesen?" August Jmberg keuchte vor Aufregung. Aber er dachte nicht daran, sich mit einer Lüge herauszureden. „Durch eine Visitenkarte. Da — ich habe sie noch in meinem Pulte liegen." Der Beamte musterte den schmalen Kartonstreisen, und sein bis dahin recht vergnügtes Gesicht wurde ernster. „Aber das ist doch keine Legitimation, Herr Jmberg! Sie werden ja vermutlich bessere Ausweise von ihr verlangt haben, ehe Sie sich auf die Sache einließen." „Das ist ja mein Unglück, daß ich es nicht gethan habe", ächzte der Pfandleiher. „Ich — ich ließ mich eben bereden." „Dann fieht es allerdings einigermaßen bedenklich für Sie aus. Ich will nicht sagen, daß man etwas Unehrenhaftes in Ihrer Handlungsweise erblicken wird — davor schützt Sie wohl die Makellosigkeit Ihrer bisherigen Geschäftsführung. Aber Sie werden viele Scherereien haben, und stch «glaube auch nicht, daß die Frau Haller unter solchen Umständen dazu verpflichtet ist, Ihnen das Geld, das Sie auf das Schmuckstück geliehen haben, zu ersetzen." August Jmberg lief in dem kleinen Raum hinter dem Ladentische umher, als würde er von heftigen körperlichen Schmerzen gepeinigt. Er, dessen Stolz es gewesen Ivar, daß er in diesen langen dreißig Jahren mit der Polizei niemals in unliebsame Berührung gekommen, er sah sich da mit einem Mal in eine Angelegenheit verwickelt, deren verhängnisvolle Tragweite sich noch gar nicht absehen ließ. Der Gedanke an den drohenden Verlust der beträchtlichen Summe und an alle die anderen damit verbundenen Möglichkeiten brachte ihn schier zur Verzweiflung. „Es ist gräßlich! Aber diese Person — wenn ich ihrer habhaft werde — ich glaube, ich könnte sie erwürgen." „Tas lassen Sie doch lieber bleiben. Sie kriegt ihre Strafe auch so. Nun wird ihr ja voraussichtlich« all ihr Leugnen nfcht mehr viel helfen." Der Pfandleiher horchte hoch auf. „Man hat sie also schon gefaßt? Sie befindet sich hinter Schloß und Riegel?" „Ja — immer vorausgesetzt, daß es die richtige ist. Die Bestohlene, eine sehr vermögende Witwe in der Buchen- Allee, erklärte von vornherein, den Umständen nach könne nur ihre Gesellschafterin, eine gewisse Margarete Willisen, den Schmuck entwendet haben. Ich weiß nun zwar noch nicht, welche Verdachtsgründe gegen das Mädchen vorliegen; denn ich habe mich bis jetzt nicht viel um die Sache gekümmert. Aber das weih ich) daß die Willisen heute morgen von meinem Kollegen Braun verhaftet wurde. Sie bestreitet bis jetzt auf das entschiedenste ihre Schuld, aber wenn Sie im stände sind, sie zu rekognoszieren, ist sie natürlich geliefert." „O, ich will sie schon wiedererkennen, wie geschickt sie sich auch vermummt hatte. Ist mir's doch, als sähe ich sie noch hier leibhaftig vor mir stehen." 442 i „Desto besser! Sie werden ja noch Yente oder spätestens morgen vorgeladeu werden, damit man Ihnen die Person gegenüberstellen kann. Den Schmuck nehme ich natürlich in Beschlag." Er fertigte dem Pfandleiher eine Empfangsbescheinigung aus und verabschiedete sich, äußerst zufrieden mit dem unerwartet schnellen und günstigen Ergebnis seiner Nachforschungen. Als zwei Stunden später der Referendar Jmberg heimkehrte, fand er seinen Vater in so tiefer Bekümmernis, daß er besorgt nach der Ursache seines Kummers fragte. Der Alte sah ihn traurig an, wie wenn es ihm schwer würde ,mit der Sprache herauszukommen. „Wir beide sind schmählich hintergangen worden, mein Junge!" begann er endlich. „Die Person, die vor acht Tagen den Brillantschmetterling bei mir verpfändete, war eine gemente Diebin." Der Referendar wurde blaß vor Bestürzung. „Das ist nicht wahr, Vater", erklärte er dann mit Bestimmtheit. „Es kann nicht wahr sein. Wenn man etwas derartiges von ihr behauptet, so muß sie das unglückliche Opfer eines Irrtums oder einer Personenverwechslung geworden sein." „Und warum muß sie das? Weißt Du denn mehr von ihr als ich? Hatte sie Dir vielleicht noch Näheres über ihre Verhältnisse erzählt? Oder hast Du sie seitdem wieder gesehen?" „Nichts von alledem. Aber ich würde überhaupt an keines Menschen Rechtschaffenheit mehr glauben können, wenn dies Mädchen eine Diebin oder auch nur eine Lügnerin gewesen wäre." August Jmberg wiederholte ihm statt jeder anderen Antwort den Inhalt des Gespräches, das er vorhin mit dem Kriminalbeamten geführt hatte. Wenn nun der Referendar auch dadurch offenbar keineswegs überzeugt wurde, daß die junge Unbekannte einen Diebstahl bericht habe, so machtert ihn diese Mitteilungen doch sehr niedergeschlagen und nachdenkliche -Vater und Sohn saßen sich beim Mittagessen viel ernster und schweigsamer gegenüber als sonst. Sie berührten zur Verwunderung des Dienstmädchens die einfache Mahlzeit kaum, und obgleich des Brillantschmetterlings zwischen ihnen zunächst nicht weiter Erwähnung geschah, unterlag es doch keinem Zweifel, daß sich! die Gedanken beider, wenn auch vielleicht in sehr verschiedener Weise, ausschließlich mit ihm und mit seiner Ueberbringerin beschäftigten. Wie der Kriminalschutzmann Fahrig es vorausgesagt hatte, wurde dem Pfandleiher noch am nämlichen Tage durch einen uniformierten Schutzmann die Vorladung übermittelt, die ihn für den nächsten Morgen in das Amtszimmer des Untersuchungsrichters Föhring beschied. Davon sagte er seinem Sohne nichts; denn da Rudolf ja der eigentliche Urheber des ganzen Unglücks war, mußte er jede Erwähnung der Angelegenheit notwendig wie eine verschleierte Anklage empfinden. August Jmberg liebte aber seinen Sohn, für den er feit einem Vierteljahrhundert unermüdlich schaffte und arbeitete, um ihm den Weg zu Ehre und Ansehen zu ebnen, viel zu zärtlich, als daß er nicht darauf bedacht gewesen wäre, ihm jede peinliche Empfindung nach Möglichkeit zu ersparen. Als er dann aber von der Vernehmung nach Hause zurückkam und sem in- zwischen verschlossen gebliebenes Geschäftslokal wieder öffnete, war es Rudolf selbst, der eine Frage nach dem Stande der Sache an ihn richtete. Und nun vermochte der alte Mann nut seinem Ingrimm freilich nicht länger zurückzuhalten. „Wie es steht? Schlecht steht es mein Junge — fo schlecht als möglich! Die tausend Mark kann ich getrost in den Schornstein schreiben,' und ich' darf obendrein Gott danken, wenn es damit abgethan ich Der Untersuchungsrichter hat mir über mein Geschäftsgebahren einige Artigkeiten gesagt, die ich wahrhaftig nie in meinem Leben zu hören erwartet hätte." „Es ist nicht das, was ich wissen mochte, Vater! Du bist der angeblichen Diebin gegenübergestellt worden und, nicht wahr, es war eine andere als die, welche Dir den Schmuck brachte?" „Nein, nein", tyidersprach der Pfandleiher eifrig, „es war dieselbe! Eine geriebene Komödiantin, sage ich Dir — eine ganz gefährliche Kreatnr! — Anfangs stutzte ich allerdings, und ich wäre wirklich beinahe irre daran geworden, ob sie es sei, so geschickt wußte sie es anzustellen. Dann aber mußte sie auf den Befehl des Richters das rote Kopftuch umnehmen, und nun erkannte ich sie wieder, obschon ich sie an jenem Abend ja nur toeifige Augenblicke glesehen hatte." „Und sie hat ihre Schuld gestanden?" fragte der Referendar mit gepreßter Stimme. „Nichts hat sie gestanden. Ins Gesicht hinein hat sie mir's bestritten, mich jemals gesehen oder ein Wort mit mir gesprochen zu haben. Aber ihr Leugnen ist natürlich umsonst. Sie muß ohne Gnade ins Zuchthaus — die verstockte Person."' „Du solltest nicht in so harten Worten von jemand sprechen, dessen Schuld noch nicht erwiesen ist. Hat man denn das Geld bei ihr gefunden?" „Nichts! Wer sie hatte ja auch eine ganze Woche Zeit, es beiseite zu schaffen. Jedenfalls hat sie einen Liebhaber, der sie zu der Thai angestiftet hat, und dem sie es daun zustecken konnte." Dem Referendar war plötzlich das Blut ins Gesicht gestiegen. „Ist vielleicht etwas derartiges zur Sprache gekommen?" „Der Untersuchungsrichter äußerte es als Vermutung, und er wird damit wohl auf dem rechten Wege gewesen sein. Aber das Fräulein Willisen wies es mit Entrüstung zurück, wie sie überhaupt alles mit Entrüstung zurückweist, Na, bei der Verhandlung wird sie schon aus einer anderen Tonart singen." „In dieser Gerichtsverhandlung soll man auch mich als Zeugen vernehmen", erklärte Rudolf Jmberg entschieden. „Ich selbst werde es beantragen." (Fortsetzung folgt.) Naufi, auf d' Alm! Von Bruno Schrader. (Nachdruck verboten.) Wie viele fingen und sagen von der Alm! Die tiroler, färntner und sonstigen Lieder des Alpenvolkes sind ja längst geläufig geworden. Und doch wissen viele Leute nicht so recht, was ’ es eigentlich mit diesen vielbesungenen Almen auf sich hat. Ihnen gilt vornehmlich das folgende kurze Geplauder. Aufzug zur Alm! Den erlebt nur der, dem es vergönnt ist, sich längst vor Beginn der eigentlichen Reisezeit der klaren Gebirgsluft zu erfreuen. Schon Ende Mai, spätestens anfangs Juni, „fahren sie auf", wie die heimische Ausdrucksweise besagt. Es sind meist stattliche Herden, oft bis gegen vierzig Stück der schönsten Rinder jeden Alters. Und das Prädikat „schön" wird ihnen wohl jeder zugestehen, der sie einmal aus ihren heimischen Fluren ;ah. Kein größerer Unterschied, als der zwischen solch stattlicher Bergkuh und ihrer mehr oder minder armseligen Schwester in den Flachlanden! Ehe jedoch aufgefahren wird, machen sie eine Art Vorbereitungszeit durch. Das erheischt der winterliche Stallaufenthalt für sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch Körperlich!, damit sie sich an die freie Luft gewöhnen, und seelisch, damit die frohe Ausgelassenheit gedämpft und der weite Weg zur Alm ohne Gefahr zurückgelegt werde. Denn die Istere sind gar gerne auf der Alm und merken wohl, wenn es losgeht, wenigstens die, die schon einmal oben waren. Und da äußern sie eben ihre Freude in ihrer drolligen, für Besitzer und Hüter aber nicht immer bequemen Weise. In dieser Ueber- gangszeit hört man abends, nachts und morgens früh allenthalben im Thale die musikalisch nicht einwandfreien, aber doch in anderer Beziehung so stimmungsvollen Herdenglocken. Tags aber, wenn die Sonne steigt, müssen die Tiere wieder in den heimischen Stall, der Bremsen wegen und auch, um gemolken zu werden. Das geht so eine Woche lang; dann aber steht der Auffahrt nichts mehr entgegen. Diese beginnt meistens sehr früh, morgens um drei ober vier Uhr; denn der Weg ist oft viele Stunden lang und muß bis zu Beginn der heißesten Zeit des Tages zurückgelegt sein. Heuer sah ich drei Herden auffahren, zwei beim Aufbruche von meinem Alpendorfe aus und eine, in schon vorgerückter Morgenstunde, beim Durchzuge. Tie ersten beiden waren noch sehr übermütig und „scherzten" viel, d. h. sie führten kleine Hörnergefechte auf, sprangen auf die seitwärts vom Wege liegenden Wiesengründe über und machten so ihren Treibern genug zu schaffen. Fröhlich und hell klang ihr Geläut in den taufrischen Morgen hinein. Denn bei der Auffahrt sowohl wie bei der herbstlichen Heimkehr bekommt jedes Tier seine Glocke. Die ist teils gewöhnlicher Art, zumeist aber von der charakteristischen Form kleiner zusammengenieteter Trichter und Kessel. Solche Schellen stellen in der Regel ein Stück erblichen Familienbesitzes dar, auf das man ob seines Alters stolz ist. Die Größe ist sehr verschieden. So hatte eines der Tiere einen stattlichen, neu bronzierten Kessel um, der vielleicht 40 Ctm. lang und 30 Ctm. breit war, das jüngste Kalb aber ein zierliches Glöckchen von silberhellem Klange. Die durchziehende, dritte Herde, die nur aus achtzehn Stück bestand, verhielt sich schon ruhiger. Sie hatte bereits, morgens um halb acht Uhr, vier Stunden hinter sich, und hatte noch weitere drei, zuletzt in mühsamem Steigen, zurückzulegen. Tiere und Menschen waren aber froh und wohlgemut. Ist doch die Auffahrt ein festlicher Tag, wenn er auch nicht, wie die glückliche Heimkehr, festlich begangen wird! Diesem Umstande gemäß ist auch der Zug schlicht und einfach, ohne besonderes Gepränge. Hinterher fährt meistens ein Wagen mit Fourage und den Gerätschaften, die zur Bewirtschaftung der Alm nötig sind. Diese Almen nun sind nichts anderes, als die im Gebirge liegenden Weidegründe. Man sagt dafür auch „Alpe"; doch ist „Alm" gebräuchlicher. Je nachdem diese freundlich aus dem Schwarzgrün des Bergwaldes oder dem höheren, unwirtlichen Geschröff ins Thal hinabblickenden Gefilde niedriger in den Vorbergen oder mehr im Hochgebige liegen, spricht man von Nieder- oder Hochalmen. Die letzteren haben natürlich in steilen Hängen, Felsabstürzen und Steingeröll schlechte Stellen, die allzu munteren oder noch jungen, unerfahrenen Tieren verderblich werden können. Auf den Wiesengründen der Almen sind häufig einzelne Strecken durch die dem Alpenwanderer bekannten rohen Bretterzäune oder durch etwa meterhohe „kyklopische", also aus rohen Steinen ohne Bindematerial gefügte Mauern abgesondert. Das sind die dem Vieh verschlossenen „Mähwiesen", zur Heuernte bestimmt. Denn bei andauerndem schlechtem Wetter kommt die Herde auch auf der Alm in den Stall und muß dann natürlich gefüttert werden. Inmitten der Alm steht die Hütte, die reiche Bauern aber in jüngerer Zeit häufig zu ansehnlichen Häusern anwachsen lassen. Auf den Niederalmen sind es meistens Holzbauten, aber auf den Hochalmen sind sie aus Steinblöcken aufgeführt. Oben liegt das Bretterdach, das zum Schptze gegen Wind und Wetter mit schweren Felssteinen belegt wird. Im Innern haben die Almhütten für gewöhnlich nur zwei Räume. Der vordere davon dient gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlasstätte, wobei das Lager meistens unter dem Dache angebracht ist. Die hintere Abteilung aber ist der Vorratsraum. Er führt in den Stall über, der ja auch unten im Thale unmittelbar an das Wohnhaus angegliedert ist. Nahe bei der Hütte befindet sich der Brunnen, das dem Berge häufig mittelst eines langen Holzrohres entfließende Quellwasser, das sich in einem Tröge zu zwanglosem Gebrauche für Mensch und Vieh sammelt. Häufig vervollständigt sich das hübsche Bild dann noch durch eines jener „Herrgott!", die man auf Schritt und Tritt im Thale anzutreffen Pflegt. Die Alm selbst ist entweder Eigentum des Herdenbesitzers oder von ihm auch nur gepachtet. Größere Bauern haben in der Regel mehrere, meist benachbarte Almen in Besitz oder Pacht, geradeso wie sich wohl auch mehrere kleinere Herden in die Weide einer einzigen Alm teilen. Denn die Almen sind oft so groß, daß mehrere Bauern die Gerechtsame daran haben. Ist man nun nach langer Wanderung und oft beschwerlichem Aufstiege oben angelangt, so wird zunächst das Vieh besorgt. Dann aber richtet der Senne oder.: die Sennin — die Alm wird keineswegs immer vom weMichen Geschlecht bewirtschaftet — den Treibern das einfache Mahl zu. Es besteht selten aus mehr als Kaffee und „Schmarrn", der beliebten fetten, eierkuchenähnlichen Mehlspeise. . Denn lukullische Genüsse giebts da oben nichjt. Fleisch ist ganz ausgeschlossen. Selbst wenn ein Tier verunglückt und geschlachtet werden muß, kommt das Fleisch davon zum Verkaufe hinab ins Thaldorf. Nach der Mahlzeit wird noch ein wenig geplaudert, und dann steigen die Treiber und sonstigen Begleitsleut^„abi". Senne oder Sennin sind nunmehr allein. Sind nun keine anderen Almen in naher Nachbarschaft, so wird diese Einsamkeit nur selten unterbrochen. Ab und zu kommt ja einmal ein „Jäger", d. h. ein Forstbeamter oder sonst Jagdberechtigter, oder ein verwegener Wilderer — das „Wilderern" gehört ja' zum guten Tone im Alpendorfe —, ein Holzfäller, oder, wenn die Alm im Grenzbezirke liegt, ein „Grenzer" (Zollbeamter) und nach ihm der gesuchte „Schwirzer" (Schwärzer, Schmuggler) durch, aber fest gerechnet werden kann nur auf den Besuch der Dorfangehörigen, der in regelmäßigen Perioden Mehl, Eier, Brot und die sonstigen einfachen Bedarfsmittel auf die Alm schafft, um dagegen deren Produkte, zumeist Butter und Käse, mit hinunter zu nehmen. Der ist es auch vor allem, der den Aelpler auf dem Laufenden erhält, ihm die Dorfchronik berichtet und was sonst vorgefallen ist, „in der Welt". „Stadtvolk" aber spricht nur vor, wenn die Almen an Touristenwegen liegen. Selbst der Herzenserkorene der Almerin kommt Sonntags nur dann, wenn die Alm nicht, was meistens der Fall ist, einen vielstündigen Marsch vom heimischen Dorfe entfernt liegt. Um so treuer sind aber häufig zwei andere Freunde: Gesang und Saitenspiel, und „Klampfen" (Guitarre) und „Zithern" hört man oft da oben ertönen. Dennoch aber kommt nichts weniger als Langeweile aus. Dazu giebts zuviel Arbeit. Erstmal sind täglich die Mhe zu melken und zu beaufsichtigen, denn die streifen ja bei gutem Wetter frei umher. Dabei halten sie sich immer zu der Glockenkuh, zu dem Leittiere, das allein oben auf der Alm die Schelle umbehält und durchs deren Klang allzeit den Standort der Herde verrät. Dann ist zu buttern und zu „käsen". Weiter müssen Stall und Mähwiesen besorgt werden. Da heißt's streuen und düngen, mähen, wenden und das Heu „einkraxeln". Die Alm soll aber auch bebaut werden, und das bringt die mühselige Arbeit des „Rentens" mit sich, wobei Wurzeln und Holzüberreste zu entfernen und kleineres Buschzeug, besonders aber, aus Hochalmen, „Latschen" (Legföhren) auszurotten sind. Auch muß der Bewirtschafter Holz für den eigenen Bedarf spalten und sich überhaupt des ganzen Leibes und Lebens Notdurft selbst besorgen. Daß es da nicht so poetisch zugeht, wie unsere Maler malen und unsere jungen Damen schwärmen, liegt auf der Hand. Mancher städtische Neuling war deshalb schon enttäuscht über die unsaubere Wirtschaft, die die Herren Sennen führen, oder über die wenig verlockenden Almerinnen. Ich habe bereits manche Alpe erstiegen, aber noch sehr wenig von den berühmten schönen und „blitz- saubern Diarndln", die da im Sinne unserer Dichter und Maler hausen sollen, zu sehen bekommen. Einheimische sagten mir, daß dergleichen aber auch zu finden sei, doch nur ausnahmsweise und dann an solchen Stellen, die dem Touristenstrome ausgesetzt lägen und deshalb mehr Restaurationsbetrieb als eigentliche Alpenwirtschaft hätten. Rührend ist die Liebe zu den Tieren, die man fast immer bei den Almleuten findet, und die Anhänglichkeit der Tiere untereinander. Da geht keines eher aus dem Stalle, als bis es sich überzeugt hat, daß alle mit dem Melkgeschäfte fertig sind, und treu halten sie gegen etwaige Eindringlinge aus fremden Herden zusammen. Und Senn und Sennin hegen jedes Stück wie ein Kind; geben den bevorzugten eigene Namen und haben die Freude, daß jedes ihrem Rufe in pünktlichem Gehorsame folgt. Ist nun der Sommer herum und alles gut gegangen, d. h. kein Stück erkrankt oder verunglückt, so wird festlich abgefahren. Das geschieht bei normalen Witterungsverhältnissen in der ersten Hälfte des Oktober. Da erhält jedes Tier wieder seine Glocke und zwischen die Hörner einen prächtigen „Buschen" aus Tannengrün, auch wohl einen schönen Kranz um den mächtigen Hals, bunte Papierkronen und anderen schmückenden Tand. Die Treiber und sonstige Zugehörige kommen herauf, der Wagen wird bepackt und 444 dann geht's fröhlich läutend, singend und musizierend „abi". Unten eilt alles herbei, wenn der Zug näher kommt, beglückwünscht und jubiliert mit. Der Senn reicht jedem die Flasche mit dem würzigen BergschMpse, und die Sennin verteilt au die frohen Kinderscharen Almnüsse, ein rundes, steinhartes, kleines Gebäck. Abends giebt's zu Hause besseres Essen als gewöhnlich und dann wohl noch ein lustiges Zusammensein beim Klange der „Klampfen" und „Zithern". Mit einem „Gute Alm über's Jahr!" trennt man sich, und damit hat dann für den Alpendörfler die „Winterzeit" begonnen. Vom Monat August. August 1901.' (Nachdruck verboten.) Bon allen Erzeugnissen, mit denen der August den Markt bereichert, ist das Obst in seiner Mannigfaltigkeit am reichsten vertreten und wohl auch am begehrtesten. Die Süßkirschen sind zwar ziemlich verschwunden, an ihre Stelle sind aber die viel wertvolleren Sauerkirschen, Weichsel und und Amarellen getreten. Die ersten heimischen Frühbirnen und Aepfcl erscheinen bereits, doch sind beide vorläufig noch weder ein Genuß oder eine Erfrischung, und man thut gut, den viel schmackhafteren Tiroler Aepfeln und Birnen den Vorzug zu geben. Schon um 1700 erfreuten sich die Tiroler Birnen des besten Rufes und wurden als Brixer weiße, rote und graue hochgeschätzt. Ferner ist die Auswahl reich und verlockend in Aprikosen, Pflaumen, Pfirsichen und Weintrauben in saftreichen Früchten. Von Beerenfrüchten giebt es die duftenden" Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Blaubeeren, Brombeeren, aus dem Walde noch kleine Sendungen Erdbeeren, und als ersten Herbstgruß bringt uns der August die rotleuchtenden Preißelbeeren. Sorgsame Hausfrauen widmen jetzt ihre Aufmerksamkeit den Würzkräutern, eine Hauptrolle spielen Dill und Estragon. Letzterer gehört zu den besten Würzen einer Reihe von Fleischspeisen, Salaten und Saucen. Beisuß, um Gänse-, Enten- und Schweinebraten schmackhafter zu machen, Majoran, Pfefferkraut, Salbei und Thymian sind in reichen Vorräten am Markte. Dill, Estragon, Blätter der Sauerkirschen und Weinblätter und Ranken geben den salz- und Senfgurken, gemischten Essigfrüchten usw. den prickelnden Geschmack. Mit Weinblättern umwickelt man die zarten Rebhühner und jungen Tauben, um dieselben zu würzen und ihnen beim Braten ihren Saft zu erhalten. In Ungarn finden die Weinblätter auch anderweitig Verwendung in der Küche, z. B. ist ein echt ungarisches Gericht gefüllte Weinblätter. Man nimmt dazu recht zarte Wein- blätter und füllt sie mit einer Farce aus gehacktem Schweinefleisch, einer Hand voll gebrühtem Reis, Salz, Pfeffer, Zwiebel und Ei, rollt und bindet diese Rouladen mit Dillkraut, legt sie in einen Topf mit Salzwasser und läßt sie weich kochen. Alsdann macht man eine Buttermehlschwitze, giebt etwas Bouillon aus 5 Gr. Liebigs Fleischs- Extrakt und eine Obertasse sauere Sahne hinzu und läßt die Rouladen nochmals damit aufkochen. Auf dem Gemüsemarkt herrscht überreiche Mannigfaltigkeit und Fülle. Der August bringt eine Neuauflage von frischen Radieschen und Rettichen, sowohl weißen oder Bierrettichen als auch! schon schwarzen Winterrettichen. Auch eine zweite Pflanzung Kopfsalat in schönen festen Köpfen kommt zum Markt, dieses Labsal in den heißen Tagen, dessen Ruhm zu allen Zeiten gepriesen worden ist. Ferner giebt es Sommerendivien, Tomaten in großen roten Früchten, Kohl in allen Arten außer dem später erscheinenden Rosenkohl. Gute seine Gartengurken zum Salat halten ihre Preise. Vorzugsweise sind es Feldgurken, die in verschiedener Güte und Reife zum Verkauf gelangen. Gute Aussichten bieten auch die Zwiebelfelder und werden Zwiebeln aller Art in bester Ware angeboten. Weißzarte Perlzwiebeln sind für gemischte Essigfrüchte, Senf- und Pfeffergurken gern gekauft, gute Schalotten, sowie der erste Knoblauch kommen gleichzeitig mit den ersten Tafelzwiebeln aus Algerien zum Markt. Tie Wildversorgung der Tafel im August ist durch Reh, Hirsch und Damwild gut bestellt. Schnepfen, Fasan, Haselhühner und junge Wildenten, die sich an den Ernteabfällen gütlich gethan, kommen in den Handel. Wohlschmeckend ist jetzt eine gut zubereitete junge Wildente. Man legt die Ente 4—6 Tage vor der Zubereitung in gewöhnlichen Weißwein, läßt sie dann in etwas Weißwein und starker Fleischbrühe aus 10 Gr. Liebigs Fleischs-Extrakt, sowie Butter, Speck und Gewürz, einem Lorbeerblatt und ein wenig Citronenschale feit zugedeckt gar dämpfen. Vor dem Anrichten kann man die Tunke entfetten, noch ein wenig Rotwein hinein gießen und sie mit in Wein aufgelöstem Kartoffelmehl semig machen. Tie zweite Hälfte des Monats bringt die feinste und beliebteste Neuheit, das Rebhuhn, dessen Abschuß zu Lust und Freude aller Nimrode und Feinschmecker in nun nicht allzu weiter Ferne liegt. Durchweg gut ist sämtliches Hausgeflügel, dessen Tisch durch die frischen reichlichen Ernteabfälle in Körnern gut versorgt wird. Junge Hühner und Tauben sind reichliche vorhanden, und ebenso ist kein Mangel an jungen Gänsen und Enten. Letztere sollen gerade jetzt am besten sein und prangen auf jeder Speisekarte. Vereinzelt kommen junge Puten und Perlhühner, die einen ausgezeichneten Braten abgeben. Den Fischmarkt beherrschen fast alle Süßwasserfische, namentlich ist in den heißen Tagen nach! Back- und Bratfischen starke Nachfrage. Aale, Hechte, Schleien, Seibling und Lachs sind vorzüglich. Nicht zu empfehlen sind Aesche, Brachsen, Ellritze, Gründling, Wels und Barbe. Vor dem Rogen der Barbe ist ernstlich zu warnen, da derselbe üble Zustände hervorruft, während die Barbe außer der Laichzeit eine gesunde Speise ist. Auch Seefische giebt es durch den Versand in Eisverpackung, besonders in den Großhandlungen in reicher Auswahl und guter Ware. Einen Jahreszeit-Leckerbissen bieten geräucherte Ostseeflundern. Große Krebse sind leider spärlich, reichlicher sind mittlere und kleinere Suppenkrebse, gegen Ende des Monats fangen die Sendungen an kleiner und unregelmäßiger zu werden. Gemeinnützige». Engerlinge radikal zu vertilgen. Mancher Rasen, der gelb und kahl daliegt, manche Rose, die unvermittelt zu trauern anfängt, und manches Gemüsefeld, auf dem plötzlich die Kulturen hinwelken, sind von einem unheimlichen Gaste bewohnt, dem Engerling. Alle mechanischen Mittel, den Engerling wegzubringen, sind gewöhnlich erfolglos, und Jahr für Jahr, bis der Engerling zum Maikäfer wird — und dies geschieht erst in vier Jahren — kehrt die Plage wieder. Vom Engerling stark heimgesuchte Beete können völlig unfruchtbar werden, es ist deshalb wohl geboten, nach Mitteln zu suchen, welche den Engerling radikal vernichten. In Nr. 17 des „Erfurter Führers im Gartenbau" beschreibt ein alter Praktiker seinen Kampf und seine Mittel zur vollständigen Vernichtung des Feindes. Diese Nummer wird unseren Abonnenten kostenfrei zugeschickt, wenn sie sich mittels Postkarte an das Geschäftsamt des „Erfurter Führers" wenden. Ergänzungsrätsel. (9iad)i)tucf verboten.) W . . j . d . . t . ti . t, w . r . l . . ch . . etr . . en, . e . k . . n . . . r . u ., b . . rü . . s . . h s . . b . t. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Krmelranel? in voriger Nummer: Insel, Stern, Arie, Bart, Erich, Leim, Lack, Ast. — Isabella. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 107 der Familienbl älter: Wenn vir leis in Abendstille Milder Hauch zum Herzen weht, Fühl' es, daß ein Gotteswille Bei dem Trostverlass'nen steht. Fühl' es, daß am Gottesherzen Null geborgen ruht die Well, Und den taggebor'nen Schmerzen Liebe nun ein Ziel gestellt. Es gingen insgesamt 22 richtige Lösungen ein, das Los fiel auf Nr. 7, Einsender: Herr Ernst Wagner, Friedberg, Hanauerstr. 5. Der Preis — Krauß, Der Zwingherr — ist von dem Gewinner gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universtläts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.