Nr. 160. Donnrrsrstz Den 7. November. 1901. "L D nt beim ersten Blick und herzenswarm, dann, genau erkannt, An wahrer Liebe bettelarm. So mancher scheint beim ersten Blick Verschlossen, starr nnd eisig kühl; Doch birgt sein Herz für den, der sucht, Den reichsten Schatz von Mitgefühl. Wilhelm Jordan. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) „Hoffen wir also, daß es mir und den Meinigen gelingen werde, diesen Wunsch in Ihnen wachzurufen. Ich darf Sie doch heute noch mit meiner Familie bekannt machen, liebe Felicia?" „Ja, falls es nicht vor sieben Uhr abends sein müßte; denn bis dahin habe ich über meine Zeit verfügt. Ueb- rigens, es giebt doch Damen in Ihrem Hause?" „Gewiß ! Meine Frau und meine Tochter Hilde, die gerade in Ihrem Alter sein wird, oder vielleicht ein wenig —" „Ein wenig jünger, wollen Sie sagen. Warum zögern Sie denn, es auszusprechen? Ich bin nahezu zweiund- zwauzig Jahre alt; aber ivenn es auch zweiunddreißig wären, würde ich doch nicht die geringste Veranlassung sehen, mich dessen zu schämen." „Verzeihen Sie — aber hier zu Lande sind leider nicht alle Damen so vorurteilsfrei. Meine Hilde wäre danach also in der That um ungefähr vier Jahre jünger, ein Altersunterschied, der hoffentlich nicht verhindern wird, daß sie Freundinnen werden." „Und das ist Ihre ganze Familie?" . „Nein. Ich habe außerdem noch einen älteren Sohn, der erst kürzlich nach bestandenem Assessorexamen zu uns zurückgekehrt ist. Aber es scheint, daß mein lieber Georg drüben in Boston nicht viel mehr von mir gehört hat, als ich hier von ihm. Oder vielleicht befindet er sich gar nicht mehr in Boston?" „Doch! Und nichts in der Welt würde ihn bewegen, diese Stadt, in der er sein Vermögen erworben hat, auch nur auf einen einzigen Tag zu verlassen." „Um so mehr setzt es niich in Erstaunen, daß er Sie so ganz allein in die iveite Welt hinausziehen ließ. Er wird Sie doch gewiß schmerzlich vermissen." „Ich weiß nicht", sagte Felicia ziemlich kühl. „Man ist darin bei uns vielleicht nicht so feinfühlend wie hier in Deutschland. Aber nun ist es Zeit, daß ich mich verabschiede. Der Professor hat mich auf zwölf Uhr vormittags zu sich bestellt. Und ich liebe es, pünktlich zu fein." „Dann darf ich allerdings keinen Versuch machen. Sie zu halten. Wollen Sie mir die Adresse Ihres Pensionats angeben, damit ich Sie um sieben Uhr von dort abholen lassen kann?" „Ist nicht nötig. Ich werde mich auch ohne das einfinden, vorausgesetzt, daß Sie des Einverständnisses Ihrer Gattin mit der Einladung sicher sind." „So sicher, daß ich nur ihre Vorwürfe fürchte, Sie nicht gleich in Beschlag genommen zu haben. Gestatten Sie mir, Ihnen meine Privatwohnung aufzuschreiben, damit — —" Aber Felicia, die es eilig zu haben schien, wehrte hastig ab. „Ich weiß schon. An der Esplanade 4. Ein hübsches Haus. Ich habe mir's im Vorbeifahren angesehen." Der Stadtrat fragte nicht, warum sie es bei dieser genauen Kenntnis seiner Privatadresse nicht vorgezogen habe, dort ihren Besuch zu machen; denn er war durchaus damit einverstanden, daß sie es nicht gethan. Wieder, wie vorhin bei der Begrüßung, drückte er beim Abschiede mit großer Wärme ihre kleine zierliche Hand und gab ihr höflich nicht nur bis zur Thür, sondern auch noch durch das Vorzimmer das Geleit. Als er zurückkehrte, winkte er den alten Noster zu sich heran und sagte: „Gehen Sie hinüber zur Hauptkasse und bitten Sie den Herrn Rendanten Lindemann, mich auf ein paar Minuten zu besuchen." „Sehr wohl, Herr Stadtrat!" Der Bote humpelte davou, und nach kürzester Zeit schon betrat der Gerufene das Bureau seines Vorgesetzten. Er mochte um ein Jahrzehnt jünger sein als der Kämmerer, aber er hatte nicht sein blühendes Aussehen und seine stattliche, kraftvolle Gestalt. Kaum mittelgroß, mit schmalen Schultern und gelblichem, magerem Gesicht, machte er den Eindruck eines kränklichen, schüchternen und gedrückten Menschen, den die Bescheidenheit seiner Haltung noch dürftiger erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. „Sie haben mich zu sprechen verlangt, Herr Stadtrat?" „Jawohl, mein lieber Lindemann! Und zwar zunächst in dienstlichen Angelegenheiten. Es hat sich da, wie Sie sehen, auf meinem Schreibpult ein ganzer Stoß von dringlichen Sachen augehäuft, die durchaus in den nächsten Tagen bearbeitet werden niüsfen, wenn der Etat noch rechtzeitig fertiggestellt werden soll. Aber ich bringe es beim besten Willen nicht zu stände. Meine Nerven sind zu weit herunter. Und da Sie doch ohnehin über alle diese Dinge viel besser unterrichtet sind als ich, werden Sie mir gewiß gern mit Ihrer bewunderungswürdigen Arbeitskraft ein wenig zu Hilfe kommen." o mancher sche Gar liebevoll Und zeigt sich 638 —• abend mitbringen — nicht wahr? Wegen der Rückzahlung hegen L-ie hoffentlich keine Befürchtungen?" Lindemann murmelte etwas, das wohl eine höfliche Versicherung des Gegenteils sein sollte. Dann wandte er ich zum Gehen. In der Nähe der Thür aber machte er noch eimnal „Sie denken doch daran, Herr Stadtrat, daß auch der Quartalsabschluß der Hauptstiftungskasse morgen fertig sein muß? Ich werde heute nachmittag alles in Bereitschaft halten — die Kassenbestände und die Belege." Ignatius machte eine abwehrende Handbewegung. „Glauben Sie vielleicht, daß ich mich ein paar Stunden lang Plagen werde, nur um Ihnen mit gutem Gewissen bestätigen zu können, daß Sie ein ehrlicher Mann sind? Das. kann ich glücklicherweise auch ohne das. Bringen Sie mir den fertigen Abschluß zur Unterschrift herüber wie immer. Damit ist dann die Sache erledigt." „Ganz, wie Sie es wünschen, Herr Stadtrat! — Aus heute abend also!" Unter wiederholtem Hüsteln und ohne seine Augen noch einmal zu dem Kämmerer- zu erheben, ging Lindemann hinaus. Ludwig Ignatius aber schien sein hartes Tagewerk für heute als beendet anzusehen; denn nachdem er noch ein Viertelstündchen mit Fenster gestanden hatte, ließ er sich von dem alten Röster Hut und Mantel bringen und verließ nach einem letzten, verächtlichen Blick auf den aktenbedeckten Schreibtisch das Bureau. Fünftes Kapitel. Langsam und in der gebeugten Haltung eines totmüden Mannes war der Rendant Lindemann die beiden Treppen zu seiner Wohnung emporgestiegen. Sein Atem ging schwer und keuchend, als er die Glocke zog. Beinahe tonlos kamen die hastigen Worte, mit denen er den Gruß seiner Tochter erwiderte, über die schmalen, blassen Lippen. Erst als er in dem einfach ausgestatteten Wohnzimmer stand und mit Hilfe des jungen Mädchens seinen schweren Ueber- rock abgelegt hatte, beruhigte sich allgemach seine heftig arbeitende Brust. Er rieb sich mit dem seidenen Taschen- tuche die Stirn, und sein suchender Blick flog scheu zu dem altmodischen Schreibtisch hinüber, auf dem er die während seiner Abwesenheit etwa eingelaufenen Postsachen zu finden gewöhnt war. „Es ist nichts für mich angekommen?" fragte er sichtlich erleichtert, da er die Platte leer sah. „Und es hat auch niemand nach mir gefragt?" „Rein, lieber Vater", antwortete ihm die iveiche, angenehm klingende Stimme seiner Tochter. „Rur Hilde Ignatius war im Laufe des Nachmittags auf einen Augen- blick da, um zu bitten, daß wir nicht gar zu spät kommen möchten." Jetzt erst ließ der Rendant seine Augen prüfend über die Gestalt der Sprechenden hingleiten. Er hätte mit dem Ergebnis dieser Musterung recht wohl zufrieden sein können; denn Margarethe Lindemann war ein ausnehmend hübsches Mädchen, eine richtige blonde Gretchenerscheinung mit klaren, ruhig-ernsten Augen und einem weichen, lieblichen Gesicht, dessen Züge einen mehr nachgiebigen als entschiedenen Charakter vermuten ließen; das bei aller Ern- sachheit sehr geschmackvolle blaue Tuchkostüm, das sie für den beabsichtigten Besuch bei den Eltern ihres Verlobten angelegt hatte, kleidete sie vortrefflich. Und doch schien es durchaus nicht den Beifall ihres Vaters zu finden; denn er sagte kopfschütetlnd: „Willst Du in diesem Kleide gehen, Margarethe? Habe ich Dich denn nicht gebeten, daß Du Dich gerade heute recht hübsch machen möchtest?" , . „ , „Aber Hilde sagte mir ausdrucklrch, oaß wrr außer der jungen amerikanischen Verwandten die einzigen Gäste sem würden. Da kann ich mich doch wohl nicht wie zu einem Balle oder zu einer großen Gesellschaft anzrehench „Warum nicht? Gerade neben dieser Amerikanern:, von der so viel Aufhebens gemacht wird, sollst Du nicht armselig und unscheinbar aussehen. Habe ich Dir dre schonen Kleider nur machen lassen, damit sie unbenutzt nn Schranke hängen?" , , Es wird sich im Laufe des Winters gewiß Gelegenheit finden, sie zur Geltung zu bringen, lieber Vater. Ma heute — sei mir darum nicht böse — heute rst e» wirklich nicht möglich. Ich würde damit vielleicht, den Spott der fremden Dame heraussordern. Und der, für den ich mich „Ich würde die Nachtstunden dazn verwenden müssen, Herr Stadtrat, denn ich bin so mit Geschäften überlastet, daß ich während des Tages auch nicht eine Minute erübrigen könnte." „Wie Sie es einrichten wollen, überlasse ich natürlich ganz'Ihrem Ermessen. Die Hauptsache ist, daß Sie mich nicht im Stich lassen. Sie wissen, mit unserem neuen Oberbürgermeister ist nicht zu spaßen." , ' . „Ich werde einen Teil der Akten heute abend nut nach' Hause nehmen. Legen Sie nur, bitte, die für mich bestimmten Schriftstücke zurecht." „Das soll geschehen! — Aber heute abend — hm! — heute abend tverden Sie doch wohl nicht damit anfangen können. Denn ich wollte Sie und Margarethe eben zum Souper einladen. Ein kleines Abendessen im engsten Familienkreise zu Ehren einer gleichsam neu entdeckten jungen Verwandten. Dabei dürfen die Braut meines Sohnes und ihr Vater doch nicht fehlen." Der Rendant verbeugte sich fast demütig. „Ich nehme die Ehre dankbar an. Aber wenn es erlaubt ist, zu fragen — —" „Wer diese neu entdeckte Verwandte ist? — Ja, mein lieber Lindemann, allzuviel kann ich Ihnen darüber nicht verraten, weil ich selbst kaum mehr von ihr weiß, als daß sie ein reizendes Mädchen ist mit einer Stimme wie Lerchengezwitscher und mit Augen — na, Sie werden sie ja sehen! Ihr Vater ist ein entfernter Verwandter von mir, der vor undenklichen Zeiten nach Amerika ausgewandert ist und sein Glück gemacht hat. Schon vor ungefähr zehn Jahren hörte ich, daß er sich in Boston als vielfacher Millionär zur Ruhe gesetzt habe. Wir haben niemals in einen Briefwechsel mit einander gestanden, aber ich muß die Tochter, die sich voraussichtlich längere Zeit hier aufhalten wird, mit aller verwandtschaftlichen Rücksicht behandeln." Lindemann hüstelte. „Die junge ..'ante wird auch in Ihrem Hause wohnen, Herr Stadtrat?" fragte er zögernd. „Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, sie dazu zu bewegen. Vorläufig hat sie sich ihre Entschließung noch Vorbehalten. Sie werden also mit Margarethe kommen? Sehr schön! — Und nun noch eins" — die laute, joviale Stimme des Kämmerers dämpfte sich plötzlich zu vorsichtigem Flüstern — „Sie müssen mir noch einmal aus einer kleinen Verlegenheit helfen, lieber Lindemann — nur mit dreitausend Mark! Die aber brauche ich wirklich sehr dringend." ,, , Er sagte es mit demselben gütigen, wohlwollenden Lächeln, das während der ganzen Dauer des Gespräches auf seinem rosigen Antlitz gewesen war. Und wie in herablassender Vertraulichkeit legte er seine Hand auf dre Schultern des Rendanten. Der aber zuckte unter der Berührung zusammen, wie wenn man ihm einen Schlag versetzt hätte. „Es trisft sich äußerst unglücklich, Herr Stadtrat", murmelte er. „Gerade in diesem Augenblick wird es mir kaum möglich sein, Ihnen zu dienen." Ludwig Ignatius runzelte die Stirn. „Ach, machen Sie doch keine Geschichten, alter Freund! Sie werden doch wohl nicht anfangen wollen, mir gegenüber den Mißtrauischen zu spielen? Oder haben Sie vielleicht über Rächt die ganze Erbschaft am grünen Tische verthan?" „Weder das Eine noch das Andere! Aber — aber — ich würde einige Papiere mit großem Verlust verkaufen müssen, und — und —" ' ■ „Verkaufen? — Weshalb denn das? Sie brauchen ste ja nur bei Ihrem Bankier zu verpfänden und können sie da ruhig liegen lassen, bis die Kurse sich wieder erholt haben. Tie Zinsen, die Sie dafür zahlen müssen, nehme ich natürlich auf mich." Der Atem des Rendanten ging merklich lchwer. Er starrte vor sich nieder auf den Fußboden, und es lief ein Zittern über seine gebrechliche Gestalt. „Ja — ja — daran habe ich nicht gedacht — so könnte ich es vielleicht machen", brachte er nach sekundenlangem Schweigen anscheinend mit Anstrengung heraus. „Und Sie sagen, daß — daß es noch heute sein muh?" „Freilich! Es ist mir da ein unangenehmer Manichäer aus den Hals gekommen, den ich um jeden Preis losiwerden will. Sie werden mir die kleine Summe heute 639 allem schmücken möchte, steht mich am liebsten in diesem Kleide." Mißtrauisch kniff der Rendant die Augen zusammen. „Hat er Dir das gesagt, der Herr Assessor? — Nun, meinetwegen! Aber ich habe Dich gewarnt. Wenn er nachher diese neuentdeckte Base, oder was sie sonst sein mag, schöner und eleganter findet als Dich, so hast Du Dir selbst die Schuld beizumessen." Ein liebenswürdig schelmisches Lächeln huschte über Margarethens Gesicht. „O, was das betrifft, so mache ich nur keine Sorgen. Schöner als ich ist sie ja gewiß, aber ich werde darum doch nicht eifersüchtig auf sie sein." „So? — Bist Du Deiner Sache so sicher? Du hättest nur hören sollen, mit welcher Begeisterung der Stadtrat ton ihr sprach — fast wie ein Verliebter! Und er will sie überreden, in seinem Hause zu wohnen." „Das ist doch ganz natürlich, da sie, wie es scheint, hier keinen anderen Schutz und Anhang hat, als ihre Verwandten." „Natürlich oder nicht — ich sage Dir, daß es mir nicht gefüllt. Sie soll die Tochter eines sehr reichen Mannes sein, vielleicht eines Millionärs. Und sie würde dem Stadtrat als Gattin für seinen Sohn wahrscheinlich besser zn- sagen als Du." (Fortsetzung folgt.) Wasser als Gift. Bon Rudolf C u r t i u s. Nachdruck verboten. Griechenlands größter Lyriker Pindar hat schon vor mehr als 2000 Jahren die Behauptung aufgestellt, daß „Wasser von allen Dingen das Beste" sei. Obgleich dieser Klassiker unter den Abstinenzlern mit seiner Ansicht jederzeit mit Recht viele Anhänger gefunden hat, und gerade die Neuzeit in der Versorgung der Städte mit wirklich gutem Wasser eine der vornehmsten Aufgaben der Hygiene erblickt, hat man dem Wasser doch auch zu allen Zeiten alles erdenkliche Schlimme angedichtet. Als ob man eine Vorahnung von alledem gehabt, hätte, was die moderne Bakteriologie in den letzten 25 Jahren ans Tageslicht gefördert, hat man in jedem Jahrhundert irgendwo das Wasser angeschuldigt, die.unheimlichsten Gifte zu enthalten, lvelche Krankheit und Verderben jenen Menschen bringen, die damit ihren Durst stillten. So Yak man fast überall im Mittelalter Judenverfolgungen mit leidenschaftlichem Eifer betrieben, lveil man glaubte, daß diese, lvo sie Bedrückungen erlitten, die Brunnen vergiftet hätten. In Frankreich hat man sogar im Jahre 1322 Hunderte von armen Aussätzigen verbrannt, weil man in dem Irrwahn befangen war, daß sie auf Anstiften der aus dem Lande gewiesenen Juden die Brunnen verseucht Hütten, indem sie Giftkügelchen aus Krötenlaich, Bilsenkraut, Tollkirsche und dem verseuchten Blut der Aussätzigen geformt, und in die Brunnen ge- worfen hätten, und im Kölnischen wurden im Jahre 1419 nicht weniger als 43 Weiber zum Scheiterhaufen geführt, weil man sie des gleichen Verbrechens für überführt erachtete. Wie fast in allen, auch noch so starken Uebertreibungen des Aberglaubens steckt auch in dem Glauben an die Wasservergiftung ein Stück Wahrheit, und zwar ein sehr erhebliches. Gerade der eben verflossene Sommer 1901 und der Herbstbeginn hat eine große Anzahl von Typhus- und Ruhrepidemien in Barackenlagern auf militärischen Uebungsplätzen, also sozusagen in den Sommerfrischen der Armee, und in Kasernen gebracht, wo zweifellos das Wasser als todbringender Dämon gewirkt hat. Die großen Städte haben nun zwar längst eingesehen, daß der Unrat und die Abfälle der Hunderttausende und Millionen, die in ihren Mauern eng zusammengedrängt, auf kleinem Raume nebeneinander wohnen, zu einer beständigen Vergiftung des ganzen Grundes und der Brunnen führen. Immerhin hat eß aber doch erst furchtbarer Typhus- und Cholera-Epidemien, wie sie in London in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts oder in Hamburg 1892 wüteten, bedurft, um die städtischen Verwaltnngs- körper aus ihrer Trägheit aufzurütteln, und zur Beschaffung eines halbwegs einwandsfreien Trink- und Nutzwassers zu veranlassen, und auf dem Lande, wo sich die Brunnen häufig in nächster Nähe der Düngerstätten und Senkgruben befinden, herrschen noch heute ganz trostlose Verhältnisse. Die moderne Hygiene erhebt daher mit lauter Stimme den Ruf nach „reinem Wasser". Aber über den Begriff der Reinheit sind die Ansichten sehr verschieden. Ebenso wie für den Chirurgen ein Messer, welches die Köchin für blitzsauber erklären würde, mehr als verdächtig, und wegen tausender in seinen Unebenheiten nistenden Bakterien für eine blutige Operation gänzlich unbrauchbar ist, ebenso kann ein wunderbar klares Wasser, dessen krystallenes- Naß zum Bade förmlich lockt, oder für inoustrielle Zwecke sich als höchst brauchbar erweist, gänzlich untauglich zum Trinken und, in den Körper aufgenommen, ein wahres Gift sein. Die Hygiene hat daher längst ganz bestimmte Erfordernisse an das Wasser von Brunnen, Quellen und Seen gestellt, wenn es zum Trinken Verwendung finden soll. Es darf nicht mehr organische Stoffe enthalten, als durch sechs Milligramm übermangansaures Kali in einem Liter Wasser reduziert werden. Es soll in einem Liter Wasser nicht mehr als 15 Milligramm Salpetersäure, nicht mehr als 30 Milligramm Chlor und höchstens 100 Milligramm Schwefelsäure, und von Ammoniak und salpetriger Säure nur Spuren enthalten. Der Laie wird sich vermutlich verwundert fragen, wie diese kleinen Gewichtsmengen fremder Substanzen ein Wasser, welches sonst gut und erfrischend schmeckt, als zum menschlichen Gebrauche un- geignet stempeln sollen. Die Gesundheitspflege hat aber mit ihren diesbezüglichen strengen Anforderungen nur allzu sehr Recht. Wären nämlich "die vorgenannten fremden Beimengmrgen nur in Form anorganischer chemischer Verbindungen vorhanden, die durch die lösende Kraft des Wassers aus den von ihm durchströmten Gesteinen ausgelaugt wurden, so hätte ihre Anwesenheit nichts Bedenkliches. In Wahrheit sind sie aber fast regelmäßig das Produkt der Verwesung und Fäulnis organischer Substanzen, nämlich des Zelleiweißes von Pflanzen und na- nameutlich von tierischen Körpern. Wo sie vorhanden sind, ist daher auch immer der Verdacht berechtigt, daß die tückischen Kleinlebewesen der Bakterienwelt, die jeden lebenden Körper nach seinen: Tode zerstören, sich noch in großer Zahl in einem derartigen Wasser befinden, und deshalb muß jeder, der sich nicht gelegentlich beit Tod antrinken will, nach Möglichkeit einen derart gefährlichen Trank vermeiden. Sind auch die int Wasser vorkommenden Kleinlebewesen zum größten Teil von ganz unschädlicher Natur, so legt doch eben die Möglichkeit, daß giftige darunter sind, den Wunsch nach einem völlig bakterienfreien Wasser nahe. Ein solches giebt es aber in der Natur ebenso wenig wie eines, das die mineralischen Salze gänzlich entbehrte. Letztere sind vielmehr ebenso wie ein gewisser Gehalt an Kohlensäure unumgänglich notwendig, damit das Wasser wirklich wohlschmeckend und bekömmlich ist. Ein chemisch reines Wasser dagegen wirkt auf den lebenden Organismus in hohem Grade giftig. Der Grund dieser merkwürdigen Thatsache ist ein seh. einfacher. Bekanntlich bestehen alle lebenden Körper zum weitaus größten Teile aus Wasser. Unterwirft man einen frischen Tier-oder Menschenkörper der quantitativen Analyse, was am einfachsten dadurch geschieht, daß man ihn in einem allseitig umschlossenen Raume einäschert, und die Verbrennungsgase auffängt, so stellt sich heraus, daß sieben Achtel bis neun Zehntel unserer irdischen Leiblichkeit nichts anderes sind, als eben Wasser. Letzteres findet sich aber im Körper nur zum geringsten Teile als freier Inhalt des Magens, der Därme, der Blase, des Blutes usw. vor, sondern steht in den Lymphspalten und namentlich in den Binnenräumen der Zellen in engster Verbindung mit dem lebenden Eiweiß des Körpers und ist obendrein überaus salzhaltig, wovon sich jeder leicht an einem Schweißtropfen überzeugen kann, den ihm die sommerliche Hitze entpreßt. Wo aber eine salzhaltige und eine salzlose Flüssigkeit von einander nur durch eine feine tierische Membrane getrennt sind, treten sofort die unter dem Namen des Osmose bekannten Erscheinungen auf Es tritt nämlich durch die auch mit dem stärksten Mikro skope nicht sichtbaren Elemente der feinen tierischen Haut Wasser in großen Mengen nach der Seite über, wo sich die Salzlösung befindet, während umgekehrt das Salz in — 640 — Die Punkte und Striche entsprechen den einzelnen Buchstaben der nachstehend in anderer Reihenfolge anfgeführten Wörter. Diese Wörter sind so zu ordnen, daß die auf die Punkte fallenden Buchstaben, im Zusammenhang gelesen, ein bekanntes Sprichwort ergeben. Augen — Boreas — Licht — Minna — Legal — Soda — Wien. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Akrostichons in vor. Nr.: a. Aß, Stern, Äsen, Asche, Bier, Abel, Bart, Auge. b- Dstern, Rasen, Tasche, Ubier, Gabel, Abart, Lange. E. Burkhardt. Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen umgekehrter Richtung nach außen gelangt. Diese Prozesse spielen im Lehen der Pflanzen und Tiere eine große Rolle; denn der Austausch von Säften ist nur auf diesem Wege möglich. Die vorher trockenen Körperelemente des Pflanzensamens z. B- einer Erbse, Bohne oder eines Reis- oder Getreidetornes quellen dabei, sprengen ihre äußeren Hüllen, und eröffnen den im Samen bereits vorgebildeten Keimen und Würzelchen den Weg zum Licht und zum nahrung- fpendenden Erdreich. Genau dasselbe geschieht, wenn die Zellen des menschlichen Körpers mit chemisch reinem Wasser in Berührung kommen. Die Wirkung inuß aber hier, wie sich schon theoretisch voraussehen läßt, eine höchst schädliche sein. Begierig saugt die von salzigen Säften durchflutete Zelle das Wasser auf, während sie ihre Salzlösung nicht ebenso geschwind abgeben kann; die Folge davon ist, daß der Umfang der Zelle bedeutend anschwillt, daß ihre feinere innere Struktur zerdrückt oder zerrissen wird und daß schließlich auch die gegen außen schützende Zellhaut berstet und das Zellprotoplasma dem Untergang überliefert. Nun wird es natürlich niemandem einfallen, von chemisch reinem oder destilliertem Wasser, welches dem ersteren ziemlich nahe kommt, bewußterweise seinen Durst stillen zu wollen. Der Preis, und der abscheulich fade Geschmack desselben sind Grund genug, andere Getränke vor- .zuziehen, welche der Zunge mehr zusagen. Immerhin giebt es aber doch verschiedene, täglich vorkommende Gelegenheiten, bei denen wir mit der Giftwirküng des reinen Wassers Bekanntschaft machen können. Die erste ist das destillierte Wasser der Apotheken. Aqua destillata steht in allen Rezeptformeln für flüssige Medikamente an erster Stelle, obwohl in den meisten Fallen Aqua fontis, d. h. gutes Quell- oder Wasserleitungswasser genau die gleichen Dienste thäte. Schließlich wer- oen aber auch die wenigen Eßlöffel destillierten Wassers, wLrche im Medikamente in stündlichen oder mehrstündigen Pausen genossen werden, keinen besonderen Schaden an- rlchten. Wo aber größere Mengen Wasser mit den höchst empfindlichen Schleimhäuten in Berührung kommen, trägt die Medizin der Aetzwirknng des reinen Wassers auf das lebende Protoplasma längst Rechnung, indem sie statt des ersteren sogenannte „physiologische Kochsalzlösung", d. h. rat Wasser benutzt, welches auf 100 Teile sieben Zehntel Prozent Kochsalz enthält, und bei der Magenauspumpung, cher Mundbespülungen, bei Operationen an den Augen, den Scylennhäuten der Nase und des Ohres, und bei vielen anderen chirurgischen Eingriffen in unausgedehntestem Maße Verwendung findet. , Weit häufiger kommen wir aber in die Lage, uns ein fast chemisch reines Wasser einzuverleiben, wenn wir natür- lrches Süßwasser oder solches, ■ welches aus destilliertem Wa;ser m Gefrierapparaten künstlich hergestellt ist, in H-orm von Gefrorenem oder in Bowlen, in ivelche dasselbe zwecks schneller Kühlung vielfach direkt hineingethan wird, 'gemeßen. Während des langsamen Gefrierens scheiden sich nämlich die im Wasser löslichen Substanzen, und zwar Salze >owohl wie Gase, aus, und wenn dieses Eis später Wreder eine flüssige Form annimmt, hat es eine Reinheit -un chemischen Sinne, die von dem künstlich in Retorten hergestellten destillierten Wasser nie erreicht wird. Wenn Kranke nach dem Genüsse von Eispillen oder Gesunde welche Eis genossen hatten, Uebelkeit und Brechreiz be- kamen, so mußte bisher immer der angebliche Bakterien- gehalt des aus stehenden Gewässern entnommenen Eises als Sundenbock herhalten. So verdächtig aber solches Eis unter Umständen sein kann, so sicher ist es, daß mindestens ebenso oft die Abwesenheit der im guten Tränkwasser ent- haltenen Salze, die dem Eise fehlen, die Ursache des Unwohlseins ist. Beim Genüsse von Eis verläßt uns obendrein lewer auch noch unser getreuer Warner, die Zunge, bereit Empfindlichkeit durch Eis, und eiskalte Getränke erheblich herabgesetzt wird, und uns dann nicht mehr durch den Geschmack die Gefahr verrät. Es ist hiernach auch ohne weitere Erklärung ersichtlich!, varum der Genuß von Firnschnee und Gletschereis, vor welchem in allen Doüristenbüchern dringlichst gewarnt fad) „jebodj viele verdurstete Alpenwanderer Ä enthalten können, häufig schweres Unwohlsein im Gefolge hat. Wenn man nur die Wahl hat, entweder solches Eis öder Wasser zu genießen, öder, nachdem das Blut durch Schwitzen und Ausatmung hochgradig an Wasser verarmt ist, der Gefahr eines Schlagflusses ausgesetzt zu sein, wird man natürlich einen eventuellen Magenkatarrh -infolge des Genusses von Gletschereis und Schneewasser als das kleinere Uebel vorziehen. Im übrigen aber hat die obige Warnung ihre volle Berechtigung. Seltsamerweise erlaubt sich die Natur an einigen wenigen Orten im Gebirge den unliebsamen Scherz, derartiges Wasser aus dem Schoße der Erde laufen zu lassen, -^lese Quellen sind als „Giftbrunnen" seit Jahrhunderten bekannt, und enthalten ein Wasser von so großer chemischer Reinheit, wie es mit menschlichen Hilfsmitteln kaum hergestellt werden kann. Emer der bekanntesten Giftbrunnen befindet sich jn Gastein. So schädlich fein Wasser aber für den Magen ist, so ausgezeichnet eignet es sich für Bäder, weil er gerade dank feiner Reinheit den Körper auf d«s gründlichste von den in der Außenhaut abgelagerten, zum Teil sehr giftigen Salzen befreit, die als Zersetzungsprodukte des Lebensprozesses eine ständige Gesundheitsgefahr sind, sobald sie sich in erheblichen Mengen anhäufen. _____ Moltkes Briefe in einem Bande, ein Hausbuch .für die deutsche Familie. Moltkes Briefe, die ihn ja dem Herzen des deutschen Volkes am nächsten bringen, gelangen soeben in einer überaus billigen Ausgabe — in einem Bande — zur Herausgabe; dadurch wird der reiche Briefschatz Moltkes weitesten Kreisen erschlossen und zugänglich gemacht, was für das deutsche Volk einen hohen Gewinn und Genuß bedeutet. Denn Moltkes Briefe sind einzig in ihrer Art; indem sie dem Leser sein Inneres offenbaren, gewähren sie zugleich ein schlichtes Bild des ganzen, edlen Menschen; Moltkes Lebensauffassung und Weltbeobachtung tritt uns in ihnen in voller Treue, Herz und Geist erhebend, entgegen, und zugleich thut sich in ihnen ein gewaltiges Stück deutscher Geschichte, und zwar der Zeit, deren wir uns vor allen anderen gern erinnern, vor dem Leser ans. Beide Seiten seines Lebens, sein öffentliches Wirken und Handeln für das Vaterland und sein Familienleben finden sich in seinen Briefen gleich klar und wohlthuend offen gelegt. Auch Briefe, deren Inhalt Schlaglichter auf die politische Zeitgeschichte wirft, sind daher in die Sammlung aufgenommen. Wir bewundern ebenso sehr sein warmes Herz, die Lauterkeit und Stärke seines Gemüts wie seinen klaren Verstand, seine scharfe Beobachtungsgabe, sein treffendes und doch mildes Urteil über Menschen und Dinge. Dabei ist es auch um ihrer Form willen ein hoher Henuß, Moltkes Briefe zu lesen; wir finden durch sie bestätigt, was die neuere Litteraturgeschichte schon anerkannt hat, daß wie Bismarck, so auch Moltke zu unseren klassischen Schriftstellern gehört. — Diese einbändige Ausgabe von Moltkes Briefen (Verlag der Königlichen Hof- buchhandlung von E. S. M i ttler & So h n, Berlin SW. 12) besitzt hohen Wert und dauerndes Interesse für jeden Deutschen, für Schule und Haus, für jung und alt, für alle Kreise, für jeden Stand. Erquickung und Genuß, Belehrung und Erhebung ist aus diesem Buche gleichmäßig zu .schöpfen; es verdient, in den Bücherschatz eines jeden deutschen Hauses eingereiht zu werden. Der billige Preis: Mk. 5,— für das elegant broschierte und Mk- 6,— für das hübsch gebundene Exemplar (Vorderdecke mit Moltkes Medaillon und Monogramm) wird dazu beitragen, die einbändige Ausgabe von „Moltkes Briefen", die sich nach Inhalt und Ausstattung besonders auch zu Festgeschenken und Prämiengaben vortrefflich eignet, bald tat deutschen Volke einzubürgern. Telegraphenrätsel.