(Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold O r t m a n n. (Fortsetzung.) Drittes Kapitel. Am folgenden Nachmittag führte Bernhard Sylvander seine Schwester in eine jener neu entstandenen, eleganten Straßen, deren gleichsam über Nacht aus dem Boden empor gewachsene Prunkbauten dem Westen Berlins ein bei aller Pracht und Verschwendung doch etwas einförmiges Aussehen verleihen. Als Hanna ihre Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß die Restorps in einem so vornehmen Viertel wohnen könnten, erwiderte der Rechtsanwalt mit jenem Anflug von Verlegenheit, der sich oft bei ihm zeigte, wenn er eine auf die Familie seiner Brant bezügliche Erklärung abgeben mußte- „Herr von Restorp sagt, daß er um seiner alten Beziehungen willen darauf halten müsse, den Namen einer guten Straße auf seinen Visitenkarten zu führen. In Wirklichkeit ist es allerdings eine Art von harmloser Täuschung, die er damit gegen seine Bekannten verübt; denn der vornehme Name der Straße ist auch zugleich das einzige vornehme an seiner Wohnung." Hanna konnte sich bald von der Richtigkeit dieser Versicherung überzeugen: denn sie betraten das mit seinen Altanen, Erkern und Loggien fast palastartig wirkende Haus, welches Bernhard als das Ziel ihres Weges bezeichnete, nicht durch das prächtige, marmorbekleidete Vestibül, das durch ein besonderes Schild als „Aufgang nur für Herrschaften" bezeichnet war, sondern durch einen zweiten, unscheinbaren Eingang. Ein langer, schmuckloser Gang mit kahlen, weiß getünchten Wänden führte in den schmalen Hofraum, an dessen Ende sich ein dreistöckiges, mit, allerlei wohlfeilem Stuckzierrat ziemlich geschmacklos anMechltztes Quergebäude erhob. ■■■',. „Das nennt man in den westlichen Stadtteilen ^Berlins ein Gartenhaus", erläuterte Bernhard, wobei cs ganz und gar keine Rolle spielt, ob ein Garten vorhanden ist oder nicht. Die freundlich klingende Bezeichnung bedeutet im Grunde nur ein Zugeständnis an die verschämte Armut der höheren Stände, die sich natürlich lieber in ein „Garten haus" als in eine „Hoswohnung" zurückzieht. 1901. IBJr - - nospm gleicht der Gedanke, es gleichen den Blüten die Worte; Aber der labenden Frucht gleichet die kräftige That. Schnorr. Hanna kräuselte geringschätzig die Oberlippe. „Wie lächerlich!" sagte sie. „Nichts ist erbärmlicher, als das Bemühen, sich selbst zu belügen." Auf steilen, knarrenden Treppen, die indessen auch hier noch mit einem billigen Läufer aus Kokosfasern belegt waren, stiegen die Geschwister bis in das dritte Stockwerk empor. „Georg von Restorp", war auf einem großen, prahlerischen Messingschilde zu lesen. Aber ehe er den dayeben befindlichen Glockenzug in Bewegung setzte, wandte sich Bernhard noch einmal an seine Schwester. „Sei freundlich gegen Inge, liebe Hanna! Sie ist eine schüchterne Natur, und wan muß sie ein wenig er- mntigen, damit sie sich offen und herzlich giebt." Er mochte erwartet haben, daß seine Braut selbst ihnen öffnen würde, wie es sönü immer geschah; aber statt ihrer erschien eine ältliche Person mit einer großen weißen Schürze, und mit einer fürchterlichen Haube auf dem schlecht frisierten, grauen Haar. „Ei, Frau Bading — in io feierlichem Aufzuge?" fragte der Rechtsanwalt freundlich. „Wo ist denn das Fräulein?" „In der Küche", erwiderte die Aufwärterin mit vorsichtig gedämpfter Stimme. „Es ivird ja mörderisch großartig heute abend ! Und ich soll servieren ! Mein Lebtag habe ich so was noch nicht gethan, und mir ist schon ganz dumm int Kopf von all den Anweisungen und guten Lehren, die mir der Herr Baron gegeben hat. Passen Sie auf, Herr Rechtsanwalt, es passiert ein Unglück; beim auf das Feine, versteh ich mich nicht, ich bin nun einmal an das Grobe gewöhnt." „Na, machen Sie sich nur keine Sorge, Frau Bading, es wird schon gehen. Sind die Herrschaften im Wohnzimmer?" „Jawohl! Aber Sie dürfen nicht so ohne weiteres hinein. Ich muß Sie erst anmelden." Tainit steuerte sie auch schon auf die Thür des Wohnzimmers los, aber die Wirkung, die Herr von Restorp sich von den sorgsam angeordneten Förmlichkeiten auf seine Gäste versprochen haben mochte, wurde nicht ganz erreicht, da er leider versäumt hatte, die Auftvärterin auch über die herkömmliche Art einer Anmeldung zu unterrichten. Tie gute Frau begnügte sich nämlich, die Thür aufzureißen, und mit lauter Stimme hineinzurufen: „Jetzt sind sie da, Herr Baron! Können sie rein kommen?" „Du hättest unseren Besuch nicht vorher ankündigeu sollen", flüsterte Hanna ihrem Bruder zu. „Das giebt, wie es scheint, eine Menge von Verlegenheiten." Aber der Hausherr war offenbar nicht der Mann, sich leicht in Verlegenheit bringen zu lassen. In der nämlichen Sekunde schon erschien er auf der Schwelle, und wenn er auch der armen Frau Bading einen vernichtenden Blick 254 zuwarf, zeigte doch sein Gesicht in dem Moment, wo er es den Geschwistern zuwandte, das liebenswürdigste und unbesangendste Lächeln. „Mein gnädiges Fräulein — mein lieber Herr Rechtsanwalt, seien Sie mir von ganzem Herzen willkommen. Ich schätze mich glücklich. Sie bei mir zu begrüßen." Tie letzten Worte hatten nur noch Hanna gegolten, der er mit etwas altmodischer Feierlichkeit und Geziertheit die Hand geküßt hatte, um ihr dann seinen Arm zu reichen, und sie in das Zimmer zu führen. Mit einem einzigen, raschen Blick ihrer klaren Augen hatte sie dabei die Erscheinung des Mannes in sich ausgenommen. Sie hatte gesehen, daß er ein aufrechter, stattlicher Fünfziger war, mit stark gelichteten! Haupthaar und sorgsam gepflegten, ergrauenden Bartkottelettes. Von dem hohen weißen Stehkragen modernster Facon, der seinen Hals einzwängte, bis hinab zu den hellen Gamaschen, die er über den blitzenden Lackstiefeln trug, war sein Anzug von tadelloser Eleganz. Das in Schildpatt gefaßte Monocle hing an einem breiten schwarzen Bande auf seine weiße Weste hinab, und eine frische Blüte zierte den seidenen Kragenaufschlag seines Gehrockes. Als er zu einer anmutigen Geste die Hand mit den blank Polierten, rosigen Fingernägeln erhob, sah Hanna das Funkeln eines Brillanten. „Meine liebe Amalie, ich habe die Ehre, Dir Fräulein Hanna Sylvander zuzuführen, die Schwester unseres lieben, jungen Freundes." Mühsam, und mit der Rechten auf einen Stock gestützt, hatte sich die also Angeredete aus ihrem Lehnstuhl erhoben. Sie sah älter aus als ihr Gatte; denn ihr Haar war schneeweiß, und ihr Gesicht von Krankheit oder Kummer abgehärmt. Aber sie mußte einst sehr schön gewesen sein, und ihre großen, sanften Augen hatten einen Ausdruck gewinnender Herzensgüte. „Sein Sie inir willkommen, liebes Fräulein! Und verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht entgegengehen konnte. Ein altes Gichtleioen macht es mir fast unmöglich, mich von der Stelle zu bewegen." Hanna hatte ihr die Hand geküßt, und sagte ihr ein paar teilnehmende Worte. Herr von Restorp aber bemerkte: „Es ist eine Familienkrankheit der Asseburg, und meine Frau muß es büßen, daß ihre Vorfahren seit Jahrhunderten so ängstlich auf die Reinheit ihres Blutes bedacht gewesen sind. Nur wer mit der Familie irgendwie versippt oder verschwägert war, durfte eine Komtesse Asseburg heimführen. Unsere Heirat bildete den ersten Fall, in welchem mit dieser Tradition gebrochen wurde." Er nötigte die Gäste, sich niederzulassen, und zog sich einen Stuhl hart neben denjenigen Hannas, deren Schönheit offenbar großen Eindruck auf ihn gemacht hatte, da er sie fast unverwandt ansah. „Ich beklage tief, mein gnädiges Fräulein", sagte er nach dem Austausch der ersten höflichen Redensarten, „daß ich genötigt bin, Sie in einer so bescheidenen Umgebung zu empfangen. Aber es ist nur ein provisorischer Zustand, in dem wir uns hier befinden — eine Art von Uebergaugs- stadium. Diese Stadtwohnung bedeutet für mich gewissermaßen nur ein Absteigequartier, das man nicht erst komfortabel einrichtet, weil man es vielleicht schon morgen oder in einer Woche wieder verläßt." Von einer komfortablen Einrichtung konnte hier allerdings kaum gesprochen werden. War auch die Ausstattung der Wohnung nicht gerade armselig zu nennen, so trug sie doch das Gepräge einer kleinbürgerlichen Einfachheit und Nüchternheit, die einen auffälligen Gegensatz bildete zu der übertriebenen Eleganz des Hausherrn, und zu der gesuchten Vornehmheit in seinem Gebühren. Nur ein paar altersgeschwärzte Porträts, die in schweren, halbverblichenen Barockrahmen an den Wänden hingen, konnten die Vermutung aufkommen lassen, daß man sich nicht in der Behausung eines kleinen Beamten oder eines schlichten Handwerksmeisters befand; denn die Dargestellten waren zwei würdig dreinschauende Herren mit Ordenssterneu auf der Brust, und eine tief dekolletierte Dame mit hoch frisiertem, gepudertem Haar. Aber wenn es etwa die letzten Reste einer Ahuengalerie waren, die Georg von Restorp hierher gerettet hatte, so nahmen sie sich auf der bunt gemusterten, abscheulich geschmacklosen Papiertapete, und in der Nachbarschaft der billigen Fabrikmöbel jedenfalls wunderlich genug aus. Hanna, welche' durch die leicht hingeworfenen Worte Restorps in einiges Erstaunen versetzt worden war, hatte schon eine Frage auf den Lippen, aber ein bedeutsamer, bittender Blick ihres Bruders, den sie noch rechtzeitig aufgefangen hatte, veranlaßte sie, zu schweigen. Und der Hausherr selbst ging rasch darüber hinweg. Er begann von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu der Familie Sylvander zu sprechen, die nach seiner Versicherung schon um mehrere Jahrzehnte zurüüreichten. Und da von den aristokratischen Namen, die er in seine Erzählung einflocht, manche für Hanna mit heiteren oder ernsten Erinnerungen aus ihrer Kinderzeit verknüpft waren, ging sie sehr bald mit ungekünstelter Lebhaftigkeit auf die Unterhaltung ein, während Bernhard sich fast ausschließlich der armen, halb gelähmten Frau im Lehnstuhl widmete. Bon der vor wenig Tagen vollzogenen Verlobung war zu Hannas stiller Verwunderung noch mit keiner Silbe die Rede gewesen, und mau plauderte nun schon seit beinahe einer Stunde, ohne daß Inge sich gezeigt hätte, oder daß auch nur ihr Name genannt worden wäre. Da endlich öffnete sich eine der beiden Thüren, geräuschlos und langsam, wie wenn die Hand, die draußen auf dem Drücker lag, durch eine Empfindung hangen Zagens zurückgehalten wurde, und die von Hanna mit ungeduldiger Neugier Erwartete trat in das Zimmer. Sie glich dem Bilde auf Bernhards Schreibtisch, und sie glich ihm auch wieder nicht; denn so wenig die Photographie im stände gewesen war, den anmutigen Reiz wiederzugeben, den die zarten Farben des lichten Blondhaars und der weißen, von einem warm rosigen Schimmer durchleuchteten Haut darstellten, so wenig hatte sie den eigenartigen Zauber einer holden mädchenhaften Befangenheit zum Ausdruck bringen können, von dem die ganze, anspruchslose Erscheinung Inges umflossen schien. Sie war hübsch und einfach gekleidet, aber sie hatte freilich nicht Hannas prächtige Gestalt, die auch der bescheidensten Toilette einen Anschein von Eleganz und Vornehmheit verlieh. Ihrem Aeußeren nach hätte man sie ohne Zweifel viel eher für das liebenswürdig schlichte Kind einer guten Bürgerfamilie als für eine junge Dame aus altadeligem Hause gehalten. Zögernd, in sichtlicher Beklommenheit setzte sie ihren Fuß über die Schwelle. Bernhard, der noch ungeduldiger auf sie geharrt haben mochte, als seine Schwester, sprang auf, um ihr entgegenzueilen. Hanna aber kam ihm zuvor. Ohne -erst die Förmlichkeit einer Vorstellung abzuwarten, ging sie auf Inge zu, und bot der Errötenden in einer anscheinend aus ihrem innersten Herzen kommenden Aufwallung schwesterlicher Zärtlichkeit beide Hände. „So also sieht meines Bruders Lebensglück aus!" sagte sie, und ihre Stimme hatte ganz jenen bestrickend süßen Klang, dem kein beseeltes Geschöpf zu widerstehen vermochte. „Wollen Sie um seinetwillen versuchen, Fräulein Inge, auch mich eilt wenig lieb zu gewinnen?" „Ja," erwiderte die Gefragte leise. „Aber ich brauche es nicht erst zu versuchen; denn ich mußte Sie längst lieb haben, da Bernhard ja so viel von Ihnen hält." „Und Sie nehmen natürlich als zweifellose Wahrheit gläubig alles hin, was aus seinem Munde kommt. Nun, da es zu meinem Gunsten ist, habe ich keinen Anlaß, Einspruch dagegen zu erheben. Wir wollen also gute Freundinnen sein, nicht wahr? Bis wir eines Tages zwei treue Schwestern sein werden." Und sie schloß die Braut ihres Bruders mit -fast ungestümer Zärtlichkeit in die Arme, um sie auf beide glühende Wangen zu küssen. Fran von Restorp hatte die Hände gefaltet, und in ihren Augen schimmerte es feucht vor freudiger Rührung. Bernhard aber, der auf eine derartige warme Gefühlsäußerung seiner gestern so kühl ablehnenden Schwester kaum gehofft haben mochte, bemühte sich gar nicht, seine glückliche Ueberraschung zu verbergen. Nur nach Herrn von Restorps Gesckmack schienen derartige Ge- sühlsszenen nicht zu sein, denn nachdem sein wiederholtes Räuspern unbeachtet geblieben war, sagte er: „Könntest Du nicht vielleicht jetzt anrichten lassen, Inge? Ich hoffe, unsere lieben Gäste werden den bescheidenen 255 Imbiß nicht verschmähen, den wir Ihnen M bieten vermögen." „Ich kam, um die Herrschaften zu Tische zu bitten", erwiderte das junge Machen. „Es ist alles bereit." Mit einer galanten Verbeugung bot der Hausherr Hanna seinen Arm. „So bitte ich um die Ehre, mein gnädiges Fräulein! Es wird nur eine Art von Jägermahl sein, wie ich vermutete. Aber in dem Briefchen, das Ihr Bruder uns heute vormittag schickte, hat er sich ausdrücklich alle festlichen Veranstaltungen zu Ihrem Empfange verbeten." (Fortsetzung folgt.) Könige im Reiche des Blumendufts. Von Otto W e h g a n d. (Nachdruck verboten.) Muhammed, der Begründer des Islams, der sich wohl auf die Kunst verstand, seinen Gläubigen die Freuden des Paradieses in dem Sinne auszumalen, in welchen! sich die Lebenskunst des Orientalen bewegt, meint nicht mit Unrecht, das köstlichste seien die Frauen und die Wohlgerüche. In der That können wir uns den geheimnisvollen sonnendurchglühten Orient kaum vorstellen, ohne an die Gärten aus „Tausend und eine Nacht", durchwogt von einem Meere wunderbarer Pflanzendüfte, und an Marmorhöfe mit kühlenden Springbrunnen zu denken, an deren Bassins schwarze Sklavinnen den schönen Leib der Haremskönigin mit Rosentvasser und köstlichen Salben parfümieren. Auch zur römischen Kaiserzeit und int Mittelalter war der Geruchssinn in der vornehmen Welt hoch entwickelt, und führte beifpielsweise in den reichen Handelsstädten des deutschen Süden im 15. Jahrhundert zu derartigen Uebertreibungen, daß sich die Obrigkeiten derselben zur Androhung schwerer Strafen gegen die nnsinnigen Auswüchse dieses Luxus veranlaßt sahen. In der Gegenwart ist die Freude an den Wohlgerüchen stark außer Mode gekommen und fast zur ausschließlichen Domäne des weiblichen Geschlechts geworden; denn das High-life duldet einen Tropfen Parfum auf der Männertoilette fast nur noch beim Turf, also int Freien, wo das Pflanzenextrakt sich nicht besonders bemerkbar machen kann. Vielleicht liegt auch in dieser Verpönung aller wohlriechenden Odeurs wieder ein Verfallen in entgegengesetzte lleber- treibungen; denn zwischen Uebertreibung bewegen sich ja überhaupt nur zu gern die menschlichen Neigungen, namentlich auf dem Gebiete der Mode. So viel ist jedoch gewiß, daß der Unbefangene, der sich nicht dem Zwange der .Hoffahrt unterwirft, in den meisten Fällen ein Freund pflanzlicher Wohlgerüche ist, vielleicht nicht immer gerade jener durch; die Riechstoffindustrie hergestellten Triple- Extraits, gewiß aber dann, wenn ein frisches Frühlingsbouquet der lieblichen Kinder Florens oder eine wohlriechende Topfpflanze unser Zimmer mit Duft und Farbenpracht erfüllt. Die rechte Zeit des Blumenduftes ist der Lenz; denn wenn auch die Königin der Blumen, die Rose, in Hunderten von Arten den Sommer hindurch bis in den späten Herbst hinein uns mit ihren Blüten erfreut, so öffnen doch die meisten dnftspendenden Pflanzen ihre Blumenkelche tn der Zeit vom ersten Beginn des Frühjahrs bis zu jenen Tagen, wo das Hochzeitsfest in der Natur vorüber ist und die sommerliche Zeit des Reifens beginnt. Bei Grasse in Südfrankreich, wo die Kultur der duftspendenden Pflanzen einen Umfang angenommen hat, wie sonst nirgends auf der Erde, beginnt Ende Februar die Veilchenernte, die bis Ende März dauert; dann geht es in den Gärten dieses paradiesischen Stückchens Erde einige Wochen ziemlich still zu. Im April aber beginnt bereits die über zwei Monate währende Erntezeit der Rosen, welchen sich im Mai die Orangenblüten und im Juni Jasmin und Tuberose zugesellen. Tann aber ist es so ziemlich zu Eitde mit der Blumenernte; denn in der sengenden Hitze vom Juli brs September blühen von den hochgeschätzten Tuftpflanzen nur noch die Reseda und die Akazie, welche letztere auch unter dem Namen Cassie wohlbekannt ist. Die menschliche Nase ist — und vielleicht muß man dies int Hinblick auf die entsetzlichen und abstoßenden Gerüche, welche leider die Mehrzahl bilden, als Wvhlthat betrachten — ein Sinnesorgan, das in der Entwickelung sehr zurückgeblieben ist, und mit dem Auge keinen Vergleich hinsichtlich der Leistungsfähigkeit aushalten kann. Während auch der Ungeübte bei Mischfarben unschwer die reinen Grundfarben erkennt, aus welchen diese zusammengesetzt sind, bedarf die Nase zumeist einer erheblichen natürlichen Veranlagung und großer Uebung, um die qualitative Zusammensetzung eines Geruchs zu unterscheiden, und deswegen war die Parfümeriekunst der Vergangenheit auch stets eine reine Erfahrungswissenschaft. Um einen Geruch zu bestimmen, gebrauchen wir immer Vergleiche und sagen z. K., daß uns der eine an Rosen, ein zweiter an Veilchen, ein weiterer an bittere Mandeln, Ananas, Maiglöckchen oder dergleichen erinnert. Der Duftstoff dieser Pflanzen ist aber durchaus fein einheitlicher Körper im chemischen Sinne des Wortes; eilt solcher riecht in der Regel ganz abscheulich schlecht, und bedarf erst der Mischung mit anderen Gerüchen und der Verdünnung, um einen der Nase wohlgefälligen Charakter anzunehmen. Die Chemie der Duft und Riech,- stoffe hat nun in neuerer Zeit die merkwürdige Thatsachq nachgewiefen, daß schon in der Blüte das dieser eigene ätherische Oel ein Gemenge sehr verschiedener Stoffe ist, daß es sich also hier ähnliche verhält, wie bei den künstlich hergestellten Parfums, für welche fünf bis sechs Riechstoff» die Grundsäulen des ganzen Gebäudes sind, während, gewissermaßen als Ausschmückung, um dem Parfum feine Eigenart zu geben, noch einer oder der andere der vielen hundert bekannten Riechstoffe hinzutritt. Mit Ausnahme der Ambro und des tn fast sämtlichen künstlichen Parfums wenigstens spurenweise vorhandenen Moschus, zwei Körpern, welche dem Tierreiche entstammen, sind die beliebtesten Duftstoffe die der Rose, des Veilchens, des Jasmins, des Flieders (auch Hollerstrauch oder Syringa ■ genannt), der Akazie, der Tuberose und Jonquille, einer Narzissenart. Sie finden sich in prozentmäßig verschiedener Zusammensetzung so ziemlich in allen Parfums, und es ist hochinteressant, daß sie, obwohl man aus ihnen die mannig- faltigsten Riechessenzen von sehr verschiedenem Charakter Herstellen kann, in naher chemischer Verwandtschaft stehen, so daß die Ueberführung des einen Duftstoffes in den anderen und die synthetische Herstellung derselben auf künstlichem Wege teils bereits gelungen ist, teils aber ein Problem ist, dessen Lösung in naher Aussicht steht. Am eingehendsten hat man sich natürlich mit dem Rosenöl beschäftigt. Auf den Gefilden von Kaschmir, um Ghazipnr am Ganges, bei Medinet-el-Fayunt in Aegypten, bei Schiras in Persien wird seit alten Zeiten Rosenöl in erheblichen Mengen gewonnen. Dieses Produkt kommt jedoch nicht auf europäische Märkte, sondern verliert sich in den Harems der inuhamedanischen Welt, bereit Bedarf es kaum zu decken im stände ist. Was Europa von diesem berühmten Duststoffe verbraucht, stammt fast ausnahmslos aus dem heutigen Fürstentum Bulgarien. Am südlichen Ausgange des Schipkapasses, in der Umgebung von Kazanlik sind auf viele Meilen hin die nach Süden zu sich öffnenden Thäler des Balkans mit Rosenplantagen bebaut, bereit Blüten in 120 Dörfern auf 2500 Destillierapparaten $u Oel verarbeitet werden und etwa 2800 Kilogramm Oel liefern, deren jedes einen Durchschnittswert von 600 bis 800 Mark hat. Seit einigen Jahren gewinnt man aber auch aus deutschen Rosen in erheblichen Mengen ein Oel, das noch ungleich feiner ist als d«s türkische bezw. bulgarische, und der Umgegend von Leipzig entstammt, wo die Firma Schimmel u. Co. die Rosenkultur in großem Maßstabe betreibt. Aus diesem Oel hat nun ein Breslauer Chemiker als hauptsächlichsten Duftstoff einen zur Gattung der Alkohole gehörigen Körper, das Rhodinol gewonnen, welches die gleiche chemische Zusammensetzung hat wie das schon früher bekannte Geraniol, das Duftprinzip des als Surrogat für Rosenöl seit langem verwandten Geranium- ober Judischgrasöles. Die gleichen Stoffe hat man aber auch in zwei amerikanischen Pflanzen, der Bnrsera Delvechiana und der Sicari Guyanensis entdeckt. Die Differenz im Gerüche der aus diesen Pflanzen hergestellten ätherischen Gele beruht nur darauf, daß ihnen in geringen Mengen noch anders geartete Duftstoffe beigemengt sind, deren genauere Erforschung nur eine Frage der Zeit ist. Schlägt sich hier also eine Brücke vom Roflmöl zu Wohl- 256 feileren Duftstoffen, so sind diese doch immer noch nicht so billig, wie es im Interesse eines allgemeinen Verbrauches von Parfums wünschenswert wäre. Für die Riechstoff- indusrrie war es daher überaus wichtig, daß bald darauf die Entdeckung gemacht wurde, daß eine Modifikation des Geraniols, nämlich oas Geraniäl in einer großen Anzahl auf unseren Feldern und Rainen wildwachsenden, fast wertlosen Pflanzen, nämlich im Lawendelkraut, im Quendel, in den Aruantaceen und in sämtlichen Lorbeergewächsen ebenfalls in großen Mengen vorkommt, und mit dem Hauptbestandteil des Citronenöls, dem Citral identisch ist. Die Scheidung und Vereinigung dieser Duftprinzipe wird unzweifelhaft in nicht ferner Zeit dazu führen, ein dem natürlichen Rosenöl völlig gleichwertiges Produkt sehr billig herzustellen, und in diesem Augenblicke werden oie Rosengärten des Balkans und Orients ebenso sicher aufhören zu florieren, wie dies nach Erfindung des Alizarins mit den europäischen Krapppftanzungen ergangen ist, und nach Entdeckung des künstlichen Indigos augenblicklich mit den ostindischen Jndigoplantagen geht. Ein weiterer Fortschritt in der Reihe der hierher gehörigen Entdeckungen stammt von Professor Thiemann, der den Duftstoff der allgemein unter dem Namen Veilchenwurzel bekannten Wurzel der florentinischen Schwertlilie (Iris florentina) untersucht, und dabei aus WO Kilogramm dieser nicht gerade teueren Droge etwa 30 Gramm eines Duftstoffes namens Jron gewann, der große chemische Verwandtschaft mit dem obengenannten, billigen Citral zeigte. Durch weitere Behandlung beider Substanzen gelang es ihm, einen von ihm als Jonon bezeichneten Stoff zu gewinnen, welcher mit dem Duftstoff der Veilchen völlig identisch ist. Vorläufig gehört dieses Jonon allerdings noch zu den teuersten aller bekannten Stoffe. Von einer zehnprozentigen Lösung desselben kostet das Kilogramm 800 Mark, was einem Werte von 8000 Mk. für das Kilogramm der reinen Substanz entspricht. Trotzdem ist derselbe in der Parfümerie heute schpn geradezu unentbehrlich geworden; außerdem spottet auch feine Ausgiebigkeit jeder Beschreibung. In konzentrierter Form riecht es schwach! nach Cedern holz; bei starker Verdünnung nimmt er einen Himbeer artigen Geruch, an und erst, wenn man die Verdünnung noch viel weiter fortgesetzt, tritt der eigenartige Veilchengeruch auf. — Aehnliche Beziehungen bestehen zwischen Jasmin, Neroli öl, Tüberosenöl und dem Dufte der Fliederblüten. Zum Teil entsteht ihr eigenartiger Geruch dadurch, daß sich Substanzen in inniger Verdünnung dabei befinden, die sonst zu allem anderen eher als zu den Wohlgerüchen gerechnet werden. So dürfte es wohl nur wenigen bekannt sein, daß sich im süßduftenden Jasminöl das Indol vorfindet, ein Körper, welcher allein einen geradezu widerwärtigen Geruch hat, und sich in fast alten Tierkoten und jenen des Menschen vorfindet. Höchst eigentümlich ist es ferner, daß bei den meisten gemischten Parfums eine mehrwöchige Lagerung nach der Zusammensetzung ebenso veredelnd auf das Produkt wirkt, wie die Kellerlagerung im Fasse auf den Wein. Ein Beispiel hierfür ist das Heliotrop, an dem auch eine ungeübte Nase eine Aehnlichkeit mit Vanillin und eine solche mit Bittermandelöl erkennt. Mengt man die letztgenannten Stoffe in geeignetem Verhältnis, so riecht man zwar zunächst noch beide Grundstoffe deutlich heraus; nach einigen Tagen bis Wochen hat sich jedoch der spezifische Heliotropgeruch herausgebildet. Das meiste Heliotropin wird jedoch heute aus Safrol, einem Hauptbestandteile des Sassasrasöles und einem Nebenprodukt bei der Kampherfabrikation hergestellt, während man es früher aus Piperin, einem Bestandteile des Pfeffers, gewann. Die Billigkeit des jetzigen Ausgangsmaterials ist nun der Grund, daß, der Preis des reinen Heliotvopins von 2000 Mark auf 35 Mark stürzte, und ähnlich wird es gewiß in der Zukunft einmal mit allen anderen Duftstoffen gehen, die wir heute noch! zu den größten Kostbarkeiten rechnen. Wenn uns das Frühjahr nun wieder in reichen Mengen Blumen in die Häuser bringt, erhebt sich aufs neue die oft erörterte Frage, ob Blumenduft der Gesundheit zuträglich fei. In konzentrierter Menge ist dies unbedingt VfetaftUa: ». umt Berfag der BrWW« 1 zu verneinen; denn nach längerer Einatmung von Wohlgerüchen tritt oft Kopfweh auf, und an dem Gedichte von „der Blumen Rache" ist etwas Wahres. Stark duftende Pflanzen füllten wir daher zum mindesten aus dem Schlafzimmer verbannen. Im übrigen aber gehören Blumenduft und Parfum zu jenen Dingen, die man ebensowenig leidenschaftlich erstreben, wie angstvoll fliehen sollte. Sie sind kein unabweisbares Bedürfnis ivie Essen und Trinken, aber in der maßvollen Form, wie sie von den meisten Menschen genossen werden, sind sie ein Zeichen der Kultur uno ein bescheidener Luxus, der wohlgeeignet ist, einen Beitrag zur Verfchönerung unseres Daseins zu leisten. Bewegungs-Spiele. Tas große Buch der Bewegungsspiele im Freien von E. v. R a u ch Verlag von Hugo Steinitz, Berlin S.W., Charlottenstraße 2. Mehr und mehr wird durch, einsichtsvolle Schulverwaltungen jetzt dafür Sorge getragen, daß neben der geistigen Ausbildung der Jugend auch der körperlichen Pflege durch Turnunterricht, Jugend- und Sportspiele ihr Recht wird. Alle diese Hebungen sollten aber auch, nicht nur während der Schulzeit, sondern auch in späteren Jahren fortgesetzt werden, damit die durch anstrengende Berufsarbeit erschlafften Nerven die nötige Auffrischung erhalten. Tie vorliegende Sammlung der Bewegungsspiele möchte aufs neue Anregung und Vorschrift dazu bringen. Sic enthält alle wesentlichen Jugend- und Sportspiele, wie sie Eltern mit den Kindern, Lehrer mit den Schülern, Erwachsene unter sich spielen können. Die Reichhaltigkeit der Auswahl wird jedem willkommen sein. Die Genauigkeit der Beschreibung auch der schwereren Sportspiele ist anerkennenswert. Allen denen, die über Lawn-Tennis, ßroquet, Fußball, Baseball, Laufspiele, kleinere Ballspiele u. s. tot Belehrung suchen und die Regeln der Spiele kennen lernen wollen, fei b i e Sammlung aufs wärmste empfohlen. Ter Preis beträgt n u r M k, 1.50. Mumenpflege. Blumen im Schatten. Heute, wo fast jeder Zoll Landes der Bailspekulation zum Opfer fällt und sich eine Mietskaserne an die andere reiht, schätzt sich der Städter glücklich, wenn für ihn noch einige Quadratfuß Landes als „Garten" übrig bleiben, der aber, von hohen Häusern eingeschlossen, meist keinen Strahl Sonnenschein bekommt. Durch Mißerfolge entmutigt, verwandelt der unglückliche Besitzer auch noch dieses Stückchen Natur in Hofraum. Es giebt nun aber. doch noch, einige anspruchslose Pflänzchen, die tri so ungünstigen Verhältnissen gedeihen, ja sogar noch blühen. Es sind dies vor allem zur Familie der Steinbrechgewächse gehörende Arten, die, moosartige Polster bildend, sich überreich mit einem förmlichen Schleier von Blüten bedecken. Dann vor allem die so formen- reichen Freilandfarne und — Waldmeister, der „nebenbei" auch noch zit einer schmackhaften Bowle Verwendung finden kann. Von wirklichen Blütenpflanzen sind die Toronicum hier zu erwähnen, teilweise bis 70 Zentimeter hoch werdende, früh treibende und früh blühende mehrjährige Gewächse. (Nr. 17 des Praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau — Frankfurt a. O.). Gleichklang. Nachdruck verboten. Mög's zwischen uns nie kommen, O Freund, zum Rätselwort. Der Jäger hat genommen Es sich im Walde dort, n Ost macht cs Kopfzerbrechen. Wcr's hat, dem schafft es Pein. Ich kauft es im Gebirge, Es gibt manch schönen Stein. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Anagramms in vor. Nr.: ELBA LABE BELA ABEL K>»ch' ma GteiudruSerei (Pietsch Urten) in Gieß««.