1901. Sonntag den 6. Januar. M 31-1 UM iaSJ. eneibe nicht, die auf den Höhen Sf* Des Lebens steh'n: Verhöhne nicht, die unten gehen Und mühsam geh'n! Es ist der Höh' vom Licht beschieden Der erste Strahl; Im Sturme bietet Schutz und Frieden Das stille Thal. Wohin dich Gott gestellt auf Erde», Nur treu sei dort, So wird das wahre Glück dir werden An jedem Ort. Katharina Kasch. , (Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman von Clark Rüssel. (Fortsetzung.) Drittes Kapitel. r Die Tynemündung im Sturm. Zuguterletzt machte mein Vater aber eine Erfahrung, die ihn endlich zu einem Entschlüsse brachte, obgleich sie ihn wohl kaum beeinflußt hätte, wäre er nicht schon ohnehin geneigt gewesen, die See zu verlassen. Er hatte das Kornmando über eine Brigg übernommen, deren Mitrheder er war und die mit Kohlen nach Calais gehen sollte. Meine Mutter erhielt von ihm einen Brief, der von jenem Hafen aus datiert war, und in dem er uns sagte, wir könnren ihn an dem und dem Mittwoch erwarten. Natürlich wußten wir, daß sein pünktliches Eintreffen vom Wetter abhing, aber gewöhnlich war er sehr zuverlässig in seinen Berechnungen und irrte sich selten um mehr als einen oder zwei Tage, wenn er kurze Küstenreisen machte. Der Dienstagabend kam'heran, und ich saß, und plauderte mit meiner Mutter, die fleißig Strümpfe strickte — dies war ihre Lieblingsbeschäftigung — als ein Windstoß, der in dem alten großen Kamin niedersauste, mich veranlaßte, ans Fenster zu gehen und hinauszuschauen. Der Himmel war schwarz, die Luft von dem Rauche verdunkelt, der aus den Fabriken längs des Tyne ausstieg, und es fiel ein feiner Regen. Die schwach schimmernden Straßenlaternen waren jede von einem Ringe umgeben, gleich dem.Monde, wenn er blaß und matt am Himmel steht. Es war Mitte November, und die Lust bitter kalt. Ich sagte meinox Mutter nichts; denn schlechtes Wetter machte sie immer krank, wenn mein Vater auf Reisen war. Ich ließ )en Vorhang fallen, ging in das Vorzimmer, schaute auf das dort hängende Barometer, und sah, daß das Quecksilber um Daumenbreite gesunken war. Ich ging an meinen Platz zurück und nahm ruhig meine Arbeit wieder auf. Das Bild des alten Wohnzimmers steht mir noch heute deutlich vor Augen. Die hellen Flammen des Kohlenfeuers überstrahlten den. ruhigen Schein der Messinglampe, und alle unsere „Kuriosa" tanzten und schwankten in dem unsteten Lichte. Neben dem Feuer saß meine Mutter in einem Lehnstuhl und schaute durch eine altmodische Brille aufmerksam auf ihre Hände, die so fleißig die Nadeln handhabten. Ihr liebes Gesicht, das das Feuer hie und da erhellte, hob sich scharf von der hohen, dunklen Wandverkleidung ab, so daß mir ihr Profil wie eine Kamee erschien. Aber das Stöhnen des Windes artete bald in ein Murren und Heulen aus, und das merkte meine Mutter; denn sie ließ das Strickzeug fallen und bat mich, den Vorhang zurückzuziehen und nachzusehen, was für Wetter draußen wäre. Ich sagte ihr, es sei so dunkel, daß ich nichts sehen tönfite. Sie kam selbst, und während sie hinausblickte, kam ein furchtbarer Schloßen- und Hagelschauer, begleitet von einem heftigen Windstöße, herunter und schlug gegen die Fensterscheiben, als ob man Kieselsteine gegen das Haus schleuderte. Tas ivar nur das Vorspiel. In weniger als einer halben Stunde war der Wind zu einem wütenden Orkan angewachsen, der aus Südosten kam. Weder meine Mutter noch ich konnten in dieser Nacht Schlaf finden. Wir sprachen beständig vom Vater und lauschten dem Rasen des Sturmwindes, bis die Morgendämmerung durch die Fenstervorhänge schimmerte. Es war Mittwoch, der Tag, an welchem wir meinen Vater, wie er geschrieben hatte, erwarten sollten; und wo auch feine Brigg sein mochte, wir wußten, daß sie nicht weitab sein konnte, wenn sie die fürchterliche Nacht überstanden hatte. „Ich muß nach Shields hinunter, Jessie", sagte meine Mutter, „hier kann ich nicht bleiben. Ich verliere den Verstand, wenn ich hier zu Hause immer lausche und von der Furcht verzehrt werde." v Der Wind wehte so heftig, daß es lebensgefährlich war, sich hinauszuwagen. Unsere Straße lag voller Dachschiefer, Ziegel und Schornsteine. Als wir beim Frühstück saßen, kam die Magd herein und erzählte uns, der Schlächter habe ihr gesagt, daß eine furchtbare Verheerung angerichtet, große Bäume entwurzelt, Fensterscheiben eingedrückt, von vielen Häusern in Gateshead und Newcastle die Dächer heruntev- gerissen und einige zwanzig Leute auf den Straßen getötet 10 - tvorden feien. Auch jetzt noch könne man sich nur mit Gefahr Lebens hinauswagen. Aber meine Mutter war entschlossen, und ich war ebenso besorgt wie sie. Ich wußte sehr wohl, daß dieser Südoststurm meines Vaters Schiff nordwärts treiben würde, und daß er in der Nähe des Tyue sein müßte, wenn er nicht auf einer Rhede oder in einem Hafen weiter nach Süden Schutz gesucht hatte. Viele Leute fuhren nach Shields, einige von ihnen gleich uns von verzehrender Angst über das Schicksal ihrer auf der See befindlichen Angehörigen erfüllt. Andere, denen nur das geschäftliche Interesse am Herzen lag, waren mit ihren Gedanken mehr bei den Ladungen als bei den Menschenleben auf hoher See, und wieder andere machten die Reise nur, um den großartigen Anblick zu genießen, welchen das Meer heute bieten mußte. Es war rührend, die Leute zu sehen; ein Zug von Bestürzung lag selbst auf den Gesichtern derer, die weder für das Leben ihrer Lieben noch für ihr Hab und Gut zu zittern brauchten. Frauen, die sich gar nicht kannten, sprachen eifrig mit einander; die Besorgnis, mit welcher sie der furchtbare Sturm erfüllte, hatte sie einander nahe gebracht. Es dauerte eine Stunde, bis wir Süd-Shields erreichten; denn der Zug hielt nicht nur an jeder Station der Linie, sondern der Sturm schien uns auch gerade entgegen zu wehen. Er heulte die Schienen entlang, und in einigen Krümmungen vermochte die Lokomotive die Wagen nur mit einer Geschwindigkeit von fünf Meilen in der Stunde vorwärts zu ziehen. Es ist ein kleiner Spaziergang vom Bahnhof in Süd-Shields nach dem „Sartre", wie ein Felsenvorsprung heißt, von welchem man unmittelbar auf die Mündung des Thne Hinblicken kann. Wir legten alle in Gemeinschaft den Weg zurück und kämpften gegen den Wind, der sich jetzt, da wir der See nahe waren, bis zur Wut eines Cyklons gesteigert hatte. Man sah nur noch wenige Leute auf der Straße. Als Grund hierfür hatte man uns schon auf dem Bahnhofe mitgeteilt, daß vier oder fünf Schiffe gestrandet wären und die ganze Bevölkerung an den Strand hinuntergegangen sei. Ich blickte meine Mutter an, als ich von diesen auf den Strand gelaufenen Schiffen hörte; sie hob ihr Antlitz zu Gott empor, sagte aber nichts, und wir eilten mit den andern stillschweigend weiter. Um unsere Gefühle verstehen zu können, müßtest du, lieber Leser, einen Bruder, einen Gatten, einen Vater, einen, den du von ganzem Herzen liebst, auf der See haben. Du müßtest auf seine Rückkehr nahe der See warten und gehört haben, daß viele Schiffe gestrandet sind. Im Binnenlande können die Nachrichten von einem Schiffbruch, die Besorgnis, daß des Geliebten Schiff unter den Wracks ist, dein Herz nicht so furchtbar erschüttern, wie es der Fall ist, wenn du die Fahrzeuge mit eigenen Augen siehst, wenn das Heulen des Orkans, der dir das Liebste vielleicht geraubt hat, in dein Ohr schallt, wenn der Ozean in seiner furchtbaren Wirklichkeit vor dir liegt: weiß, unergründlich, rasend. Wir sahen ihn plötzlich vor uns. Eine Biegung des Weges ließ die Tynemündung vor uns erscheinen und zeigte uns die Nordsee bis zu dem nahen Horizonte des eisen- grauen Nebels. Das Toben, der Aufruhr der brausenden Wogen läßt sich nicht schildern. Die unendlichen Brandungswellen rollten in mächtigen glashellen Hügeln heran und zerstoben in Donner und Rauch auf dem gelben Sande, und aus diesen berstenden, flüssigen Massen sprang ein Regen von Salzwasser hervor, der die Luft erfüllte und kaum ein Auge auf» zuthun gestattete. Jenseits des Flusses waren die Klippen schwarz von Menschen, welche dem schrecklich schönen Schauspiele zusahen. Es lag etwas unbeschreiblich Feierliches in dem Kampfe zwischen den Kräften der Erde, und der Luft, zu welchem die ungeheure Menge menschlicher Wesen sich auf den Gipfeln der braunen Felsen zusammendrängte. Mit weit vor- schießenden, milchweiß schimmernden Schaumzungen leckten die Brandungswellen, die in schweren Massen gegen den Fuß dieser Felsen schlugen, an denselben hinauf; bann strömten sie wieder abwärts wie Bergbäche über das dunkle frische Grün, welches jene Klippen an manchen Stellen bedeckte. Auf unserer Seite waren zwischen den Trow-Felsen und der Stelle, wo die lange Südmole sich jetzt erstreckt, drei Schiffe gestrandet, andere außerhalb unseres Gesichtskreises in der Nähe des Leuchtturmes. Ob die Mannschaft derselben gerettet oder ertrunken war, ob man ihnen irgend welchen Beistand angedeihen ließ, wußte ich nicht: ich konnte kaum sehen. Meine Sinne waren durch das heftige Getöse des Donners, durch den Aufruhr der brausenden Wogen, der sich mit den Stimmen der Leute um mich herum mischte, und vor allem durch den Schrecken, der mein Herz bei dem Gedanken an meinen Vater erfaßte, vollständig betäubt. Doch eins wußten wir: sein Schiss war nicht unter den Wracks. Diese waren sämtlich Schoner und Briggantinen. Das wurde meiner Mutter von einem Seemann mitgeteilt, der neben ihr stand und auf der Brigg gedient hatte, mit welcher mein Vater jetzt auf See war, der „Gräfin Durham". Als meine Mutter meine Niedergeschlagenheit bemerkte, schrie sie mir diese Nachricht ins Ohr, um mich zu trösten und aufzurichten. Ich hatte gerade diesen Seemann, Taylor mit Name«, etwas gefragt, und bemühte mich, seine Antwort zu verstehen, als sich seine Stimme in einem allgemeinen Auf- fchrei verlor. Schnell aufblickend gewahrte ich, wie hundert Arme nach Südosten deuteten. Augenblicklich wandten sich meine Augen nach diesem Teil der See. Ich sah die Umrisse eines Schiffes, welches schwankend aus der Dunkelheit auftauchte. Als ich es zuerst sah, erschien es mir wie ein Fleck auf dem Nebel; aber in kurzer Zeit trat es klar auf dem harten Grün der tobenden Wogen hervor. Taylor, der sich dicht bei meiner Mutter hielt, richtete ein kleines Taschenfernrohr auf dasselbe. Ich wartete sehnsüchtig auf eine Aenßerung von ihm; aber er schwieg so lange, daß ich, halb tot vor Ungeduld, ihm zurief, er möchte mir sagen, ob es meines Vaters Brigg sei. „Nein, Fräulein", antwortete er, „ich glaubte es zuerst auch. Sie liegt mit dem Kopf fast direkt gegen die See. Es ist eine kleine Bark, welche die dänische Flagge imBesan- want führt. Ihre Vormarsstenge ist weg", fuhr er fort, immer noch durch das Glas blickend; „ihre Groß-Raa ist zerbrochen. Gott sei ihr gnädig! — sie ist verloren!" In den Großwanten hingen einige Leute. Es war eix erschütternder, herzbrechender Anblick. Bald schwebte baS kleine Schiff hoch oben auf bem Kamm einer ungeheuren Welle, halb stürzte es hinunter in bie Tiefe, fobalb bie Woge, bie es getragen, zischenb wie ein Schneesturm unter ihm hm- wegfegte. Wie ein Wunber erschien es, baß es sich immer wieder aus diesen Tiefen erhob. So tarn es näher und näher, mit der Regelmäßigkeit eines Pendels über den gewaltigen Wasserbergen emportauchend. Plötzlich stieß es auf den Grund. Man ward dies gewahr an dem heftigen Aufspritzen des Schaumes, der rings um das Schiff sprühte, und in dessen Mitte seine Masten hin- und herschwankten und dann umstürzten. Eine zweite furchtbare See brauste darüber hin. Als sie zerronnen war, lag das Schiff vollständig auf der Backbordseite, sodaß sein Deck, senkrecht stand wie eine Mauer eines Hauses. Eine dritte Brandungswelle traf es — ich glaubte das dumpfe Dröhnen des Stoßes durch das Donnern und Toben des Sturmes hindurchzuhören — und nun war das Wrack in zwei Stücke zerschellt. Das eine traurige Bruchstück blieb hängen, das andere wurde etwa zwölf Faden weiter auf den Strand geschleudert. Die Angst und Sorge um meinen Vater hatten mir das Herz schon zerrissen; der Anblick dieses Wracks aber war mehr, als ich ertragen konnte. Die plötzliche Vernichtung diefer armen Seeleute, welche noch einige Minuten zuvor in den Wanten um das Leben kämpften und mit verlangenden, brechenden Augen auf das Land schauten, erfüllte mich mit überwältigendem Schmerze. „O Mutter!" rief ich aus, „laß uns gehen. Wir können auf etwaige Nachrichten vom Vater in der Stadt warten." Sie sah mich an, und als sie bemerkte, wie leidend und elend ich war, gab sie Taylor den Auftrag, uns zu rufen, sobald eine Brigg in Sicht käme, und sagte ihm, wo er uns finden würde. Dann nahm sie meinen Arm und schritt mit mir der Stadt zu, blieb jedoch alle Augenblicke stehen, um einen Blick rückwärts auf die See zu werfen, bis eine Krümmung des Weg?s das aufregende Bild unfern Augen entrückte. Zu der Wohnung einer bekannten Dame, einer freundlichen, zartfühlenden alten Frau von mehr als siebzig Jahren, lenkten wir unsere Schritte. Frau Robson war die Witwe 11 eines Geistlichen, die ihren ältesten Sohn, der Seemann gewesen war, bei einem Schiffbruch auf den Goodwinbänken verloren hatte. Sie konnte das Herzweh verstehen, das Weib und Kind eines Seemanns beim Tosen des Sturmes erfaßt. Als die alte Dame hörte, daß wir seit dem Frühstück nichts gegessen hatten, lief fie geschäftig hin und her, um uns ein Mittagsmahl zu bereiten. Wir nahmen ihre Gastfreundschaft als etwas Selbstverständliches an, wie es bei uns im Norden Mode ist. Wer kommt, nimmt mit dem vorlieb, was gerade da ist. Umstände werden nicht gemacht. So setzten wir uns denn zu Tisch, konnten aber kaum etwas essen. Unsere Gedanken weilten draußen, auf der sturmgepeitschten See. Die Zeit verstrich, und wir lauschten den Erzählungen der alten Frau, als wir durch lautes Klopfen au der Hausthür ausgeschreckt wurden. Es war Taylor. Fast außer Atem teilte er mir mit, daß eine Brigg, dem Anscheine nach die „Gräfin Durham", auf den Tyne zulaufe. Er fügte hinzu, daß die Gewalt des Sturmes gebrochen sei. Ich bat meine Mutter, sich nicht wieder dem Sturme auszusetzen, sondern mich mit dem Seemann allein gehen zu lassen. Ihre einzige Antwort war ein Blick des Erstaunens, daß ich ihr zumuten konnte, zurückzubleiben. Wir küßten die alte Frau Robson und eilten mit Taylor die Straße hinunter. (Fortsetzung folgt.) Gesundheitlicher Wert des Wintersports. (Nachdruck verboten.) Um der Bewegung und frischen Luft, den beiden Hauptfaktoren einer gesunden Lebensführung, ihr gutes Recht in der warmen Jahreszeit zu erzwingen, haben Aerzte und Volksschriststeller lange kämpfen müssen. Es kann daher nicht wunder nehmen, daß im Winter Bequemlichkeit und Verweichlichung noch so häufig den Sieg über die Gebote der Hygiene davontragen. Vergebens haben die Hygieniker nach Mitteln gesucht, dieser Hintansetzung einer vernunftgemäßen Leibesübung im Winter abzuhelfen, die um so notwendiger ist, da in der wärmeren Jahreszeit weite Spaziergänge sportliche Uebungen entbehrlich machen. Die Lösung des Problems ist erst durch die Sportsleute erfolgt, welche zur ausgiebigen Körperbewegung in der frischen klaren Winterluft durch reizvolle Sportübungen aufforderten. Und doch ist das, was der Schlittschuhlauf, zumal in unseren Großstädten mit ihren womöglich von Häusern eingeengten, zumeist aber überfüllten Eisbahnen bieten kann, nur ein Vorgeschmack dessen, was Schneeschuh- und Rennwolffahren thatsächlich bieten. Die Einführung derselben bei uns war in erster Linie vom „Wintersportverlag" in Berlin aus der Erwägung heraus erfolgt, daß der sonst im Winter völlig brachliegende Fremdenverkehr im Gebirge einen kräftigen Antrieb erhalten sollte; aber wie gleichzeitig die rein sportliche Seit.-! der Sache sich entwickelte, so konnte sich auch niemand den ungemein wohlthätigen hygienischen Einwirkungen verschließen, welche die Ausübung des Sports mit sich führte. Von da ab bis zu der Erkenntnis, daß der Winterluft unserer deutschen Mittelgebirge dieselbe Heilwirkung inne wohne, die man in den hochberühmten Schweizer und Tiroler Winterplätzen seit lunger Zeit zu würdigen wußte, war nur ein Schritt, und die Forderung nack: der Einrichtung deutscher Winterkurorte sehr berechtigt. Es ist erwiesen, daß die Luft im Winter viel freier von Staub und Krankheitskeimen ist als in der heißen Jahreszeit, auch wirkt die frische Luft, die zwar kalt, aber do-h beständiger Temperatur ist, auf Atmung und Herz- thätigkeit des sich im Freien tummelnden Körpers wohl- khuender ein, als die warme Sommerluft. Der Stoffwechsel geht leichter und rascher von statten, der Appetit wird ein regerer, und der Blutumlauf geht besser vor sich. Nicht minder angenehm und belebend ist der erfrischende Einfluß auf Haut, und Nerven. Gerade für den nervösen Menschen, der durch geistige Arbeit tagelang in geschlossenen Räumen in Anspruch genommen wird, ist der Aufenthalt in der kalten Winterluft und die aktive Muskelthätigkeit, welche der Wintersport erfordert, .. eine wahre Wohlthat, welche in dieser Beziehung den sommerlichen Aufenthalt an der See weit übertrifft. Zu dem wohlthätigen Einfluß der Kälte tritt noch die unendliche Ruhe, das Schweigen der Natur, jeder menschliche und tierische Laut wird gedämpft, der große Trubel der sommerlichen Jahreszeit ist gebannt. Es ist falsch, zu glauben, daß der Schneeler Erkältungskrankheiten leichter ausgesetzt ist, als der sommerliche Ruderer oder Radfahrer; das Gegenteil ist der Fall. Die Erkältung wird fast immer dadurch herbeigeführt, daß der Körper schnell hintereinander stark wechselnden Temperaturgraden ausgesetzt und du schnell abgekühlt wird. Und viel leichter kommt der Radfahrer im Sommer, wenn der überhitzte und bestaubte Körper nach längerer Fahrt in der Kühle des Abends nach einem Trunk und nach Ruhe verlangt, dazu, Unvorsichtigkeiten zu begehen und übereilt auf fich nach starker Hitze die kühlere Luft einwirken zu lassen. Hingegen macht sich dem vernunftgemäß bekleideten winterlichen Schneeläufer im Wollhemd und Lodenanzug bald eine angenehme Wärme- fühlbar, und nach einer anregenden Fahrt in der klaren Winterluft kehrt er in sein behaglich durchwärmtes Heim $ Trotzdem ist leider bei vielen Menschen mit dem Begriff Kälte die Vorstellung nachteiligen Einflusses auf die Gesundheit verbunden; daher bleiben viele im Winter möglichst im Zimmer, um sich gegen Erkältungen und deren Folgekrankheiten zu schützen. Sie übersehen indes dabei gar.z und gar, daß dergleichen Krankheiten nicht die Folge vom Genuß der Winterluft, sondern von deren Entbehrung srud. Der einfache Umstand, daß in den nördlicheren Ländern die Sterblichkeit geringer ist wie nach dem Aeqna- tor zu und daß diejenigen Menschen, deren Thätigkeit auch im Winter vielfach im Freien ist, tote Holzarbeiter, Förster, Landwirte, als durchaus „wetterfest" gelten, sollte doch endlich überzeugend wirken. Auch kann nicht in Abrede gestellt werden, daß z. B. Kranke, welche Monate lang der frischen Luft entwöhnt sind, eine Verschlechterung ihrer Körperverfassung erfahren; daher für die Einwanderung von Keimen ansteckender Krankheiten sehr empfänglich sind. Durch ärztliche Untersuchungen ist ferner festgeftellt, daß dte Temperatur auf den Stoffwechsel im menschlichen Körper ui bestimmter Weise wirkt, und zwar wird bei niedriger Temperatur mehr Fett zersetzt als bei hoher, was darauf zurückzuführen ist, daß bei niedrigen Temperaturen stärkere Zusammenziehungen der Muskulatur stattfinden, die einen vermehrten Stoffwechsel mit sich bringen. Die Herabsetzung der Außentemperatur in Verbindung mit der durch Schneeschuhlaufen oder Rennwolffahren herbeigefuhrten aktiven Muskelthätigkeit wird daher eine tiefgreifende Umwälzung im Gesamtstoffwechsel auch solcher Personen herbeiführen, welche an überflüssigem Fett leiden und brsher im Sommer Marienbad, Neuenahr, Karlsbad re. aufsuchen mußten. Eine direkte Heilwirkung wird dem Schneeschuhlaufen zugeschrieben bei derjenigen Form von Fettherz, welche nicht auf einer organischen Veränderung des Herzmuskels, sondern nur auf einer Fettauflagerung beruht, eine Krankheitserscheinung, die Geheimrat von Leyden tn einer besonderen Schrift erörtert hat. Stärkere Muskelthätigkeit, gründliche Dekarbonisation (Kohlenstoff-Entziehung) des Blutes, kräftige Herzthätigkeit, tiefe Mmn- züqe sind demnach die notwendige Folge energischer Be- wequniq in der Winterluft und haben als Endresultat ruhige Nerven, gesunden Schlaf, guten Appetit, geregelte Verdauung und somit eine wesentlrche Steigerung der Leistungsfähigkeit von Körper und Geist zur Folge- So ist demnach für Herz-, Lungen- und Nervenkranke tüchtige Bewegung in der frischen Winterluft das beste Hetlmtitel. Doch soll hier nicht von den Kranken allein die Rede sein; mancher, der sich gesunder Glieder und etner unversehrten Lunge erfreute, sah dem Winter unlusttg entgegen, sei es, daß seine persönlichen Neigungen sportlicher Art durch den ersten Schneefall em iahes Ende fanden, sei es daß der Eintritt der rauhen Jahreszeit den Beginn einer öden, verdienstlosen Zeit bedeutete. Wenn darin em Wandel eingetreten ist, so ist das ausschließlich der Ein- führung des Schneeschuhlaufens und Renntoolffahrens durch den „Wintersportverlag" m Berlin SW. 46 zu danken, welcher als bester Berater nn Interesse des Sports ;ede gewünschte Auskunft gern erteilt. Die deutschen Touristen, die auch im Winter trotz Schnee und Eis ober richtiger 12 — wegen Schnee und Eis die freie stille Gotteswelt aufsuchen, sind lebende Zeugnisse für die wunderwirkenden hygienischen Einflüsse der winterlichen Natur. Im Anschluß an die winterliche Touristik haben sich deutsche Winterkurorte entwickelt, und die Entwickelung wird zweifellos vorwärts gehen. Es wird sich in diesen Orten genau dasselbe Leben entfalten wie in den sommerlichen Badeorten; neben Leidenden, die ihrer Kur leben müssen, wird man urgesunde Leute sehen, die vor allem dem Alltagsgetriebe der Stadt entfliehen und sich unterhalten wollen. Daß der Gedanke gesund und Praktisch ist, bezweifelt niemand. Daß er auf viel breiterer Grundlage verwirklicht werden mutz, als es jetzt der Fall ist, wird von Aerzten, Touristen und Volkswirtschaftlern, die auch im Winter das deutsche Geld in Deutschland'verzehrt sehen möchten, immer wieder betont; denn von den vielen Millionen, welche alljährlich für Winterkuren ins Ausland getragen werden, kann zweifelsohne der größte Teil ohne Schaden für den Kranken in Deutschland bleiben, sofern die deutschen Mittelgebirge in dem Maße zu Winterkuren Verwendung finden, wie es infolge ihres Winterklimas, ihrer landschaftlich schönen Plätze und ihrer vielen für Winterkuren und Sport geeigneten Anstalten verdienen. Es fehlt zurzeit noch an ver nötigen bahnbrechenden Thätigkeit, sowohl für die Sache, als auch von feiten der bereits eingerichteten Kurorte. Weite Kreise wissen ja nicht, daß es in Deutschland Bäder gießt, die nicht mit dem Oktober schließen, daß in deutschen Bergen sich Wintersportheime eröffnet haben, die Zentralstellen jeglichen winterlichen Sports sind. Und erfreulicherweise ist diese Entwickelung in stetem Wachsen begriffen; höher aber, als die rein sportliche Seite des Schneeschuhlaufens und Rennwolffahrens, ja selbst höher als die volkswirtschaftlich so bedeutende Erschließung des winterlichen Fremdenverkehrs ist die Thatsache zu schätzen, daß durch den Wintersport ein gutes Dritteil des Jahres in den Bereich des Naturgenusses gezogen worden ist und daß sich von hier aus nicht allein körperlich hygienische und — durch die Errichtung von Winterkurorten — heilkräftige Wirkungen erstrecken, sondern daß der männlichfrische Geist des Wintersports das dumpfe Stubenhocker- tum in die Flucht geschlagen hat und für die Hebung der Volksgesundheit und der Volkskraft nicht genug zu würdigende Dienste leistet. Gemeinnütziges. Hie Boskoop, hie Canada, hie Kasseler. Unter diesem Weckruf wird im -„Erfurter Führer im Gartenbau" eine Erhebung veranstaltet, die bezweckt, dem Obstbau nach einer ganz neuen Richtung hin zu dienen. Sie will die vielen ähnlichen und gleichen Sorten ausmerzen, nm unter unseren guten Obstsorten das beste herauszufinden. Die Idee ist vielversprechend. Sie wird dazu beitragen, unserem -Obstbau eine weitere, schnellere Entwickelung zu - verschaffen, vor allem aber ihn einträglich zu machen. Den Beweis dafür liefert die Erhebung, welche die erste von vielen nachfolgenden ist, insofern gleich, als sie feststellt, daß von den drei obengenannten Aepfeln, die als vorzügliche Sorten bekannt sind, der Schöne von Boskoop weitaus der beste ist. — Gleichzeitig. hat aber die Erhebung noch ein viel wichtigeres Moment festgestellt, nämlich das, daß der Schöne von Boskoop ein Apfel ist, welcher alljährliche Ernten liefert. Wer da weiß, daß die Sicherheit der Ernten xrst die Grundlage für einen einträglichen Obstbau schasst, der wird zu würdigen wissen, welch gewaltiger Vorteil unserm Obstbau erwachsen muß, wenn ihm die Sorten genannt werden, die alljährlich Ernten liefern. Wünscht jemand Kenntnis von dieser Erhebung zu nehmen, so braucht er sich nur an das Geschäftsamt des „Erfurter Führers" zu wenden, welches im Interesse des deutschen Obstbaues diese Nummern auf ^Verlangen kostenfrei zusendet. Dermikhtes. Rasch und siegreich hat sich die neue aktuelle Zeitschrift „Die Weite Welt" Bahn gebrochen und mit ihrem Programm, neben der Darstellung der zeitgeschichtlichen Ereignisse in Wort und Bild vor allem die Pflege echter, moderner Kunst zu betreiben, in weiten Kreisen des Lesepubikumls Anklang gefunden. In der neuesten (18.) Nummer dieser Zeitschrift wird der Leser wieder besondere Freude an der Prächtigen Wiedergabe von vier Gemälden hervorragender Maler haben. Eine vortreffliche Abhandlung über Gustav Schönleber, durch zahlreiche Illustrationen erläutert, gießt ein anschauliches Bild von dem Wirken dieses- hervorragenden Landschafters. Von den litterarischen Beiträgen dieser Nummer erwähnen wir noch eine durch ihre Lebenswahrheit packende Skizze von Frapan „Mahlzeit", sowie eine Betrachtung des Wirklichen Geheimen Rat Exzellenz- Dr. Koch über die Reichsbank, anläßlich des fünf- undzwanzigjährigen Jubiläums dieses Instituts, und einen Aufsatz des Prof. Dr. Rein-Jena, über die kaiserliche Schulreform. — Die einzelne Nummer des Heftes (Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin) ist durch alle Buchhandlungen für den Preis von 25 Pf. zu beziehen.. Lktterarifches. Das soeben.'erschienene Heft 5 von VelhaglN vnd Klafings Monatsheften steht unter dem Zeichen des herrannahenden Jubiläums des preußischen Königtums. Herr Pros. Dr. Erich Marcks, der berühmte Leipziger Historiker, eröffnet es mit einem ausgezeichneten Essay über „Das Königtum der Hohenzollern", Dr. Arend Buchholz, Bibliothekar der Stadt Berlin, schildert anschließend die Krönung zu Königsberg am 18. Januar 1701; der Artikel ist reich nach zeitgenössischen Gemälden, Stichen u. s. w. illustriert. In dem wiederum ungemein vielseitigen Heft beginnt ein neuer Roman von Ernst Remin, „Das rote Ange", der uns an die deutsche Küste führt und sehr kraftvoll einsetzt. Der bekannte Weltreisende E. v. Hesse-Wartegg gibt lebensfrische Bilder aus „unbekannten Gebieten der deutschen Südsee", Prof. Dr. Ed. Heyck plaudert sehr interessant über seine „Vortragsreise in Brasilien". Aus einem Artikel über die Bühnen Berlins und ihre neuesten Aufführungen sei besonders die Kritik über Hartlebens „Noseniuontag" herausgehoben, in der Hanns v. Zobeltitz diese „Offizicrstragödie" vom Standpunkt eines älteren Offiziers ausbespricht. Wie immer, ist das ganze Heft sehr feinsinnig illustriert. „Der Stein der Weisen", dessen erfolgreiches Wirken auf dem Gesamtgebiete der populären Wissenschaften längst allgemein anerkannt ist, eröffnet mit feirtein soeben erschienenen 13. Hefte den 26. Band. In letzterer Ziffer allein schon ist die außergewöhnliche Leistung dieses Unternehmens gekennzeichnet. Das vorliegende, reich illustrierte Heft enthält, wie man dies seit jeher seitens der trefflichen Revue gewohnt ist, viel Interessantes aus verschiedenen Wissensgebieten: Das seismische Problem, Moderne Wandbekleidung, Die Mineralwässer, Die Seidenspinne Madagascars, Der Telephonbetrieb, Bur- rough's Additiousmaschine, Rhodesien, lieber Automaten u. s. w. Die Abbildungen sind durchweg interessant und lehrreich. Kleinere Beiträge aus der Natur- und Erdkunde, der Meteorologie, der Hygiene, dem Verkehrswesen und verschiedene andere wissenswerte Mitteilungen vervollständigen den abwechslungsreichen Inhalt. Wir nehmen erneut Anlaß, den „Stein der Weisen" (A. Hartlebeu's Verlag,. Wien), der mit so großem Eifer seiner dankenswerten Aufgabe der Popularisierung der Wissenschaften obliegt, unseren Lesern bestens zu empfehlen. Ergänzungsräts eL Nachdruck verboten. A---, schützt und rettet. 8 a--, in Oesterreich. --— — n, am Himmel. 8--— d, am Faß. Ti--—, im Zimmer. Werden statt der Striche die passenden Buchstaben gesetzt, so müssen diese im Zusammenhang ein beliebtes Getränk bezeichne«. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Tuurchrätsels in voriger Nummer: Knecht Ruprecht (Lahn, Wand, Eier, Bavken, Halm, Wette, Harm.. Bauer, Paul, Born, Feder, Revhen, Lahn, Tasse.) Auflösung des Preisrätsels (WeihnuchtS-Königszugs) in Nr. 185: Der Weihnachtsglocken fromme Mahnung Tönt wie ein Gruß aus Kindertagen; Die Seele faßt's wie gläub'ge Ahnung, Sie fühlt sich auf zum Licht getragen; Und bei des Cbristbaums Hellen Kerzen, Da senkt sich Frieden in die Herzen. (Helene Judeich.) Es gingen insgesamt 31 richtige Losungen ein, das Los fiel auf Nr. 1. Einsender: Elly von Schlemmer, Gießen. Der Preis — 1 Mappe mit Bildern des historischen Gutenberg- Festzuges in Mainz 1900 — ist von dem Gewinner gegen Vorzeigung der Abonnementsquitlung in der Geschäftsstelle der „Familienblätter" in Empfang zu nehmen. > Rcdaknon: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße»,