Dienstag den 5. November. 1901. — Nr. 159. N er Geizige ist nur der Wächter und nicht der Herr, der Knecht und nicht der Besitzer der eigenen Schätze. Chryfostomus. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Die Ueberraschung, welche die Kundgabe dieses Wunsches dem Manne im Rollstuhle bereitete, schien nicht ällzugroß. Er legte nur den Kopf ein wenig auf die Seite Und beförderte durch eine Anzahl von Lippenbewegungen die mehr zerkaute als gerauchte Zigarre von dem einen Mundwinkel in den anderen. Ein paar Sekunden waren vergangen, bevor er erwiderte: „So willst Du mich wirklich allein lassen, Felicia? — Ich dachte immer, Du würdest es aufschieben bis nach meinem Tode. Ein armer gelähmter Krüppel wie ich, kann es doch schließlich nicht lange mehr treiben." „Das ist natürlich nicht Dein Ernst", fiel sie ihm etwas ungeduldig ins Wort. „Doktor Morlay sagt, daß Du trotz Deiner Lähmung noch recht wohl dreißig Jahre leben könntest. Und meinst Du wirklich, daß ich von einer Reise nach Deutschland nach dreißig Jahren noch dasselbe Vergnügen haben würde wie jetzt?" „Ja, ja — Vergnügen und" immer wieder Vergnügen! Das ist das große Losungswort für euch Frauen, lieber dem Vergnügen vergeßt- Ihr alles, selbst eure heiligsten Pflichten." „Aber so laß uns die Dinge doch vernünftig betrachten, Papa! Frage Dich doch einmal aufs Gewissen, ob Du meine Abwesenheit allzu schmerzlich empfinden — ob Du sie nach einigen Tagen oder Wochen überhaupt noch bemerken würdest. Auch wenn ich hier bin, kann ich ja leider sehr wenig zu Deiner Erheiterung und Unterhaltung thun." „Nein. Denn seitdem Du Dich vor einem Jahre plötzlich in diesen gesellschaftlichen Strudel gestürzt hast, ist Deine Zeit völlig ausgefülllt durch Besuche und Festlichkeiten. Es ist seitdem mit Dir genau so, wie es mit Deiner Stiefmutter war. Während der ganzen Dauer unserer Ehe habe ich sie kaum eine Woche lang für mich gehabt. Das waren die ersten drei oder vier Tage nach unserer Hochzeit Und die zwei Tage vor ihrem Tode. Während der Zeit, die dazwischen lag, hat sie aller Welt gehört, nur nicht mir!" „Und Du hast Dich damit zufrieden gegeben, vbivohl sie doch ihre Pflichten freiwillig auf sich genommen hatte, während ich--aber ich liebe es nicht, ihren Schotten heraufzubeschwören, am wenigsten, wenn es den Anschein gewinnen könnte, als ob ich es zu meiner Rechtfertigung thüte. Du hättest diese Fremde niemals zwischen uns stellen dürfen, wenn Sir daran lag, eine angenehme Gesellschafterin für Deine alten Tage aus mir zu machen. An gutem Willen hat es mir nach meiner Wiederkehr gewiß nicht gefehlt; aber die Kluft war zu breit geworden, als daß ein liebevoller Vorsatz hingereicht hätte, sie zu überbrücken." Mr. Rubarth neigte wie zustimmend den Kopf und die schwelende Zigarre wanderte wieder in den anderen Mund- ivinkel zurück. „Ich habe cs ivohl bemerkt. Wer die Schuld lag nicht an mir, und sie lag auch nicht ausschließlich an Deiner Stiefmutter, wie groß immer Dein Haß gegen sie gewesen sein nmg. Als Du nach jener furchtbaren Scene heimlich aus Deinem Vaterhause entflohst, warst Du eine ganz Andere als au dem Tage, da Du wieder zurückkamst. Ich habe niemals eine ähnliche Veränderung an einem Menscheu wahrgenomnien. Und doch warst Du kaum länger als acht Monate fortgewesen. Es müssen sehr sonderbare Dinge mit Dir vorgegangen sein in dieser kurzen Zeit. Möchtest Du mir nicht endlich einmal sagen, Felicia, wo Du damals gelebt hast, und was mit Dir geschehen ift?" „Nein! Und Du haft mir am Tage meiner Rückkehr feierlich versprochen, mich niemals danc.'ch zu fragen." „Ich mußte es wohl thun, da Du nur unter dieser Bedingung bei mir bleiben wolltest, obwohl Deine Stiefmutter Dir inzwischen durch ihren fiühen Tod das Feld geräumt hatte. Wir haben der Welt das Märchen erzählt von Deinem Aufenthalt bei einem kalifornischen Verwandten, der niemals existiert hat, und es scheint ja, daß die Leute darau glauben. Deinem Vater aber könntest Du wohl endlich die Wahrheit sagen." „Später vielleicht! Augenblicklich liegt dazu doch wirk- lich keine Veranlassung vor, denn es ist rin Grunde furchtbar gleichgiltig, was ich vor drei Jahren erlebt habe. Und das Meiste davon habe ich selbst bereits vergessen. Laß uns jetzt lieber von meiner bevorstehenden Abreise sprechen! Du bist doch damit einverstanden, daß ich gehe?" „Würde es denn etwas ändern, wenn ich's nicht wäre? Aber muß es durchaus schon morgen sein, Felicia? Das sieht ja beinahe wieder aus wie eine Flucht." „Ah, was kümmert es mich, wie es aussieht! Ich hasse das lange Hiuausschiebeu, und ich sehe nicht ein, weshalb es nicht ebensowohl morgen sein könnte als in vier Wochen!" Mit zitternden Händen füllte Mr. Rubarth sein Weinglas von neuem und trank es langsam leer. Er hatte sich mit dem Gedanken an die bevorstehende neue Trennung von seiner Tochter jetzt offenbar vollständig abgefunden; denn nachdem er eine kleine Weile nachdenklich an seiner Zigarre gesogen hatte, sagte er: „Wohin aber willst Du Dich denn nun eigentlich wenden? Und was willst Du so ganz allein drüben in Europa! anfangen?" „Ich werde mir Land und Leute ansehen, werde bei 634 irgend einem tüchtigen Lehrer meine Gesangstudten fori- setzen, und vielleicht — das heißt, wenn sie mir gefallen — werde ich mich eine Weile bei den dentschen Verwandten aufhalten, von denen Du früher fo oft gesprochen hast." Während Mr. Rubarths rotes Gesicht bis dahin trotz feiner hier und da etwas sentimentalen Worte keinerlei innere Bewegung wiedergespiegelt hatte, schien es sich plötzlich tote in einer seligen Erinnerung zn verklären. Und seine kleinen, schwimmenden Augen gewannen einen ganz eigenen Glanz. „Ja, das ist ein guter Gedanke — das mußt Du thuu. Und wenn Dit in meine Vaterstadt kommst, die ich armer gelähmter Mann niemals Wiedersehen tverde, so werden sie Dich dort mit offenen Armen empsattgen. Das heißt, so weit sie noch am Leben sind; denn es ist lange her, daß ich nichts mehr ton ihnen gehört habe. Mein Vetter Lndwig Ignatius besouders, der mein bester Jugendfreund war — ah, was für eine Freude wird er habeu, Georg Rubarths Tochter zu sehen! Und auch Du wirst Gefallen an ihm finden. Er ist ein so prächtiger Bursche. Immer lustig und zu allen tollen Streichen bereit!" Er war mit einem Male sehr lebhaft geworden, nnd seine Hand zitterte noch stärker, als er wieder nach der Flasche griff, um auch den Rest des schweren, dunkelroten Weines in sein Glas' zu gießen. Felicia aber sagte mit einem kleinen Lächeln: ^,Auch Dein Vetter Ignatius dürfte sich in den letzten dreißig Jahren ein wenig verändert haben, und cs ist immerhin zweifelhaft, ob ich ihn noch ebenso übermütig finden werde. Aber vielleicht ist auch da drüben inzwischen eine neue Generation herangewachseu und hat die Tugenden der alten geerbt. Ich werde mich ja bald mit eigenen Augen davon überzeugen können. Für hente aber wünsche ich Dir gute Nacht! Ich habe einen anstrengenden Tag vor mir. Und auch für Dich ist es Zeit, zur Ruhe zu gehen." Sie brachte ihre Lippeil in die Nähe seiner Stirn, ohne sie jedoch zu berühren, und gleich bnrauf, hatten sich die dunklen Vorhänge hinter ihrer lichten Gestalt geschlossen. Mr. Rubarth sog mit gleichmäßiger Miene an seiner Zigarre, nnd da er bemerkte, daß sie erloschen war, warf er sie ärgerlich auf deu Fußboden. Dauit hielt er die Weinflasche gegen das Licht und stellte sie mit einem Seufzer auf ihren Platz zurück, als sich erwies, daß kein Tropfen mehr darin war. „Ja, ja, es ist Zeit zu Bett zu gehen", murmelte er, und ein Klingelzeichen rief den Diener herbei, der ihn in sein Schlafzimmer hinüberrollte. „Weißt Du schon das Neueste, Fred?" fragte er, während der schweigsame junge Manu ihn entkleidete. „Meine Tochter geht nach Europa, und wie ich sie kenne, ist es sehr ungewiß, ob sie jemals wiederkommt. Ich iuerbc nun ganz allein fein. Aber ich mache mir nicht viel baraus; denn ich werde nun wenigstens Ruhe haben vor diesen verdammten Besuchen und Gesellschaften, die mich armen alten Mann in diesen letzten Jahren so oft unt meine Bequemlichkeit gebracht haben." Viertes Kapitel. Der Stadtrat und Stadtkämmerer Ludwig Ignatius dehnte sich gelangweilt in dem bequemen Schreibsessel und warf durch das hohe Bogeufenster seines Amtszimmers einen sehnsüchtigen Blick auf den sonnenbeschieuenen Platz, über den eben ein Häuflein farbengeschmückter Korpsstudenten paarweise zum Frühschoppen im Ratskeller heranzog. „Wer doch da noch mitthun könnte!" dachte er, und wie ein Schatten leiser Wehmut legte sich's über sein rosiges, wohlgenährtes Antlitz. „Hinter einem Schoppen Raueuthaler sitzt sich's wahrhaftig besser als hinter diesen langweiligen Aktenstößen, die niemals kleiner werden wollen." Seufzend ließ er die Spitzen seines sorglich gepflegten grauen Backenbartes durch die Finger gleiten, und es vergingen noch ein paar Minuten schweren Seelenkampfes, ehe er sich entschloß, seine Hand wieder nach dem vorhin beiseite geworfenen Schriftstücke auszustrecken. Aber er war noch nicht über die ersten Zeilen hinausgekommen, als ihn das wohlbekannte Klopfen des zu seiner persönlichen Bedienung bestellten Magistratsboten in der sauren Arbeit unterbrach. „Eine junge Dame möchte den Herrn Stadtrat sprechen", meldete der Manu. „Ihren Namen wollte sie mir aber nicht sagen." Ludwig Ignatius zog die Stint eüt wenig in Faltech tote er immer zu thuu pflegte, wenn er in seinem Arbeitszimmer einen Besuch empfing. „Eine junge Dame, die ihren Namen nicht nennen will? Und sie ist noch niemals hier gewesen, Noster?" „Zn meinen Lebzeiten wenigstens tticht, Herr Stadt-, rat! Ich glaube auch, daß sie tott außerhalb ist. Sie hat so was Fremdländisches in ihrem Aussehen." „Lassen Sie sie eintreten!" Eine Minute später stand sie auf der Schivelle, schön und holdselig tote ein lachender Sommermorgen, dazu in einer Toilette, die dem braven Magistratsdiener wohl hatte fremdläitdisch erscheinen können, da,fie so viel eleganter! war, als die jungen Mädchen hier in M. sie auf der Straße zit trugen pflegten. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, und übermütig blitzte es in ihren dunklen Angen, als sie sie über das runde Antlitz und die behäbige Gestalt des Herrn Jgttatius hinstreifen ließ. Der aber Tratte sich so elastisch aus seinem Schreibsessel erhoben,' als wäre es der Herr Oberpräsident in eigener Person, der ihn durch seinen Besuch überraschte. „Bitte, mein gnädiges Fräulein, treten Sie doch näher k Darf ich fragen — —" „Sie erkennen mich also nicht? Sie entdecken nichts, von eiltet- Familienähnlichkeit in meinem Gesicht? Bon! einer Aehnlichkeit mit Ihrem Vetter nnd Jugeudfreundei Georg Rubarth?" Der Wohllaut ihrer Stimme versetzte den Stadtrat in Entzücken, und den munteren, durchaus nicht ehrerbietigen Ton, den sie gegen ihn anschlug, fand er gang allerliebst. „Nein, offen gestanden, nicht das Mindeste! — Aber, kann es denn möglich sein? Sie wären--" „Felicia Rubarth — allerdings! Georg Rubarths Tochter und — wenn Sie mich bei der Weitläufigkeit der Verwandtschaft dafür gelten lassen wollen, — Ihre Nichte." Ludwig Ignatius sagte sich, daß es in der That nicht ganz leicht sein würde, den Grad dieser Verwandtschaft festzustelleu. Aber er dachte nichtsdestoweniger keinen Augenblick daran, die ihm von einem so anmutigen, jungen Wesen angetragene Würde eines Oheims abzulehnen. Er. nahm vielmehr mit unverkennbarem Vergnügen die in einem seinen Pariser Handschuh steckende Rechte Felicias in seine beiden Hände, drückte sie sehr herzlich und gab; sie auch nicht wieder frei, während in lebhaftem Tempo! die ersten Fragen und Antworten ansgetauscht wurden. „Georg Rubarths Töchterchen also! Und er hat michf nicht vergessen, der gute Junge, obwohl es beiläufig! zwanzig Jahre fein mögen, daß er mir kein Lebenszeichen mehr gegeben hat!" ; „Wirklich? Ist es so lange her? — Ja, das sieht ihm ähnlich, meinem guten Papa! Von Korrespondenzen, tue. nichts einbringen, ist er wohl nie ein Freund gewesen." „Und wie geht es ihm? — Er muß unt vier oder fünf Jahre älter sein als ich; aber er ist hoffentlich noch bei guter Gesundheit.?" r r „Nun, er befindet sich nicht gerade schlecht, abgesehen davon, daß er an den Beinen gelähmt ist und in einem Rollstuhle gefahren werden muß. Da er aber auch schon vorher die Bequemlichkeit über alles geliebt hat, leidet er darunter nicht allzu schwer." . L - „Ah, der Aermste! Und seine Gattin?" Das Lächeln verschwand für einen Moment von Felicias Gesicht. , . , „Mein Vater ist seit drei Jahren Wtiwer", sagte ]t-e. kurz, „zum zweiten Male; denn meine Mutter starb schon,- als ich noch ein kleines Kind war. — Aber Sie sind äußerst erstaunt, daß ich hier so ohne alle vorherige Anmeldung hereingeschneit komme, nicht wahr?" fügte sie tu rasch wieder verändertem Tone hinzu. „In Deutschland nimmt man es ja, wie ich gehört habe, mit den Förmlichketten schrecklich genau. Bei uns in Amerika hält man nicht soviel! davon. Und ich für meine Person liebe sie schon gar nicht.; Ich bin nach Europa gekommen, unt meine GesangsiudteN zu vollenden, und man hat mir einen in dieser Stadt lebenden Lehrer ganz besonders empfohlen. Daß ich hier außerdem Verwandte meines Vaters vvrfinde, ist lediglich etN angenehmer Zufall, der im übrigen keinen von uns zu irgend etwas verpflichten soll. Denn da wir uns ganz fremd sind, wird sich's doch wohl erst Herausstellen müssen, ob. wir Gefällen an einander finden. Wozu also eine vorherige 635 Ankündigung meines Erscheinens, die wahrscheinlich,"allerlei überflüssige Empfangsvorbereitungen zur Folge gehabt hätte! So, wie ich meine freie Herrin bleiben möchte, sollen auch Sie sich durch,' keine lästige Rücksicht gebunden fühlen." „Also echt amerikanisch!" lächelte der Stadtrat.,, Nach dieser offenherzigen Erklärung darf ich es ja beinahe gar nicht mehr wagen, Ihnen die Gastfreundschaft meines bescheidenen Hauses anzubieten." „Darauf kann ich in diesem Augenblick weder mit Ja noch mit Nein antworten. Ich finde das Pensionat, in dem ich gestern abgestiegen bin, gar nicht übel. Aber das schlösse natürlich eine Veränderung nicht aus, wenn die Umstände mir eine solche wünschenswert erscheinen ließen." ' (Fortsetzung folgt.) Vom Bord unserer Schnelldampfer. Von Dr. I. Wiese- (Nachdruck verboten.) Tausende von Besuchern aus der „neuen Welt" benutzen jetzt unsere großen Hamburger und Bremer Schnelldampfer zur Rückfahrt über den Ozean. Wer es nicht vorzieht, selbst den teuren Verwandten oder lieben Freunden das Geleit nach der Hafenstadt zu geben, und die letzten Stunden bis zur Abfahrt des Schiffes mit ihnen zu verleben, verfolgt im Geiste alle Phasen der großen Reise. Aber nicht mehr mit einem Gefühle der Beunruhigung weilen seine Gedanken bei dem Reisenden; weiß doch jeder, daß der schnelle Gang des Schiffes, die elegante und bequeme Ausstattung, die aufmerksame Bedienung und interessante Gesellschaft heute eine Weltreise zu einem Vergnügen, einer nur etwas ausgedehnten Spazierfahrt machen. Gerade auf den deutschen Schnelldampfern herrscht eine behagliche Bequemlichkeit, eine von übertriebenem Luxus sich dennoch fernhaltende Gediegenheit in der Ausstattung und der Verpflegung, eine Fürsorge für die weitgehendsten Bedürfnisse, daß nur die weite Wasserfläche, die vor seinen Augen sich ausbreitet, und das unablässige Zittern und Stoßen unter seinen Füßen den Reisenden daran erinnern, daß er sich nicht in einem prächtigen Hotel, sondern an Bord eines Schiffes befindet. Für den Binnenländer dürfte es in der jetzigen Zeit der Meeres- reiscn von Interesse sein, nähere Einzelheiten über die für die Reisenden getroffenen Fürsorgemaßregeln zu erfahren. Der moderne Dampfer zeigt sich thatsächlich als eine Stadt für sich mit allen möglichen Berufsarten. Sehen wir uns das größte der deutschen Schiffe an, den Hamburger Schnelldampfer „Deutschland". Er befördert in seinen Kajüten bis nahezu 800, int Zwischendeck gegen 300 Reisende über den Ozean, außerdem eine umfangreiche Post und kleine Mengen hochwertiger Güter. Er hat eine Besatzung von nicht weniger als 547 Mann. Dem Kapitän stehen zunächst sechs Schiffsosfiziere zur Seite. Ein Zahlmeister mit einem Assistenten und ein Verwalter entlasten die Schiffsleitung nach der Seite der allgemeinen Verwaltung hin. Eigentliche Seeleute finden wir in verhältnismäßig bescheidener Zahl: 2 Bootsleute, 6 Quartier- meister, 22 Vollmatrosen, 12 Leichtmatrosen, sechs Schiffsjungen ; das sind nicht viel mehr als die gewichtige und wohlgeordnete Zunft der Verpflegungsbeamten': 1 Oberkoch, 2 erste und 7 zweite Köche, 2 Dampfköche, 3 Konditoren, 4 Bäcker, 3 Schlächter, 16 Kochmaate, 14 Aufwäscher. Der Bedienung der Reisenden widmen sich unter Leitung von drei Oberstewards, 1 Gepäckmeister und 3 Assistenten der Oberstewards, 123 Stewards, 4 Badestewards, 5 Pantrystewards, 10 Stewardessen und 4 Zwischendeckstewards; 7 besondere Telegraphenstewards erfordert der überallhin Ei) erstreckende komplizierte Ruf- und Signalapparat an ord; 12 Musiker bilden die Schiffskapelle. Von Handwerkern find weiterhin ein Klempner, 1 Tischler, 2 Zimmerleute,. 3 Küfer, 3 Barbiere und" ein Drucker aus dem Schiffe thätig; auch hier erfordert die Bemühung um die Reisenden das meiste Personal. Für das Wohlergehen des großen Gemeinwesens wichtig ist der Arzt, der zu den Schiffsoffiziereit zählt und dem ein Arztgehilfe beigegeben ist-, Im ganzen sind das 295 Menschen. Ihnen steht als geschlossene Schar von 252 Mann das Maschineupersonal gegenüber, das die stärksten SchiffZmaschinen der Welt, die mit 35600 Pferdekräften arbeiten, so zu bewachen und zu bedienen hat, daß sie das mächtige Schiff sicher und ruhig mehr als 23 Seemeilen in' der Stunde vorwärts treiben. Große Rhedereien, die sich mit der Beförderung von Passagieren befassen, haben neben den Ausgaben von Kohlen, auf die wir später noch eingehen, die nächstgrößten Aufwendungen für die Proviantausrüstung ihrer Schiffe zu machen. Während der Norddeutsche Lloyd z. B. im vorigen Jahre mehr als 20 dreiviertel Millionen Mark für Kohlen verwendete, betrug feilt Proviantverbrauch über 9 einhalb Millionen Mark. Dieser Proviant diente zur Verpflegung von 253 225 Reisenden, die im vorigen Jahre befördert worden sind, sowie der etwa 9000 Mann starken Besatzung der Flotte des Norddeutschen Lloyd. Da die Passagiere im einzelnen nur verhältnismäßig kurze Zeit an Bord sind, auch die Schiffe nicht ununterbrochen in Fahrt, so ist es schwer, sich ein Bild von der Verpflegung int Verhältnis zu den verbrauchten Mengen zu machen. Nun bietet aber die Statistik einige Angaben über den Verbrauch von Lebensmitteln, z. B. die bremische Statistik über den Verbrauch einiger Artikel, die in Bremen einer Verbrauchsabgabe unterliegen, vor, allem von Fleisch, Wild und Geflügel. Danach betrug der gesamte Verbrauch an Rindfleisch in den letzten Jahren ea. 18 5kg. auf den Kopf der Bevölkerung, was bei der gegenwärtigen Bevölkerung von 161000 Einwohnern ca. 2900 000 Kg. Rindfleisch int Jahre als Verbrauch ergeben würde. Demgegenüber hat der Norddeutsche Lloyd an frischem und eingelegtem Rindfleisch int vorigen Jahre ca. 2 426 000 Kg. verbraucht, also in diesem Artikel fa'st den Verbrauch seiner Heimatstadt Bremen erreicht. Nicht ganz so groß ist int Verhältnis der Verbrauch an Kalb- und Schweinefleisch gewesen, deren Mengen nur etwa ein Viertel bezw. ein Siebentel des in Bremen verbrauchten Fleisches betragen. Dagegen ist der Verbrauch von Hammelfleisch annähernd dem Bremens gleich, und der Verbrauch an Wild und Geflügel übersteigt den Jahresverbrauch Bremens um mehr als ein Viertel. Der Norddeutsche Lloyd brauchte 536 000 Stück Wild und Geflügel im Gewicht von ca. 512 000 Kg., während Bremen bei einem Durchschnittsverbrauch von 2.50 Kg. auf den Kopf nur ca/ 403000 Kg. benötigte. Der gesamte Fleischverbrauch des Norddeiitschen Lloyd bezifferte sich auf 82 000 Zentner. An Menge übertroffen wurde dieses Quantum nur durch die Kartoffeln, von Seiten über 130000 Zentner verbraucht wurden. Dann folgten 60 000 Zentner für Mehl und Brot, und 44 000 Zentiter für frisches und getrocknetes Gemüse, und mehr als 20 000 Zentner für frisches Obst und Südfrüchte. An Konserven aller Art sowie an Milch wurden je 16 500 Zentner, an frischen und geräucherten Fischen, Krebsen und Austern mehr als 14000 Zentner gebraucht. Die Menge der verbrauchten Butter belief sich auf 7565 Zentner, die des Zuckers auf 6830 Zentner, und die des Salzes noch auf 3635 Zentiter. An Thee, einem Artikel, von dem doch gewiß nur verhältnismäßig geringe Mengen für die Zubereitung nötig sind, wurden 260 Zentner verbraucht: das ist ein Quantum, das nach dem durchschuitt- lichen Verbrauch in Deutschland für eine Bevölkerung von ungefähr 260000 Menschen ein ganzes Jahr ausreichen würde. Um sich ein Bild von der Größe obiger Mengen zu machen, berücksichtige man, daß ein größerer Eisenbahndoppelwaggon etwa 200 Zentner faßt. Der Eisverbrauch des Norddeutschen Lloyd betrug 11833 Tonnen, das sind allein 1184 Waggonladungen. Der gesamte Proviant hatte ein Gewicht von 37 000 Tonnen zu 1000 Kg-, er stellt somit die Ladung von 3700 Eisenbahnwaggons dar, das sind mehr als 92 Eisenbahnzüge zu je 80 Achsen. Aber Jier moderne Reisende will nicht nur behaglich, sondern vox allen Dingen auch schnell fahren. Da nun die Leistungsfähigkeit eines Seedampfers zum großen Teil auf dem Kohlenvorrat beruht, den er für eine Reise mitführeni kann, so leuchtet ohne weiteres ein, daß für große Schiffe mit mehreren tausend Pferdekräften dieser Vorrat ein ganz erheblicher jein muß. Um wie viel Zahlen es sich aber in der That handelt, ist nicht allgemein bekannt. Betrachten wir z. B. den Doppelschrauben-Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm der Große" des Norddeutschen Lloyd, so beträgt der Kohlenverbrauch dieses Schiffes für seine Hauptmaschine 0.75 Kg. für eine indizierte Pferdekraft in der Stunde. Gewiß eine kleine Menge Kohlen an und für sich. Für die Gesamte leistuug der beiden Maschinen von 27.000 Pferdekräfteu 636 ergiebt das aber 20 250 Kg. in der Stunde, woraus ein täglicher Verbrauch von 486 000 Kg. oder 486 Donnen folgt. Für Heizung, Küche, Beleuchtung usw. braucht das Schiff außerdem für den Tag etwa 25 Donnen Kohlen im Durchschnitt. Das gießt eine Kohlenmenge von 511 Donnen int Tag oder bei einer Reisedauer von 7 Tagen einen Gesamtverbrauch von rund 3577 Tonnen oder 3 577 000 Kg. Die Kohlenladeräume an Bord, Kohlenbunker genannt, müssen aber dieses Quantum und ein Reserveqnantum fassen können. Der Raum der Kohlenbunker auf „Kaiser Wilhelm der Große" ist so bemessen, daß er 4596 Donnen faßt. Um die Kohlenmenge von 3577 Tonnen, die der Dampfer für eine Hinreise nach Newyork braucht, nach dem Kaiserhafen in Bremerhaven zu schaffen, find 358 Kohlenwagen zu 10 Tonnen Ladung nötig, eine Wagenzahl, die natürlich nur in mehreren Güterzügen an ihren Bestimmungsort befördert werden kann. Diese Zahlen stellen den Normalverbrauch da: thatsächlich muß dieser häufig überschritten werden. Von Land gehen die Kohlen dann an Bord in die Kohlenbunker. Aus diesen iverdeit die Kohlen durch Menschenkraft, die Kohlentrimmer und Kohlenzieher, direkt vor die Feuer geschafft und dort von den Heizern mit der Schaufel auf die Roste der Kesselfeuerungen geworfen. Aus den Bunkerabteilen, die unmittelbar an den Heiz- räumen liegen, werden die Kohlen in Körben hingebracht, aus den entfernteren Bunkern dagegen auf kleinen Kohlenwagen, die auf Schienen zwischen den Kesseln hindurchlaufen, vor die Feuer gefahren. An Bord des „Kaiser Wilhelm der Große" mit seinen 12 Doppelkesseln zu je acht Feuern und zwei Einfach-Kesseln zu je vier Feuern, zusammen also 104 Feuern, ist eine umfassende Arbeit erforderlich, um die Kohlen den Hetzern dauernd zuzuführen. Der Kohlenverbrauch eines einzelnen Feuers beträgt für den Tag etwa 4913 Tonnen. Rechnet man das Gewicht der Kvhle, die der Heizer mit einem Schaufelwurf auf die Roste befördert, zu 20 Kg., so werden für einen Tag 245)7 Schaufeln nötig, was auf die Stunde 10,23 Schaufeln voll ausmacht. Es muh der Heizer also im Durchschnitt alle sechs Minuterr seine Schaufel voll Kohlen aufwerfen und demgemäß.die Zufuhr aus den Bunkern erfolgen. Das ist natürlich nur ein Durchschnittswert; bemt in Wirklichkeit ioerden, „um das Feuer zu beschicken", mehrere Schaufeln hinter einander aufgeworfen und dann die Feuerthüren wieder geschlossen. Ein altes Sprichwort sagt mit Bezug auf gewisse soziale Verhältnisse: „Wer gut schmeert, der gut fährt." Auch für das Fahren auf See'hat es seine Geltung. Die Maschinenanlage eines Ozeandampfers braucht zum Schmieren der beio^gten Teile der einzelnen Maschinen eine bestimmte Menge Oel ans jeder Reise, die bei einer an und für sich großen Naschinenleistung naturgemäß ein bedeutendes Quantum bildet. Alan rechnet den Oelverbrauch für eine Reise rund so, daß man so viel Liter Oel nötig hat, wie Tonnen Kohlen. Dabei werden drei Arten von Oel an Bord genommen: das Schmieröl, Eylinderöl und Brennöl. Im ganzen werden für eine siebentägige Reise eines großen Schnelldampfers wie „Kaiser Wilhelm'der Große" etwa 3600 Liter verbraucht; von der im ganzen an Bord genommenen Oelmenge gehen je ein Zehntel etwa auf Eylinderöl und Brennöl, während acht Zehntel Maschinen- und Schmieröl sind. Das Eylinderöl ist besonders reines Oel und wird durch einen kleinen Pumpenapparat oder vermittelst anderer Vorrichtungen automatisch oder von Hand in den Dampf der Cylinder gepreßt, in denen es sich verteilt und die Eylinderwände schmiert, sodaß die Kolben leicht gleiten können. Wenn auf unseren modernen Schifseit auch überall in den Maschinenraumen und den Maschinen selbst elektrische Lampen angebracht sind, so ist das Brennöl doch nicht zu entbehren; für Beleuchtung einzelner Stellen bleibt für den Handgebrauch die Oellampe im. Betrieb. Die Anzahl der Schmierstellen an einer Vier-Zylindermaschine auf „Kaiser Wilhelm dem Großen" beträgt an allen vier Zylindern etwa 80. Davon sind nun vielleicht je 8 bis 10 in einem einzigen Schmierkasten vereinigt, so daß nur diese, die durch kleine Rohrleitungen das Oel an die betreffende Stelle in der Maschine leiten, nachgefüllt wer- den müssen. Die meisten dieser Schmierstellen, sowie die an und für sich einzeln übrigbleibenden — denn nicht alle lassen sich in Sammelkasten vereinigen — werden außer der automatischen Bedienung auch noch sorgsam vom Maschinenpersonal überwacht und nötigenfalls mit Hand abgeschmiert. Zu der Zahl der Schmierstellen, die direkt an den Zylindern und Gestängen sich befinden, treten dann noch die des Drucklagers, der Umsteuerung (beim Manöverieren) sowie die Wellenleitung hinzu. Das macht etwa 40 Stellen zusammen, womit die Schmierung der Anlage der Hauptmaschine bedient ist. Dazu kommen dann noch ans der Fahrt die Hilfsmaschinen, die gleichzeitig mit der Hauptmaschine int Betrieb sind. Es sind dies die Hilfsmaschinen für Maschinenbetrieb, und zwar die ZirkulationspumpeU der Kondensatoren, die Luftpumpen, die Speisepumpen und die Bilge- und Klosettpumpen. Dann laufen im Maschinenraum auch noch die elektrischen Maschinen zur Beleuchtung der Räume, die kein Tageslicht erhalten, und zeitweise die Ventilationsmaschinen und die Eismaschine. Alle diese Maschinen, mit Ausnahme der beiden letztgenannten, sind auf der Reise ununterbrochen int Betriebe und verlangen die aufmerksamste Wartung und Behandlung von Seiten des Maschinenpersonals. Man sieht also, mit wie peinlicher Sorgfalt die Anordnungen für eine Reise getroffen werden, wie treu alle auf dem Schiffe vom Kapitän bis zum entfachen Oel- schmierer ihre Pflicht erfüllen müssen, wenn dev schwimmende Palast nicht nur alle denkbaren Bequemlichkeiten, sondern auch die größtmögliche Sicherheit und die gewünschte Schnelligkeit den Passagieren bieten will. Mit stolzer Ge- nugthuung dürfen wir behaupten, daß gerade auf den deutschen modernen Dampfern der gewaltige Organismus tadellos waltet, und daher die Flagge, die über ihnen weht, allenthalben gern gesehen und allseits freudig begrüßt wird, wo sie sich in heimischen oder fremden Gewässeru zeigt. Wie erledigt der Kaufmann seine deutsche Handelskorrespondenz? Bon Dr. I- Minoprio. Verlag von Hugo Steinitz trt Berlin SW. Die bisher erschienenen, ziemlich umfangreichen Sammlungen von Handelsbriefen sind den Unbemittelten zumeist schwer zugänglich, und erdrücken vielfach durch die Fülle ihres Inhalts die Fassungskraft und Lernbegier desjenigen, der seine freie Zeit dazu benützen will, um sich in der kaufmännischen Korrespondenz auszubilden. Die Haupterfordernisse des kaufmännischen Briefstils sind Klarheit, Kürze und Höflichkeit.. Von diesem Gesichtspunkte aus hat sich der Herausgeber dieser Sammlung leiten lassen. Das Buch enthält nur Originalbriefe, die sich durch die Mannigfaltigkeit des Stoffes und Frische ihrer Darstellung auszeichnen. Zn einem Anhang sind noch Geschäftsformulare sowie das Konkursverfahren ausführlich behandelt. Wir können diese Sammlung jedermann bestens empfehlen, zumal der Anschaffungspreis (1 Mk, bvosch., 1.50 Mk. gebunden) ein sehr geringer ist. Akxoftichon Nachdruck verboten. Es sind 8 Wörter zu suchen von der unter a angegebenen Bezeichnung. Von jedem dieser Wörter läßt sich durch Vorausetzung eines passenden Buchstabens ein neues Wort von der unter b ersichtlichen Bedeutung bilden. Die hinzugefügteu Buchstaben, also die.Anfangsbuchstaben der Wörter unter b, ergeben im Zusammenhang den Namen eines europäischen Staates. a. b. 1. Kartenbezcichnung 2. Himmelskörper 3. Nordische Götter 4. Rückstand 6. Getränk 6. Biblischer Name 7. Zierde des Mannes 8. Sinneswerkzeug — Urkunde. — Kirchcnfcst. — Schmuck der Flur. ■— Behälter. — altdeutscher Volksstamm, — Tischgerät. — EintcilungSbegriff. — scharfe Flüssigkeit. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.: Eiseubahudirektor. Redaktion: E. Burkhar dt. — Rotationsdruck und Verlag der Briibl'schen Universitäts-Buch- und Stcindruckerei tDietsch Erben) in Gießen.