1901. SSMS^SS Säs '^DDnff p«f? ^LmLMS wir eincm^Glaubkn leben, Ob wir echter Kunst uns weih'n, Eins^nur bindet Mcnschcnherzen: Eins nur: schlichtes Menschlichsein. Carl Siebel. (Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) „Ich habe gehört, daß Sie die ganze Nacht hier durchgewacht haben. Ich danke Ihnen, Harro — dafür und für alles, was Sie meinem Vater bis zum letzten Augenblick seines Lebens gewesen sind. Ich werde Ihnen das gewiß nie vergessen." „Ach, was habe ich ihm sein können, Erika — ich, der ich immer nur der Empfangende, der überreich Beschenkte war!" Er hatte wieder das beklemmende Gefühl, das gestern abend bei ihrem Eintritt über ihn gekommen war — die unbestimmte drückende Empfindung eines schweren Unrechts, das er gegen sie begangen. Er hätte jetzt so gern ihre beiden Hände genommen, hätte ihr so gerne in den liebevollsten, innigsten Worten von seiner Freundschaft für sie gesprochen, und von seiner Bereitwilligkeit, sie fortan zu schirmen, wie ein treuer Bruder seine Schwester schirmt. Aber es war, als stände eine unsichtbare Mauer unüber- steiglich zwischen ihr und ihm. Der Irrtum, mit welchem Klemens Herbold aus dem Leben geschieden war — der väterliche Segen, den er im Augenblick seines Hinscheidens ihrem vermeinten Herzensbunde erteilt hatte, mußte ja fortan jeden unbefangenen freundschaftlichen Verkehr zwischen ihnen unmöglich machen. Er lastete auf ihnen wie etwas, daran sie niemals rühren durften, und dessen sie doch jedesmal aufs neue eingedenkt sein mußten, sobald sie einander Auge in Auge gegenüber standen. Keine erlösend^ Aussprache konnte sie davon befreien, und keines von ihnen würde überdies jemals den Mut haben, eine solche Aussprache herbei zu führen; denn auch das zarteste, innigste, schonendste Wort mußte noch etwas Demütigendes und Verletzendes haben, wenn es diese Täuschung des Sterbenden berührte. Dies war ein Geheimnis, das sie beide in den verborgensten Tiefen ihrer Seele verschließen mußten — ein gemeinsames Geheimnis zwar, doch eines, dos sie einander nicht näher brachte, sondern sie vielmehr aus ewig von einander entfernte. Harro fühlte dies alles mit tiefem Schmerz, als er vor dem teuren Mädchen stand, und kein einziges armseliges Wörtchen zu finden wußte für alle die warmen, zärtlichen Empfindungen, deren sein Herz so voll war. Nicht einmal eine Frage nach ihrem Ergehen wagte er an sie zu richten, und nur von den traurigen Pflichten begannen sie zu sprechen, die es jetzt noch zu erfüllen galt, von all den peinigenden und widerwärtigen Anforderungen des unerbittlichen Lebens, die für die Hinterbliebenen nut einem Sterbefall unzertrennlich sind. In aller Stille sollte Klemens Herbold begraben werden, ohne jedes Gepränge, ohne Musik, und ohne bombastische Leichenrede. Die Welt, die ihn mißachtet, und ihn schon bei Lebzeiten zu den Toten geworfen hatte, sollte nicht mit heuchlerischen Trauergebärden an seinem Grabe stehen. So hatte er selbst es irrt Beginn seiner letzten Krankheit verfügt, und Harro und Erika waren gleichmäßig entschlossen, diesen seinen letzten Willen zu ehren. Ein schüchternes Klopfen unterbrach ihre halblaut geführte Unterhaltung. Harro ging zur Thür, und wechselte einige Worte mit dem draußen befindlichen Mädchen. Dann wandte er sich gegen Erika zurück. „Es ist Hanna.Sylvander, die Ihnen ihr Beileid aussprechen möchte. Wollen Sie sie empfangen?" Erika preßte die Hände auf ihre Brust. Eine Sekunde lang schien sie unschlüssig. Dann aber schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich kann nicht — es geht über meine Kraft. Zürnen Sie mir nicht, Harro! Um Ihretwillen wollte ich es ja gerne thun; denn ich weiß, wieviel sie Ihnen ist. Aber ich kann — ich kann sie jetzt nicht sehen." „Ich weiß, wieviel sie Ihnen ist —" gleich einem Messerstich war ihm das Wort durch die Seele gefahren. Die Hälfte seines Lebens hätte er freudig hingegeben, wenn er ihr jetzt hätte widersprechen dürfen. Aber er durfte es nicht; denn ihre Vermutung entsprach ja der Wahrheit. Hanna Sylvander war seine Braut, und das hieß, sie war ihm das Kostbarste, was ein Weib dem Manne sein kann. Mit dem Verlobungskuß, den er gestern auf ihre Lippen gedrückt, hatte er das Recht verwirkt, auch nur den kleinsten Teil seines Herzens einer anderen zuzuwenden. „Niemand darf Ihnen zürnen, wenn Sie jetzt keinen Besuch annehmen wollen", sagte er gepreßt. „Aber vielleicht gestatten Sie mir, dem Fräulein Sylvander diesen Bescheid selbst zu bringen." „Ich bitte Sie darum. Und sorgen Sie, daß Sie meine Ablehnung nicht für eine Unfreundlichkeit nimmt. Ich habe gewiß nicht den Wunsch, jemand zu kränken, der Ihnen teuer ist." Harro wandte sich ihr mit einer ungestümen Bewegung zu. Sein Gesicht war dunkelrot, und in seinen Augen glänzten Thränen. „Erika!" stieß er hervor. Und es war, als ob er 314 noch etwas anderes, bedeutsames hätte hinzufügen wollen. Mer die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es gab eine tiefe, peinliche Stille, bis er sich gesenkten Hauptes der Thür zukehrte, und das Gemach verließ. Dreizehntes Kapitel. Hanna stand an dem Fenster des Gartenzimmers, in das sie von dem Mädchen geführt worden war. Ihr Blick war auf das jenseits des stillen Hofes liegende Ateliergebäude gerichtet, aber in ihrem schönen, ruhigen Gesicht verriet sich nichts von den Empfindungen, die ihre Seele bewegen mochten. Sie hatte Harros Eintritt überhört, und als sie sich nun auf seinen halblauten Gruß umwandte, schien sie ein wenig überrascht, daß es nicht Erika war, die sie vor sich sah. „Guten Morgen, Harro!" sagte sie, ihm freundlich die Hand reichend. Und ihre Brauen zogen sich für einen Moment unmutig zusammen, da er diese Hand sogleich wieder freiließ, ohne sie an seine Lippen zu führen, ja, ohne daß sie auch nur einen warmen Druck seiner Finger verspürt hätte. „Ich war gekommen, mich nach dem Befinden des Professors zu erkundigen. Und nun mußte ich leider von dem Dienstmädchen hören, daß er bereits gestorben sei." „Ja, er ist gestorben, Hanna — gestern abend. Aber Du kannst davon wohl kaum überrascht sein; denn Du sagtest mir ja schon am Vormittag, daß er es diesmal nicht überstehen würde." Sie mochte der Meinung sein, daß der auffällig gemessene und zurückhaltende Ton, in dem er zu ihr sprach, durchs die Trauer um seinen dahingeschiedenen Lehrer nicht hinlänglich erklärt werde; denn das winzige Fältchen über ihrer Nasenwurzel wurde tiefer. „Ich müßte allerdings meine Lehrzeit schlecht angewandt haben, wenn ich das Bedenkliche seines Zustandes nicht erkannt hätte. Aber werde ich nicht dem Fräulein Herbold selbst mein Beileid aussprechen dürfen?" „Nicht heute, Hanna! Und vielleicht auch noch nicht in den nächsten Tagen. Sie fühlt sich zu angegriffen, Deinen Besuch zu empfangen." Sichtlich gekränkt, warf Hanna mit einer stolzen Gebärde den Kopf zurück, und wandte sich zur Thüri „Dann habe ich also in diesem Hause nichts mehr zu schaffen." Betroffen trat ihr Harro in den Weg. „Du hast keinen Anlaß, Dich verletzt zu fühlen. Erika versicherte mir ausdrücklich, daß dies gewiß nicht ihre Absicht sei." „Um so weniger hätte sie mich abweisen lassen dürfen. Sieht das nicht beinahe aus, als ob sie mir eine Schuld beimäße an ihres Vaters Tode?" Das Wort war gefallen, das auszusprechen Harro vielleicht nicht den Mut gehabt haben würde. Nun aber, da sie selbst es mit spöttischem Ausdruck hingeworfen, hatte, trat er in höchster Erregung dicht an sie heran, um seine Stimme bis zum Flüstern dämpfen zu können, und sagte: „Wenn sie es thäte, Hanna — sie oder ein anderer — würdest Du dann mit gutem Gewissen antworten können, daß es eine Lüge, eine aus-der Luft gegriffene Anklage sei?" „Soll ich diese unsinnige Frage als ernsthaft gemeint ansehen, Harro? Du hältst es für möglich, daß ich — i ch den Professor umgebracht hätte?" „Nicht s o natürlich, wie ein Mörder sein Opfer umbringt. Niemand denkt daran, daß Du die Absicht gehabt hättest, ihn zu töten. Aber Du warst mit ihm allein, ehe er diesen Anfall erlitt. Wovon hast Du während dieses Alleinseins mit ihm gesprochen?" „Von tausend Dingen — vom Leben, von der Kunst, vielleicht auch von seiner Krankheit. Wie soll ich das jetzt noch wissen?" „Nun denn, wenn Dein Gedächtnis so kurz ist, das {einige war es nicht. Noch kurz vor seinem Hinscheiden hat er mir Anderctungen gemacht, die ich für Wahnvorstellungen eines Sterbenden hielt, bis sie mir zu meinem Entsetzen heute von einem Zeugen eurer Unterhaltung bestätigt wurde." „Ah, ist es das? Die Angebereien eines vermutlich! von Fräulein Erika bestellten Spions haben Dich in diese merkwürdige Aufregung versetzt?" Das Blut schoß ihm °ins Gesicht. Er preßte die Lippen zusammen, und sah ihr zugleich mit einem vorwurfsvollen und tieftraurigen Blick in das schöne, kalte Antlitz. Dann, nach einem schweren Aufatmen sagte er: „Das war ein häßliches Wort, Hanna! Und ich hoffe. Du bittest das edle Mädchen, das Du damit beleidigt hast, in Deinem Herzen schon jetzt um Verzeihung. Wie fremd müssen Dir die Bewohner dieses Hauses geblieben sein, daß Du solchen Verdacht aussprechen kannst! — Nein, unter Klemens Herbvlds Dach hat es niemals einen Spion gegeben." „Nun wohl, ich habe ihr also Unrecht gethan! Aber was ist es denn nun eigentlich, dessen man mich beschuldigt? Welche schreckliche Andeutungen über unser letztes Gespräch hat der Professor Dir gemacht?" „Es fällt mir schwer, es zu wiederholen. Und Du darfst nicht vergessen, daß er nichts von unseren Beziehungen ahnte, als er mir sagte, daß er — nun, daß er allen Ernstes daran dachte, Dich zu seiner Gattin zu machen?" „Und wenn es so gewesen wäre? Bin ich etwa verantwortlich für die unsinnigen Einbildungen eines thörichten alten Mannes? Oder glaubst Du im Ernst, ich hätte diese lächerliche Wahnvorstellung geflissentlich in ihm geweckt?" „Wenn es nicht Deine Absicht war, sie zu begünstigen, weshalb denn das grausame Spiel mit dem unglücklichen Kranken? Weshalb ließest Du ihn glauben, daß er noch einmal genesen könnte? Weshalb versprachst Du ihm, seine Muse zu sein bei dem neuen gewaltigen Schaffen, zu dem er sich nach Deiner Versicherung noch einmal sollte aufraffen können." „Du bist gut unterrichtet, wie ich sehe", erwiderte l'ie_ spöttisch. „Aber hätte ich ihm etwa sagen sollen, daß er ein hoffnungslos Verlorener fei — ein armer Todeskandidat, auf den schon die Würmer warteten? Seid nicht auch Ihr unermüdlich darauf bedacht gewesen, den schönen Wahn einer Genesung in ihm zu nähren? Und sollte ich ihm nicht versprechen, seine Muse zu sein, da ich doch wußte, daß ich dies Versprechen niemals würde einzulösen brauchen?" „Ja, wenn es nur das gewesen wäre, Hanna! Aber Du hast Dich damit nicht begnügt. Dein Werk soll es gewesen sein, daß er sich in leidenschaftlicher Aufwallung dazu vergaß, unsere gemeinsame Arbeit, die Arbeit mehrerer Jahre zu vernichten." Sie richtete sich plötzlich hoch auf, und sah ihn mit sprühenden Augen an. „Wenn es mein Werk gewesen wäre, so solltest Du mir jetzt dafür dankeu, statt dieses lächerliche Verhör mit mir anzustellen. Begreifst Du denn wirklich nicht, Du Kurzsichtiger, für wen, und zu welchen Zweck ich das alles gethan?" „Für wen?" wiederholte er in aufdämmerndem Ver- ständnis. „Doch nicht etwa für mich?" „Für Dich allein, Harro! Dieser alte Mann und sein Zerwürfnis mit der Welt galten mir nichts. Dein Verhältnis zu ihm, wieviel Ehre es auch Deinem guten Herzen machen mochte, erschien mir vielmehr als eine schwere Versündigung an Dir selbst und an Deiner Zukunft. Ich sah, daß Deine übergroße Liebe Dich! blind machte für Deinen eigenen Vorteil. Darum wollte ich versuchen, ein wenig Schicksal zu spielen zu Deinen Gunsten. Die große Gruppe, die sicherlich! viel mehr D-eine Schöpfung war als die {einige — —" „Nein, Hanna, ich wiederhole es Dir, sie war es nicht-" „Nun, gleichviel! Diese Gruppe erschien mir als ein Kunstwerk, wie unser Jahrhundert vielleicht noch! keines hervorgebracht. Ich wußte, daß sie Dich mit einem Schlage berühmt machen würde, wenn die Welt Deinen Namen als den ihres Urhebers hören würde. Und so, das war mein Wille, sollte es geschehen." „Wer ich verstehe noch immer nicht — —" „Es scheint in der Thai, daß Du mich noch immer nicht verstehst. Klemens Herbold war ein Sterbender, das wußte ich in dem Augenblick, da ich ihn zum erstenmal sah. Ich gewährte ihm die Sitzungen, die er von mir erbat, weil ich sicher war, daß er nicht über die erste oder zweite hinauskommen würde, und weil es mich beglückte, zu denken, daß ich dann Dein Modell fein würde, Harro! Mer ich! hatte mich getäuscht. In dem Fortschreiten seines Leidens — 315 — trat plötzlich ein Stillstand ein, wie er gerade bei dieser Krankheit keineswegs zu den Seltenheiten gehört. Und ich wnßte, daß diese schieinbare Besserung, wenn sie auch! ohne -allen Zweifel eine trügerische war, lange genug anhalten könnte, um ihm die Vollendung der Gruppe zu ermöglichen. Dann aber galt sie der Welt als sein Werk, und Dn wurst nichts als ein schülerhafter Mitarbeiter, dessen Namen man kaum erwähnt und jedenfalls sehr schnell vergessen hätte. Um das zu verhindern, that ich, was Du mir heute mit so entsetzlicher Miene zum Vorwurf machst. Ich sagte dem Professor nicht, daß er ein Narr sei, als ich feine unsinnige Leidenschaft gewahrte, sondern ich entzündete vielmehr an ihrer Glut seinen fast schon erstorbenen Künstlerehrgeiz, so daß er noch einmal in Hellen Flammen aufloderte. Weil ich Dir den ganzen Ruhm wahren wollte und den ganzen Erfolg, darum überzeugte ich ihn, daß er nicht mit Dir teilen dürfe, und darum machte ich ihn glauben, daß er auf Erden noch Zeit genug habe, das Werk neu zu beginnen. Wenn er es that, so warst auch Du jeder Verpflichtung gegen ihn ledig. Du konntest die Gruppe nach Deinen Zeichnungen ohne seine Hilfe modellieren und konntest sie mit gutem Gewissen der Welt als Dein Werk zeigen, wenn Klemens' Herbold- tot war. Denn daß er mit seiner Arbeit selbst im günstigsten Fall nicht über die ersten Anfänge hinauskommen konnte, war! außer allem Zweifel. Darauf, daß er mit diesem brutalen Zerstörungswerk beginnen und dabei seinem kranken Herzen den Todesstoß versetzen würde, war ich! natürlich nicht gefaßt, und ich- hatte es nicht gewollt-" (Fortsetzung folgt.) Noble Hotelgäste. Von Fred Hood. (Nachdruck verboten.) Wer Gelegenheit findet, in einem großen modernen Hotel zu logieren oder wenigstens Einblick in dessen Betrieb zu gewinnen, der wird erstaunt sein über die rnuster- giltige Ordnung, in diesem kleinen Staat, in welchem man nirgends einem Chef begegnet, der seine Befehle erteilt oder eine Leistung tadelt und kritisiert. Die vornehmen Gäste solcher Hotels sind so sehr daran gewöhnt, alles in bester Ordnung zu finden, daß sie gar nicht einmal daran denken, welch ein Verwaltungsgenie dazu gehört, diesen komplizierten Mechanismus moderner Hotelpaläste zu regulieren und zu regieren. Es wird dies nur dadurch erreicht, daß jedem Beamten seine Funktionen auf das genaueste vorgeschrieben sind und daß Ungehorsam gegen den Abteilungschef oder grobe Vernachlässigung der Pflichten mit sofortiger Entlassung bestraft werden. Im Grunde ist das Personal aber so vortresflich geschult, daß eine Ueber- tretung der Hausgesetze in solch einem modernen Hotel wirklich schon zu den Seltenheiten gehört. Der Betrieb funktioniert so vollkommen, wie das „Perpetuum mobile" — wenn dieses schon erfunden wäre. Das wäre natürlich nicht so wunderbar, wenn Hotelgäste als Durchschnittsmenschen zu behandeln wären, die trotz aller Verschiedenheit doch immer normale Gewohnheiten zeigen, mit denen man rechnen könnte. Das kann man von Hotelgästen schon im allgemeinen nicht behaupten, aber die Bewohner eines großenHotel Palast es sind geradezu unberechenbar, und erfahrene Hotelbeamte behaupten, daß man die wahre Natur dieser Leute erst durchschaue, wenn sie schon wieder abgereist sind. Aber in solch großen, vornehmen Hause, in welchem Fürst und Hochstapler mit derselben Sicherheit einkehren, giebt es — was auch immer Vorkommen mag ■— keine außerordent- "chen Falle; denn der Mechanismus, von welchem ich oben gesprochen habe, ist nicht nur sehr kompliziert, sondern f° sinnreich, daß er selbst bei ungewöhnlichen Ereignissen nicht versagt. a Am meisten Schererei, so erzählte mir der Ober- kellner eines fashionablen Hotels in Paris, machen dem Personal alle Gegenstände, welche die Gäste im Hotel zurück- n-- r" ■ er unbefugterweise mitgehen heißen. Fast uner- KÖL-ä ^ele reiche Leute abreisen, ohne sich um hr Gepäck zu kümmern. Koffer und Körbe nicht- geringen Umfanges werden zurückgelassen, und häufig vergehen Wochen und Monate, ehe der berechtigte Eigentümer ein Lebenszeichen von sich giebt. In vielen Fällen bleiben jedoch die Gepäckstücke einfach ihrem Schicksal überlassen. Das Zimmermädchen hat die Aufgabe, binnen einer Stunde nach der Abreise der Gäste die Zimmer zu durchsuchen. Findet sie einen Gegenstand von Wert, hat sie ihn sofort in Papier zu wickeln, die Zimmernummer sowie das Datum darauf zu vermerken und ihn nach dem Zimmer der Wirtschafterin zu bringen, welcher sie unterstellt ist. Hier verbleibt er, bis dem Geschäftsführer ein Brief oder ein Telegramm zugeht, in welchem nach! dem Gegenstand an- gefragt wird. Den Geschäftsführer interessieren die zurück- gelassenen Objekte erst bann, wenn dieselben brieflich oder telegraphisch verlangt werden. In diesem Falle sendet er einen Hausdiener zu der Wirtschafterin, in deren Zimmer dann die Hunderte von Paketen nach, dem einen reklamierten Gegenstand durchsucht werden. Wenn dieser sowie die notierte Zimmernummer und das Datum mit den Angaben im Briefe übereinstimmen, so wird das Paket an den Eigentümer befördert, und zwar auf Kosten des Hotels, wenn der Portobetrag nicht eingesandt wnrde. Hat der Hotelgast schon bei seiner Abreise seine Adresse im Hotel hinterlassen, so wird natürlich ein gefundener Gegenstand vhne weiteres an die bezeichnete Adresse expediert. Zwanzig Prozent der in Hotels zurückgelassenen Gegenstände sollen nach Schätzung eines Herrn, welcher in einem der größten Londoner Hotels als Abteilungschef thätig war, überhaupt nicht reklamiert werden. Wenn sie einige Wochen lang in dem Zimmer der Wirtschafterin gelegen haben, ohne zurückgefordert zu werden, gelangen sie nach dem „Depot der zurückgelassenen Gegenstände", wo sie anderthalb bis zwei Jahre lagern. Hat sich dann der Eigentümer immer noch nicht gemeldet, so werden die Objekte versteigert, und der Erlös einer Kasse des Personals zugewiesen. Anzüge, Wäsche, Bücher, Schuhe, Gegenstände aller Art, vom Cylinder bis zum Rasiermesser, werden für wahre Spottpreise versteigert. Bei einem dieser Verkäufe fallen Kragen für einen Pfennig, seidene Schlafröcke für eine Mark, Hemden für 50 Pfennig verkauft worden sein — lauter Gegenstände, welche die Firmen bekannter Londoner Kaufleute trugen, und von sehr guter Beschaffenheit waren. Die Sachen waren sogar auf Kosten des Hotels gewaschen und in Ordnung gebracht werden. Der Verkauf brachte über 14 Pfund ein; das ist in Anbetracht der geringen Preise für den einzelnen Artikel ein schönes Sümmchen, aber in Wahrheit hatten sie mindestens den zwanzigfachen Wert. Es ist bekannt, daß viele Hotelgäste, welche nicht die Absicht haben, ihre Rechnung zu bezahlen, meist mit fürstlichem Aufwand leben, so lange es irgend geht. Die Leute führen in der Regel umfangreiches Gepäck mit sich, um das Hotelpersonal zu täuschen und weil sie wissen, daß Leute, die nur für eine Nacht mit einer Handtasche einziehen, genau beobachtet werden. Tie Zimmermädchen haben das Bureau zu benachrichtigen, ob Gäste mit zu bescheidenem Gepäck 24 Stunden nach ihrem Eintreffen noch das Zimmer bewohnen. Diejenigen aber, welche viel Gepäck mit sich führen, können in dieser Weise nicht kontrolliert werden. Niemand darf, wenn er nicht mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt kommen will, untersuchen, was die großen Koffer enthalten, und so werden die Hotels oft von anscheinend wohlhabenden Leuten betrogen, die einfach davon gehen und ihre Koffer in dem Zimmer zurücklassen. Jedes Hotel hat einen großen Gepäckraum für die Aufbewahrung größerer Gepäckstücke, welche die Gäste nicht in ihr Zimmer nehmen können oder wollen. Hier werden auch die zurückgelassenen Koffer, Körbe und Kisten deponiert. In manchen dieser Hotels beherbergt der Gepäckramn Koffer, welche zwei und- drei Jahre unreklamiert ruhen. Die Koffer werden nicht gleich geöffnet; denn das könnte natürlich zu großen Mißverständnissen sühreu. Es kommt gar nicht selten vor, daß Hotelgäste aus einige Tage ohne jede Meldung verschwinden, daun plötzlich zurückkehren und ihre Rechnung richtig begleichen. Sie würden sehr unangenehm werden, wenn man inzwischen ihre Koffer geöffnet und deren Inhalt untersucht hätte. In einigen Fällen wurde noch nach einem Zeitraum von einem und anderthalb Jahr der Betrag einer Hotelrechnung oder noch ein höherer Betrag eingesandt, mit dem Ersuchen, das an einem be- 316 stimmten Tage in einem näher bezeichneten Raum zurück- ?elassene Gepäck an eine bestimmte Adresse zu senden. Man at sich so sehr daran gewöhnt, zurückgelassene Gepäckstücke Jahre lang unberührt zu lassen, daß meist eine dicke Staubschicht darauf ruht. Vielleicyt will man dadurch beurkunden, wie sicher fremdes Gut in solch einem Hause aufgehoben ist. Aber ich glaube, dast man auch die Gewissenhaftigkeit in dieser Weise zu weit treiben kann. Eine sehr auffällige Erscheinung bildet das Auftreten der Kleptomanie oder der Zerstörungswut bei reichen Hotelgästen, welche eine ganze Zimmerflucht mieten und — ohne mit der Wimper zu zucken, — ihre Rechnung begleichen. Nach der Abreise dieser Gäste findet man die Betten ihrer seidenen Decken beraubt, Handtücher und Kissenbezüge sind verschwunden, ja es giebt Leute, welche sogar den Stiefelknecht mitgehen heißen. In einem Falle, so erzählt ein Hotelier, mietete ein Herr für eine Nacht zwei Zimmer, und am nächsten Morgen bezog das Mädchen das Bett mit frischen Bezügen, um es für einen neuen Gast zurecht zu machen. Indessen mußte dieser wohl nach dem Frühstück nochmals in sein Zimmer zurückgekehrt sein; denn als der Chef, um nach dem Rechten zu sehen, kurz darauf das Zimmer betrat, fand er das Bett zurecht gemacht, aber die Kissenbezüge fehlten. Ter Fremde hatte sie vorsichtig abgenommen und mit in seinen Koffer gepackt. Zufällig wußte der Chef genau, daß das Mädchen frische Bezügo über die Kissen gezogen hatte. Was der Herr mit den Bezügen wollte, ist allerdings rätselhaft. Vielleicht benutzte er sie auch nur zum Einpacken irgend eines Gegenstandes/ weil er nichts anderes zur Hand hatte. Tie Bettwäsche scheint übrigens öfters diesem Zwecke zu dienen; denn es kommt vor, daß Stücke aus dem Laken herausgeschnitten werden, während der Rest zur weiteren Verfügung dem Hotelier überlassen bleibt. Viele werden glauben, daß man die Zimmermädchen für das Verschwinden und Vernichten der Sachen verantwortlich machen müßte. Tas wäre aber eine schreiende Ungerechtigkeit, da die Mädchenstuben von der Wirtschafterin täglich inspiziert werden und die Mädchen kein Paket aus dem Hause schassen dürfen, ohne daß die Wirtschafterin den Inhalt desselben prüst. Nach Untersuchung des Pakets erhält das Mädchen einen Paß, und nur gegen Vorzeigung desselben läßt sie der Pförtner am hinteren Portal hinaus. Würde es versuchen, ohne Paß das Haus zu verlassen, so würde es entweder zu der Wirtschafterin zurückgesandt werden, oder der Portier würde das Paket öffnen und sich den Inhalt notieren. Tiefe Kontrolle macht es den Bediensteten eines großen Hotels fast unmöglich, gestohlene oder beschädigte Gegenstände fortzuschasfen, und in den Zimmern der Mädchen giebt es keinen Platz, etwas nur für kürzere Zeit zu verbergen.. Tast viele Verbrecher in den nobelsten Hotels logieren, ist hinreichend bekannt. Es dürfte aber wohl kaum Vorkommen, daß dieselben durch irgend ein Mitglied des Hotels unterstützt werden. Wenigstens ist mir nicht ein einziger Fall dieser Art bekannt. Dagegen hört man sehr häufig, daß das Hotelpersonal bei der Entdeckung lang gesuchter Hochstapler mitwirkt, und mancher Hotel-Kellner ist an Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe dem gewiegtesten Detektiv überlegen. Ein Fortschritt! Wie unangenehm wurde bisher nicht selten während einer Sommerreise das Fehlen der illustrierten Blätter empfunden, auf die man zu Hause abonniert ist. Das Nache- senden ist zu umständlich,, die einzelnen Nummern leiden sehr und gehen schließlich für den vollständigen Jahrgang verloren. Da wird man es nun mit großer Freude begrüßen, düß vom bekannten Familienblatt „Daheim" eine für den Einzelverkaüf bestimmte Sonderausgabe (in grünem Umschlag) erscheint, die in fast allen Buchhandlungen, an den Bahnhöfen, in Bädern und Sommerfrischen zu haben ist- - _____________ GeimernnÄtzktzes. Der Kampf gegen die Schleppe zeigt deutlich, wie sehr man in Bolkskreisen sieh für eine Beachtung hygienischer Forderungen interessiert. .Man darf wohl mit Bestimmtheit annehmen, daß die Tuberkulose keine nachhaltigere Verbreitung finden kann, als durch die Schleppe. Tie Ansteckungsgefahr durch das Aufwirbeln des Staubes auf der Straße, durch die Verschleppung desselben in die Wohnungen mit den Kleidern und speziell den intimeren, den Unterkleidern, durch die bei der Reinigung durch! die Dienstboten veranlaßte neuerliche Staubauftreibung, ist für viele Menschen die Ursache einer Infektion mit Tuberkelbazillen. Man braucht durchaus nicht von der Bazillenfurcht angesteckt zu sein, um dieses zu glauben; denn die einfache Vernunft muh es bestätigen, daß ein auf der Straße herumgezogenes Kleid unzählbare Jnfektionskeime aufnehmen muß. Wie viele Menschen sind denn so rücksichtsvoll, den Auswurf nicht auf die Straße zu spucken? Wohl die wenigsten und am seltensten oft gerade die Schwindsüchtigen. Spiritus entfernt Grasflecken aus weißen Schürzen, Hemden rc. Pulverisierter Kalk und Salmiak nimmt die Flecken auf Marmorbassins, Wasserklosets rc. (Entnommen dem „Prakt. Wegweiser", Würzburg.) Rhabarber. Spricht man von Rhabarber, so denkt man vielfach nur an das bittere Arzneimittel, welches aus der Wurzel der Rhabarberstaude gewonnen wird, und nicht an das wohlschmeckende Kompott, welches man aus den im Frühjahr hervorschießenden Blattstielen bereiten kann. Der Genuß der Rhabarberstiele ist noch bei weitem nicht so gebräuchlich, als es wünschenswert wäre. Es mag auch hier ein kleines Vorurteil herrschen, wodurch der allgemeineren Verbreitung dieses Genußmittels sich Hindernisse entgegenstellen. Jetzt machen, sich! indes schon in verschiedenen Gegenden Deutschlands größere Rhabarberkulturen bemerkbar. Tie Führung in dieser Kultur hat zweifellos die Stadt Frankfurt a. Oder, wo in den letzten 15 Jahren der Rhabarber eine überraschende Bedeutung gewonnen hat. Vor dieser Zeit sträubte man sich ebenso wie anderwärts gegen den Rhabarber. Erft die warme Empfehlung dieses Kompotts in den Tagesblättern vermochte die Hausfrauen zu einem Versuch zu bewegen, und als dann die Rhabarberstiele auf dem Markte mehr und mehr gekauft wurden, befleißigte man sich des Anbaues, der sich so schnell ausdehnte, daß schon gegenwärtig jährliche etwa 200 000 Bund Rhabarberstiele in Frankfurt a. O. gebrochen werden. Allerdings wird nickst die volle Ernte in Frankfurt verbraucht. Ein großer Teil davon wird auch nach auswärts verschicke Wer sich noch genauer über Ausdehnung und Handhabung der Rhabarberkultur unterrichten will, findet in der neuesten Nummer des praktischen Ratgebers einen reichillustrierten Artikel. Diese Nummer ist kostenlos vom Geschäftsamt des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau in Frankfurt a. Oder zu erhalten. Rhabarber wird übrigens seit undenklichen Zeiten auch in den Hamburgischen Vierlanden im großen gebaut und auf Ewern — großen, offenen Segelkähnen — zu Wasser nach Hamburg auf den Markt gebracht. Ganze Schiffsladungen davon sollen überdies nach! England, vornehmlich London verfrachtet werden. D. R. Magisches Quadrat. Nachdruck verboten. 1. Nutzpflanze. 2. Versammlungsort. 3. Mädchenname. 4. Böhmische Stadt. In die Felder vorstehenden Quadrates sind die Buchstaben AAAAAA, II, K, LL, M, 88, U, Z derart einzutragen, daß die vier wagerechten Reihen gleichlautend mit den vier senkrechten sind und Wörter von der bcigefügien Bedeutung bilden. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: W a l d e r s e e. «. Bllrkhsrdt. — »rat «nd Setlag der BrLhl'sch«, IKMeersitiitS-Br-ch- m-d Gtciadruckerei (Pietsch $rbt«) i*