Dienstag den 3. Derember. 1901. — Nr. 174 Ich fort, um jemand von den Herrschaften fagte uns, daß der Herr Stadtrat vorhin ein in der Hand hatte", mischte sich nun eine „Vielleicht war es das, was da neben dem konnte, lief zu holen." „Minna Blatt Papier andere ein. M aß du richt über Schaden klagest, Sich, w as bn sagst und w o dn's sagest. Rückert. Teinen Angehörigen, etwas von meiner Flucht erfahren; denn ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, daß wir einander dennoch angehören werden. Ich kann sie nicht aufgeben, weil ich es niemals gewisser empfunden habe, als in dieser schrecklichen Stunde, daß es für mich kein Leben mehr giebt, ohne Dich. Also kein Lebewohl, mein Geliebter, sondern auf Wiedersehen! Bis in den Tod Deine Felicia." Herbert faltete das Blatt zusammen, und barg es in seiner Brusttafche. Fast in dem gleichen Augenblicke schon sah er Doktor Hermann Müller's breitschultrige Gestalt tut Thürrahmen stehen. Tie Mädchen wurden durch einen Wink entfernt, und mit starkem Arm .richtete der Arzt den Bewußtlosen empor. „Schnell alle beengenden Kleidungsstücke herab! Dann eine Schale mit Eis — ein paar nasse Tücher und etwas Aether aus der nächsten Apotheke! Vielleicht ist es am besten, toettit sie Ihre Mutter bitten, mir beizustehen. Ihre Gäste aber schicken Sie jedenfalls nach Hause!" „Also wirklich ein Schlagfluß? Und sie fürchten--?" „Ich fürchte vorerst noch nichts-; denn der Anfall scheint mir nicht allzu bedrohlich. Sorgen Sie vor allem, daß ihre Damen nicht in unnötige Angst und Bestürzung versetzt werden. Ich wiederhole, daß meiner Ueberzeugung nach vorläiifig kein Anlaß zu ernsten Besorgnissen vorliegt." Herbert war ihm noch behilflich, dem Kranken die für seinen Zustand zweckmäßige Lage zu geben; dann sah er sich zunächst aller weiteren Handreichungen überhoben; denn in ihrem schwarzen, knisternden Seidenkleide, mit sehr cr- schrockenem Gesicht, aber sonst merkwürdig, gefaßt, war plötzlich die Stadträtin erschienen. Tie kleine gebrechliche Frau, die sonst so schüchtern und ängstlich war wie ein Kind, legte in diesem Augenblick eine geradezu bewunderungswürdige Entschlossenheit an den Tag. Sie jammerte nicht, und sie stellte keine überflüssigen Fragen. Hatte sie bis heute nur die Tugend der Demut und der sklavischen Unterordnung unter den Willen ihres Gebieters offenbaren können, so zeigte sie jetzt, daß es ihr auch an höheren weiblichen Tugenden nicht gebrach. Doktor Müller hätte sich keine geschicktere Gehilfin wünschen können, als sie es ihm war, ttnd Herbert mußte bald erkennen, daß er jetzt mit all seinem guten Willen hier nur noch im Wege gewesen wäre. Herbert kehrte in die vorderen Räume zurück, und fand ” dort alles in der größten Unruhe nnb Erregung. Tie Zuschauer waren von ihren Plätzen aufgestanden, und die bunten Gestalten der für das vereitelte Festspiel kostümierten Damen und Herren hatteit sich unter die bestürzte Gesellschaft gemischt. Hilde schien erst in diesem Augenblick von der Erkrankung ihres Vaters Kenntnis erhalten zu haben; denn in ihrem lichtblauen Gazekleide, mit blumengeschmücktem, offenen Haar und schillernden Schmet- terlingsflügeln an den Schultern, eilte fie auf ihren Bruder zu, um ihn mit angstvollen Fragen zu überschütten, Herbert beruhigte sie, so gut er konnte, und. erklärte den (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann, (Fortsetzung.) Er sah sich Beistand suchend um, und gewahrte, daß der Herr, mit dem er eben gesprochen hatte, ihm gefolgt war. Mit einigen raschen Worten ersuchte er ihn, möglichst unauffällig den Doktor Müller, den einzigen in der Gesellschaft befindlichen Arzt, herbeizurufen, da er selbst den Kranken nicht mehr verlassen wollte. Jetzt erst fiel es ihm auf, daß Felicia nicht da war, und er fragte die scheu an der Thür zusammengedrängten Mädchen, wo sie sich befinde. Die, welche ihn geholt hatte, antwortete statt der anderen: „Wo das gnädige Fräulein ist, iveiß ich nicht. Keine von uns hat sie gesehen. Ich kam aus der Küche, und als ich im Vorbeigehen die Thür vom Zimmer des Hcrrtt Assessors offen stehen sah, blickte ich hinein. Da lag der Herr Stadtrat schon so ivie jetzt auf dem Stuhle, aber . aber er machte noch allerlei Bewegungen mit der einen Hand, nnb ich dachte, daß er mir etwas sagen wollte. Erst ivie ich merkte, daß er gar nicht mehr sprechen . Stuhle auf der Erde liegt." Herbert bückte sich, um den bis dahin übersehenen Briefbogen anfzuheben, und ans der Stelle erkannte er Felicias charakteristische Schrift. Ohne Bedenken durfte er von dem Inhalt Kenntnis nehmen; denn schon die Anrede sagte ihm ja, daß er für keinen anderen bestimmt gewesen war, als für ihn. Sie lautete: „Mein heißgeliebter Herbert!" — und darunter stand mit hastigen, offenbar in großer Erregung hiugeworfenen Zügen zu lesen: „Wenn Du dies findest, habe ich das Haus Deines Vaters verlassen, um wahrscheinlich niemals dahin zurückzukehren. Aber ich gehe nicht freiwillig, sondern ein grausames Verhängnis treibt mich fort. Und Du darfst mich nicht verdammen, sondern Du mußt mich bemitleiden; denn ich bin in diesem Augenblick das unglücklichste Geschöpf auf Erden. Ich kann Dir jetzt keine weitere Aufklärung geben, aber bald, vielleicht schon morgen, wirst Du von mir hören. Und bis dahin darf niemand, außer 694 Gästen, daß zwar nach der Versicherung des Arztes keine , Gefahr für das Leben seines Vaters vorhanden scheine, daß über unfet* beit lobto eilten bett UmftänDcn bie ^errfcl) elften I leider nicht bitten könne, länger zu bleiben. Natürlich hatte ohnedies niemand an eine Fortsetzung des unterbrochenen Festes geglaubt, und feder hatte vielmehr den j Augenblick herbeigewünscht, wo er sich entfernen könne, vlnie den Verdacht der Teilnahmlosigkeit aus ftch zu laden. Ter Aufbruch erfolgte demgemäß sehr schnell; das um I feine erhofften schauspielerischen Lorbeer» betrogene junge j Volk ließ sich sogar nicht einmal Zeit, die Kostüme wieder I abzulegen, und in weniger als einer Viertelstunde hatten i sich die hell erleuchteten Prunkzimmer der Ignatius schen Wohnung vollständig geleert. Herbert schickte nun auch den Lohndiener, die Kochfrau und die beiden zur Aushilfe angenommenen Mädchen nach I Hause. Dann, nachdem er auf seine Frage erfahren hatte, | daß der Kranke bereits vorübergehend wieder bei Bewußt- I fein gewesen sei, auf Doktor Müller's Wunsch, aber niemand außer seiner Gattin sehen solle, trat er unter emen der Kronleuchter, und durchlas noch einmal den selftamen I Abschiedsbrief seiner Braut. Er hielt das Blatt in der 1 Hand, als Hilde's mit Thränen kämpfende Stimme neben ihm ertönte: , _ I „Wo ist Felicia? Ich suche fte überall. vergebens, und niemand kann mir sagen, wo sie sich befindet." Herbert zögerte eine Sekunde lang, dann reichte er J ihr stumm den Brief, der ja alles enthielt, was er selbst ihr als Erklärung für das Verschwinden der Amerikanerin hätte sagen können. Aber seine Schwester nahm das Un- I geheuerliche nicht mit derselbeit Fassung auf tote er. I Sie ist fort? Sie schreibt, daß ein grausames Verhängnis sie gezwungen hat, unser Haus zu verlassen? I Und Tu kannst ruhig hier stehen? Du setzest nicht alles daran, die Unglückliche zu finden?" „Es scheint nicht, daß ich damit Felicra's eigenen Wünschen entsprechen würde. Und sie ist kein verlaufenes, hilfloses Kind, um dessen Leben man zittern mußte Meine I Sohnespflicht hatte mir jedenfalls als die naherliegende I und dringendere zu gelten." _ I „Ja. Aber Tu hast sie jetzt erfüllt; denn Doktor Müller sagte mir soeben, daß wir ganz ruhig fern durften, und daß zunächst nichts weiter gethan iverden könne. Es giebt also nichts mehr, das Dich abhalten könnte, Felicia zu suchen." ., . , , . , „Und willst Du mir auch sagen, wo ich jetzt i» der Nacht damit beginnen soll? Ich kann doch Nicht die Polizei auf ihre Fährte Hetzen." „Das darfst Du freilich nicht. Aber Du kannst Dich wenigstens in dem Pensionat nach ihr erkundigen. Sicherlich hat sie sich dahin gewendet; denn es giebt keine j Familie in der Stadt, mit der sie genau genug bekannt | gewesen wäre, um bei ihr eine Zuflucht zu suchen. Und wenn Du sie dort nicht finden solltest, so wird man wenigstens eine Vermutung äußern können, wo sie »i» sonst aufhält." , . Herbert fühlte, daß seine Schwester tm Recht war, und daß er in der That nicht ganz unthätig warten durfte, bis ihm Felicia die in ibrem Briefe verheißene weitere Erklärung gab. Schon die Unmöglichkeit, ihr Verschwinden auch nur für einen einzigen Tag zu verheimlichen, zwang ihn, wenigstens einen Versuch zu ihrer Auffindung, und zur Verhinderung des sonst ganz unvermeidlichen argen Skandals zu machen, wie wenig Anteil auch tminer die Sehnsucht seines Herzens an einem solchen Entschlüsse haben mochte. , „Wohl", sagte er, „ich werde thun, was ich vermag, und was ich vor mir selbst verantworten kann." — "Hilde war allein, und da man ihr gesagt hatte, daß sie sich dem Krankenzimmer vorläufig fern halten solle, fetzte sie sich aus einen der chaotisch durcheinander geschobenen Stühle, stützte die Ellenbogen ihrer nackten Arme auf die Lehne eines anderen, und barg das Gesicht m den Händen. Sie war noch immer in ihrem duftigen Elsenkostüm, und sie hatte in der Aufregung nicht einmal daran gedacht, die an ihrem Kleide befestigten Schmetterlingsflügel abzulegen. In weichen Wellen fiel ihr schönes Haar über Schultern und Nacken herab, und die natürliche Anmut ihrer geschmeidigen Gestalt offenbarte sich um so reizender, je weniger ihr in diesem Augenblicke daran gelegen war, hübsch und vorteilhaft auszusehen. Sie saß so sehr lange, ohne sich zu rühren. Ihr junges Herz war zum Sterbetl traurig; bemt sie liebte Felicia kaum minder aufrichtig, als sie ihren Vater liebte, und daß diese beiden teuren Menschen ihr gleichzeitig so bitteren Kummer bereiten mußten, dünkte sie eine fast unerträgliche Grausamkeit des Geschickes. Ta klang von der Schwelle des Salons her eine tiefe sympathische Männerstimme an ihr Ohr: „Mut, mein liebes Fräulein! Es geht Ihrem Vater schon viel besser, und wenn nicht alle Anzeichen trügen,^ wird er in kurzer Zeit völlig wieder hergestellt sein." Schon beim ersten Laute hatte Hilde erkannt, daß es Toktor Hermann Müller war, der zu ihr sprach, und sie war nicht im mindesten erschrocken. Sie ließ die Arme von der Stuhllehne herab gleiten, und wandte ihm mit einem Ausdrucke rührenden Vertrauens ihr in all seiner; Betrübnis noch so holdes Kindergesichtchen zu: „Ich danke Ihnen, Herr Doktor! Und es verhält sich! auch wirklich so — nicht wahr? Sie sagen es nicht nur,, um mich für den Augenblick zu trösten?" „Nein, gewiß nicht! Wir Aerzte sind ja leider zuweilen gezwungen, dergleichen zu thun. Aber diesmal ist es keine fromme Lüge, sondern meine redliche Neber-, zeugung." „Gott sei Dank! Wie gut, daß Sie gerade 6et uns waren, als das Schreckliche geschah! Wer Sie sind doch nickt gekommen, um sich von mir zu verabschieden? Sie wollen uns doch nicht jetzt schon verlassen?" „Ich glaube nicht, daß ich Ihrem Vater vorerst noch von irgend welchem Nutzen sein kann; aber wenn Sie es wünschen, bleibe ich gern." „Ach ja, ich bitte Sie recht sehr darum — von ganzem Herzen! Es ist gewiß eine sehr unbescheidene Zumutung, aber ich glaube, ich würde vor Angst vergehen, wenn ich j Sie nicht mehr hier wüßte. Wollen Sie sich nicht ein i wenig setzen? Und darf ich Ihnen vielleicht em Glas! Wein, oder eine andere Stärkung besorgen?" Toktor Müller lehnte freundlich dankend ab, und ließ sich in einiger Entfernung von ihr nieder. Wenn Hilde eine bessere Beobachterin gewesen wäre, so würde fte zu ihrem Erstaunen wahrgenvmmen haben, daß die größere Befangenheit heute nicht bei ihr, sondern bet dem stattlichen Manne war, zu dem sie bisher immer mit einer Art von scheuer Ehrfurcht aufgeblickt hatte. War auch durch die Ereignisse des heutigen Abends diese ehrfürchtige Empfindung eher noch vertieft als verringert worden, soi hatte sich ihr doch ein Gefühl warmer Dankbarkeit und. innigen Vertrauens zugesel t, das Hilde ermutigte, uugletch freier und natürlia-er mit ihm zu verkehren, als es je zuvor der Fall gewesen. . Dem Doktor aber war es, als hätte sich plötzlich eine wunderbare Wandlung mit diesem lieblichen jungen Wesen vollzogen, und als sähe er es jetzt eigentlich zum ersten Mal War ihm die Tochter des Kämmerers bis dahin nur wie ein reizendes Kind erschienen, das man zwar mit herzlichem Wohlgefallen betrachten, mit dem man stch aber nicht ernstlich beschäftigen konnte, so wurde ihm wahrend, dieses, von so seltsamen Umständen herbeigefuhrten nächtlichen Alleinseins nicht nur an ihrer jungfräulich holde» äußeren Erscheinung, sondern noch mehr aus ihren Worte» I offenbar, wie sehr er sie unterschätzt hatte. Mochte st« auch in vielen Dingen immerhin noch die liebenswürdige! Naivetät eines Kindes haben, so gaben ihr doch die Reifs ihres Verstandes, und die klare Selbständigkeit ihres Urteils! vollen Anspruch darauf, ganz so tote jede andere erwachsens Dame behandelt zu werden. Und je weniger sie sich bemühte, klug und geistreich zu erscheinen, desto größeres, Entzücken bereitete es dem grauhaarigen Manne mit dem jugendlichen Antlitz, in ihrem unbefangenen Geplauder allgemach alle Reize einer zarten und reinen Madchenseele vor seinen Blicken entfaltet zu sehen. Ein Luftzug, der durch das Oefsnen irgend einest Thür im Hinteren Teile der Wohnung entstanden fern mochte, ließ die leicht gekleidete Hilde fröstelnd erschauern, I u»d Toktor Hermann Müller, der das Zucken ihrer schulte« gesehen hatte, fragte arglos, ob sie nicht lieber et» I schützendes Tuch umnehmen wollte. Ta zum ersten Mal wurde sie sich bewußt, daß sie noch immer all den Flttter- I float ihrer Elfenrolle trug, und et» heißes Rot der Beschäme I ung flammte in ihrem Gesicht auf. , , I „Mein Gott, was müssen Sie von mir-denken". sagte *- 695 sie leise, „daß es mir Koch nicht einmal eingefallen ist, wein Kostüm abzulegen?— Bitte, entschuldigen Sie mich nur aus wenige Minuten, bis ich mich umgekleidet habe!" Hilde schlüpfte hinaus, und Doktor Müller, der sich im Stillen Borwürfe machte, ihr Zartgefühl verletzt zu haben, wollte ihre Abwesenheit benutzen, um einen Blick rn das Krankenzimmer zu werfen. Als er zu diesem Zwecks das Arbeitsgemach des Hausherrn durchschritt, streifte sein Auge die aus dem Schreibtische stehenden Photographien. Und eine von ihnen wirkte auf ihn wie der Anblick eines verblüffenden Wunders. Es war ein bald nach ihrer Verlobung aufgenommenes Bildnis Felicia's, das sie auf seine Bitte dem Wmmerer zum Geschenk gemacht, und dem er einen so besonders bevorzugten Platz gegeben hatte. Sie selbst war nicht sehr zufrieden damit gewesen, und die Aehnlichkeit lieh in der That zu wünschen übrig. Hermann Müller aber hätte von sehr kurzem Gedächtnis sein müssen, wenn er nicht trotzdem, und trotz der Veränderung, welche die letzten drei Jahre in ihrem Aussehen hervorgebracht, in diesem Porträt die Züge seines entflohenen Weibes wiedergefunden hätte. „Ellen — ja, beim allmächtigen Gott, sie ist es!" kam es von seinen Lippen, während er mit dem Bilde an die hohe Säulenlampe trat, kamen ihm leise Zweifel. Ellen hatte ihr, Haar ganz anders getragen, als dies schöne stolze Weib hier «aus der Photographie, und sie hatte nicht die herrliche, üppig entwickelte Gestalt desselben gehabt. Auch an den Mundwinkeln glaubte er einen sremden Zug zu entdecken, und die Möglichkeit, daß es sich doch nur um eine seltsame Laune des Zufalls, um eine wunderbare Aehnlichkeit handeln könnte, wollte ihm nicht mehr so ganz und gar ausgeschlossen erscheinen wie vorhin aus den ersten Blick. (Fortsetzung folgt.). < Bärenjagden. Von Oberförster a. D- Friedrich Langnickel (Odessa). (Nachdruck verboten.) Seit im Jahre 1686, und zwar auf thüringischem Boden der letzte Bär in Norddeutschland geschossen wurde, ist Meister Petz ein Wild, welches für die meisten deutschen Jäger nur noch der Sage angehört, die von verzweifelten Kämpfen germanischer Recken gegen die beiden gewaltigen Recken des deutschen Urwaldes, den Ur (Auerochsen) und Baren erzählt. Daß noch im Jahre 1835 bei Traunstein in Oberbayern ein Exemplar erlegt wurde, welches über die nahe Tiroler Grenze hinüber gewandert war, ändert nichts an der Thatsache, daß die Bekanntschaft der meisten Weidmänner mit dem zottigen Gesellen nur von dem zoologischen Garten oder den Vorführungen von Zigeunerbanden herrührt, die einen Tanzbären mit sich führen. Und doch ist es heute für einen Nimrod, selbst wenn er im Herzen des zivilisierten Deutschlands wohnt, leichter als vor 80 Jahren, auf dieses Edelwild, das zugleich das größte Raubtier des gegenwärtigen Europa ist, zum Schuß zu kommen. Eine anderthalbtägige Eisenbahnfahrt bringt den Jäizer in das klassische Land der Bärenjagden, nach Siebenbürgen, und wer es noch einen Tag länger im Salonwagen auszuhalten vermag, kann seinem Jagdgelüste im nordöstlichen, östlichen oder südöstlichen Rußland nach Herzenslust nachgehen; denn der schlecht besoldete Förster der unendlichen Wälder der sarmatischen Ebene ist, wenn er nicht im Dienste eines vornehmen Herrn steht, der sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen läßt, nur zu geneigt, den Abschuß an den abzutreten, der ihm ein hübsches Stück Geld bietet. Es kann also jeder, der das nötige Geld nicht scheut, einmal diese Jagd ausüben, an welche sich soviel Lügen und Uebertreibungen knüpfen, daß das Sprichwort „jemandem einen Bären aufbinden" nicht ohne Berechtigung ist. Während man in den unwegsamen, von gefährlichen Sümpfen durchzogenen Wäldern der Pripetgegendcn und des nördlichen Rußlands auf Meister Braun vorwiegend nur im Spätherbst oder im Winter Jagd niacht, ist er in den Karpathen und in den südlichen Gegenden das ganze Jahr vogelfrei, umsomehr als er sich dort am liebsten in trockenen Laubwaldungen aufhält, die dem Eindringen von Jägern und Treibern wenig Schwierigkeiten entgegensetzen. In Ungarn und Siebenbürgen ist darum eine Treibjagd auf Bären auch immer ein Volksfest, das eine ganze Gegend auf die Beine bringt, und von Amts wegen abgehalten wird, wenn im Frühjahr das Vieh auf die höher gelegenen Weiden aufgetrieben wird, und Meister Petz, der das Vegetariertum satt hat, auf einmal findet, daß das frische Ochsenfleisch! einer bestimmten Herde von ganz besonderer Güte ist. So hatte er in der Piatra Alba in den transsilvanischen Alpen, wo ich meine Lehrjahre als junger Forstbeamter durchmachte, einer Rindviehherde meines Nachbarbezirkes in kurzer Aufeinanderfolge, während die Betyaren (d. i. Rinderhirten) um ihr Lagerfeuer schliefen, seine Besuche abgeftattet, nicht, ohne jedesmal einen jungen Ochsen zu reißen, und trotz des Brüllens der Herde, des Heulens! der Hunde und des Schreiens der Hirten, im Rachen mit spielender Leichtigkeit davonzutragen. Die an die Gemeinde erstattete Anzeige war vom Kössegbiro (Ortsrichter) an den Szolgabiro (Stuhlrichter) weiter gegeben worden und nach Wochenfrist, nachdem der feinschmeckerische Petz wahrscheinlich längst weitergewandert war, kam der offizielle Befehl zur Abhaltung einer amtlichen Bärenjagd herab, der die Nimrode bis Hermannstadt, Kronstadt und Klausenburg, sowie Hunderte von Treibern aus deu nächsten Dörfern aufbot. Frische Spuren bewiesen, daß ein Bär — wahrscheinlich war inzwischen ein neuer eingewandert — in einer Thalschlucht sich) aufhielt, in welcher heraufgetrieben werden sollte, während die Schützen am oberen Ende der Schlucht halbkreisförmig die Uebergänge besetzt hielten. Anfangs herrschte lautlose Stille, die nur ab und zu durch den rauhen Schrei eines Waldvogels unterbrochen wurde. Danu erhob sich allmählich! ein dumpfes Summen, das Geräusch, welches die anrückenden Treiber verursachten, und aus welchem man einzelne Schreie heraushörte, bis plötzlich! der durchdringende Angstruf eines Zigeunerbübleins tioit höchstens 12 Jahren anzeigte, daß mau auf Meister Petz gestoßen sei. Diesen in der That höchst ungeeigneten Moment, wo jeder echte Weidmann nur Aug und Ohr hat für das, was vor ihm vorgeht, mußte mein linker Nachbar, ein blutjunger Komitatsbeamter mit hochadligem Namen, der später übrigens doch ein wackerer Jäger geworden ist, benützen, um seinen Nasenwärmer (kurze Pfeife) mit frischem Wer- peleter Tabak zu stopfen. In demselben Augenblick erschien auch schon 30 Schritt vor ihm der Gesuchte, ein starkes, etwa 4 Jahr altes Exemplar. Die Schußunfertigkeit meines Nachbarn gewahrend, legte ich an und fehlte; aber ehe ich noch zum zweiten Male zuni Schuß kommen konnte, hatte sich! Meister Petz mit einigen mächtigen Sätzen und nervenerschütterndem Gebrüll gegen den an einer ziemlich scharfen Stelle des Grates stehenden unschuldigen Juristen gestürzt, nicht, um ihn in allzu zärtlicher Umarmung an seine zottige Brust zu pressen, sondern um in sinnloser Hast das nächste Thal zu gewinnen. Ehe man bis drei zählen konnte, kugelten der Herr Graf, samt Bären, Pfeife und Gewehr auch schon den steilen Bergabhang hinunter, an dessen Ende sich der Bär schleunigst von dannen machte, da niemand wegen der Gefahr, den Jäger zu treffen, es wagen konnte, hinterdrein zu schießen. Der unglückliche Schütze, der bei dem Sturze von den Tatzen des Ungeheuers gehörig zerkratzt war und eine große Narbe auf der rechten Wange zeitlebens als Andenken an diesen Zwischenfall herumträgt, bekam obendrein manchen Kernfluch zu hören. Der Bär aber blieb verschwunden, obgleich an diesem Tage noch mehrere Triebe angelegt wurden. Das war das glorreiche Ergebnis der mit Aufgebot von etwa 400 Menschen veranstalteten Treibjagd. Seitdem sind fast 40 Jahre vergangen, in denen es mir vergönnt war, gar manchen Bären selber zu strecken, und noch viel öfter mit meinen eigenen Augen zu sehen, wie meine vom Glück begünstigten Nachbarn den gefährlichen Räuber besiegten. Unvergeßlich wird mir aber eine Bärenjagd bleiben, welche just ein Jahr später fast genau an derselben Oertlichkeit stattfand. Eine starke Bärin mit mehreren Jungen hatte die Herde» beunruhigt, und wir jagten schon den zweiten Tag mit Treibern und Bracken ohne das geringste Resultat. Mißmutig machten wir uns, 6 Jäger an der Zahl, am Spätnachmittag in glühender Hitze an den Abtrieb eines Eichenwäldchens mit Unterholz, welches an drei Seiten von Kukuruzfeldern und Wiesen umgeben war. Bald begann es im Unterholz« zu rascheln, und es erschien eine mächtige Bärin mit 3 Jungen, von meinem linken 696 Nachbar mit einem Bollgeschoß aus seiner Exprcßbüchse 450, Welche die Bärin an der rechten Schulter streifte, empfangen. Rasend stürzte die Bärin auf ihren Angreifer, der noch, da er einen zweiten Schuß nicht mehr abgeben könnte, Geistesgegenwart genug behielt, den Kolben der wüteirden Bestie so tief als möglich in den Rachen zu stoßen, zwischen dessen Gebiß das zähe und harte Holz krachte wie Splitter- teig. Der unglückliche Schütze ließ unbegreiflicherweise den Lauf nicht los und wurde so Wohl 20 Schritt von der Bärin über das freie Feld geschleift, ehe ein Schuß durchs Herz sie streckte, was natürlich ebenfalls nicht ohne Lebensgefahr für den Geschleiften abging. Die verwaisten Jungen wurden, an derr Pranken gebunden, in Säcke gesteckt und nach Wien spediert, wo sie dem Bestände des kaiserlichen Tiergartens in Schönbrunn einverleibt wurden. Oft gelingt es der flüchtenden Bärin, eines oder mehrere der Jungen abzufangen, was eine willkommene Gelegenheit ist, auch die Mutter zu erlegen, da sie dann nie weit flüchtet und, getrieben vom Gefühle der Mutterliebe, zu dem Ort zurückkehrt, wo sie die Jungen verloren hat. Baut man dort auf einem geeigneten Baume einen Hochstand, so wird sie mit größter Wahrscheinlichkeit noch am selben Tage erscheinen und Gelegenheit zu einem glücklichen Schuß bieten, besonders, wenn man ein Junges im Sack gefesselt mitnimmt, deren verzweifelte Laute ein unwiderstehliches Anlockungsmittel für die Mutterliebe ist. Allerdings darf man es dann nicht so ungeschickt machen, wie ein tatarischer Jäger bei Wladikawkas. Bei einer Treibjagd waren dort von uns zwei Bärenjunge gefangen worden, während die Alte unverletzt mit einem dritten entkam. Zwingender Umstände halber mußte die Jagd um Mittag herum von uns abgebrochen werden, worauf der Tatar beschloß, in der eben genannten Weise die Alte zu erlegen. Stunden waren vergangen, bis am Spätnachmittag die besorgte Mutter erschien. Zum Unglück entfiel dem nachlässigen Burschen, der vielleicht momentan mehr an seine Milicza dachte, das Gewehr just in dem Augenblick als die Bärin auf dem Plan erschien. Der Jäger war nun der Gefangene und mußte sich endlich, da die 9ttte. Ernst machte, den; Baum zu ersteigen, wohl oder übel dazu bequemen, den Sack, in dem die Jungen gefangen waren, zu öffnen und die letzteren den Stamm herabkollern zu lassen, worauf die wieder vereinte Familie schleunigst verschwand. In Rußland, wo der Bär meistens vom November bis April gejagt wird, ist die Ehre und das Vergnügen, einen Bären zu erlegen, für jeden, dessen Hand nicht in Angst! im kritischen Momente erzittert, nur eine Geldfrage. Bauern und Jäger haben sein Winterlager meistens schon Wochen vorher ausgekundschaftet, ehe der Herrenjäger kommt. Wenn ihm dann über die weite Schneefläche zu Leibe gerückt wird, macht es manchmal sogar nicht geringe Mühe, ihn hochzumachen; denn das lange Fasten hat ihn heruntergebracht und seinen Mut vermindert,'so daß er scheu durchzubrechen versucht. Wenn er aber von der Kugel auch nur gestreift wird, ist er freilich auch dann noch- ein furchtbarer Gegner. Wehe dem unglücklichen Jäger, der ihn nur weidwund geschossen hat, und über den er mit erschütterndem Gebrüll herstürzt. Es ist dann weniger das respektable Gebiß als die krallenbewehrten schweren Pranken, mit denen er seinem Opfer das Fleisch von den Knochen herunterstreift oder in wuchtigem Schlage die Glieder bricht. Auf diese fürchterliche Weise mußte ich im Jahre 1883 einen meiner besten Jagdfreunde auf einer Winterjagd bei Wjerchturje, einem kleinen Städtchen am östlichen Abhang des Urals, nördlich der Bahnlinie Perm-Jekaterinenburg, rettungslos zu Grunde gehen .sehen, welchem eine aus dem Winterlager hochgemachte Bärin nach einem Fehlschuß mit einem einzigen Tatzenhiebe das Rückgrat brach, während sie einem unvorsichtig herbeieilenden Treiber regelrecht die Schädelhaut abriß. Bärinnen, besonders mit Jungen, sind immer viel gefährlicher, da sie sich meist rücksichtslos auf den Jäger stürzen, auch ohne verwundet zu sein. Im Grunde genommen ist aber der Bär für den Menschen nie ein raubgieriger Angreifer, was vielleicht zum Teil seinem schlechten Gehör und Gesicht oder seiner Bequemlichkeit, wenn er gut bei Fett ist, zugeschrieben werden kann, gewiß aber auch ebenso sehr in seinem Temperament im allgemeinen liegt. Auch die Erzählung, daß der Bär den sich scheintot stellenden Jäger nach einigem Hin- und Herwenden mit den freilich! auch dann noch übel zurichteudeu Pranken losläßt, ist kein Märchen, sondern buchstäbliche Wahrheit. Ein Verlaß darauf ist freilich nicht; denn manchmal fällt die Untersuchung durch Meister Petz so gründlich aus, daß der Jäger wochenlang über die Prankenhiebe und die stürmische Umarmung ans seinem Schmerzenslager nachdenken kann. Kunstgewerbe für's Hans. Das November-Heit der beliebten Zeitschrift „Kunst- gewerbe für's Haus", herausgegeben von C. von Sivers, Verlag von Otto Lienekampf, Berlin W. 35, Lützowstraße 9, ist durch seinen reichhaltigen Inhalt recht dazu angethan, für das. kommende Weihnachtsfest allen ausübenden Liebhabern willkommene Anregung zu geschmackvollen, gefälligen Arbeiten zu geben. Um von dem vielen Gebotenen Einiges hervorzuheben, fei ein ganz besonders, hübscher Schreibtisch mit Holzbrandverzierungen erwähnt, ebenfalls ein sehr hübsches/Wandbort, eine ganz eigenartige Ofenbank mit passendem Stuhl, sehr schöne Applikations- und Point-lace-Arbeiten, viele geschmackvolle Vorlagen zur Porzellanmalerei und Anleitung dazu, „Etwas! für lange Abende", Muster zu Naturholzarbeiten, eine sehr schöne farbige Holzbrandvorlage „Schneebeeren" usw. Auch alle nicht ausübenden Dilettanten finden durch einige Aufsätze von berufener Feder und durch eine Rundschau „Berliner Kunst-Ausstellungen" interessante Lektüre. Die beiden Musterbogen mit den originalgroßen Aufzeichnungen allev Vorlagen find diesmal ganz besonders ergiebig. GsMsrnzMtzrges. Ein guter W i n t e r b l ü h e r ist die immerblühende Begouia (Begonia femperflorens), die ja genügend bekannt ist. Ihres ununterbrochenen Blütenretchtums willen wird sie im Sommer zum Schmucke der Gartenbeete verwendet.. Wenn auch die Blumen klein sind, so macht doch die unerschöpfliche Fülle derselben, und die gefällige Form der ganzen Pflanze Eindruck. Deshalb zieht man sie auch in Töpfen, zumal sie eine sehr dankbare Zimmerpflanze ist, die selbst im Winter willig und andauernd blüht. Sie fühlt sich im warmen Zimmer am Fenster stehend sehr wohl, und bedarf weiter keiner Pflege als der vorsichtigen Gießens. S. Um die Schwaben zu vertreiben, vermischt man 100 Gramm Borax mit 150 Gr. gestoßenem Zucker und 150 Gr. Hafermehl. Diese Mischung streut man in alle Ritzen und Spalten des Herdes, der Mauer, Wänden, überhaupt in alle verborgenen Winkel der Küche. Man kann auch zwei Liter geschabte Kartoffeln kochen und zerstoßen, indem inan sie mit frischer Milch verdünnt, um einen hellen Brei herzustellen. Man mischt einen Löffel voll Weizen und Kornmehl und für 20—25 Pfg. Borax bei und rührt das Ganze gut durcheinander. Man wendet dieses Mittel, wie oben erwähnt, an, rind zwar zwei bis drei Abende hintereinander, und die Schwaben werden sicher verschwunden sein. v „Praktischer Wegweiser", Würzburg. Telegraphenrätsel. Nachdruck verboten. Die Striche und Punkte entsprechen den einzelnen Buchstaben der nachstehend in anderer Reihenfolge aufgefiihrtcn Wörter. Diese Wörter sind so zu ordnen, daß die auf die Punkte fallenden Buchstaben im Zusammenhang gelesen einen Sinnspruch ergeben. Bank, Grobian, Leier, Meissen, Nelke, Rinde, Saft, Schein, Stern, Tenne, Thal, Wunsch. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: (Dreizüger von Dr. E. Palkoska.) W. Kal, Tc6, h6, Le7, h5, Bbö, c2, e6, f8. Schw. Kd5, Se2, Lc4, Ba5, e3, ei, g3. 1. Lh5-g6, Kc6:; 2. 12. — 1 Ke5; 2. Th5 +. - 1 S£4; 2. Le4: +. - 1 Kd4; 2. Lf6 +. — 1 beliebig; 2. Th5 +. Redaktioni E. Burkhar dt. — Rotationsdruck und Bcrlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.