«-Erlag den 3. Rovcmbrr. Nr. 158. 1901. MU - ■ mm ft du das Schöne nicht erringen, So mag das Gute dir gelingen. Ist nicht der große Garten dein, Wird doch für dich ein Blümlein sein. Nach Großem dränget deine Seele? Daß sie im Kleinen nur nicht fehle! Thn' heute recht — das ziemte dir; Der Tag kommt, der dich lohnt dafür. So geht cs Tag für Tag, doch eben Aus Tagen, Freund, besteht das Leben. Gar viele sind, die das vergessen: Man muß nur nicht nach Jahren messen. Eduard Banernfeld. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Auf der anderen Seite des Wintergartens, durch das dichte Blättergewirr sür die heitere Gesellschaft saft ganz unsichtbar gemacht, standen zwei Männer, ein jüngerer und ein grauhaariger, in leisem, angelegentlichem Gespräche beisammen. Schon durch seine etwas excentrische Kleidung, beit weit ausgeschnittenen Hemdkragen, die genial geschlungene Kravatte und die aus dem wirren Kraushaar über die bleiche Stirn herabfallende einzelne Locke gab sich der jüngere auf den ersten Blick als Künstler zu erkennen. Und sein scharf markiertes, bartloses Gesicht wie die Lebhaftigkeit des ausdrucksvollen Mienenspiels ließen unschwer erraten, daß seine Kunst die des Menschendarstellers sei. Wenn er, wie es häufig geschah, seine Rede durch eine Handbewegung begleitete, ging es von dem kleinen Finger seiner Rechten wie ein Feuerwerk buntfarbiger Lichtstrahlen aus. Denn dort trug er einen prächtigen" Ring, der seiner Fassung nach wohl eigentlich bestimmt gewesen war, die Hand einer Dame zu schmücken, einen von auserlesenen Brillanten . umgebenen Rubin von seltener Größe und wundervollem Feuer. „Felicia sttubarth also heißt fte?" sagte er, einem von den Aelteren genannten Namen wiederholend. „Natürlich! Ich wußte von vornherein, daß es nichts als eine zufällige Aehnlichkeit sein könne. Wer diese Aehnlichkeit ist in der That merkwürdig genug. Die junge Dame gehört einer Bostoner Familie an?" „Jawohl! Ihr Vater ist Mr. George Rubarth, ein eingewanderter Deutscher, der es zu großem Vermögen gebracht hat. Sie gilt für eine unserer begehrenswerten Partien, denn sie ist sein einziges Kind." Mit aufmerksamstem Interesse spähte der Schauspieler zwischen den Blättern hindurch zu dem schönen dunkelhaarigen Mädchen im weißen Seidenkleide hinüber. Dann sagte er: „Würden Sie vielleicht die Güte haben, Mr. Mac Gnrthh, mich Miß Rubarth vorzustellen? Ich möchte wohl wissen, ob ich auch noch im Gespräche mit ihr den Eindruck dieser geradezu wunderbaren Aehnlichkeit behalte." Der alte Herr war sofort bereit, dem geäußerten Wunsche zu entsprechen, und sie gingen zu den anderen hinüber. „Darf ich mir die Ehre geben. Miß Rubarth, Ihnen Charles Lindham vorzustellen, einen drantatischen Künstler, der soeben in Newyork als Romeo und in anderen Rollen außerordentliche Triumphe gefeiert hat? Wir werden das Vergnügen haben, ihn in einigen Tagen auch auf unserer Bühne zu sehen, da er der leitende Mann von Mr. Clisford Thompson's Truppe ist." Mit der herablassend freundlichen Würde einer Prinzessin neigte die Angeredete in Erwiderung von Mr. Lind- hams tiefer Verbeugung den Kopf. Auf ihrem schönen, lächelnden Gesicht ging nicht die kleinste Veränderung vor, während ihr Blick über die Gestalt des Schauspielers hiu- streifte, und daß die von Edelsteinen blitzenden Finger ihrer rechten Hand plötzlich mit krampfartigem Druck den zusammengelegten Fächer umklammert hatten, konnte wohl von keinem der Umsitzenden bemerkt werden. „Wenn ich nicht irre, Mr. Lindham, hörte ich Ihren Namen neulich schon von einer in Philadelphia wohnhaften Freundin", sagte sie in jenem etwas gelangweilten Tone, der ihr im Verkehr mit jungen Herren eigentümlich schien. „Vermutlich sind Sie also auch dort bereits aufgetreten?" Der Schauspieler stand jetzt hart neben ihrem Sessel, und die Art, wie er sie anstarrte, fing an, den Unwillen der übrigen jungen Herren zu erregen. „Nein", erwiderte er. „Ich bin bisher ausschließlich in den größeren Städten des Westens thätig gewesen und vor meinem Debüt in Newyork war ich niemals über Saint- Louis hinausgekommen." , , „Dann muß ich Ihren Namen wohl mit einem ähnlich klingenden verwechselt haben. Werden Sie auch hier den Romeo spielen?" „Ja", sagte er mit eigentümlichem Nachdruck, „den Romeo und auch den d'Artagnan in den „Drei Musketieren". Kennen Sie das Stück, Miß Rubarth?" Vollkommen unbefangen schüttelte sie den Kopf. „Ich erinnere mich nicht, jemals etwas davon gehört zu haben. Wahrscheinlich, eine Dramatisierung des bekannten Romans?" * . „Ja. Es wurde zuerst von der Truppe des Impresario Fielding aufgeführt, der seinerzeit die Vereinigten Staaten von einem Ende bis zum anderen danrit durchreiste. Ich befand mich noch in den ersten Anfängen meiner Künstlerlaufbahn, als ick vor etwa drei Jahren von ihm enaasiert 630 wurde, um bei den Aufführungen in Denver eine kleine Rolle in den „Musketieren" zu spielen. Aber ich spielte sie nur ein einziges Mal. Eine junge Schauspielerin hatte während der Vorstellung in ihrer Garderobe einen Selbst- uiordversttch gemacht, indem sie sich die Pulsader öffnete. Und der menschenfreundliche Impresario jagte mich fort, »veil ich gegen seinen Befehl einen Arzt aus dem Zuschauerraume herbeiholte, um zu verhindern, daß die Aermste sich verblute." „Ach, was für eilte romantische Geschichte! Und die Schauspielerin? Ist sie gestorben?" „Nein. Der Roman, dessen Heldin sie war, wurde vielmehr in der Folge noch interessanter. Aber er ist zu lang, als daß ich die Herrschaften mit seiner Erzählung langweilen dürfte." „So erzählen Sie ihn mir, während Sie mir helfen, Florence Allan zu suchen", sagte Felicia Rubarth, indem sie sich erhob. „Ich glaube, daß ich! sie zuletzt drüben in dem kleinen Musiksalon gesehen habe." Artig hatte der von den anderen nicht wenig beneidete Schauspieler ihr seinen Arm gereicht, und sie wandten sich langsam dem Ausgange des Wintergartens zu. Felicia hatte ihren Fächer geöffnet, und während sie sich Kühlung zuzusächeln schien, konnte sie ihr Gesicht fast ganz hinter ihm verbergen. „Was also war es mit jener Schauspielerin, Mr. Lind- Ham? Sie haben mich neugierig gemacht, ihre Geschichte zu erfahren." „Ich werde sie Ihnen sogleich erzählen. Zuerst aber muß ich Ihnen ein Bekenntnis ablegen. Als ich an diesem Abende zuerst das Glück hatte, Sie zu erblicken, !var ich eine Minute lang fest überzeugt, eben jene Schauspielerin in Ihnen wiederzusehen. Unter Zwillingsschwestern konnte keine seltsamere Aehnlichkeit bestehen, als zwischen Ihnen und ihr." „Wie sonderbar! Und es geschah auch wohl deshalb, daß Sie das Gespräch auf Sie brachten? Aber ich habe allem Anscheine nach keinen Grund, mich durch diesen Zufall besonders geehrt zu fühlen." „Jn der That, ich müßte mich einer Unwahrheit schuldig machen, wenn ich Ihnen Miß Howard als ein leuchtendes Muster weiblicher Tugenden schildern wollte. Als ich sie nach jenem mißglückten Selbstmorde zum ersten Male wiedersah, stand sie auf dem Punkte, ihrem Gatten durchzugehen. Sie kam in das Geschäft meines Vaters, der ein Juwelier in Denver ist, um sich durch den Verkauf dieses Ringes das nötige Reisegeld zu verschaffe«." Er zeigte ihr das funkelnde Kleinod, das seinen Finger schmückte; aber Felicia schien sich nicht sonderlich dafür zu interessieren; denn ihre dunklen Augen streiften es nur mit einem flüchtigen Blicke. „Sie hatte sich also inzwischen verheiratet, Ihre Miß Howard?" „Ja. Sie heiratete denselben Arzt, den ich damals mit so großer Aufopferung aus dem Zuschauerraume geholt hatte. Aber das Glück ihrer Ehe währte kaum ein halbes Jahr. Dann machte sie sich auf und davon." „Und Sie waren ihr durch den Ankauf des Ringes dazu behilflich? Das war eigentlich gar nicht hübsch von Ihnen, Mr. Lindham." „Nicht ich war es, der ihn kaufte, sondern mein Vater, und ich machte nur durch die Glasthür des Nebenzimmers den Zuschauer. Aber wir waren beide weit davon entfernt, die Absicht der jungen Frau zu erraten. Es kommt ja ziemlich häufig vor, daß eine Dame sich durch den Verkauf oder die Verpfändung ihrer Schmucksachen Geld sür eine Ausgabe verschafft, von der ihr Gatte nichts erfahren soll. Nach einer Woche erst hörte ich zufällig von der plötzlichen Abreise der Mrs. Müller, und mein Vater, der ein sehr rechtschaffener Mann ist, hielt es nunmehr für seine Pflicht, dem Doktor den gekauften Ring gegen Erstattung unserer Auslagen zur Verfügung zu stellen. Aber er lehnte das Anerbieten ab." „Wie? Er lehnte es ab?" „Ja. Ich selbst ging damals zu ihm, und ich muß ihm das Zeugnis ausstellen, daß er sich bewunderungswürdig benahm. Ich habe ihn bei jenem Besuche förmlich studiert, weil man als Schauspieler so etwas immer brauchen kann. Seine Frau sei mit seiner Einwilligung auf unbestimmte Zeit verreist, sagte er. Und da der Ring ihr Eigentum gewesen sei, über das sie völlig freie Verfügung gehabt habe, so liege für ihn nicht die mindeste BeraNa lassung vor, den von ihr geschlossenen Verkauf rückgängig zu machen." B a „Er nahm sich also, wie es scheint, die Sache nicht sehr zu Herzen?" „Nun, das möchte ich doch nicht behaupten. Denn sei«! Gesicht stimmte wenig zu seinen Worten, und ich glaube, daß es in seinem Innern nicht sehr lustig aussay. Etz wollte nur eben seine Frau nicht bloßstellen." „Meinen Sie? — Und er lebt noch immer in Denver?" „Ich denke wohl. Wenigstens bin ich ihm dort noch vor ungefähr einem halben Jahre begegnet und konnte mich mit eigenen Augen überzeugen, daß er sich nicht zu Tode gegrämt habe; denn er war so schön und stattlich tote immer." „Und seine durchgegaugene Fran — die Schauspielerin — man hat nichts mehr von ihr gehört?" „Nichts? Sie war und blieb verschollen." „Dies ist also Ihre ganze Geschichte, Mr. Lindham? Nun, ich gestehe, daß ich sie mir interessanter vorgestellt habe. Aber da ist Florence Allan. Ich danke Ihnen für Ihre Begleitung. Auf Wiedersehen in den „Drei Musketieren.^ Sie hatte ihre Hand von seinem Arme herabgleiten lassen und verabschiedete ihn lächelnd durch, ein leichtes Neigen des Kopfes. Er aber sah ihr nach, bis andere Gruppen, die sich zwischen ihn und sie geschoben hatten, ihm ihren Anblick entzogen. „Wunderbar!" sagte er bei sich selbst. „Geradezu wunderbar! Wenn sie nicht diese prachtvolle Figur hätte, und wenn sie nicht so überzeugend unbefangen gewesen! wäre — ich würde noch jetzt an die Möglichkeit glauben, daß sie es sei." Felicia Rubarth hatte ihre Freundin, die Tochter des Hauses, nur ausgesucht, um sich von ihr zu verabschieden. Sie sei zu müde, um noch zu tanzen, sagte sie, und halb! zu Tode gelangweilt durch das Geschwätz der jungen Herren, die von Jahr zu Jahr einfältiger zu werden schienen. Miß Florence bemühte sich nicht sonderlich, sie zu halten; denn ihre freundschaftlichen Empfindungen hinderten nicht, daß sie ein wenig eifersüchtig war auf Felicias Erfolge. Und so geschah es, daß diese — die ohne jede Begleitung in das Haus des Senators gekommen war — bereits wieder in Sen. Polstern ihrer Equipage ruhte, während ihre Verehrer! noch in allen Räumen eifrig nach ihr suchten. Der Wagen rollte in die Einfahrt eines mäßig großen, aber sehr vornehm aussehenden Hauses der fünften Straße, und eilt Diener war Felicia beim Aussteigen behilflich. In dem ersten Zimmer, das sie betrat, nahm ihr die Zofe den Mantel von chen Schultern, und das junge Mädchen fragte: „Ist mein Vater schon schlafen gegangen?" „Nein, Mr. Rubarth ließ sich soeben erst eine Flasche Portwein in das Speisezimmer bringen." „Gut! Helfen Sie mir aus diesem Kleide und bringen Sie mir meinen weißen Schlafrock! Dann können Sie meinetwegen zu Bett gehen; denn ich brauche Sie heute nicht weiter, wünsche aber, daß Sie mich morgen schon um! fünf Uhr wecken." „Um fünf Uhr, Miß Rubarth?" „Ja. Scheint Ihnen das so unfaßbar? Ich gedenke mit dem Mittagszuge nach Newyork zu fahren und muß vorher meine Koffer packen." Da diese Worte in etwas ungnädigem Tone gesprochen worden waren, enthielt sich die Zofe jeder weiteren Aeußer- ung und war ihrer jungen Herrin schweigend beim Umkleide«! behilflich. Ehe fie in den weichen, weißen Schlafrock schlüpfte, wurde an Felicias schönem, nacktem Arme für einen Moment eine häßliche rote Narbe sichtbar, die sich unmittelbar über dem Handgelenke scharf von der weißen Haiti abhob. Gleich daraus aber war sie unter dem duftigen! Spitzenbesätze des bequemen Hausgewandes verschwunden^ wie denn überhaupt außer der Kammerzofe bisher wohl kaum ein menschliches Wesen aus Felicias Umgebung ihrer ansichtig geworden war. Nachdem sie sich auch das kunstvoll aufgebaute Haar von dem Mädchen hatte lösen lassen, sodaß es gleich einem seidig glänzenden schwarzen Mantel bis zu den Hüften herab ihre hohe Gestalt umfloß, verließ Miß Felicia Rn- barth das Ankleidezimmer, um ihren Vater aufzusuchen. Sie sand ihn, wie sie es erwartet hatte, mutterseelen-- 631 allein in dem unbehaglich großen Speisesaale, wo er, von dichten Rauchwolken umschwebt und ganz in seidene Decken gehüllt, lesend in seinem Rollstuhle saß. Die schon zur Hälfte geleerte Portweinflasche stand neben ihm auf einem Tischchen, und rings um ihn her, über den Fußboden und die nächsten Stühle zerstreut, lagen Dutzende von Zeitungsblättern, deren aufmerksames Studium seit mehreren Stunden seine einzige Beschäftigung gebildet hatte. Als er Felicia eintreten hörte, erhob er den mit einem schwarzen Sammetkäppchen bedeckten Kopf.. Und etwas wie Erstaunen spiegelte sich auf seinem lebhaft geröteten/ ziemlich ausdruckslosen Gesicht, als er sie erkannte. Es schien, daß er die Lippen zu einer Frage öffnen wollte; aber seine Tochter kam ihm zuvor: „Guten Abend, Papa!" sagte sie, indem sie mit einer Handbewegung die auf einem niedrigen Hocker liegenden Zeitungen herabstreifte und ihn neben den Rollstuhl des Vaters schob, um sich hart an seiner Seite niederzulassen. „Es freut mich, daß Diu Dich nicht hast zju Bette bringen lassen; denn ich möchte etwas Wichtiges mit Dir besprechen." Mr. George Rubarth verzog sein gedunsenes Gesicht zu einer kläglichen Grimasse. „Also soll ich wieder einen Ball geben oder dergleichen? Und ich glaubte, ftir ein paar Wochen würdest Du mir noch Ruhe gönnen." „Nicht nur für ein paar Wochen, sondern für viel, viel länger. Ich möchte endlich meinen lange gehegten Entschluß zur Ausführung bringen, Papa — nröchte morgen nach Newyork und von dort mit dem nächsten Dampfer, für den ich ein Passagebillet erhalten kann, nach Deutschland fahren." (Fortsetzung folgt.) Der Mentor der Reisenden. Ein Gedenkblatt zum 100. Geburtstage Karl Baedekers. (3. November 1901.) Von Dr. Albert Lüders. (Nachdruck verboten.) Seitdem Eisenbahnen und Dampfschiffe schnelle und im Vergleich mit früher» Zeiten auch billige Verbindungen nach überall hin geschaffen haben, hat das Reisen einen gewaltigen Umfang genommen. Wer nicht jeden Pfennig für das zum Leben unumgänglich Notwendige verbraucht, sucht es möglich zu machen, im Sommer doch einige Tage dem Alltagsgetriebe seines ständigen Wohnorts anders wohin zu entweichen, oder wenigstens einmal in seinem Leben eine größere Reise zu unternehmen, die ihn nach Gegenden bringt, wo die Menschen einen anderen Dialekt oder eine ganz fremde Sprache reden. Unter allen Völkern des Erdballs, auch Engländer und Amerikaner inbegriffen, ist der Deutsche der reiselustigste Gesell, und so ist es denn auch nicht zu verwundern, daß aus unseres Volkes Mitte jener Mann hervorgegangen ist, der dem Reisehandbuch die zweckmäßigste — und wenn man bei so vorwiegend praktischen Dingen den Ausdruck brauchen darf — die idealste Form gegeben hat: nämlich Karl Baedeker „der getreue Mentor aller Reisenden", seit dessen Geburt am 3. November ein Jahrhundert verstrichen ist. Als „Erfinder" des Reisehandbuchs kann man Baedeker allerdings nicht bezeichnen; denn in der zehnbändigen Peri- egesis oder Rundreise des Pausanias besitzt die Weltlittera- tur ein iiber 1700 Jahre altes Werk, welches in einer im doppelten Sinne des Wortes klassischen Weise die Sehenswürdigkeiten des alten Griechenland für die Zwecke des Touristen schildert, und mit Recht der antike Baedeker genannt werden kann. In den Zeiten des Mittelalters sieht es aber dann mit Reisehandbüchern sehr dürftig aus, weil zunl Vergnügen nur etliche vornehme Herren und Fürsten reisten. Beschreibungen dieser Reisen aus den Federn ihrer gelehrten Begleiter sind zwar massenhaft vorhanden, aber in schwülstiger und ungenießbarer Sprache nur zur Verherrlichung dieser hohen Herren geschrieben, welche darin mit Odysseus und Herkules verglichen werden. Streng sachliche Bücher, die nur für das praktische Bedürfnis des Reisenden geschrieben sind, tauchen erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf, wimmeln aber, da sie nur zum Teil auf Grund eigener Anschauung des Verfassers, zum andern Teil aber nach unzuverlässigen Beschreibungen dritter Personen von ihren Autoren verfaßt wurden, derart von Nngenauigkeiten, daß sie zu gerechten Beschwerden reichlichen Anlaß gaben. Hier setzten nun die Bestrebungen Baedekers ein, welcher als erster der reisenden Menschheit Handbücher schuf, in welchen jedes überflüssige Beiwerk streng vermieden und in kürzester Fassung alles Wissenswerte über ein bestimmtes Land zusammengetragen war. Die zahllosen Auflagen, die seine rot gebundenen, in deutscher, französischer und englischer Sprache abgefaßten Bücher erlebt haben, und mit jedem Jahre neu erfahren, sind ein bündiger Beweis, dafür, in wie ausgezeichneter Weise ihr Verfasser seine Aufgabe gelöst hat, und es wird kaum einen Reisenden' geben, der es je bereut hätte, seinen Angaben, Ratschlägen und Warnungen gefolgt zu sein. Karl Baedeker, der in Essen als ältester Sohn des Buchhändlers und Buchdruckers Gottschalk Diederich Baedeker das Licht der Welt erblickte, war eine lebhaft angelegte, der Begeisterung für alles Gute, Schöne und Edle fähige Natur. Dies beweist schon der Umstand, daß der noch nicht 11jährige Knabe nur mit Mühe davon zurückgehalten werden konnte, mit den deutschen Armeen nach Frankreich zu ziehen, als Napoleon I. nach seiner Flucht von der Insel Elba im Jahre 1815 aufs neue die Kriegsfurie entfesselte. Als er im Jahre 1817 nach Heidelberg gegeben wurde, uni dort den Buchhandel zu erlernen, nutzte er die ihm gebotene Gelegenheit zur Erweiterung seines Wissens aus, indem er nach Ablauf der Lehrjahre sich als Hörer an der ehrwürdigen Ruperto-Carola ein schreiben ließ und Vorlesungen über Geschichte und Philosophie hörte. Dem Studium folgte dann das Freiwilligenjahr, welches er 1822 bei den Wetzlarer Jägern abdiente, und nach dessen Beendigung er der Landwehr als Leutnant zugeteilt wurde. Später begab er sich dann nach Berlin, wo er im Geschäft des bekannten Buchhändlers Georg Andreas Reimer zwei Jahre lang in Stellung war, und in dessen Familie, den: Vereinigungspunkte der berühmtesten, echt deutsch gesinnten Männer des damaligen Berlins, reiche Anregung fand. Später, int Jahre 1827 machte er sich in Koblenz selbständig, wo die seinen. Namen tragende Firma blühte, bis sie im Oktober 1872 nach Leipzig übersiedelte. Den ersten Anlaß, als Reiseschriftsteller aufzntreten, gab ihm der Erwerb der Rohlingschen Buchhandlung, mit welcher er auch den Verlag von Kleins „Rheinreise", einem damals viel benutzten Reisehandbuchs, übernahm, dessen große Mängel seinem scharfen Blick nicht entgingen. Jedenfalls waren das von den schon damals zahlreich den Rhein besuchenden Engländern benützte Handbook von Murray in London, und das Werk von Reichard „Guide des Voyageurs en Eürope" dem Buche Kleins nicht un- bedeutend überlegen. Als begeisterter Freund der Schönheiten des Rheinlandes und des ganzen übrigen Deutschland machte er sich daher daran, dieses Buch, als es in dritter Auflage erscheinen sollte, selber umzuarbeiten, worauf es im Jahre 1839 die Presse verließ. Trotz des Beifalls, welchen es fand, konnte es Baedeker selbst nicht befriedigen, der kürz entschlossen die noch zur größeren Hälfte vorhandene Auflage unbrauchbar machte, um eine Vielfach verbesserte Neuauflage zu veranstalten, die den hohen Ansprüchen, die er an sich selbst stellte, entsprach. Der glänzende buchhändlerische Erfolg, den er damit erzielte, veranlaßte ihn noch in demselben Jahre zur Herausgabe von Reisehandbüchern über Holland und Belgien, denen im Jahre 1842 das später in zwei Teilen herausgegebene „Handbuch für Reisende durch Deutschland und den österreichischen Kaiserstaat" folgte. Zwei Jahre päter erschien die „Schweiz", dasjenige Buch, welches nach, einem eigenen Ausspruche am meisten nach seinem Wunsch ausgefallen war. Den Schluß seiner Werke, welche sämtlich das Produkt eigener Reisen waren, bildete das 1855 n erster Auflage erschienene Reisehandbuch über Paris. Im Jahre 1859 wollte er sich wie alljährlich auf Reisen begeben; aber die preußische Mobilmachung, welche die ganze Armee gegen Napoleon III. an den Rhein ver-. ämmelte, vereitelte seine Pläne, da auch seine besten Mitarbeiter, seine Söhne, dem Rufe zu den Waffen folgen mußten. Mißmutig verschob er seine Reise aus den Herbst.! Die Ausführung derselben vereitelte indes der Tod, tstr 632 Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Logogriphscherze in vor. Nr.: 1. Graf, Gram, grau, Grab. 2. Geste, Gaste, Guste. 3. Main, Mato, Mais. 4. Stern, Stein. 5. Stumme, Stamme, Stimme. iün am 4. Oktober 1859 von den schweren Brustkrämpfen erlöste die seine letzten Lebenstage leidensvoll gestalteten, ibn aber doch nicht daran hindern konnten, mtt voller Umsicht seine letztwilligen Verfügungen zu treffen und die Fortführung der Reisehandbücher in fernem Smne nach seinem Ableben sicher zu stellen. Baedekers Hauptverdienst ist es, daß er den wertaus größten Teil des von ihm verwerteten Materrals auf eigenen Reisen sammelte, die er weder zum eigenen Vergnügen noch aus angeborenem Wandertriebe, sondern lediglich im Interesse der Sache selbst alljährlich im Sommer unternahm. Unermüdlich bereiste der kleme, brert- schulterige, wohlbeleibte Mann ganz Mitteleuropa, um eine Bücher stets auf der Höhe der Zeit zu erhalten. Was er in der schönen Jahreszeit in tausend Notizen gesammelt, und aus zahllosen Zuschriften des Reisepublikums zusammengetragen, das an seinen Publikationen naturltch auf das lebhafteste als Mitarbeiter thätig war, das alles wurde dann im Winter in unermüdlicher Arbeit für die Neuauflagen verwendet, in denen, wie bekannt, nicht nur die Sehenswürdigkeiten samt dem bequemsten und kürzesten Wege, sie zu besuchen, sondern auch die Gasthauser und Restaurationen mit der Qualität ihrer Leistungen, ihren Preisen und sogar den in ihnen üblichen Trmk- geldern Aufnahme fanden. „ Es ist kein Wunder, daß er unter diesen Umstanoen gar bald der Gegenstand der Sagenbildung wurde. Wiederholt wollte man ihn an verschiedenen, weit von einander entfernten Orten gesehen haben. Gar mancher Reisende, der entweder eine entfernte Aehnltchkett mit ihm besaß oder die Kühnheit hatte, sich mit einem falschen Stamm in das Fremdenbuch des Hotels einzutragen, zog aus dem Baedekers Namen umgebenden Nimbus Vorteile, indem sich der unverschämteste Oberkellner sofort in einen schweifwedelnden Pinscher verwandelte, und der .Hotelier, der sonst sein Geschäft als Raubritter nur allzu vortrefflich verstand, mit Glanzleistungen seiner Küche und seines Kellers ' gegen äußerst müßige Bezahlung aufwartete. Inzwischen wandelte der echte Baedeker in unauffälligem Touristenanzuge, den Regenschirm in das oberste Knopfloch seines Rockes eingehängt, eine Reisemütze mtt breitem Schirm auf dem Kopfe, ganz wo anders herum, nicht zum Entzücken der Wirte, unter denen er furchtbare Musterung hielt. Der Stern, welcher noch heute neben denjenigen Hoteladressen bcigedruckt ist, welche dem Reisenden" als ganz besonders empfehlenswert bezeichnet werden kömren, galt als eine Auszeichnung von so hohem Werte, daß wiederholt Wirte, welchen er diesen aus allerdings sehr triftigen Gründen entzogen hatte, sich an ihn in den kläglichsten Briefen, und unter den heiligsten Beteuerungen der Besserung wendeten, um der Auszeichnung wieder teilhaftig zu werden, deren Verlust in der That auch oft genug den schwersten Schaden für sie bedeittete. Baedeker blieb jedoch gegen alle diese Bitten ebenso unbeugsam, wie gegen die zahllosen Bestechungsversuche in Gestalt von Geld, Weinsendungen, Zigarren und Delikatessen, mit welchen sich der eine oder andere Wirt in seine Gunst einschleichen zu können glaubte. Bezeichnend für seinen makellosen Charakter sind die Begleitumstände einer von ihm errichteten Stiftung. Seine eigenen, zahlreichen, militärischen Hebungen und die seiner Söhne hatten ihm auch einen Einblick in das Elend gestattet, in welchem so mancher Landwehrmann, seine Familie inzwischen zurückließ. Er zeigte daher eines Tages dem Kriegsministerium an, daß er eine Stiftung errichtet habe, aus deren Erträgen die Familien armer Landwehrleute während der Uebung unterstützt werden, sollten. Hinterber kam ihm der Gedanke, daß man ihn dasür vielleicht von oben mit einem Orden oder einer Titelverleihung bedenken förtite. Er setzte sich deswegen alsbald zu einem zweiten Briefe hin, in welchem er vorweg jede Ehrung für feinen Wohlthätigkeitsakt ablehnte, und sogar mtt Zurückziehung desselben drohte, wenn man etwa wirllich eine Dekorationserteilung beabsichtige. Die nüchterne, telegraphisch kurze Schreibweise seiner Reisehandbücher machen diese nicht zu einer Lektüre, aus der man sich im Lehnstuhl am warmen Ofen ein farbenprächtiges Bild einer Gegend aufbauen kann; das ist aber auch nicht der Zweck derselben, obwohl sie an AnRednklion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen. schaulichkeit das erdenllichste leisten, und hier und da wie in Baedekers „Rheinlanden" sogar ent poetischer Schwung ihnen eignet. In ihrer ganzen Art und Weise sind sie aber vorbildlich geworden für alle späteren, großen Werke dieser Richtung, und sie erheben sich turmhoch über jene zahlreichen Reisebücher, die von provinziellem Lokalpatriotismus angefüllt sind, in welchen der Reisende aber nicht das findet, was er gerade am allerwichtigsten braucht, nämlich zuverlässige thatsächliche Angaben, während das Unkraut der schönen Redensarten den Weizen der praktischen Sachlichkeit überwuchert. Schöpfungen der Jngenieurtechnik der Neuzeit. Von Bauinspektor Curt Merckel. Mit zahlreichen Abi bildungen. Geh. Mark 1, geschmackvoll geb. Mark 1.25. Verlag von B. G- Teubner, Leipzig. Die „Schöpfungen der Jngenieurtechnik der Neuzeit"- dürsen heute auf ein weites Interesse rechnen. Das vorliegende Bändchen führt in acht Kapiteln unter Einschaltung einer größeren Anzahl Abbildungen eine Reihe von Ingenieurbauten aus dem Gebiete des Verkehrs vor, welche unter den zahllosen im neunzehnten Jahrhundert ent-t standenen Leistungen einen hervorragenden Platz einnehmen. In fünf Kapiteln gelangen die Gebirgsbahnen, bte Bergbahnen, die transkaspische und transsibirische Eisenbahn, sowie die chinesischen Eisenbahnen zur Besprechung. Die Vorläufer der Gebirgsbahnen, die bedeutenden Gebirgsstraßen der Schweiz und Tirols, die großen in Asien beretts entstandenen oder in der Ausführung begriffenen undi projektierten Eisenbahnverbindungen, welche zweifellos in absehbarer Zeit berufen sein dürften, nicht nur in verkehrlicher, sondern besonders auch in politischer Beziehung eine große, Rolle zu spielen, werden eingehend geschildert. Das siebente Kapitel behandelt in kurzen Zügen die modernen Kanalbauten mit den bereits zur Ausführung gekommenen Neuerungen oder den im Entwicklungsstadinm befindlichen Umgestaltungen, wie den elektrischen Schiffszug, bte schiefe Ebene rc. Das Schlußkapitel beschäftigt sich mtt den Hafenbauten und läßt erkennen, welche manntg- faltigm Forderungen die moderne Seeschiffahrt bei der ständig wachsenden Bedeutung derselben an diese Anlagen stellt. , . Wir wünschen dem Bändchen, das uns ttt trefflicher und ganz gemeinverständlicher Darstellung über die neuesten Schöpfungen der Technik unterrichtet, bei dem billigen Preise und der geschmackvollen, gediegenen Ausstattung eine recht weite Verbreitung. GeMernnütziges. EinMittelgegendas Ausfallender Haars besteht darin, daß man sich die Haare einmal wöchentlich! ganz schneiden läßt, den Kops täglich einmal mtt warmem Wasser und weißer Seife wäscht und denselben mit folgen- I der Lösung tüchtig einreibt: 100 Gramm Kampherspiritus, 25 Gramm Terpentinöl, 5 Gramm Salmiak. P. u. „Praktischer Wegweiser", Wurzburg. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). Fluss