Donnerstag den 3. Dktober. Nr. 141. 1901. W -M'fM auiiii ME! Goethe. Sul^cnn bti dich selber machst zum Knecht, Bedauert dich niemand, geht's dir schlecht; Machst dn dich aber selbst zum Herrn. Die Leute seh'n es auch nicht gern; Und bleibst du endlich, wie du bist, So sagen sie, daß nichts an dir ist. (Nachdruck verboten.) Der Erbe von Petershagen. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) VIII. Als Eitel Fritz auf dem heimatlichen Bahnhof das Abteil verließ, trat ihm der Inspektor Breymann entgegen. Eitel Fritz erschrak leicht bei dem Anblick des alten Mannes. Tie ganze Fahrt hindurch hatte er seinen Geist mit dem Gedanken zermartert, wie er Else Breymann 'gegenüber treten sollte. In der letzten Zeit hatte er wenig tat Else gedacht, ihr Bild wohl mit Gewalt zu verscheuchen gesucht, heute aber auf der einsamen Fahrt, heute, wo der Kuß Irmas auf seinen Lippen brannte, heute ließ sich .Elsens Bild nicht verscheuchen, und wich auch selbst nicht den ernsten- Gedanken an den kranken Vater. Und jetzt, da er den Boden der Heimat wieder betrat, war der erste der Vater Elses, der ihn mit ehrlichem Handschlag begrüßte! ' War Breymann geschickt, um ihm das Schlimmste mitzuteilen? „Herr Breymann — Sie hier? Wie steht es mit Papa?" Ter Inspektor las in Eitel Fritz' Augen die bange .Ahnung. .. „Beruhigen Sie sich, Herr Leutnant", entgegnete er. >,Tie Hoffnung besteht noch, daß Ihr Herr Papa wieher gesundet. Freilich — ganz der Alte wird er wohl nicht wieder werden." „Ein Schlaganfall?" „Ja — der Herr Baron neigte ja stets dazu — und dann der gute, schwere Rotwein — na, wie gesagt, Herr 'Leutnant, man muß das Beste hoffen. Frau Baronin bat mich, Sie abzuholen, da die Damen den Herrn Papa nicht perlassen wollten. — Der Kranke wünschte auch Sie um sich Zu sehen, ebenso'wie Herrn von Sannow." „Herr von Sannow ist im Schloß?" ' Ein leichtes Lächeln huschte über die ernsten Zuge des Inspektors. „Seit gestern schon, Herr Leutnant = nun, Sie wissen es. ja auch, weshalb Herr von Sannow so oft kommt. Tie Herrschaften machen ja auch kein Geheimnis daraus^ und Ihr Herr Papa hat offen mit mir über die Verlobung gesprochen, die in den nächsten Tagen veröffentlicht werden', sollte. Tas ist freilich, jetzt ein trauriges Verlobungsfest."' Man hatte unterdessen den Wagen bestiegen, dessen) Pferde der Inspektor selbst lenkte, während der Kutscher- den hinteren Sitz einnahm. Schweigend saß Eitel Fritz neben dem Inspektor. Der^ Weg führte durch die abgeernteten Felder, die herbstlich öde dalagen. Ein feuchter- Nebel hüllte die Gegend ein, und verlieh ihr einen düsteren Eindruck, der durch hie' tiefer und tiefer sinkende Dämmerung_ noch verstärkt wurde. Kaum erkannte Eitel Fritz die Heimat wieder, so schien sie sich verändert zu haben. In seiner Erinnerung stand der sonnige Frühsommertag, die goldene Flut der Mehren, die im leichten Sommerwinde träumerisch auf und nieder wogten, er hörte noch den jubilierenden Schlag der Lerche in hoher Luft, und der Duft des reifenden Korns, der abgemähten Wiesen schien ihn wieder zu umwallen. Tort hinten ragte der einsame Baum im Felde empor, unter dem er mit Else gesessen! Kahl und fast blätterleer streckte er seine Aeste gen Himmel, auf seiner höchsten Spitze schaukelte sich eine Krähe; jetzt breitete sie die! schwarzen Schwingen aus, schlug einigemale mit den; Flügeln, stieß ein rauhes Krächze:: aus, und strich schwer-! fälligen Fluges durch den feuchten Nebel dem fernen) Walde zu. Und tiefer sanken Nebel und Dämmerung nieder, und; schwerer ward dem jungen Offizier das Herz. Petershagen tauchte auf, die Lehmhütten des Dorfes,! einzelne stattliche Bauernhäuser, dann die langgestreckten! Wirtschaftsgebäude des Gutshofes, und oberhalb desselben; das alte Herrenhaus, dessen Fenster bereits erleuchtet waren.! Als sie an dem Thore des Wirtschaftshofes vorüberfuhren, warf Eitel Fritz einen raschen, scheuen Blick nach dem Jnspektorhaus; es war ihm, als stände Else in derf Thür, doch konnte er ihre Gestalt nicht deutlich erkennen —ü und dann hielten sie vor der Rampe des Schlosses. Herr von Sannow und Ruscha traten aus dem Porta!,; und begrüßten Eitel Fritz herzlich. Ruschas Augen zeigten Thränenspuren, und doch schwebte um ihre Lippen ein halb schmerzliches, halb glückliches Lächeln. Fest drückte Arno Sannow die Hand des Jugend^ freundes. „Wir sind Brüder, Eitel Fritz", sagte er mit bewegter Stimme. „Ruscha ist meine liebe Braut . . . heute =- am Krankenbett des Vaters haben wir uns verlobt." „Ich wußte es — Inspektor Breymann sagte es mir ee NUN Glück und Segen Eurem Bunde. . , aber — was macht Papa?" . v rp „Es geht ihm leidlich. T-er Arzt grebt Hoffnung £) doch! nun komm, Papa erwartet Dich-." In dem alten Herrenhause herrschte tiefe Stille. Die 562 er. ftarre^uge.^ nid)t gesagt, mein Lunge", lallte „Tas ist das Ende — das Ende. . . gut, das,- Tn Erschöpft sank er in die Kissen zurück, und Eitel Fritz begrüßte die Mutter und seine Schwester Wanda, die in ) Schmerz wie erstarrt waren, aber doch ihre Haltung selbst in diesem Augenblick bewahrten. , „Ein trauriges Wiedersehen, mein Sohn -sagte die Baronin, das Spitzentaschentuch an dre Augen führend. Mann geschah es, Mama?" "Gestern abend nach Tisch - wir saßen alle beisammen auch Arno war gekommen — als Papa Plötzlich vom Stuhle sank - Tu kannst Dir unser Erschrecken vorste len! Es war gut, daß Sannow zugegen war — auch Inspektor Brey- mann war anwesend - die Herren hatten lange mit em- S konferiert -- Du weißt ja, Sannow hatte um dre Hand Ruschas angehalten, und da gab es wohl mancherlei zu ordnen. Das muß Papa sehr erregt haben — er trank auch wohl gestern abend mehr, als ihmzuträglich aber er war sehr heiter, bis er plötzlich, zusammenbrach, ckh, Cy ^Der Ärz^bat, den Kranken allein zu lassen, damit er sich nicht aufrege. Nur ein alter Tr en er sollte bei dem Herrn bleiben, der zum Einverständnis lercht mrt der heit, stolze Einfachheit — dort eine glänzende Außens feite, prahlerischer Reichtum, und ern gewisse« Hauch de^, Abenteuerlichen, der ihn von Anfang an mißtrauisch ge-- würde sich! Irma in diesen Kreis einstigen, und wie würde Else seine Treulosigkeit ertragen? Diese beiden Fragen beschäftigten fortwährend fern^ Seele, und peinigten ihn in qualvoller Werse. Wenn er doch seinen Vater um Rat hatte fragen können — wenn er sich ihm doch hätte anvertrauen können. Der alte Diener trat ein, und meldete, daß der alte: Herr Baron den Herrn Leutnant zu sprechen wünsche. Rasch begab sich Eitel Fritz in das Krankenzimmer, das von eurer Lampe matt erleuchtet war. . „Setze Dich zu mir, ment Junge, murmelte der Kranke. ^„Ganz nah — hier aufs Bett — rch suhle, daß e^ zu i Ende geht..." 9Ib£t 9ß(W(X . . .... "Laß nur — 's ist gut, daß der Doktor uns auf ernrgs Stunden verlassen hat. . . er wollt's nicht erlaubem daß ich mit Dir spreche . . . und doch muß es seuu-Greb mrr Deine Hand — so — so — rch danke ~ti. .M heiße Hand Tu hast! Ja, ja, dre Jugend . . . dre ^ugend. Der Kranke schien freier zu atmen, und zu fprecheu. Selbst das linke Augenlid vermochte er etwas zu heben, und die Gesichtszüge waren nrcht mehr von solch ent setzlicher Starrheit. Mit Freuden begrüßte Errel ^rrtz diese Angeichen bet ^Bc^cnincj. Hans Joachim machte eine abwehrende Bewegung. „Ja, ich fühle mich leichter", sagte er, . „ s r,h das letzte Aufflackern. meine Kraft rst erschöpft... W JchchM^PaPw Aber Du solltest ruhig liegen bleiben s "Laß nur - es ist doch einerlei. - Du weißt, wre es mit Vetersbaaen steht — nicht so schlimm, wenn Du etwas Geld hineinstecken kannst - - - versprich mir, alles zu ver- ÄW NI b» «i d« Wie" lange noch-und dann - ich bin ein gebrochenes Mann - Du - Du mußt alles m dre Hand- nehmen börit Du? — Dreymann werß Bescheid — er tft treu wenn ich ihn nickt gehabt hätte... er war ment bester I Freund — er hat mir auch- jetzt wieder geholfen... hat es ermöglicht, daß Ruscha Sannow,herraten kann m I Erschöpft hielt der Kranke inne, ferne Brust arbeitete heftig und krampfhaft, Eitel Fritz hob ihn etwas empor, matt und schwach, hilflos wie ern Krnd lehnte der Kranke an der Brxst Fi^SohnE _ mlr wird Wiede« I leichter — ah wenn nur diese entsetzliche Schwere in den Gliedern - dieser dumpfe Druck im Gehirn weich,en I iä)i 6itte Dich-, sprich nicht mehr — blerb' ruhig Dienerschaft ging le^ unche^ mrd » jg .um, I -mMn"der Arzt, ein alterLandarzt I keilick - mau muß sich aufs Schlimmste gefaßt machen. Wenn sich der Anfall wiederholt.. . ' ~ Ein beredtes Achselzucken beendete dre Worte de^ 9tr5t^nn trat Eitel Fritz in das Krankenzimmer. -- Ta lag die kraftvolle Gestalt seines Vaters schwach und hilflos auf dem Lager - niedergeschmettert tote eme Z?durch S Blitzstrahl - kaum vermochte er dre Hand ! zu erheben, zürn Zeichen, daß er den Sohn erkannte. Weinend, tief ergriffen beugte ftcE)i Ertel Frrtz Ü6er S'tt Sohn . . . mein Eitel Fritz", lallten die Livven des Kranken kaum verständlich. , Dann tastete seine Rechte nach der Hand des Sohnes, während der linke Arm, kraftlos und schwach, regung^- Ww furch,tbar hatte sich fein Vater, der doch in seinem Alter noch ein schöner Mann gewesen war, verändert. Tas fahle Gesicht glich einer starren, schmerzverzerrten MasU, das linke Auge bedeckte das Lid,__ wahrend sich das über dem rechten Auge nur mühsam öffnete. „Papa, mein lieber, guter Papa! . . . schluchzte Eitel $ri$Ein Lächeln flog kaum bemerkbar über des Kranken ItC°en9iein" laß mich! sprechen - das eine noch - meiw armer Junge ich bin hart gegen Dich gewesen, weck Elf-BÄL'n u-bst -’n. rUiLn ihrprbprt — ich hab s wohl bemerkt tm Sommer es mußte ch auch! so kommen, die Else ist ein braves und - fei 7»>°. «irft+a KTPfir aeaen Deine Liebe — der mte -orrq.nuua ni ÄSman9n - ®fe ein liebes Kind -meme SW«■ - - möchte - Euch, - so g«ne_ glücklich. . - ah, ^toenrt Srb?en Ön-W - ~ öffne das Fenster der ÄÄÄ fS SM «cke^Worte - ein schmerzlicher Ausdruck verzerrte sein Gei ch? dann sank er dumpf stöhnend, und schwer tote. I eine tote Masse in die Arme seines Sohnes zurucr. Sanft legte ihn dieser auf die Kissen nieder, und horckste angstvoll auf den Schlag des Herzens, und das » mich - =rr=«>.ft « I mich?" Keine Antwort — keine Bewegung! (xtfpr $rti3 gab ilm auf, eine namenlose Augst uver-^ dermaler durfte nicht sterben I ach, sein Vater war ja der etnztge, bei dem er Vertrau ° „Wirst hungrig sein, mein Junge — geh nur — nach- I fier komm wieder — ich- — ich — habe mit Dir zu sprechen. I Man begab sich in das Speisezimmer, doch vermochte Eitel Fritz kaum einige Bissen zu genießen. Er trank hastig einige" Glas Wein, er bedurfte der Anregung, er suhlte, ionck wäre er in nervöses Weinen ausgebrochen. ~ic Er- nnerung an die Vergangenheit, die Ungewißheit der Zukunft lasteten mit fast unerträglichem Druck auf ferner - 8L * te m“sen nrf>, als « wn Arm- Mchi-d itnmmen° als er die Gewißheit ihrer Liebe erlangt zu haben glaubte, erschien ihm die Zukunft in hellerem mchte selbst wenn die Hand des Sodes m die Speich-u. des Schicksals seiner Familie emgreifen sollte. Und fetzt legckn sich doch wieder schwere, düstere Wolken nm, die Zukunft. " Eiu quälendes Gefühl der Reue zerriß sein Herz, wenn er mi Else Breymauu dachte — und dann wallte sein Blut ihm iuicber heißer durch, die Adern, erinnerte er sich des Kusses Irmas! Aber hier im Kreise der SeiUigen, der stolz-vornehmen Mutter, der leidenden Schwester, der einfach-lieblichen Ruscha, und des ,ehrlichen Arno San- noto, trat ihm so recht der Nuterschted zwischen dich en und Irma Weserliug entgegen. Hier alles ruhige ^>ornehm- u [' 9 r i t 1 1 563 Aus dem SomlemMangs-LmM. Von Wilh. F. Brand. Nachdruck verboten. V. Die Geischa. — Unser Tanzsaal. — 'Speisekarte. — Mit Stäben essen. — Kredenzung des Sakee. — Dcusir und Tanz. — Tie Moral. — Küssen ist unanständig. — Die goldenen Käsige der Joschiwara. — Bon den Eltern verkauft. — „Eben "auf Kündigung. — Wirkliche Ehen. ^rauungml.- — Scheidungszahlen und Scheidungsgrunde. Tie Geischa! Welch ein Zauber liegt in diesem Worte für jeden Japaner, ja, imb auch für mancye Europäer. Tie Geischa ist eine berufsmäßige Täuzerm. Man nennt sie wohl eine öffentliche Tänzerin, aber nur insofern, als sie für Geld langt, man könnte sie aber eoenso gut als erne private Tänzerin bezeichnen, insofern cs in Japan offentlrche Tanzaufführungen eigentlich gar nicht giebt. Wie der Japaner keine Gesellschaft zu Hause giebt, so ist er auch, allen öffentlichen Geselligkeiten und Vergnügungen sehr abhold. Selbst im Hotel lebt er ganz für sich auf, seinem Zrmmer, oder dock' nur im Kreise seiner Angehörigen. Oeffentlrche Speise-, Lese- und Rauchzimmer find in rein japanischen Gasthöfen völlig unbekannt. Will er ein Fest geben, so ladt er seine Freunde in ein Theehaus, aber unbedingt m ein Separatzimmer, läßt die Frau daheim und amiisiert sicy mit seinen Gästen in Gesellschaft 'der Gerscya Dre Idee ist ebenso selbstisch wie genußsüchtig und sinnlich., indessen : die Form, der ganze Don bei solchen Gelagen ist so verfeinert, dein Japaner ist alles Gemeine so zuwider, daß man jene Idee darüber ganz vergessen könnte., «wei japanische Herren waren so liebenswürdig gewesen, mich"zu einem solchen „Geischa-Tanz" und einem japanischen Tiner einzuladen — denn zum „Tanz" gehört unerläßlich ein Schmaus — und außer mir noch ein Mitglied einer europäischen Gesandtschaft, das aber, auch schon etliche ^ahre in Tokio ansässig, fast ebenso gut mit den einschlägigen Verhältnissen bekannt schien, wie die beiden Japaner ftcbst. Ich! durfte also wohl sicher sein, daß uns hier alles in der echten und besten Art vorgesührt und wir nicht etwa so wie manche durchreisende Planeten-Pilger Mit Schein und Schaum abgespeist wurden. ' Unser Gesellschaftsraum war groß, nach japanischer Art ringsum Von Wänden eingeschlossen, die, nur aus leichtem, verschiebbarem, mit Papier überklebtem Rahmenwerke gebildet, am Tage nur ein gedämpftes, aber um so, woyl- thuenderes Licht durchlassen. Der Fußboden war überall mit den üblichen Binsenmatten belegt, und. wie in allen japanischen Zimmern fehlte jedes Stück Möbel. Nur hatte man in Erwartung unseres Besuches bereits wer Kissen auf den Fußboden gelegt, und neben jedem stand , das übliche Hibaschi, ein mit feurigen Holzkohlen angesullter Behälter, die einzige Heizvorrichtung in den von Papicr- wändlein eingeschlvssenen Räumen des oft empfindlich kalten Japan. Unsere Stiefel hatten wir der Landessitte gemäß bereits an der Hausthür ausgezogen und waren eben in Strümpfen in den „Tanz-Saal" marschiert. Kaum hatten wir uns auf unseren Kissen niedergelassen, als nun bald nacheinauoer, einzeln und zu Paaren, zehn bis zwölf allerliebste junge Mädchen eintraten, zu unserer Begrüßung mit vollcudeicm Anstand sich bis auf .den Boden verneigend, alle tn prächtigen Gewändern, in schmetterlingsfarbenem Kimono und noch bunterem Obi. Je jünger sie waren, um so Heller, ihre Kleidung; und es waren einige recht junge darunter, einige wenig über zwölf Jahre alt. Und so war mir's den ganzen Abend, als wären wir in ein Mädchenpensionat eingebwchen. War dock'! auch das Benehmen der Geischa durchweg wie das lustig aufgelegter, aber durchaus wohlerzogener junger Mädchen aus einer Pension für Töchter höherer Stande. Sie lagerten sich uns gegenüber oder auch, um uns per in bunten Gruppen auf dem Boden, während die Wienerinnen kleine, niedrige Gestelle für uns hereinbrachten, auf denen sie dann die Speisen servierten. Und was für Speisen! Ta gab es Misoschlvo und «a- hana und Tamago-Yaki und Schigi-nabe und Unagi-meschi. Ja so, es versteht nicht jeder Japanisch Ich nämlich auch nickst. Aber ich glaube, wir hatten eine Art recht schmackhafter Bohnensuppe, einen mir unbekannten Fisch roh, etwas wie eine Omelette, geschmorte Schnepfen, Reis, mit Aal, und was weiß ich, was noch, alles in ganz kleinen Portionen, in ganz kleinen niedlichen Gefäßen, und alles wurde Mit den landesüblichen Stäbchen zum Munde gefuhr^. Tas thue einmal einer, der es nicht gelernt hat: Ich wäre denn auch, obschon die Schmauserei eigentlich den aanzen Abend hindurch dauerte, gewiß zu kurz gekommen, wenn nicht ein paar allerliebste kleine Backfische nur zur Seite in buchstäblichem Sinne des Wortes inichi gefuttert hätten. Tie ganze Gesellschaft lachte mich! aus — natur ich — ebenso wie man über „mein Japanisch lachte, aber selbst! bei diesen kleinen Unarten benahmen sich die Mädchen so artig und taktvoll, daß ich ihnen nichts weniger als gram 'eUT Uebrigens habe ich: die Grundbegriffe des Stabessens dock: auch, wcgbekommen, und im Laufe des Abends noch manchen Stab voll ganz —oder doch wenigstens teilweise !— seinem Bestimmungsort zugeführt. Die Stabe sind ungefähr von der Größe zweier gewöhnlicher, ungespchter Bleistifte. Man stemmt nun das Ende des einen m den Einschnitt zwischen Daumen uiid Zeigefinger feft dagegen, während man den andern mit Daumen, Zeige- und Battcl- fiuaer hält. So werden sich die unteren Enden der «stabe leicht berühren, und auch wieder auseinander bringen ^'^en Geiscka lag es nun ob, uns zu bedienen und zu unterhalten, den Sakee, einen ganz schmackhaften Branntwein aus Reis, unter besonderen Formalitäten, iim.> zu kredenzen und, sich malerisch gruppierend', uns eine Augenweide zu bieten. Tann und wann Huben sie auch ihren mysteriös feierlichen, klagenden und in Anbetracht der steten Dissonanzen kann ich nur sagen: kläglichen Gesang an mit Musikbegleitung auf Samisen und Koto, und ihren Tanz. Indessen /stanzen" die Japanerinnen weniger mit den Füßen als mit den Händen und dem ganzen Körper Graziöse Gesten mit entsprechendem Facher,prel, schöne Wendungen des Körpers sind stets, Mel wichtiger als der Fußsatz, aber graziös, liebreizend ist ja das ganze Auftreten der Geischa, ob sie „tanzt" oder uns zur «eite am Boden kauert und ein Pfeiflein raucht. Und ihre Moral? — Wer verlangt gleich nach einem Sittenzeugnis unserer Tänzerinnen, toeiui er eines Lallet- Aufführung beiwohnt! — Moralischer innere Tänzerinnen werden die Geischa auch nicht sein, wohl aber sind sie in ihrem Auftreten sittsamer und fein er. den Vertragshäfen, wo die Europäer aufasiig sind, und die fremden Reisenden vorwiegend sich aushalten und „was sehen wollen", da sollen auch die „Tanze" einen^ganz anderen Charakter anuehmen, da sollen. sth^uilose Pinge Vorkommen. Aber es ist nicht mehr die eigentliche Geischa, die dort auftritt. Es sind verkommene Dirnen, verdorben aber durch europäische Lüsternheit und europäisches Geld. Hier war nichts Ungeziemendes, nichts Lauten, Nichts Ge- gewagteste Unterfangen, dessen sich eines des . jungen Mädchen einmal erdreistete, war, dap sie auf ; einen Augenblick das elektrische Licht abdrehte. Und was und Verständnis sand'. Er mußte ihm sagen, welche Stürme i sein Herz, sein Leben durchtobten! Aber kein Wort der Erwiderung, des Erkennens, des Verständnisses drang über die bläulichen Lippen des reaunaslos Daliegenden — nur die keuchenden, rasselnden, pfeifenden Töne des Atems, der die Brust zu zersprengen br°f,llnb aufschluchzend sank Eitel Fritz an dem Lager des Sterbenden nieder. Er wußte, das luar das Emde! Tann eilte er fort, seine Mutter, ferne Schwestern zu benachrichtigen — nach kurzer Zeit umstanden alle rn leisem Weinen das Lager, der alte Diener hielt den Sterbenden in den Armen, Rufcha verbarg rhr Antlitz an der Brust des Verlobten, in thränenlosem Schmerze starrte Wanda vor sich hin, während die Baronrn am Bette niederkniete und Eitel Fritz den alten Diener unterstützte, um des Leidenden letzte Minuten zu erleichtern Der Arzt kam ^-schmerzlich bewegt zuckte er die Achseln, ein neuer Schlaganfall war eingetreten — menschliche Hilft war machtlos — gegen Mitternacht entschlief Hans Joachim, der allezeit so fröhliche, geniale Hans Joachim, in den Armen seines Sohnes, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. — — — (Fortsetzung folgt.). 564 hätte man da nun Schlimmes thun können? Einen Kuß erhaschen? — aber es wird in Japan überhaupt nicht geküßt. Tas ist unanständig, und ganz unstatthaft. Ein japanischer Freund versicherte mich, er hätte sogar seine Frau niemals geküßt! — Ich mochte nicht weiter forschen! — wenn eine solche Versicherung nun auch nicht unbedingt in sich schließt, daß er überhaupt nicht wisse, was Küssen heißt. Daß aber immerhin ein solch allabendliches Zusammensein dieser jungen Mädchen mit Männern, die aus alle mögliche Weise zu unterhalten, sie angelernt werden, einem moralischen Lebenswandel gewiß nicht zuträglich ist, versteht sich von selbst. Also ist das Geischa-Wesen nur eine um so raffiniertere Lasterhaftigkeit! Nun, brauchen wir das deutsche Wort: eine verfeinerte! Aber es giebt auch eine krassere Form derselben. Das thut uns ein Besuch in der „Joschiwara", den „Freud en- -seldern", dar, einem ausgedehnten Stadtteile, wo ein sür hiesige Verhältnisse großes, prächtiges Haus sich an das andere reiht, alle ihrer ganzen Länge nach offen, nur durchs ein leichtes Gitterwerk von der Straße abgeschlossen. Und in den Prächtig ausgestatteten, goldstrotzenden Räumen sitzen in langen Reihen, in bunten Gruppen, ansgeputzte Mädchen, das Haar ungewöhnlich hoch, und eigenartig aufgetürmt, und von besonderen dicken, langen Nadeln festgehalten: das Abzeichen dessen, was sie sind. Das sind schon keine Geischa niehr. Sie sind es vielleicht einmal gewesen. Und die Männerwelt zieht musternd vorüber — und jedes Haus hat seinen Preis. Der Anblick dieser goldenen Käfige mit den bemitleidenswerten Häuflein darin ist um so trübseliger, wenn ,totr bedenken, daß dieselben weniger aus eigenem Antrieb hineingeflogen, als in früher Jugend durch die eigenen Eltern hineinverkauft worden sind. Und unbedingter Gehorsam gegen die Eltern ist Kindespslicht. So lehrt es .Konfucius. Diese Mädchen werden daher mehr bedauert 'als verachtet. Aber eben deshalb, weil der Begriff von Schande weniger vorherrscht, ihr Los in diesem Punkte weniger schrecklich ist, als es nach unseren Begriffen sein ,müßte, weil man die ganze Sache nicht mit unseren Augen ! ansieht, wird es rückwirkend auch wieder den eigentlichen Uebelthätern, den Eltern, nicht in dem Maße, wie wir denken sollten, zur ewigen Schwach und Schande angerechnet, wenn sie, in Armut lebend, ihre Kinder opfern. ! Ach, es ist ein wunder Punkt in dem nationalen Leben 'dieses Landes, die barbarische Mißachtung, die schändliche .Unterdrückung des Edelsten und Besten, was das Land ! aufzuweisen hat — der Frau! Hierfür ist auch! die japanische Ehe bezeichnend. Ich meine jetzt nicht die „zeitweilige Ehe", die Ehe auf Kündigung, Verhältnisse, die auch wohl von europäischen Junggesellen mit den Töchtern des Landes aus beliebig lange Zeit eingegangen, und unter ihnen auch wohl als „japanische Ehen" bezeichnet werden. In Anbetracht der geringen Anzahl heiratsfähiger Europäerinnen in Japan, sowie der bei den Japanern selbst herrschenden laxen Moral in solchen Dingen werden derartige Verhältnisse auch unter den Europäern hier wohl weniger streng beurteilt, als es bei uns geschehen würde. Diese „Ehefrauen" werden gewöhnlich durch erwerbsmäßige Kuppler erlangt, oder den Theehäusern entnommen, wenn nicht gar der Joschiwara, und sollen in den meisten Fällen sich treu und ergeben erweisen; aber es ist natürlich! ein großer Irrtum, zu behaupten, daß Töchter einigermaßen achtbarer Eltern sich zu solchen Ehen hergeben würden. Indessen auch die wirkliche Ehe umschließt ein gar lockeres Band. Sie kann sehr leicht eingegangen werden, beinahe ebenso leicht, wie sie sich lösen läßt. Der Trau- ungsakt besteht darin, daß die Brautleute und deren -Eltern und Freunde unter einigen zeremoniösen Verbeugungen etliche Becher Sakee mit einander leeren. Nach! Exners 'trefflichem Buch über Japan kommen aber auf 10 000 Ehen ‘3927 Scheidungen, während in Deutschland dieselbe Zahl von Ehen ca. 60 Scheidungen im Gefolge hat. Es kann indessen nur als ein Beweis der Musterhaftigkeit japanischer Ehefrauen angesehen werden, daß sie nicht noch häufiger don dem Manne verstoßen werden. Denn nach! Konfucius gelten schon solche Lasterhaftigkeiten wie Ungehorsam gegen die Schwiegermutter, Eifersucht und Schwatzhaftigkeit für Grund genug, sich, von der Frau scheiden zu lassen. Der Mann dagegen kann thun was er will, für ihn giebt es keine Scheidung. Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Prof. Tr. Fr. Um lau ft. 24. Jahrg. 1901/02. (A. Hartlebens Verlag in Wien, jährl. 12 Hefte zu je M. 1.15. Vorauszahlung einschl. Franko-Zusendung Mk. 13.50.) Die nahezu, seit einem Vierteljahrhundert erscheinende „Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik" erfreut sich in den weitesten Kreisen des besten Ruses, da sie jedermann, der an der Erdkunde Interesse nimmt, eine Fülle von geographischen Mitteilungen aller Art bietet. Dazu sind die größeren Aufsätze von trefflichen, durchgehends nach Photographien angefertigten Illustrationen begleitet, und jedem Hefte liegt eine wertvolle, vorzüglich ausgeführte Karte bei. Die Reichhaltigkeit dieser Zeitschrift ersieht man auch wieder aus dem eben erschienenen ersten Hefte, dem Anfangsheste des XXIV. Jahrganges: Die Schrnmpfungstheorie im Lichte der Kritik. Von P. Johannes Müller, Gymnasialoberlehrer. — Bahnen in Türkisch-Asien.. Von Friedrich Meinhard in Sofia. (Mit 4 Abb.) — Tie Indianer Mexikos. Bon Heinrich Lemcke in Mexiko. (Mit 3 Abb.) — Afghanistan- Bon Tr. N. Syrkin. (Mit einer Karte.) — Astronomische und- physikalische Geographie . Seltsame Wahrnehmungen an einem Mondkrater. Zur Gradmessung auf Spitzbergen. — Politische Geographie und Statistik. Tie Volkszählung in England im Jahre 1901. Tie Baumwollkultur in China. — Berühmte Geographen, Naturforscher und Reisende. Tycho Brahe. (Mit 1 Porträt-) — Geographische Nekvologie. Todesfälle. Generalmajor M. I. Wenjukoff. (Mit 1 Porträt.) — Kleine Mitteilungen aus allen Erdteilen. — Geographische und verwandte Vereine. — Vom Büchertisch. Kartenbeilage: Afghanistan und die russisch!en und britischen Grenzländer. Maßstab 1:5 00 000. Ter äußerst mäßige Bezugspreis der „Deutschen Rundschau für Geographie und Statistik" ermöglicht ihr eine weite Verbreitung. Gemeinnütziges. ließet das Ei nm ach en der Kürbisse. Die Zeit ist da, in der die geschäftige Hausfrau alle Hände voll zu thun hat mit dem Einmachen und Kochen der Früchte^ für den Winterbedarf. Da wird dann das Kochbuch eifrig zu Rate gezogen, und emsig studiert, welches Rezept zum Einmachen dieser oder jener Früchte am besten sich! eignet, auch der Rat weiser Nachbarinnen gehört, die schon über längst erprobte und bewährte Rezepte verfügen. „Was", sagt dabei die eine, „was Frau Nachbarin, Kürbisse wollen Sie gar einmachen? Nein, nein, das ist nichts; deren Geschmack ist doch mehr oder weniger herb, wild und sauer, nichts Feines; das sagt mein Mann auch, und der verstehts." Die also angeredete Hausfrau aber lächelt still in sich hinein, denn sie weiß aus dem „Erfurter Führer im Gartenbau" ein Geheimrezept, nach dem die Kürbisse einfach! großartig geraten müssen. In Nr. 25 dieses des Nützlichen viel bringenden Blattes steht das Geheimrezept, das wir unseren Leserinnen !auch deshalb nicht verraten wollen. Wenden sie sich! aber per Postkarte nach Erfurt, so wird ihnen die betreffende Nummer kostenlos zugeschickt. A u s M a r m o r entfernt man Fettflecken, indem man einen Brei aus Magnesia und Benzin mengt, denselben ziemliche stark aus die betreffenden Flecken aufträgt, und die Masse 24 Stunden unberührt liegen läßt- Man wiederholt dieses Verfahren, wenn die Flecken nach dem ersten Male noch nicht ganz verschwunden sind. „Praktischer Wegweiser". Würzburg, Ergänzungsräts d. Nachdruck verboten. C . . . o . k, .a. d.. g . oß . . M . n . . r s . . n . r G .. ch . ch .. . . ch . h . . hh . l ., . s . w . . e.. M .. s.., d . . r . , e . l . er . v . . l . ug . . t. (. u , rb . ch.) (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.: Belustigung — Belästigung. Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl-schen Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.