N f in Eigen zu besitzen das ist gut, Sei ti im Hanse, sei's im Herzen. In allen Leiden macht eS Mut Und ist ein Trost in allen Schmerzen, Zu neuem Leben ist'S der Keim! Wer'S nicht vermißt in heitern Tagen — Wenn'S finster wird, wohl ihm, kann er dann sagen: »Jetzt geh' ich,heim!" I. Trojan. SB—.......—' T " = (Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman von Clark Rüssel. --------- / (Fortsetzung.) Kurz vor der Mittagszeit ersuchte mich nteüt Mann, das Boot zu steuern, und untersuchte den Inhalt unseres Brotsackes. Er gab mir einen Zwieback, und füllte die Plumpe mit Wasser. Das war unser Mittag! Daraus machte ich mir übrigens nichts. Ein Schiffszwieback stillte meinen Hunger ebenso gut wie das feinste Diner, und das Wasser war zwar warm, da es in der Sonne gestanden hatte, aber doch süß und trinkbar. Ich erinnere mich nicht, jemals einen so erfrischenden Trunk gethan zu haben. Die Sonne wurde jetzt fast unerträglich. Es war das Symbol der erbarmungslosesten Grausamkeit — so kam es mir wenigstens vor, die ich zusammengekauert dasaß, meine gequälten, geblendeten Augen mit der Hand beschattend — dieses flammende, stechende, zuin Wahnsinn reizende Gestirn, das da hoch über unfern Köpfen stand, seine versengenden Strahlen gerade auf uns herabschoß, als ob der winzige Punkt, den !vir in dem mächtigen Ozean bildeten, dazu ausersehen sei, die ganze konzentrierte Glut oes in deut tief saphirfarbenen Firmamente schwebenden Feuerkörpers zu empfangen. Es ließ sich jedoch nichts ändern. Eine günstige Brise wehte; jede Stunde brachte uns den Inseln und der Route der nach der südlichen Halbkugel gehenden Schiffe näher. Einmal hatte Richard schon die Absicht, das Segel einzuziehen, und als Sonnensegel zu benutzen. Dann aber meinte er, daß sich die Hitze doch wohl eher ertragen ließe, als das Gefühl, müßig auf der weiten See zu liegen und die günstige Gelegenheit einer schönen Brise ungenützt vor- ubergehen zu lassen. Ich war durchaus derselben Meinung, ja ich hätte lieber die Hitze noch weitere zwölf Stunden ertragen, als die Fahrt unseres Bootes aufgehalten. Indessen blieb die Sonne auch nicht immer aus demselben Fleck stehen; als sie sich mehr nach Südwesten wandte, warf das Segel wieder etwas Schatten nach vorne. Dorthin setzten wir uns nun. Richard verlängerte die Jochleinen noch etwas mehr, so daß er nun ganz vorne sitzen, und trotzdem das Boot steuern, und zwar sehr genau steuern konnte. Der Nachmittag schwand schnell dahin, wie wir am Laufe der. Sonne bemerken konnten. Die Brise frischte etwas auf. Jede kleine Woge war bereits, wenn sich sich überschlug, mit einem schaumigen Kamme gekrönt, und der weiße Schaum brach sich am Vordersteven des Bootes, das unter dem stetigen Druck seines Luvsegels jetzt schnell dahiuflog. Wir hatten keinen Kompaß; mein Mann konnte also nur nach der Sonne steuern. Dennoch schien er zuversichtlich anzunehmen, daß er den richtigen Kurs halte, und meinte, nach Sonnenuntergang sich nach den Sternen richten zu wollen. Den ganzen Tag über hielt er die Ruderleinen, und übergab sie mir nur, wenn er an den Brotsack oder das Wasserfaß ging. Er erklärte, nicht müde zu sein. Gegen Abend wurde die Brise etwas flauer, wehte aber immer noch stetig von Osten und hatte Kraft genug, unser Segel voll zu halten. So glitt das Boot sanft über die Meeresfläche dahin, die dasselbe leuchtende Blau zeigte, wie sich der darin spiegelnde Himmel. Als die Sonne sich der See näherte, sank sie immer schneller. Auf ein paar Minuten bedeckte sich der westliche Himmel mit einem herrlichen Purpurrot, und wir beide benutzten das scheidende Tageslicht, uni noch einmal den Horizont abzusuchen. „Ein wenig mehr Geduld, Jessie", sagte Richard, als sich unsere Blicke trafen. „Jedenfalls sind wir in solchem Wetter hier ebenso sicher aufgehoben, als an Land. Die Nacht schon kann uns Rettung bringen, und wenn nicht, so wäre es wunderbar, wenn wir morgen nicht ein Schiff in Sicht bekämen." Ich hatte geglaubt, der Ozean sähe trostloser und einsamer bei Tageslicht aus als des Nachts. Jetzt,. wo die Dunkelheit da war, sehnte ich mich nach dem Tageslicht und konnte nicht begreifen, daß die Sonnenhitze mich noch vor kurzem veranlaßt hatte, die Nacht herbeizuwünschen. Die See war schwarz wie Tinte. Nur hier und dort leuchtete inte ein weißes Feuer das Spiegelbild eines größeren Sternes aus dem Wasser hervor. Der Horizont wurde scheinbar enger und ließ den Anblick des Himmels um so wunderbarer erscheinen. Weit über die Wasserlinie hinaus konnte man die Sterne funkeln sehen. Es giebt eine Art von Einsamkeit, die furchtbarer ist als jede andere. Das ist die der schiffbrüchigen Insassen eines kleinen Bootes, weit draußen auf hoher See in einer dunklen, ruhigen Nacht, durch die das ununterbrochene Seufzen des Windes - 122 näher!" Dann kam Richard nach achtern und rief: „Sieh, dort dort bricht der Tag an. Sobald die Sonne aufgeht, müssen sie uns in Sicht bekommen. Ach, mein Lieb! Dank sei dem allmächtigen Gott um Deinetwillen, mein Kleinod!" Ich ergriff seine Hand und küßte dieselbe, und während ich sie fest in der meinigen hielt, brach hinter uns die Dämmerung an. Als ich zum Himmel über unserer Mastspitze emporblickte, sah ich das grünliche Tageslicht sich ausbreiten wie einen vom Winde westwärts gewehten Dunstschleier. Das Wasser blieb schwarz, selbst als auch bereits der westliche Himmel von dem im Osten anbrechendeu Lichte erhellt war. Als ich mich niederbeugte, erblickte ich unter dem Unterliek des Segels hindurch an dem bleichen Himmel, gegen den sich die kohlschwarze Wasserlinie scharf abzeichnete, den Umriß eines kleinen Schiffes in ungefähr drei bis vier Meilen Entfernung. Noch war es in die Schatten der Dämmerung gehüllt, stand aber doch scharf und klar da. „Siehst Du es jetzt, Jeß?" rief mein Mann. Ich antwortete flüsternd: „Ja." Kaum war ich im stände, das Wort anszusprechen bei dem wilden Aufruhr aller meiner Gefühle, den der Anblick des Schiffes in mir erregt hatte. Jetzt stieg die Sonne gerade hinter uns empor. Jedermann, der an das allmähliche Heranbrechen des Tages gewöhnt ist, würde die Schnelligkeit zauberisch vorgekommen sein, mit welcher das Tagesgestirn der Dämmerung folgte. In dem Scheine der Sonne bemerkte ich, daß das voraus befindliche Schiff eine kleine Brigg sei. Sie lag ziemlich tief im Wasser und war mit einem weißen, von schwarzen Stückpforten unterbrochenen breiten Streifen an den Seiten bemalt. „Sicherlich sieht sie uns, Richard ! . Hat sie nicht bel- gedreht, um auf uns zu warten?" rief ich aus, und sprach vor lauter Herzklopfen, als ob ich außer Atem wäre. Er antwortete nicht, sondern beobachtete fast unausgesetzt das Schiff. „Da ist etwas nicht in Ordnung", sagte er wie zu sich selber. „Sieh ihre Raaen! Vorne sind sie Vierkant gebraßt, und das Großmarssegel liegt back. Wenn sie sich überhaupt bewegt, treibt sie über Steuer. Siehst Du den Anßenklüver vom Baum ins Wasser herabhängen? Was kann der Mannschaft fehlen? Es sieht aus, als ob die Brigg schon längere Zeit sich in diesem Zustande befindet und nicht erst seit Tagesanbruch." Das Schiss wuchs immer schneller, als wir direkt daraus lossteuerten und von der sanften Brise, die, seit wir uns in dem Boote befanden, fast ununterbrochen und stetig von Osten her geweht hatte, dahin getrieben wurden. Das helle Licht eines wolkenlosen Tages lag jetzt über dem ganzen Gesichtskreise, und wir konnten jede Einzelheit an • der Brigg deutlich erkennen. Es war oben offenbar nichts in Unordnung. Keine Spiere, keine Raa fehlte, und doch verlieh die seltsame, ungeschlachte Art, mit der die Raaen gebraßt waren, dem Fahrzeuge ein trübseliges, selbst wrackähnliches Aussehen. Die meisten Brassen waren lose una hingen in Buchten herab. Das Pikfall war gleichfalls losgeworfen, und die Gaffel hing auf den Falten des Segels. Von der Klüverbaumnvck hing der Außenklüver bis in das Wasser hinab. Es machte den Eindruck, als ob das Schiss von einer Anzahl von Nichtseeleuten bemannt sei, die allev mögliche versucht und schließlich aus purer Verzweiflung darüber, daß sie den richtigen Gebrauch aller dieser L-aue nicht kannten, es aufgegeben hätten, das Schiff noch „Aber ich sehe es!" rief er. „Ich kann mich gar nicht irren. Steuerbord das Ruder, Jeß ■— so, das genügt. Ja, ich kann es jetzt deutlich sehen. Es muß ein Schiff sein." Auf die veränderte Ruderstellung hin bekamen wir den Gegenstand, den er zu sehen meinte, recht voraus und den Wind recht von achtern. Richard fierte die Schorst auf und bäumte mit einem Riemen das Segel aus, damit jeder Zoll mit ziehen sollte. Dann ging er nach vorne, indem er mir die Jochleinen überließ, und kauerte sich dort nieder. Dabei blickte er fortwährend voraus. Eine volle Viertelstunde mochte vergangen sein, ohne daß mein Mann irgend ein Zeichen gab oder seine Stellung veränderte. Jetzt rief er plötzlich mit lauter vor Erregung zitternder Stimme: „Das ist ein Schjff, Jessie! Und wir kommen ihm ertönt wie die Klagen einer langen, unsichtbaren Prozession von Geistern. Es war unmöglich, auf die flüssige pechschwarze Fläche längsseit zu blicken, ohne zuruckzuschaudern. Wie jene Nacht verging, wäre ich ebenso wenig im stände zu beschreiben, wie etwa einen wilden, verworrenen, unzusammenhängenden Traum. Am besten erinnere ich mich noch daran, daß mein Mann mich ersuchte, , mich auf den Boden des Bootes niederznlegen. , Ich weigerte mich weil ich mich fürchtete, von seiner Seite zu weichen, und weil ich unmöglich hätte schlafen können, während er allein und todmüde wachen und steuern sollte, ^ch weiß, daß wir von der Mannschaft der „Aurora" sprachen, und Vermutungen aufstellten, welchen Kurs das große Boot steuern möge. Gegen elf Uhr — nach der Taschenuhr meines Mannes — schlief ich jedoch ein wie ein kleines Baby mit meinem Kops an seiner Schulter. Mein Teurer ließ mich schlafen, so lange ich wollte. Drei Stunden lang schlummerte ich so, während er auch nicht die leiseste Bewegung machte, um mich nicht zu stören; als ich erwachte, saß er noch immer unbeweglich tote eine Holzfigur, und hielt mich fest. Der Wind wehte noch immer sanft vom Steuerbordquarter her, und das Boot segelte seinen richtigen Kurs nach den Sternen. Der Schlaf hatte mir wohlgethan, und ich bat meinen Mann, sich auch etwas Ruhe zu gönnen, und meine Schulter als Kopfkissen zu benutzen, wie ich es mit der seinigen gemacht hatte. Er wollte zuerst nicht; ich bestürmte ihn jedoch, erklärte, daß ich ein Boot ebenso gut steuern könnte wie er, und versprach, ihn zu wecken, sobald das geringste Anzeichen einer Witterungsänderung einträte oder irgend ein anderer Umstand es verlangte. . . Schließlich fügte er sich, zeigte mir einen Hellen ©tern und trug mir auf, das Boot so zu steuern, daß dieser Stern stets über dem Mast, lieber etwas nach rechts als nach links stände, da wir so genau als möglich nach Nordwest steuern wollten.und der Stern uns mehr nach Westen führen würde, wenn wir seiner Bahn allzu genau folgten. Dann legte er seine Wange an meine Schulter und war gleich darauf fest eingeschlafen. Er atmete tief, aber regelmäßig. Es war nicht besonders schwierig, das Boot auf dem richtigen Kurse zu halten; zuweilen fiel es vor der sanften, langgezogenen Dünung etwas ab. Viel Ruder aber brauchte es uicht/und — abgesehen von einem geringen, in langen Zwischenräumen wiederkehrenden Gieren — hielt ich den Hellen Stern am Mast fast so stetig, als ob er eine zwischen der Mastspitze und der kleinen Raa ausgehängte Laterne gewesen wäre. , . Ich weiß nicht, ob irgend eine Frau jemals vor mir eine solche Wache gehalten hat. Manchmal erscheint es mir in der Erinnerung wie ein fchwerer, böser Traum, und doch war es volle Wirklichkeit. Trotzalledem kann ich. zuzeiten kaum glauben, es wirklich erlebt zu haben. Und dennoch brauche ich auch wieder nur die Augen zu schließen, und ■ die schwarze See, die grauenhafte Stille der Nacht und der schwache, phosphoreszierende Schein auf der geräuschlosen Dünung, alles ist mir wieder gegenwärtig. Mein Mann schlief zwei Stunden lang. Dann erwachte er und weigerte sich auf das Entschiedenste, noch länger zu ruhen. „Nein, nein", sagte er, indem er seine Uhr vor das Gesicht hielt und im Sternenschinimer die Zeit ablas, „zwei Stunden Schlaf sind genug. Ich sühle mich wie neugeßoren. Es ist halb fünf; bald wird der Tag anbrechen." Damit rieb er sich die Augen, erhob sich und reckte sich nnd blickte aufmerksam in die Dunkelheit über dem Luvquarter. Daun spähte er langsam im Halbkreise umher bis an den Luvbug des Bootes und begann von neuem mit der anderen Hälfte des Horizonts achteraus in Lee. Als er bis auf ungefähr einen und einen halben Strich weiter voraus als querab in Lee gekommen war, hielt er plötzlich inne. Mir fiel die Pause auf, und ich rief: „Was fiehst Du denn dort im Dunkeln, Richard?" „Sieh, wohin ich zeige", erwiderte er atemlos, indem er dem Arm ausstreckte, der sich deutlich von den Sternen über dem Horizont abhob; „ist das dort ein Schatten?" Ich blickte angestrengt hinüber. Zuweilen glaubte ich eine Art von Flecken in der Dunkelheit zu erkennen, der aber sofort wieder zu verschwinden schien. „Ich weiß nicht", antwortete ich; „zuzveilen glaube ich etwas zn sehen."- , _ - 123 — länger zu bedienen. So genau und aufmerksam wir die Brigg beobachteten, wir konnten nicht das geringste Zeichen von irgend einem lebenden Wesen an Bord währnehmen. „Kann sie etwa verlassen sein?" ries Richard. „Aber weshalb? Ihr Rumpf scheint gut und stark. Es ist nichts als die merkwürdige Art, wie die Raaen stehen, wodurch sie dieses unglückliche Aussehen erhält. Auch sehe ich kein Notsignal." Als wir näher herankamen, wurde es immer klarer, daß, soweit das Schiff selber in Betracht kam, kein Anzeichen von Havarie zu erblicken sei. Die Brigg schwamm leicht auf dem Wasser, und nichts in ihrem ganzen Aeußeren deutete auf etwaige Ursachen, derentwegen sie verlassen sein könnte. Jetzt zog mein Mann den Riemen ein, mit dem er das Segel ausgebreitet hatte, und als wir fast längsseits waren, fierte er das Segel herunter und stellte sich vorne in den Bug, indem er mir zurief, so zu steuern, daß das Boot mit der Breitseite neben die Großrüsten der Brigg liefe. Das that ich, und nachdem er die Fangleine an den Rüsten festgemacht hatte, sprang er hinauf, half auch mir aus dem Boot, und wir beide stiegen an Deck. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Fieber-Brigg. Das Deck war glatt und ziemlich weiß, aber überall mit losgeworfenen Enden des laufenden Guts bedeckt. Ein ziemlich großes Deckhaus stand hinter dem Fockmast und ein ähnliches, noch etwas längeres, offenbar die Kajüte, achtern. Dieses verdeckte von da aus, wo wir an Bord gestiegen waren, das dahinter angebrachte Steuerrad. Ein schmaler Gang führte aus beiden Seiten des Hauses nach achtern. Auch hier war überall das aufgeschossene Tauwerk von den Eoffeynägeln abgenommen und an Deck geworfen. Alle Boote befanden sich an ihren bestimmten Plätzen. Das große Boot lag mitschiffs, gut gezurrt und versichert, und zwei gut aussehende Boote, scharf an beiden Enden, nach Art der Walfischfängerboote, hingen in den Davits. Hinter dem vordersten Deckhause stand die Kombüse; aber kein Rauch entstieg dem kleinen Schornstein. Wir standen und lauschten. Kein Ton, weder von Schritten, noch von menschlichen Stimmen war hörbar — nichts als das sanfte Geräusch des durch die Wanten fegenden Windes. „Seltsam!" murmelte mein Mann fast flüsternd. Die überall auf dem Schiffe herrschende Stille schien auch ihn zu veranlassen, seine Stimme zu dämpfen. Damit trat er an das achtere Deckhaus heran und spähte durch die kleinen Fenster. Das Innere war sehr einfach. Auf der linken Seite sahen wir einen kleinen Tisch und ein Sopha und gegenüber ein paar hölzerne Stühle. Rechts waren, durch ein Schott von diesem Raum getrennt, drei kleine Schlafkammern. Jede Kammer war mit einer ungefähr mannshohen Thüre versehen. Kein lebendes Wesen oder irgend ein Zeichen, das auf die Nähe eines solchen hätte hindeuten können, war sichtbar. (Fortsetzung folgt.) Handelsdampfer als Kriegsschiffe. Von Dr. Albert Lüders. (Nachdruck verboten.) Wenn man von dem glücklicherweise auf den Orient beschränkt gebliebenen russische-türkischen Kriege der Jahre 1877 und 1878 und einigen kleineren kaum den Namen „Krieg" verdienenden Unternehmungen absieht, herrscht in Europa seit einem Menschenalter Waffenruhe. Der Friedensengel, unter dessen Walten Europa zu einem Wohlstände heranblühte, wie es ihn früher nie gekannt, schreitet jedoch keineswegs wie ein holder lächelnder Knabe mit deyr Palmzweige in den Händen einher, sondern als ein waffen- gewaltiger Mann in schwerer Kampfesrüstung, unter dessen klingendem Schritt der Boden bebt. In der That hat der altrömische Spruch„Zivis pacem,parabellum“, — „Willst du Frieden, rüste zum Kriege" — nie mehr in Geltung gestanden als in der Gegenwart. Die Millionenheere sind thatsächlich mit aller ihrer umständlichen Ausrüstung vorhanden und stehen nicht bloß auf dem Papiere wie zu den Zeiten des selig oder unselig entschlafenen deutschen Bundestages, wo man in etlichen deutschen Mittelstaaten unter der schönen Bezeichnung „Unmontiert assentiert" 20 Jahre Soldat sein konnte, ohne auch nur ein einziges Mal einen blanken Knopf, geschweige denn gar ein so hochgefährliches Schießgewehr gesehen zu haben. Zwischen der Kriegsbereitschaft jener Zeiten, als Preußen- Deutschland den zu seiner politischen Einigung führenden gewaltigen Landkrieg gegen Frankreich führte, und der Gegenwart besteht aber ein gewaltiger Unterschied, insofern zu" den großen Landheeren von damals die sich immer mehr entwickelnden Kriegsmarinen der Festlandsstaaten getreten sind, welche, toemt man von Frankreich absieht, damals noch in den Kinderschuhen steckten. Es hat sich allenthalben die Üeberzeugung Bahn gebrochen, daß, nur weit die anderen europäischen Großstaaten keine nennenswerte Seegewalt besaßen und sich gegenseitig in Landkriegen zerfleischten, es den Engländern gelingen konnte, auf Kosten jener, die halbe Welt zusammen zu stehlen, und eine Vorherrschaft jenseits des Meeres zu erringen, die auf die Dauer einfach unerträglich ist. Aus diesen Gründen ist man überall mit der Vermehrung der Kriegsflotten beschäftigt. Versetzt man sich aber im Geiste in den Ernstfall eines Seekrieges, so kann man sich der Wahrnehmung nicht verschließen, daß alle für diesen getroffenen Vorbereitungen noch unzureichend sind; denn um wirklich große Truppenmassen über See zu schaffen, sind sämtliche Kriegsfahrzeuge unzureichend. Als es sich im vergangenen Sommer zum Beginn der chinesischen Unternehmung für Deutschland darum handelte, die ersten kampfbereiten Truppen nach Osten zu führen, mußten bereits 10 große Dampfer des Norddeutschen Lloyd Und der Ham- burg-Amerika-Linie gechartert werden, und wenige Wochen darauf, als die ostasiatischen Brigaden nach China verschifft wurden, befanden sich bereits 43 der größten deutschen Handelsdampfer im Dienst der deutschen Regierung in den chinesischen Gewässern oder auf dem Wege dorthin. Ungleich größer war natürlich noch die Inanspruchnahme der englischen Handelsflotte durch das War Office im Kriege gegen die südafrikanischen Republiken; denn in diesem Falle galt es, eine Trupp en macht von mehr als 200 000 Mann/ also zehnmal mehr Menschen als Deutschland nach Ostasien entsandte, nach der Südspitze Afrikas zn befördern und mit allem Nötigen zu versehen. Beide Unternehmungen sind, was den Seetransport betrifft, gelungen, und es ist kein Zweifel, daß unsere ein-« heimischen Schiffahrtsgesellschaften auch dem Transport einer noch viel größeren Truppenmacht gewachsen sein würden. Unbehindert und unbehelligt haben die stolzen Kolosse die Wogen des Ozeans durchmessen. Dieser Erfolg war aber nur dadurch möglich, daß England sich mit keiner Seemacht im Kriege befand, und daß die chinesische Kriegsmarine schon mehrere Jahre vor dem Ausbruch der jetzigen Wirren int Kriege mit Japan vernichtet worden war. Ganz anders hätten fid) die Verhältnisse gestaltet, wenn man sich mit einer wirklichen Seemacht im Kriege befunden hätte; denn dann hätte eine kleine Flotte schnellfahrender Krenzer genügt, um diese Truppentransporte zu bedrohen und die wehrlosen Handelsschiffe samt ihrer militärischen Bemann- un'g wegznnehmen, falls diese nicht öon einer starken Hochseeflotte begleitet gewesen wären. Da letzteres den meisten europäischen Marinen zurzeit in Ermangelung geeigneter schnellfahrender Kreuzer, die den Auslandsdienst versehen könnten, noch nicht mögliche ist, hat man nach Mitteln zur Abhilfe Umschau gehalten und ist dahingekornuten, im Kriegsfall die bedenklichsten Lücken in der Kreuzerflotte dadurch auszufüllen, daß man bei eintretender Mobilisierung der Kriegsmarine eine bedeutende Anzahl Handelsdampfer ankauft, bei deren Bau bereits die eventuelle dereinstige Verwendung als Kriegsschiff, und zwar als sogenannter ungeschützter," d. h. ungepanzerter Kreuzer in Aussicht genommen ist. Die ersten, welche in dieser Hinsicht mit gutem Beispiel vorangingen, waren die Russen, die in ihrem letzten Kriege gegen die Türkei eine Anzahl aus Privatmittelu gekaufter und als Kreuzer ausgerüsteter schneller Dampfer zu Kriegszwecken zur Verfügung stellten. Diese Dampfer, ivelche lange Jahre zum Transport von Verbannten nach der Insel Sachalin und dem östlichen Sibirien Verwendung sanden, dienen jetzt zur Beförderung von Truppen, werden, obwohl sie vollständig armiert sind, als Handelsschiffe angesehen, und dürfen nach einem neueren Abkommen mit der Türkes — 124 -» auch ine seit Dem Pariser Frieden für Kriegsschiffe bekanntlich gesperrten Dardanellen passieren. Auch das deutsche Reichsmarineamt hat schon vor vielen Jahren; lange bevor an die jetzt in Verwirklichung begriffene Flottenvermehrung zu denken war, in ähnlicher Weise Fürsorge getragen, indem den vom Reiche subventro- uierten deutschen Schiffahrtsgesellschaften die Verpflichtung auferlegt wurde, beim Bau ihrer Reichspostdampfer der zukünftigen Verwendung derselben als Kriegsschiffe Rechnung zu tragen. Diese Schiffe sind zwar selbstverständlich nicht im stände, einer wirklichen feindlichen Panzerflotte irgendwo im Kampfe entgegenzutreten, können jedoch, wenn sie zur rechten Zeit und am rechten Orte verwendet werden, unschätzbare Dienste leisten, wozu sie namentlich durch folgende Eigenschaften befähigt werden. , In erster Linie ist die innere Schiffskonstruktron, ms- besondere die das Deck stützenden Spanten und Träger derart eingerichtet, daß das Verdeck eine große Anzahl Geschütze aufnehmen kann, ohne unter dieser erheblichen Last einzubrechen. An der Oberfläche der verschiedenen Tecks sind diese Plätze durch runde Holzscheiben markiert, welche zahlreiche Bohrungen tragen, an denen gegebenen Falls in kürzerster Zeit die Laffette eines Schnellfeuergeschutzes montiert werden kann. Es handelt sich übrigens dabei keineswegs nur um leichte Stücke, wie Maximgeschütze, sondern auch um schwerere Schnellfeuergeschütze, wie die neuen 8,7 Zentimeter- und 15 Zentimeter-Kanonen, mit deren Hilfe der ungepanzerte Dampfer sehr wohl im stände ist, sich kleinerer Gegner wie Torpedobootjäger oder Torpedoboote selbst zu erwehren, die ihn aber namentlich m die Lage setzen, fremde Handelsschiffe zu kapern oder eme wirksame Blokade auszuüben. ct , ,, Gegenüber feindlichen Kriegsschiffen, die durch ihr schweres Geschütz den Handelskreuzer, wie wir ihn kurz nennen wollen, zum Sinken bringen würden, wird er natürlich am besten sein Heil in der Flucht suchen, und dieser Ausweg steht ihm jederzeit offen dank ferner großen Schnelligkeit. Die neuen deutschen Schnelldampfer wie „Kaiser Wilhelm der Große", „Deutschland" oder „Hamburg besitzen eine Geschwindigkeit, welche von den schweren Panzerschiffen auch nicht annähernd erreicht wird, selbst wenn diese mit künstlichem Zuge in formierter Fahrt laufen, so daß der bedrohte Handelskreuzer sich binnen kurzer Zeit vor dem übermächtigen Gegner in Sicherheit bringen kann. Obendrein vermag ein einzelner Treffer, auch wenn er unter der Wasserlinie einschlägt, das Schiff Nicht ohne weiteres zum Sinken zu bringen, weil dieses mit zahlreichen Schotten, d. h. wasserdichten Abteilungen versehen ist, toorut eine weitere Eigenschaft dieser Handelsdampfer, sich int Seekrieg zu bethätigen, liegt. . „ Die letzte Anforderung, welche an derartige Hilfskreuzer gestellt wird, beruht darin, daß die Steuervorrichtung tief unter Wasser angebracht ist. Ein einziges feindliches Geschoß, welches das Steuer träfe, würde das kostbare Schiff manövrierunfähig und zur leichten Beute des Gegners machen. Aus diesem Grunde ist die gesamte Steuervorrichtung, die sich bei gewöhnlichen Handelsdampfern an der Wasserlinie befindet, so weit gegen die Schrauben zu versenkt, daß sie von feindlichen Kugeln nicht ernstlich beschädigt werden kann. , , , . Alle die vorstehend aufgezählten Eigenschaften befähigen die neuen deutschen Handelsdampfer zu weitgehender Ver- Wendung im Seekriege. Es ist aber trotzdem nicht zu wünschen, daß dieselben in der gedachten Weise in Thätzg- keit treten müßten; denn ein moderner Schnelldampfer unterer Handelsflotte, ein schwimmender Palast mit einer säst unerhört luxuriösen Einrichtung repräsentiert einen bedeutund höheren Kostenaufwand als ein gepanzerter Auslandkreuzer. Der Verlust einiger solcher Schiffe nt eurer zukünftigen Seeschlacht könnte leicht teurer werden als die Kosten einer ansehnlichen' Flotte richtiger Panzerkreuzer, deren Bau sichtäglich Mehr glgjeine dringende,Notwendigkeit »r weist, ________ Gemeinnütziges. Der Maiblumenbaum. Viele Pflanzen haben ihre Beliebtheit schnell erlangt, weil sie einen ausfallenden Namen hatten. Das Auffallende zieht ja an. Um so verwunderlicher ist es, daß eine Pflanze, die den Namen Maiblumen- bäum führt, bisher unter den Blumenfreunden so wenig Verbreitung gefunden hat, obgleich sie sich ganz prächtig zur Pflege im Zimmer und zur Verschönerung des Gartens eignet Der Maiblumenbaum führt seinen Namen mit Recht; gleich den zarten, reizenden Maiblumenglöckchen erscheinen seine Blüten, die sich in reichlicher Anzahl an der hübsch beblätterten Pflanze entwickeln. Der Maiblumenbaum ist ein immergrüner Strauch, welcher sich hübsch pyramidal entwickelt oder zu einem schönen Kronenstamm gezogen werden kann. Er liebt die Sonne, liebt gute Erde und zuzeiten reichlich Wasser. Man kann ihn in ähnlicher Weise pflegen, wie man den Oleander zieht In Nr. 48 des „Erfurter Führers im Gartenbau" finden wir eine Abbildung des hübschen Maiblumenbaums nebst genauer Kulturanweisung. Diese Nummer wird unseren Abonnenten kostenfrei zugeschickt, wenn sie sich mittels Postkarte nach Erfurt wenden. Vermisstes. Folgende in ihren Ergebnissen eigenartige Rechnung findet sich im „Populär Astronomy": 1 X 9 + 2 = 11 12 x 9 + 3 = 111 123 x 9 + 4 = 1111 1234 x 9 + 5 = 11111 12345 X 9 + 6 = 111111 128456 x 9 + 7 = 1111111 1234567 X 9 4- 8 = 11111111 12345678 x 9 + 9 = 111111111 1x84-1 = 9 12 X 8 4- 2 --- 98 123 x 8 4- 3 = 987 1234 X 8 4- 4 — 9876 12345 x 8 4- 6 = 98765 123456 X 8 4- 6 --- 987654 1234567 x 8 + 7 = 9876543 12345678 X 8 4- 8 — 98765432 123456789 X 8 4- 9 = 987654321 rno-e. Heft 11 der „Wiener Mode" (1. März d. I.) bringt wieder in bekannter Reichhaltigkeit fesselnd geschriebene Artikel und Abbildungen über „Frühjahrsmoden und -Stoffe" wichtige „Toilettegeheimnisse", berichtet über neue „Hand- und Knüpfarbeiten" und widmet auch der „Herrenmode zu Beginn des 20. Jahrhunderts" eingehende Beachtung. Aeußerst interessant ist die Abbildung und Beschreibung eines Schrankes für Herreugarderobe und Bibliothek zugleich. DaS Heft enthält ferner „Im Boudoir" eine reizende Novelle von A. No8l: „Die Siegerin", bringt den Schluß des hochinteressanten Artikels „Die ästhetische Auffassung des Weibes unserer Zeit", dann „Mode und Kulturgeschichte", eine eingehende Würdigung Arnold Böcklins's mit deffen Porträt, einen Beitrag aus dem Nachlaß von Elise Polko, eine stimmungsvolle Erinnerung an Berd, rc. k. Litterarisches. Kinder-Zeitung. Herausgegeben von Felix von Stenglin, Groß-Lichterfelde. Inhalt von Rr. 22. WaS in derWelt vorgeht: Neues vom Burcnkriege; Erbeutete chinesische Geschütze; Springflut an der norwegischen Küste; Wieviel Schiffe hat Hamburg; Berkaus zweier Inseln; Jndianeraufstand in den Vereinigten Staaten; Grimmige Kälte in Klondike; Wölfe. Aus dem Reiche der Natur: Wie entstand der Bernstein? Der Beobachter in Wald und Feld: Mein erster Fischreiher. „Die beiden Tannen." Anzeigen. Zu beziehen durch alle Postanstalten, Buchhandlungen und die Geschäftsstelle in Groß- Lichterfelde, Dahlemerstr. 75. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). Auflösung m nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in vor. Nr.: Saul, Gaul, Maul, Paul. SUd«»ti»n: r. »«rthardt. — «ruck und »erlag der »rü^fchm Um»ersitii«.Buch. und «teindruckerei (Pietsch ttiee) i* «eß«.