Samstag den 2. November. 1901. — Nr. 157. cla xf*& KM IM i W r L! . . ■ L' WWW WW Was ich wünschte vor manchem Jahr, Hat das Leben mir nicht beschert; Aber es hat mich dafür gelehrt, Daß mein Wunsch ein thörichter war. Gcibel. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Mit einem einzigen Blick seiner klaren blauen Augen hatte der Gerufene das Bedenkliche der Situation erfaßt, und in fließendem Englisch sagte er mit ziemlich energischem und befehlendem Ausdruck: „Ich muß dringend bitten, imS alle überflüssigen Personen den Raum verlassen. Es ist ollkommen genug, wenn eine der geschicktesten und entschlossensten Damen zu meiner Unterstützung zurückbleibt." Man gehorchte ihm ohne weiteres, und während er sich über die Bewußtlose herabneigte, schloß nie ältere Schauspielerin, die als die einzige dageblieben war, auf seinen Wink die Thür. „Es ist doch hoffentlich nicht zu spät", sagte sie. „Nicht wahr, Herr Doktor, das arme Kind wird nicht daran sterben?" Stirnrunzelnd wehrte der junge Arzt durch eine unzweideutige Kopfbewegung die Antwort auf diese Frage ab. Sein ohnehin ernstes Gesicht hatte einen beinahe düsteren Ausdruck angenommen, und wenn sich auch in seinen scheinbar ruhigen Hantierungen nichts von Aufregung oder Ueber- hastung "kund gab, so "war es doch mtS den Zügen seines Antlitzes zu lesen, daß auch er in tiefster Seele bewegt und erschüttert war. Nachdem er die verletzte Schlagader unterbunden und die Blutung dadurch wenigstens vorläufig zum Stillstand gebracht hatte, brach er zum ersten Mal das Schweigen, in das er sich so lange gehüllt hatte. „Da Sie mit den persönlichen Verhältnissen dieses beklagenswerten jungen Mädchens ohne Zweifel näher bekannt sind", wandte er sich an die Schauspielerin, „werden Sie mir wohl.sagen können, ob sie hier Angehörige oder Freunde hat, die bei etwaigen weiteren Anordnungen um ihre Meinung gefragt werden müßten." „Nein, Herr Doktor, das glaube ich nicht. Alles, was ich von Miß Howard weiß, ist, daß sie in Saint Louis, wo toir die „Drei Musketiere" zuletzt aufführten, zu dem Impresario Fielding kam und ihn bat, sie zu engagieren, obwohl sie nach ihrer eigenen Erklärung noch niemals die Bühne betreten hatte. Er sagte uns, daß er durch ihre schönen Augen bestimmt worden sei, einen Versuch mit ihr zu wagen. Aber die Hauptsache war wohl, daß sie keine Gage verlangte, sondern vorläniig ohne jede Entschädigung mitwirken wollte . Er gab ihr die -„eine Rolle, die sie heute zum ersten Male öffentlich spielen sollte, und sie zeigte auf der,Probe ein so ungewöhnliches Talent, daß die anderen jungen Damen unserer Gesellschaft schon, anfingen, eifersüchtig auf sie zu werden, und daß — —" „Dies alles hat für mich zunächst kein Interesse", unterbrach der Arzt, der sich fortwährend um die Ohnmächtige beschäftigt hatte, den entfesselten Redestrom der Künstlerin. „Rufen Sie mir die leitende Persönlichkeit Ihrer Truppe!" Gleich darauf erschien Mr. James Fielding in der Thür. Er hatte, wie es schien, eine Menge Fragen in Bereitschaft. Doktor Hermann Müller aber ließ ihm nicht Zeit, auch nur eine einzige auszusprechen. „Beschaffen Sie unverzüglich einen Wagen!" rief er ihm zu. „Die Patientin muß in das Krankenhaus gebracht werden, und zwar ohne jeden Zeitverlust; denn es handelt sich um ihr Leben." In der Art dieses deutschen Arztes ivar etwas, das jeden Widerspruch auszuschließen schieil, und obwohl es Mr. Fielding für zweckmäßiger gehalten hätte, die unglückliche Debütantin erst dann fortzuschaffen, wenn auch der letzte Zuschauer das Tbeater verlassen haben würde, fügte er sich doch ohne jede Einwendung dem mit solcher Entschiedenheit kundgegebenen Willen des Doktors. Schon nach Verlauf von wenigen Minuten konnte er melden, daß einer der vor dem Theater haltenden Wagen zur Fahrt nach dem Kranken- hause bereit sei. Und er erstaunte nicht wenig, als er sah, wie der Arzt auf diese Mitteilung hin die junge Schauspielerin in seine Arme nahm und sie gleich einem Kinde vom Stuhl empor hob, um sich daun mit seiner immerhin nicht. leichten Bürde raschen Schrittes dem Ausgange zn- zuweuden . Gewiß war er dabei so vorsichtig als möglich verfahren, aber die unvermeidliche Erschütterung ihres Körpers hatte doch hingereicht, Ellen Howard aus ihrer Ohnmacht zu Wecken. Mit einem schmerzlichen Seufzer schlug, sie die Augen auf, offenbar ohne zu begreifen, wo sie sich befand und was mit ihr geschah. Aber der Ausdruck angstvollen Schreckens, der für einen Moment auf ihrem totenbleichen Gesichtchen erschienen war, verschwand in demselben Angen- blick, wo ihr Blick auf das Antlitz des Mannes fiel, an dessen Brust sie ruhte. Ohne eine Frage zu thun oder sonst ein Wort zu sprechen, stützte sie ihren unverletzten rechter. Arm — den linken hatte Doktor Miiller ihr fest an den Körper gebunden — auf feine Schulter, um ihm bie Last zu erleichtern, und mit einem abermaligen Seufzer schloß sie aufs neue die Augen. Zweites Kapitel. Seit der ersten Aufführung der „Drei Musketiere" waren vierzehn Tage verflossen. Der Oberarzt Doktor Her- — 62v - mann MMer machte seinen gewöhnlichen Rundgang durch die Krankensäle des St. Anthonys Hospitals, von den Patienten überall mit freudig aufleuchtenden Augen empfangen. Freundlich und teilnehmend hörte er die Klagen sedes einzelnen an, und nienrals wandte er sich von einem Leidenslager ab, ohne zuvor das rechte Wort gefunden zu haben, das die Seele des Kranken mit linderndem Trost und neuer Hoffnung erfüllte. Ganz zuletzt kam er auf den Gang, an dem die Einzelzimmer der vornehmeren Patienten lagen, und er schien einen Augenblick unschlüssig zu zaudern, ehe er an die erste der Thüren klopfte. Eine wohlklingende, Helle Frauenstimme forderte von drinnen zum Eintritt auf, und im nächsten Momente stand der Arzt vor der jungen Lebensmüden von Mr. Fieldings Truppe. In einem reizenden und sehr eleganten Morgenanzuge lag Ellen Howard auf bent Ruhebette. Ihr Gesicht war von einer fast durchsichtigen Blässe, und die schönen dunklen Augen leuchteten in wunderbarem Glanze daraus hervor. Um das linke Handgelenk trug sie noch einen leichten Verband; aber sie schien sich nicht mehr als Patientin zu betrachten; denn sobald sie den Eintretenden erkannt hatte, ließ sie die kleinen Füße von der Causeuse herabgleiten und richtete sich auf. „Guten Tag, Herr Doktor!" sagte sie mit einem liebenswürdigen Lächeln. „Ich fürchtete schon, Sie hätten mich ganz vergessen." „Ich hatte heute einen heißen Arbeitstag, Miß Howard, sonst wäre ich sicherlich früher gekommen. Darf ich fragen, wie Sie sich befinden?" „Ausgezeichnet — bis auf diesen lästigen Kopfschmerz, der sich noch immer einstellt, sobald ich länger als eine Viertelstunde zu lesen oder zu schreiben versuche. Glauben Sie, daß ich ihn mein Leben lang behalten werde?" „Gewiß nicht! Es wäre denn, daß Sie selbst es nicht anders wollen. Sie wissen, daß ich Ihnen das Lesen wie das Schreiben auf das strengste verboten habe." „Allerdings — und ich bitte demütig um Verzeihung, daß ich das1 Verbot schon wieder übertrat. Aber diese Unthättgkeit ist schrecklich. Und ich sagte Ihnen schon einmal, daß ich noch eine recht ungeübte Anfängerin bin in der schweren Kunst des Gehorchens." Wieder war das bezaubernde Lächeln auf ihren Lippen. Hermann Müller sah ihr in die Augen, und über dem Entzücken, in das ihre Schönheit ihn versetzte, vergaß er zu antworten, sodaß sie nach einer kleinen Weile fortfuhr: „Aber ich werde ja nun bald Gelegenheit haben, sie zu erlernen. Denn wenn Sie mir — wie ich hoffe — morgen meine Freiheit wiedergeben, werde ich mich sofort um eine Stellung als Gesellschafterin oder dergleichen bewerben." Sein Auffahren verriet ihr, mit welcher Bestürzung ihre Worte ihn erfüllt hatten „Als Gesellschafterin? In Ihrem jetzigen Zustande? Das werde ich niemals zugeben. Haben Sie denn wirklich gar keine Angehörige, bei denen Sie eine Zuflucht suchen könnten?" Es legte sich wie ein Schatten über das Gesicht der jungen Schauspielerin, und ein trotziger Zug erschien an ihren Mundwinkeln, als sie rasch und entschieden erwiderte: „Nein. Ich habe keine, oder ich will keine haben. Es giebt kein freieres und kein einsameres Geschöpf auf Erden, als ich es in diesem Augenblick bin." „Wenn es so ist, weshalb haben Sie denn das Anerbieten meiner Mutter abgelehnt, zunächst in unserem bescheidenen Hause Ihre volle Wiederherstellung abzuwarten? Zweifeln Sie etwa daran, daß es ehrlich und aufrichtig gemeint ist?" „Keineswegs. Un8 ich werde Ihnen dafür immer zu Dank verpflichtet bleiben. Denn es geschah doch wohl auf Ihre Veranlassung, daß Ihre Frau Mutter die freundliche Einladung an mich ergehen ließ. Es würde mir wehe thun, zu denken, daß Sie mir wegen der Ablehnung zürnten."- „Nein, ich zürne Ihnen nicht. Aber giebt es denn wirklich gar kein Mittel, Ihren Entschluß zu ändern?" „Ich denke wohl, daß es dabei sein Bewenden haben muß. Ich kann nun einmal keine Almosen annehmen, die ich picht zu vergelten vermag. Es ist gegen meine Natur." „Wie mögen Sie von einem Almosen sprechen! Sie würden im Gegenteil vom ersten Tage an Pmendmal mehr zurückgeben, als Sie empfangen." „Sie scherzen, Herr Doktor! Worin sollte denn diese Rückzahlung bestehen?" „In Ihrer bloßen Gegenwart, Miß Ellen; denn Sie würden das Licht und der Sonnenschein unseres Hauses! ein. Und da Sie doch, wie Sie sagen, entschlossen sind/ eine Stellung als Gesellschafterin anzunehmen — —" „O, das wäre etwas ganz anderes^, fiel sie ihm irr die Rede. „Und Sie werden es mir gewiß erlassen, Ihnen! den Unterschied klar zu machen — nicht wahr?" „Aber dieser Stolz würde Sie Ihre Gesundheit, viel- leicht Ihr Leben kosten. Und ich werde nicht dulden, daß Sie ihm solche Opfer bringen," „Sie wollen es mir verbieten? Gehen die Rechte eines! Arztes so weit?" „Es ist nicht mehr der Arzt, der zu Ihnen spricht/ sondern der Mann, der Sie liebt. Ja, Ellen, lassen Sitz mich offen bekennen, was Ihnen ja doch nicht lange mehr hätte verborgen bleiben können. Mein Herz gehört JhnenI seit dem Augenblick, da ich Sie in meinen Armen zum! Wagen trug. Und wenn Sie mich jetzt zurückweisen, werden! Sie mir einen sehr bitteren Kummer bereiten." Sie lehnte sich in die Polster des Ruhebettes zurück/ und indem sie die Arme über die Brust verschränkte, richtete sie ihre dunkle Augen über Hermann Müller hinweg aus die kahlen Baumwipfel vor dem Fenster. „Sie sprechen von einer Zurückweisung — aber Sie denken doch gar nicht im Ernst daran, mich zur Frau zu begehren" Die Gelassenheit dieser Erwiderung machte ihn fast betroffen. „Können Sie daran zweiseln, Ellen? Wie hätte ich! Ihnen von meiner Liebe sprechen dürfen, wenn ich nicht entschlossen wäre, Ihnen zugleicb mit meinem Herzen auch meinen Namen und meine Hand zu bieten?" „Und das ohne mich zu kennen? Ohne irgend etwas über meine Herkunft und meine Vergangenheit zu toiffert? „Hatte ich nicht in diesen vierzehn Tagen Gelegenheit genug, Sie kennen zu lernen? Und glauben Sie, daß man! erst über die Herkunft und die Vergangenheit eines Mädchens unterrichtet fein muß, um es lieb zu gewinnen?" „Nein. Aber wir sprachen vom Heiraten. Herr Doktor! Eine hergelaufene Komödiantin, von der sie nichts als! ihren Namen wissen, werden Sie Ihrer Mutter doch wohl kaum. zuführen wollen." „Willigen Sie ein, meine Gattin zu werden, Ellen/ und meine Mutter wird Sie mit offenen Armen empfangend „Da Sie es sagen, muß ich's wohl glauben. Aber Sie selbst, Herr Doktor — haben Sie nicht doch vielleicht erwartet, daß ich Ihnen jetzt, nachdem Sie mir einen so schmeichelhaften Antrag gemacht, aus freien Stücken Aus- krmft über mich geben werde?" „Ich würde allerdings sehr glücklich sein, damit den ersten Beweis Ihres Vertrauens zu erhalten." „Und wenn ich mich außer stände erkläre. Ihnen diesen Beweis zu liefern?" „Dann werde ich mich bescheiden, bis Ihnen der rechte! Augenblick gekommen scheint." „Aber ich könnte Ihnen nicht versprechen, daß er jemals kommen wird. Es ist sogar sehr wenig wahrscheinlich * denn als ich mich aus Verhältnissen befreite, die mir un-t erträglich geworden waren, geschah es mit dem festen Entschlüsse, zugleich alle Brücken hinter mir abzubrechen. Ich will nicht an das Vergangene erinnert sein, und das würde unfehlbar immer aufs neue geschehen, wenn ich es einem! andern preisgäbe." • „So bewahren Sie es in Gottes Namen als Ihr Geheimnis, ich will geduldig warten, bis Sie es mir freiwillig offenbaren." „Wie? — Sie wollten mich wirklich nehmen, p tote, ich bin — unbekümmert um alles, was bis zur Stund? unserer ersten Begegnung in meinem Leben vorgeganaen ist? Das ist fürwahr sehr großmütig, aber Sie würden! wahrscheinlich nicht immer in so großmütiger Laune sem/ Eines Tages — gleichviel ob nach Wochen oder nach Zähren — würden Sie mir das Recht bestreiten, als Ihre Frau etnj Geheimnis vor Ihnen zu haben. Und wenn ich dieses Recht dennoch für mich in Anspruch nähme, würdet! Ste stcheE zu dem Schlüsse kommen, daß es notwendig etwas Schlimmes sein müsse, was ich da verberge. Mißtrauen und Verdacht würden sich als finstere Schatten zwischen uns drängen/ 627 und Wir würden darüber vielleicht: beide zuletzt sehr unglücklich werden." Sie sprach ganz ruhig, mit einer kühlen Ueberlegung, die ihre aus dem Munde einer Achtzehnjährigen ohnedies so befremdlich klugen Worte noch seltsamer erscheinen ließ. Hermann Müller aber war nicht gestimmt, Betrachtungen über das Ungewöhnliche ihrer Rede und ihres Benehmens anzustellen. Er hörte nur den zauberisch süßen Klang ihrer Stimme, sah nur den verführerischen Glanz ihrer dunklen Augen, und es wurde ihm zur überwältigenden Gewißheit, daß all seine irdische Glückseligkeit hier leibhaftig vor ihm saß. Hingerissen von der Macht ihrer holden Persönlichkeit, kniete er neben ihr nieder und bemächtigte sich der schlanken Weißen Hände, die sie ihm ohne Widerstreben überließ. „Sei mein, Ellen — und ich schwöre Dir, daß jene Schatten sich niemals zwischen uns drängen werden. So Wenig will ich mich um Deine Vergangenheit kümmern, als hätte ich Dich an jenem Abend aus den Wolken zu mir herabsteigen sehen." Ellen entzog ihm ihre Hände nicht, auch als er sie leidenschaftlich an seine Lippen drückte, und langsam wandte sie ihm ihr Antlitz zu. „Sie würden mich also niemals danach fragen? — Und Sie rechnen nicht darauf, daß ich es Ihnen eines Tages unaufgefordert sagen werde?" Nichts von holder jungfräulicher Verschämtheit lag in dieser Frage. Dem wonneberauschten Manne zu ihren Füßen aber bedeutete sie nur das heißersehnte Ja, und was auch immer Ellen als Preis für ihre Einwilligung gefordert hätte, er würde es unbedenklich und mit jauchzender Bereitwilligkeit zugestanden haben. „Nein, mein Lieb — nein, und tausendmal nein!" wiederholte er, indem er die kaum Widerstrebende stürmisch an seine Brust zog. „Weshalb auch sollte ich das Glück fragen, woher es tarn? Ist es denn nicht genug, daß ich es warm und lebendig in meinen Armen halte?" — — Drittes Kapitel. Im Hause de§ Senators Boswell Allan, einer jener fürstlichen Villen, die sich am Rande des „Cammon", des prächtigen Stadtparkes von Boston, erheben, war großer Empfang. Die aus fashivnablen Seebädern heimgekehrte vornehme Welt der großen Hafenstadt, die sich so gern das „amerikanische Athen" nennen hört, gab sich hier gewissermaßen das erste Stelldichein der beginnenden Gesellschafts- saisvn, und in den festlich erleuchteten Prunkräumen wogte ein farbenreiches Durcheinander kostbarer Toiletten, schimmernder weißer Schultern und sprühender Edelsteine. Etwa eine Stunde lang hatte sich der jüngere Teil der Gesellschaft dem Vergnügen des Tanzes hingegeben; dann war eine zur leiblichen Erquickung bestimmte Pause einge- treten, und schön uniformierte Diener reichten den an kleinen Tischen gruppierten Gästen auserlesene kalte Delikatessen nnd schäumenden Champagner. In dem lauschigsten Winkel des in einen richtigen Palmenhain verwandelten Wintergartens saß eine kleine Gesellschaft jugendlicher Damen und Herren in ausgelassen heiterem Geplauder bei einander. Es mußten wohl die besonders bevorzugten unter den anwesenden Kavalieren sein, die an diesem Tische hatten Platz nehmen dürfen; denn in ihrer Mitte befand sich- die schönste aller Teilnehmerinnen, die erklärtie Königin des Abends. Bon einem beinahe faltenlos niederfließenden Kleide aus schwerer weißer Seide umschlossen, lehnte die junonische Gestalt dieses jungen Mädchens lässig in dem bequemen Bambussessel, den herrlich geformten dunklen Kopf ein wenig zur Seite geneigt, und mit etwas zerstreutem Lächeln den Worten ihrer Verehrer lauschend, die in heißem Wettkampfe bemüht schienen, einander an schlagfertigem Witz Und geistreicher Galanterie zu übertreffen. Ihre Schultern waren entblößt, aber die Aermel des Kleides reichten bis zu den Handgelenken hinab. Und wenn diese eigentümliche, allen Gesetzen der Mode hohnsprechende Laune im Laufe des Abends auch schon zahlreiche abfällige Flüsterbemerkungen der übrigen Damen herausgefordert hatte, so war e£ doch außer allem Zweifel, daß bei der nächsten Soiree mindestens ein Dutzend der Tadlerinnen die kapriziöse Idee nachgeahmt haben würde. (Fortsetzung folgt.) Sein Trick. Humoreske von Franz Kurz-Elsheim. (Nachdruck verboten.) Herr Fuhrmann war sehr niedergeschlagen und mißgestimmt. Das Kontorpersonal wagte gar nicht aufzublicken, wenn er ins Bureau trat. An allem und jedem hatte er etwas zu bemängeln und auszusetzen. Aber seine böse Laune war erklärlich. Wer allerdings glaubte, daß er wegen des jungen Buchhalters Max Bergmann so ärgerlich war, der irrte sich, 's ist ja richtig, er war furchtbar aufgebracht gewesen, als er den Angestellten mit seiner eigenen Tochter überraschte. Was? Seine Elly, die Erbin des Fuhrmannschen Vermögens, und der mittellose Kommis? Das könnte dem gerade so passen. Seinem Kinde hatte er tüchtig den Kops gewaschen, dem Frechling hatte er gekündigt, und damit war für ihn die Sache abgethan. Nein; was ihn nun ärgerte, das war der schlechte Ge- schäftsgang. Ein halbes Dutzend Reisende liefen draußen umher, um Fuhrmanns unverfälschte reine Weine zu verkaufen. Die Spesen häuften sich von Woche zu Woche, der Aufträge wurden immer weniger. Wenn das so fortgeht, dann kann das Haus Fuhrmann eines schönen Tages die Bude zumachen. So grollte er mit sich selbst. Der alte Prokurist wußte auch nichts anderes, als stumm die Achseln zu zucken. Dann probierte er es mit neuen Reisenden. Dasselbe negative Resultat. Als ob man die Weine Fuhrmanns auf einmal boykottiert hätte. Elly sah ihm wohl an, daß ihn etwas drücke, aber fragen mochte sie vorerst nicht. Sie kannte ihren Vater. Er wird schon herausrücken. Und sie hatte Recht. Eines schönen Mittags — cs regnete gerade in Strömen — schüttete er seiner Familie, seiner Frau und seiner Tochter, sein Herz aus. Einen Rat wußten die beiden allerdings auch nicht. Und der Vater hinwiederum loußte nicht, daß am selbigen Abend noch sein Kind den jungen Buchhalter am Gartenthürchen traf, daß beide lange miteinander plauderten und endlich sehr zärtlichen Abschied nahmen. — .--- Am andern Morgen bat ihn Max um eine Unterredung unter vier Augen. Fuhrmann war wirklich neugierig, was der junge Mann Vorbringen werde, als er ihm nun in seinem Privatkontor gegenüberstand. „Herr Fuhrmann", begann Max. „Am nächsten Dienstag ist meine Zeit um." „Allerdings." „Ich will Ihnen offen gestehen, daß es mir bisher nicht geglückt ist, eine neue Stellung zu finden." „Aha, da denken Sie wohl, ich soll meine Kündigung zurücknehmen. Nein, ich denke gar nicht daran." „Habe ich denn das verlangt?" „Wie? Nein, verlangt haben Sie's nicht. Aber was wollen Sic denn eigentlich?" „Mich um den Posten eines Reisenden bei Ihnen bewerben." Herr Fuhrmann war für den ersten Augenblick sprachlos. Und diese Situation nutzte Max schnell aus. „Ich weiß, was Sie drückt. Ich weiß, daß momentan die Geschäfte schlecht gehen. Und gerade deshalb versuchen Sie's mit mir. Allerdings eine Bedingung." „Bedingungen haben Sie auch?" „Mit mir muß noch ein zweiter Mann reisen, der sich meinen Anordnungen zu fügen hat. Und ich gewährleiste Ihnen, daß wir derartige Geschäfte machen, daß Sie mir, wenn ich nochmals um die Hand Ihrer Tochter bitte, diese nicht mehr verweigern. Diesmal sprang Fuhrmann auf. Er wußte nicht, ob er lachen oder sich ärgern sollte. „Menschenskind, Sie scheinen mir krank zu sein", polterte er endlich los. „In Gegenteil", gab Max ruhig zur Antwort. „Aber Sie gefallen mir. Frech genug zum Reisenden sind Sie. Was aber soll der zweite Mann?" „Bedaure. Das kann ich vorläufig nicht verraten, das ist mein Geschäftsgeheimnis." „Na, versuchen möchte ich's wirklich mal, nur daß Sie gründlich hineinfallen —“ „Nur keine Sorge, Herr Fuhrmann." 628 Und Max reiste. Und er hatte nicht zu viel versprochen. Zwar sandte er selbst wenig Ordres ein. Statt deren aber kamen täglich direkte Bestellungen an, täglich hob sich das Geschäft mehr und mehr, und täglich besserte sich die Laune Fuhrmanns. ,,S' ist doch ein Teufelskerl, dieser Bergmann, meinte er denn auch einst am Mittagstische. „Alles, was rechst ist. ÄWo er ist, wird bestellt." „Du siehst also, Papa, daß Du ihm unrecht gethan hast, als Du ihn so schroff behandeltest." Der Weinhändler guckte seine Tochter von der Seite an und machte nur „hm, hm." Das übrige dachte er sichp Im Grnnde genommen hatte Elly Recht. Max muß ein Heller Kopf sein. Und als solcher konnte es ihm nimmer fehlen. Da that er vielleicht sogar gut, ihn für immer an sein Geschäft zu fesseln. — — — — — — Und wirklich, als Max nach einiger Zeit die Kühnheit besaß, ihn um Ellys Hand zu bitten, da sagte er nicht mehr „nein. " „diur habe ich diesmal eine Bedingung." „Bitte —" „Sie müssen mir sagen, welche Bewandtnis es mit Ihrem Gehilfen hat." „Jetzt kann ich dies. Denn so bleibt das Geheimnis ja in der Familie. Sehen Sie. Ich weiß, wie schwer die Leute zum Kauf zu überreden find. Sie wissen ja auch nicht, bei wem sie bestellen sollen, selbst wenn sie Bedarf haben. Denn jeder Reisende stellt seine Weine als die besten hin. Mein Gehilfe also geht hin und empfiehlt die Weine des Hauses Fuhrmann. Macht er wirklich ein Geschäft, gut; macht er keins, so ist's auch nicht schlimm, denn dann komme ich." „Wie — zwei Reisende desselben Hauses an einenr Tage?" „I, wo. Ich iverde mich hüten. Hier, sehen Sie, diese Firma vertrete ich." Und dabei griff Max in die Brusttasche und holte eine Weinkarte hervor, auf deren Kopf die Firma „Max Bergmann" stand. Fuhrmann las es wohl, aber er verstand nichts. „Die Firma besteht doch gar nicht." „Ist auch nicht nötig. Bestellt hat noch keiner etwas bei ihr. Nun sehen Sie mal meine Preise an. Alle sind höher als die Ihrigen. Das ist mein Trick. Ich gehe zu den Leuten, bei denen mein Gehilfe nur Ihren Preiscourant gelassen hat und preise meine Weine an. Konkurrenzlos billig, vorzügliches Gewächs usw. Ra, die Karte sieht man doch durch. Das verpflichtet ja zu nichts. Und in den meisten Fällen sagt man mir: „Heute morgen war ein Konkurrent von Ihnen da, der mir dieselben Weine weit billiger anbot." Ich thue sehr erstaunt. „Nicht möglich", sage ich. „Wie gesagt, wir sind konkurrenzlos." „Nun, ich kann Ihnen die Liste zeigen." Er darauf. Und ich: „Wie heißt denn die Firma?" Er sucht die Worte: „Ludwig Fuhrmann." Dann lege ich mein Gesicht in bedauerliche Falten und sage: „Fuhrmann?" Allerdings, da muß ich mich geschlagen geben. Gegen diese Firma können selbst wir nicht ankommen." Und dann empfehle ich mich. — Sehen Sie. Unter 10 Fällen werden die Leute achtmal sagen: „Was? Ein Kon- kurrent lobt die Firma Fuhrmann? Er giebt offen zu, mit dieser könne man nicht in Wettbewerb treten? Da muh ich doch einmal etwas bei dieser bestellen —" Und so wird's gemacht . . ." Der alte Fuhrmann lachte laut auf. „Sie sind ein Prachtkerl. Sie sollen meine Elly haben." Das ist nun schon einige Jahre her. Heute könnte Max denselben Trick nicht mehr anwenden. Denn heute heißt die Firma: „Fuhrmann und Bergmann". Aber wenn's wieder einmal schlecht geht, er wird schon einen neuen Trick aushecken. Sein Schweigervater wenigstens hofft ganz bestimmt darauf. Was muß man vom Erbrecht wissen? Die gesetzliche Erbfolge der Verwandten und Ehegatten nach dem neuen Bürgerlichen Gesetzbuche mit erläuternden Beispielen von Erich Wagner. Berlin, Hugo Steinitz Verlag. Zu den interessantesten und wichtigsten, zugleich aber auch schwierigsten und kompliziertesten Fragen des Bürgerlichen Rechts gehört das Erbrecht. Der Verfasser behandelt in dem vorliegenden Buche das gesetzliche oder Jntestaterbrecht, das Erbrecht, das beim Fehlen eines Testa- mentes in Geltung tritt. Der Wert der Wagnerschen Arbeit liegt in der gelungenen Verbindung von wissenschaftlicher Anlage mit praktischer Ausführung. In ersterer Hinsicht ist es erfreulich, daß der Verfasser sich alles überflüssigen, nicht sachlichen Beiwerks enthält — ein Fehler, den soge- nannte populäre Broschüren nur selten vermeiden — und seinen praktischen Wert erhält das Buch besonders durch' die überaus klaren und erschöpfenden Beispiele. Jeder, der' über eine Frage der Erbfolge Aufklärung sucht, wird sie dort finden, und selbst anspruchsvollere Leser werden in der Arbeit eine sehr willkommene Zusammenstellung der Gesetzesmaterialien finden. Wir empfehlen das Buch. Der Preis beträgt nur 1 Mk., geb. 1.50 Mk. Gemsrnnütziges. Wie bewahre ich mein Winterobst auf? Das ist die große Sorge, die in jetziger Zeit alle Hausfrauen drückt. Alle sich rauh anfühlenden Sorten (die Lederreinetten), kommen am besten gleich in den Keller, weil sie sonst leicht runzelig werden. Mit glatter Schale versehene, sich fettig anfühlende Aepfel, werden erst 2—3. Wochen lang in flache Haufen geschichtet, um so zu schwitzen. Am günstigsten für das Schwitzen sind luftige, den Sonnenstrahlen aber nicht zugängliche Lagerräume mit 10—12 Grad Celsius Wärme. Durch die dabei eintretende Erwärmung nimmt das Obst wesentlich an Güte zu. Beim Auflagern dürfen die Früchte nicht abgerieben werden, weil dadurch der auf vielen Aepfeln sich befindende Wachsüberzug entfernt wird. Dieser schützt aber die Früchte vor dem Welken und vor Fäulnisbefall. Alle anlaufendew Aepfel sind baldigst zu entfernen. (Praktischer Ratgeber, Frankfurt an der Oder.) Uebermangansaures Kali sollte in keiner Haushaltung fehlen; denn es ist ein ganz vortreffliches. Desinfektionsmittel und dabei sehr billig. Für 10 Pfg.. erhält man so viel, daß man lange Zeit damit ausreichen kann. Jede Hausfrau sollte alles Fleisch, welches irgendwie nicht ganz frisch erscheint, vorher mit einer schwachen Lösung von übermangansaurem Kali abspülen. Es nimmt jeglichen üblen Geruch sofort und ist deshalb bei der Desinfektion von Fischen, namentlich Seefischen, die oft einen starken Geruch an sich haben, außerordentlich zu empfehlen. Auch auf der Waschtoilette sollte das übermangansaure Kali nirgends fehlen. Ein kleines Körnchen in ein Glas Wasser gethan, genügt, um sich ein gutes Ausspülmittel für Mundhöhle und Nase herzustellen. Bei harten Pflanzen, z. B. Lorbeer-, Grauat- und Oleanderbäumen, Evonymus, Chamerops, Pukka u. dgl. wird vielfach der Fehler begangen, daß man sie zu zeitig überwintert und oftmals in einen Raum stellt, der zu warm oder ganz dunkel ist. Die Einwinterung sollte so weit als nur irgend möglich hinausgeschoben werden. Die Pflanzen sind im Herbst wenig oder gar nicht mehr zu begießen, damit die Triebe verholzen. Die Ueberwinterung soll in einem hellen Raume erfolgen, daun schaden auch einige Grade Kälte den Pflanzen nicht, wenn nicht der Raum sehr bedeutenden Temperaturschwankungen ausgesetzt ist. Warme Räume veranlassen das Treiben der Pflanzen im Winter und das Lausigwerden der Oleander und Lorbeerbäume. S. („Prakt. Wegw.", Würzburg.) Logogriph-Scherze. (Nachdruck verboten.) (Es sind Wörter zu ergänzen, die sich nur in den angegebenen Buchstaben unterscheiden.) 1. Der f ward vor m vorzeitig u und sank bald ins b. 2. Mit bedauernder e sprach er zum a: Unser u hat den Braten anbrennen lassen. 3. Ans den n führte eine stattliche d einen Kahn voll s. 4. Ich schaute nach dem r und sah nicht den großen i auf dem Wege. 5. Der u lehnte am a und beachtete nicht meine i. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Magischen Quadrats in vor. Nr,: HARM ALOE ROSE MEER Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.