iXEjr u Wald mit deinen duft'gen Zweigen, Sei mir gegrüßt viel tausendmal! Zu deinen Höhen will ich steigen Und grüßen dich viel tausendmal. In deinen Hallen will ich singen Von Lieb' und Freiheit, Lebensmut! Es soll vom Himmel niederklingen In heil'ger Lust und Andachtsglut. Lingg. (Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Zwölftes Kapitel. Tas kalte Licht eines grauen Regentages erfüllte das Atelier, als Harro aus seinem kurzen Schlummer erwachte. Beim Anbruch des Morgens erst hatte er Klemens Herbolds Sterbezimmer verlassen, in dem er die ganze Nacht hindurch treue Totenwacht gehalten, um sich erschöpft, und sterbenstraurig auf das harte Ruhebett sinken zu lassen, das da in einem Winkel der schmucklosen Künstlerwerkstätte stand. Tie Augen waren ihm fast auf der Stelle zugefallen, und etwa zwei Stunden lang hatte er im bleischweren, traumlosen Schlummer gelegen. Nun schaute er verwirrt umher, unfähig, die Wirklichkeit sogleich zu begreifen, bis ein Blick auf die halb zerstörte Gruppe inmitten des Ateliers ihm mit einem Schlage alles ins Gedächtnis zurückrief. Tief aufstöhnend barg er das Gesicht in den Händen. Nie zuvor, nicht einmal am Todestage seiner heißgeliebten Mutter, war ihm das Leben so leer, die Welt so trostlos öde erschienen, als bei diesem Erwachen. Ihm war, als sei mit dem edlen Manne, an dessen Seite er hier so oft m froher und reiner Begeisterung geschaffen, alles gestorben, was seinem Dasein Reiz und Inhalt verliehen. Ein nie gekanntes Bangen schlich durch seine Seele, ein dumpfes Grauen vor der Zukunft machte ihn fröstelnd erschauern. Tann aber trieb der Gedanke an Erika, und die Sorge um sie, ihn von seinem Lager empor. Welche Angst hatte er am verflossenen Abend ihretwegen ausgestanden. Unmittelbar nach dem Hinscheiden des Professors war sie in eine schwere Ohnmacht gefallen, und erst nach langem Bemühen hatte der eilig geholte Doktor Reimers sie ins Bewußtsein zurückrufen können, ülan hatte sie sogleich, in ihr Schlafzimmer gebracht, das dem jungen Bildhauer natürlich verschlossen bleiben mußte, und nur durch das Mädchen, das ihr mit großer Hingebung Beistand leistete, war ihm von Zeit zu Zeit eine Nachricht über ihr Befinden zugekommen. Wohl hatte er von dem Arzte, als derselbe gegen Mitternacht das Haus verließ, die beruhigende Versicherung erhalten, daß Erika nach seiner Ueberzeugung nicht eigentlich krank fei; aber Doktor Reimers hatte sich doch verpflichtet gefühlt, hinzuzufügen, die Nerven des jungen Mädchens schienen ihm in hohem Maße angegriffen, und er könne deshalb nicht dafür bürgen, daß sie die unvermeidlichen Aufregungen der nächsten Tage ohne ernsten Schaden überstehen werde. Für diese Nacht hoffe er ihr durch ein Schlafmittel die vor allem notwendige Ruhe verschafft zu haben, und morgen werde er natürlich wieder nach ihr sehen. Später hatte Harro noch von der Dienerin gehört, daß Erika anscheinend ruhig schlafe; wiedergesehen hatte er sie bis zu diesem Augenblick nicht, und er fühlte danach jetzt ein so heißes Verlangen, daß er hastig seine etwas derangierte Toilette ordnete, um unverzüglich in die Wohnung hinüberzueilen. Ein Geräusch hinter seinem Rücken veranlaßte ihn, sich umzuschauen, und er sah erst jetzt, daß er während seines kurzen Schlummers nicht allein gewesen war. Der alte Kruschke war es, der da aus einem Winkel hervorgekommen war, wo er allem Anschein nach die ganze Nacht zugebracht hatte. Er sah sehr niedergeschlagen, und bekümmert aus, und sein graues Haupt war gesenkt, wie unter einer schweren Last. Mit schleppenden Schritten kam er auf den jungen Bildhauer zu, und reichte ihm die Hand — eine Vertraulichkeit, die er sich vorher nie herausgenommen hatte. „Guten Morgen, Herr Harro!" sagte er. „Jetzt ist er also tot. Was sollen wir nun ohne ihn anfangen? Und was wird aus alledem hier werden?" „Ich weiß Ihnen auf das eine so wenig zu antworten, als auf das andere, mein guter Kruschke! Ich weiß nur, daß wir beide mit ihm ein Stück von unserem eigenen Leben verloren haben, und daß wir eine lange, lange Zeit brauchen werden, es zu überwinden." „O, Sie werden es schon überwinden, Herr Harro! Sie sind ja noch so jung! Ich aber wollte, daß ich statt seiner. auf der Bahre läge. Seit mehr als dreißig Jahren habe ich hier mit ihm gelebt. Und wie oft er mich auch angeknurrt hat, ich habe doch keinen Menschen auf der Welt so lieb gehabt, wie ihn; denn ich habe sein Herz gekannt. Und es war ein goldenes Herz, Herr Harro!" „Tas war es. Niemand weiß es besser, als ich. Ist mir mit ihm doch zugleich der Vater und der treueste Freund genommen worden." „Und zu denken, daß es vielleicht noch garnicht hätte sein müssen — daß wir ihn noch eine gute Weile Hütten 310 hätte — nein, so meine ich es nicht. Aber sie fand es nicht recht, daß der Professor Sie an seinem großen Werk hatte Mitarbeiten lassen. Sie stellte ihm vor, daß kein anderer einen Anteil haben durfte an seinem Rnhm. Und sie meinte ---" „Genug, Kruschke, genug! Und darauf hat der Meister die ganze Gruppe zertrümmert?" „Es war hier drinnen eine kleine Weile ganz still gewesen. Dann hörte ich den Professor fragen, ob sie seine Muse sein wolle, wenn er das Werk noch einmal von vorne anfinge. Er fragte sie auch wohl noch etwas anderes; aber das war so leise, daß ich es nicht verstehen konnte. Aber daß sie ja sagte, habe ich ganz dentlich verstanden. Und dann — nun, dann hörte ich eben einen Schlag und ein Klingen, als ob eine Gipsform in Stücken ginge. Ich lies herzu, so schnell ich konnte, und wollte ihm in den Arm fallen, als er den vierten oder fünften Schlag führte — mit dem großen Hammer, Sberr Harro, der selbst für einen starken, gesunden Mann fast zu schwer ist — aber da stöhnte er mit einemmale ans, und taumelte zurück. Hätte ich ihn nicht ausgefangen, wäre er zu Boden gestürzt. Die Person aber — entschuldigen Sie, das Fräulein Sylvander — stand in ihrem schönen Kostüm da, mit einem so ruhigen Gesicht, als ob das Ganze sie garnichts anginge. Und erst als ich ihr in meiner Herzensangst zuschrie: So helfen Sie mir doch — sehen Sie denn nicht, daß Sie ihn umgebracht haben--" „Wie, Kruschke — das haben Sie ihr zu sagen gewagt?" „O, ich hätte wohl noch ganz anderes gewagt in b e m Augenblick, wenn ich nicht gedacht hätte, daß der Professor doch vielleicht noch Bewußtsein genug haben könnte, es zu hören. Sie erwiderte kein Wort, aber sie kam, und war mir behilflich, ihn in den Lehnstuhl zu betten. Auch von der Medizin flößte sie ihm ein paar Tropfen ein, die Fräulein Erika immer zu diesen verdammten Sitzungen mitbrachte. Und dann sagte sie, ich sollte hinüber gehen, die Tochter des Herrn Professors zu rufen." Harro hatte seine ganze Willenskraft aufbieten müssen, nm dem Manne nichst zu verraten, was bei seiner Erzählung in ihm vorging. Tie Uebereinstimmung dieser von einem so tiefen Groll durchzitterten Darstellung mit den halben Andeutungen des Sterbenden gab ja den Vorgängen des gestrigen Tages für ihn ein ganz anbereS' Aussehen, als sie bis dahin in seiner Phantasie gehabt hatten. Nun konnte er in der That nicht länger mehr daran zweifeln, daß Hanna einen entscheidenden Anteil an der Herbeiführung der verhängnisvollen Katastrophe gehabt, und er sah sich vor etwas Unfaßbarem und Unbegreiflichem, das ihn mit Schrecken und Entsetzen erfüllte. War er noch vor einer Viertelstunde entschlossen gewesen, die — wie er meinte — von einem krankhaften Wahn geborenen Anklagen des Professors für immer als ein unverbrüchliches Geheimnis in seiner Brust zu verschließen, so erschien es ihm jetzt geradezu als eine heilige Pflicht, Aufklärung und Rechenschaft über die gestrigen Ereignisse von ihr zu fordern. Und heute noch, nein, gleich jetzt auf der Stelle mußte er es thuu. „Ich kann Ihnen auf Ihre seltsame Geschichte jetzt nichts erwidern, Kruschke," sagte er, „obwohl ich sicher bin, daß Sie fast allem, was Sie gehört haben, eine falsche Deutung geben. Aber Sie müssen mir mit Wort und Handschlag geloben, daß Sie zu niemandem sonst davon sprechen werden. Nicht bloß um unseres geliebten Toten, sondern auch um Fräulein Erikas willen. Es soll kein Schatten auf das reine und herrliche Bild fallen, das sie von ihrem Vater in her Erinnerung bewahrt. So ist es doch auch Jhre Meinung — nicht wahr?" Die harte, ausgearbeitete Hand des alten Mannes lag schon in der f einig en. „So wahr mir Gott helfe, Herr Harro — ich werde zu keinem Menschen davon reden." „Gut, Kruschke! — Haben Sie die zerschlagenen Stucke aufgehoben?" • . „Alles bis aus den letzten Brocken. Wer es laßt sich nicht wieder zusammensetzen; es ist garnicht daran zu denken." ,, „Nun, wir wollen sehen. Und wenn es nrcht gehn behalten können, wenn nicht diese — aber nichts für ungut, Herr Harro — sie ist ja wohl Ihre Freundin?" „Von wem sprechen Sie, Kruschke? Doch nicht von Fräulein Sylvander?" Er hatte es in einem strengen Tone gefragt, in einem Tone, der jeder unehrerbietigen Aeußerung über Hanna vorbeugen sollte. Doch hatte er wohl nicht das rechte Mittel gewählt, diesen Zweck zu erreichen. Der strafende Verweis im Klang seiner Stimme schien vielmehr den mühsam niedergehaltenen Groll in der Brust des alten Mannes zur hellen Flamme angefacht zu haben. Ingrimmig fuhr er auf: „Von wem sonst, als von ihr! Ist es etwa ein Verbrechen von ihr zu reden?" „Ich muß mir jedenfalls ausbitten, Kruschke, daß Sie den Namen der jungen Dame nicht anders als mit der schuldigen .Hochachtung nennen." Der Alte lachte kurz auf. „Hochachtung? Wüßte nicht, was ich ihr davon schuldig wäre! Und wenn Sie gestern hier gewesen wären, als das da geschah —" er machte eine Handbewegung nach der zerschlagenen Gruppe hin — „so würden Sie wahrscheinlich auch nichts derartiges von mir verlangen." Harro dachte an die Anspielungen des sterbenden Meisters, die er für krankhafte Ausgeburten seiner schon von den Schatten des Todes verdunkelten Phantasie gehalten, und ein furchtbarer Argwohn regte sich in seinem „Ter Professor hat den Abguß zerschlagen", sagte er unsicher, „weil er ihm mißfiel, und weil die Gruppe neu geschaffen werden sollte. Fräulein Sylvander hat damit nichts zu thuu." „So? Meinen Sie wirklich, daß Sie nichts damit zn thun hatte? — Nun, ich weiß es zufällig besser. Sie mochte ja glauben, daß sie mit dem Professor allein wäre, und daß niemand etwas von ihrer Unterhaltung hörte. Aber ich war zurückgekommen, und faß drüben im Vorraum. Jedes «Wort Habe ich verstanden, das sie mit einander gesprochen." ’ „Und Sie wollen behaupten, daß Fräulein Sylvander den Meister angestiftet hätte, das Werk zu zerstören?" „Nicht so gerade heraus, und mit deutlichen Worten. Aber ein nichtswürdiges, schändliches Spiel hat sie mit ihm getrieben — das sage ich ihr, wenn es sein muß, ins Gesicht. Um den Verstand gebracht hat sie ihn, mit ihrem Schmeicheln, und Girren, und Lachen, daß er zuguterletzt alles vergaß, feine Krankheit, und seine grauen Haare, und daß er eine Tochter von zwanzig Jahren hatte. Ah, wie es mir in den Fäusten gejuckt hat, als ich dasaß, und das alles anhören mußte." „Sie haben geträumt, Kruschke, oder Sie haben einem harmlosen Scherz diese unsinnige Deutung gegeben. Niemand wird Ihnen Glauben schenken, dem Sie das erzählen." „Es ist mir gleichgiltig, ob man mir Glauben schenkt. Aber was ich gehört habe, das habe ich gehört. Und es war kein Scherz, sondern bitter ernsthaft gemeint — wenigstens bei nnserm armen Professor. Ich habe ja nicht alles behalten, was sie ihm sagte. Und ich kann es noch weniger mit so schönen Worten wiedergeben, wie sie gebrauchte. Aber einiges davon iü mir doch im Gedächtnis geblieben. Und Sie würden wenig Freude daran haben, wenn ich's Ihnen wiederholte." „Gleichviel — ich wünsche, daß Sie es thnn. Wäre es auch nur, damit ich Sie von der Thorheit Ihrer Anklagen überzeugen kann." „Nun gut, wenn Sie es so wollen. Sie sagte ihm, daß sein Leiden gar nicht gefährlich! sei — daß er sicherlich wieder ganz gesund werden würde, und daß er ja eigentlich noch ein junger Mann sei. Er müßte aus seiner Zurückgezogenheit heraustreten, sagte sie, müßte das Leben genießen. Und dabei machte sie allerlei Andeutungen, daß er sicb ja noch einmal verheiraten könnte." „Und weiter?" drängte Harro mit heiser klingender Stimme. „War das alles?" „O nein! Dann sing sie an, ihn gegen Sie auf» znhetzeu." „Gegen mich? Sie waren nicht bei Sinnen, Kruschke, als Sie das zu hören glaubten." „Nicht, daß sie etwas Schlechtes von Ihnen gesagt 311 so beginnen wir eben von neuem; denn Klemens Herbolds Werk soll der Welt nicht verloren gehen. Es in seinem veiste zu vollenden, ist das heilige Vermächtnis, das er nir hinterlassen hat." Der Alte sah mit einem fast zärtlichen Blick zn ihm ms, und schüttelte wortlos seine Hand. Dann verließ Harro d>s Atelier, um noch einen Blick auf die Züge seines Deisters zu werfen, und sich nach dem Befinden Erikas zu ekundigen, ehe er Hanna aufsuchte. Leise öffnete er die Thür des Sterbezimmers, und btroffen blieb er auf der Schwelle stehen, als er sah, dß Erika neben dem Lager des Toten kniete. Er hätte e nicht gewagt, ihre schmerzvolle Andacht zu unter« bechen; aber sie hatte seinen Eintritt wahrgenommen, ud richtete sich langsam auf. Sie war sehr bleich, und ds Aussehen ihrer Augen verriet, daß sie viel geweint htie; ihre Züge hatten einen Ausdruck starrer Ruhe. Und eie fast unheimliche Ruhe war in der Art, wie sie ihm etgegen ging, und ihm die Hand reichte. (Fortsetzung folgt.) Grotzmütterchen und Großmama. Skizze von G. von Beaulieu. (Nachdruck verboten.) Ich sehe es noch vor mir, das Großmütterchen von d: alten Art. . . Sie hatte sich von der Außenwelt zurückgezogen zu eietn beschaulichen Dasein, das nur Miterleben, nicht mehr eien eg Erleben war. Freud und Leid brandeten an sie h au; doch sie berührten kaum noch die Spitze ihrer kleinen Me, die stets in warmen Hausschuhen, sogenannten Filz- pcksern, steckten. Es waren Elfenfüßchen, aber niemand alte davon etwas in der unförmlichen Hülle. Man fand Großmütterchen meist in ihrem weichen Lmstuhle, eine mollige Decke auf dem Knie, ein Kissen im Men. Nur mit Mühe entschloß sie sich zu einem kleinen Scziergang in der Nähe des Hauses. Besuche machte sie nit; wer sie sehen wollte, mußte zu ihr kommen. Dort tr er sie stets in der gleichen Weise — die knochigen, lien, alten Hände mit dem Strickstrumpfe beschäftigt, den sckchten weißen Scheitel mit einem Häubchen bedeckt, eine Bile auf der feinen, geraden Nase. Ihre schmalen Lippen läelten kindlich und wohlwollend, und auch ihre Augen hcen den Ausdruck eines Kindes. Nahe war auch in früherer Zeit das Schroffe und Hte des Lebens nicht an sie herangetreten; Großvater w der Eisbrecher gewesen, der sie vor Winterstürmen bhützt hatte. Als er starb, war sie fast hilflos zurück- gäeben, bis ihr Schwiegersohn sich ihrer annahm. Er besorgte für sie das, was Großmütterchen mit einer gissen Ehrfurcht und doch zugleich Verachtung das Ge- scftliche nannte. Das Geschäftliche waren Geldsachen, das Men der Wohnung, der Verkehr mit dem Wirt und vor am die Steuern. Diese haßte. Großmütterchen von Herzen, u sie sah nie ein, wozu sie da wären. Sie scheute die Wfe mit dem Doppeladler, mit denen die Aufforderung zi Steuererklärung einging und öffnete diese nie, sondern h- sie für ihren Schwiegersohn auf. Großmütterchen wußte auch nie genau, was die Dinge toten. Sie konnte sich nicht merken, wie viel man für ei Droschkenfahrt bezahle, wohin die Pferdebahnlinien gien und welche davon man nehmen müsse. Und nun gc die Eisenbahnzüge! Sie lächelte mitleidig, wenn send erwartete, s i e könne an geb en, auf welchem Bahn- h'iman abfahre und wann ein Zug abgehe. Früher brauchten Frauen so etwas nicht zu wissen, das A-buch war Männersache. „Mein Mann wußte stets alles", Pflegte Großmütterchen zuagen. Eins aber gab es, was sie genau kannte: die Preise vLebensmitteln, besonders von Konfekt. Da sah sie ihrer Km und ihrem Fräulein — der Gesellschafterin — scharf achte Finger. Wehe ihnen, wenn sie einen Apfel oder eii Bonbon zu wenig bekamen. Diese kleinen Vorkomm- ni brachten Großmüterchen mehr in Harnisch als große Wegebenheiten. Loch sie beschäftigte sich nicht nur mit Wirtschaftsfragen, sondern las gewissenhaft die Zeitung und sah, wer gestorben und geboren war. Sonst wisse man ja nichts von „Tuten und Blasen", meinte sie. Wenn sie die Zeitung nicht lese, sei es ihr, als habe sie sich nicht gewaschen, das gehöre mit zur Tagestoilette. Auch machte ihr das Vermischte und Lokale Spaß; die Unglücksfälle verursachten ihr ein angenehmes Gruseln, in das sich heimlich die Freude mischte: „Gut, daß Tu es nicht warst." Vor Sozialisten und Anarchisten hatte Großmütterchen eine gewaltige Angst. Sie konnte sich diese Menschen nie anders als mit wildem, struppigem Haar, ungewaschen, den Revolver in der schwieligen Faust, die Bombe in der zerrissenen Tasche, vorstellen. Von Angesicht hatte sie in ihrem langen Leben nie einen gesehen. Man wähne aber nicht, daß Großmütterchen ungütig oder beschränkt gewesen sei. Gegen jeden einzelnen! Menschen war sie das Wohlwollen selbst. Jeder Bettler wurde an ihrer Thür gespeist, sodaß einige davon sich bei ihr schon als Pensionäre fühlten. Es fehlte Großmütterchen nicht an Lebensweisheit, die sich hauptsächlich im Erkennen und Lösen verwickelter Familienangelegenheiten äußerte. Zwei Feinde zu versöhnen, zwei Suchende zusammen zu führen, die Kinder durch einen leisen Wink auf das Richtige zu leiten, die Enkel milde zu beeinflussen, das verstand Großmütterchen vortrefflich. Wie viele Romane spannen sich bei ihrem hohen Lehnstuhle an, und ach! wie viele endeten dort. Wie verstand sie, zu trösten, mit linden Worten zu heilen. Jeder vertraute ihr seine Geheimnisse an; sie war der Beichtvater der ganzen Familie, man empfand es schon als Wohlthat, vor ihr seinem Herzen Luft zu machen, und dann ihr sanftes: „Min oll leiw Kindting" zu hören. Großmütterchen lebte in Berlin, war aber eine Mecklenburgerin, und sprach, wenn sie erregt war, noch plattdeutsch. Wenn man ihr etwas bekannt hatte, erschien es plötzlich leichter. Sie fand es gar nicht so entsetzlich, sie entdeckte meist einen Weg, wie es zu ordnen, „in Rick und Schick zu bringen sei. Und nun Großmama, die flotte, junge Großmama von heute. Sie wird nicht weniger geliebt als Großmütterchen, aber sie ist nicht mehr das behütete Altchen, keine Spur. Mit dem Lehnstuhl macht sie höchstens nach einem guten Mittagessen, zu einer Siesta, Bekanntschaft. Doch nein, sie zieht die Chaiselongue zur Ruhe vor. Meist ist sie gar nicht zu Hause, überhaupt nicht in Berlin, wo sie bodj. ihren Wohnsitz hat. Sie hält in der Woche einen Empfangstag ab, damit die Leute sie — tote sie in richtiger Selbsterkenntnis sagt — doch mal zu Hause treffen. Sonst steht Abend für Abend im Hausflur eine Lampe, damit Großmama, wenn sie von Ge- sellschaften oder vom Theater heimkehrt, nicht die Treppe im Dunkeln zu ersteigen braucht; denn sie kommt immer nach zehn Uhr heim, wo das Gas im Haufe schon aus- gelöscht ist. Großmama hält sich auch kein Fräulein, keine Gesellschafterin. Es ist ihr zu langweilig, einen Schatten um sich zu haben; sie hat statt dessen zwei Dienstmädchen, die sie schalten und walten läßt, um im Vergnügen oder in der Vereinsthätigkeit nicht behindert zu sein. Großmama ist eigentlich mehr wie ein Mann, wie ein flotter Junggeselle in den besten Jahren, beileibe nicht alt. Seht sie einmal an! Keine Spur von Haube, von Sich- gehenlassen in der Kleidung; ihr Haar ist zwar ein wenig grau, aber gerade nur soviel, um pikant zu ihrer frischen Hautfarbe auszusehen. Es ist sorgfältig und modern frisiert, das Kleid zwar anscbeinenb einfach, aber überaus kleidsam, von kostbarem Stoffe und vom ersten Schneider gearbeitet. So kommt es, daß sie, im Halbdunkel des Empfangs- salons, häufig für ihre eigene Tochter gehalten wird. Ja, dies Verkanntwerden ist ein stehender Spaß für sie. Großmama ist eine Dame von Welt, sehr vornehm und klug. Ein wenig kühl; denn sie weiß, daß diese Temperatur gut. erhält, und ein erhitzter Teint ihr nicht steht; Aufregung macht kupfrig, und das haßt sie. Dennoch radelt Großmama) trotzdem es erhitzt; aber 312 sie will nicht hinter der Zeit zurückbleiben, sie macht alles Neue mit. Das Neue — das ist überhaupt ihre Leidenschaft. Sie geht in die neuesten Stücke, sie liest die neuesten Bücher; sie kennt die neuesten Erfindungen; sie liebt auch neue Menschen. Stile paar Jahre räumt sie unter ihren Bekannten auf, sondert aus, das heißt, sie beachtet plötzlich einige nicht mehr, und zieht andere heran. Nur nicht immer dasselbe! Sie liebt es auch, ihre Wohnung öfters neu einzurichten; eine pietätvolle Neigung für alte Möbel kennt sie nicht. Ja, sie hat ein Abkommen mit einem Juwelier getroffen, ihre Schmucksachen alle paar Jahre gegen moderne umzutauschen; ein anderes Abkommen mit einem Gärtner, die Pflanzen ihres Salons stets durch neue zu ersetzen. Weder mit Menschen, noch mit Möbeln und Blumen tritt sie in ein herzliches Verhältnis: es ist ihr alles nur Ausstattungsstück. Auch in ihrer Stadt wird sie nicht recht warm und heimisch; denn sie reist viel, unsere Großmama. Nicht die früher üblichen Großmütterreisen zu den verheirateten Kindern, sondern richtige Touristenreisen — sie nennt es Studienfahrten. Was sie studiert, hat noch niemand ergründet; doch nein, sie sagt selbst: sie studiere die Kunst, sie besuche alle Gemäldegalerien. Ja, sie ist sogar ein wenig Gönnerin der Künstler, so weit ihr Beutel es zuläßt. Sie hängt in ihrem Salon nur Originalbilder aus, teilte Wiedergaben. Sparsam, für die Enkel vorsorgend, ist Großmama nicht. Sie verthut alles, was sie hat, und ost noch etwas mehr. Sie sei auch noch ein Mensch — sagt sie — und nicht blos Großmutter, welche Würde ihr ohnehin zum Ueberdruß oft vorgehalten werde. Ja, sie könne jederzeit noch mal heiraten, Bewerber gäbe es genug, aber sie wolle einfach ihre Freiheit nicht wieder auss Spiel setzen. Ihre Kinder und Enkel sehen sie nicht häufig, auch wenn sie in Berlin ist; sie verbringen nur die Sonntage mit ihr, weil — wie Großmama sagt — „doch da sowieso nichts los sei". Sie meint damit, alle Vergnügungen wären am Sonntage zu plebejisch. Doch lange verweilt Großmama, wie erwähnt, niemals in Berlin. Sie verbringt den Winter bald in Rom, bald in Paris. Wo viele Menschen sind, wo viel Leben ist, da fühlt sie sich wohl. Auch auf Reisen nimmt sie keine Gesellschafterin mit, die würde sie nur hindern. Ob sie nicht ein Fräulein brauche, wurde sie einmal von ihrer jüngsten Tochter gefragt. „Brauchen, ich? Ich bin kräftiger und gesünder als die ganze Fräuleingesellschaft." „Aber es kann Dir doch etwas zustoßen, Mama." „Zustoßen. . ." Sie beißt sich auf die Lippen, und stemmt beleidigt die wohlgepflegten weißen Hände, an denen Brillantringe funkeln, gegen einander. „Es ist ja recht liebenswürdig von Dir, mir mein Alter vorzuwerfen." „Aber Mamachen, es ist ja nur Sorge." Großmama wirft einen schnellen Blick auf ihre Tochter und sagt dann: „Mag sein; doch ich liebe dergleichen nicht. Und selbst wenn mir etwas zustieße, wozu giebt es Hospitäler in der Welt? Glaubst Du etwa, daß ich mir nicht zu helfen wüßte?" „Natürlich^ so klug wie Mamachen ist festen eine Dame", sagt die junge Frau in ehrlicher Bewunderung, j . „Ach was", entgegnet Großmama unwirsch, „es könnten alle so sein, sie sind nur so verpimpelt, geistig und körperlich, und seelisch auch. — Rede nicht dawider, es ist so. Abhärten, das ist's,'was uns not thut. Sich den Wind um die Nase wehen lassen, nicht so verzärtelt und empfindlich sein, dann steht man seinen Mann." „Früher wäre so etwas nicht möglich gewesen." „Früher? . . . Komme mir blos nicht mit früher, schon das Wort ist mir greulich. Früher waren eben die Frauen keine Menschen, sondern Kindererziehmaschinen, und die Witwen waren Schemen, die von der Vergangenheit lebten. Das haben wir, Gott sei Dank, nicht nötig." Also sprach Großmama. . . GsnrernnÄtzrses» Tie beste Art, frisch gestochenen Spargel a u f z n b e w a h r e n. Je frischer wir ein Gemüse essen, desto schmackhafter und bekömmlicher ist es. Ganz besonders gilt dies von denjenigen Gemüsen, die leicht vergänglich sind, so auch vom Spargel. Spargel wird nun aber gern von einem Tage zum anderen ausbewahrt. Tie eineu thun dies, indem sie ihn ins Wasser werfen; das ist ganz verkehrt, er verliert das Aroma — die anderen, indem sie .ihn in Moos packen, dadurch bekommt er einen dumpfen Geruch. Im „Erfurter Führer int Gartenbau" wird a!s beste Methode zur Aufbewahrung des Spargels das Ein- fchlagen in Sand oder Erde beschrieben. Dabei behält btr Spargel seinen guten Geschmack. Wer sich genauer darüber orientieren möchte, lasse sich Nr. 6 kommen, bie unfern Abonnenten kostenfrei zugeschickt wird, wenn sie sich mittels Postkarte nach Erfurt toenben. Velhagm & Klasings Monatshefte. Tas soeben erschienene Juni-Heft von Velhageu u. Klasings Monatsheften bringt einige außerordentlich interessante Beiträge: der bekannte Goetheforscher, Prof. Alexander Tille, ist durch einen Artikel über „Goethe und die deutschen Bilder zu seinem: Fan ft" vertreten, FritzLienhard durch eine stimmungsvolle „Vv geseuwanderun g", W. Meyer -F o e r st er durch eine Plauderei über das berühmte Vollblutge- ftüte Harz bürg; all diese Artikel sind reich illustriert. Voller Humor ist eine Schilderung Berliner Bohemelebens, wie es sich vor dreißig Jahren in dem damals neu gegründeten Restaurant des kürzlich verstorbenen Rudolf Dressel abspielte — der Verfasser nennt sich nicht, bezeichnet fiel)' aber launig als einen „Mitschuldigen". Tas Heft enthält außerdem die Fortsetzung des spannenden Münchener Romans „Die vier Glocken des Herrn von Perna" von A. v. Klin kowstr o em, den Schluß der Novelle „Schweigen" von F. O t t m e r und, in den Anlage, der Roman-Bibliothek, den spannend einsetzenden Beginn eines neuen historischen Romans von E. Mne'llen - b a ch, „B r u m a i r e". Wie immer, ist and; dies Heft glänzend a u s g e st a t t e t. Kinder-Zeitung. Herausgegeben von Felix von Stenglin, Groß- Lichterfelde. Inhalt von Nr. 35. Was in der Welt vor geht: Neue Fahrten nach dem Nordpol; Rückkehr von deutschen Chinakämpfern; Von den Friedensverhandlungen in China; Von den Buren: Tie Deutschen in Mesopotamien; Zuschüttung des Zuidersees; Besuch des Kaisers auf der Hohkönigsburg; Eine Bergschwebebahn; Eisenbahnfreveü Aus dem Reiche der Natur: lieber den Bernstein an der Elbe; Löwenzucht in Europa; Der Nutzen und Schaden der'Krähen; Ein unentdecktes Säugetier; Eine Wildkatze mit drei Jungen; Der Groschen int Fischmagen. „Peters wunderbare Reisen und Abenteuer". Erlebnisse. Anzeigen. — Zu beziehen durch alle Postanstalten, Buchhandlungen und die Geschäftsstelle in Groß- Lichterfelde, Dahlemerstraße 75. Auflösung in nächster Nummer. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten,. Auflösung des Umstell', citsels in vor. Nr.: Lama, Amsel, Nagel, Dame, Pforten, Asche, Reis, Torte, Inka, Esel.. L a n d p a r tie. Nedsinrn: L. 8«r!'ie:n. — ®nift s»n* Verlag der Brüht'schm UsborrZES-BM- s«l Tutsdru-terü (Virtsch te Metz«.