Nr. 173. 1901 j/amljöcH' r yr »HW IFM :: •' ■ ff die Seele dir verzagen In der Leiden Ueberinaß, Wehre deinem Mund die Klagen Und bewahre dich vor Haß. Lies des Kummers tiefe Zeichen Auf so manchem Angesicht; Deine m Leid wird manches gleichen, Und das einz'ge ist es nicht. Nein, der Menschen Thränen qnillen Rings, soweit die Sonne scheint, Und nur der kann Thränen stillen, Welcher bitter selbst geweint. Trage drum mit stiller Stärke All das Leiden, das dich kränkt; Zn der Liebe heil'gem Werke Ward cs dir von Gott geschenkt. Ernst ü. Wildenbruch. (Nachdruck verboten.) Gesprengte Fesseln. Roman von Reinhold O r t m a n n. (Fortsetzung.) . Aber sie bedurfte auch einer Kopfbedeckung, und nachdem sie eine Minute lang vergebens nach einem Shwal oder einem Tuche gesucht hatte, das die Stelle eines solchen hätte vertreten können, griff sie kurz entschlossen nach einem weichen Filzhute des Assessors, um ihn mit einigen geschickten Griffen wenigstens annähernd in eine Form zu bringen, wie sie neuerdings hier und da von etwas emanzipationsfüchtigen Damen getragen wurde. Die üppige Fülle ihres Haares glich den Unterschied in der Kopfweite hinlänglich aus, um auch diesen Teil der Maskerade bei ungewisser Beleuchtung nicht gar zu auffällig erscheinen zu lassen, und es war jedenfalls wenig wahrscheinlich, daß ein Vorübergehender sie in solcher Verkleidung sofort erkannte. Den Mantel fest um ihre Gestalt zusammenziehend, schickte sich Felicia an, das Zimmer zu verlassen. Aber sie hörte draußen auf dem Gange, den sie notwendig passieren mußte, den Klang von Stimmen, und vernahm, wie Hilde fröhlich nach den Dienstmädchen rief, um ihnen, wie sie sagte, etwas sehr Schönes zu zeigen. Abermals also war sie gegen ihren Willen zum Zögern und Warten verurteilt, und abermals ballten sich ihre kleinen Hände in ohnmächtigem Zorn. Aber sie wollte die verlorenen Minuten wenigstens nicht ganz ungenützt lassen. In peinlicher Ordnung lag das'Schreibgerät des Assessors auf seinem Arbeitstische, und Felicia setzte sich nieder, um mit fliegender Feder einige Zeilen auf einen Briefbogen zu werfen, den sie dann in einen mit Herberts Adresse versehenen Umschlag steckte, und an einer sehr in die Augen fallenden Stelle des Schreibtisches niederlegte. T«ie lachenden Mädchenstimmen hatten sich inzwischen entfernt, und für eine kleine Weile blieb es draußen ganz still. Dann aber — Felicia war eben im Begriff gewesen, vorsichtig die Thür' zu öffnen — erklang auf dem Korridor der Schritt eines Mannes, und die Lauschende konnte nicht zweifeln, daß er sich ihrem Versteck näherte. Rasch schob sie den Riegel iviedcr vor, und harrte mit pochendem Herzen. Sie hatte sich nicht getäuscht; denn in der nächsten Minute schon legte sich eine Hand auf den Drücker, der natürlich nicht nach,geben konnte. Jetzt noch einmal galt es für Felicia, Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart zu bewahren. „Bist Du's, Herbert?" fragte sie mit dem Bemühen, ihrer Stimme einen möglichst heiteren und unbefangenen Klang zu geben, und da in merklich erstauntem Tone eine bejahende Antwort erfolgte, fuhr sie fort: „Vergieb, tvenn ich Dein Zimmer in Anspruch genommen habe, ohne Dich zu fragen. Aber die übrigen waren alle von unseren Gästen mit Beschlag belegt worben, und ich fand keinen anderen Zufluchtsort, wo ich eine kleine Unordnung an meiner Toilette hätte beseitigen können." „So entschuldige die Störung", bat er. „Willst Du, daß ich eines der Mädchen herschicke, um Dir behilflich zu fein?" „Nein, nein, ich besorge mir das schon lieber selbst. Kehre nur, bitte, zu der Gesellschaft zurück, damit man uns nicht beide gleichzeitig vermißt. In längstens zehn Minuten finde auch ich mich wieder ein." Sie hörte, wie er sich gehorsam entfernte, und nachdem sie noch ein Paar Sekunden gelauscht hatte, öffnete sie die Thür, fest entschlossen, nunmehr auf jede Gefahr hin die Flucht zu wagen. Mit lautlosen Schritten huschte sie über den Gang, dem hinteren Ausgange der Wohnung zu. Sie mußte dabei die Thür der Küche passieren, und sie sah zu ihrem Schrecken, daß dieselbe um mehr als Handbreite offen stand. Nach dem Lärm der Durcheinändersprechenden zu schließen, mußten sich mindestens fünf oder sechs Personen darin befinden; und wenn nur eine einzige von ihnen gerade jetzt ihren Blick auf den Thür- spalt gerichtet hielt, so war alles verloren. Aber es schien, daß sie alle durch ihre Arbeit vollauf in Anspruch genommen waren; denn Felicia kam an der gefährlichen Stelle vorüber, ohne daß mau sie angerufen hätte, oder daß ein neugieriges Gesicht hinter ihr aufgetaucht wäre. Nun schlüpfte sie durch die unverschlossene Hinterthür, drückte sie behutsam hinter sich zu, und eilte auf ihren leichten — 690 Stiefeln, die den Klang ihres Trittes fast unhörbar machten, die Stiege hinab. Mit der Gewißheit, von niemand gesehen worden zu sein, gewann sie die Straße; aber erst, nachdem sie, ohne auf die Richtung ihres Weges zu achten, ein halbes Dutzend mal seitwärts in Nebengassen eingebogen war, fühlte sie sich sicher genug, um die Hast ihrer Schritte zu mäßigen. Sie wußte gar nicht mehr, wo sie sich eigentlich befand, und die Dunkelheit auf deu fast schon menschenleeren Straßen machte es ihr unmöglich, sich zu orientieren. Da ihr nichts Besseres einfiel, gedachte sie für diese Nacht ein Unterkornmen in dem Pensionat zu suchen, wo sie so lange gewohnt hatte, wenn sie sich auch nur sehr ungern dazu entschloß, weil sie mit Grauen an die Neugier, und die indiskreten Fragen der Inhaberin dachte. In ein Hotel aber, wo man sie nicht kannte, konnte sie sich unmöglich begeben; denn man würde eineni jungen Mädchen, das in solchem Aufzuge kam, unbedingt die Aufnahme verweigert haben, wenn man sie nicht vielleicht gar der Polizei übergeben hätte. So hielt sie sehnsüchtig Um» schau nach einer Droschke, in der sie sich vor den miß- trauischen oder unverschämten Blicken der wenigen Passanten, von denen schon mehr als einer bei ihrem eiligen Borüberstreifen stehen geblieben war, hätte verbergen können. Aber es schien, daß sich in dieser Gegend nirgends ein Standpunkt für öffentliche Fuhrwerke befand, und Felicia wagte nicht, sich bei einem Manne nach der Richtung des Weges zu erkundigen, den sie hätte einschlagen müssen, um nach dem Pensionat zu gelangen. Da wurde sie, als sie abermals um eine Straßenecke bog, endlich eines weiblichen Wesens ansichtig, einer anscheinend noch jugendlichen Person, die einen kleinen, schmächtigen, und fortwährend hustenden Mann am Arme führte. Sie gingen in derselben Richtung vor ihr her, aber bei der Langsamkeit ihres Vorwärtskommens wurde es Felicia nicht schwer, sie zu erreichen. Jetzt hatte sie sie überholt, und wandte sich um, im Begriff, die beabsichtigte Frage an das schlanke junge Mädchen zu richten. Aber ihre schon geöffneten Lippen preßten sich sofort wieder fest zusammen, und sie drehte blitzschnell den Kops, um der anderen den Anblick ihres Gesichts zu entziehen; denn in diesem Moment hatte sie das ungleiche Paar als den Rendastten Lindemann und seine Tochter erkannt. Eine tückische Fügung des Zufalls hatte ihr gerade in dem Augenblick, da das auf schwankendem Grunde errichtete stolze Gebäude ihres Glückes kläglich zusammenbrach, die einst so gehaßte Nebenbuhlerin in den Weg geführt, und es schien ihr fast gewiß, daß Margarethe sie erkannt haben mußte. Eine schwache Möglichkeit aber, daß es nicht der Fall gewesen sei, war doch immer noch vorhanden, umsomehr, als der alte Mann gerade jetzt von einem furchtbaren Hustenanfall heimgesucht wurde, uud als Marga- rethen's ganze Aufmerksamkeit dem Vater zu gehören schien. Jedenfalls war kein Laut der Ueberraschung von ihren Lippen gekommen, und keine an ihren Begleiter gerichtete Aeußerung verriet der Horchenden, daß ihre Befürchtung eine begründete war. Sie beschleunigte ihre Schritte, und nun hörte sie auch das Rollen eines langsam näher kommenden Wagens, der sich zu ihrer großen Erleichterung wirklich als eine leere Droschke erwies. Sie rief den Kutscher an, und nannte ihm, während sie rasch einstieg, die Adresse des Pensionats. Aber das Gefährt war erst um wenige tausend Schritte weiter, als sie das Fenster heraü- ließ, und den Rosselenker veranlaßte, zu halten: „Ich habe mich anders besonnen", sagte sie, „fahren Sie mich nach der Mathildenstraße 7." „Nach der Mathildenstraße, Fräulein? Aber das ist ja am Ende der Welt. Darauf kann ich mich nicht einlassen, wenn Sie nicht im voraus bezahlen." Im nächsten Augenblick hielt er zu seiner Verwunderung ein blinkendes Goldstück zwischen den schwieligen Fingern. „Zehn Mark?" brummte er, „daraus kann ich nicht herausgeben." „Ist auch nicht nötig. Behalten Sie nur den Rest, aber sehen Sie zu, daß ich rasch ans Ziel komme." „Tos wollen wir schon machen", klang jetzt in sehr verändertem Tone die Antwort, und unbarmherzig sausten die Peitschenhiebe auf das mißmutige, altersschwache Rößlein nieder. Vierzehntes Kapitel. „Sie sehen erhitzt aus, Herr Kämmerer! Ich möchte Ihnen empfehlen, etwas Niederschlagendes zu nehmen — ein Brausepulver vielleicht, oder wenigstens ein Glas Selterswasser." Doktor Hermann Müller hatte diese Worte an den eben vorübergehenden Stadtrat gerichtet. Sie klangen wie ein Scherz, und doch hafteten die klugen blauen Augen des Arztes dabei mit einem Ausdruck unverkenubarer Besorgnis auf Ludwig Ignatius' hochrotem Gesicht. Mit drolligem Entsetzen aber schüttelte der Angeredete seinen mächtigen Körper. „Um Gotteswillen, lieber Doktor, was für fürchterliche Tinge sind es, die Sie mir da verordnen! Wenn es noch ein Glas Sekt gewesen wäre! Aber Wasser — brr!" Und lachend ging er weiter, um seinen in den verschiedenen Zimmern verstreuten Gästen mitzuteilen, daß die Vorstellung im großen Saal sogleich ihren Anfang nehmen werde. Alles drängte herzu, um sich gute Plätze in den Stuhlreihen zu sichern, und minutenlang gab es einen lustigen Wirrwarr, während dessen nur jeder mit sich selbst uud mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft beschäftigt war. Erst als alles sich niedergelassen hatte, gewahrte man, daß die beiden für das Brautpaar bestimmten Sessel in den ersten Reihen noch leer waren, uud da hinter dem Vorhang hervor bereits ein Klingelzeichen ertönte, richteten sich viele Blicke erwartungsvoll aus bie„ Thür, durch welche die Verlobten eintreten mußten. Aber nur für einen Moment sah man die Gestalt des Assessors dort auftauchen, und nachdem abermals einige Minuten verstrichen waren, ohne daß sich auch Felicia gezeigt hätte, bemerkte man, wie Ludwig Ignatius mit einer kleinen verdrießlichen Falte zwischen den Brauen zu seinem Sohne trat, um eilte Frage an ihn zu richten. Achselzuckend hatte ihm Herbert geantwortet, und einer der jüngeren Herren wurde hinter die Cvulissen geschickt, um den darstellenden Künstlern mitzuteilen, daß man mit dem Beginne der Vorstellung noch ein wenig warten müsse. In dem festlich gestimmten Publikum wurde es stllgemach immer stiller, und hier und da versteckte sich ein leises Gähnen hinter dem vorgehaltenen Fächer. In kurzen Zwischenräumen hatte der auf der Schwelle stehende Stadtrat dreimal die Uhr gezogen; nun aber schien seine Geduld erschöpft, und er wandte sich mit einer energischem Geste an den Assessor, der anscheinend gleichgiltig in dem Nebengemach auf und nieder ging. „Nein, das ist unmöglich, Herbert", sagte er halblaut, „das ist geradezu eine Beleidigung für unsere Gäste. Wenn Tu jetzt nicht gehst, Felicia zu holen, so werde ich es statt Deiner thun. Man kann unmöglich länger auf sie warten." „Ich bitte Dich darum, lieber Vater! Du weißt ja, wo Tu sie findest." Und der Stadtrat ging wirklich Aber er kam nicht zurück. Einer von den Geladenen näherte sich Herbert, um in teilnehmenden Tone zu fragen, ob sich vielleicht etwas Unerfreuliches ereignet habe, das den Beginn der Vorstellung so lange verzögere. Er erhielt eine beruhigende'Antwort, aber er hatte sich noch nickst wieder zu den anderen zurückgezogen, als atemlos und mit verstörtem Gesicht eines der weißgekleideten Dienstmädchen herbeistürzte: „Ach, Herr Assessor, kommen Sie doch, bitte, ganz schnell! Ich glaube, der Herr Stadtrat befindet sich gar nicht wohl." Heftig erschrocken folgte Herbert der Boraneilenden über den Gang, und bis an die Schwelle seines Zimmers^ Da sah er denn freilich auf den ersten Blick, daß sie ihn nicht ohne Grund in so große Bestürzung versetzt hatte; denn auf dem Stuhl vor dem Schreibtische ruhte der Körper seines Vaters in einer mehr liegenden als sitzenden Stellung, mit weit nach hinten herabhängendem Kopfe, und dunkel verfärbtem, fast bläulich-rotem Gesicht, Sein Atem ging röchelnd, und seine Augen waren offen; auf die angstvolle Frage seines Sohnes nach seinem Befinden aber hatte er keine Antwort, und als Herbert den Versuch machte, ihn aufzurichten, fühlte er, daß die schwere Gestalt völlig willenlos in seinen Armen lag. (Fortsetzung folgt.) 691 Meines Lehrers Geheimnis. Erzählung von P. G n j e d i t s ch- (Nachdruck verboten.) Julij Fedorowitsch hatte ein Geheimnis — das unterlag keinem Zweifel. Wir waren fünf Geschwister, und alle wußten sehr genau, daß Julij Fedorowitsch ein geheimnisvoller Mann sei. Er trug zwar keinen Mantel mit Degen, was nach unseren damaligen Begriffen jeder Mensch, der mit den dunkeln Mächten in Verbinoung steht, thun muß, allein er hatte ein entschieden geheimnisvolles Antlitz. Er war unser Erzieher, der allerliebste und gütigste Erzieher, und wir liebten ihn unendlich. Er war ein sehr lustiger Deutscher. Trotz seines Alters — er zählte damals sechzig Jahre — pflegte er mit uns „Blinde Kuh" und Versteck zu spielen, und mit uns im Garten herumzurennen, kurz: er war unser allgemeiner Liebling. Aber sowie der Donnerstag heranrückte, ward er feierlich ernst. Er wechselte die Wäsche, kämmte sein bischen Haar, nahm seinen Stock und verschwand bis zur Mittagszeit. Diese Zeit hatte er sich ausbedungen, und kein Wetter, kein Regen, kein Frost konnten ihn zurückhalten. Er pflegte in der heitersten Stimmung zurückzukommen, nur ein wenig röter als gewöhnlich. Er sing dann allerhand Späße an, richtete die Katze ab, und veranstaltete Aufzüge bei bengalischer Beleuchtung. Wohin verschwand er denn immer? Unsere alte Amme sagte, er „besuche seine Deutschen". Warum aber blieb er nur so kurze Zeit aus, und vor allem, warum an einem Wochentag, und warum vormittags? Welche Deutsche werden denn an Wochentagen und vormittags Besuche machen? Und warum ist er so gut gelaunt, wenn er zurückkommt? Meine Schwester Katja meinte, daß man ihm wohl irgendwo mit Eierkuchen aufwarte, die er so sehr liebt; deshalb sei er so gut gelaunt. Manchmal fragten wir unsere Mama, wohin er gehe. Sie aber interessierte diese Frage sehr wenig, und sie pflegte stets zu erwidern: „Was kümmert es uns? Er ist ein freier Mensch. Er geht hin, wohin er will." Solche Erklärung aber befriedigte uns nicht. . . Eines Tages teilte uns unser ältester Bruder Nikolaj mit, daß er alles erfahren habe — das Geheimnis war entschleiert. Wir umringten ihn in einem entfernten Winkel des Empfangszimmers, vor Furcht zitternd, und die Aufklärung der Sache erwartend- die uns so lange in Aufregung hielt. „Julij Fedorowitsch", sprach Nikolaj feierlich- „besitzt einen Keller mit Geld, dahin begiebt er sich jeden Donnerstag, um das Geld zu vergraben." Wir erstarrten ob dieser Entdeckung. „Wer hat es Dir gesagt? Woher weißt Du es?" „Hört! Heute habe ich ihm aufgelauert — er nahm zehn Rubel mit und eine Schaufel." „Eine Schaufel? Welche Schaufel?" „Unsere Kinderschaufel unter der Stiege. Er nahm sie sehr behutsam, damit niemand es sehe, und ebenso behutsam stellte er sie wieder zurück. Ich sah, wie er sie unter dem Mantel versteckt trug. In der Frühe war die Schaufel ganz rein, und glänzend — und jetzt — da schauet her!" Er führte uns zur Stiege, und zeigte uns die Schaufel — sie trug die Spuren frischer, weicher, schwarzer Erde. „Also sammelt er einen Schatz!" riesen wir perwundert aus. „Einen Schatz! Nach seiner Rückkunft habe ich! eigens sein Geldtäschchen durchsucht — und es war ein Rubel und zwanzig Kopeken darin. Und er hat doch nichts gekauft,, nichts mitgebracht. Einen Rubel und zwanzig Kopeken ließ er sich, um Tabak zu kaufen ,— das übrige hat er vergraben." Nun bestand unter uns kein Zweifel mehr. Bald aber mußten wir unsere geistreiche Vermutung fallen lassen. Trotz der schärfsten Beobachtung nämlich konnten wir nicht bemerken, daß er jemals die Schaufel mitnahm. Wahrscheinlich war es nur ein einziges Mal geschehen. Unsere Schwester Katja behauptete freilich!, er grabe den Boden einsach mit den Händen auf, aber diese Bemerkung erklärten wir für unstichhaltig, da wir ja iie Reinlichkeit unseres Lehrers, und besonders seine ganz sauber gehaltenen Nägel kannten. Später aber weckte er doch einmal unseren Verdacht hinsichtlich des Grabens wieder auf: wir bemerkten auf seinen lichten Hosen einen großen Erdfleck. Als er diesen ebenfalls wahrnahm, geriet er in Verlegenheit, und ging augenblicklich weg, andere Beinkleider anzuziehen. Woher kommt nun dieser Fleck? Das ist kein Straßenkot, sondern echte Erde, solche, wie sie an Blumenbeeten zu sehen ist. Die ungewöhnlich heitere Stimmung, die Julij Fedorowitsch sonst an Donnerstagen zeigte, blieb mit einem Male aus: als er diesmal heimkam, trat er mit hastigen, unsicheren Schritten in's Zimmer, und war ganz in sich gekehrt. Erst später, nachdem er ein wenig in seinem Zimmer verweilt, kam er wohlgelaunt wie sonst herein. Einmal, als er zur bestimmten Stunde zurückkehrte, und eilends das Vorzimmer durchschritt, schwankte er plötzlich, aber so heftig, daß er sich an die Thürpfosten an- klammern mußte; hätte er eben nicht noch Zeit gehabt, sich an diesen festzuhalten, so wäre er sicherlich, zu Boden gestürzt. Nachdem er mit verhülltem Gesicht eine Weile geruht hatte, ging er — noch immer schwankend — in sein Zimmer. „Ja, ja, er ist der Trunksucht ergeben", rief Nikolaj freudig aus, „seine Füße schwanken vom Branntwein. Hier wagt er nicht zu trinken, und deshalb besucht er die Gasthäuser. Dafür giebt er sein Geld aus-" „Und die Erdflecken auf seinen Hosen?" fragte ich. „Die kommen davon, weil er betrunken auf der Gasse liegt, bis der Wachmann ihn zum Aufstehcn zwingt." Nikolaj fühlte selber, daß er übertrieben hatte. Niemand wollte glauben, daß Julij Fedorowitsch der Trunksucht ergeben sei. „Aber er ist doch an Donnerstagen ganz rot!" beharrte Nikolaj." „Vielleicht geht er ins Bad?" sagte Katja. „Mit einer Schaufel?" erwiderte ich höhnisch Katja war vernichtet. Eines Tages rannte Nikolaj, nachdem Julij Fedorowitsch ausgegangen war. Plötzlich ins Kinderzimmer herein mit dem Ruf: „Folget mir, rasch!" In einem §aufen stürzten wir ihm nach. Im Zimmer des Lehrers stand auf der Kommode ein Gegenstand, den wir früher nie zu Gesicht bekommen hatten. Das war ein Plüschrahmen und darin das mit Bleistift gezeichnete Porträt eines Mädchens mit wellenförmigen Locken. Auf der Seite stand der Name „Emma". „Da seht, wohin er geht!" rief Nikolaj freudig, ...er geht zu Emma. Sie ist seine Braut-" „Und er ist in sie verliebt, deshalb ist er so rot", bestätigte Katja. „Und wozu dann die Schaufel?" fragte ich bedenklich!. „Du Einfaltspinsel!" fiel Nikolaj ein, „das war ein Zufall, nichts weiter." Nikolaj pflegte schon weise zu reden: denn mit dem Frühjahr hatte er Geometrie zu treiben angefangen. „Nein, nein", entschieden wir zuletzt, „Julij Fedorowitsch wird sie heiraten, und es toird eine glänzende Partie sein." — Am Abend desselben Tages, als Julij Fedorowitsch ein großes Kartenhaus machte, und seine gewöhnlichen Späße mit uns trieb, sagte Nikolaj plötzlich: „Emma, das ist doch ein hübscher Name, nicht wahr, Julij Fedorowitsch?" Julij Fedorowitsch ließ das Haus aus den Händen fallen. „Emma?" wiederholte er, „Emma?" Er stand auf, schüttelte die Kartonschnitzel vom Schoße ab, und begann im Zimmer aus und ab zu gehen. „Siehst Du, wie stark er verliebt ist?" flüsterte uns Nikolaj erfreut zu, die nervösen Bewegungen unseres Lehrers mit entzückten Blicken verfolgend. „Nun, wir werden ihm zur Hochzeit schon etwas schenken." — Warum ist aber Julij Fedorowitsch so wehmütig, so oft er zu seiner Braut geht? Warum empfängt sie ihn nur an Donnerstagen?' Warum erzählte er an den Donnerstagabenden so lustige Anekdoten? Und warum sind seine Beinkleider an den Knieen mit Erde befleckt? Ich war entschlossen, es um jeden Preis zu erfahren. 692 Man hatte mir bereits erlaubt, allein auf die Gasse zu gehen, und ich beschloß, dem Lehrer unMuspüren. Am nächsten Donnerstag zog er wie gewöhnlich, frische Wäsche an, kämmte sich das §ciar und verließ das Haus. Ich folgte ihm leichten Schrittes, indem ich ihn ein großes Stück Weges vorausgehen ließ, damit er urich nicht bemerke. Diese Vorsicht war aber ganz überflüssig. Er ging mit gesenktem Haupte, niemanden anschauend, niemanden be- merkeud, ganz in sich gekehrt. Wir gingen rasch und lauge, wir waren schon außerhalb der Stadt — die Häuser wurden seltener — und nun -ist sie bereits hinter uns. Wir aber gingen noch immer weiter, und Julis Fedorowitsch beschleunigte seine Schritte immer mehr und mehr. Er bog in das Thor des Friedhofes ein. An Prunkhaften Grabgewölben vorbei, ohne je seitwärts zir blicken, schritt er auf dem längst bekannten Wege immer vorwärts. Kreuze wechselten mit den Grabtempeln, Steinplatten mit den Kreuzen. Hölzerne Gitter, und weiße Kreuze wurden sichtbar. Da ist ein Grabhügel ganz mit Blumen überdeckt. ' Kränze von Immortellen hingen auf dem darüber ragenden Kreuz, und eine gvoße Birke beschattete ihn zeltförmig mit ihren dichtbelaubten Zweigen. Julij Fedorowitsch trat hinter das Gitter, nahm seinen Hut ab, und kniete nieder. Aber er betete nicht, und weinte auch nicht. Dre Falten seines Mantels lagen regungslos. Seine Augen blieben auf eine Stelle gerichtet. Mich sah er nicht, obschon ich fast neben ihn: stand. Ringsherum war niemand zu erblicken. Die Bäume rauschten, und die Vögel zwitscherten in der Luft. Endlich erhob er den Kopf, und fragte verwundert, sich rasch erhebend: „Was machen Sie denn hier?" Ich konnte nicht antworten, Thränen erstickten mir die Stimme. „Julij Fedorowitsch" — stammelte ich zuletzt — „glauben Sie nicht —■ glauben Sie nicht, daß ich! . - ." Er blickte mir fest in die Augen. „Sie sind ein guter Knabe", sagte er, seine Hand auf meine. Schulter legend. „Sie sind ein guter Knabe. Warum sind Sie hierhergekommen?" „Ich bin Ihnen gefolgt." „Wozu?" „Ich wollte wissen, wohin Sie gehen?" „Wozu wollten Sie das wissen?" „Ich wollte den Grund erfahren, warum Sie an Donnerstagen so heiter sind." „Warum ich so heitdr sei? Nun, so schauen Sre her! Hier unter dem Kreuze ruht meine Gattin Emma, die mir vor acht Jahren starb. Ich liebte sie mehr als alles auf der Welt, und deshalb wurde sie mir entrissen. , Seit acht Jahren, seit dem Tage ihres Todes, komme ich an jedem Donnerstag hierher; denn sie starb an einem Donnerstag. Und mein Herz krampft zusammen, wenn rch zurückdenke, und mir dieses wundervolle Weib Porstelle. Ich weine hier bei diesen Blumen, die ich eigenhändig pflanzte, und dann gehe ich nach Hause, und bemühe mich, recht heiter zu sein. Sie, lieber Knabe, Sie werden mich fragen, warum ich denn gerade an diesem Tage lustig sei? Deshalb bin ich lustig, weil niemand sich um meinen Kummer kümmert." „Wir lieben Sie so sehr", versuchte ich zu trösten. „O ja, Ihre Familie ist sehr liebenswürdig, und rch schäüe und achte Ihre Eltern, aber sagen Sie gütigst, was kann es Sie interessieren, daß ich eine Gattin hatte, dre schöne Emma, daß ich sie anbetete, daß sie starb und hrer beerdigt liegt, und daß diese Blumen wachsen und so wohl- thuend riechen? Was könnte mir's frommen, wollte rch Ihnen alles das erzählen, was mir so teuer und Ihnen so gleichgiltig ist? Nein, ich werde lieber heiter und lustig sein." Er schlug die Augen zum Himmel empor. „Emma weiß", sagte er, „daß ich ihr Andenken herlrg halte, daß ich nie jemandem erlaube, dieses anzutasten. Emma sieht alles. Sie glauben, sie sei tot? Nein,, ich sehe sie, auf diesem blauen, strahlenden Himmel. Sie zreht dort droben in Gestalt einer lichten Wolke. Das ist sie- Ich werß es gewiß. Wozu soll ich jemand mitteilen, daß ich an Redaktion: E. Burkhardt. — Rotationsdruck und Verlag der Brü Donnerstagen hierher gehe, um urich mit ihr auszusprechen? Man würde sagen, ich sei verrückt, und nran würde mich fortjagen, und ich bin doch arm und habe keine Mittel zum Leben." Er blickte auf seinen Hut uird setzte rhn auf. „Drei Jahre bin ich nun in Ihrem Hause, und drese drei Jahre hat niemand gewußt, daß ich allwöchentlich hier weine. Und mir war froh zu Mute, daß niemand von meinem Kummer weiß, daß nur ich allein ihn kenne. Jetzt haben Sie davon Kerrntnis, und das ist mir unangenehm. Ich liebe Euch, aber dennoch ist es mir unangenehm, daß Sie wissen, wohin und wozu ich jeden Donnerstag gehe. Ich will nicht mehr in Ihrem Hause bleiben..." Und in der That verließ er unser Haus schon am nächsten Tage. Es war ihm peinlich, sein Geheimnis preisgegeben zu sehen. Brandmalerei. Bisher herrschte beim Brennverfahren der sehr empfindliche Uebelstand, daß dem Arbeitenden der Rauch direkt in Nase und Atlgen stieg und so ein , unangenehmes Gefühl verrrr- j sachte, bei anhaltender Arbeit ‘ sogar die Augen thränen ließ. Diesen Uebelstand zu heben, war einer praktischen kleinen Erfindung Vorbehalten, die mit Leichtigkeit an jedem Brenn- apparat anzubringen ist. Nebenstehende Abbildung läßt unschwer erkennen, wie der Nauchvertreiber eingeschaltet wird unb auf welche Weise er dem Arbeitenden den lästigen Rauch fernhält, der gar manchem die Brandarbeit bisher verleidet hat. , „ , „r. Der Rauchvertreiberist zum Preise von 1 Mark erhältlich und zwar in Gießen bei der durch reiche Auswahl tn Kolzbrandaeqenständen bestbekannten Firma Heinrich Noll, Mäusburg 7. ______ Schachaufgabe. Von Dr. E. Palkoska in Pardubitz. (Nachdruck verboten.) a b c d e f g h 8 | 8 6 6 5 3 3 2 a b c d e f g h__ Weiß. (0 + Matt in drei Zügen. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflöstmg des Abstrichrätsels in vor, Nr.: Furcht sieht überall Gespenster. IW wohlfeiles Schachspiel "W. für 30 Pfennige zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter. hl'scheu UniversitätZ-Buch- und Steiudruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.