(Nachdruck verboten.) Prüfung. Kriminalerzählung von E. H ainb'er g. Der Schnellzug, welcher zur Abfahrt nach K. bereitstand, war von Reisenden fast überfüllt, trotzdem drängten noch immer neue Ankömmlinge hinzu, nach einem passenden Platze suchend. , , Das erste Glockenzeichen war bereits gegeben, als em älterer Herr, an '6er Seite eines jungen Mädchens, sich eilig dem Schaffner näherte. „Bitte um einen Platz zweiter Klasse im Darnen-Abteil", redete er den Eilfertigen an. „Boll besetzt", kam die Antwort zurück, „aber hier tnt Nichtraucher-Abteil ist noch ein Platz frei." Der alte Herr eilte mit dem jungen Maochen dem Schaffner nach/„Bitte, hier einsteigen", sagte dieser und eilte wieder hinweg. „ . . . , m3 Der alte Herr hatte seiner Begleiterin in den Brägen geholfen, und nun warf er auch einen Blick auf die übrigen Insassen des Abteils, zwei schon ältere Damen und einen jungen Mann. .. Ah, Herr Assessor, verzeihen Sie, Herr Amtsrichter , rief er sich verbessernd und zugleich froh erstaunt reichte er dem sich schnell Erhebenden seine Hand. „Sie reisen auch und benutzen diesen Zug?" Ja, ich muß! morgen schon meine neue Stellung antreten", antwortete dieser. „Es freut mich, Herr Tellheiin, Sie noch einmal begrüßen und mich persönlich von ^hnen verabschieden zu können. Die Kürze der Zeit erlaubte mir nur, meine Karte abzugeben." Der mit Tellheim angeredete Herr druckte dem Sprechenden herzlich die Hand. „Möge es Ihnen ferner recht wohl ergehen, Herr Amtsrichter! Zugleich aber er- rihifl ußjlj Herz, laß ab zu zagen, Und von dir wirf das Joch; Du hast so viel getragen, Du trägst auch dieses noch. Tritt auf in blanken Waffen, Mein Geist, und werde frei; Es gibt noch mehr zu schaffen, Als einen Liebesmai. Und ob die Brust auch blutet, Nur vorwärts in die Bahn! Du weißt, am vollsten flutet Gesang dem wunden Schwan. Em. Geibel. lanbe ich mir, Sie zu bitten, während Ihrer gerneinschaft- lichen Reise sich meiner kleinen Nichte ein wenig anzunehmen." Er stellte die beiden einander vor als Fräulein Hanna Werner und Herr Amtsrichter Held. „Es ist der erste, selbständige Ausflug der jungen Dame", fügte er noch hinzu, „spielen Sie ein klein wenig den Beschützer!" „Mit dem größten Vergnügen", beeilte sich der junge Mann zu versichern, indem er der jungen Dame seine Verbeugung machte, und zugleich wahrnahm, daß seine Schutzbefohlene ein Überaus reizendes Mädchen sei. War sie ebenso nett in ihrem Wesen, wie hübsch von Angesicht, so würde die ihm zugeteilte Beschützerrolle eine recht angenehme Aufgabe sein. Das letzte Glockenzeichen war gegeben, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Der alte Herr trat zurück und lüftete noch einmal grüßend den Hut, während die junge Dame ihr Tuch zum Abschied schwenkte. Der junge Amtsrichter hatte seine Beschützerrolle damit begonnen, der jungen Dame die kleine Handtasche, ivelche sie als einziges Gepäck bei sich führte, abzunehmen und in dem dafür bestimmten Netze unterzubringen. Sie dankte ihm mit leiser Stimme. „Bis wohin werde ich das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben, mein Fräulein?" erkundigte sich Held. „Ich reise nach C., wo mein Bruder mich mit dem Wagen erwartet, wir haben von da noch etwa eine Stunde bis B. zu fahren, cho mein Bruder, bei dem id> fortan bleiben werde, als Forstmeister seine Station hat." „Das trifft sich ja herrlich", sagte Held aufs freudigste überrascht, „C. ist auch mein Reiseziel, oder vielmehr mein neuer Bestimmungsort, und- da B. so nahe bei C. liegt, so werde ich wohl öfter das Vergnügen haben, Sie zu sehen. In C. soll man recht gesellig leben, hauptsächlich soll der Winter eine wahre Flut von Festlichkeiten bringen und im Sommer — ich habe mir sagen lassen, daß die Umgebung manch reizenden Punkt hat, der das Ziel so manchen Sommerausfluges bildet." ~ , „So schreibt auch! mein Bruder", pflichtete Fraulein Hanna bei. _ „Sie waren bis jetzt im Hause Ihrer Eltern?" fragte Held, doch schon im nächsten Augenblick bereute er diese voreilige Frage; denn er sah, wie plötzlich zwei große Thränen in die Augen des jungen Mädchens verdunkelten, und schwer fiel es ihm nun auch! aufs Herz: seine Reisegefährtin trug Trauerkleidung, und nun hatte er unzart seine Hand an eine jedenfalls frische Wunde gelegt. „Verzeihung", sagte er deshalb, „meine Frage war übereilt. Ihre Kleidung mußte mir sagen, daß Sie vor kürzem einen schmerzlichen Verlust gehabt haben." „Vor einem halben Jahr habe ich meine Mutter verloren und mein Vater ist ihr v'or Jahresfrist yorange- 494 Diese Antwort gefiel dem jungen Amtsrichter nun wieder ausnehmend gut, und das machte ihn heiter und frei von innerlichen Borwürfen, er sprang nun auch sofort auf anderes über, erzählte aus seinem eigenen Leben Frohes und Trauriges, wie es das Schicksal gefugt hatte. Auf diese Weise flogen ein paar Stunden dahin, ohne daß dre beiden eifrig Plaudernden es merkten. M _ Tie letzte Station, der Ausgangspunkt ihrer geniein- samen Fahrt war erreicht; der Zug fuhr jetzt langsamer. Hanna trat an das Fenster und spähete hinaus, dann liest sie ihr Tuch lustig flattern. „Mein Bruder wartet bereits", sagte sie, sich zurnch wendend mit aufleuchtenden Augen. , Held stand auf und langte ihre kleme Reisetasche herunter. Hanna dankte und streckte die Hand danach aus. „Bitte", sagte Held, „erlauben Sie mir, ste Ihnen hinausreichen zu dürfen." , „Aber ich bereite Ihnen so viel Muhe." „Nicht im mindesten", versicherte er, „es macht nur Der Zug hielt, und zugleich stand auch der Forstmeister an dem geöffneten Schlag und streckte seiner Schwester beide Arme entgegen, hob sie herab und schlang, ohne Rücksicht auf etwaige Zuschauer, seine Arme um sie und druckte seine bärtigen Lippen auf ihren roten, schwellenden Mund. Held stand, den Hut lüftend, die Reiset«, che m der Hand, dem Paare gegenüber. . Mein Bruder", sagte Hanna vorstellend, „Herr Anits- richter Held-, der die Güte hatte, sich unterwegs meiner an^Ser^orftnieifter reichte ihm kordial die Hand: „Dann auch meinen Dank, Herr Amtsrichter! Wie ich vermute, sind Sie der erwartete Nachfolger unseres verstorbenen Amtsrichters, und da darf ick wohl hoffen, daß wir unv heute nicht zum letzten Mal gesehen haben/' „Ich werde mich Ihrer gütigen Erlaubnis mit Ver- gnügen erinnern, Herr Forstmeister." „Also dann auf Wiedersehen und hoffentlich recht bald! Doch nun Adieu! Die Pferde werden unruhig und meine Frau erwartet uns." . . Held versprach noch kurz, in den nächsten Tagen seine Aufwartung zu machen, und nahm dann mit einer tieseil Verbeugung endgiltigen Abschied von feiner Reisegefährtin, die an der Seite ihres Bruders den Fußsteig hmabschritt, wo der Wagen des Forstmeisters ihrer harrte Held sah noch einmal von ferne das liebliche Gesicht des jungen Mädchens ihm zugewendet und sein Herz setzte für Minutendauer zu rascherem Schlage etn, sein Gang wurde beschwingter, und der neue Bestimmungsort schien ihm mit einem Male der Eingang zu einer glückverheißenden Lebensepoche. — Held hatte sich nur schwer von seinem bisherigen Wohnsitze, in dem er eine Reihe von Jahren in recht angenehmen Verhältnissen zugebracht hatte, und aus einem ihm liebgewordenen Freundeskreis losgerissen. Und mit I einem recht unangenehmen Gefühl hatte er den nächsten I Wochen in der neuen Umgebung entgegengesehen. Nn- I rnand kannte ihn, und ihm würde alles fremd und un- j gewohnt sein. Es würden einsame Stunden und Tage wer- I den Nun hatte sich ungeahnt, gleichsam beim Eintritt in I seinen neuen Wohnort, die Gelegenheit zu einem ange- I nehmen Verkehr erschlossen. Er beschloß!, schon an dem I nächsten freien Tag seine Antrittsvisite int Forstmeister- I h Helt?war vorerst im Gasthause abgestiegen. Hier wollte I er bleiben, bis es ihm gelang, eine für ihn passende Privat- I wohnung zu erhalten. . . Am nächsten Morgen wachte er schon frühzeitig auf. I Tas Neue, Unbekannte, was ihn eAvartete, hatte ihn nun I doch gefangen genommen, und er sah den nächsten Stunden I mit Spannung entgegen. Er nahm sich vor, etwas zeitiger I nach .dem Amtsgericht zu gehen, um sich vor Eröffnung I des heutigen Termins mit den daselbst arbeitenden Herren I bekannt zu machen, unb- sich zugleich ein wenig zu infor- I mieren. Cs war heute Gerichtstag, unb da wurde eme I Reihe von Fällen zur Verhandlung kommen, die ihm alle I noch fremd waren, da wollte er vorher noch Enjftshk in | die Akten nehmen. Er stand daher rasch aus, kleidete sich Baters-rmes ^nb", dachte Held bei sich, „so jung und so I allein auf .der'Welt." r, I Nun wurde Hanna auf einmal beredt- Sie schilderte I dem Reisegefährten ihr Leben im Hause der Eltern, wie I schön und sonnig es daheim gewesen, als beide geliebte I Eltern noch lebten, tote innig sie von beiden geliebt und I wie der große Bruder sie verzogen habe, wenn er m den I Ferien auf Besuch nach Hause gekommen und wie lieb ex I dvch zu ihr gewesen, mit ihr gespielt und alle möglichen I Tollheiten getrieben habe, um sie zu erfreuen. Da habe I der Tod in diesen glücklichen Kreis die erste Lucke gerissen, I der Vater sei, ohne vorherige Anzeichen, ganz plötzlich an I einem Schlagfluß gestorben, kurz vor der angesetzten Hoch- I zeitsfeier des Bruders, und tote von da ab alles ver- I ändert gewesen, die fröhliche Stimmung aus dem Haiise I gänzlich verschwunden sei, Ernst und Trauer sich dagegen I ^Vor einem halben Jahre sei nun auch die Mutter I aestorben; von des Vaters Tod an habe diese gekränkelt, I überhaupt nicht wieder froh werden können, der Schmerz I habe sck wohl zu plötzlich getroffen. Der Bruder Jet nun der einzige von allen denen, bte sie lieb gehabt, der ihr I geblieben; an ihn und- seine Gattin wolle sie sich nun I ?rtttia anschließen Aufs neue stieg ein warmes Mitgefühl I mit8Jeltffien Mädchen in "der Brust, des Mannes empor, dem er mit den Worten Ausdruck verlieh. „Kennen I Sie Ihre Schwägerin, lieben Sie dieselbe? Ich weih nicht", antwortete Hanna etwas verlegen, I aber aufrichtig. „Meine Schwägerin habe ich^ bisher nur zweimal gesehen, einmal nach des Vaters Tod und zum I Zweitenmal, als meine gute Mutter gestorben war. I „War sie lieb und freundlich zu Ihnen? konnte er sich nicht enthalten, zu fragen, obgleich er tm uachsten Augen- dieselbe Frage sofort wieder Bereute, sie klang etwas sonderbar einer ihm bis dahin völlig fremden lungen Dame gegenüber; er wußte selbst nicht, tote es kam, aber er ließ sich heute fort und! fort unbedacht zu Aeußerungen hm- j reißen, die er wohl bei sich erwägen, aber Nicht so offen aussprechen durfte. Hanna indes schien das nicht bemerkt zu haben; denn sie antwortete unbefangen: „Mir ist das Gegenteil wenigstens nicht aufgefallen, ich war zu sener Zeit so traurig, daß ich darauf wenig geachtet habe; auch setzt denke ich nur es ist der Bruder, der einzige Mensch, der btt nahe steht, und er liebt dich, unb ba wirb auch feine Frau nicht unfreundlich zu Fräulein, wenn ich unwillkürlich vielleicht Zweifel in Ihnen erweckte, es sollte nicht fern, nur- meine Teilnahme für Sie", hatte er sagen wollen - ba§ bürste er aber doch nicht dem jungen Äiadchen, das er heute zum erstenmal sah, so- offen bekennen, deshalb verbesserte er sich und sagte nur: „doch das entspringt aus meinem Beruf,, der immer ein gewisses Mißtrauen bedingt, nun bereue ich, Sie damit unbefugt-erweise vielleicht beunruhigt Sie sich darüber keine Gedanken", entgegnete sie schlicht, „ich habe ein unbegrenztes Vertrauen zu meinem Bruder, und in seiner Gattin sehe ich meine Schwester." aangen. Seitdem lebte ich int Hause Herrn Fellheims, eines entfernten Verwandten meiner Mutter; seine Gattin war leider noch zuletzt durch eine heftige Erkältung verhindert, mich zu begleiten, sonst wurde ich m ihrer Gesellschaft die Reise unternommen haben, so aber, da ment Bruder und meine Schwägerin mich erwarteten, mußte ich die Reise allein unternehmen." „Ihr Herr Bruder ist verheiratet?" , Ja, seit zwei Jahren. Er wünschte mich eigentlich sogleich nach dem Tode der Mutter in sem Han» zu nehmen. Aber es gab da noch allerlei Hindernisse, bauliche Veränderungen, die eine Beschränkung ihrer Wohnraume Ihr Herr Bruder muß aber bedeutend alter fetit als Sie, mein Fräulein, wenigstens läßt seine Stellung uL Forstmeister darauf schließen." „Fünfzehn Jahre", erwiderte sie, „er, ist nicht mein rechter Bruder, meine Mutter war die zweite Frau meines 495 an und schellte nach) dem Frühstück. Während er' nun auf das letztere wartete, trat er an das Fenster, welches die Aussicht auf den Marktplatz hatte, auf den vier verschiedene Straßen mündeten, die er so ziemlich übersehen konnte. Die Stadt schien nicht allzu lebhaft zu sein, nur einzelne Passanten durchquerten die Straßen, und diese bestanden meist aus Bäckerjungen, Milch Verkäufern und Dienstmädchen, die ihre Morgeneinkäufe besorgten. Die Straßen waren reinlich und ziemlich! breit, und die Häuser, wenn auch nicht allzu hoch!, doch! sauber, meist frisch gestrichen, fo1 daß das Ganze den Eindruck einer ausgepackten Kinderspielzeugschachtel machte. Der Kellner hatte jetzt den Kaffe serviert. Held wandte sich in das Zimmer zurück unb; genoß! nun mit Behagen sein Frühstück, wie ein Mann, der, wenn auch arbeits-- reicher, doch lohnender und glücklicher Zukunft entgegensieht. Nachdem er dann seinen Magen versorgt, nahm er Hut und Stock und begab sich aufs Amtsgericht. Es war noch ziemlich früh, so daß! nur einige Schreiber bei ihrer Arbeit saßen. Er ließ sich vom Gerichtsdiener das Protokollbuch für dze heutigen Verhandlungen geben, blätterte darin und ging die einzelnen Fälle durch, er gewann so einigermaßen eine Uebersicht, das Weitere würde sich ja aus den Verhandlungen ergeben. Auch hoffte er vorher noch einige Auskunft von den anderen mitkonferierenden Herren zu erhalten, auf deren zeitiges Erscheinen hoffend, da denselben seine heutige Ankunft bekannt sein mußte. Er hatte sich darin auch nicht geirrt, die Herren traten bald an, sie mochten auch wohl durch den Gerichtsdiener von seiner Ankunft benachrichtigt sein; denn sie stellten sich ihm alsbald vor und erboten sich, Auskünft über die heute vorliegenden Fälle zu geben. (Fortsetzung folgt.) Bettler- und Gaunerzinken. ’T- Von Adalbert von Minckwitz. (Nachdruck verboten.) Gar manche Hausfrau wird schon ärgerlich den Kopf darüber geschüttelt haben, warum gerade an ihrer Wohnungs- thür tagtäglich, ein oder mehrere Bettler und arme Reisende, Gaben heischend, vorsprechen, während die Thür des auf demselben Flur wohnenden Nachbarn von derartigen unliebsamen Besuchen verschont bleibt. Wenn sie einiges Physiognomiengedächtnis hat, wird sie bald be- merken, daß es durchaus nicht dieselben Individuen, sondern immer wieder andere, fremde sind, die ihre Mild- thätigkeit ansprechen. Nachdem sie eine stattliche Anzahl von Nickelstücken auf dem Altäre der Nächstenliebe geopfert hat, wird ihr die Sache zu bunt. Sie will zwar den Bittenden nicht gänzlich unbedacht fortgehen lassen; aber sie geht dazn über, ihn mit etwas übrig gebliebenem Essen, einem Stück Brot, vielleicht, wenn sie auf dem Lande wohnt, auch mit etwas Obst, Eiern und dergleichen abzufertigen. Einige Wochen vergehen, und schon hat der Strom der Bettler bei ihr wesentlich abgenommen, und versiegt schließlich gänzlich. Es ist, als ob die Bettler der ganzen Gegend genau gewußt hätten, daß sie eine offene Hand besitzt, aber nun auch wüßten, daß es an dieser Thür kein bares Geld mehr giebt, das sich in Schnaps umsetzen läßt, sondern nur itod). Gßwaren, an welchen dem echten Vagabunden in der Regel herzlich wenig gelegen ist. Unsere Hausfrau kann völlig beruhigt sein; die Sache ist ganz in Ordnung; denn die Herren Stromer sind sehr genau über sie unterrichtet, und jeder neue, der „auf der Walze", wie es in. der Landstreichersprache heißt, des Wegs daherkommt, weih, welchen Empfang er bei ihr zu erwarten hat, dank den vorzüglichen „Zinken", welche seine Vorgänger zu seiner Orientierung zurückgelassen haben. Ein unscheinbarer, wie von Kinderhand an die Wand neben dem Eingang mit Rötel oder Bleistift hingeworfener Kreis ist ein Symbol für Geldstücke und bedeutet, daß man hier auf bare Münze rechnen kann; ein liegendes Kreuz dagegen bedeutet, daß vom Inhaber dieser Wohnung nichts zu holen ist; ein Kreis, welcher durchkreuzt ist, heißt so viel, als der Vagabunde erhält hier kein Geld, sondern wird mit Nahrungsmitteln abgefertigt; findet der Landstreicher aber an einer Wohnung das Zeichen eines. Säbels oder' eines Gewehrlaufes mit Bajonett, so flieht er diese, wie der Teufel die heiligen Orte; denn diese Zeichen sagen ihm, daß er dort Gefahr läuft, die Polizei oder den Gendarm auf den Hals gehetzt zu bekommen. Natürlich giebt es noch, eine Menge anderer Zeichen, die ähnliches bedeuten, so sagt eine Flöte dein Bettler „hier kannst Du flöten gehen" oder „hier ist nichts zu holen", während eine Geige — hier hängt der Himmel voller Geigen — ebenso auf große Freigebigkeit deutet, wie eine geöffnete Hand. Letzteres Zeichen fand ich vor kurzem auf einem Spaziergange durch einen der vornehmen südwestlichen Berliner Vororte in wahrhaft genialer Weise dazu verwandt, um den ehrenwerten Mitgliedern der Bettlerzunft alle Mühe und namentlich das Treppensteigen zu ersparen. Am Mauerwerk des Eckhauses waren zwei Pfeile mit entgegengesetzter Spitzenrichtung parallel über einander aufgezeichnet, und in der Richtung der Spitzen einige anscheinend wahllos hingeschriebene Zahlen. In Wahrheit war dies jedoch ein Wegweiser, welchen ein Vagant für sich und etwaige Nachfolger ausgezeichnet hatte; denn an sämtlichen an der Ecke nicht verzeichneten Häusern sand sich rechts an der Eingangsthür ein Kreuz, dessen Bedeutung schon genannt ist, während an den übrigen, an der Ecke gekennzeichneten Häusern links und rechts von der Hausthür in der Höhe, wie sie auch von Kindern erreicht werden kann, anscheinend unabsichtlich! Zahlen von 1 bis 3 und hier und da Einsen jedesmal mit einem Kreis eingekritzelt waren. Eine bessere Uebersicht konnte sich natürlich der Bettler, der diese Straße abgrasen wollte, gar nicht wünschen. Diese geheimen Verständigungsmittel des Gaunertums sind keineswegs ein Produkt der Neuzeit, sondern sehr alten Datums; sie sind eine Art Hieroglyphen, eine Bilderschrift, die zu einer Zeit entstanden ist, als die Kunst des Lesens noch auf wenige Personen beschränkt war, welche aber auch von den des Lesens unkundigen Eingeweihten ohne weiteres verstanden werden konnte, und sich bis heute erhalten hat, weil sie den Vorteil bietet, daß der naive Bewohner der heimgesuchten Wohnung sie zu denjenigen Produkten des Kunstsinnes rechnet, von welchem es heißt „Kinder- und Narrenhände beschmutzen Tisch und Wände". Wenn sie nur die Aussichten auf erfolgreiches Betteln darstellen, so sind sie noch verhältnismäßig harmlos; aber oft bedeuten sie Einbruch, Raub, Mord und andere schwere Verbrechen, und diesen Sinn hatten sie auch vornehmlich in früheren Jahrhunderten, als die staatliche Ordnung noch nicht so erstarkt war, wie in der Gegenwart, welche auch ohne die barbarischen Strafen der Vergangenheit einigermaßen dieses anarchische Gesindel eingeschränkt hat, das in stetem Kriege mit allen lebt, die dem ruhigen und ehrlichen Erwerbe nachgehen. Zum Teil sind die Zinken uralt. Wenn zum Beispiel eine Zigeunerbande ihren zurückgebliebenen Nachzüglern oder andern Zigeunern kundthun will, in welcher Richtung sie an irgend einem Kreuzweg weiter gezogen sind, so steckt sie an dieser zweifelhaften Stelle, wie Dr. Hans Groß in seinem vorzüglichen Buche „Der Untersuchungsrichter" mitteilt, einen abgeschnittenen Ast, von welchem sich, drei Aestchen gabeln, in die Erde und biegt das mittlere Aest- chen in jene Richtung, nach welcher der Wanderer weiter ziehen muß, um seine Genossen zu erreichen. Dieses Zeichen ist aber durchaus kein ausschließlich zigeunerisches; denn der größte Kanzelredner des Mittelalters Berthold von Regensburg (gestorben dortselbst am 13. Dezember 1272) sagt schon in einer in der Leipziger Handschrift Nr. 496 enthaltenen, bis jetzt noch nicht gedruckten Predigt, wie Professor Schönbach mitteilt, „der Teufel macht es so wie die Räuber, welche an den Wegen mancherlei Zeichen an» bringen, damit die Wanderer glauben, sie seien ans dem richtigen, während sie durch diese Zeichen geradeswegs zu den Höhlen der Räuber gelockt werden; dieser Zeichen aber gebe es drei, nämlich gekreuzte Aestchen, zusammengelegte Steine und verknüpfte Ruten oder Dornsträuche." Die meisten dieser Zeichen, welche im Mittelalter im 496 — Volke allgemein bekannt ivareit, sind jetzt von diesem der-. gessen. Keim Diebsgejindel und Vaganten tum aber haben I sie sich bis heute erhalten, wenn sie auch meist nicht I mehr die grauenhafte Bedeutung haben wie damals, wo I sie fast stets Mord und Brandstiftung bezeichneten. Wer kein Quellenstudium treibt, kann sich aus den I modernen Geschichtswerken kaum mehr eine Vorstellung I machen, wie es in der guten alten Zeit zuging; aber! bei' der Lektüre von Schriften wie dem Simplicius Sun- I plizissimus und ähnlichen Litteraturwerken des 15. bis I 17. Jahrhunderts bekommt man einen Begriff, daß Hun- I derte vertierter und verwilderter Banden damals raubend, I sengend und plündernd durch das deutsche Land zogen. I Dieses verruchte Gesindel, für welches der einfache Galgen 1 wirklich eine viel zu milde Strafe war, stand durch seine I Geheimzeichen (der Name, Zinken ist erst im Anfang des I 17. Jahrhunderts aufgekommen) unter einander in steter I Verbindung. Eine große Anzahl derselben ist in einem I heute recht seltenen Büchlein „Der Mordbrenner Zeichen und Losungen, etwa beh dreihundertundvierzig; ansge-1 schickt Anno 1540" abgebildet, von denen noch heute manche benutzt werden. So bedeutete ein gefiederter Pfeil odet ein liegendes Kreuz mit Seitenstrichelung, daß das damit ge-1 kennzeichnete Haus der Rache der Landstreicher verfallen sei, und angezündet werden solle. Waren an die Strichemng I noch Ringe gezeichnet, so sagte dies, daß Brennstoff im Hause bereits vorhanden sei. Suchte der Verbrecher — und das gilt noch heute ebenso tote vor 400 Jahren — Kumpane zur Ausführung seines Anschlages, fo mußte er sich Gleichgesinnten mitteilen. Er zeichnete daher an einem Kreuzwege, an der Wand eines verfallenden em- । kamen Gebäudes, oder an einer einsamen Kapelle tm | Walde seine Marke oder sagen wir kurzweg sein Wappen । — eine Eule, eine Schlange, einen Frosch) oder irgend« ein anderes Getier — mit einer für den Laien unlesbaren Datumbezeichnnng. So bedeutet z. B- eine Eule, dahinter ein Schlüssel, dann zwei senkrechte Striche und drei stehende Kreuze, daß der Träger des Eulenzeichens einen Einbruch — der Schlüssel — beabsichtige; wer mitthun wolle, möge sich zwei Tage — die beiden Striche — vor Charfreitag — das Kreuz Chrisfi und das der beiden Schächer zu einer Besprechung ein find en. Wer es las, setzte dann zur Be- stätiauna des Gelesenen sein eigenes Gaunerwappen darunter, und die eigens organisierte Gaunerbande war fertig. So bildete sich eine ganze Gaunersprache tn Bildern heraus. In evangelischen Ländern glaubte man damals im Reformationszeitalter, daß es die Zeichen von Mordbrennerbanden seien, um die Protestanten durch Mord und Brandstiftung zu vernichten. Die greUelvollen Zeiten des dreißigjährigen Krieges, wo dieses Zeichenwesen in seiner höchsten Blüte stand, zeigten aber, daß es allgemeine Verständigungsmittel des vogelfreien Gesmdels waren. Noch heute werden solche Zinken vielfach verwandt, um ein geplantes Verbrechen zu organisieren. , So teilt Groß einen höchst interessanten Gaunerzinken mit, welcher aim den Bildern eines Papageis, einer Kirche, emes Schlusses, j drei rundlichen Gegenständen — im steierischen Bauern- . Kalender das Zeichen der Steine, mit denen , der heilige Stefan getötet wurde — und einem Säugling tn den Windeln — Symbol der Geburt Chrisfi — besteht. Das ganze läßt sich sehr einfach lesen. Es bedeutet, daß eut m leinen Kreisen wegen seiner umfangreichen Sprachkenntnisse — daher der Papagei — bekannter Verbrecher am Stefani- tage - 26. Dezember - wo der Opferstock vermutlich mit Gaben reich gefüllt war, in eine Kirche embrechen wolle, und daß er am Christtage am Ort, wo das Zeichen ange- malt war, auf Teilnehmer warte. Die Zahl derartiger Beispiele ließe sich ins endlose vermehren, das hier angeführte genügt aber schon, um eine Vorstellung von der Bedeutung und der Vielseitigkeit der Gauneriznken zu ermöglichen, über welche derjenige, der 'sich besonders dafür interessiert, in dem bereits angeführten Buche von Groß nnd in Üve-Lallements ausführlichem, vierbändigen, aber schon etwas veraltetem Werke „Das deutsche Gaunertum" das nähere findet. Uebrigens ist bei schweren Verbrechern der Gebrauch der Zinken in langsamer Abnahme begriffen, da sie es in einer Zeit, wo fast jeder schristkundig ist, vorztehen, sich durch Anschreiben ihrer Spitznamen zu verständigen. Daß man dasjenige, was man andern mitteilen, aber vor ungewünschten dritten verbergen will, durch Zeichen ausdrückt, liegt tief in der menschlichen Natur begründet; denn unsere Schrift ist ja ursprünglich auch auf diesem Weg entstanden. Es ist daher nicht wunderbar, daß wir ähnliches bei allen Völkern finden. Die indische Mörder- sekte der Toughs, die religiöse Sekte der Babi, welche 1896 den Perserschah Nassr-Eddin ermorden ließen, die politisch-religiöse muhamedanische Sekte der Assassinen, welche seit den Kreuzzügen mehrere Jahrhunderte hindurch in Persien, Syrien und Paläsfina eine schreckvolle Rolle spielten, ja selbst die Boxer in den jetzigen chinesischen Wirren bedienen und bedienten sich ähnlicher Zeichen. Wenig bekannt dürfte es übrigens sein, daß es neben den optischen am| akustische Zinken giebt. Das Krähen des Hahnes, der Ruf der Wachtel, der Schrei einer Eule, das Quaken eines Frosches, der Unkenruf «Usw. haben für das Vagantenvolk jeder seine besondere Bedeutung. Wer zur Sommerszeit einen Vagabunden aus sicherem Verstecke die Landstraße dahinziehen sieht, versuche es einmal mit diesen Tierrufen. Er Wird die merkwürdigsten „ Beobachtungen machen können, wie jener bald vorwärts, bald rückwärts geht, bald nach links, und bald nach rechts ausweicht, und schließlich ganz in Verwirrung gerät. Die von diesem Gesindel gebrandschatzte Hausfrau sehe I sich aber einmal die HaiMhür, die Treppen und die Wände an der Wohnungsthür genau aus Zinken an. Vielleicht wird sie dann den Schlüssel zu dem Geheimnis finden, warum gerade bei ihr so anhaltend gebettelt wird. Gemernnützige». Nervenschwäche. Es ist schwer, den Begriff der Nervenschwäche klar zu bestimmen, ebenso ihre allbekannten, außerordentlich wechselnden Erscheinungen unter einem Bilde zusammenzufassen. Ihr Wesen besteht zwar einfach! in einer Schwäche der Nerven; aber so unendlich verschieden, wie die Funktionen dieser Organe find, find auch die äußeren Anzeichen der Nervosität, die übrigens beiläufig bemerkt, durchaus nicht blos die Krankheit unseres Jahrhundert ist, sondern, wie aus den ganz klaren Schilderungen der griechischen medizinischen Litteratur hervorgeht, schon seit Jahrtausenden bekannt ist Das Leiden ist im hohen Grade erblich); von großer Wichtigkeit ist es daher, Kinder nervöser Eltern frühzeitig durch eine rationelle körperliche Abhärtung (kalte Bäder, Aufenthalt in freier Luft rc.) und eine gesunde Ernährung, ebenso wie durch) Vermeidung allzu ftüher geistiger Ueberansfieng- ung vor dem Leiden zu bewahren. Einmachen von Tomaten. Den reifen Früchten wird die Schale abgezogen, sollte sie zu fest sitzen, so halte man die Früchte einen Augenblick in kochendes Wasser. Auf ein halbes Kilogramm Frucht lautere man 125 Gramm Zucker, nehme ihn vom Feuer und drehe die Tomaten darin um, hebe sie nach einigen Minuten heraus, lege sie in eine Terrine und koche den Saft noch etwas I ein gieße ihn über die Tomaten und lasse sie drei Tage stehen. Hierauf wird der Saft behutsam abgegossen, man läßt ihn kochen, wendet die Tomaten abermals vorsichtig um und wiederholt dies nochmals nach drei Tagen. Nach dem letzten Umwenden läßt man die Früchte ablaufen, legt sie in die Gläser, kocht den Saft kurz ein und gießt ihn heiß darüber. „Prakt. Wegw.", Würzburg. Delphischer Spruch. Nachdruck verboten. Brausend kommt cs daher, du siehst nichts, aber du fühlst es. Kommt ein Zeichen hinzu, rankt eS sich blühend empor. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Geheimschrift in vor. Nr.: Dünkel ist ein Kind der Dummheit. Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruüerei (Pietsch Erben) in Gießen.