Donnerstag den 1. August. kt MW LMM SS Ä n ’**“*V^M ’rm« im'n1' । as Wenige verschwindet leicht dem Blick, Der vorwärts sieht, wieviel noch übrig bleibt. Goethe. (Nachdruck verboten.) Der Schmetterling. Novelle von Reinhold Ortmann. Erstes Kapitel. Das Bureau des Pfandleihers August Jmberg lag in einer jener stillen Seitenstraßen, wo um die Abendzeit der Verkehr fast ganz aufhörte, und wo die spärliche Beleuchtung den wenigen Passanten kaum gestattete, einander im Vorübergehen zu erkennen. Es befand sich dort schon seit mehr als dreißig Jahren. In der Nachbarschaft hieß es, der alte Jmberg sei bei seinem Geschäft ein wohlhabender Mann geworden. Jedenfalls war seine Kundschaft eine sehr zahlreiche, und, sofern es ein Beobachter der Mühe wert gehalten, unter dem halbdunklen Thorweg des alten Hauses ein paar Stunden lang auf der Lauer zu stehen, hätte er gewiß gar viele Personen jeglichen Standes und Alters an sich vorbeihuschen sehen. Sie blickten meist scheu.umher, als ob sie sich auf verbotenen Wegen befänden, um dann behend in dem hof- wärts gelegenen Eingang des Jmbergschen Geschäftslokals zu verschwinden. Namentlich! an den Samstagen, oder wenn der Monatserste vor der Thüre staub', war des Zulaufs schier kein Ende, und August Jmberg, der noch immer wie vor dreißig Jahren alle Obliegenheiten seines Berufes ganz allein besorgte, wußte trotz seiner erstaunlichen Beweglichkeit die Fülle von Arbeit kaum zu bewältigen. Einen solchen heißen Tag gab es für ihn auch! heute. Es war der letzte des Monats, und seit dem Beginn der abendlichen Dunkelheit hatte die Thürglocke, deren Anschlägen jedesmal den Eintritt eines neuen Besuchers verkündete, kaum eine Minute lang geschwiegen. Der kleine Raum vor dem Ladentisch!, der das schmale Kontor yt zwei Hälften teilte, war zeitweilig von Personen beiderlei Geschlechts überfüllt. Es kostete dem Pfandleiher, einem kaum mittelgroßen Männchen mit faltigem, gutmütigem Gesicht und Hellen, klug blickenden Augen, dann oft nicht geringe Mühe, die Ungeduldigen zu beschwichtigen, von denen jeder zuerst abgefertigt werden wollte. Ein anderer an seiner Stelle wäre bei der Mannigfaltigkeit der Dinge, die ihm da zum Versatz angeboten wurden, und deren jedes doch aus seine Beschaffenheit geprüft und auf seinen Wert abgeschätzt werden mußte, mit solchem Andrange wohl überhaupt kaum fertig geworden. Aber August Jmberg hatte in seiner langen Praxis Erfahrung und Sicherheit genug gewonnen, um meist mit einem einzigen Blick taxieren zu können, was er ohne eigene Gefahr auf ein Unterpfand darleihen dürfe, und die meisten dieser Schmucksachen, Uhren und Kleidungsstücke wanderten ja auch nicht zum ersten Mal durch seine Hand. lieber das, was er einmal geboten hatte, ging er niemals hinaus, und wenn hier und da ein Neuling versuchte, die Abwickelung des Geschäfts durch eine höhere Forderung aufzuhalten, so schob er ihm sein Eigentum stillschweigend wieder zu. Die Prüfung der Legitimation, die er nach! der gesetzlichen Vorschrift von jedem fordern mußte, ging ebenso schnell vor sich, wie die Ausfüllung des Pfandscheines, die er mit kreischender Feder an einem uralten, wurmstichigen Stehpult bewirkte. In dem gewaltigen eisernen Geldschirank aber schienen wunderbarerweise die erforderlichen Beträge für jeden einzelnen Fall schon abgezählt Bereit zu liegen, denn August Jmberg brauchte niemals mehr als einen einzigen Griff, um die benötigte, meist allerdings recht geringfügige Summe in der Hand zu haben. Eben hatte er einer blassen, krank und verhärmt aus- sehenden Arbeiterfrau die wenigen Groschen hingezählt, die der Souutagsrock ihres Mannes bei wohlwollender Schätzung allenfalls noch wert sein mochte, und andere drängten sich nun an ihre Stelle. Der Pfandleiher aber wandte sich über ihre Köpfe hinweg nach dem dunklen Hintergründe des Raumes. Seine scharfen Augen, denen trotz ihrer vielseitigen Inanspruchnahme nichts zu entgehen schien, hatten da eine Person erspäht, die schon seit geraumer Zeit mit schien gesenktem Kopfe dicht neben der Eingangsthür stand, wie wenn es ihr an Mut gebräche, näher zu dem Tische heranzutreteu. „Wenn Sie immer dahinten bleiben, mein liebes Fräulein", sagte er in der gewinnenden Weise, die ihm xine besondere Beliebtheit bei seiner §bundschaft eingetragen hatte, „so können Sie bis zum Geschäftsschluß warten, ehe Sie d'rankommen. Lassen Sie doch 'mal sehen, was Sie mir Schönes bringen." Das junge Mädchen, denn nur ein solches konnte, ihrer schlanken und zierlichen Figur nach zu urteilen, die Angeredete sein, näherte sich zögernd. Bereitwillig hatten ihr die anderen Platz gemacht, und alle Blicke waren neugierig auf sie gerichtet. Man hielt sie offenbar für eine Angehörige der besseren Stände, obgleich! der dunkle Regenmantel,, der das feine Figürchen knapp umschloß, von der darunter be findlich!en Kleidung nichts wahrnehmen ließ, und obgleich sie statt des Hutes ein rotes Kopftuch von flockiger Seide trug, wie die Damen es auf dem Heimweg 'aus dem Theater oder aus Gesellschaften zu benutzen pflegen. Daß 434 sie ihr Gesicht mit Hilfe dieses Tuches nach Möglichkeit zu verstecken suchte, fand mit Rücksicht auf den Ort, wo es geschah, niemand besonders verwunderlich. Wäre doch jeder am liebsten mit einer Tarnkappe hierher gekommen, die ihn für alle anderen als für August Irnberg unsichtbar machte. Ein allerliebstes gerades Näschen, ein kleiner, kirschroter Mund und ein 'Paar runde, ängstlich blickende Augen gewahrte man allerdings trotz der dichten Umhüllung, Und vermutlich war es nicht zum wenigsten diesem hübschen Gesichten zuznschreiben, daß der Pfandleiher dem jungen Mädchen das zaudernd dargereichte winzige Päckchen mit" einem so verbindlichen Lächeln aus der Hand nahm. Er trat an das von zwei Gaslampen hell beleuchtete Stehpult und löste die papierne Umhüllung. Ein Etui von rotem Leder kam daraus zum Vorschein, und als er es öffnete, funkelte ihm auf weißseidenem, etwas vergilbtem Kissen eine große, altmodisch geformte Brosche entgegen, die einen aus Brillanten und farbigen Edelsteinen zusammengesetzten Schmetterling darstellte. August Jmberg, dem so kostbare Gegenstände nur selten als Pfand angeboten wurden, lieh ein paar Sekunden lang die Lichtstrahlen auf den Steinen spielen. Tann wandte er sich wieder an die Ueberbringerin und fragte: „Gehört das Ihnen, mein Fräulein?" „Ja", klang es leise zurück. . „Es stammt aus dem Nach^- laß meiner Mutter." „So? Und wieviel wollen Sie darauf haben?" „Tausend Mark — wenn es sein kann." „Hm! Das ist eine große Summe, und ich arbeite nicht gern mit solchen Beträgen. Haben Sie denn eine Vorstellung davon, was der Schmuck wert ist?" „Nein, ich weiß es nicht." „Und warum müssen es gerade tausend Mark sein?" „Weil ich diese Summe notwendig brauche." August Jmberg drehte das Etui unschlüssig nach rechts und nack) links. Dann, da er merkte, daß die übrigen Kunden, die an so lange Unterhandlungen bei ihm nicht gewöhnt waren, Zeichen von Ungeduld gaben, sagte er: „Wenn ich Ihnen einen Gefallen damit thue, und wenn Sie sich über Ihre Person gehörig ausweisen können, werde ich das Geschäft vielleicht machen. Aber ich muß die Steine auf ihre Echtheit untersuchen, und dazu habe ich, wie Sie sehen, in diesem Augenblicke kein Zeit. Eine Viertelstunde etwa müssen Sie sich schon noch gedulden. Sie können ja, wenn es Ihnen recht ist, nebenan in meinem Wohnzimmer warten." Ihres Einverständnisses sicher, schlug er eine Seitenklappe des Tisches empor, um der jungen Unbekannten Durchlaß zu gewähren, und öffnete die neben dem großen Geldschrank befindliche Thür. „Ah, mein Sohn ist schon zu Haus", meinte er, nach>- dem er einen Blick in den anstoßenden Raum geworfen hatte. „Nun, das macht wohl weiter nichts aus. Sie werden sich ja gegenseitig nicht stören." Er forderte sie mit einer Handbewegung auf, einzutreten, und sie leistete der Einladung Folge — vielleicht weil ihr wirklich jede andere Gesellschaft wünschenswerter schien, als die der Leute jenseits des Ladentisches, vielleicht aber auch, weil sie in ihrer Verwirrung alles gethan hätte, was man von ihr verlangte. Tas Wohnzimmer des Pfandleihers verriet von der Wohlhabenheit, die ihm die Nachbarschaft nachsagte, ebensowenig wie sein beinahe dürftig ausgestatetes Kontor. Das waren noch dieselben wohlfeilen, altfränkischen Möbel, die er vor dreißig Jahren bei seiner Verheiratung angeschafft hatte, derselbe geschmacklose Glasschirank mit den schrecklichen, vergoldeten Geburtstagstassen und den plumpen Nippes, für die seine verstorbene Frau eine besondere Vorliebe gehegt hatte. Der fadenscheinige Teppich ließ nur noch an wenig Stellen schwache Spuren des Blumenmusters erkennen, mit dem er dereinst geschmückt gewesen war. Die stockfleckigen Lithographien an den Wänden gehörten zu den traurigsten Erzeugnissen ihre Art, und einzig das bis zur niederen Decke emporreichende, dicht gefüllte Bücherregal stimmte nicht ganz zu dem kleinbürgerlich armseligen Charakter des Gemaches. Auf dem runden Tische vor diesem Regal brannte eine Studierlampe, die zwar in die entfernteren Ecken des Zimmers nur noch, eine sehr ungewisse Helligkeit zu senden vermochte, dafür aber den Kopf des bei ihrem Schein emsig schreibenden jungen Mannes desto schärfer beleuchtete. Es war eilt interessanter Kopf mit mächtiger Stirn und edlem, scharf geschnittenem Profil, dessen energische Linien von irgend einer Familienähnlichkeit mit dem gutmütig unbedeutenden Gesicht des Pfandleihers durchaus nichts erkennen ließen. Als die Thür geöffnet wurde, hatte der Arbeitende flüchtig aufgeblickt. Aber die großen, klaren, etwas tiefliegenden Augen hatten sich sogleich wieder auf die vor ihm liegenden Blätter gerichtet, und er war offenbar fest entschlossen, von der Anwesenheit der jungen Dame nicht im mindesten Kenntnis zu nehmen. Kümmerte er sich doch nicht einmal darum, daß sie an der Wand stehen geblieben war, obwohl August Jmberg ihr einen der verschlissenen Polsterstühle zugeschoben hatte. Und eine nichts weniger als angenehme Ueber- raschnng spiegelte sich in seinen Zügen, da sie nach Verlauf von etwa fünf Minuten plötzlich das Schweigen brach. „Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr, wenn meine Gegenwart Sie belästigt. Aber ich, bin nicht dafür verantwortlich; denn Ihr Herr Vater veranlaßte mich, hier einzutreten." Sie hatte das keineswegs schüchtern oder demütig gesagt, sondern mit einer frischen und munteren, überaus angenehm klingenden Stimme und mit einem merklichen Anflug von Schelmerei. Wenn es ihre Absicht gewesen war, dem jungen Manne seine Unhöflichkeit znm Bewußtsein zu bringen, so hatte sie ihren Zweck jedenfalls erreicht; denn er stand ans und sagte etwas verlegen: „Von einer Belästigung ist natürlich keine Rede, mein Fräulein! Ich bitte nur um die Erlaubnis, in meiner Arbeit fortfahren zu dürfen, die ziemlich dringend ist. — Aber wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen? Sie werden mich; doch hoffentlich nicht zwingen wollen, ebenfalls stehen zu bleiben." „Nein, so grausam bin ich nicht", erwiderte sie heiter, indem sie sich auf den altersschwachen Polsterstuhl niederließ. „Und ich; ersuche Sie dringend, sich nicht stören zu lassen. Ich werde mich so still verhalten, als es mir nur immer möglich ist." Er hätte ja nun auf diese beruhigende Versicherung hin zu seiner unterbrochenen Beschäftigung zurückkehren können, und er machte auch wirkliche Miene, es zu thun. Aber seine Feder flog nicht mehr so schnell und sicher wie vorhin über das Papier, und nachdem er mit vielen Unterbrechungen ein paar Zeilen geschrieben, starrte er in das Flämmcheu der Lampe mit einer Miene, als dächte er viel weniger über seine Arbeit nach als über die passende Einleitung zu einem weiteren Gespräch mit der jungen Unbekannten, die eine so anmutige Gestalt und eine so Helle, liebliche Stimme hatte. Und er brauchte nicht lange nachzusinnen, denn trotz ihres feierlichen Versprechens kam sie ihm zuvor. „Der kleine Herr da drinnen ist doch Ihr Vater, — nicht wahr?" „Allerdings, mein Fräulein, und Sie erlauben wohl, daß ich! mich Ihnen vorstelle. Ich bin der Referendar Rudolf Jmberg." „Sehr angenehm! Möchten Sie mir vielleicht einen großen, einen sehr großen Gefallen thun, Herr Referendar?" „Wenn es nicht über mein Vermögen hinausgeht — gewiß!" „Ich habe Ihrem Vater einen Schmuck gegeben, auf den er uns taufend Mark leihen soll, die wir — die ich; sehr notwendig brauche. Er sagt auch, daß er es thun will, aber--" „Nun? Bezweifeln Sie etwa, daß er Wort halten werde?" „Das weniger. Aber er scheint so streng zu fein —> offen gestanden, ich; fürcbte mich vor ihm, nachdem ich gesehen habe, wie kurz und bestimmt er die Leute abfertigt. Und er sprach davon, daß ich; mich über meine Person gehörig ausweisen müsse." „Das würde allerdings unerläßlich sein. Die Behörde verlangt es, und er würde sich strafbar machen, wenn er nicht darauf bestände." 435 „Ach!, das wird doch wohl so schlimm nicht sein! Der Schmuck ist ja nicht gestohlen." Rudolf Jmberg lächelte. „Einen solchen Verdacht hegt sicherlich niemand. Und Sie stellen sich das Verfahren übrigens Wohl peinlicher vor, als es wirklich! ist. Die Angabe Ihres Namens, der von meinem Vater natürlich als ein .unverbrüchliches Geheimnis bewahrt wird, und die Vorweisung irgend eines Papiers, das diese Angabe bestätigt, dürften vollauf genügen." „Aber das ist es ja eben. Ich habe kein solches Papier bei mir und kann mir auch heute abend keines mehr verschaffen. Das Geld aber must ich notwendig heute noch haben. O, es wäre schrecklich, wenn ich unverrichteter Dinge wieder fortgehen müßte!" Betrübnis und bange Sorge klangen an Stelle der Munterkeit, die sie bisher gezeigt hatte, aus ihren letzten Worten. Bekümmert senkte sie ihr Köpfchen, sodaß der Referendar statt der großen, leuchtenden Augen, die ihn bis dahin voll rührenden, kindlichen Vertrauens angeblickt haten, nur noch das rote Seiöentuch sah. (Fortsetzung folgt.) Allgegenwärtiger Staub. Eine zeitgemäße Plauderei für den Sommer. Von Conrad Bergemann. (Nachdruck verboten.) Wenn die sommerliche Sonne die Feuchtigkeit des Winters und Frühlings aufgetrocknet hat und mit sengenden Strahlen auf das vor Hitze zerklüftete Erdreich herniederscheint, beginnt die Plage des Staubes. In dichter Schicht lagert er auf den Uniformen und den Gesichtern der von der Felddienstübung heimkehrenden Truppen; auch der flüchtig mit Windeseile dahersausende Radfahrer entgeht ihm ebenso wenig wie der Tourist, wenn dieser nicht gerade über den schwellenden Rasen der Bergwiesen und Alpenmatten marschiert, und attd)i int Eisenbahnabteil ist man keineswegs sicher vor ihm; denn dort tritt er in seiner unangenehmsten Abart auf, als jenes innigfeine Gemenge von Lokomotivruß und geriebenen: Schotter, welches durch die feinsten Spalten dringt und der schweißfeuchten Haut so fest anhaftet, daß nur Seife und Bürste im stände sind, uns davon zu befreien. In der That, überall, wohin wir blickten, drängt sich der Staub uns auf. Mag die Hausfrau noch! so sorgfältig die Thüren und Fenster verschließen, er findet doch seinen Weg durch die feinsten Ritzen in unsere Zimmer und lagert sich in die Bezüge der Möbel und die Teppiche, die Gardinen und auf alle jene kleinen Nippsachen, mit denen der moderne Geschmack unsere Wohnungen auszustatten liebt. Er ist die Hydra, welcher statt eines abgeschlagenen Kopfes sofort zwei neue wachsen, und gegen die unsere weiblichen Herkulesse in Rock und Schürze mit Wischlappen und Staubtuch einen Kampf ohne Ende führen. Er setzt sich in die Oelfarbe und den Lack unserer Gemälde, deren Farbenpracht keinen ärgeren Feind hat als ihn; er hemmt den Gang der Uhren und anderer feiner Räderwerke, in deren Achsenlagern er unerwünschte Reibung verursacht; dem Chemiker verdirbt er seine feinsten Wagen und sonstigen Präzisionsinstrumente, dem Amateurphvtographen legt er sich zu dessen Verdruß auf die im Trockenen begriffenen Negativplatten und dem Manne der Wissenschaft, der int stillen Laboratorium bakteriologische Untersuchungen anstellt, fälscht er die Ergebnisse seiner mühevollen Arbeit, wenn ein einziges Staubkörnchen mit etlichen ihtn anhaftenden Bazillen oder Sporen den Weg zu den sorgfältig verschlossenen Bakterienkulturen und Nährgelatinen findet. Eine Vertilgung des Staubes von Grund aus ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn die Straßen auch noch, so fleißig gesprengt werden und in der Wohnung auch noch! so peinlich aufgewischt wird, so ist der Staub doch int nächsten Augenblick schon wieder da; denn wenn wir durch ein Loch der geschlossenen Fensterladen einen Sonnenstrahl ins verdunkelte Zimmer fallen lassen, sehen wir, wie sich unzählige Staubteilchen in lustigem Tanze in der Luft tummeln. Man hat die Zahl der in der Luft herumschwimmenden Staubteilchen bestimmt und dabei ganz un- geheuerliche Zahlen ermitelt; so fand Aitken in freier Luft bei Regen 32 000, bei schönem Wetter 130000, in normaler Zimmerlust in Kopfeshöhe 1860 000, an der Decke sogar 5420000 Staubteilchen in einem Kubikcentimeter, während er auf dem Rigi bei Regenwetter deren nur 210 in demselben Luftraum ermittelte. Ein großer Teil derselben ist organischen Ursprunges und besteht aus ausgewachsenen Bakterien oder Sporen derselben, besonders Schimmelpilzen, von denen die Luft int März am wenigsten, nämlich etwa 5500 im Kubikmeter, enthält, während ihre Zahl im Juni auf das zehnfache steigt. Haben wir nun heute auch jene schreckhaften Vorstellungen aus den Anfangszeiten der Bakteriologie überwunden, in denen man sich entsetzte, daß man mit jedem Atemzuge und jedem Schluck Getränk eine ungeheure Menge unzähliger Kleinlebewesen in sich aufnahm, so haben wir doch den Staub als grimmigen Feind unserer Gesundheit kennen gelernt. Wir wissen, daß es einen wirksamen Schutz gegen ihn nicht giebt; aber die Erwähnung, daß die Gefahr mit der Menge des eingeatmeten Staubes wächst, spornt uns zu dem in unserem eigenen Interesse notwendigen Kampfe an. Einen rechten Begriff von dieser Notwendigkeit bekommt man erst, wenn man ein Pröbchen Staub unter verschiedenen Vergrößerungen im Mikroskope betrachtet. Pflanzenreste und Partikelchen tierischer Nahrung sind da mit rasiermesserscharfen mineralischen Trümmern vermengt, welche durch den Fußgänger- und Wagenverkehr von der Straßendecke losgelöst sind, und wir wundern uns nun nicht mehr, daß diese winzigen, aber zahllosen dolchartigen Staubteilchen, wenn sie mit der Atmungsluft in unsere Lungen gelangen, die feinen Schleimhäute der Lungenbläschen durch tausendfache, winzige Wunden verletzen können; wenn wir aber ein wenig Staub mit einer geeigneten Nährflüssigkeit aussäen und unter einer Glasglocke im Brutschränke sich selbst überlassen, wächst binnen 48 Stunden ein wahrhafter botanischer Garten von Bakterienkolonien heran. lieber die durch Staub verursachten Krankheiten ist dem Publikum in den letzten Jahren so viel erzählt worden, daß es hier kaum einer näheren Ausführung über diesen Punkt bedarf; alle mit starker Staubentwickelung verbundenen Gewerbe zeichnen sich unvorteilhaft durch einen ungewöhnlich hohen Prozentsatz von Lungenkrankheiten aus; die Lungentuberkulose, welcher ein Drittel der arbeitenden männlichen Bevölkerung zum Opfer fällt, ist aber vorzugsweise eine Staubkrankheit, die dann ihren Einzug in den Körper hält, wenn die natürlichen Sch^ttzwehren desselben, namentlich die den Staub entferneude Flimmerbcwegung der Schleimhäute, nickst mehr im stände ist, die großen Staubmengen, die eingeatmet wurden, zu entfernen. Was aber weniger beachtet wird, ist der Umstand, daß auch ein von Kleinlebewesen etwa freier Staub schließlich die Lungen in gefahrdrohender Weise überlastet und daß der, welcher Kohlen- oder Mehlstaub oder den bei Steinmetzarbeiten, beim Steinklopfen und in der Thon- und Porzellanwarenindustrie entstehenden Staub lange Zeit einzuatmen gezwungen ist, schließlich! ebenso zu Schaden kommt, wie der Arbeiter in der Gewebsindustrie und der Kürschner, der beim Klopfen eines Renntier- oder sibirischen Blaufuchspelzes vielleicht! die Keime des gefürchteten Milzbrandes einatmet. Für jenen, der viel Staub schlucken muß und dabei einen staubfangenden Atmer nicht tragen will oder kann, giebt es eigentlich nur zwei Wege, um die ihn bedrohenden Nebel nach Möglichkeit zu verhiuderu. Er muß sich nämlich daran gewöhnen, ständig durch die Nase zu atmen, weil sich auf diesem Wege die' meisten Staubteilchen der Atmungsluft auf den Nasenscksteimhäuteu niederschlagen, um von dort gelegentlich entfernt zu werden. Die zweite Gesundheitsregel geht aber dahin, daß man in kürzeren Zwischenräumen mehrmals hintereinander tiefe Atemzüge bis zur äußersten, möglichen Grenze der Ein- und Ausatmung machen soll. Hierdurch wird nämlich erstens die Lunge gründlich gelüftet, und wenn hierbei, wie es bei Stubensitzern meistens der Fall ist, Hustenreiz eintritt, besorgen die Hustenstöße, welche man keineswegs unterdrücken soll, außerdem noch eine Befreiung der Lunge von dem in ihr enthaltenen, staubbeladenen Schleim. Wie entstehen nun eigentliche die ungeheuren Staub- - 436 - mengen, von deren Dasein wir uns an jedem Halbwegs trockenen Sommertage überzeugen können? Ein griechischer Naturphilosoph hat schon vor zweieinhalb Jahrtausenden den Satz ausgesprochen, daß sich alles in der Welt in ewiger Bewegung befindet. Wo aber Bewegung ist, reibt Materie an Materie und reißt kleinste Teilchen derselben los, welche nun ein selbständiges Dasein führen, falls sie nicht einer chemischen oder mechanischen Bindung oder Auflösung verfallen. Aus diesem Grunde erzeugt jegliche menschliche Arbeit ©taub; bei jedem Schritte, den wir thun, werden feinste Teilchen der Ledersohle ebenso wie des Bodens, den wir treten, zerrieben und zerfasert; die Pferdehufe und Wagenräder besorgen dasselbe Geschäft in ungleich größerem Maßstabe. Ganz Bedeutendes aber leisten in dieser Hinsicht unsere Maschinen, welche bei dem Hin- und Hergehen ihrer Teile fortwährend Staub erzeugen, der entweder sofort oder, sobald er ausgetrocknet ist, seine Wanderschaft beginnt. Ein Eisenbahnzug von mittlerer Länge verwandelt, wie man aus dem Gewichtsverlust der Schienen berechnet hat, während einer Fahrt von einem Kilometer jedesmal über ein Kilogramm festesten Stahles der Geleise in feinste Eisensplitter; durch den Druck des Zuges auf die Schienen und Schnellen und die darunterliegende Kiesschüttung geschieht innerhalb der letzteren ein gleiches, und man denkt deshalb jetzt ernsthaft daran, nach amerikanischem Vorbilde den immer unerträglicher werdenden Eisenbahnstaub durch Besprengung der Kiesschüttung mit Petroleum an letztere zu binden. Wie überall, ist aber auch hier das Werk der Menschenhand etwas Geringfügiges im Vergleich mit den Naturgewalten. Der stete Wechsel von Kälte und Hitze, von Nässe und Trockenheit führt zu einer Verwitterung der Gesteine, welche ungeheure Mengen mineralischen Staubes liefert. Die ganze Ackerkrume und alles das, was die Tiefebenen der Erde ausfüllt, ist im Grunde nichts anderes als Staub, der in Jahrmillionen von den stolzen Zinnen der damals noch viel höheren Gebirge abgesplittert und durch die Luft und das Wasser weit weg von der Stätte seines Ursprunges fortgetragen ist. Welche ungeheuren Mengen Staub im Sandmeere der Wüsten durch die reibende Wirkung des Windes erzeugt werden, wurde uns vor kurzem erst handgreiflich dargelegt, als ein' heftiger und andauernder Wüstenwind nach .ganz Süd- und Mitteleuropa Millionen von Zentnern Saharastaub entführte, der bei uns die seltene Erscheinung des Btutregens herbeiführte. Eine fernere ausgiebige Staubquelle ist in der vulkanischen Thätigkeit zu suchen. Der Ausbruch des Krakatau im Sundaarchipel, wahrscheinlich die gewaltigste vulkanische Eruption in historischen Zeiten, schleuderte int Jahre 1883 gewaltige Staubmassen in so hohe Schichten der Atmosphäre, daß diese während fast zwei Jahren in derselben schwebend biteben und sich über den ganzen Erdball verbreiteten, wobei sie die prächtigsten Dämmerungserscheinungen hervorriefen. Der Staub ist aber durchaus nicht ausschließlich erloschen Ursprunges; er ist auch; in den entlegensten Fernen des Weltalls zu finden, wo er mächtige Dunstballen bildet, die uns als Nebelflecken erscheinen; wahrscheinlich erfüllt er in unbeschreiblicher Verdünnung überhaupt den ganzen Weltraum, sodaß ein beständiges, aber unmeßbar langsames Wachsen der Weltkörper durch angezogenen und abgelagerten kosmischen Staub stattfindet Auch das Tierkreislicht gilt nach heute allgemein verbreiteter Annahme als Widerstrahl des Sonnenlichtes auf einem um die Erde schwebenden Ringe, der aus Weltallstaub besteht. In letzter Linie ist schließlich die ganze Schöpfung, soweit sie unseren Sinnen erkennbar ist, nichts als Staub - denn aller Urstoff, ganz gleich, ob fest, flüssig oder gasförmig, setzt sich aus einzelnen Körperchen und Gruppen derselben zusammen, denen wir, sobald sie ein Sonderdasein führen,nicht verschiedene Beschränkungen beilegen können,und bon denen jedes einzelne nichts anderes ist als ein ©taub» ajen von für uns unmetzbarer Kleinheit. So lange wir leben, ist der Staub, aus dem wir selbst bestehen, eine fortwährende Gefahr für uns, und es ist unverantwortlich von uns, daß wir ihm in unseren Wohnungen soviel Schlupswinkel bieten, in denen er sich ein- nisten kann. Eine Hauptschuld hierbei tragen freilich unsere Herren Baumeister, welche noch vielfach der Gepflogenheit huldigen, die Zwischenräume zwischen der Decke des unteren und dem Fußboden des nächsthöheren Stockwerkes mit Bauschutt auszufüllen, durch; welchen natürlich in die prächtigen Neubauten sofort Unmengen gemeingefährlichen Staubes eingeführt werden. Ist der Staub nun auch eine unangenehme Beigabe der sommerlichen Wandertage, so wird er deswegen doch! nicht dem Touristen die Freude an der Natur vergällen. Man wehrt sich seiner, so gut man kann, und wenn wir nach erhitzender staubiger Fußwanderung unfern Leib dem krystallklaren lebendigen Wasser überantwortet haben und in frischer Gewandung die Sommerluft mit vollen Zügen gemessen, erkennen wir mit Wonne, daß Mephistopheles mit seinem schlimmen Wunsche: „Staub soll er fressen und mit Lust Wie meine Muhme, die berühmte Schlange" wieder einmal gegenüber dem menschlichen Gutdünken zu Schanden geworden ist. Gemeinnütziges. Grüne Bohnen so zu trocknen, daß sie grün und recht schmackhaft bleiben. Je mehr Gartenfrüchte die Hausfrau besitzt, desto eifriger ist sie bestrebt, dieselben für den Winter einzumachen. Wenn nun auch Konservenbüchse und Konservenglas vorzügliche Dienste thun, so liegt es doch; auf der Hand, daß die Hausfrau auch, gern auf bequemere Art Gemüse aufbewahrt, wenn dies möglich ist. Die Bohnen bilden ein besonders beliebtes Wintergernüse, und je leichter es ist, größere Mengen Zu konservieren, desto vorrteilhafter ist dies für den Haushalt, und desto rationeller kann die Hausfrau wirtschaften. In Nr. 16 des „Erfurter Führer im Gartenbau" finden wir eine Reihe von Rezepten zum trocken Aufbewahren der Bohnen, die jeder Hausfrau empfohlen werden können. Wir thun dies mit dem Hinweis, daß unsere Abonnenten die Nummer kostenfrei erhalten können, wenn sie sich mittels Postkarte an das Geschäftsamt des Erfurter Führers wenden. Vermischtes. Woher st ammtdieBenennung„PfundSter- ling?" Das war für den deutschen Handel noch eine goldene Zeit, als der Hansebund blühte. Der beherrschte den Weltverkehr, und der englische Handel war ganz von dem mächtigen deutschen Städtebund abhängig, so abhängig sogar, daß die Engländer nur mit dem Geld der Hanseleute rechneten, welches allein bei ihnen im Kurs war. Die Hanseaten wurden von den Söhnen Albions „Easterlings", b. i. die Osterlinge, weil sie östlich von England, wohnten, genannt, und so entstand die Bezeichnung für die umlaufende Münze: Ein Pfund des Geldes der Easterlings. Allmählich machte man es sich, bequemer, und ließ die erste Silbe fort, und es, blieb: ein Pfund Sterlings. Das Schluß-s siel schließlich auch noch fort. So wird noch heut das englische Geld nach den deutschen Kaufleuten genannt. Charade. Nachdruck verboten. Herr Schulz hat ein Engros-Geschäft Und handelt mit Metallen; Da liest er, daß das Erste ist Gar stark im Preis gefallen. Er ruft dem Zweiten, schreibt dann mit Dem Ganzen ein paar Worte; Denn telegraphisch gleich bestellt Er erstes, bester Sorte. Auflösung in nächster Nummer. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.