'EÄi. icht rasten und nicht rosten, wüf ^ch^uheit und Weisheit kosten, Durst löschen, wenn er brennt, — Die Sorgen vertreiben mit Scherzen, Wer's kann, der bleibt im Herzen Zeitlebens ein Student. Viktor v. Scheffel. (Nachdruck verboten.) Die Göttin des Glücks. Roman .von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Elftes Kapitel. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war keine Veränder- ung in dem Betäubungszustande eingetreten, in welchem sich Klemens Herbold dank der vom Arzt angewandten Be- ruhigungsmtttel seit dem Nachlassen des letzten Anfalls befand. Man hatte ihn in seiir Schlafzimmer zurückgebracht, und wie sein von dem langen grauen Haar wirr umrahmtes Gesicht da mit geschlossenen Augen blutlos und verfallen in den weißen Kissen ruhte, glich es fast schon dem Antlitz eines Toten. Aber er atmete noch, und von Zeit zu Zeit war ein leises Zucken seiner Lider wahrnehmbar, wie wenn er dem Erwachen nahe sei. Mit in den Schoß gefalteten Händen saß Erika am Kopfende des Lagers. Seit Strmden schon verharrte sie stumm und regungslos in dieser Stellung, die ihr gestattete, jede Bewegung des Kranken, und jede Veränderung in seinen Zügen zu beobachten. Kein Wort war in dieser ganzen Zeit zwischen ihr nnd Harro gewechselt worden, der —• durch die ganze Breite des Zimmers von ihr getrennt— aus einem Stuhl am Fenster Platz genommen hatte. Vielleicht fürchteten sie sich, daß durch den kleinsten Laut die Ruhe des Leidenden gestört werden könnte; aber vielleicht auch wußten sie einander nach dem, was bei Harros Heimkehr zwischen ihnen gesprochen worden war, nichts mehr zu sagen. Ta plötzlich wandte Klemens Herbold den Kopf zur Seite, .und sah mit weit offenen klaren Augen in das sogleich über ihn herabgeneigte Antlitz seiner Tochter. „Meine liebe Erika!" flüsterte er, und ein ergreifender Klang wehmütiger Zärtlichkeit war in seiner Stimme. Dann, indem er liebevoll die kleine, weichss Hand streichelte, die sich in die seinige gestohlen, fügte er hinzu: „Sie ist fort — nicht wahr? Und ihr werdet sie auch nicht mehr zu mir lassen?" „Wen meinst Du, lieber Vater? — Vielleicht Fräulein Sylvander?" Klemens Herbold nickte. „Ich darf sie nicht mehr sehen — hörst Du? — Ich darf nicht, und ich will nicht. Tu mußt mir versprechen, sie fern zu halten. Es wäre besser gewesen, ich hätte sie nie gesehen." „Es wird niemand zu Dir gelassen werden, lieber Vater, ehe Du nicht wieder zu Kräften gekommen bist. Tu brauchst Dich darüber wirklich nicht zu beunruhigen. Aber hast Tu vielleicht irgend einen Wunsch?" „Wo ist Harro? Ich möchte ihn sprechen. Warum ist er nicht bei mir?" Die Dämmerung, die das Gemach bereits erfüllte, hatte ihn verhindert, den jungen Bildhauer wahrzunehmen. Nun aber stand Harro auf, und näherte sich dem Lager des geliebten Lehrers. „Hier bin ich, Meister!" sagte er, und bemühte sich rechtschaffen, seiner Stimme einen unbefangen heiteren Klang zu geben, obwohl die Veränderung in dem Aussehen des Professors, und seine Art zu sprechen, ihm das Herz zerriß. „Es war ein tüchtiges Schläfchen, daß Tu da gemacht hast." „Meinst Tu? — Nun, ich hoffe, bald einen noch längeren Schlaf zu thun. Aber es ist gut, daß Du da bist. Komm näher, damit ich auch Dein Gesicht sehen kann. Es ist schon so dunkel." „Soll ich die Lampe bringen lassen, lieber Vater?" „Nein. Aber wenn Du mir ein Glas Limonade bereiten möchtest — ich glaube, sie würde mir jetzt recht gut munden. Aber Du mußt sie selbst machen, Erika, und Du brauchst Dich dabei nicht so sehr zu beeilen. Harro leistet mir ja Gesellschaft — und ich habe einiges unter vier Augen mit ihm zu reden." Sie entfernte sich zögernd. Doktor Reimers hatte ihnen ja gesagt, daß der Professor den kommenden Tag nicht mehr erleben würde, und es erschien ihr als ein grausames Opfer, daß sie von diesen kurz gezählten letzten Augenblicken des Zusammenseins mit dem geliebten Vater jetzt noch einen Teil preisgeben sollte. Ein Widerspruch aber würde ihn vielleicht aufgeregt haben, und das vor allem galt es zu vermeiden. „Setz' Dich hierher, Harro, dicht an meine Seite", sagte Klemens Herbold, sobald sie allein waren. Und in seinen Worten war eine Weichheit, die dem knorrigen Wesen des seltsamen Mannes sonst völlig fremd gewesen. „Ich bitte Dich um Verzeihung." _ r „Um Verzeihung — mich? — O, Merster, sprich nicht so! Was könnte ich zu verzeihen haben — ich, der ich Dir alles verdanke!" , , „ „Bis heute vielleicht. Aber heute habe ich alles wieder 306 ausgelöscht, was ich Dir jemals Gutes gethan. Weißt Du es denn noch nicht, Harro? Ich habe die Gruppe zerschlagen." „Wenn Du es gethan hast, wirst Du auch wohl Deine Gründe dazu gehabt haben. Und — mit oder ohne Grund — jedenfalls ist es gut und recht so. Und ich sehe nicht ein, weshalb wir gerade jetzt darüber reden müßten, wo Tu der Ruhe noch so dringend bedarfst." „Ich werde der Ruhe bald genug haben, und mehr als genug. Und weshalb ich Dich um Verzeihung bitte? Weißt Tu auch, warum ich sie zerschlagen habe, Harro?" „Wahrscheinlich, weil sie Dir nicht mehr gefiel. Das ist doch ganz klar. Und sie hatte ja unzweifelhaft ihre Mängel." „Nein, Du guter Junge! Weil ich eifersüchtig auf Dich war, habe ich sie zerschlagen. Weil ich ihn Dir nicht mehr gönnte — Deinen Anteil am Schöpferruhm. Weil ich das Werk noch einmal von vorn anfangen, und es vollenden wollte — ich ganz allein! Darum habe ich brutal zerstört, was Du daran geschaffen. Eine edle Handlung — nicht wahr? Und eines Mannes würdig, der sich so lange Deinen väterlichen Freund genannt." Diesmal folgte Harros Antwort nicht auf der Stelle, und er hatte sich soweit in seinen Stuhl zurückgelehnt, daß sein Gesicht für Klemens Herbold ganz im Dunkel war. Als er nach Verlauf einiger Sekunden das Schweigen brach, hatte seine Stimme einen auffallend veränderten, gepreßten Klang. „Hatte ich Dir einen Anlaß gegeben, Meister, mir zu zürnen?" „Du? Nein, bei Gott, das hattest Du nicht. Aber Tu hättest es freilich niemals in unser friedliches Haus bringen dürfen, dies dämonische Geschöpf — diese schöne Teufelin, die aus mir altem Manne einen hirnverbrannten Narren gemacht hat, und beinahe einen Schurken." „Er redet irre", dachte Harro, „seine Worte sind Wahnsinn, wie es seine That gewesen!" Und nun kostete es ihn keine Ueberwindung mehr, in der alten, liebevollen Herzlichkeit zu dem Kranken zu reden. „Ich hätte sie nicht hierherbringen sollen", sagte er, „das ist wahr; denn Tu würdest dann wohl nicht auf den Gedanken gekommen sein, die Arbeit wieder aufzunehmen, ehe Du ganz hergestellt warst. Aber warum sollen wir jetzt von alledem sprechen? Ist dazu nicht auch morgen noch Zeit genug?" Etwas von jener zornigen Ungeduld, die ihn sonst so leicht, und so oft übermannt hatte, war in der abwehrenden Kopfbewegung des Professors. „Laß mich aussprechen, Harro — und schnell, bevor Erika zurückkommt! Sie braucht nichts davon zu ahnen, daß ihr alter, todkranker Vater noch kurz vor seinem Ende daran gedacht hat, ihr eine Stiefmutter zu geben." „Meister! — das — nein, das ist unmöglich. Einen solchen Gedanken hast Du nie gehabt." „Sagte ich Dir nicht, daß sie einen Narren aus mir gemacht hat, die gefährliche Zauberin? Ihre Augen, ihre Stimme, ihr Lachen — alles war Teufelsblendwerk, und Teufelskunst. Bei ihrem Lachen vergaß ich, daß ich ein Greis war, und Sterbender obendrein. Wenn ich ihre Augen sehen konnte, fühlte ich mich jung, und stark genug, um das Glück zu erhaschen und zu halten — das Glück, das ihre Züge hatte, und ihre göttliche Gestalt. Ich sah den Tod nicht, der hinter ihr schon seine Knochenarme nach mir ausstreckte. Ich glaubte an das lange, schaffensfrohe, ruhmvolle Leben, das ihre süße, schmeichelnde Rede mir verhieß. Und ich glaubte ihr auch, daß ich meinen Ruhm mit keinem teilen dürfe — nicht einmal mit Dir." Er sagte das alles mit einer matten, tonlosen Stimme, die einen erschütternden Gegensatz bildete zu dem Inhalt seiner Worte. Aber das Sprechen schien ihm weniger Anstrengung zu kosten als sonst; denn seine Atemzüge waren ruhig, und kauni vernehmlich. Und darum konnte Harro für einen Augenblick vergessen, daß es ein Sterbebett war, an dem er saß. „Tas hat sie nicht gesagt", widersprach er. „Es ist undenkbar, daß sie etwas derartiges gesagt habe." „Ach, was kümmert es uns jetzt, ob sie es gesagt hat oder nicht! Jetzt ist ja der Zauber gebrochen, und das Phantom ist in nichts zerstoben. Du aber weißt nun, warum ich den Hammer auf Tein Werk geschwungen habe. Und nun bitte ich Dich noch einmal, Harro: Vergieb mir, was ich gethan!" Seine schwache, zitternde Hand suchte die des Schülers; Harro aber beugte sich über sie herab, um sie zärtlich und ehrfurchtsvoll zu küssen. „Ich danke Dir, mein Junge! — Und nun das andere. Wenn ich jetzt sterbe, bleibt meine arme Erika ganz allein und verlassen in der Welt zurück, und — —" „Tu wirst noch nicht sterben, Meister", fiel Harro ein. „Ter Anfall ist ja glücklich vorübergegangen, und Du darfst Dich nicht mit so schwarzen Gedanken von neuem aufregen." „Ich rege mich nicht auf. Aber Tu darfst mich nicht so oft unterbrechen, mein Sohn! Ich möchte es vom Herzen haben, ehe sie zurückkehrt. Wenn ich tot bin, hat sie auf Erden keinen Menschen als Dich, Harro! Willst Du mir versprechen, sie liebevoll und treu durch's Leben zu geleiten?" „Bei allem, was mir heilig und teuer ist — ja, ich verspreche es." Klemens Herbold nickte befriedigt. „Ich habe mir's niemals anders vorstellen können, als daß ihr beide den Weg gentetnfam machen würdet. Und keinem hätte ich sie auch so freudig anvertraut, als Dir. Nun werde ich ja den Tag eurer Hochzeit nicht mehr erleben. Aber es' ist mir doch ein Trost, daß ich ihre Zukunft in Deinen starken uns treuen Händen weiß. Mach mir meine Erika glücklich, Harro! Sie ist des Glückes wert." Hätte ihn nicht die Dunkelheit verhindert, das Gesicht des jungen Künstlers zu sehen, so wäre ihm sicherlich der Ausdruck des Schreckens und der Bestürzung nicht entgangen, mit denen seine Worte Harro erfüllt hatten. Daß es so gemeint fein könnte, und daß Klemens Herbold seinem Gelöbnis solche Deutung zu geben vermöchte, daran, bei Gott, hatte er nicht gedacht. Es war ihm zu Mut, als hätte sich plötzlich eine furchtbare Last auf ihn herabgewälzt — als würde fein Herz von eisernen Klammern zusammengepreßt. Er suchte nach einem Wort, das den Kranken schonend über seinen Irrtum aufklären sollte; aber er fand nicht den Mut, es zu sprechen. Und während er noch mit sich selbst rang und kämpfte, wurde leise die Thür geöffnet, und milder Lichtschein flutete in das Gemach. Erikas hohe dunkle Gestalt stand auf der Schwelle, die durch einen grünen Seidenschleier abgedämpfte Lampe in der einen, und den silbernen Teller mit dem Limvnaden- glase in der anderen Hand. Sie war bleich wie eine schöne Marmorstatue, und die großen braunen Augen, die mit angstvollem Blick den Vater suchten, leuchteten mit fast überirdischem Glanze aus dem farblosen Antlitz. Der Truck, den Harro auf feiner Brust fühlte, wurde noch schwerer und beklemmender. Er war sich keines Unrechts bewußt, und doch hatte er die Empfindung, daß eine schwere Schuld auf ihm laste. Er wollte auf ©rUa zugehen, um ihr die Lampe abzunehmen; aber es war, als hielten unsichtbare Hände ihn auf feinem Platze fest, und er schob vielmehr mit einer fast unwillkürlichen Bewegung seinen Stuhl noch um ein geringes zurück, damit der Lichtschein sein Gesicht nicht erreiche. „Wie fühlst Du Dich, lieber Vater?" fragte sie, ihren Jammer und ihre namenlose Seelenangst tapfer verbergend. „Darf ich Dir jetzt die Limonade reichen?" „Ja, mein Kind! Aber Tu mußt mich ein wenig aufrichten, Harro! Aus eigener Kraft — will's nicht mehr gehen." Erikas Lippen zuckten, aber sie blieb stark, und weinte nicht. Während Harro das Haupt feines greifen Lehrers stützte, fetzte sie ihm das Glas an den Mund, und er trank ein wenig. Dann deutete er durch eine kleine Bewegung an, daß es genug sei. „Lege mich in das Kissen zurück, mein Sohn!" sagte er leise, mit fast schon verlöschender Stimme. Tie Augen fielen ihm zu, und kaum merklich noch hoben in langen Zwischenräumen kurze, schwache Atemzüge seine Brust. Minutenlang stand Erika regungslos, das Glas noch immer festhaltend. Ta erhob sich Harro, und nahm es ihr sacht aus der Hand, ohne daß sie einen Versuch gemacht hätte, es zu hindern. „Mut, liebe Erika!" raunte er ihr zu, und sie hörte, mit welcher Anstrengung er das Schluchzen niederhielt. 307 das ihm die Kehle schnürte. „Wir dürfen ihm das Scheiden nicht noch! schwerer machen." Ohne ihm zu antworten, und ohne ihn anzusehen, sank sie neben dem Bett in die Kniee. Ta schlug Klemens Herbold noch einmal die Augen aus, und sein Blick war so klar, und so strahlend, wie nur je in seinen besten Tagen. „Seid ihr da, meine Kinder? Seid ihr beide da — Leide? Gieb mir Deine Hand, Harro — und Du, Erika! So füge ich — eure Hände — zusammen — für's ganze Leben, und gebe — euch — meinen — väterlichen Segen." Nur wie ein schwacher, verklingender Hauch noch waren die letzten Worte über seine Lippen gekommen, aber doch deutlich vernehmlich in der Totenstille, die das Gemach erfüllte. Nun aber atmete er tief auf, und zugleich glitt wie ein Schimmer der Verklärung ein glückliches Lächeln über sein Gesicht. Der Glanz in seinen Augen erlosch, und ein unheimliches Recken ging durch seine Gestalt. „Vater! Mein geliebter Vater!" schrie Erika in aus- brechender Verzweiflung auf. „Geh' nicht von mir! Laß mich nicht hier zurück! O sprich — sprich nur noch ein einziges Wort!" Doch Klemens Herbold hörte, und sprach nichts mehr. Die Knochenhand des Todes hatte an sein Herz gegriffen, und seinen Mund auf ewig verstummen gemacht. Seine dornenvolle Künstlerlaufbahn war zu Ende. (Fortsetzung folgt.) Betäubungsgift. (Nachdruck verboten.) Alle Welt verdammt die Morphinisten; die Aerzte und Sittenlehrer, das Publikum und die Presse vereinigen sich, die verderbliche Gewohnheit jener Unglücklichen energisch zu bekämpfen. Vielleicht würden viele jedoch ein minder hartes Urteil aussprechen, wenn sie einmal den Ursachen dieses schrecklichen Uebels nachspüren und sich vergegenwärtigen würden, welche Versuchungen an die einzelnen herantreten; wenn sie ermitteln würden, wieviel jugendliche Opfer den Betäubungsgiften unterliegen, da ihnen die schweren Folgen völlig unbekannt sind. Vor allen Dingen müssen wir uns vergegenwärtigen, daß es ausnahmslos Unglückliche sind, die zu dem Betäubungsmittel ihre Zuflucht nehmen. Vielleicht haben sie eine Katastrophe hinter sich, die ihr Glück vernichtet hat, und sie finden nur noch im Morphium Vergessen. Anderen wurde während einer schweren Krankheit starke Morphiumdosen verschrieben, die ihren Schmerz so bedeutend linderten, und einen solchen Reiz für sie hatten, daß sie dem Gift auch während der Genesung nicht entsagen konnten, bis es ihnen zur Gewohnheit geworden war. Diese Fälle sind aber nicht einmal so häufig, wie man anzunehmen pflegt, obwohl es andererseits vorkommt, daß schon eine von einem Arzte zur einmaligen Schmerzlinderung verschriebene Dosis die Veranlassung zu weiterem Genüsse giebt, der schließlich zum unüberwindbaren Uebel wird. Die schlimmste Versuchung tritt aber an die jungen Leute in chemischen Fabriken heran, wo sie täglich und stündlich mit den gefährlichen Medikamenten, Opium und Morphium, Cocain, Chloroform und anderen Betäubungsgiften zu thun haben. Sehr häufig werden gerade diese Leute morphiumsüchtig. Die Gelegenheit, interessante Versuche anzustellen, ein wenig zu experimentieren, ist zu günstig, als daß man so ganz darauf verzichten könnte. Die Wirkungen dieser interessanten Medikamente sind diesen Leuten nicht ganz unbekannt, aber sie sind zu jung, um dje Größe der Gefahr richtig ermessen zu können. Tie strenge Ueberwachung der Fabrikräume genügt nicht immer, die Neugierde und die Macht der Gelegenheit zu bekämpfen. Um die wirksamen Chemikalien aus den vegetabilischen Stoffen, wie Blättern, Rinden, Körnern, Wurzeln und Pflanzen zu gewinnen, sind unter anderem große Quantitäten von Chloroform . erforderlich. (Tie Laien stellen sich häufig unter Chloroform einen Stoff vor, dessen Geruch genügt, augenblickliche Bewußtlosigkeit hervorzurufen. Tas ist natürlich durchaus irrig. Chloroform ist in Wirklichkeit eine schwere Flüssigkeit von süßlichem Geruch und süßem, etwas heißen Geschmack. Der Geruch ist angenehm und belebend; atmet man jedoch den Duft etwas länger ein, so macht sich das Gefühl des Berauschtseins bemerklich. Aber der Effekt ist nicht andauernd. Wer nun häufiger mit dem Stoffe zu thun hat, und unwillkürlich den Chloroformduft einatmet, wird durch die angenehme Wirkung dieses Zufalles verleitet, das Einatmen mit Absicht zu wiederholen. Tas Verlangen nach diesem Genuß wird dann bald so unwiderstehlich, daß der Kranke schließlich nicht schlafen geht, ohne ein chloroformgetränktes Taschentuch auf sein Gesicht zu legen, um in einen tiefen, künstlichen Schlaf zu verfallen. Tas hieraus folgende physische und moralische Elend ist bekannt; auch besteht, infolge der Thatsache, daß Chloroform Erbrechen verursacht, die immerwährende Gefahr, daß der Kranke im Schlaf ersttckt, da er in der Narkose die Speisereste nicht aus dem Schlund herausbringen kann. Ein anderes wirksames Gift enthält der Metyl-Alkohol. In den Fabriken, in denen feine Chemikalien und pharmazeutische Präparate hergestellt werden, braucht man im Laufe eines Jahres viele hundert Gallonen dieses Alkohols. Ein großer Teil der Fabrikarbeiter gewinnt dem Artikel sehr bald Geschmack ab, sodaß strenge Ueberwachung nötig wird. Chloroform und Metyl-Alkohol sind die hauptsächlichsten Gifte, denen die Angestellten chemischer Fabriken zum Opfer fallen. Angenehme aber tückisch wirkende Trogen gelangen aber auch sonst in großen Mengen zur Verwendung, und viele, die mit diesen Stoffen zu thun haben, scheinen unfähig, der Versuchung zu widerstehen. Es ist sogar der Stolz vieler Angestellten einer chemischen Fabrik, alles, was die Fabrik produzierte und auf Lager hält, zu versuchen. Tas beweist aber durchaus keine Tüchtigkeit, sondern eine große, verderbliche Schwäche. Manches Opfer des Betäubungsgiftes, welches langsam jeden guten Kern in ihm zerstört hat, kann seine tötliche Gewohnheit bis zu dem unglücklichen Tage zurück verfolgen, von dem er von dem verbotenen Baume der Erkenntnis zum ersten Mal genossen hat. An diesem Tage ist er einem schrecklichen liebel verfallen, . von welchem er kaum je wieder geheilt werden kann; denn die Entziehungskuren sind meist noch schrecklicher als das Uebel selbst und meist völlig fruchtlos. Arnold Rohde. Eine wenig beachtete Ursache für Halsdrüsenschwellnngen. Ein Beitrag zum Kapitel der Zahnpflege. Zuweilen finden sich Halsdrüsenschwellungen bei vorher ganz gesunden Kindern gesunder Eltern, und letztere zerbrechen sich dann vergeblich den Kops über die Frage: woher wird mein Kind plötzlich skrophulös. Denn diese Drüsenpakete gelten ja meist als Zeichen der Skrophulose. .Es wurden nun jüngst in der chirurgischen Klinik in Heidelberg bei 113 Kindern mit solchen Drüsen die Zähne untersucht, und es ließ sich bei 14 Prozent aller Untersuchungen die Entstehung der Halsdrüsen aus Zahnfäule zurückführen. Tabei ließ sich konstatieren, daß die Drüsen fast stets dem Sitze der kariösen (angefaulten) Zähne entsprachen, so daß bei linksseitiger Karies zugleich links die Drüsen saßen; waren die hinteren Backenzähne kariös, so befanden sich auch die Drüsen in der Gegend des Kieferwinkels, während sie weiter vorn saßen, wenn es sich um Karies der Schneidezähne handelte. So konnte ein ziemlich beharrliches örtliches Verhältnis zwischen den Drüsen und kariösen Zähnen festgestellt werden. In vielen Fällen ließen sich auch zeitliche Beziehungen zwischen beiden Affektionen verzeichnen, indem häufig dem Entstehen der Drüsen Zahnweh vorausging, oder doch die Zahnfäule früher da war. Auch aus der Ausdehnung beider Prozesse ließ sich ein Zusammenhang erkennen; denn bei Karies mehrerer Zähne war oft ein ganzer Kranz von Drüsen zu fühlen, bei geringgradiger Karies, besonders bei nicht eröffneter Pulpa war die Drüsen- affektiou eine entsprechend geringere. Das unter solchen Umständen auch einmal durch die kariösen Zähne sogar tuberkulöse Giftkeime in den Organismus geraten, und so eine Drüsentuberkulose erzeugen können, ist naheliegend. In der genannten Klinik wurden Fälle festgestellt, in denen 308 durch Nachweis von Tuberkelbazillen in den erkrankten Zähnen der sichere Beiveis dafür erbracht wurde, daß die tuberkulöse Drüsenanschwellung wirklich vom Gebiß ihren Ausgang genommen hat. Daher hat der Arzt alle Ursache, bei Halsdrüsenschwellungen auch die Zähne zu untersuchen, und er hat die Pflicht, falls er solche findet, die angefault sind, darauf zu dringen, daß dieselben von einem gewissenhaften Zahnarzt behandelt, d. h. sorgfältig plombiert Werden! Die Eltern aber haben alle Ursache, der Zahnpflege der Kinder mehr Beachtung zu schenken, als dies leider bisher geschieht mit der durchaus falschen Entschuldigung: „Die ersten Zähne fallen ja doch- wieder aus, wozu soviel Last sich mit ihnen machen !" — Wer die ersten Zähne nicht pflegt, wird auch an den bleibenden nicht viel Freude erleben. Bor allem aber, ihr Eltern, denket daran, daß Vernachlässigung der Zahnpflege eurer Kinder nicht nur viel unnötige, weil vermerw liche Schmerzen bringt, sondern daß ein hohler Zahn auch eine Ansteckungsquelle werden kann. Darum pflegt recht gewissenhaft die Zähne der Kinder, nicht nur bie bleibenden, sondern auch die Milchzähne! (Hom. Mtsbl. Württembergs.) Wilhelm Naabe, Die Chronik der Sperlingsgasse. 17. Auflage. — Horaker. 5. Auflage. — Unruhige Gäste. 3. Auslage. Preis gebunden je Mk. 4.—. Berlin, G. Grotescher Verlag. Des Lebens Lust und Leid In farbenreichen Bildern Beweglich wahr zu schildern, Ist Dichters Seligkeit; Und findet er den Ton, Der unsres Herzens Saiten Erklingen läßt zuzeiten, Das ist des Dichters Lohn! Darin liegt Hall und Widerhall der Lektüre vorstehender drei Büchner. Was muß einer alles erlebt und durchlebt haben, um schreiben zu können, wie Wilhelm Raabe. Freilich, wenn man das sprechende Bild des Dichters betrachtet, welches der Chronik der Sperlingsgasse vorgeheftet ist, ~ ann ist man kaum verlegen um die Quelle solchen Ge- rnkenreichtums, und Sperlingsgasse, Horaker und Unruhige stifte werden einem lebendig. In den Augen liegt das Herz, heißt es hier mit Recht. Ms auf den Grund der Seele kann man schauen, wenn man den Blick in Raabes flare, tiefe Augen fenkt. Seltene Begabung, umfassendes Wissen, weiter Blick, sinniges Gemüt, goldenes Herz und sonniger Humor, das ist das Rüstzeug Wilhelm Raabes, das ihn zum Eroberer werden läßt überall da, wo Sinn für wahres Leben herrscht. In wenig Monden begeht der Dichter seinen 71. Geburtstag, und wer den vollbewußt mitfeiern will, der muß mindestens einen Teil seiner Schriften kennen. Kirchturmpolitik treibt Raabe in vorteilhaftem Gegensatz zu bekannten hohen Standesgenossen nicht, aber echtes, knorriges Volksund Deutschtum findet in ihm seinen berufenen Herold. Gott erhalte uns den weißen Raaben! Bdt. • Getneinnütziges. Geistig Arbeitende. Wo Nachdenken, Einbildungskraft, Gedächtnis und Gemüt gleichzeitig in Anspruch genommen werden, ist es das Gehirn, welches arbeitet, und daher mit großer Vorsicht behandelt werden will, wenn nicht Schlaflosigkeit, Nervosität die Folge sein sollen. Tas Gehirn darf nicht zu lange hintereinander, und immer auf dieselbe Weise thätig sein, sondern muß Ruhe und Schlaf, wenigstens 7 bis 8 Stunden täglich haben. Es darf auch nicht durch Reizmittel erregt werden. Man habe im Arbeitszimmer reine, nicht zu warme Luft, und nehme nahrhafte, leicht verdauliche Kost. Alljährliche Reisen sind für geistig Arbeitende eine Notwendigkeit, um durch andere Eindrücke, Luftwechsel usw. die geistige Spannkraft und die Gesundheit zu erhalten. N eu e Grundsätze zur Bekämpf un g des Erdflohs. Wie ein Ungewitter über Nacht — so erscheint plötzlich und unvermutet in unseren Garten ein Käferchcil und haust dort in unheimlicher Weise. Heute noch sind die Koblpflanzen gesund und niorgen schon stehen sie dutch- löchert,' aschgrau da, unfähig, _ sich fortzuentwickeln. Noch warten wir mit Spannung auf die ersten Blumenpflanzen, die ersten Reseda, die den Boden durchbrechen sollen, bevor aber unser Auge sie erblickt, hat der Erdfloh alles zerstört. Ertrag und Schönheit des Gartens werden oft durch den Erdsloh in Frage gestellt uiid reichlich sind natürlich die Mittel, sich seiner zu entledigen. Man streut Kalk, Ruß, Tabaksiaub, man gießt, spritzt und hackt mit mehr oder minder Erfolg. In Nr. 7 des „Erfurter Führers im Gartenbau" finden wir ganz neue Grundsätze zur Bekämpfung des Erdflohs aufgestellt, die sehr beachtenswert sind. Da nnsereii Lesern diese Nummer kostenfrei zur Verfügung steht, wenn sie sich mittels Postkarte nach Erfurt wenden, so dürfen wir wohl darauf verweisen. Vermischtes. „Das Salz" ist der Titel einer neuerschienenen Serie sog. Liebig-Bilder, (bunte Empfehlungskärtchen der Liebigs Fleischextrakt-Kompagnie), auf denen die Salzgewinnung an der See und auf dem Lande, in den Salinen von Lüneburg, Kösen, Nauheim und Wieliczka vorgeführt wird. Ein so nützlicher Gegenstand wie das Salz, das bei den ältesten Völkern vielfach sogar als etwas Heiliges verehrt wurde, hat es wahrlich verdient, daß ihm die Kompagnie Liebig eine ihrer Bilder-Serie widmet. Ist doch schon vor dreieinhalb Jahrzehnten, als Liebigs Fleischi-Extrakt zuerst im großen fabriziert wurde, behauptet worden, daß dies in der Küche bald so unentbehrlich sein werde, wie Pfeffer und Salz-, das ist rasch genug eingetroffen. Mode. , r Wie die Mode dem Wechsel der Jahreszeiten solgt, so schließt sich auch das weltbekannte Wiener Frauen- und Modejournal die „Wiener Mode" mit dem soeben erschienenen Hefte vom 1. Juni den Saisvnbedürfnissen an. Der Umschlag leuchtet uns mit einem duftigen Musselin-Sommer- kleid in frischer Farbe freundliche entgegen; beim Durchs blättern der übrigen Seiten finden wir in reichem Wechsel die jetzt so sehr beliebte,! Blusen, Reisetoiletten, weiße Leinenkleider, Toiletten für Kurorte, viele aparte Hutmodelle, und für lustige, junge Mädchen zwei allerliebste Dirndlanzüge, die während des Landaufenthaltes gern getragen werden. Wir fügen noch hinzu, daß der immer reichhaltige Handarbeitsteil Mustervorlagen blühenden Stils, die Rubrik „Wiener Herren-Mode", Anzüge, Kravatten, Wäsche, der stlnterhaltungsteil den Damen interessante Plaudereien bietet, und daß man dieses sorgfältig aus- aestattete, mit vielem Eifer und reicher Erfahrung zusammengestellte Journal nicht eindringliche genug empfehlen kann. Man abonniert für die Zeit vom 1. Juni bis 30. September zum Preise von Mk. 3.— in allen Buchhandlungen des In- und Auslandes sowie beim Verlag, Wien, VL Gumpendorferstraße 87. Umstellrätsel. Nachdruck verboten. Alma — Selma — Angel — Made — Tropfen — Achse — Eris — Otter — Kain — Else. Von jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umstellung der Buchstaben ein anderes Wort zu bilden und zwar derart, daß die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter ein beliebtes Vergnügen bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Sternrätiels in voriger Nummer: UFA BRIEF STENDAL PFINGSTEN GINSTER VATER FEE N »tkaftion: *. Burlbardt. - ®«uf mtb »erlag der »rühl'schm Ueienflta«.*»*. «n» «temdruckerei (Pietsch trbt«) i* CHef«.