। LW rure Ium neuen Jahre 1901. Von Alwin Römer. Nachdruck verboten. Grüß Gott zum Anfang, liebes neues Jahr, Du holde Fee im goldnen Märchenkleide! Ein Diadem schmückt Dir das blonde Haar, Und rosig strahlen Deine Wangen beide. Aus Deinen güt'gen Augen leuchtet mild Für jeden Wunsch ein lächelndes Gewähren, Als trüg' fortan im irdischen Gefild Das Korn wie einstmals hundertfültge Aehren! . . . Als trieben, wie einst im gelobten Land, Nur Riesentrauben noch des Weinstocks Reben; Als wolltest Du mit Deiner Zauberhand Die Schätze der verborg'nen Tiefen heben; Als könnte endlich unter Deiner Hut Das sieche Menschentum Genesung sinden; Als müßte jeder Zwietracht düst're Glut Vor Deines Blickes Himmelsfrieden schwinden! . . . Verstummte Wünsche rufst Du wieder wach Um Mitternacht, beim ersten Glockentone: Im engen Hüttlein unterm Schindeldach, Im stolzen Königsschloß, auf goldnem Throne! . . . Da ist kein Herz so stumpf und sorgenmatt, Daß es nicht höher jetzt und lauter schlüge; Und auch- nicht eins so lust- und freudensatt. Daß es nicht noch ein heimlich Hoffen trüge! . . . Ach, halte Wort, Du junge Lichtgestalt, Bring' endlich der Erfüllung gold'ne Tage! Der wilden Jagd nach; Geld gebiete Halt; Befrei' uns von der Habsucht schlimmer Plage! Der Not und Sorge schließ' die Pforten zu, In lichte Freude wandle jeden Kummer; Dem müden Pilger aber lös' die Schuh' Und still' die Sehnsucht ihm nach süßem Schlummer! . . . Und sorge, daß dereinst nach Kampf und Streit Germanias Söhne, die aus fremden Auen Zu Schirmern deutscher Ehre sich geweiht. Mit reinem Schild die Heimat wieder schauen! . . . Dann aber pflanz' das hehre Banner auf, Um das sich vollversöhnt die Menschheit schüre, Auf daß in des Jahrhunderts langem Lauf Die ganze Welt den edlen Frieden wahre! . . . (Nachdruck verboten.) Die Neujahrsgeschenke. Kulturgeschichtliche Skizze von F. Kunze. „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft", meinen wohl zahlreiche Leute, weleye zum Neujahrstage mehr oder minder wertvolle „Präsentesten" an nahestehende Verwandte, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen verabfolgen, ohne jedoch zu bedenken, daß diese löbliche Sitte schon uralt ist. So war es bereits unter den kultivierten Völkern des fernen Orients allgemein üblich, sich! am Jahresbeginn zu beschenken, und auch! auf römisch- gallisch-deutschem Boden kannte man schon früh diesen nicht zu verachtenden Brauchs. Aus leichtbegreiflichen Gründen bestanden jene Spenden der grauesten Vorzeit aus unansehnlichen und naturwüchsigen Gegenständen, so daß schon aus diesem Umstande geschlossen werden dürfte, daß die ehemaligen Neujahrsgeschenke nichts anderes denn Opfergaben waren, welche man den vielvermögenden Göttern zu gewissen Zeiten und aus besonderen Veranlassungen feierlichst darbrachte. Dabei griff man, wie schon bei dem frühbiblischen Bruderpaar Kain und Abel zu ersehen ist, in erster Linie zu den von der Natur unmittelbar hervorgebrachten Produkten. Jedenfalls wollten sich ehemals die heidnischen Opferer für die Wiedergeburt des astronomischen Jahres dankbar gegen die allmächtigen Götter beweisen, wie denn selbst die klassischen Römer ihrem doppelgesichtigen Zeiteugotte Janus am ersten- Tage des Jahres Kuchen, Weihrauch' und Wein .verehrten und seine Statue mit frischen Lorbeerzweigen bekränzten. Später gingen diese alljährlichen Opferspenden auf Könige, Fürsten und Häuptlinge über, welche als ganz besondere Stellvertreter der hohen Unsichtbaren gelten. So bescherten schon die alten Perser ihren Königen bezw. deren provinzialen Statthaltern Korn, Hülsenfrüchte, gebackenes Brot, sowie Kuchen, Eier und kostbare Riechwässer. Mit zunehmendem Gütererwerb und Nationalreichtum, der auch die verderbliche Prachtliebe und entsittlichende Prunksucht hob, arteten die bisher so einfachen Geschenke in gleißende Kostbarkeiten, ja sogar in drückende Abgaben aus. So erzählt der Reisende Gmelin, daß ein ihm bekanntes persischer Khan zu Neujahr etwa für 50 000 Rubel an Geschenken eingeerntet habe. Ja, „so ist es überall in den Reichen Asiens, wo tyrannische Despoten den armen Unter» than drücken und seine Großen im Staate und am Hofe den entbehrlichsten Teil des Eigentums bis auf den letzten Tropfen aussaugen; so ist es in Pegu, so in Siam, so in Tonking, wo der ärmste nicht ausgenommen ist, sollte er cud) das ganze Jahr durch mit den ©einigen darben und oimi Hungertuche nagen müssen", wie ein älterer Kulturhistoriker berichtet. Uebrigens ist zu beachten, daß die hohen und, allerhöchsten Herrschaften des fernen Orients auch wieder- durch Neujahrsgefchenke sich erkenntlich zeigten. Der persische Schah teilte an alle Stände seines weiten Reiches am „neuen Tage des neuen Monats im neuen Jahre" allerhand mehr oder minder wertvolle Geschenke aus. Heutzutage, wo! die Perser ein achttägiges Neujahrsfest („Nasturz") feiern, werden dem gestrengen Herrn des Landes tausenderlei Gaben in unterthänigster Gesinnung gereicht, werden den nahestehenden Personen des Serails sowie überhaupt den zahlreichen Beamten „von oben herab" mancherlei Aeniter, Würden, Titel und andere Gnadenbeweise zu teil. Aus dieser ursprünglichen Neujahrssitte, daß demütige Unter» thanen ihren despotischen Machthabern und diese wieder den ihnen am nächsten stehenden Hof- und Staatsdienern feierlicherweise Geschenke widmeten, entwickelte sich wiederum das gegenseitige Bescheren bis in die breitesten Schichten selbst. So beschenkte man fufy bereits im alten Indien am Neujahrstage mit Sahne, Käse und allerhand Früchten, während heutzutage in diesem reichen Lande jene meist verdienten Darbietungen vollkommen der Würde und den finanziellen Verhältnissen des Schenkenden bezw. Beschenkten entsprechen, also weit wertvoller und augenfälliger sind. Auch in dem jetzt vielgenannten „Reich der Mitte", China, bedenkt man sich gegenseitig mit Neujahrsgeschenken, ebenso in Japan, auf Ceylon und in den 'hinterindischen Staaten. Für beanktete Staats- und Kommunalpersonen, z. B. für Mandarinen, Volkslehrer u. s. w. wird reichlich; geopfert, ja ssgar die christlichen Missionare finden ihre Rechnung bei diesen zahlreich fließenden Gaben, wie sie von neubekehrten Anhängern herbeigebracht werden. „Wie in Europa, so ist es in China üblich, daß d'e Familienhäupter ihrem Gesinde zu Neujahr Kleidungsstücke und kleine Geldbeträge schenken, und daß Geschäftsinhaber ihren Jahreskunden zum Zeichen ihrer Dankbarkeit Geschenke zukommen lassen." (Klatscher, Bilder aus dem chinesischen Leben 1881. S. 118.) Aber auch in unserem heimatlichen Erdteile Europa war schon früh das gegenseitige Bescheren zu Neujahr üblich, besonders bei den alten Römern, die jedoch nicht gerade als „Erfinder" jenes löblichen Brauches angesehen werden dürfen. Einige Forscher wollen behaupten, daß letzterer auf Tacitus Zeiten zurückzuführen, also etwa ins Jahr 740 v. Chr^ zu verlegen sei, doch dürfte er wohl eher aus dem inneren Hochasien stammen und erst durch die zahlreichen Völkerwanderungen von dort nach! dem Abendlande überbracht worden sein. Tie römischen „Strenae" — so wurden die Neujahrsgeschenke in der lateinischen, Sprache genannt — waren hinsichtlich ihres Wertes, Zweckes und jeweiligen Gebers sehr verschieden, ebenso wie im fernen Orient. Erst mit dem allmählichen Steigen des römischen Reichtums Und Luxus, besonders in den späteren Jahren der Republik, nahmen auch Pracht und Verschwendung in Beziehung auf die ursprünglich so einfachen „Strenae" zu. Protzige Patrizier tauschten sogar goldene und silberne Münzen, Becher, Ringe, sowie prachtvolle Lampen, teure Kleidungsstoffe, Medaillen ic. am ersten Tage des Jauusmondes aus. Andererseits ließen sich auch; die römischen Großen von ihren untergebenen „Fremd-, lingen", die Priester von ihren schutzbefohlenen Leuten, die mächtigen Imperatoren von ihren Würdenträgern, die Patrone von ihren Klienten rc. am Jahresbeginn sehr gern beschenken. Kaiser Augustus war der erste Thrvn- inhaber, der seine Unter ff) einen teilweise durch Gegengeschenke beehrte, während fein düsterer und menscheu- fcheuür Nachfolger Tiberius am Neujahrstage nicht 'zu sprechen war, um eben etwaigen Beschenkungen und Beglückwünschungen aus dem Wege g,u gehen. Anders gesonnen war der nach ihm thronende Caligula; Henn dieser geizige Landesvater ließ öffentlich bekannt machen, daß er die von seinem genannten Vorgänger verweigerten Strenae gern annehmen würde, zu welchem Zwecke er sich! am Neujahrstage im Vorhofe seines Palastes aufhielt, um das gabenbringende Volk selbst zu entlasten. Der ihn im Regiment ablösende Claudius verbot wiederum die Neujahrsgefchenke, doch ließen sie fast seine sämtlichen Nachfolger zu einer weitgehenden nationalen Verpflichtung ausarten. Noch unter Theodosius (379 bis 395 n. Chr.) brachte der römische Stadtpräfekt am 1. Januar die uralten „strenas solemnes" als eine Art Opferspende. im Namen des Senats dem gefürchteten Imperator dar, und auch in den weitesten Schichten des Volkes beschenkte man sich wieder gegenseitig. Als jedoch vornehme Bürger Roms das persönliche Verteilen der widmenden Gaben zu beschwerlich und gewöhnlich erachteten, brachte man sie aufgeputzt in niedlichen und sauberen Körbchen unter, um sie in dieser Form einander zeremoniell am Jahresbeginn zu übersenden. Maler und Plastiker ahmten diese schön angeordneten Widmungen bildlich! nach und stellten sie in echt spekulativer Weise zum Verkauf auf den Märkten aus. So formte der kunstfinnige Posis in Rom Äepfel, Trauben und andere Früchte so naturgetreu in Wachs nach, daß sie von echten nicht zu unterscheiden waren. Selbst Kuchen und niedliche Figuren aus Mehlteig und Honig wurden zum beglückenden Anfänge des Jahres als passende Geschenke ausersehen, ja selbst Geld kam schon zur Verwendung. Im klassischen Griechenland schienen die Neujahrsgeschenke auch bekannt gewesen zu sein, wenn auch nicht in dem Umfange wie bei den Römern. „Merkwürdig ist es, daß in einigen Gegenden Griechenlands das Wort! Strena sich erhält und die bei Gelegenheit des neuen Jahres gebotenen Geschenke und Geldspenden bedeutet". Auch in der Bibel treffen wir einzelne Nachrichten von Beschenkungen zju Neujahr an. In christliche Kreise scheint die uralte Gewohnheit aber -erst durch römischen Einfluß gedrungen zu fein. Zwar 'eiferte die aufstrebende Kirche ziemlich kräftig gegen die herkömmliche Unsitte, und! Augustinus mahnt, die untergebenen Gläubigen, anstatt der Strenae lieber Almosen auszuteilen, aber der ererbte Brauch war zu tief eingewurzelt und hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten, wenn auch das sättigende Uebermaß und die ungesunde Ueberschwenglichkeit, welche die römische Heidenwelt in den Neujahrsspenden bekundet hatte, vom reformierenden Christentum bedeutend herabgesetzt wurde. Bei den alten Deutschen will man die Neujahrsgeschenke bereits vor Karl dem Großen an der Tagesordnung gewesen fein lassen, und zwar sollen damals Geldbeträge dazu verwendet Wörden sein, während in mittelalterlichen Tagen vorwiegend allerhand Bekleidungsstoffe und neuerdings Geld, Backwaren, Pfefferkuchen, Wein re. ausersehen werden. Im Kloster Günterskhal bei Freiburg i. B. erhielten ums Jahr 1500 als Neujahrsgeschenke: der Visitator ein Paar Handschuhe und der diese Spende nebst den üblichen Glückwünschen überbringende Knecht 5 Schillinge. Den Beichtvater bedachte man mit 8, die Frau Schpeiberin mit 4, den Klosterpfründner mit 3, die Kellnerin im Hause sowie die am Thore mit je zwei Schillingen. Alle diese Geschenke begleitete „ein Hafelein Latwergen" sowie ein Lebknchn. Solche Lebkuchen sowie deren anno 1510 die dortigen Nonnen in zwei Tagen 100 große, mittlere Und- kleine zubereiteten, erhielten auch die Freiburger Stadtheriren zurn neuen Jahre. (Vgl. Birlinger, Ans Schwaben II. 26.) Nun ist hierbei zu bedenken, daß die damaligen Neujahrsgaben zugleich auch; die heute noch weit mehr ausgeprägten Weihnachtsgeschenke mit vertraten, weil eben das ganze Mittelalter hindurch allen Ländern, die von, der römischen Kirche direkt abhängig waren, das Christfest als Jahresanfang galt, weshalb wir heute noch reden vom „Jahre des Herrn" oder vom „Jahre des Heils". Als sich König Heinrich; III. von Frankreich am Jesugeburts- tage 1254 in Vaseonien bei Besancon aufhielt, überreichte er dortigen einflußreichen Personen wertvolle Geschenke in Gestalt kostbarer Kleider und anderer begehrenswerter Dinge. Mit solchen Weihnachtsbescherungen wollte nämlich die allzeit politische 'Kirche ihr Jesugeburtsfest über die aus dem römischen Heidentum überkommenen erheben. Hin und wieder suchte man die überkommenen Geschenke zum Jahresbeginn behördlicherseits zu dämpfen. So lautet ein diesbezügliches Verbot der Stadt Ravensburg! ans dem 14. Jahrhundert also: „daß niemand den anderen zu Weihnachten weihen (beschenken) soll. Es wollte denn ein Mann seinen Priester oder seinen Amtmann ehren. 3 oder ein Vater sein Kind, oder ein Kind seinen Vater, oder ein Geschwister das andere, und wer fürbaß jemand weihet, außer der da benannt ist, der muß geben an die Stadt zu Buß 3 Schilling als dick ers thut". In Konstanz kam 1460 ein Verbot heraus, laut welchem jede Person, die „ein Kind hept" — als Patenschaft übernommen hat — „ze Wihenächten weder Bimzelten, Brot, Käß, Hämpli noch sust nit anders senden" sollte. Eine Fürstl. Sächsische Landesordnung vom Jahre 1612 warnt die „ilnterthanen in Städten und Dörfern, daß hinfüro feiner seine Kinder mehr den Tauff--Paten zur Abholung des Neu-Jahres zuschicken" solle, widrigensalls „von jedem Kinde fünff Thaler, von den Paten aber, der das Neue Jahr austeilen lässet, zehen Thaher erleget werden" müßten. Unterm Jahre 1651 eifert eine Weimarische Verordnung darüber, „daß dem Gesinde durch Verehrung der Jahrmärkte, Heiligen Christs oder Neuen Jahres willfahrt werde" und will diese Sitte „bey 3 Gulden Strafe für die Herrschaft" abgeschafft wissen. Neujahrsnmgänge singender Kinder zwecks Einheimsung buntscheckiger Gaben waren ehemals auch sehr häufig, sind aber mit der Zeit immer mehr und mehr aus der Mode gekommen. Nur einzeln gehen ärmere Vertreter! der schulpflichtigen Jugend uoch zu Verwandten und Bekannten um ein gabenheischendes Neujahrslied zu singen., Immerhin ist auch das gegenseitige Beschenken erwachsener Personen zum Beginn des Jahres noch nicht ausgestorben. In der Eifel, wo man scherzweise einander zuruft: Glück zum Neujahr! Lang zu leben, Selig zu sterben! besteht das übliche Geschenk, dort „Neujährchen" genannt, meistens in einem kleinen Wecken oder einer sonstigen! Backware. Im allgemeinen sind aber die buntscheckigen Neujahrsgeschenke heute weniger ansehnlich! als in mittelalterlichen Tagen, weil Weihnachten den Löwenanteil für sich in Anspruch nimmt. (Nachdruck verboten.) Die Seekönigin. Seeroman von Clark Rüssel. Erstes Kapitel Mein Geburtsort New castle am Tyne. Ich bin nicht nur eines Seemanns Tochter, sondern kann sogar behaupten, daß ich unter Seeleuten geboren wurde und zwar mit demselben Rechte, als ob ich an Bord eines Schiffes das Licht der Welt erblickt hätte. An dem betreffenden Abende nämlich befand sich gerade eine' ganze Gesellschaft von Kapitänen und Steuerleuten im! Wohnzimmer unseres Hauses. Wie meine Mutter oft erzählte, war das Zimmer so voll Tabaksqualm, daß die Gestalten der Gäste nur in schattenhaften Umrissen sichjtbav waren, als der Arzt hereintrat, um meinem Vater die Nach«- richt von meiner Ankunft zu überbringen. Als er ihn nach! längerem Suchen entdeckt zu haben glaubte, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte: „Kapitän, ein kleines Sorgenbündel ist eben für Sie angekommen, ein niedliches kleines Mädchen. Soviel ich! sehen kann, verspricht sie Ihnen ähnlich zu werden." Dann erst bemerkte er, daß er sich an den Unrechten gewandt hatte. Der Doktor erzählte später die Geschichte nebst allem, was folgte, meiner Mutter. Als mein Vater die frohe Botschaft hörte, schwenkte er seine lange Tonpfeife, deutete auf die dampfende Bowle: auf dem Tische und sprach!: „Jungens, hier ist Punsch genug, das Mädel damit zu taufen. Nehmen Sie Platz, Doktor! Setzen Sie sich! Hier ist 'ne Pfeife und da haben Sie 'n Glas. Wie soll fte herßen, Jungens? Ich werde zuletzt reden." Tiefes Schweigen folgte auf diese Rede. Die Gegenwart des Arztes machte die alten Seebären offenbar befangen. Mein Vater ließ jedoch- nicht nach«. Er wandte sich an den Jüngsten der Gesellschaft, einen Steuermann, und forderte ihn auf, den Anfang zu machen und einen Namen für dre Kleine vorzuschlagen. „Na", meinte der Angeredete, „ich für meine Person bin für Polly. Das ist ein praktischer Name. Wenn man's eilig hat, braucht man blos das Ende abzuschneiden und sagt Poll." Nach einer Pause, während der er die Wirkung des eben gemachten Vorschlages auf seine Gäste beobachtet hatte, deutete mein Vater mit seiner Pfeife auf den zunächst Sitzenden, ebenfalls einen Steuermann. Dieser nahm erst einen Schluck Punsche um sich! die Kehle anzufeuchten und bemerkte dann: Er könne nicht leugnen, daß Polly ein brauchbarer Name sei, und würde sich auch hüten, was dagegen einzuwenden, da seine eigene Mutter so geheißen habe. Wenn jedoch das Kind sein eigenes wäre, würde er sich! in Betreff des Namens nicht an die alten Karten halten, sondern selber Lotungen vornehmen und versuchen, etwas Eigenartiges herauszufinden — einen Namen, über den die Leute staunen sollten. Was würde Kapitän Snowdon (mein Vater nämlich) z. B. zu Eurydice meinen? Er sprach den Namen der Gattin des Orpheus natürlich englisch! aus. Ein alter Schiffer bemerkte mit rauher Semannsstimme: „Es gab ein Schiff solchen Namens, das nach Hüll gehörte und vergangenes Jahr in Callao war. Es ist ein heidnisches Wort, mein Freund — der Doktor da wird Dir das sagen. Du wirst keinen Pfarrer finden, der darauf eingeht, einem christlichen Kinde solchen Namen zu geben, Snowdon." Manche Namen wurden- noch in Vorschlag gebracht, aber mein Vater schüttelte zu allen den Kopf. Endlich sagte ein -alter Schjifser aus North-Shields, dem es schon zu viel wurde, und der kaum die Reizbarkeit, die man fast immer bei älteren Seeleuten findet, bekämpfen konnte: „Hören Sie mal, Snowdon; wir alle haben nachj- gedacht und wieder nachgedacht,, fo daß wir nichts mehr herausfinden können. Wir sind fast bis auf den Grund in unseren Köpfen gekommen, und es hat keinen Zweck, noch tiefer zu gehen. Soll ich Ihnen sagen, warum? Weil Sie schon selbst einen Namen gefunden haben. Unser Freund hat di,e ganze Zeit die Flaggleine in der Hand gehabt", fuhr er zu den anderen gewendet fort, „und wartet nur, bis wir nichts mehr in unserem Flaggenkasten haben, um dann sein eigenes Signal aufzuhissen." „Nun, ich will es gern zugeben", sagte mein Vater mit strählendem Gesicht. „Ich will sie Jessie nennen. Es war der Name meiner Schwester, und ich! habe ihn so gern, weil etwas von Blu.menduft und Sommerpracht darin ist. Füllt eure Gläser, Jungens, und bietet der Kleinen ein Willkommen auf dem stürmischen Meere des Lebens, während ich gehe, um nach meinem Mädchen zu sehen." Diese kleine Einleitung zeigt, daß ich nicht nur in Newcastle geboren wurde, sondern, wie ich schon sagte, gerade so unter Seeleuten, als ob ich meinen ersten Schrei in einer Schiffskajüte ausgestoßen hätte. Als Mein Vater zu seinen Gästen zurückkehrte, baten sie ihn, er möchte mich! holen, damit fte mich auch zu sehen bekämen. Wie man mir erzählte, würde es meinem Vater ein Vergnügen gewesen sein, mich in diesen Tabaksqualm zu holen und bei der Gesellschaft die Runde machen zu lassen, wenn der Arzt nicht eine strenge Miene aufgesetzt und erklärt hätte, daß ich in dieser Atmosphäre sofort den Geist aufgeben müßte. Ich habe mir oft mit heimlichem Vergnügen das Bild ausgemalt, das entstanden wäre, wenn man meinem Vater seinen Willen gelassen hätte. Keine Erinnerung an etwas! wirkliche Geschehenes hätte fester in meiner Seele haften können, als die Vorstellung, wie mein Vater mein winziges Körperchen in den Armen hielt und die dunklen verwitterten Gesichten seiner Freunde auf mein kleines Ge- sichtchen mit jener kindlichen Zärtlichkeit blickten, die des, ehrlichen Seemanns Charakter zu «einem der wenigen liebenswerten Dinge dieser Welt macht. In jenen Tagen gab es in Newcastle viele altertümliche Häuser, und noch heute gtebt es wohl kaum eine Stadt gleicher Größe in England, die reicher an architektonischen Gegensätzen ist. Namentlich! die in der Nähe des Flusses liegenden Straßen weisen noch viele von diesen zwei bis drei Jahrhunderte alten Gebäuden auf. Eine dieser Gassen, die „Side" mit Namen, ist sehr steil und an ihrem oberen Ende so eng, daß sich die Bewohner der gegenüberliegenden Häuser von ihren Fenstern aus nachbarlich die Hände reichen 4 s c t s d l d ? Z ii Ci be gc toi P< en toi könnten. Die Giebeldächer, überhängenden Stockwerke unb die eigentümlichen breiten Fenster, die wahrscheinlich! einst, mit unzähligen kleinen ble' '-fiten Butzenscheiben versehen waren, verleihen dieser St R-->r und versetzen den Beschauer Kavaliere zurück. Auch meines Vaters Hans war ein chMer xJuU, noch in der „Side" vorhanden sind. Jetzt ist es abgebrochen und ein geräumiges, modernes Gebäude steht an seiner Stelle. Am meisten gegenwärtig ist mir noch das Wohnzimmer, ein großer, biereckiger, säst dunkler, niedriger Raum, welcher mit seinen massiven Balken oben und seinen Möbeln eher einer Schisfskajüte als einem Zimmer in einem Wohnhause glich Der größte Teil der „Ausrüstung" — so nannte mein Vater die Stühle und Tische — hatte viele Meilen auf dem Ozean zurückgelegt. Die Stühle kamen au§ einem ©ft» indienfahrev; die schöne Messing-Oellampe, die von der Mitte der Decke herabhing, war in einem Wrack ans Land getrieben und von meinem Vater aus einer Auktion erstanden worden. Sehr in die Augen fallend war ein wunderbar geschnitztes Buffet von arabischer Arbeit, das mein Vater einige Monate vor seiner Verheiratung in einem Mittelmeer Hasen gekauft hatte. Die an den Münden hängenden Gemälde und Stiche stellten ausnähmlos Vorgänge aus dem Seeleben dar, wohlbekannte Schiffe der heimischen Rhederei, eine Ansicht der Tyuemündung bei Sturm, einen bei Whitby entmasteten Kohlenfahrer u. s. to. Darunter hingen einige an Rollen befestigte Seekarten, die fast alle mit Bleistift markierte Kurslinien aufzuweisen hatten. Noch anderer Gegenstände dieses Zimmers erinnere ich mich lebhaft — und ich verweile bei ihnen, weil sie für meine Erziehung 'bedeutsam waren — besonders eines kleinen ovalem Hohlspiegels, welcher jede Gestalt, die sich darin spiegelte, und wenn es ein Riese gewesen wäre, als gekrümmten Zwerg mit großem Kopf und ungeheuren Füßen erscheinen ließ. Um den Spiegel herum waren zahlreiche Südsee-Trophäen angebracht, von denen einige aus dem, großen Ozean von Seeleuten mitgebracht worden waren, die schon unter Cook und Vancouver gedient hatten — lange, scharfe Speere, Schilde, geformt wie die Schale einer Schildkröte, Grasmatten, Tomahawks, barbarisch böse aussehende Aexte, und ich weiß nicht, was sonst noch. Die Kaminsimse und Seitentischchen waren mit Modellen von Schiffen, Canoes, Rettungsboten, sowie mit einer Menge chinesischer Elfenbeingegenstände, wie Kartenbehälter, Broschen, Trer- figuren und dergleichen mehr geschmückt. Kurzum, unser Wohnzimmer hätte wohl ein Museum genannt werden können. Mein Baten brachte von jeder Reise eine neue Seltenheit mit, um unsere Sammlung zu vervollständigen. Dio Kapitäne und Steuerleute, die uns besuchten, kamen auch! selten mit leeren Händen, und im Laufe der Zeit wurde das Wohnzimmer so bohl von merkwürdigen und interessanten Gegenständen, daß unsere Nachbarn zu sagen pflegten, wir würden unsere Miete über und über heraus- schlagen, wenn wir von jedem einen halben Schilling erhöben für die Erlaubnis, diese Wunderdinge besichtigen zu dürfen. „ . , , ., Ich glaube kaum, daß die Umgebungen meiner Kindheit allein schon meine Gedanken gefärbt und ihnen die Richtung gegeben hätten, welche fie später nahmen, wäre ich! nicht mit Liebe zur See und zu den Seeleuten geboren worden. Das Gegenteil liegt in der Regel viel näher. Manche Kinder fassen einen Widerwillen gegen den Beruf ihres Vaters, nur weil sie beständig in gewissem Sinne damit in^ Berührung kommen und immer von demselben hvren, bis sie endlich erwachsen sind und das Elternhaus verlassen. Aber in meinem Falle wurde die mir angeborene Liebe zur See durch meine ganze Umgebung großgezogen und befestigt. Als ich eben alt genug geworden war, um einige Worte im Zusammenhänge sprechen zu können, sagte meme Mutter häufig, um, wie man zu sagen Pflegt, mit mir vor ihren Freunden z!u paradieren: „Hier ist Klein-^esfle; fragt sie, was sie für einen Mann haben will, wenn sie em großes Mädchen ist", und ich antwortete stets: „Ich will nur einen Seemann heiraten, und wir wollen in einem schonen Schiff Man glaube mir, es war mir ernst mit dem, was ich sagte, obwohl ich noch ein Kind war. Und damit man wisse, daß wicht alle Frauen so wetterwendische Geschöpfe sind, wie die Männer glauben, so bekenne ich, daß ich dasselbe sagte und dachte — aber für mich- — als ich zwanzig alt war; nur mit dem Unterschied, daß ich mir dann nes Schiffsjungen einen Kapitän zum Schutz wünschte. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Eine notwendige Winterarbeit. Beim Auswerfen von Gräben oder Bohren von Löchern im Garten kann man in der sehr geringen Tiefe.von nur 1—2 Fuß auf Schichten stoßen, welche trotz der ziemlich reichlichen Herbstniederschläge noch pulvertrocken sind. Besonders für Obstbäume sind diese trockenen Schichten natürlich sehr nachteilig, aber auch, bei Erdbeerbeeten machen sich bie Folgen dieser Trockenheit im Untergrund im nächsten Jahre durch geringe Erträge von krüppeligen, kleinen Beeren unangenehm bemerkbar. Es ist deshalb jetzt dem Gartenbesitzer, der im Sommer unter trockenem Boden zu leiden hatte, zu empfehlen, mit dem Locheisen oder einem Bohrer Löcher in etwa 30 Zentimeter Abstand in den Boden zu stoßen und in diese hinein dünne Jauche zu gießen und so eine wirksame Untergrunddüngung vorzunehmen. Soll ein Teil des Gartens frisch rigolt werden, so ist es, um der Untergrundfeuchtigkeit genügend Rechnung zu tragen, vorteilhaft, vor dem Rigolen das Stück mit einigen Fässern Jauche überfahren zü lassen, dann beim Rigolen diese obere durchtränkte Schicht nach, unten zu bringen, dagegen aber die trockene Schicht nach oben, um ihr so die Winterfeuchtigkeit zu Gute kommen zu lassen. (Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau, Frankfurt an der Oder.) Literarisches. Im Verlag Europ. Modenzeitung, Dresden, erschien und ist durch jede Buchhandlung zu beziehen: Neuer Leitfaden fnr moderne Damenschneiderei, reich illustriert mit über 50 Abbildungen. Preis geb. nur 1 Mark. Dieses Merkchen will ein Wegweiser und Ratgeber auf dem Gebiete der Damenichneiderei fein, die es bis in die kleinsten Details, in einfacher, leichtfaßlicher Sprache erklärt und das Verständnis durch zahlreiche instrukiive Abbildungen unterstützt. Es ist für ave Lernenden von großer Zweckmäßigkeit und für alle Könnenden ein Nachschlagebuch von beträchtlichem Wert. Ueber die Vielseitigkeit des Buches mag die nachfolgende gedrängte Inhaltsangabe orientieren: Das Zuschneiden, das Füttern des Rocks, die verschiedenen Nähte, Der Rockschweif, der Rockbund, — Das Zuschneiden des Futters des Oberstosfes, das Aufhesten, die Anprobe, das Ausarbeiten der Nähte, das Plätten, das Einfügen des Fischbeins, der Haken-, Knopf- und Schnürverschluß. Taillenband, Kragen, Aermel. - Die englische Taille. — Das Werkchen dürste seine Aufgabe, ein wirklicher, nützlicher Ratgeber zu fein, zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllen. Rösselsprung. (Zum Neujahr.) Nachdruck verboten. und herz selnd glück e uns auch hofft wech das zeit schung auch neu und dar neu daß täu die doch bringt UM leid fahr es im ent Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Buchstabenrätsels in voriger Nummer: Adler — Ader. Rebrftion: «. Burkhardt. - Druck und »erlag der «rühl'schen UniverfitätS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in »ieß«.