i S-«M IW «b die Rosen dir verblühten, Flatternd auS des Lebens Kranz: Unter gold'nem Herbstlaub glühten Früchte auf im Purpurglanz. Julius Lohmeyer. (Nachdruck verboten.) Brennende Liebe. Eine lustige Geschichte von Alwin Römer. (Schluß.) III. Es war am Mittwoch vor der geplanten Abreise des Professors, als sich Sigrid gleich nach Tisch, mit einem kleinen Spaten und einem ziemlich umfangreichen Blumem topf ausgerüstet, auf den Weg nach Falkengrund machte, um dort etliche Exemplare einer weißen Orchis, die der Professor gern daheim in der Entwickelung beobachten wollte, auszuheben und einzupflanzen. Die warme Mittagssonne brannte ihr auf den Scheiteln Kein Lufthauch regte sich; nur das wohlige Brummen und Summen der Bienen, die im Heidekraut ihre Ernte hielten, wurde laut; dazwischen mitunter das Gehämmer eines hungrigen Spechts oder der kreischende Schrei eines aufgescheuchten Hähers. Eine zwingende Müdigkeit überfiel sie, als sie nach langem, ziemlich beschwerlichem Marsch ihren Auftrag vollführt hatte, und herzhaft sich reckend, ließ sie sich eine Weile im halbfahlen Waldgras nieder, dicht hinter einem tannenbewachsenen Hügel, der den Wodenquellern als Hünengrab galt. Blinzelnd verfolgte sie einen bunten SchMtterlmg, — Vanessa cardui, wie sie, als echte Tochter ihres Vaters, noch im Halbschlummer konstatierte, bewunderte auch die Ueppigkeit des Wollgrases, das sich in der weiter unten etwas sumpsigen Falkenschlucht breit machte, und schloß dann die Augen. . _ Plötzlich jedoch schreckte sie empor. Irgend ein Knistern hatte sie geweckt. War es ein Reh, das hier wechselte? Oder schlich ein Fuchs durch das dichte Unterholz? Aber nun hörte sie ein leises, gemütliches Pfeifen, wie es nur von Menschenlippen kommen konnte, und wie sie darauf die Zweige des sie schützenden Tannengestrüpps vorsichtig auseinander bog, erblickte sie zu ihrem Erstaunen Herrn Wingold Hartmann, der prüfend den vor ihm liegenden Waldboden musterte. Ein jähes Herzklopfen überfiel sie. Leise, leise schob sie sich weiter vorwärts, um ihn, der rhr soeben erst wieder durch den kurzen Traum gegaukelt war, zu beobachten. Wingold Hartmann hatte ein Kistchen bei sich, das er alsbald niedersetzte. Nun zog er ein respektables Messer aus der Tasche, klappte es auf und fing an, eine Distel auszuheben, die aus einem Geröll geprangt hatte. „Fort, werft das Scheusal in die Wolfsschlucht!" rief er halblaut, als er sie endlich aus dem Erdreich! gelöst hatte, und in einem forschen Bogen flog die Aermste von der vielleicht durch viele Generationen vererbten Scholle in die Schlucht hinab, dicht über Sigrids Haupt hin. Darauf öffnete der merkwürdige Waldpfleger fein Paket und entnahm diesem ein Pflänzchen, das er mit vieler Sorgfalt an die Stelle der Distel setzte, das Erdreich darumher wieder festklopfte, auch durchwein paar Hände voll. Sand alle Spuren dieser etwas gewaltsamen Boden-Reform zu verwischen trachtete, und erhob sich dann, ein hörbares Murmeln der Befriedigung von sich gebend. „Blühe, liebes Veilchen!" intonierte er, als er sein Kistchen wieder schloß und den Schauplatz seiner veredelnden Thätigkeit sorglos verließ. Sigrid wartete lange, ehe sie sich hinüberwagte an die Stelle, wo Wingold Hartmann, gegraben- und gepflanzt hatte. Endlich jedoch faßte sie den Mut, hinüber zu klettern. Ihre Vermutung hatte sie nicht betrogen. Das war Maucium, was da plötzlich an die Stelle der stachlichten Distel gesetzt war. Ein triumphierendes Lächeln glitt über ihr Antlitz. Dieser tolle Betrug sollte dem Unverschämten denn doch nicht gelingen. Eine Weile überlegte sie, ob' sie die Pflanze wieder ausgraben und gleich dem Vater mit heimnehmen oder bis zur Katastrophe verbergen solle. Dann kam ihr jedoch ein dritter Gedanke, an dessen Ausführung sie sogleich ging. Vorsichtig entnahm sie ihre Orchis-Exemplare dem Blumentopf lind packte. sie mit der Erde in Zeitungspäpier. Dafür aber pflanzte sie den schönen, lange gesuchten nnd nun plötzlich wie vom Himmel gefallenen Hornmohn; in ihren Tops und versenkte ihn an die ihm von Hartmann bestimmte Stelle, und zwar mit einer so arglistigen Gewissenhaftigkeit, daß weder, eine Spur des Topsrandes sichtbar blieb, noch nach irgend einer anderen Seite hip ein Verdacht aufsteigen konnte. — „Ist das wohl ein Blatt von Glaucium?" fragte am Abend Wingold Hartmann zuversichtlich den Professor und reichte ihm ein silbergrau schimmerndes, akanthusartiges Blatt hin. Lorenz sprang wie elektrisiert auf. „Wahrhaftig!" rief er, „das scheint eins zu sein! — Woher haben Sie es?" „Heute früh in der Falkenschlucht fand ich das. Exemplar. Aber nur ein einzrges! Lange, knotige Schotenkapseln daran, doch auch nur zwei! Ich ließ es stehen, damit Sie sich selbst Überzeugeri, und pflückte nur dies Blatt davon ab!" „Sehr brav, sehr brav!" brummelte der Professor und betrachtete das Blatt bald von der einen, bald von der anderen Seite, führte es! au die Nase und kostete auch einmal davon. „Wenn mich nicht alles täuscht, ist das wirklich der heimtückische und hinterlistige Hornmohn. Gleich morgen früh wandre ich, hinauf, wenn Sie mitkommen wollen —" ,,, „Ich stehe gern zur Verfügung. Erst gegen zehn Uhr bin ich auf den Werken nötig!" erklärte der Ingenieur, der sich in weiser Voraussicht schon frei gemacht hatte. Sein jüngerer Kollege war sofort bereit gewesen, seine Obliegenheiten solange zu übernehmen. Und da der Chef verreist war, lieh sich das ohne viele.Umstände einrichten. „Dann treffen wir uns um sieben an der Königslinde! Einverstanden?" „ , „Selbstverständlich! Ich möchte so früh tote möglich wissen, ob wir das Erntefest am Sonntag noch zusammenfeiern! Sie kennen doch unfern Pakt?" „Gewiß, gewiß!" schmunzelte der Professor. „Du darfst das Kofferpacken noch ruhig ein paar Tage ausschieben, Sigrid!" „Wenn Du Dich nicht doch hast täuschen lassen! Ich habe den Falkengrund auch abgesucht. Mir ist kein Glau- cium vor Augen gekommen!" „Man übersieht manchmal etwas!" beruhigte sie der Professor. „Und das Blatt hat ganz den Charakter! Sieh doch diese Neigung zum Stengelumfassen, diesen Milchsaft!" Sigrid zuckte die Achseln. „Eine Täuschung ist trotzdem nicht ausgeschlossen. Ich habe nur Disteln dort gesehen, die ähnliche Blätter hatten!" sagte sie und streifte dabei Hartmann mit einem ernsten Blick. Aber dieser hartgesottene Sünder zuckte mit keiner Wimper. „Die heilige Terpsichore wird mir schon beistehen, daß es Glaueium ist!" meinte er lustig. „Terpsichore?" fragte der Professor verwundert. „Das ist doch die Muse der Tanzkunst!" '„Ganz recht!" lachte der Taugenichts. „Die meinte ich gerade!" „ ,r c Sigrid konnte nicht anders. Sie schüttelte leise den Kopf über so viel Verstellung und Leichtsinn. Wenn das alles seine Braut wüßte! Aber das ging sie denn am Ende doch wohl nichts an. Es war genug, daß sie sich den Leichtfuß ihr zu Liebe in respektvoller Entfernung hielt!" — / Am andern Morgen wartete sie mit ihrem Vater an der Königslinde auf sein Eintreffen. Pünktlich war er zur Stelle und rüstig schritt er ihnen voran. „Hier, nicht weit von dem Hünengrab muß der Ort sein!" sagte er, als sie am Anfang der Schlucht angelangt waren. Er hatte sich den Platz so genau gemerkt, als sei dort ein Schatz vergraben, that nun aber, als habe er Mühe, ihn wiederzufinden. „Welch ein Heuchler!" dachte Sigrid. „Heureka!" ries der Professor, der nach eifrigem Umherstöbern das Pflünzlein gefunden. „Kein Zweifel mehr! Es ist Glaueium! Der alte Konrektor Sagebiel, dessen Programm-Arbeit von anno achtunddreißjg die Nachricht entstammt, hat also doch recht gehabt! Ich sage Ihnen, lieber Herr Hartmann, so bedeutungsvoll der Fund an sich ist: für mich ist er eine große, reine Freude! — Wir werden das Exemplar jetzt vorsichtig ausheben, die Samenkapseln aber zum Teil hier entleeren, damit diese seltene Spezies dieser Schlucht erhalten bleibt!" Wingold Hartmann toar' durch die enthusiastische Art des alten Herrn doch ein wenig in Verlegenheit geraten. Ganz so gewaltig hatte er sich den Effekt seines schnöden Schwindels nicht vorgestellt. Aber der tolle Streich war einmal angefangen, — und der Erntetanz mit dieser schönen, spröden Professoren-Tochter, die unter dem Einfluß der Festfreuden vielleicht etwas weniger unnahbar wurde, war schon ein paar Gewissensbisse wert. „Den Spaten, Sigrid!" kommandierte der Alte. Doch wie ihm nun sein Töchterlein, den Ingenieur mit einem seltsamen Blick, halb Warnung, halb Siegesfreude, streifend, das Werkzeug herüb erreichte, nahm der Bösewicht sich ernstlich vor, dem getäuschten Professor, — nach dem Erntefest natürlich, — schonend von seinem verruchten Hokuspokus Mitteilung zu machen. — Die Reue vor der Höllenfahrt! — Papa Lorenz stieß beim ersten Spatenstich genau in die Mitte des thönernest Ungeheuers, in das seine Tochter das so plötzlich ausgetauchte Exemplar von Glaueium ein- gepflanzt hatte, und hob verblüfft den Topf aus der Erde. Sigrid fing an zu lachen, aber es klang nicht halb so herzhaft und echt, wie sie sonst lachen konnte.. „Wenn das keine Seltenheit ist!" sagte sie nun. „Hornmohn in Blumentöpfen, mitten im Waldesdickicht!" Wingold Hartmann war über und über rot geworden. Er hatte es schon am Lachen Sigrid's erkannt, wer ihm diesen Strich durch seine allerdings nicht gerade ehrliche Rechnung gemacht hatte. „Das ist ein recht alberner Scherz!" sagte der Professor, ernstlich verstimmt. „Ich hätte nicht geglaubt, Herr •" Hartmann, daß Ihnen die ernste Wissenschaft —" „Keine Moralpauke, verehrter Herr Professor!" unterbrach ihn hastig der Ingenieur. „Gewiß, ich habe hier einen dummen Streich begangen. Dieser Hornmohn ist aus dem botanischen Garten in G. und von mir erst gestern hierher gepflanzt. Ich wollte Sie und — Fräulein Sigrid so gern zum Erntefest hier behalten und habe mich um diesen Preis zu dieser Thorheit hinreißen lassen! Aber dieser thönerne Gedanke hier", — er schlug mit seinem Bergstock heftig gegen den Blumentopf, — „stammt nicht von mir! Ich hätte.Ihnen erst am Montag gebeichtet! —Nichts für ungut! Es muß eben auch! solche Käuze geben wie ich bin! Guten Morgen!" Und ehe noch ein Wort der Erwiderung fallen konnte, war er mit ein paar flüchtigen Sätzen, fast wie ein. gehetzter Edelhirsch hinter dem Hünengrabhügel verschwunden. „Warst Du der Eulenspiegel, der ihm das bereitet hat?" fragte der Professor seine Tochter. Sie nickte nur wortlos. Eine nachdenkliche Falke hatte sich auf ihre Stirn geschlichen. Nun sollte sie noch gar die Schuldige fein, während sie seinen Betrug doch nur aufgedeckt hatte? Es war wunderlich. Aber wie ein beleidigter König hatte er feinen Abgang genommen. Und die Befriedigung, die sie sich von dieser Entlarvung versprochen hatte, war sonderbarer Weise ausgeblieben. „Verdrehter Patron!" murmelte Papa Lorenz. „Aber weshalb lockst Du mich bis hier hinaus, wenn Du Bescheid wußtest? — Du bist auch nicht viel vernünftiger! — Da wir einmal hier sind, laß uns noch einmal nach Buplenrum tenuiffimum suchen, das hier nachgewiesen ist!" IV. Sigrid Lorenz war gerade damit beschäftigt, die wissenschaftliche Ausbeute ihres Vaters in dem großen Reifekoffer unterzubringen; denn der Tag ihrer Abreise war angebrochen und in ein paar Stunden mußte alles fertig fein, damit der leichte Wagen des Engel-Wirtes sie zur rechten Zeit an die Station befördern konnte; da kündete ein erstes leises Grollen ein herbstliches Frühgewitter an. Bestürzt sprang sie ins Fenster und prüfte den Horizont. Wahrhaftig, von Westen her kam es gezogen, schieferblau und unheimlich. Wenn sich das über Wodenquell entlud, gab es eine böse halbe Stunde! Eifriger noch als vorhin waltete sie ihres Amtes, um noch vor Ausbruch des Unwetters fertig zu werden. Aber es dauerte nicht lange, da leuchtete der erste fahle Blitz durchs Zimmer, und nach gemessener Pause grollte der Donner hinterdrein. Auch den zweiten hielt sie noch aus, wiewohl ihr der Angstschweiß schon auf der Stirn stand, und ein heftiges Zittern ihre geschäftigen Hände überfallen hatte. Als aber der dritte Lichtschein gespenstisch durch das Zimmer flog, warf sie entsetzt das große Leunis'sche Werk mitten unter die altmodischen Vorhemden des Vaters und flitzte zur Thür hinaus, die Treppe hinab, über den Hausflur nach der Hofseite hin, wo der Eingang zum großen, dunklen Keller des Wirtshauses lag, hob mit einem kräftigen Ruck die schwere, schräge Eichenthür und huschte in die rettende Finsternis hinab. Tastend flüchtete sie sich in eine Ecke, in der sie neulichz schon gesessen. Doch glitt der Schein der Blitze - 559 - „Meine ich auch nicht! Die Strafe bestand in etwas ganz anderem!" „Ah auch noch hierher, wohl weil in einem der Kellerräume heute eines der strohverstopften Löcher freigemacht worden war. Entschlossen drehte sie sich gegen die Wand und hielt zum Ueberfluß noch! die Hände vor das Antlitz. So saß sie eine Weile ziemlich gefaßt dort unten, nur wenn ?er Donner, der merkwürdig dumpf herunterklang, an chr Ohr. schlug, zuckte sie zusammen. Merkwürdig, wie sich rhr die Hörkraft steigerte in dieser Finsternis! Mitten zwischen dem Gepolter eines schwächeren Schlages vernahm sie einmal das Klirren von Flaschen. Wahrscheinlich arbeitete jemand von den Wirtsleuten hier im Keller. Sie war also nichjt allein. Das steigerte ihre arg zusam- mengeschmolzene Kourage etwas, und sie löste daraufhin die Hände wieder vom Gesicht. Jetzt zeigte sich ihr auch ein matter, schmaler Lichtstreifen, wie von einer Küchenlampe, der aus einer entfernten Thür in einem Nebengange fiel. Da wurden wohl Flaschen gespült oder Wein abgezogen. Schon wollte sie sich den Gang hinuntertasten, um sich für ihre Gewitterfurcht etwas Gesellschaft zu suchen, als plötzlich eine ihr sehr gut bekannte Stimme das alte Zecherlied begann: „Im tiefen Keller sitz' ich hier Bei einem Faß voll Reben —" Heftig erschrocken sank sie auf ihren Sitz zurück. Und da gleichzeitig ein kräftiger Blitzschlag mit dicht dahinter einsetzendem Donner aufflammend und dröhnend vernehmbar wurde, verlor sie einen Augenblick die Herrschaft über sich und that einen lauten Aufschrei. Nun verstummte der Sänger, um gleich darauf mit seiner Lampe in der Hand in dem dunkeln Kellergang aufzutauchen. Sigrid sah ihn kommen. War das wirklich der Ingenieur, der da mit dem großen glänzenden Schurzfell und in Hemdsärmeln auf sie zugeschritten kam? Sie vermochte es nicht zu unterscheiden. Seine Stimme war es gewiß gewesen. Sie schloß die Augen und rührte sich nicht. : । „Halloh, wen haben wir denn da?" rief Wingold Hartmann und leuchtete der jungen Dame ins Gesicht. Dann aber ließ er vor Bestürzung beinahe die Lampe fallen. „Fräulein Lorenz!" stammelte er. „Was — wie?" „Das Gewitter!" murmelte sie. „Ich fürchte mich kindisch vor einem Gewitter!" „Oh", beruhigte er sie, „das geht ja vorüber! Wenn Sie übrigens dort hinten hinkommen wollen, sitzen Sie so sicher wie in Abrahams Schoß! Dort fällt auch kein leiser Schein hin!" Sie wehrte sich anfangs. Aber ein neues Aufleuchten ließ sie schnell einwilligeA Herzklopfend folgte sie dem voranleuchtenden Führer in den dunkeln Raum, in. dem der Engelwirt sein Weinlager hatte. „So," sagte Wingold Hartmann, „setzen Sie sich hier auf das Tokayer-Fäßchen und warten Sie das Unwetter ab. Ich werde Sie nicht stören, nebenan habe ich! auch noch zu thun!" Damit wollte er hinaus. „Bitte, bleiben Sie doch!" bat sie zaghaft. „Hm, —" brummte er, „wie kann sich jemand vor so natürlichen Dingen fürchten, noch. dazu, wenn man eine Professoren-Tochter ist!" '' „Ich bin nun einmal so!" sagte sie. „Wenn ich auch weiß, wie die Gewitter sich bilden, wie der Blitz entsteht, und woher der Donner kommt: ich fürchte mich trotz alledem!" „Wer ein gutes Gewissen hat, braucht sich nicht zu fürchten!" meinte er, und hantierte zwischen den in einem Zuber stehenden leeren Flaschen herum. „Wenn man Sie singen hört, immer in den Donner hinein, sollte man wohl glauben, daß Sie ein gutes Gewissen hätten!" sagte sie mit leiser Anzüglichkeit. „Habe ich auch!" bestätigte er lakonisch. „Wie? Nach diesem —" „Schwindel von gestern? wollen Sie sagen, nicht? — Ach, das vergiebt einew der Herrgott schon! Glauben Sie mir's! Ich that's doch nur, weil — hm — na, und da die sogenannte Strafe meinem fluchwürdigen Verbrechen aus dem Fuße folgte —" „Sie machen es sich leicht. Eine Ueberführung ist doch noch keine Strafe!" „Ja! Sehen Sie mich doch an! Schaut so ein Ingenieur aus? Oder ein Weinküfer? — Meine Stellung bin ich los, weil ich den Vormittag verbummelt habe!" „O, das thut mir aber leid!" sagte Sigrid bestürzt. „Mir nicht!" entgegnete er. „Wir standen so wie so aus der Schneide, der Chef und ich! 'Der Arbeiterlöhne — und auch anderer Sachen wegen! Na, und da paßte die Gelegenheit ja nichjt übel, wie er mich gestern früh nicht fand. Er war nämlich plötzlich zurückgekommen, ohne daß ich darum gewußt hatte! — Eins, zwei, drei lagen wir uns in den Haaren. Die richtige Laune hatte ich ja! — So bin ich vorläufig nun hier untergekrochen und ziehe unserem Engelwirt den Wein auf Flaschen. Als Rheinländer weiß man damit ja Bescheid!" Sigrid Lorenz saß wie versteinert. Langsam, ganz langsam schlich sich ihr ein stilles, wundersames Glücksgefühl ins Herz. — • „Und Ihre — Braut?" fragte sie endlich,, so harmlos es ihr nur über die Lippen wollte. „Meine Braut!" lachte er etwas rauh. „Bis jetzt habe ich noch keine!" „So! — Und ich dachte —" flüsterte sie. „Was dachten Sie?" rief er und sprang von seinem Faß empor. „Hat Ihnen vielleicht jemand erzählt, daß ich die Tochter dieses — dieses — Herrn Direktor Gillwald heiraten würde? Ja?" Sie nickte errötend. „Man erzählte es uns!" „Und das haben Sie geglaubt; auch noch, als ich wie ein anderer Toggenburg jeden Abend hier herübergepilgert kam, nur um einen Blick aus Ihren Augen, ja aus Ihren, Fräulein Sigrid, zu erhaschen? — O, nun wird mir vieles klar! Wenn Sie mich für so einen Lum- pazius gehalten haben! — Da müssen Sie viel wieder gut machen, Fräulein Sigrid!" sagte er und schaute mit seinen treuherzigen Augen tief in die ihren. — Sie senkte die Blicke und suchte nach einem ausweichenden Wort. — „Hätte ich Papa wenigstens vorgestern schon aufgeklärt!" klagte sie sich an. „Nun sind Sie gar stellenlos!" „Nicht länger, als ich just Neigung dazu habe!" erklärte er. „Ich kann schon seit Jahr und Tag als Teilhaber und Leiter in eine kleine, aber nutzbringende Maschinenfabrik eintreten. Das werde ich jetzt thun! Wenn Sie weiter keine Gewissensbisse haben!?" „Herr Hartmann!" flüsterte sie scheu. Da kam ihm droben der zürnende Donner noch einmal zu Hilfe. Es gab einen Schlag, daß das Haus in seinen Grundfesten zitterte. Und wehrlos flog sie in die Arme, die er ihr entgegengebreitet hatte. „Meine Sigrid!" murmelte er kosend und hauchte einen ^Kuß auf ihr duftiges Haar. „Sigrid!" rief im gleichen Augenblicke der Professor von der Treppe her. „Bist Du da?" „Jawohl, Herr Professor!" schallte Hartmann's volle kräftige Stimme zurück, die der Alte sogleich erkannte. „Ah, Sie, Herr Ingenieur", sagte er mißtrauisch und kam den Gang herauf. „Suchen Sie hier auch wieder Glaucium?" Als er aber an der Kellerthür erschien, und Sigrid an der breiten Brust dieses Hünen im Schurzfell ruhen sah, mitten unter den Fässern und Flaschen, blieb ihm vor Ueberraschung das Wort im Munde stecken. „Das ist doch —" Weiter kam er nicht. „Brennende Liebe!" rief Wingold Hartmann und sah dem Alten mit fröhlichem Vertrauen in die Augen. „Sind Sie mir noch sehr böse, Herr Professor?" Nun fiel Sigrid ihren: Vater um den Hals und flüsterte: „Ich habe ihn so lieb, so lieb!" und fing an zu schluchzen. Der Professor aber streichelte ihr wie einem kleinen, verschüchterten Kinde zärtlich über das Haar und murmelte, mit seinem schönen, weißen Gelehrtenhaupt nickend: „Darfst Du auüch — darfst Du auch! — Brennende Liebe — Lychnis chalcedonica! — An die habe ich schon recht lange nicht mehr gedacht!" — — 586 — Seltener farbiger Kupferstich. R. Vorstehende Buchstaben sind Unter dem Schwerte der Themis Magisches Ouavrat. Nachdruck verboten. a e i l s e i l s t e i 1 s t e e l n s in a e i n s Die lotona, WM- Das neue Quartal werden die Familienblätter mit einem spannenden Roman von Reinhold Auflösung des Wortspiels in vor. Nr.: a. Gitter, Salat, Rinde, Erde, Leim, Angel, Ratten, Mais, Tapir, Notar, Serie, Noten. . , b. Rettig, Atlas, Dirne, Rede, Emil, Nagel, Ratter, Siam, Pirat, Ornat, Riese, Tonne. Radrennsport. Pflanzenkunde. Was muß man von der Botanik wissen? Gemein- faßliche Uebersichi über das Gesamtgebret der Botanik. Ein Belehrungs- und Wiederholungsbuch von h Lauritz Olufsen. Hugo Steinitz Verlag Berlin S.W. — Preis geh. Mk. 1—, geb. Mk. 1.50. daß die wägerechten und senkrechten Reihen sich gleichen und Wörter von uciiun .LUV.;, ------v-r -- ■ ,. - , , folgender Bedeutung ergeben: 1. Kleins Raubtier. 2. Schlingpflanze, aemeinbildung. Ihm gerecht zu werden, betrachten auch I 3 S(eine8 ®efäg. 4. Geographische Bezeichnung. 5. Göttlicher Hauch, die Familienblätter als ihre Ausgabe; darum ziehen sie I Auflösung in nächster Nummer. in den Kreis ihrer Besprechung mit Vorliebe gemernver- stündlich gehaltene Schriften belehrender und unterhaltender Art aus allen Wissensgebieten . Auch die vorstehende Schrift gehört dahin. Menschen, denen es, tote uns, .vergönnt ist, in einer so reizvollen und abtoechse- lungsreichen Gegend zu leben, müssen ja Interesse haben nicht nur für alles, was darin kreucht und fleucht, sondern auch sür alle Pflanzengebilde groß und klein, die sie birgt Ihre Lebens- und Entwtckelungsbedmgungen kennen zu lernen, an der schlichten oder prächtigen Färbenzusam- menstellung ihrer Blüten such, zu freuen und einheitlich V t - r, e r um «mm zu bilden ist gewiß eine dankbare Aufgabe. Sre lösen I OrtmaNN, Betitelt. zu helfen, hat der Verfasser vorstehender, Schrift mit • 1t vollem Verständnis und seltenem Geschick tn den Mer UUHt Abschnitten: Bau, Gestalt, Lebenserschernungen und I beginnen. Neben den mancherlei häßlichen Auswüchsen, die unsere Zeit zeitigt, ist auch, viel Gutes ihr eigen. Dahm gehört nickst zuletzt der Wunsch des Volkes nach Al^ " ' novo**- in mprhpn fiefrn&ten aucki! Quadratform derart zu ordnen, russische Großfürstin Maria Pauwelch,e im Jahre 1804 den Erbprinzen Karl Friedrich von Weimar heiratete und Mutter der deutschen, Kaiserin Augusta war, gelangte wegen ihrer großen Schönheit zu hoher Berühmtheit. Es existiert von ihr ein heute sehr seltener farbiger Kupferstich,, von dem sich eine Wiedergabe in dem vierten Hefte der neuen aktuellen Zeitschrift „Die weite Welt" befindet. Auch^ sonst enthält dieselbe eine große Zahl teils aktueller, teils künstlerischer Bilder, so besonders mehrere äußerst lebendige, farbige Tierskizzen aus dem Zoologi- »o g Systematik der Pflanzen unternommen. Sein ausge- ÄrMeMNrttzrgSS» I sprochener Zweck ist, Liebe zur Pflanzenkunde zu wecken. Ata Die illustrierte Zeit- I Darum sollte es uns ausrichtig freuen wenn diese Zeilen S'iÄÄÄ'ÄS sxÄN"$CTlefler"'"w gegen Blutauswurf, Hals- und Brustleiden das beste Mittel I derselben verhelfen mveyi_________ sein. Die Zubereitung geschieht wie folgt: Man reibt zuerst das Wollige an den Quitten (Apfelquitten) ab und schneidet das Kernhaus heraus. Darauf schneidet man die Früchte in Scheiden und legt sie in einen irdenen Topf, den jman mit kaltem Wasser übergießt und auss Feuer bringt. Lassen sich die Schnitten durchstechen, so gieße man das Wasser ab — markig dürfen fle fedensalls nicht werden — und presse aus diesen heißen Quitten den Saft. Je einhalb Kilogramm setze man emhalb Kilogramm kleingeschlagenen Zucker bei. Diese Mischung koche man jetzt unter sorgfältigem Abschäumen ab. .Sobald die Masse abgekühlt ist, wird sie in Flaschen oder tn Medtzm- gläser gefüllt und an einem kühlen Orte stehend auf- ........... bewahrt. Gegen .Halsleiden Mischt man diesen Säst vor ■ 77^"~Außer den Fortsetzungen des Romans von dem Genuß zur Mfte Mit Wasser. Quittenkerne gelten I i Skowronnek und der Novelle von Emil Marriot sorgen als das beste Mittel gegen das Durchliegen auf dem I ^dieaene Beiträge aus den verschiedensten Gebieten des Krankenlager. Ungefähr zehn bis öwols Quittenkerne über- I Enstlerischen litterarischen und wirtschaftlichen Lebens gießt man Mit zwei Eßlöffeln voll Wassew MU der so ^^^^bnden und sesselnden Lesestoff. Zwischen die entstehenden schletmigenMassewerden die wunden Stellen 1 ^rschiedenen Aufsätze sind stimmungsvolle Lyrik uud humo- vermittels einer Feder leicht uberstrtchen; die Rote ver- I MA^en O satyrisch begleitende Einfälle schwindet dadurch, und die Haut werd 0^0 - Auch I einzelne Nummer der „Weiten Welt" Stuttgart, B°rli„> ,-st-t nur 25 Pfennige. strichen, bis sie trocken sind. . I Leinölflecke aus weißer Wäsche entfernt man,an- I dem man die betreffenden Wäschestücke in einer Mischung I 6itt Frauenherz und andere Novellen von Julie Werner, von Terventin-Salmiakgeistspiritus über Nacht einweicht, I Pierson's Verlag; Dresden. Preis M. 2 50. - MU Recht hat tücktia amswäscht und dann zusammen mit Salmiak-Ter- I Julie Werner die erste dieser feinen und geistvollen Novellen dem ganzen vpfläniöisp sweM letztere man auch noch dick aus die Flecke I Bande den Titel geben lassen; denn das Frauenherz m der UnendUch- pbvtansetfe (Welch letztere mai a » i J. Wäsche- 1 keil seiner Liebe, in der blühendsten Entfaltung seiner edelsten Regungen reibt) kochen laßt.. Htermts behandelt man dte Wafche I «u u überwältigenden Starke seiner Aufopferungsfähigkeit ist stücke tote alle übrigen. Sollte der Fleck noch mcht ganz I ^nnpunkt auch der übrigen Skizzen gedachten Büchleins. Am liebsten verschwunden sein, wiederholt man obenbeschptebenes Ler- I 6ebanbe(t bie Verfasserin dabei den Widerspruch zwischen Pflicht und fahren. I Neigung, den sie in einer Fülle feinbeobachteter seelischer Einzelheiten zu schil- Keidene Bänder und Spitzen werden am I dern weiß, und desien Durchführung ihrem Erzählertalent ebensoviel Ehre P;tTCr Abkochuua von Quillajarinde gewaschen. Um | macht, wie dem Takte ihres Herzens, der es nirgends zu einer verletzenden dieselben alsdann in mit Wasser verdünnten Spirit s, I Wirkungen bei größeren Seelengemälden erforderlich ist, völlig drückt vorsichtig aus, wickelt die Bänder oder Spitzen fest I beweist die Novelle „Schuld", ein einzigartiges Nachtstück, über ein Holzbrett und stellt dasselbe zum Trocknen aus. I bag man ber Verfasserin der in der gleichen Sammlung voran- Man muß aber darauf achten, daß die Spitzen und Haupt- I ge^enben Erzählung: „Wer ist die Frau", die von einem goldigen, sächlich die Ränder derselben gut ausgezupft sind. . I herzigen Humor optimistischer Lebensanschauung getragen werd, gar I nicht zutraut. : «. »nrkbarbt. - »nick und »erlag der »rühl'schrn Um»erRÄ«.B«q. usb Weindruckerei (Pi-tsch «rde«) i» «e|M.