WZ U’ er über and're Schlechtes hört, Soll cs nicht weiter noch verkünden; Gar leicht ist Menschenglück zerstört, Doch schwer ist Menschenglück zu gründen. Friedr. Badenstedt. (Nachdruck verboten.) In der Christnacht. Von H. Waldemar. Vom Sturm gepeitscht, rollten die Wogen der See dem Ufer zu. Nichts ist zu sehen als eine riesengroße Mauer von Wasser, auf der ab und zu weiße Schaumkämme auftauchen, um in der nächsten Minute wieder zu verschwinden. Mit donnerähnlichem Geräusche brechen sich die Wellen an der Küste, als wetterten sie, daß ihnen solch ein Widerstand geworden. Am Himmel jagen bleigraue Wolken dahin, fetzenartig ziehen sie sich in die Länge, verdünnen sich und gestatten manchmal der schmalen Mondsichel, herabzublicken auf das Toben der Elemente. Da, ein dumpfer Laut, ein zweiter und dritter. . . Ein Schiff in Gefahr . . . Das kleine Fischerdorf wurde lebendig. Seit Stunden schon hatten sich Männer und Frauen in ihre Hütten zurückgezogen, um nach ihrer Art das Christfest zu feiern. Heute war Heiligabend. Und wenn die Armen sich auch nicht zu einem geschpiückten Tanuenbaum aufschwingen konnten, so feierten sie des Heilands Geburt durch ein reicheres Essen, einen besseren Tropfen. Wenn es hoch kam, verstiegen sie sich dazu, ihren Jungen ein Boot zu schnitzen öder den Mädchen Fischnetze zü stricken. Aber die Hütte duftete herrlich in frischem Tannengrün, und wohin der Fuß trat, knisterte es geheimnisvoll und anheimelnd. Nun aber ließen sie alles im Stich. Ein Schiff in Gefahr! Das ist die Losung für alle, zu helfen. Einer für alle, alle für einen. Heute galt es dem, wer war davor sicher, daß er nicht morgen selbst in bedrängte Lage geriet? Hastige Schritte eilen d'em Wasser zu. Männer und Frauen legen Hand an, das Rettungsboot in die See zu ziehen. Schuß auf Schuß erdröhnt, und schauerlich klagt das Nebelhorn. Nun ist das Boot klar, die Mannschaft eilt an ihre Plätze — Söhne und Väter, Brüder und Gatten — Seeleute, die willig ihr Leben für andere in die Wagschale werfen. Freunde und Feinde geben ihnen das Geleite. Worte der Ermunterung und des Trostes, des Hinweises auf den heute geborenen Erlöser werden ihnen mit auf den gefahrvollen Weg gegeben. Ein junger, kräftiger Bursche löst seine Hand aus der der Mutter. „Gott segne Dich, mein Junge, und bringe Dich- wieder, Du mein letzter und einziger", ruft die Matrone. Ihre Stimme zittert, und ihre Hand versagt den Dienst, als sie, vielleicht zum letztenmale, des Sohnes Wangen streicheln will. Aber sie zeigt dem Helden ein fröhliches Gesicht, sie hält sich tapfer. Und doch ist er das einzige, was ihr geblieben, Mann und drei Söhne hat die tückische See bereits verschlungen. Jst's ein Wunder, daß sie fast zusammenbricht, als das Boot vom Lande stößt? Nicht weit davon hat ein junges Weib beide Arme fest um den Mann geschlagen, dem sie erst vor Monaten angetraut worden. Ihr Kopf ruht an seiner Brust. Unter den geschlossenen Lidern tropfen schwere Thränen hervor. „Bleibe, Jan, ach bleibe, ich! habe ja sonst nichts auf der Welt als Dich", stöhnt sie. „Ich muß gehen, Kathi, die Pflicht ruft mich. Mach, mich nicht schwach, liebes Weib, es muß sein!" Sanft, aber nachdrücklich löst er ihre Hände von seinem Nacken, küßt sie noch einmal und eilt hinweg. Die junge Frau bricht in lautes Weinen aus. Niemand achtet auf sie, nur einzelne Kinder umstehen sie und sehen ihr neugierig in das Gesicht. Das Boot, von ungezählten Händen hinausgestoßen, wird von den Wogen alsbald gefaßt und fortgetragen. Die Zurückgebliebenen sahen es drei-, viermal kommen und gehen —, dann war es ihren Blicken entschwunden. Die Frauen schauen sich entsetzt an und jammern. Jene Matrone aber, obwohl ihr das Herz blutet, ruft sie zu ihrer Pflicht zurück. „Geht nach Hause, zündet Feuer an, daß sich Eure Männer wärmen und trocknen können, füllt die Kessel, sie werden müde und hungrig sein, wenn sie kommen. Was lamentiert und klagt Ihr? Noch leben sie! Gott allein weiß, wen er wiederkehren läßt!" Scheu, doch gehorsam, mit einem letzten Blick über die rasende, sich empörende See, über den Himmel, an dem unaufhörlich die Wolken jagen und sich zu sonderbaren Gebilden formen, über die Alte mit den weißen Haarsträhnen um das welke Gesicht, schlich eine nach der andern davon. Sie sprachen kein Wort zusammen und doch bewegten sich ihre Lippen, sie formten sich zu stummem Gebet, das sie an den Heiland richteten, daß er in dieser heiligen Nacht doch möge Gnade walten lassen. Stunden vergingen. Die Nacht ist finsterer geworden. Der Sturm hat sich gelegt, und die See liegt so still und ruhig, ihre Wellen spielen plätschernd ans Ufer, als ob sie nicht vor kurzem noch! Verderbnis geheult. . . Die Alte Hat ausgehalten am Seestrande. Einer mußte Wache stehen und verkünden, wenn das Boot in Sicht kam. Und nun erscholl ein" langgedehntes, kräftiges a—ho—i durch die stille Nacht. Das Boot findet nun seinen Weg ohne Hindernis. Glatt läuft es am Strande auf, gefolgt von einem zweiten und dritten. Die Mannschaft des auf Felsen geratenen kleinen Schiffes ist vollzählig gerettet. Aengstlich umstehen die herbeigeeilten Weiber die Boote, ihre Laternen genügen kaum, um jeden einzelnen der wetterfesten Männer zu erkennen. Nach und nach leert sich der Strand, Kathi hängt strahlend am Arm ihres Jan, die andern eilen in ihre Hütte, um es dem Manne behaglich zu gestalten nach soviel Anstrengung und Mühe. Nur eine einzige bleibt zurück, sucht mit den Augen die Finsternis zu durchdringen, sucht und sucht — vergebens: Ein einziges Opfer hat die See verlangt —; ihren Sohn, ihr letztes, heißgeliebtes Kind . . . Taumelnd wendet sie sich heimwärts. . . Kein Schmerzenslaut dring-t aus ihrem gequälten Herzen über die welken Lippen. Doch als sie in ihre Hütte tritt, da schreit sie auf wie ein schwerverwundetes Tier und sinkt vor dem Tische nieder, an dem sie vor Stunden noch mit chm glücklich und zufrieden gesessen. Da liegt auch noch die geöffnete Bibel mit der Verheißung: Auch uns ist heute der Heiland geboren — Die Matrone hebt das matte Haupt, ihr erloschener Blick irrt über den Tisch, streift das Glas, aus dem er getrunken, das Buch, aus dem er so andächtig vorgelesen, bis die Notschüsse erklangen .... Während der ganzen Nacht brennt Licht in der Hütte der Alten. Sie selbst sitzt stumpf und gleichgiltig vor der Lampe, sie hört nicht das Läuten des Glöckleins, das zur Kirche ruft, sie lauscht auch; nicht auf die Stimme, die tief in ihrem Herzen wiederholt: Uns ist heute der Heiland geboren.... Was ihr sonst so heilig gedünkt, was ihr geholfen, all das Schwere zu ertragen, ohne Murren hinzugeben, was man von ihr verlangt, das fand jetzt keinen Wiederhall in ihr. Sie, die sonst das Beten nicht vergaß, wußte nun kein einziges Wort zu finden. „Mutter — Mutter — schließt aus . . . ." Die Alte hebt den Kopf und lauscht. „Wer war das?" flüsterte sie scheu und beklommen. „Bin auch ich schon eingegangen ins Himmelreich und rufen mich die Kinder?" „Mutter — wacht auf — es ist so bitter kalt —" ruft es jetzt deutlich hinter ihr am geschlossenen Fenster. Nun kommt Leben in ihre erstarrte Gestalt. Mit einem unterdrückten Aufschrei eilt sie zur Thür — da steht er vor ihr, den sie als tot beklagt, die ganze lange Nacht! Um ihn haderte sie mit ihrem Gott, um ihn verleugnete sie den Heiland, vergaß sie zu beten.... Sie zerrt ihn in die Hütte und betastet ihn, Jein Gesicht, sein Haar.... „Mein Junge — Du lebst — bist nicht — Jst's möglich? Herr Gott dort droben, Dir sei Lob und Dank! Mein Junge, mein alles — ich hätt's nicht überlebt". Was der Schmerz nicht zuwege gebracht das gelang der unerwarteten Freude: Die Verzweiflung der letzten Stunden löste sich in einem heißen Thränenstrom. Um sie zu beruhigen und abzulenken, erzählte er ihr, daß es ihm, nachdem ihn eine haushohe Welle aus dem Boot gespült, gelungen sei, eine Planke des gestrandeten Schiffes zu erfassen und von da sich auf das Wrack zu schwingen, wo er ein sicheres Plätzchen zu finden wußte, bis der Tag anbrach und er sich mit seinen Genossen verständigen konnte. Sie holten ihn in einem Boot und gerade als er gerettet ans Land stieg, Huben die Glocken an zu läuten, als wollten sie mit dem Heiland, dem der Gruß galt, ihn zu seiner Rettung beglückwünschen . . . Er stieß die Fensterläden auf und ließ das Tageslicht ungehindert eindringen. Am Himmel zeigte fick kein Wölkchen, sodaß sich die Sonne in der klaren See spiegeln konnte. Von weit her trug der leise Wind feierlichen Glockenklang herbei. Diesmal fand er den Weg zum Herzen der Greisin. „Laß uns zur Kirche gehen und Gott danken, mein Sohn. So lange ich lebe, gab's kein schöneres Christfest für mich, als dies." Das deutsche Volk im Jahre 2000. Von Dr. Egon Friederici. (Nachdruck verboten.) Das Volk der Denker faßt allmählich wieder den Glauben an seine Existenz und Zukunft. Durch zwei Jahrhunderte hatte man ihm vorgeredet, daß es feine geschichtliche Mission sei, als Völkerdünger die Menschenaussaat anderer Nationen zum üppigen Gedeihen zu bringen und so hatte sich der Deutsche schon in die Rolle des Dichters hineingesunden der vor Jupiters Thron die Antwort erhält. („Was thun?" sprach Zeus.) „Tie Erde ist vergeben." Zum Glücke unseres Volkes wird jedoch die Zahl derer, die ihm ein Mimosendasein, wie dasjenige Dänemarks, wünschen, von Jahr zu Jahr geringer. Wer seine Jugendeindrücke in der Zeit von Deutschlands schlimmer Ohnmacht gesammelt und sein Leben bei klassischen Studien über alten Folianten und Pergamenten verbracht hat, dem mag das verziehen sein, wenn er ein Stück philologischer Kleinarbeit oder künstlerisches und litterarisches Schaffen, an welchem bestenfalls einige tausend bemittelter Leute in den Ruhepausen ihrer Arbeit, dank ihrer höheren Bildung einen ästhetischen Genuß finden, für wichtiger hält, als die Thätigkeit derer, welche der Nation, die sich reckt und streckt wie ein junger Riese, die Bahnen ebenen zu künftigem Wachstum und Blühen. Aber über dem kläglichen Philister Wagner, dem es ein groß „Ergötzen" ist: „Zu schauen, was vor uns ein weiser Mann gedacht Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht", steht turmhoch darüber der Faust im höchsten Alter, der das erhabenste Ziel seines Lebens mit den Worten schildert: „Das Letzte wär' das Höchsterrungene Eröffne' ich! Räume vielen Millionen, Nicht sicher zwar, doch thätig frei zu wohnen." Was der Altmeister Goethe, dem kleine Seelen mit Unrecht einen Mangel an Nationalgefühl vorwerfen, vor- ahnend vor mehr als einem Jahrhundert als die höchste Aufgabe staatsmännischer Weisheit pries, ist heute in das Bewußtsein weiter Kreise des deutschen Volkes gedrungen, und die Millionen, welche Platz für ihre freie Entwicklung suchen, sind auch da; denn der-Geburtenüberschuß in Deutschland war noch nie so groß wie jetzt, wo die Einwohnerzahl des Reiches jedes Jahr um 800 000 Köpfe zunimmt. In dem Jahre, in dem wir an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts stehen, wo in zahllosen Betrachtungen das Soll und Haben des verflossenen Säkulums einer Prüfung unterzogen wird, ziemt es sich! wohl, auch einmal hundert Jahre in die Zukunft hinauszudenken und der Bedeutung nachzuspüren, die an der Wende des Jahrtausends der Zweig unseres Volkes am ewig grünenden Baume der Menschheit haben wird. Der Prophet, der den Gang der Weltgeschichte Voraussagen will, wird in vielen Stücken irren, ja er kann sogar in der Hauptsache von der Zukunft Lügen gestraft werden, deren rollendes Rad Vielleicht einen ganz anderen Kurs nimmt, als es heute den Anschein hat. Darum ist es naturgemäß nur eine Wahr- scheinlichkeitsrechnung, die in Nachstehendem aufgestellt wird, und diese soll auch nicht im Geiste eines einseitigen Chauvinismus geführt toerben, der alles Land zwischen Nord- und Südpol für das deutsche Blut beanspruchen möchte, sondern sie wird von der Voraussetzung einer- ebenmäßigen Fortentwickelung der Verhältnisse ausgehen, bei der außergewöhnliche Glücksfälle ebenso außer Betracht bleiben wie nicht vorauszusehende Katastrophen. Die Bevölkerung des Deutschen Reiches, die sich; am 1. Dezember 1895 bereits auf 52 279 901 Menschen belief, wird gegen Ende dieses Jahres, mit der jüngsten Volkszählung, die 56. Million überschritten haben. Diese 743 reißende Zunahme hat ihre hauptsächlichsten Ursachen in dem schon erwähnten ungeheuren Ueberschuß der Geburtenzahl über jene der Sterbefälle und in dem bedeutenden Rückgang der Auswanderung. Ersterer ist ebenso ein Erfolg der guten wirtschaftlichen Verhältnisse der letzten Jahre, welche die Gründung und Vermehrung der Familien begünstigten, wie der Besserung der hygienischen Verhältnisse, die zu einem Sinken der Sterbeziffern führten; letzterer aber findet seine Erklärung zum Teil ebenfalls in dem ökonomischen Gedeihen der Bevölkerung, zum Teil aber auch in dem Umstand, daß sich die Nordamerikanische Union, das hauptsächlichste Ziel der Auswanderer, gegen die ihr zuströmenden Menschenmassen, die einst hochwillkommen waren, abzusperren beginnt. Diese Faktoren, welche jetzt die Volksvermehrung begünstigen, können sich leicht zum Nachteil derselben ändern; denn auf Perioden des wirtschaftlichen Aufschwunges folgen stets solche des Stillstandes, und selbst vor großen Epidemien sind wir nicht sicher. Es ist daher nur vorsichtig, statt des jetzt gültigen hohen Prozentsatzes der Volksvermehrung von 1,2 Prozent im Jahre, einen niedrigeren, etwa von 0,9 Prozent anzunehmen, wie er in Perioden langsamer Entwickelung geherrscht hat. Legt man diesen zu Grunde, so kommt man für das Jahr 2000 auf eine innerhalb der heutigen Reichsgrenzen mutmaßlich wohnhafte Bevölkerung von etwa 137 Millionen. Wie viel deutsches Blut um dieselbe Zeit in den deutschen Kolonien vorhanden sein wird, die uns hoffentlich nicht durch übermächtige fremde Seestaaten geraubt sein, sondern eine erhebliche Vermehrung erfahren haben werden, ist einfach unschätzbar. Gewiß ist nur, daß in jenen Kolonien, welche, wie Kamerun, Togo, Neuguinea nur tropischen Plantagenbau zulassen, auch in 100 Jahren keine nennenswerte deutsche Bevölkerung seßhaft sein wird. Wie der Holländer heute nach Java und Sumatra und der Engländer nach Indien geht, um, falls er inzwischen nicht den Fiebern erlegen ist, nach einem Jahrzehnt als wohlhabender Mann in die Heimat zurückzukehren, so wird auch. der Deutsche in den von der Malaria heim- Zesuchten Kolonien meist nur zeitweilig Aufenthalt nehmen, um mit der Göttin ■ Fortuna ein Glücksspiel zu wagen, bei dem aus seiner Seite der Einsatz sein Leben ist. Ganz anders liegen jedoch die Dinge in Ostasrika und Südwestafrika. Hier bietet sich der Auswanderung ein Ansiedelungsgebiet, welches nach Abrechnung der gesundheitsgefährlichen Küstenstrecken mindestens dreimal so groß ist als unser europäisches Deutschland, und was der Holländer und Engländer in den ähnlichen klimatischen Verhältnissen der Kapkolonie, im Oranjefreistaat, Transvaal und Zululand vermochten, wird, wenn die zwingende Notwendigkeit herantritt, auch der Deutsche zuwege bringen — nämlich sich einzubürgern, wenngleich dabei auch Tausende, die besser gethan hätten, daheim zu bleiben, unter den fremdartigen Lebensbedingungen zu Grunde gehen werden. Ist es auf diese Weise auch sicher, daß ein Strom ackerbautreibender Kolonisten sich zu dauerndem Aufenthalt in Afrika niederlassen wird, der in dem Maße steigen wird, als die Einwanderung in Nordamerika an Anreiz verlieren muß, so wäre es vermessen, eine bestimmte Zahl dafür angeben zu wollen. Eher läßt sich kalkulieren, • wie groß die Zahl unserer schwarzen Mitbürger in den deutschen Kolonialgebieten sein wird. Die Schätzungen, nach welchen bisher etwa 9 Millionen Schwarze dort leben sollten, bleiben nach den Versicherungen der ersten Kenner weit hinter der Wirklichkeit zurück; denn man spricht heute schon von einer eingeborenen Bevölkerung von mindestens 20 Mill., die eine starke Tendenz zur Vermehrung zeigen und jedenfalls noch, schneller zunehmen werden, je mehr die schändlichen Sklavenjagden der arabischen Händler und die Kriege der Stämme untereinander unterdrückt werden. Eine Zahl von 50—60 Millionen Schwarzen dürfte daher als das mindeste an der Jahrtausendwende zu erwarten fein. Um das Jahr 2000 dürfte sich aber auch der Anschluß der stammesgleichen Niederländer an das Reiche vollzogen haben und damit der Zuwachs einer schon jetzt über 5 Millionen zählenden, dann aber sicher auf das Doppelte gestiegenen Bevölkerung erfolgt sein, welche in die Gemeinschaft einen überaus wertvollen Kolonialbesitz von der vierfachen Größe des Deutschen Reiches mit einer sich gegenwärtig auf 35 Millionen belaufenden eingeborenen Einwohnerschaft einbringt, für die wir ebenfalls binnen einem Jahrhundert eine Verdoppelung annehmen können. Es ist sonach^ keine Schwärmerei, daß in der kritischen Zeit, wo sich die Menschen in Nachahmung des Beispiels der Gegenwart darüber herumzanken werden, ob die Neujahrsglocken des Jahres 2000 oder des Jahres 2001 das dritte Jahrtausend einläuten, rund 150 Millionen Deutsche unter den Fittichen des Kaiseradlers zusammenstehen und ihre kolonialen Produkte durch eine mindestens ebenso zahlreiche farbige Bevölkerung jenseits des Weltmeeres erarbeiten lassen werden. Die Verteidiger malthusianischer Lehren ringen vor dieser Aussicht verzweiflungsvoll die Hände und fragen, wie eine solche Menschenmenge sich ernähren wird. Wenn der Hinweis auf vergangene Jahrhunderte nicht beruhigt, in welchen man bei einer drei- bis fünfmal dünner gesäten Bevölkerung Deutschlands wiederholt über drohende Uebervölkerung jammerte, um sich hinterher zu überzeugen, daß die gefürchtete Volksvermehrung sich schließlich doch als ein nationaler Segen herausstellte, der möge bedenken, daß erstens trotz der steigenden Einfuhr fremden Getreides auch die Produktion des einheimischen Ackerbaues fortwährend noch bedeutend zunimmt, und daß noch Hunderttausende von Hektaren Land intensiver bewirtschaftet oder überhaupt neu unter den Pflug genommen werden können, und zweitens, daß das Sprich^- worr, nach welchem man aus der Not eine Tugend macht, sich nirgends besser bewährt, als wenn ein energisches Volk um sein Dasein ringt. Wenn der angelsächsichje Stamm, der in der Union sich- noch fortwährend fremde Volksbestandteile angliedert, bis zum Jahre 2000 auf mindestens 300 Millionen Köpfe angewachsen sein wird, und wenn die Bevölkerung des Zarenreiches diese Zahl vermutlich noch übertreffen wird, ist es klar, daß jenes Volk, dessen Kopfzahl nicht steigt, wie z. B. die Franzosen, zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt sein wird, und daß nur die Nation eine Zukunft hat, welche sich schnell vermehrt und das Schwergewicht ungezählter Millionen waffengeübter und arbeitsgewandter Hände in die Schick- salswage werfen kann. Sehen wir uns nun noch einen Augenblick nach, den außerhalb der Reichsgrenzen wohnenden Deutschen um. Am meisten fallen natürlich die acht ein halb Millionen Deutschösterreicher ins Gewicht, welche leider ebenso wenig einen Hang zur Vermehrung zeigen, wie die 2 200 000 Deutschen in Ungarn. Man wird kaum fehlgreifen, wenn man annimmt, daß sich diese zusammen in dem nächsten Jahrhundert bestenfalls auf 15 Millionen vermehrt haben werden. Ganz gleichbleibend an Zahl dürften die zwei Millionen Deutsche in Rußland erscheinen. Was sich, an Deutschen in Brasilien, Argentinien, Australien und in den verschiedenen europäischen Staaten noch befindet, und sich! zusammen noch nicht auf eine Million beläuft, ist Völkerdünger in des Wortes ureigenster Bedeutung, ebenso wie die 5—6 Millionen Menschen, die Deutschland bisher der nordamerikanischen Union geliefert hat. Es ist recht schön, von der Pflege deutscher Gesinnung in einem Gesangverein in Milwaukee oder einem Turnverein in Rio Grande do Sul oder Melbourne zu lesen; wer aber darauf politische Hoffnungen setzt, ist ein Illusionist; denn um zu entdecken, wie viele von den Urenkeln dieser Per- sönluhkeiten sich in 100 Jahren noch! auf ihr Deutschtum, besinnen werden, bedürfte es eines Seelenmikroskopes. Eher dürften noch die in rascher Vermehrung begriffenen zwei Millionen der Schweiz und die drei Millionen Vlämen in Belgien als eine moralische Stärkung des Deutschtums sich bemerklich« machen. Wenn die deutsche Nation sonach mit einer Kopfzahl von 170—180 Millionen in das dritte Jahrtausend ein- treten wird, kommt es zwar den unter russischem Szepter? geeinten slavischen Völkern ebenso wenig gleich, wie den Angelsachsen, welche Land für Kinder und Kindeskinder sozusagen reichlich vor der Thür haben und unvergleichlich, besser daran sind als wir. Immerhin werden aber die 744 — -Deutschen eines von den drei Völkern sein, welche den Erdball beherrschen, und die Wolkenkuckucksheimer, die ein reges Nationalgefühl als Chauvinismus verdammen, werden sehen, daß der deutsche Michel, dem die Ereignisse der neuesten Geschichte die Zipfelmütze von den verschlafenen Augen weggezogen haben, um mit dem Recken aus dem Sachsenwalde zu reden, statt sich! dem Satan Kosmopolitismus in die Arme zu werfen, es doch vorzieht, sich einem teutonischen Teufel zu verschreiben. GEMErnnNtziges. Kesundheilspflege. Die gesundheitliche Gefahr des Nebels kann auf statistischem Wege nachgewiesen werden; sie besteht nicht nur in der Behinderung der Sonnenstrahlen und deren wohlthätiger Wirkung, sondern auch zweifellos darin, daß eine große Zahl von schädlichen Keimen vom Erdboden in die Luft getragen werden. Ein Londoner Bericht weist auf diese Thatsachen mit besonderer Schärfe hin Der Monat November gilt in der Riesenstadt als einer der schlimmsten Monate des Jahres wegen der rauhen Seewinde und der dicken schwefelfarbigen Atmosphäre, die unter dem Namen Fog berüchtigt ist. Nun war der November des Jahres 1899 ungewöhnlich mild, sonnig und frei von Regen und Nebel, obgleich, merkwürdig genug, während der letzten drei Tage des Oktober eine fürchterliche fchwarzfarbige Lawine von Nebel sich über die Stadt gesenkt und den Verkehr fast völlig unmöglich gemacht hatte. Der günstige Verlauf des November zeigte sich deutlich in einem Heravgehen der Sterblichkeit, die nur 17 von 1000 betrug, während tue mittlere Sterblichkeit des ganzen Jahres etwa 19 von 1000 beträgt. In der letzten Novemberwoche kam nicht ein einziger Fall von Pocken in den 30 Hauptstädten Englands vor, außer in Hüll, wo gegenwärtig eine Pocken- epi'demie herrscht, der schon 600 Personen zum Opfer gefallen sind. Wenn durch jene Angaben der bösartige Einfluß des Nebels auf den Gesundheitszustand der Großstädte eine neue Bestätigung erfahren hat, so ist es um so mehr gebieterische Pflicht der staatlichen und stadnschen Verwaltungen, der Rauchplage in den Großstädten und industriellen Bezirken energisch entgegenzutreten, da durch die Entwicklung starker Rauchmassen m der Luft die Nebelbildung nachweislich nicht nur begünstigt, sondern gelegentlich geradezu hervorgerusen wird. Ietd und Karten. Die Braunschweiger Spargelbauer haben im verflossenen Jahre ausgedehnte Versuche mit dem Anbau von Champignons auf den Spargelfeldern gemacht. Die edlen Pilze gediehen unter dem Schutz des Spargelkrautes ausgezeichnet und wurden von den Konservenfabriken sehr gut bezahlt. In welcher Werse die Cham-i pignonzucht auf den Spargelfeldern betrieben wird, beschreibt ein Spargelzüchter in einer der neuesten Nummern des praktischen Ratgebers. Es wird auf der Nordostseite des Spargel-Dammes Erde ausgehoben und vorbereiteter Dünger eingepackt, mit Brut bepackt und drei Zentimeter hoch mit Boden beworfen. Die Ernten sind nicht immer gleichmäßig sicher, mitunter aber sehr reickchch - Dre Nummer, welche diesen Aufsatz enthalt, ist vom Geschafts- amt des praktischen Ratgebers in Frankfurt a. Oder kosten- srei zu beziehen. LMerarisches. C. Schmidts Abreißkalender mit täglichen Ratschlägen für die Gemüse-, Obst-, Blumen-, Pflanzenzucht, Land- und Forstwirtschaft ist auch für 1901 in bekannter gediegener Ausführung erschienen. -----------—• Riesige Menschenmengen wogten Sonntag, den 16. d. M., unter den Linden in Berlin auf und ab; galt eS doch, den von den chinesischen Kämpfen heimkehrenden ruhmbedeckten Kriegern einen möglichst glanzenden und enthusiastischen Empfang zu bereiten. In einigen. prächtigen Aufnahmen der letzten (17.) Nummer der ,,Weiten Welt sind der Einmarsch der Truppen, sowie der Moment der feierlichen Ansprache unseres Kaisers an die Zurückgekchrten dargestellt. Von den sonstigen aktuellen Bildern möchten wir noch eine Aufnahme des im Hafen von' Malaga unter so traurigen Umständen zu Grunde gegangenen Schulschiffes „Gneisenau", ferner die künstlerisch ausgeführte Wiedergabe der Büste des in Wien unlängst enthüllten Goethedenkmals erwähnen. — Gewiß werden es die Leser der „Weiten Welt" mit Freude begrüßen, daß in dieser Nummer mit einem Romane der beliebten Schriftstellerin Adelheid Weber, „Die goldene Lore", begonnen wird. Stimmungsvolle Lyrik, geistvolle Plaudereien, gediegene Aufsätze, so aus der Feder von. Geheimrat Professor L. v. Bar-Göttingen über den Internationalen Schiedsgerichtsbof im Haag, dessen Mitglied er ist, sowie unseres früheren Gesandten in China, Exc. von Brandt, über chinesische Kultur Verhältnisse geben auch dieser Nummer wieder einen ebenso reichen wie anregenden Inhalt. Die einzelne Nnminer (Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin) ist zum Preise von 25 Psg. durch alle Buchhandlungen zu beziehen. _______________ Die allgemeine Teuerung mit den Ansprüchen einer ver- einerten Lebenshaltung in Einklang zu bringen, ift ein Kunststück, an dessen Durchführung die Familienväter verzweifeln. Der Kampf um’§- Dasein wird von Tag zu Tag schwieriger und verwickelter, und der größte Teil der Last dieses täglich sich erneuernden Kampfes ruht auf der Hausfrau; ihr fällt die Aufgabe zu, für die Wohlfahrt der Familie zu sinnen und zu sorgen, eine Aufgabe, die erheblich leichter durchgeführt werden kann, wenn die Familienmutter „Dies Blatt gehört der HüUsfr--«!" (zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postan- stalten, Verlag Friedrich Schirmer, Berlin), zu Rate zieht. Diese eigenartige Wochenschrift unterscheidet sich von anderen derartigen Blättern dadurch, daß sie fast auf alle Fragen des Familienlebens Antwort giebt. Handelt es sich um Fragen der Kindererziehung, um Berufswahl der Heranwachsenden, um Gesundheitspflege, so giebt „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" fachmännischen, aber allgemeinverständlichen Bescheid. Dieses Blatt begleitet die Hausfrau in Küche, Keller und Speisekammer, unterweist sie in der Pflege des Haus- und Zimmergarteils, zeigt ihr eine reiche Auswahl gediegener Modebilder und Handarbeiten, lehrt |te mit wenig Geld das Heim zu verschönern und Zufriedenheit und Heiterkeit um sich zu verbreiten. Aber auch für die Unterhaltung sorgt »Dies Blatt gehört der Hausfrau!" in ausgiebigem Maße. In der Abteilung „Nach gethaner Arbeit" erscheinen zwei ausgezeichnete Romane illustrierte Artikel und hübsche Feuilletons. Mit einem Wort: ® te- Blatt gehört der Hausfrau!" vereinigt in sich ein gediegenes praktisches Hansfraiienblatt mit einer litterarischen Unterhaltiingszettschrift in der glücklichsten Weise. „Die Neue Musik-Zeitung", illustriertes Familienblatt (Verlag von Carl Grüninger in Stuttgart) liefert auch mit dem eben abgeschlossenen letzten Quartal ihres XXI. Jahrgangs den Beweis, daß sie ihrem ungewöhnlich ausgedehnten Leserkreise stets neue Anregungen der manigfaltigsten Art zu bieten vermag. Das vierte Quartal das sich mit einem Preisausschreiben für zweihändige Klavierstücke elnfuhrte, enthält wieder eine Fülle interessanten Stosses aus allen einschlägigen Gebieten, fachwissenschaftliche und gemeinverständliche Aufsätze, wie über die Musik als Lebensberuf, Hebbel und Moltke in ihren Beziehungen zur Musik, das Lißt Museum in Weimar, die Musik der Griechen, die französische Oper, Musik in China, C. M. von Webers erste Oper n. a.; ferner Biographien von Komponisten, Virtuosen, Sängern und Sängerinnen mit deren treuen Porträts, Novellen von hervorragenden Schrltt- stellern, u. a. dem erst kürzlich verstorbenen Ernst Eckstein, kritische Besprechungen neuer Darbietungen im Opernhause, im Konzertsaale„ auf dem Bücher- und Musikalienmarkte, auserlesene Texte für Steher« konlponisten, Notizen aus dem Musikleben der Gegenwart, Feullleto- nistisches aller Art, prächtische Illustrationen, endlich 24 Seiten Musik - beilaqen, bestehend aus Klavierpiecen, stimmungsvollen Liedern, Ensemblestücken für Violine, Cello und Klavier von namhaften Komponisten. Letztere repräsentieren allein den mehrfachen Betrag des Abovnements- preises von nur 1 Mk. pro Vierteljahr (6 Nummern). Einen breiten Raum nimmt auch der in den Abonnentenkreisen sehr geschätzte Briefkasten wieder ein, der auf alle denkbaren Fragen Auskunft erteilt und für kompositorische und poetische Versuche Winke giebt. — Probenum- mern versendet an Interessenten jede Buch- und Musikalienhandlung, sowie der Verlag selbst auf Verlangen kostenfrei. Zahlenrätsel. Nachdruck verboten. 12324526 3 2 1 2 6 Baum - 6 2 5 2 Gewächs - Zeitabschnitt 2 6 12 Planet 4 2 2 6 Teil der Erde Auflösung in nächster Nummer. '>^8Den neuen Jahrgang beginnen die „Gießener Familienblätter" mit einem fesselnden Roman von Clark Rüssel, betitelt: Die Seekönigin. Redaktton: E. Burkhardt - Druck Md Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Buch. und Steindrucker« (Pietsch Erben) in «ießen.