ZWW hu iikpa ■ÄM ö »ki hi nn fil» MW W« er'mit Neid blickt über sich, Stimmt nur selber trüber sich; Leicht hält froh und munter sich, Wer hinab schaut unter sich. Daniel Sanders. (Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) „Wer spricht von Rache, Fräulein Ruthardt! Sie haben mich schroff und bestimmt zurückgewiesen, als W Ihnen in einem unbewachten Augenblick die heißen Empfindungen meines Herzens verriet. Das war namenlos schmerzlich für mW; aber es war unzweifelhaft Ihr gutes Recht, und ich müßte ein ganz erbärmlicher Geselle sein, wenn ich den Wunsch Hütte, mW dafür an Ihnen zu rächen. Aber ich kann- nicht länger in Ihrer Nähe leben, nachdem id). weiß, daß es für mW nichts mehr zu hoffen giebt, ich kann nicht die Luft derselben Stadt mit Ihnen atmen, kann das Haus nicht sehen, unter dessen Dache Sie verweilen, ohne daß es immer aufs neue tote mit scharfen Messern in meinem Herzen wühlt. Meine Liebe zu Ihnen ist nicht von jener leichten Art, die sich mit einer Abweisung absindet wie mit einer beliebigen anderen vereitelten Hoffnung. Ich werde an der Enttäuschung zu tragen haben bis an mein Lebensende; aber wenn ich hier bliebe, würde ich wahrscheinlich eines schönen Tages verrückt darüber werden". Er sprach jetzt ohne alles Pathos, in einem weichen, natürlich klingenden Ton, der etwas sehr Eindringliches und Ueberzeugendes hatte. Neber Margarete ging ein Erschauern, und mächtig drängte das Blut nach ihrem Herzen. Daß er sie so lieben könnte — nein, das hätte sie „ nimmermehr für möglich gehalten. Es war etwas Beängstigendes für sie in dem Gedanken und doch zugleich etwas Berauschendes, etwas, das sie insgeheim beinahe wünschen ließ,. er möchte noch weiter so zu ihr reden. Und der schöne dunkelbärtige Mann an ihrer Seite wußte, daß jetzt der rechte Augenblick gekommen war, die so lange bewahrte Zurückhaltung aufzugeben. Als bereite es ihm ein schmerzliches Vergnügen, die frischen Wunden w seinem Herzen von neuem bluten zu machen, sprach er chr mit all' der warmen, bilderreichen Beredtsamkeit, die durch sein biegsames Organ nur um so unwiderstehlicher wurde, fort und fort von seiner Liebe, die für ihn schon seit Wochen gleichbedeutend geworden sei mit seinem Dasein überhaupt. Nicht um seine Zuhörerin zu gewinnen; denn er schien die erlittene Zurückweisung noch immer als eine unwiderrufliche zu betrachten, sondern als ob es ihm lediglich darum zu thun sei, die Beleidigung, die er ihr auf dem Kostümfest zugefügt, rn einem, milderen Lichte erscheinen zu lassen, schilderte er ihr die unbezwingliche Macht dieser Leidenschaft, die blitzartig über ihn gekommen sei, als er sie hier in dieser nämlichen Straße zum erstenmale gesehen, die bei jeder neuen Bewegung mächtiger in ihm aufgeflammt sei, und deren verzehrende Gluten nicht eher in ihm erlöschen würden, als mit seinem letzten Atemzuge. Um ihretwillen allein war er in Waldenberg geblieben, das er ursprünglich schon nach kurzem Aufenthalt wieder hatte verlassen wollen; um ihretwillen allein hatte er, der verwöhnte Weltmann, sich in die engen Verhältnisse der kleinen Stadt gefunden, und um ihretwillen würde er nut Freuden sein Leben hier beschlossen haben, wenn ihm das köstliche Glück zu teil geworden wäre, ihre Liebe zu gewinnen. Margarete hatte ihn nicht unterbrochen, aber San- dory selbst schien mit einemmale zu der Erkenntnis zu kommen/ wie zwecklos das alles sei. „Verzeihen Sie mir, Fräulein Margarete!" bat er. "Ich habe mich gegen meine ursprüngliche Absicht hin- reißen lassen, von Dingen zu sprechen, die Ihnen nur peinlich sein können. Doch Sie sind nun auch für alle Zukunft davor gesichert. Ich glaube nicht, daß wir uns jemals im Leben Wiedersehen werden". „Das ist Ihr unwiderruflicher Entschluß? Und wann wollen Sie reisen?" < „Morgen. Ich würde den Anschluß an den nächsten Dampfer des ostasiatischen Lloyd sonst nicht mehr erreichen". „Wenn ich Sie nun aber bäte, mir zu Liebe noch eine kurz? Zeit zu bleiben?" „Ihnen zu Liebe? O, Sie ahnen nicht, mein Fräulein, wieviel Grausamkeit gegen glich in diesen Worten ist. Was thäte ich nicht Ihnen zu Liebe! Und doch — könnten Sie Ihre Macht über mich mißbrauchen, um meine Qualen zwecklos zu verlängern?" „Aber es — es könnte doch vielleicht sein — daß ich während dieser Zeit — zu einer anderen — ach, W weiß ja nicht, wie ich es Ihnen sagen soll —" Sie war in Thränep ausgebrochen. Stürmisch erfaßte Sandory ihre Hand und zog sie von dem zuckenden Gesichtchen herab. V. „Ist es denn möglich, daß ich Sie recht verstehe, Margarete? So wäre doch noch nicht alle Hoffnung für 682 micfi verloren? Es qiebt eine Stimme in Ihrem Herzen, Aür mich spricht? 0, M b-W»S« Sie, I°i-» S.° aufrichtig gegen mich! An Ihren Lippen hangt rn diesem Augenblick vielleicht die Entscherdung über mehr als ern Menschensch^ i.^^^are Seelenangst war es gewesen, die I Margareten jene letzten Worte erpreßt hatte. S«hatte aewik nicht die Absicht gehabt, ihm rrgend welche Ver- Evreckunaen zu machen; denn unter all den widerstreiten- I ken Gedankt und Empfindungen, die in ihrer Mngen Seele um die Herrschaft kämpften, war dre stärkste doch I noch immer ein unbezwingliches Grauen vor der Leiden- I schäft dieses Mannes. , . I Nun aber hatte er sie mit einer klug berechneten I Wendung wieder an den eigentlichen Zweck ihres Hier- I seins an die schreckliche Verantwortung erinnert, I sie mit einer verneinenden Erwiderung aus sich> nahm. Mit einer furchtbaren Deutlichkeit sah sie das! Bild' ihres unalücklichen Bruders vor sich, wie er mit durchschossener I Stirn leblos am Boden lag ; und dann ^erinnerte sie sich an die kummervolle Falte, die sie Heute morgen 1 Iwiicken ihres Vaters Augenbrauen gesehen; sw dachte I an den bitteren Schmerz, der ihm bereits durch! den I tückischen Verrat seines ehemaligen Freundes Msugt I worden war und es stand plötzlich als eine unumstößliche sein dürfe, um den neuen, härteren Schlag von fernem nicht in tiefer llng-wißh-ii. Margarete!" drängte Sandory von neuern. "Sw haben gehört, daß ich alle meine Hoffnungen begraben, daß ick jeden vermessenen Gedanken -an Ihren Besitz aust aeaeben hatte Darum wecken Sie nicht aus fluchtigem Mitleid in mir eine beglückende Zuversicht' dw üchspater abermals als Täuschung erweisen konnte Zum zweiten maTe — das schwöre ich Ihnen — konnte ich sotM Täusckunq nicht überwinden. Wenn Sie Mich, jetzt auffordern zu bleiben, so werde ich Sie überhaupt nw mehr verlassen • denn durch eine solche Aufforderung hatten Sie sich mir für immer zu eigen gegeben. Darum frage ich noch einmal, Margarete.soll ich gehen Er hielt noch immer ihre Hande fest, und es war ihr als ob von dort aus ein Glutstrom durch rhren Korper riesele. Sie drehte den Kopf zür Selle, um chm ihr (äcHcbt nicht zeigen zu müssen, und ihre Kindesliebe gab ihr den Mut, das entscheidungsschwere Wort aus- Eusvrecken bei dessen Klang sie zusammenzuckte, als wäre es nicht von ihren eigenen, sondern von fremden tM>r'TX'in der «fr* nicht, ob -- « '""schassen"Siduns nicht viel unnütze Worte machen", wehrte Sandory kurz und fast befehlend ab. „Das - schäft muß innerhalb der nächsten vierundzwanzig ^tun den erledigt sein - hören Pie? Es muß erledigt sem. Was soll es also helfen, dös langen und breiten dar- Uberjit Bankierstberflog das Verzeichnis der Wertpapiere und verwahrte es in einem Fach JenteS Schrmbtstch Es war eine stumme Erklärung des Einverstandinss , die dem anderen vollkommen zu genügen schwn.; ,°e>m er betrachtete den Gegenstand ihres bisherigen Gespf d) nunmehr offenbar als abgethan. Sich em wenig m seinen Stuhl zurücklehnend und Franz Norrenberg st^ I ins Gesicht blickend, sagte er plötzlich m scharfem, MM seligem Tone: „Und nun zu etwas Persönlichem. I haben hinter meinem Rücken irgend eine Schurkere konnte. « @ie mit Zeit!" flehte sie leise „Nur noch ein paar Tage, damit ich mich in dies alles hineinfmden I kann. Ich werde es Ihnen ganz gewiß sagen, wenn der meine süße, kleine Herrin! Wer Du wirst meme heiße | Sehnsucht nicht allzü hart auf die Probe stellen nicht toa^r linb mein Bruder? Sie werden seinen Fehltritt nun I-in-m M-nschsn mch- verraten - a,n innigste» «««« Ul nicht ans Waldenbecg fortgehe, bin ich glücklicherweise nicht mehr d«M gezwungen, ^ch^de Bruder ^sein^Das^ häßliche^Geheimnis aber bleibt zwischen uns dreien begraben". „ Gr begleitete sie bis an die alte Stadtmauer zuruck, wo ^ie "ihn dringend bat, sie jetzt zu verlassen. Die Nähe vieler Vorübergehender hinderte ihn zu ihrer namenlosen Erleichterung an jedem Versuch einer Lieb- , koiunq, und so hastig machte sie sich von ihm los, daß ihm nicht einmal Zeit blieb, sie um ihre Einwilligung zu einem neuen Stelldichein zu befragen. 8 Rudolf Sandory aber war Mit dem Gang der Ereignisse trotzdem vollauf zufrieden, -achelnden Antlitzes begab er sich zum Frühstuck m sem Hotel, und während er über den Marktplatz gmg, sagte er vor sich bin- Sie hat richtig während der ganzen Zell Hüller dem Fenstervorhang gestanden. Nun w^rd innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden wohl so ziemlich die ganze Stadt von meiner Zusammenkunft mit der klemen Grete zu erzählen wissen". Fünftes. Kapitel. Das Glas Portwein, das sich Franz Nvrrenberg alltäglich zum Frühstück aus einer benachbarten Restauration in sein Kontor bringen ließ, war heute unangerührt geblieben. Schlaff und verfallen saß der Bankier m seinem Schreibstuhl. Auch der rastlose Arbeitstrieb, dem ferne Willenskraft bisher noch immer zürn Siege uber- bie stetig zunehmende körperliche Schwache verhalfen hatte, schien i allmählich einzuschlummern. Ein großer Teil der Morgenpost lag noch unerledigt vor ihm auf der Platte des Schreibtisches, und wenn er sich auch; von Zell auirafste um in der unterbrochenen Thatrgkell sortzu- fahren, so legte sich ihm doch jedesmal schpn nach Ver- lauf von wenig Minuten die dumpfe, lahmende Müdigkeit wieder auf Kops und Glieder. Da wurde an die verschlossene Thur geklopft, du aus dem Kabinett auf den Treppenflur führte. Mit em m Stöbnen fuhr Franz Nvrrenberg empor. Angstvoll irrte sein Blick umher, wie wenn er halb unbewußt nach I emem Ausweg suche zur Flucht; dann aber, da der I Einlaß Heischende sein Begehren ungestümer wiederholte, I erhob er sich mühsam um zu öffnen. Fch glaubte. Sie hätten Besuch, da Sre mich so lange warten ließen", sagte Rudolf Sandory statt des I Grußes „Es ist übrigens das letztemal, daß ich hier I hinten anklopfe. Diese Geheimniskrämerei ist geradezu ^chNprechen Sie mir lieber, daß der heutige Besuch I it tiprhmiht lefeter fein foll/z, eihitb'crte 9^oneiib6T9 I nratt. „Ich muß gestehen, daß ich nicht erwartet hatte. Sie noch einmal hier zu sehen. Was können Sre denn I jetzt noch von mir wollen?" n r, ~ I 1 9 Sie sollen es gleich erfahren. Zuerst etwas Ge- I schäftliches! — Sie werden mir alle diese Effekten ab- kaufen. Ich habe die Umrechnung bereits besorgt. Es sind nach dem gestrigen Kurse 9^auzweihundertund- vierzehntausend siebenhundert und sechzrg Mark, wünsche den ganzen Betrag m barem Gelde und zwar möglichst in Tausendmarkschemen zu erhalten . „Es ist unmöglich! Sie können sichdenken, chaß ich eine so große Barsumme nicht in Bereitschaft habe . Sandory zog das versiegelte Paket, das er aus den Schreibtisch geworfen hatte, wieder zu srch .heran. Fck gebe Ihnen also bis morgen Zeit, sw z beschaffen. Senden Sie einen Ihrer Buchhalter mit dem Gelde in mein Hotel! Ich werde dem kleb erbringe - dann die Effekten, deren Verzeichnis ich Ihnen hier zu Lippen gekommen. "Mein" teures, geliebtes Mädchen!" flüsterte er. „Mein Kleinod! Meine Braut! So darf ich denn bei Deinem Vater um Dich werben? Margarete hatte ihre Hände frei gemacht und er- alübend das Taschentuch an die Augen gedruckt; denn rL say erst jetzt, daß jemand die Straße herauskam, der sie möglicherweise schon minutenlang beobachtet haben 683 gezettelt, weil Sie mich damit los zu werden hofften. Begehen Sie nun wenigstens nicht noch obendrein die Feigheit, es zu leugnen". (Fortsetzung folgt.) Die Naturheilmethode. Studie von Dr. H. Balder. Nachdruck verboten. Vor wenigen Monaten feierte man im Lager der Naturheilmethode oder — wissenschaftlich gesprochen — der ph ysikalisch-diätetischen Therapie den hundertsten Geburtstag ihres Begründers, des genialen „Wasserdoktors" auf dem Gräfenberg in Oesterreich-Schlesien, Vincenz Prießnitz. Ben Akibas Wort: „Alles fchon dagewesen" gilt auch Don der physiatrischen Heilmethode. In einfachen Naturbeobachtungen an Menschen und Tieren liegt der Ausgang aller ärztlichen Kunst im Heilen von Krankheiten. Priester, Hirten, „weise" Frauen leisteten den Kranken und Verwundeten nach bestem Wissen und Können, das sie aus dem innigen Naturleben ausgenommen Hatten, Hilfe. In den Tempeln der Isis und Serapis mit ihren Hainen und Lustgärten, geschmückt mit Bildern und Sta- tuen, mit ihren Badevorrichtungen und Ruhebetten bedienten die Priester die Leidenden. Von Aegypten aus kam der Heilkultus zu den Griechen und Römern. Griechenland ist die Heimat des „Wasserphilosophen" Thales, der alles Werden und Vergehen, alle Wandlungen im Tier- und Pflanzenleben aus dem Wasser, als dem Urstoff, hervorgehen ließ. Ein Sohn des Lichtgottes Apollo, Asklepios (Aeskulap bei den Römern), war der Gott der Heilkunst. Jahrhunderte lang waren die Tempel Heilstätten für die Kranken. Später wurde die Medizin in den Philosophenschulen und Gymnasien weiter ausgebildet. In den Gymnasien besaßen die Griechen eine vorbeugende Sonnentherapie für das ganze Volk, die uns noch ganz fremd ist. Und Aristoteles schon meinte, daß das, was am meisten für den Menschen in Betracht komme, wie Luft und Wasser doch auch von größter Bedeutung für die Heilung sein müsse. Plato sagt von den Aerzten, daß sie das Blut aus den Wunden aussogen, mildernde Kräuter auflegten, aber sich sonst nicht um diese kümmerten: „denn daß ein von Natur Kränklicher oder Zügelloser am Leben bleibe, das hielten sie weder für ihn noch für andere für ersprießlich, Noch müsse ihre Kunst dahin wirken und solche behandeln, sollten sie auch reicher als Midas sein." Und int Griechenheer vor Troja war Machaon Held und hilfreicher Chirurg in einer Person. In der germanischen Gudrunsage heilt der alte Sturmriese Wate nach der grausigen Schlacht auf dem Wülpen- sande sich und die anderen Helden mit Wurz, Kräutern und Salben so erfolgreich, daß der Dichter singt: „Von also großen Künsten hört' ich früher nicht noch später sagen." Und in den Mbelungen heißt es: „Den erfahrenen Aerzten gab man reichen Sold, Silber ungewogen, dazu das lichte Gold." Der Erfolg entscheidet. Wer Erfolg hat, hat recht. Und die physikalisch-diätetische Therapie hat den Ersolg für sich. Die physiatrischen Methoden lassen ftch wohl auf die ersten Anfänge der Zivilisation zurückverfolgen; sicherlich hat es zu allen Zeiten Aerzte gegeben, die physt- kalisch-diätetisch gedacht und gehandelt haben; aber als besondere therapeutische Richtung tritt die physikalisch^dtä- tetische Therapie erst seit Prießnitz zielbewußt in die Erscheinung. Der Bauer wußte nichts von seinen Vorgängern, seine Lehrmeisterin war die Natur, und mit der Ursprünglichkeit eines Genies schuf er aus ftch selbst Heraus ein Heilsystem, das an Erfolgen seinesgleichen sucht. Mit elementarer Gewalt trat die physiatrische Therapre auf, ihre großartigen Heilungen und ihrer Apostel mächtiges Wort zwangen weite Schichten des Volkes in ehren Bann und weckten und förderten das Verlangen nach hygieinischer Aufklärung. „Bei uns waren die Vertreter der Naturheilkunde" — bekennt offen Professor Hüppe (Prag) — „eene Zett lang fast die alleinigen zielbewußten Förderer der persönlichen Gesundheitspflege. Indem sie durch vorbeugende Anwendung der hygieinischen Mittel bereits in den Tagen der Gesundheit aus die noch nicht erkrankten Familienmitglieder einzuwirken suchten, haben sie die hygieinischen Bestrebungen, in denen der bessere Teil der Heilungen liegt, oft tüchtig gefördert. Gerade in der Gesundheitslehre und Gesundheitspflege liegt aber ein großer Teil der Volkstümlichkeit der Medizin." Und Gesundheitslehrer, hygieinischer Berater seiner Schutzbefohlenen zu sein, das ist des Arztes schönste und höchste Aufgabe. So ist es denn ein Schritt vorwärts, daß die Hygieine grundsätzliche Berücksichtigung im Unterrichte gefunden hat. Von hervorragenden Klinikern wird jetzt immer mehr betont: die Würde der Medizin liegt int Verhüten und Heilen. Dieser große Fortschritt, das Verhüten und Heilen als Hauptsache darzustellen, bedeutet eine Anerkennung der physiatrischen Anschauung. Die physikalisch-diätetische Therapie hat es nie mit dem exspektativen Verfahren, dem Abwarten, gehalten, sondern ist immer bei den ersten, anscheinend unwichtigen und unbestimmten Symptomen eingeschritten. Denn mit dem Abwarten geht eine kostbare, oft die kostbarste Zeit verloren. Und sie besitzt ttt ihrem Heilschatze vorbeugende, verhütende Maßnahmen von unersetzlichem Wert. , „ „Es ist namentlich das Wasser", schreibt Professor Kußmaul (Halle), „das sich als Heilmittel ein stetig wachsendes Vertrauen errang und wie kein anderes in mannigfach wechselnden Temperaturen und Formen der Anwendung den verschiedensten Kurzwecken dienstbar gemacht werden kann. Es regelt den Kreislauf und die Verteilung des Blutes, die Wärmebildung und den Stosfwechfel und beeinflußt die Atmung und die Nerven, also das ganze organische Getriebe." Nicht minder wirken Licht (Sonne und elektrisches Licht) und Luft und die Mechanotherapie (Gymnastik und Massage) auf den ganzen Organismus. Diese uralten, natürlichen Heilsaktoren hat man im Gegensätze zu den chemischen Mitteln der klinischen Therapie als physikalische bezeichnet. Damit verbindet die Physiatrie eine besondere Diät, die sich von der üblichen Krankenkost im wesentlichen dadurch unterscheidet, daß sie den kranken Körper nicht stärker ernährt, als zu seiner Erhaltung nötig ist, und ihm nicht mehr Nährstoffe zuführt, als er bewältigen kann, daß sie im hohen Grade milde ist, elektrische Spannkräfte gebende Pflanzen- und Obstsäuren, mit Liebigs altbewährtem Fleisch-Extrakt richtig zubereiteteG Blatt- und Wurzelgemüse bevorzugt und alle künstlichen Reizmittel aus der Speisekarte ausschaltet. Das deutsche Wort „Naturheilverfahren" will sagen, „daß diese Methode in der Krankenbehandlung heilen will, wie die Natur heilt, durch natürliche Kräfte, die in Verbindung stehen mit der eigenen Kraft des Körpers, die geeignet sind, die Naturheilkraft, das Heilbestreben und Heilvermögen des Körpers zu fördern" (Dr. med. Weyl). „Natura sanat, medicus curat" (Die Natur heilt, der Arzt sorgt für): das ist der Wahlspruch der physiatrischen Therapie. Sie betrachtet als ihre Aufgabe, die Natur zu ergründen und die Wege, die diese bdim Heilen einschlägt, und die passenden Mittel zu wählen, um die Heilkraft des Organismus zu unterstützen. Sie räumt zunächst alle Hindernisse hinweg, sorgt für frische Luft und Reinltch- keit, für eine milde, von allen Reizmitteln freie Diät. Den Abfluß der im fiebernden Körper sich stauenden Wärme, den die Natur anstrebt, befördert sie durch feuchte, kühle Umschläge und Wickel. Gilt es, Krankheitsstofse aufzulösen und auszuscheiden, so bleiben die Wickel länger liegen; man will mit der Kühle die Wärme verbinden. Kühle Teile suchen wir zu erwärmen, um die mangelhafte, gestörte Zirkulation, die gleichmäßige Wärme wteder herzustellen. Und wie die Natur die Thätigkett des ganzen Organismus heranzieht, um ein Leiden, auch ein scheinbar örtlich sich entwickelndes Leiden, zu heilem, so stellt auch die physikalisch-diätetische Therapie im Prinzip die Ml- gemeinbehandlung über die Lokalbehandlung, faßt jede Krankheit als ein Ergriffensein des ganzen Körpers auf und beeinflußt und unterstützt zu ihrer Abwehr und Heilung die natürlichen Schutzeinrichtungen des Orga- 684 nismus mit natürlichen Mitteln. Professor Winternitz (Wien) hat für die Infektionskrankheiten klinisch und statistisch bewiesen, daß durch die Hydrotherapie nicht nur die Symptome des Fiebers, die Temperarursteigerung, die Pulsfrequenz, die Jnnervationsstöruugen, die Veränderungen des Stoffwechsels Hilfe finden, sondern auch die Vernichtung und Ausscheidung der Mikroorganismen und ihrer toxischen Produkte, die Steigerung der Laktericiden (bakterienvernichtenden) Eigenschaft des Blutes, kurz die Stärkung der gesamten bekannten und bisher noch unbekannten Wehr- und Hilfskräfte des Organismus. Und in dieser Behandlung des ganzen Körpers, in ber kausalen Therapie sind die starken Wurzeln der erfolgreichen Kuren der physikalisch-diätetischen Methode. In der Abhandlung „Ueber die Ziele der modernen Klinik" („Berl. Klinische Wochenschrift" 1899, 48) schreibt Geheimrat v. Leyden: „Wir behandlen nicht sowohl Krankheiten, als kranke Menschen, kranke Individuen. Diesen Standpunkt hat die moderne Klinik wieder mehr, als es eine Zeit lang der Fall war, in den Vordergrund gerückt". Diese Anschauung hat die physiatrische Therapie von jeher vertreten; sie war sich darüber klar, daß sie nur an Krankheiten leidende Menschen, Individuen, zu behandeln hat, deren Psyche stark beteiligt ist, wenn der Körper leidet. Die Bedeutung der Krankheitsanlagen für die Behandlung und Heilung hat sie zuerst erkannt und gewürdigt. Und ihr Verfahren war stets ein individuelles, der Konstitution, dem Befinden, der Lebensweise, dem Charakter des Kranken angemessenes dank ihren so überaus mannigfachen, so überaus dosierbaren Hilfsmitteln. Durch die großen Fortschritte der Diagnostik, in Auskultation und Perkussion, Uroskopie, Elektrizitätslehre, Bakteriologie ist das Erkennen der Krankheitsvorgänge sicherer geworden. Aber „wir belügen uns selbst", sagt Professor Hüppe (Prag), „wenn wir die Würde der Medizin in der Aetiologie (Krankheitsursache) und Diagnostik zu finden vorgeben. Das alles ist nur Mittel zum Zweck und nicht die Würde, nicht das Ziel der Medizin und Heilkunde". Und Geheimrat Schweninger äußerte in seiner bajuvarischen Derbheit an einem Versammlungsabend des „Deutschen Frauenvereins für die Ostmark" am 13. Mai 1896: „er habe vor der Diagnostik keinen großen Respekt, weil sie in 60 von 100 Fällen irre, und es vorkommen kann, daß auf Nikotinvergiftung diagnostiziert tvird bei'einem Kranken, der nur Kartoffelkraut geraucht hat". Und dem Kranken kommt es doch nicht in erster Linie auf die Diagnose an — nein, gesund will er werden. Am, Ende des achtzehnten Jahrhunderts erschpll von Frankreich aus der Ruf: Kehrt zurück zur Natur! Er führte zur Revolution. An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts spricht die Natur wieder laut und eindringlich durch tausend beredte Zeugen zu der Menschen Herzen. Diese Rückkehr zur Natur wird wohl eine Reformation anbahnen. , ' ,; Die Medizin und Heilkunde steht schon im Zeichen der Reform. Von berufener Seite wird es als „ein großes Unglück für die Schulmedizin" angesehen, „daß die wich- tigsten Heilfaktoren (nämlich die physikalisch-diätetischen) im Schulunterricht noch nicht die gebührende Beachtung gefunden haben", und die Forderung einer zeitgemäßen Umgestaltung des ärztlichen Unterrichtes aufgestellt. Und es will sich wenden. Vor mehr als einem Jahrzehnte schon hatte Hofrat Winternitz in der alten Kaiserstadt an der Donau einen Lehrstuhl für die Hydrotherapie errichtet und mustergiltige Einrichtungen geschaffen. Seit vier Jahren besitzt Heidelberg eine der Universitäts-Poliklinik angeschlossene Anstalt für ambulante hydrotherapeutische Behandlung. München errichtete im Oktober 1899 im Krankenhause links der Isar eine „mechanisch- hhdriatische Abteilung" und erbaute in Harlaching ein Sanatorium, das mit den großen Krankenhäusern in inniger Verbindung steht. Und Berlin schuf an der Jahrhundertwende " eine neue Lehrkanzel für „allgemeine Therapie", die vor allem die physikalisch-diätetischen Heilfaktoren berücksichtigen soll. „Gelingt es, diesen Mangel im Unterrichte der Aerzte zu beseitigen", erklärt Dr. Hüppe, Vorstand des hygienischen Instituts der Universität Prag, „so hört der Gegensatz zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde mit einem Schlage auf". Litterarisches. PreisaussKreiben. Das „Hygienisch« Ouarkal", Vierteljahrsschrift für naturgemäße Lebens- und , Heilweise hat 300- Mark für die 4 besten und wirklich gnten Arbeiten aus dem Gebiete- der naturgemäßen Lebens-, Heil- und Erziehungsweife ausgesetzt. Das Thema können sich die Preisbewerber selbst wählen. Die Arbeiten müssen mit Angabe eines Mottos bis zum 1. Januar 1901 an den Verlag Okto Borggold in Leipzig, Poststraße eingesandt werden. Dis Lunge, ihre Pflege und Behandlung im gefunden und kranken Zustande. Von Dr. Paul Niemeyer. Mit 41 Textabbildungen, Reimte, umgcarbeitete Auflage von Sanitätsrat Dr. Gerster. In Originalleinenband 3 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Nahezu die Hälfte aller Todesfälle, von denen bei uns junge Leute im Alter von 15 bis 25 Jahren hinweggerafft werden, sind aus Lungenschwindsucht zurückzuführen. Das kommt daher, daß die Pflege und Ausbildung des Atemorgans zu den Dingen gehört, die bei uns in geradezu sträflicher Weife vernachlässigt werden. Hierin Wandel zu schaffen, ist das Ziel, das sich das vorliegende Buch gesetzt hat. Mik Recht hat es der vorbeugenden Gesundheitspflege den Löwenanteil zugewiesen. Bei Erörterung der krankhaften Zustände der Lunge setzt es den Leser in den Stand, den vorbeugenden Ratschlägen des Arztes mit vollem Verständnis und rein heilkundtichen Verordnungen mit Vertrauen zn folgen. Welchen Anklang Niemeyers trefflicher Ratgeber gefunden hat, erhellt schon daraus, daß er heule in neunter Ansla ge erscheint, die Sanitätsrat Dr. Gerster auf Grund der neuesten Erfahrungen der medizinischen Wissenschaft bearbeitet hat, ohne doch die frische, anregende und vor allem gemeinverständliche Schreibart Niemeyers auszugeben. (Bitte drohende Gefahr. Kaum haben die denkenden Frauen erleichtert aufgeatmet, weil das gesundheitszerstörende Mieder endlich vernünftige Formen angenommen hat, und schon kommt aus Paris die Schreckensnachricht von der neuesten Modethorheit, dem „Corset mystere“, das nach einer Schilderung im neuesten Heft der „Wiener Mode" ein ganz verzwicktes Marterwerkzeug zu sein scheint. Ein geringer Trost liegt in der Mitteilung in demselben Hefte, daß ebenfalls von Paris ans das ganz kurze Kleid verbreitet wird, so daß uns wenigstens die staubaufwirbelnden Schleppen für einige Zeit erspart bleiben dürften^ und diejenigen Damen, die jede Modethorheit mitmachen wollen, nur sich selbst, nicht aber auch ihre Mitmenschen krank machen werden. — Preis vierteljährlich 2 Mk. 50 Pf. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postanstalten oder direkt vom Verlag der „SBiener Mode"„ Wien, IV. Wienstraße 19. Probebczug für den Monat Dezember direkt durch den Verlag zum Preise von 90 Psg. portofrei. Skataufgabe. Nachdruck verboten. (»dock die vier Farben; A 2(8; K König; D Dame, Ober; B Bube, Wenzel, Unter; V M 8 die drei Spieler.) Nachstehendes a-Handspiel wurde in Mittelhand verloren. a, b, c, dB, alO, K; dA, 9, 8, 7. ❖ ❖ O ❖ ❖ .0 Q, Das d-HandsPiel wäre ja unverlierbar gewesen, aber der Spieler zog das a-Spiel vor, weil es teurer war und weil er hoffte, Schneider zu machen. Die Gegentrümpfe sitzen verteilt, auch liegen 2 Trümpfe im Skat. Der Spieler bekommt im 2. Stich ein Aß zn stechen. Wie war Kartenverteilung und Gang des Spieles? Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung des Abstrich, ätsels in vor. Nr.: Hoffen und Harren macht viele zu Narren. Briefkasten. H. B .... ck, G. Es giebt ein immerhin anerkennendes lateinisches Sprichwort, das lautet: Ut desint vires, tarnen est laudanda voluntas, (zu deutsch: Fehlen die Kräfte, der Will' ist zu loben), das indes auf an kümmerlicher Dichteritis leidende, aussichtslos liebende Seelen keine Anwendung findet. Es wagt sich ungestraft kein Zwerg An den ergrauten Staufenberg; Vergiß verschmähter Liebe Kummer, Vergönn den Versen ew'gen Schlummer! D. R. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.