(Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von Lothar Brenkendorf. (Fortsetzung.) Schon war sie an ihm vorüber bis zur Thür gegangen, da trat er ihr mit bittender Gebärde in den Weg. „Hören Sie mich! an, Fräulein Elisabeth !" Ich bin gewiß, daß Sie nickst einmal dunkel ahnen, einen wie schweren Verstoß gegen meine Pflichten als Offizier und als Staatsbürger Sie von mir verlangen —" „Ich verlangte einen Beweis Ihres Edelsinns und Ihres Mutes — sonst nichts!" entgegnete sie kalt. „Vielleicht wäre eine Gefahr dabei gewesen. Ich kann es nicht recht einsehen, doch ich will es glauben. Und ich begreife, daß Sie keine Ursache haben, sich meinetwegen in Gefahr zu begeben. Aber ein einfaches Nein ist mehr als genug. Daß ich Ihre — Ihre weise Vorsicht noch bewundern werde, haben Sie doch wohl micht erwartet". „Für einen Feigling also halten Sie mich, Elisabeth? Sie meinen, daß ich Ihnen nur um meiner eigenen Sicherheit willen die Erfüllung der ersten Bitte versage?" Sie blieb ihm die Erwiderung schuldig; aber die Bewegung, mit der sie sich von ihm abwandte, war von grausamerer Deutlichkeit als irgend ein gesprochenes Wort. Sixtus von Plothow grub die Zähne in die Unterlippe, und seine breite Brust arbeitete ungestüm wie nach einer schweren Anstrengung oder nach einem stürmischen Ritt. Dann, in dem Augenblick, wo Elisabeth ihre Hand auf den Thürdrücker legte, stieße er nach einem letzten, furchtbaren Seelenkampfe hervor: „Wohl — komme, was kommen niag — ich bin bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen". Sie blieb zweifelnd, ungewiß, ob sie ein auf solche Art erlangtes Zugeständnis annehmen oder zurückweisen solle. Nun aber schienen mit einemmale die Rollen zwischen ihnen vertauscht, denn jetzt war es der junge Offizier, der zu raschem Handeln drängte. „Warum zaudern Sie, da doch, soeben noch! die Minuten so kostbar waren? — Sie hören ja, daß ich« auf jede Gefahr hin thun will, was Sie von mir verlangen. Erteilen Sie mir Ihre Befehle — ich werde Ihnen ohne Widerspruch, gehorchen". 1900. ESI «SN ensch, denkst du Gott zu schauen, Dort oder hier auf Erden: So muß dein Herz zuvor Ein reiner Spiegel werden. Joh. Scheffler. Hätte es ihr eigenes Wohl und Wehe gegolten, Elisabeth würde seinen Beistand jetzt sicherlich abgelehnt haben. Aber es handelte sich um das Leben eines andern, und sie durfte sich nicht das Recht zugestehen, auf Kosten ihres unglücklichen Vetters die Stolze und Hochmütige zu spielen. Darum kämpfte sie alle ihre Bedenklichkeiten nieder, und nach einem schüchternen Dankeswort, das ihre Lippen kaum vernehmlich sprachen, während ihre Augen den Boden suchten, sagte sie in ganz verändertem, demütigem Tone: „Wie dürfte ich Ihnen befehlen, da Sie doch hundertmal eher den rechten Weg zur Rettung des Verfolgten finden werden, als ich! Auf welchen Plan er selber seine Hoffnungen setzt, habe ich Ihnen ja bereits gesagt". „Gut — und es mag dabei sein Bewenden haben; denn er allein soll die Verantwortung für das Gelingen oder Mißraten tragen. Darf ich Sie bitten, gnädiges Fräulein, den Herrn von der Röcknitz hierher zu bringen?" „Das wäre ein zu gefährliches Beginnem Nur an dem Ort, wo er sich gegenwärtig befindet, ist er vor einer Ueberraschung durch meinen Vater gesichert. Man müßte die Verkleidung, die ihn retten soll, dorthin zu schaffen suchen." Sixtus von Plothow schüttelte den Kopf. „Daran ist nicht zu denken. Wenn Ihr Vetter sich in meine Uniform kleiden will, kann das einzig in meiner Wohnung geschehen. Der Weg dahin ist nicht weit. Selbst wenn bereits nach ihm gesucht werden sollte, wird man ihn in meiner Begleitung schwerlich anhalten, und er kann sich zum Ueber- fluß in meinen Offiziersmantel hüllen, den ich sogleich aus dem Ordonnanzzimmer holen werde." ’ Der kalte und gemessene Ton, in dem er dies alles sagte, verriet nur zu deutlich!, wie schwere Ueberwindung ihn die Teilnahme an dem Abenteuer kostete. Jedes seiner Worte gab Elisabeth einen Stiche ins Herz. Sie fühlte sich beschämt und unglücklich. Die Thränen standen ihr in den Augen. Wer sie dachte an die entsetzlichen Augenblicke, die sie vorhin in ihrem Schlafzimmer durchlebt hatte, an die Didesangst des Verfolgten, an sein verzweifeltes, jammerndes Flehen — und unter dem Einfluß dieser Vorstellungen schwand ihre Empfindlichkeit dahin. „So holen Sie den Mantel, Herr von Plothow", sagte sie leise. „Ich werde hier auf Ihre Rückkehr warten, um Sie dann zu meinem armen Vetter zu führen". Schon nach Verlauf weniger Minuten trat er wieder ein, den zusammengelegten Osfiziersmantel über dem Arm. Schweigend ging Elisabeth ihm voran bis an die Thür ihres Zimmers, an der sie vorsichtig pochte, um dann mit gedämpfter Stimme dem darin Eingeschlossenen znzurufen: „Oeffne mir, Franz! Du hast nichts zu fürchten; denn ich bringe Dir einen Freund und Retter". 422 — Behutsam wurde drinnen der Schlüssel gedreht, einer der Flügel that sich behutsam um ein geringes aus, und das gespensterhaft farblose Antlitz des Flüchtlings zeigte sich in dem schwalen Spalt. Betroffen wollte er beim Anblick des Offiziers zurückweichen; denn feine erste Regung war naturgemäß der Gedanke an eine Verräterei. Elisabeth hatte jedoch! bereits ihren Fuß, auf die Schwelle gesetzt, und in raschen, eindringlichen Worten teilte sie dem Zitternden mit, daß der Leutnant von Plothow sich auf ihre Bitte bereit gefunden habe, seine Flucht zu unterstützen, und daß er sich rückhaltlos seiner Führung anvertrauen dürfe. Wie ein zum Tode Verdammter, dem am Fuße des Schafsots seine Begnadigung verkündet wird, atmete Franz von der Räcknitz aus. Stammelnde, schluchzende, über- schwengliche Worte des Dankes kamen von seinen Lippen. Der junge Offizier aber, der außerhalb des Zimmers stehen geblieben war, unterbrach in ernstem, fast befehlendem Tone feine Versichxerungen. „Dazu haben wir jetzt nicht Zeit. Auch geschieht das, was ich thun werde, nicht um Ihretwillen, Herr von der Räcknitz! Lassen Sie Ihren Mantel hier zurück und nehmen Sie statt dessen den meinigen. Alles weitere können wir unterwegs besprechen. Sie dürfen das gnädige Fräulein nicht länger durch Ihre Anwesenheit gefährden". Ohne Widerstreben gehorchte Franz der dringenden Aufforderung. Doch bevor er das Gemach verließ, wandte er sich noch einmal an seine regungslos dastehende junge Base. „Lebe wohl, Elisabeth! Ein Schurke will ich sein, wenn ich jemals vergessen kann, was Du in dieser Stunde für mich gethan. Komme ich glücklich davon —" ,,Geh! Geh!" fiel sie ihm hastig in die Rede, und als er seine Hände ausstreckte, um zum Abschied die ihrigen zu erfassen, wich sie abwehrend um einen Schritt zurück. Das Mitleid, das ihr vorher den Mut gegeben hatte, Sixtus von Plothow gegenüber alle mädchenhafte Scheu und Zurückhaltung abzulegen, war jetzt seltsamerweise in ihrem Herzen völlig erstickt von einem Gefühl des Widerwillens gegen den unmännlichen Feigling, der sie durch die Raserei seiner Verzweiflung zu solchem Schritt getrieben hatte. „So geh doch!" wiederholte sie beinahe heftig, da sie ihn noch immer zaudern sah, und sie wußte es dem Leutnant Dank, daß er ohne alle Umstände den Arm seines aufgezwungenen Schützlings erfaßte, um ihn eilig mit sich fortzuziehen. Sie lauschte auf das verklingende Geräusch ihrer Schritte, bis sie nichts mehr vernahm als das dumpfe Pochen ihres eigenen, stürmisch erregten Herzens. Dann eilte sie zum Fenster und spähte zwischen den Gardinen auf die Straße hinab, um das Heraustreten der beiden Männer zu erwarten. Dem sonnigen Tage war ein trüber, regnerischer Abend gefolgt, und der Mond mühte sich umsonst, die Wolken zu durchbrechen. So konnte Elisabeth die Gestalten des Leutnants und seines Begleiters nur ein paar dutzend Schritte weit verfolgen. Aber sie sah, daß zwei Offiziere, die ihnen begegneten, mit militärischem Gruße vorübergingen und nicht ein einziges Mal nach den Beiden zurück- schauten. Sie hatten also nichts Auffälliges an ihnen bemerkt, und Elisabeth durfte hoffen, daß der Flüchtling mit seinem tapferen Beschützer unangefochten bis an das Ziel des kurzen Weges gelangen werde. Viertes Kapitel. Bis zum hellen Morgen lag das junge Mädchen schlummerlos und mit offenen angstvollen Augen in den Kissen. Vergeblich hatte sie am verflossenen Abend gehofft, daß ihr Sixtus von Plothow eine Nachricht über das glückliche Gelingen des verwegenen Unternehmens zukommen lassen werde, und wenn sie auch ihr zagendes Gemüt zu überzeugen versuchte, daß das Ausbleiben der erwarteten Kunde sicherlich nur ein günstiges Zeichen sei, so konnte sie damit doch die schrecklichen Bilder nicht verscheuchen, mit denen die Einsamkeit und Dunkelheit der endlosen Nacht ihre aufgeregte Phantasie erfüllten. Immer wieder sah sie Franz von der Räcknitz mit gefesselten Händen zwischen den Schergen, die ihn ins Gefängnis abführten, und alles, was sie jemals von den Schrecknissen des Kerkers oder den Qualen hochnotpeinlicher Prozesse gehört hatte, gestaltete sich ihr in diesem Zustande peinvoller Ungewißheit zu greifbar deutlichen Vorstellungen von Grauen erregender Furchtbarkeit. Dazu kam, daß die folgenschweren Entschlüsse des gestrigen Tages das geräuschvolle militärische Leben in den Straßen während der ganzen Nacht nicht völlig verstummen ließen. Bald rasselten Säbel über das Pflaster, bald tönte der Hufschlag galoppierender Pferde, oder der schwere, taktmäßige Marschtritt einer Infanteriekolonne zu Elisabeths Fenstern herauf. Und jedesmal glaubte sie nicht anders, als daß nun im nächsten Augenblick dumpfe Schläge gegen die Hausthür dröhnen und rauhe Männerstimmen nach dem versteckten Mörder fragen müßten. Nie in ihrem jungen Dasein hatte sie eine gleich fürchterliche Nacht durchlebt, und nie hatte sie mit gleicher Inbrunst den ersten Strahl des Morgenlichtes herbeigesehnt. Als endlich, endlich das Herausdämmern des neuen Tages eine fahle Helligkeit im Zimmer verbreitete, als die gespensti- schen Schatten allmählich! verschwanden, und die Dinge rings umher wieder ihr wirkliches Gesicht zu zeigen begannen, forderte auch der jugendliche Körper gebieterisch seine so lange vorenthaltenen Rechte, und tiefer, traumloser Schlaf legte sich wohlthätig auf Elisabeths heiße Lider. Wirr und schlummerbefangen fuhr fie in später Vormittagsstunde auf den wiederholten Zuruf der vor ihrem Bette stehenden Sophie empor. Aber der Anblick der Zofe, aus deren Munde sie gestern die erste Schreckensnachricht erhalten, reichte vollkommen hin, ihr alle Ereignisse des verwichenen Abends ins Gedächtnis zurückzurufen. „Was giebt es, Sophie?" fragte sie erschrocken. „Was ist geschehen? — Sage mir die Wahrheit — man hat ihn ergriffen?" Doch die einfältige Person schien den gestrigen Vorfall bereits vergessen zu haben; denn sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Von wem spricht das gnädige Fräulein? — Gewiß hat das Fräulein geträumt. Es ist immer ungesund, so in den Tag hinein zu schlafen. Und Seine Gnaden, der Herr General haben nun schon zum drittenmale nach dem Fräulein gefragt". Eine Bergeslast wälzte sich von Elisabeths Brust; aber fie war noch immer nicht ganz beruhigt. „Mein Vater? Und sah er zornig aus, Sophie? Glaubst Du, daß es eine besondere Ursache hatte, weshalb er nach mir fragte?" „Eine besondere Ursache? — Ei, ja wohl. Wir müssen uns wahrscheinlich noch heute reisefertig machen, gnädiges Fräulein! Der Krieg steht vor der Thür, und da sei für schutzlose Frauenzimmer hier in dem großen Hause nicht der rechte Ort — meinten Seine Gnaden".. Elisabeth war während dieser Auskunft aus dem Bette gesprungen. Statt der lähmenden Bangigkeit hatte sich jetzt eine brennende Ungeduld ihrer bemächtigt, ein unwiderstehliches Verlangen, Sixtus von Plothow wiederzusehen, aus seinem eigenen Munde zu vernehmen, daß Franz glücklich geborgen sei, und in seinen Augen zu lesen, daß er ihr nicht mehr zürne, weil ihre Bitten ihn in chn so gefährliches Abenteuer gedrängt hatten. Viel schneller als sonst hatte sie mit Sophiens Hilfe ihre Toilette beendet. Die behutsamen Fragen, die sie wählend des Ankleidens an ihre Zofe gerichtet, hatten sie vollends überzeugt, daß hier im Hause bisher weder von der That ihres Vetters, noch von seiner Flucht etwas bekannt geworden war, und in beinahe heiterer Stimmung eilte sie eine Viertelstunde später in die Gemächer des Vaters, um ihm den heute so arg verspäteten Morgengruß zu bieten. (Fortsetzung folgt.) Vatertrme. Ein Erinnerungsblatt zu Johann Sebastian Bachs 150. Todestag, 28. Juli. Von C. Norden. Nachdruck verboten. In dichten Reihen saßen die Andächtigen an einem Sonntage des Jahres 1727 in der Thomaskirche zu Leipzig und lauschten voll Bewunderung einer Kantate, die von 423 per Orgelempore herabtönte. Vor den Sängern stand der Komponist des Werkes, Johann Sebastian Bach. Seine kräftige Gestalt war hochaufgerichtet, sein geistvolles Antlitz unter der großen Allongeperrücke spiegelte alle Regungen seiner Seele wieder. Jeden Sonntag pflegte er ein Kantate aufzuführen; in den vier Jahren, die er hier verlebt, hatte er den Leipzigern manche köstliche Blüte seines Genius geschenkt. Aus die Kantate folgte der Gottesdienst; als sich die Menge nachj demselben zerstreute, setzte sich der Meister vor die Orgel. Klänge voll Majestät und Innigkeit hallten durch den hohen Raum. Im Schift der Kirche stand ein Jüngling und schaute mit leuchtenden Augen hinaus zur Empore. Als der letzte Ton leise verklang, strich er sich- erregt durch seine dunklen Locken und schritt dann rasch die Treppe empor zu dem einsamen Manne, der im stillen Gebet das Haupt gesenkt. Erstaunt sah Bach auf, als der Jüngling lebhaft, mit fremdartigem Aceent ausrief: „Maestro Bach, ich muß Euch danken sür Eure Kantate, Euer Spiel! Der Ruf von Eurer Künstlerschaft drang zu mir nach Palermo, wo ufy — Riccardo Rovelli — Kapellmeister am Teatro Bellini bin. Den Wundermann mußt Du hören!" sagte ich mir und kam her. Meine Erwartungen sind noch übertroffen, Meister, ich verehre Euch!" Er drückte seine Lippen auf des Komponisten Hand; wohl waren Bach überschwengliche Huldigungen unsympathisch, aber die Kunstbegeisterung des Fremden berührte ihn warm. Da derselbe mit den italienischen Musikverhältnissen vertraut schien, wandelte den Meister die Lust an,, mehr davon zu hören. „Wenn Ihr mit unserem einfachen Mittagsmahl vorlieb nehmen wollt", sagte er, „so begleitet mich. Ein Teller Suppe ist sicher für Euch übrig." Enthusiastisch stimmte Riccardo zu und schritt neben Bach zur Kantorwohnung, die sich in der nahen Thomas- schule befand. Schon war die zahlreiche Familie des Komponisten im Speisezimmer versammelt. Anmutig begrüßte Anna Magdalena, Bachs.zweite Frau, den Fremden und wies ihm einen Platz zwischen ihrem Manne und dem ältesten Sohne, dem genialen Friedemann, an. Reben der Mutter saß die 16 jährige Elisabeth Friederike. Die Sonne siel durch das Fenster auf ihr blondes Haar, daß es wie gesponnenes Gold erglänzte. Des Italieners Blicke wurden magnetisch davon angezogen. In seiner Heimat gab es nur dunkelhaarige Frauen und Mädchen, und sie pflegten mit ihren Feueraugen den Mannern kühn ins Gesicht zu sehen. Dieses noch halb kindliche Mädchen hielt die Augen gesenkt und beteiligte sich nicht an dem Gespräch Rach Tisch wurde musiziert; Friedemann spielte ein leidenschaftlichmelancholisches Stück auf seiner Geige, dann sang die junge Frau mit ihrer klaren Sopranstimme eine Arie ihres Gatten, und zum Schluß sagte der Meister: „Run, Elisabeth, laß uns auch etwas hören!" Die Angeredete errötete tief; es war ihr peinvoll vor dem Fremden zu singen, aber gegen des Vaters Wunsch gab es keinen Widerspruch Gehorsam begab sie sich an das Cembalo und gleich darauf schwebte ihre weiche Altstimme durch das Zimmer. „Kein Hälmlein wächst aus Erden, Der Himmel hats betaut, Und kann kein Blümlein werden, Die Sonne hats erschaut. Wenn Du auch tief beklommen In Waldesnacht allein, Einst wird von Gott Dir kommen, Dein Tau und Sonnenschein. Dann sproßt, was Dir indessen Als Keim im Herzen lag, So ist kein Ding vergessen, Ihm kommt ein Blütentag!" Der innige Vortrag dieser Komposition Friedemanns entzückte Rovelli; seine Augen hingen an dem bewegten Antlitz der Sängerin, da schlug auch sie ihre Augen auf, große, blaue Veilchenaugen, wie Rovelli noch keine geschaut. In der Nacht träumte -e,r von diesen leuchtenden Sternen, und am anderen Tage war er wieder im Kantorhäuschen. Sebastian Bach sah den strebsamen Musiker gerne kommen; heute hatte Riccardo seine Geige mitgebracht, und bewies, daß er ein Künstler war. Elisabeth saß in einer Fensternische; ihr Kinderherz erbebte bei dem jubelnden, klagenden Klang des kleinen Instrumentes. An diesem Abend sprach Rovelli zum ersten Male mit ihr, und dann uchte er jede Gelegenheit, ihr zu, nahen, ihr zuzuflüstern: „Bellissima Elisabeth«!" Bach achtete dessen nicht, eine große Komposition be- chäftigte seinen Geist. Die Mutter aber, die ihre Stiefkinder mit derselben treuen Liebe umfing, wie die eigenen, äh mit Besorgnis Elisabeths heiße Wangen, des Italieners verlangende Blicke. Wohl gönnte sie dem Mädchen eine echte Liebe, einen guten Mann, wie ihr Sebastian es war, aber gegen Riccardo Rovelli empfand sie ein leises Mißtrauen. Eines Tages erzählte Bach dem jungen Bekannten von seinem Dresdener Aufenthalt im Jahre 1717, als eine Anwesenheit den französischen Virtuosen Marchand vertrieben und fragte im Anschluß daran seinen Sohn: „Friedemann, wollen wir uns nicht die schönen Dresdener Liederchen wieder anhören?" Er meinte damit die italienische Oper, die von seinem guten Freunde Hasse geleitet wurde, und in welcher dessen schöne Gemahlin, Faustina, mitwirkte. Friedemann sagte mit Freuden ja, da bat Rovelli: „Nehmt auch mich mit, Meister, es interessiert mich, unsere Opern aus einer deutschen Bühne zu hören." Als am nächsten Tage der Reisewagen vor der Thüre stand, ging Elisabeth schweren Herzens umher; wohl hatte Riccardo ihr zugeflüstert, sie werde ihn bald nach Leipzig zurückziehen, aber auch die kurze Trennung drückte sie hart. Gerade trug sie des Vaters Reisemantel durch den Vorraum, da sprang Novelli die Stufen empor. Mit leidenschaftlicher Bewegung zog er sie an sich, küßte ihr goldenes Haar, ihren Mund. Zwar entwand sie sich ihm, doch treses Glück erfüllte ihre Seele. In wunderseligen Träumen dachte sie der Zukunft. r .. Einige Zeit war vergangen, da kehrten dre berden Bachs heim, Riccardo Novelli war nicht bei ihnen. „Die schönen Augen der Faustina, und ihre Prachtstimme nahmen ihn ganz gefangen", berichtete Bach lächelnd, „er läßt Euch grüßen, geht aber mit Faustina nach Venedrg". Mühsam einen Weheschrei unterdrückend, preßte Elisabeth die Hand aufs Herz; die Mutter sah ihr entfärbtes Antlitz und zog sie tröstend an sich. Da löste sich- des Mädchens Schmerz in Thränen. „Der Bube soll es büßen!" rief Bach zornig, als er der Tochter Beichte vernommen, „ich! reise ihm nach —" „Vater, laß ihn, Gott wird ihn richten!" „Du hast recht, mein Kind, vergiß ihn, er war Deiner nicht wert. Denke an die Liedesworte: „Wenn Du auch tief beklommen In Waldesnacht allein, Einst wird von Gott Dir kommen' Dein Tau und Sonnenschein!" Seine Stimme war weich geworden, zärtlich drückte er Elisabeth an sich, dann setzte er sich an das Cembalo und ernst, feierlich, tröstend verklang der Choral: „Ein' feste Burg ist unser Gott." Es war sechs Jahre später. Aus dem Studierzimmer Bachs ertönte seine zürnende Stimme. Er saß, umgeben von seinen Schülern Agricola, Kirnberger, Ziegler, seinem Sohn Philipp Emanuel und kritisierte die Komposition eines vor ihm stehenden jungen Mannes. , . Höre Er, Altnikol, des Generalbasses Firns und Endursache soll anders nicht, als nur zu Gottes Ehre uno Rekreation des Gemüts sein. Wo dieses nicht m acht genommen wird, da ist keine eigentliche Musik, sondern ein teuflisches Geplärr und Geleyer. Er hat sich bisher stets nach seinem srüheren schlechten Lehrer gerichtet, nun laste Er seine eigene Seele wiedertönen in Harmonie, ^ch hoffe, dann wirds besser." „ Stumm entfernte sich der Jüngling, er hatte es ja schon in seiner Heimat gehört, daß der Meister seine Schuler oft hart anlasse, einen Alumnen sogar wahrenu des Gottesdienstes vom Chore gejagt, dem Organisten ferne Perrucke an den Kops geworfen mit den Worten: „Er hatte lieber sollen 'ein Schuhflicker werden!" Altnikol hatte ihn bisher 424 aber nur gütig und geduldig gesehen. Gewiß war seine Arbeit heute sehr schlecht, und er würde das heiß ersehnte Ziel nie erreichen, ein guter Musiker zu sein. Seufzend lehnte er sich an den Treppenpfosten, heiße Thränen rannen aus seinen Augen. Da trat Elisabeth aus den Flur. Ihre Gestalt war groß und schlank geworden, ihr holdes Antlitz war ernst; voll Mitleid trat sie zu dem Betrübten. „Was habt Ihr/ Altnikol? Ist Euch ein Kummer widerfahren ?" „Euer Vater hat meine Komposition verworfen, Jungfer Bach, und doch war sie mit so viel Liebe verfaßt! Nie werde ich etwas Tüchtiges leisten!" „Hat der Vater.Euch fortgeschickt?" „Gottlob, nein." „So verzagt nicht, gewiß war sein Tadel gerecht, aber da er Euch als seinen Schüler behält, glaubt er an Euer Talent." „Ach, Jungfer Bach, Ihr gebt mW dem Leben wieder. Habt Dank! 9iun will ich den Zweifel abthun und unermüdet weiter streben." „Thut das", erwiderte sie freundlich. „Ohne Ringen kein Sieg, ohne Leid keine Freude!" „Elisabeth!" ertönte eine schwache Stimme. „Die Mutter ruft. Geht, lieber Altnikol!" Sie reichte ihm die Hand und schlüpfte in das Schlafzimmer, wo Frau Anna Magdalena, die ihrem Gatten vor kurzem ein Töchterchen geschenkt, ruhte. Mit geschickter Hand bettete Elisabeth die Leidende besser, versorgte das kleine Mägdlein und beschwichtigte das laute Gespräch der Brüder in der Kammer. Und wieder tönte es: „Elisabeth!" Es war Bachs Stimme. Das Mädchen flog die Treppe hinaus. Die Schüler waren gegangen, Bach saß über ein Notenheft gebeugt. „Hier, Kind, dieses Gloria muß in wenigen Tagen kopiert sein. Willst Du die Arbeit statt der Mutter übernehmen?" „Gerne, Vater, wenn ich darf." Er gab ihr die nötigen Anweisungen und rüstete sich dann zum Spaziergange. Elisabeth aber versenkte sich ganz in die Komposition. Ein friedlicher Ausdruck lag aus ihren Zügen. Der Sturm, der einst ihre Seele durchbraust, war längst gestillt, die schnelle Liebe zu Rovelli ertötet. Aber die tiefe Scham, daß sie einem Unwürdigen ihr Herz geschenkt, und das Leid, wären nicht so bald gewichen, wenn ihr Vater ihr nicht geholfen, ihr herrlicher Vater, der nicht nur ein hervorragender Musiker, sondern auch ein so guter und großer Mensch war. Er gab ihr als Trost die Arbeit, und was anfangs nur Mittel, ward ihr allmählich Lebenszweck. Ihre Thätigkeit befriedigte und beglückte sie. Altnikol fiel ihr ein. Bisher hatte sie wenig auf ihn geachtet. Er war still gekommen und gegangen; heute hatte sein feines, intelligentes Gesicht mit den sanften Augen, der sittliche Ernst, der aus seinen Worten sprach, ihr gefallen. O, der würde schon ans Ziel kommen, und ihr Vater sollte ihm dazu helfen. Der Weihnachtsabend des Jahres 1734 nahte sich seinem Ende. Hell brannten die Kerzen in der Thomas- kirche. Das Musikchor, die Sänger, versammelten sich; in dem ersteren wirkten, wie immer, bei Festaufführungen Bachs Privatschüler mit, als erster Geiger dieses Mal Altnikol. Er sah frisch und zufrieden aus, feine Leistungen hatten immer mehr des Meisters Wohlgefallen erregt, er war jetzt sein Liebling. Da erschien Bach, und nun begann die Sinfonia zu seinem eben komponierten Weihnachtsoratorium. Er mußte in glülckicher Stimmung gewesen fein, als er sie schrieb, denn eine holdere Sprache hatte er noch nie geredet. Als das Ende verklang und das Publikum in weihevoller Stimmung die Kirche verließ, war des großen Tondichters Antlitz von Freude verklärt; er wußte, er hatte etwas Unsterbliches geschaffen. Noch die goldenen Melodien in den Ohren, schritt Altnikol feiner Behausung zu. Lichterglanz strahlte ihm aus seinem Kämmerlein entgegen; ein winziges Tannenbäumchen stand auf dem Tisch und darunter lagen einige praktische Sachen. Seine Augen feuchteten sich er wußte, wer feiner, des Verwaisten, gedacht, — Elisabeth, sein Schutzengel, sein guter Geist, Elisabeth, die er liebte! Es drängte ihn, ihr zu danken; schnell trugen ihn seine Füße über den knirschenden Schnee zur Thomasschüle. Er traf Elisabeth an derselben Stelle an, an der sie ihn damals getröstet. Da ergrifss seine Seele mit Stnrmes- gewalt, und er bekannte ihr seine Liebe. Und sie? Längst war auch in ihr Herz jenes Gefühl eingezogen, dessen Abglanz sie einst unglücklich gemacht, doch jetzt war es eine starke, wärmende Flamme. Innig schmiegte sie sich in seinen Arm, und so traten sie vor den alten Bach. Er umschloß ihre vereinten Hände mit den seinen, tief senkte sich sein Blick in seines Kindes klares Auge und er sagte warm: „So ist kein Ding vergessen. Ihm kommt ein Blütentag!" Wenige Jahre danach ward Elisabeth Altnikols geliebtes Weib. Mit dem Vater blieben sie in steter Verbindung, und als der greife Meister zum Sterben kam, standen Elisabeth und Altnikol an seinem Lager, und er diktierte dem letzteren den Choral: „Wenn wir in höchsten Nöten sein!" Nach einem reichen, langen Leben ereilte ihn der Tod am 28. Juli 1750. Gesegnet sei sein Andenken! Ctttcrarifcbes. Heinrich Seidels Erzählende Schriften, Bd. 4. Verlag der I. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger, G. m. b. H., Stuttgart. „Nun wollen wir aber mit dem Seidel aufhören", sagte meine Schwester, der ich obgedachte Bandausgabe zu verehren versprochen hatte, nach Erhalt des 3. Bandes. „Dieser Band fällt doch gar zu sehr ab gegen die beiden ersten!" — „Ja, Leberecht Hühnchen, das ist eine Perle von bleibendem Wert, auch der erste Band der Vorstadt- geschichten ist nicht ohne Reize, aber der zweite läßt mich mit wenigen Ausnahmen kalt". — „Ja, beste Schwester, wenn das nur so ginge", erwiderte ich, „dieser Seidel wird aber nicht Muckweise verzapft, man muß halt sämtliche Bände, sieben an der Zahl, abnehmen. Zudem hat der Dichter, wie andere Sterbliche, zuweilen auch schwache Stunden; nicht alles gelingt ihm gleich vollendet. Warte nur den vierten Band ab, der wird Dich sicher versöhnen". Und in der That, nun er vor ober vielmehr hinter mir liegt mit seinem reichen Inhalt: Odysseus, die goldene Zeit, Drei Rosen an einem Zweig, Eva, Hans Beinharts Abenteuer, Jorinde, davon die erste und vorletzte Erzählung vor etwa zwölf Jahren zuerst im Daheim erschienen, finde ich mein Urteil gerechtfertigt. Das find wieder durchweg echte Kinder Seidel'fcher Muse, tief empfundene Schilderungen, fesselnd durch ureigene Anmut, lebenswahr und lebenswarm; mit einem Worte Heimatgeschichten. Anagramm. Nachdruck verboten. Ein nützlich' Tier ist es, Vier Zeichen hat sein Name. Stellst du sie richtig um, So wird es eine Dame. m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nummer: Saul Anna Unze Laer RMtiro: L. vnrkhnrdt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitit»-Buch- und Steiudruckerei (Pietsch Erben) in Bietzen.