Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Schmetternde Musik, lautes Lachen des Publikums, ungestüme Bravorufe, — Welleu und Wogen entfernten Lärmes, der zu der einsamen Gruppe hinüberdrang — Versunken in dieser Umarmung, in der sich die Trennung so langer Jahre endlich zu Thränen, zu schluchzenden Worten auflöste, standen sie aneinander gelehnt, und vernahmen nichts von dem verworrenen Getön. Nettchen hielt ihre Lippen auf die zerfurchten Greisenhände gepreßt, ihr Arm stützte die schwanke, alte Gestalt. So standen sie lange, bis der kleine Paul, verwirrt von der Szene, beiseite blieb, sich an die Großmutter drängte, und eindringlich seinen Kopf zwischen ihre Kleiderfalten schob — da sah ihn Nettchen, kniete nieder vor ihm und legte bittend, fast andächtig ihre Arme um den blonden Lockenkopf, aus dem ihr des Jugendfreuudes schüchterne Augen entgegenschauten. — , , , Paul der Aeltere hatte in großer Unruhe den Fortgang der Vorstellung über sich ergehen lassen. Pauls und der Großmutter langes Fortbleiben ängstigte ihn. Er wäre gern aufgestauden, um ihnen nachzugehen, aber er zitterte davor, dieselben Blicke, welche vorhin so verweisend fernen Sohn getroffen hatten, nunmehr auch auf sich zu lenken. Eine furchtbare Schüchternheit hielt ihn gepackt; die Programmnummer ging vorüber, eine neue begann und neigte sich bereits gleichfalls ihrem Ende, ohne daß er es gewagt hätte fich zu entfernen. Schweiß stand ihm auf der Strrn. Er fühlte daß, so groß seine Sorge um seine beiden Angehörigen war, es ihm physisch unmöglich fern wurde, stch während der herrschenden, andächtigen Stille aus der drcht- gedrängten Reihe zu erheben, um an allen vorbei nach dem Ausgange zu streben. — , „ .<■ Heiße Scham vor seiner eigenen Feigheit erfüllte rhn. 1900. m il* Jalil] as auf das Leben folgt, Deckt tiefe Finsternis; Was uns zu thun gebühret, Des nur sind wir gewiß. Dem kann kein Mißgeschick, Kein Tod die Hoffnung rauben, Der glaubt, um recht zu thun, Recht thut, um froh zu glauben. Immanuel Kant. Warum war er hervorgekommen aus seinem verborgenen Winkel — er, der das Leben fürchtete, der vor den Menschen zitterte, der sich wie ein Maulwurf ungesehen dahinstahl, der keinen Mut zum Dasein hatte, und zu furchtsam war, um dem geringsten Kampfe in's Auge zu sehen? So war er gewesen von Jugend an — damals als ihn noch die Schulkollegen mit seinem kurzen Fuße höhnten, damals als er Nettchen liebte, damals als das Geschäft abbrannte, damals als Johanne starb. So war er und blieb er bis in die kleinen Gelegenheiten hinein, in denen das Leben von ihm die geringste Kraftanstrengung, den kleinsten Beweis von männlicher Selbständigkeit forderte. Er vermied, er floh den Kampf, — und er würde mit den Seinen untergehen in der Armut und Hilflosigkeit, die seit dem Unglück über sie hereingebrochen waren, — er würde das Geschäft völlig zu Grunde gehen lassen, und sich auflösen in dieser grauen Schwermut, dem dumpfen Zagen und Bangen, — Und staunend, voll bitteren Neides streifte fein Blick all' die lachenden, frohen Gesichter, welche der Manege zu- gewandt waren. Lautes, Helles Gelächter, das so lercht emporflog, und an den dünnen Wänden wiederschallte. Blicke voll Glanz und Leben, und auf den Kindergesichtern ein wahres Schmetterlingsflattern von Lächeln und Entzücken. Paul der Kleine trat vor seine geistigen Augen, — in seinem stillen Kinderernst, seiner großväterischen Kinderwürde. Und eine unnennbare Angst krampfte des Vaters Herz zusammen. „Nein, — armes Kind, nicht wie ich sollst Du werden!" Er war aufgesprungen, wollte hinaus. Da sah er bei der zweiten Tribünenreihe die Großmutter daherkommen, den Knaben an der Hand. Eilig, das Gesicht von einem seltsamen Strahl erfüllt, kam sie näher. Die ungeduldigen Zurufe der Menschen störten sie nicht. „Paul", flüsterte sie, als sie den Platz erreicht hatte, und sich tiefaufatmend neben dem jungen Manne niedergelassen hatte. „Ich sage es ja immer, der liebe Gott lebt noch, Paul!" Sie faßte krampfhaft seine Hand. Paul blickte ihr besorgt ins Gesicht. Ihre runzligen Wangen waren gerötet, ihre Hände bebten, und in ihren Augen lag ein unruhiger Glanz. „Was ist Dir?" fragte er, indem er die Menschen rings um sich, seine Schüchternheit und seine Angst vergaß, und nichts sah, als dieses tief erregte, thränenfeuchte Gesicht. — Da begann schmetternd das Atusikkorps einzusetzen, eine Wolke von Papierschnee senkte sich aus der Höhe der Wölbung herab, bunte, bengalische Flammen zuckten in der Manege zwischen eisbedeckten Blöcken und wilden Felsriffen auf. Nordpolfahrer in weißen Pelzröcken, Eisbären und Erdhütten erschienen blitzschnell aus der Szenerie, und ein pfeifendes, johlendes Geräusch, als brausten Nord- 234 stürme über dieses Stück hervorgezauberter Erde hinweg, erstickten für einen Moment die geflüsterten Worte der Greisin. Aber Paul hatte sie doch verstanden. — Die Großmutter hatte geglaubt, daß er vor lieber» raschung, vor Freude außer sich geraten würde. „Paul!" stieß sie hervor, „denke doch, mein Sohn! Sielst da! Wir haben sie wiedergefunden!" Er nickte nur, stumm und erschüttert. Er fand kein lebhaftes Wort. In seinem Innern war alles so still und erstorben, es gab keinen Widerhall mehr da drinnen für großes Leid, und auch nicht für große Freude. Nur Wehmut durchschauerte ihn, es war ihm bei der Nachricht von diesem Wiederfinden, als blicke er in das Jugendland zurück, das für alle Ewigkeiten abgeschlossen hinter ihm lag. „Jung', — freust Du Dich nicht — so wache doch auf, Paul!!" Die alte Frau hatte seinen Arm erfaßt und zog ihn vom Sitz empor. „Die Pause ist da, — komm hinaus, sie wartet draußen mit Sehnsucht". Als sie in den Rundgang kamen, war Nettchen nicht mehr da. Ein kleines Mädchen, eine Portiers- oder Logen- schließertochter stand am Eingänge zu den Artistinnen-Gar- deroben und trat sofort auf sie zu. „Sind Sie die Familie Brinkmann? Eine Empfehlung von Fräulein Nettchen, und sie hat nicht so lange warten dürfen, sie kleidet eben Fräulein Clotilde Hager an. Bis einhalb 11 ist sie beschäftigt, und darf nicht von ihrem Posten fort. Ob die Herrschaften so freundlich sind und das Fräulein hier im Zirkusrestaurant erwarten wollen?" „Warum nicht, Paul", sagte die Großmutter, der plötzlich Nnternehmungs- und Lebenslust in die Glieder gefahren zu sein schien. „Wir essen dort 'ne Portion Würstchen mit Salat, und trinken Bier dazu". Paul blickte nach der Großmutter hin. So frisch hatte ihre Stimme schon lange nicht geklungen, es war als wenn neue Daseinsfreude von ihr ausging. Hatte Nettchen diesen Strom von Leben mitgebracht? Er sah sie im Geiste vor sich, das blühende, gesunde Mädchen, 'mit dem unverwüstlichen Frohsinn, den immer lachenden Lippen. Und Johannes Bild stieg vor ihm auf, — sanft und still, voll schmerzlichen Ernstes. Da ergriff ihn eine seltsame Empfindung. Etwas wie stumme Abwehr — fast etwas wie Haß gegen die einstige Jugendgeliebte, die von neuem zwischen ihn und die Seinen und das Andenken an die Tote zu treten begann. Johanne in ihrer milden Verklärtheit, und Nettchen in der gesunden Lebensfülle, von der einst eine ko grausame Macht auf ihn ausgegangen war, standen in seinem Herzen einander gegenüber, und sehnsüchtig flüchtete er sich zu dem stillen Bilde der Verklärten.--- „Hier also ist es !" dachte Nettchen, als sie den kleinen Hof des Tempelhofer Grundstückes betrat. Den freien Sonntagmorgen, welcher dem Tage des Wiedersehens gefolgt war, hatte sie benützt, um sich in frühester Stünde auf die Bahn zu setzen und dem Wohnort der geliebten Menschen entgegenzufahren. Es war acht Uhr morgens, und viele Fensterladen in der einsamen Straße noch geq schlossen, während sie der Wohnung zuschritt. Ihre Gedanken eilten ihr voran und umfaßten in Liebe die, welche sie so verändert wiedergefunden hatte. Wie hatte sich die Hand des Schicksals auch hier niedergesenkt, und zerbrochen und vernichtet. Wie klein schien ihr jetzt ihr eigener Gram, gegenüber der tiefen Entmutigung, die sie in Pauls Zügen gelesen hatte! Sie hatte sich wieder vom Boden erhoben) war wieder gesundet und zu Kraft gelangt. Gute Menschen hatten sich ihrer angenommen, sie hatte Arbeit gefunden, und täglich mehr fühlte sie, wie ein neuer Lebensmut in ihren Adern kreiste, wie ihr Wesen sich zu hebeu itnb zur alten Kraft zurückzukehren begann. Lange stand sie vor dem kleinen, dürftigen Hofgebäude, !d.as ihr als die Wohnung der Brinkmanns bezeichnet wurde. Wo war der einstige Wohlstand hin? In den zwei Stuben, durch welche die Großmutter sie in stummer Wehmut führte, fah es fast ärmlich aus. Die besten Stücke vom Hausrat fehlten — „das alles hat der Brand auf dem Gewissen", sagte tonlos die alte Frau. „Ich will Dir nur sageu", fuhr sie flüsternd fort, „wenn's im Geschäft nicht bald besser wird, dann kommt der Konkurs." Paul sah im Wohnzimmer und schrieb. Es waren Geschäftsbriefe, die er verfaßte, Rechnungsformulare, Bescheinigungen für gelieferte Beträge. Aber er quälte sich an ihnen herum ohne Lust und Eifer, und auf seinen Zügen lag Abspannung. Das Zimmer war voll Sonnenschein. Nettchen lief auf Paul den Kleinen zu, der in der Mitte der Diele auf einem niedrigen Rohrstuhl saß und ernsthaft seinen kleinen Stiefel mit der flachen Hand besohlte. Sie nahm ihn auf ihre Arme, küßte seinen kleinen, runden Hals und lief mit ihm ans Fenster. Ein Kind im Arme halten, das war ein neues, seliges Gefühl, das war eine Wonne, die sie sich während ihrer traurigen Ehe im Trauni und im Wachen ausgemalt hatte. „Paul!" rief sie aus, „wie kannst Du den Kopf hängen lassen, da Du das Kind hast!" ; Sie trat zu ihm hin und hielt ihm den kleinen Menschen entgegen, der zum ersten Male eine solche Flut von lebendiger Wärme um sich fühlte, und unter den ungestümen Küssen ganz rot und atemlos geworden war. „Nein," fuhr sie fort, „ich werde nicht müde, ihn an- zusehen, er ist Johanne ganz und gar!" Ihre Augen schweiften über die Wände und blieben an dem Bilde der Verstorbenen hängen. Dann ließ sie sie mit scheuem Prüfen über die Gegenstände streifen, die sie noch kannte, den großen Eßtisch, an dem sie einst ihre Schularbeiten gemacht hatte, die Hängelampe mit der blauen Kuppel, den Fenstertritt mit den Gummibäumen und das ausgesessene Ledersofa. Unzählige Erinnerungen stürmten auf sie ein, und hoch war neues in dieser gelichteten, schlichten Umgebung, Reste einstigen, anmutigen Schmuckes; hier ein geflochtenes Körbchen, aus d'em künstliche Blumen hingen, dort über dem Sofa ein Bündel vergoldeter Tannenzapfen. Der Kanarienvogel, der alt und kahl geworden war, und wie ein Philosoph nachgrübelnd auf seiner Stange saß, hatte ein Bauer aus weißlackierten Birkenzweigen — und eine dicke Dolde Ebereschen, deren längst verdorrte Blätter mit silberner Tusche gerändert waren, hing wie eine Baumkrone über dem Vogelhausdach. „Kennst' alles noch?" fragte die Großmutter mit einem wehmütigen Lächeln. Sie war eingetreten und stellte die Kaffetassen auf dem Tisch zurecht. — Plötzlich ging sie in die Ecke und holte Paul des Jüngeren Puppe hervor; dasselbe einbeinige und träumerisch lächelnde Wesen, das Nettchen seinerzeit so gern an die Decke geschleudert hatte und dessen Augen im Laufe der Zeit aus den Höhlen getreten waren und wie Fühlhörner an den langen Stielen hingen. r (Fortsetzung folgt.) Vom Heiraten. Nachdruck verboten. Die Art und Weise, sich eine Frau zu verschaffen, ist bei den Völkern der Erde sehr verschieden. Hie und da, so bei einigen Jndianerstämmen, findet sich die Anschauung, daß das Weib ein Gegenstand sei, den der Stärkere dem Schwächeren jederzeit nehmen dürfe. Diese Auffassung leitet zu einem Erwerbe des Weibes durch Wettkampf. Bei den Hudsonsbai-Jndianern z. B. war es Sitte, um den Besitz eines Weibes zu ringen. Bei den Chavantes (Süd- Amerika) führt unter mehreren Bewerbern derjenige die Braut heim, welcher einen schweren Holzblock am weitesten tragen oder im Laufe aufraffen und am weitesten werfen kann. Bei mehreren Stämmen der Indios bravos von Peru werden die Jungfrauen als Preis ausgesetzt, und die jüngeren Männer müssen untereinander auf Leben und Tod für sie kämpfen. Die alten Krieger sind dabei die Schiedsrichter. Dem entspricht es im Altertum, wenn Ata- lanta sich dem besteck Läufer ergiebt, oder in Neu-Seeland, zwei Werber das Mädchen je an einem Arme fassen und derjenige es erwirbt, welcher es zu sich hinzieht. Im Aztekenreiche in Mexiko wurde, wenn mehrere sich um ein Mädchen bewarben, die Entscheidung durch eine Art von Duell herbeigeführt. Auf gewissen Entwickelungsstufen ist der Raub die regelmäßige Form, zu einem Weibe zu gelangen; nament- 235 - fiel) werden die Frauen gern aus fremden Stämmen entführt. Letztere Sitte herrscht bei den ausgestorbenen Tasmaniern, sowie bei den Papuanen Neu-Guineas und aus den Fidschi-Inseln. Noch heute muß der Samojede und der Lappe sich mit List oder Gewalt eines Mädchens aus fremdem Stamme bemächtigen. Dem Gebrauche des Frauenraubes begegnen wir auch in den Traditionen zahlreicher Völker, z. B. in jener Erzählung der Bibel, wonach die Männer des Stammes Benjamin die zum Tauz ver- sammelten Töchter Siloh's entführten, sowie in der bekannten römischen Sage vom Raube der Sabinerinnen, in welcher der in den römischen Sitten als Zeremonie fortlebende Frauenraub in historische Form gebracht war. Wie verbreitet diese Sitte in alter Zeit war, geht daraus hervor, daß sie sich bei vielen Völkern, bei denen mildere Sitten die Oberhand gewannen, als zeremonieller Gebrauch erhielt. So führten nach P l u t a r ch's Bericht bei den Spartanern, obwohl bei ihnen die Ehen unter Einwilligung der beteiligten Familien geschlossen wurden, die Freunde des Bräutigams eine Szene auf, die eine gewaltsame Entführung der Braut vorstellte. Derselbe Gebrauch herrschte noch vor wenigen Generationen in Wales, wo die kriegerisch ausgerüsteten Freunde des Bräutigams die Braut entführten. In Irland wurden sogar Speere gegen die Angehörigen der Braut geschleudert, allerdiugs aus einer solchen Entfernung, daß eine Verletzung ausgeschlossen war. Trotzdem ereigneten sich zuweilen bei diesem Scheinkampfe infolge von Unvorsichtigkeit Unfälle, und ein solcher Unfall, der für einen gewissen Lord Hoath den Verlust eines Auges zur Folge hatte, scheint dieser Sitte ein Ende gemacht zu haben. Eine andere Art des Erwerbes von Frauen ist der Brautkauf. Als nackten Brautkauf finden wir die Ehe z. B. in Afrika. Man einigt sich vielfach schachernd und feilschend über den Kauf der Braut, wie über ein anderes Kaufobjekt. Aber nicht blos in Afrika, auch unter den Beduinen Süd-Arabiens ist das der Fall. In Süd-Afrika wird der Kaufpreis gewöhnlich nach Ochsen ausgedrückt, und die Mädchen erscheinen nicht billig taxiert; bei den Kaffern zahlt der Bräutigam wohl 6 bis 30 Ochsen für die Braut. Für den Mann, der eine Anzahl Töchter besitzt, ist also die Heirat oft ein sehr profitables Geschäft und kann (int großen Gegensätze zu unseren Verhältnissen) zu einer Quelle des Reichtums werden; denn indem er sie verkauft, bekommt er vielfach herein, was ihm die eigene Ehehälfte gekostet. Von diesem Standpunkte aus erscheint somit die Frau als eine ganz gute Kapitalanlage. Spekulative Häuptlinge haben sogar aus dem Umstande, daß der Besitz der Tochter unter Vaterrecht zu einem Ausflusse der väterlichen Macht geworden ist, Nutzen gezogen. Sie versuchten im großen, was die armen Arekunas nur günstigenfalls Km kleinen thaten; sie etablierten ein Geschäft in Bräuten. So.wußte der Basutohäuptling Mosheswe, als er 1815 zur Regierung gelangte, das Volk dadurch für fich zu gewinnen, daß er fein Viehvermögen dazu verwendete, den armen Leuten, die aus Mangel an Mitteln hatten Jun'gesellen bleiben müssen, zu dem ersehnten Weibe zu verhelfen. Zugleich wußte er es so einzurichten, daß seine Vermittelung eine ganz gute Kapitalanlage wurde. Indem er nämlich einem Unterthanen um ein paar Ochsen eilt Weib kaufte, bedang er sich den Ertrag als Kapitalrückzahlung aus. So fielen ihm also alle Töchter aus solchen Ehen anheim, und da er diese schon nach zwölf Jahren wieder verkaufen konnte, so floß ihm sein Anlagekapital bald und reichlich zurück. Kein Finanzkünstler aber hat noch die alten Könige von Dahomey übertroffen, welche, indem sie das Vaterrecht int Stamme auf sich bezogen und beschränkten, als Väter desselben die geschätzteste aller Waren, die Frau, für sich im ganzen Staate monopolisiert haben. Dort zog der König die volle Konsequenz aus der Königsvorstellung, wie sie noch in Ostasien lebt; er betrachtete sich als den großen Familienvater aller und sonach für den Herrn und Mundinhaber aller Frauen und verkaufte sie für seine Rechnung den Unterthanen zur Ehe. Auch die altjüdischen Ehen sind echte Kaufehen int ausgesprochensten Sinne. Die Texte sprechen nnbemäntelt vom „Erkaufen zum Weibe", vom „Kaufpreise einer Jungfrau" als von dem Gewöhnlichen. Das Gleiche gilt von der altgriechischen Ehe. Der Preis der Braut wird ganz, wie es heute in Süd-Afrika üblich ist, nach, Rindern bestimmt; nur müssen letztere bedeutend wertvoller gewesen sein, als sie es heute in Afrika sind; denn einmal schätzt Homer sogar ein kunstverständiges Weib nur auf vier Feldochsen. So galt es für ein Glück, Töchter zu besitzen; denn sie sind „rindererwerbend", sie bringen dem Vater Rinder zum Austausche ins Haus. Daß auch die germanische Ehe ganz auf demselben Grunde ruhte, ist schon wiederholt gezeigt worden. Mochte auch Tacitus nichts gesehen haben als Mitgift und Morgengabe, so sprechen doch die Volksrechte ganz unzweideutig vom „pretium emtionis", dem Kaufpreise, und das sächsische möchte wohl gar einen Tarif aufstellen, indem es sagt: Wer ein Weib heimführen will, der gebe den Eltern dreihundert Schillinge. Von den Dithmarschen erzählt Ne- ocorus, „daß sie ihre Töchter ohne Brautschatz verloben und verheiraten; es schenket und bezahlet der Bräutigam dem, in wessen Gewalt die Braut ist, so viel, als unter ihnen bewilligt und beliebt wurde". Eine weniger verbreitete Form des Frauenkaufes ist der Tausch. Sie scheint sich, bei den Malaien und einigen abessinischen Völkerschaften zu finden. Wer sich ein Weib verschaffen will, gießt dafür seine Schwester oder eine andere Frau, die er etwa aus einem benachbarten Stamme entführt hat. Auch in Australien besteht eine derartige Tauschmethode, indem der Bräutigam für das ungefähr zwölfjährige Mädchen, das er sich vermählt, seine eigene Schwester oder eine nahe Verwandte aus seiner oder seines Vaters Mundschaft dem fremden Stamme hingiebt. Bei zahlreichen Völkerschaften findet man endlich die Sitte, daß die Braut durch Dienst bei den Schwiegereltern erworben wird. Das ist der Fall bei manchen nordamerikanischen Jndiauerstämmen, bei den brasilianischen Indianern, bei den Battak auf Sumatra, den Tagalen auf den Philippinen; ebenso verdiente nach dem Berichte der Bibel Jakob seine Frau. Nur ganz vereinzelt kommt es vor, daß die Weiber sich die Männer wählen; bei den Visirern z. B. soll der Mann die Frau, welche ihn wählt, heiraten müssen, falls er dem Vater ihren Preis bezahlen kann, und von einigen Ortschaften in Nicaragua wird berichtet, daß die Mädchen sich aus den bei Festmahlen versammelten Junggesellen ihre Männer wählen. Haben wir in Vorstehendem die verschiedenen Arten, wie sich die Völker Frauen erwerben, kennen gelernt, so soll int Folgenden noch einiger seltsamer Hochzeitsgebräuche gedacht werden. Sehr verbreitet ist z. B. die Sitte, den Ehebund durch gemeinsames Genießen von derselben Speise und demselben Tranke abzuschließen. Hält dabei die Sitte an einer bestimmten, altertümlichen Speise fest, wie z. B. an gerösteten Getreidekörneru, so entstehen Formen wie die der römischen Konfarreation. Bon einer Speise essen und von einem Tranke trinken, gilt überhaupt als Ausdruck enger Verbrüderung und künstlicher Blutsbefreundung. Darum ist noch heute das gemeinsame Mahl auch bei der deutschen Hochzeit keineswegs das Letzte und Kleinste und es hat sich außerdem die Sitte erhalten, daß der Braut und dem Bräutigam vorab gewisse Speisen und Getränke zum gemeinsamen Genüsse gereicht werden. Auch wird bei der Mahlzeit selbst gern auf die veralteten Gerichte der Vorfahren zurückgegriffen. So kommt in Böhmen bei Hochzeiten regelmäßig die sonst ziemlich verdrängte Hirse wieder zu Ehren, und anderswo greift man selbst auf die gerösteten Speltkörner wieder zurück. Brasilianische Indianer thun gemeinschaftlich einen Trnnk Branntwein — und die Ehe ist geschlossen. Die serbischen Brautleute trinken dreimal asus demselben Glase roten Wein. Auch die chinesische Hochzeit wird durch gemeinsames Essen und Trinken der Eheleute eingeleitet. Doch trinken diese nicht aus einem einzigen Glase, sondern sie wechseln zwei Gläser, welche durch einen „roten" Faden verbunden sind. Das „Zusammenessen" als Zeichen des Eheabschlnsses kennen außerdem sowohl die Indianer von Süd-Amerika, als auch die Lappen 236 in Skandinavien. Bei den Mandayas aus den Philippinen wird diese Sitte folgendermaßen gehandhabt: Die Brautleute essen zusammen aus einer Schüssel in Wasser gekochten Reis, wobei sie sich gegenseitig die Bissen zustecken. Darauf kaut jedes eine Betelportion; die ausgekaute (die „Sapa") wird dann ausgetauscht und weiter gekaut. Diese letztere ekelhafte Sitte ist auch bei Verliebten der übrigen Malaienstämme des ostindischen Archipels im Gebrauche. Recht wunderliche Hochzeitsgebräuche sind ferner folgende: Die Eheschließung der Wutka in Neu-Guinea geschieht dadurch, daß sich die Verlobten gegenseitig eine Wunde an der Stirn beibringen, so daß Blut fließt. Auf den Neuhebriden ist es Sitte, den sich verheiratenden Frauen zwei Vorderzähne der oberen Zahnreihe einzuschlagen und dazu noch in sehr derber Weise; es wird nämlich ein Stock gegen dieselben gesetzt, und mit einem Stein ein kräftiger Schlag darauf geführt. In Australien werden der jungen Frau von einem alten Weibe zwei Glieder des kleinen Fingers der linken Hand abgebissen; erst dann wird sie der Aufnahme unter die verheirateten Frauen würdig erkannt. Auf Banabe, einer der mikronesischen Inseln, wird die Braut mit gewissen Zeichen tätowiert. Nach Landsdell nähm in Sibirien in alten Zeiten der Bräutigam eine Peitsche mit in die Kirche und berührte bei einer Stelle der heiligen Handlung mit derselben leicht den Rücken der Braut, zum Zeichen, daß sie ihm unterwürfig sei. Bei den Timanis in Nordwest-Afrika feilt der Schmied der Braut die Zähne und schmiedet Mann und Frau mit einem eisernen Ringe am Handgelenke zusammen. Beispiele dafür, daß der Schmied bei Verheiratungen mitwirkt, finden sich auch im Kaukasus. Bei den tunesischen Juden ist das Mädchen bereits eine Woche vor der Hochzeit das Opfer überkommener Gebräuche. Die Hauptperson der Hochzeitsfeierlichkeiten selber ist aber niemand geringerer als der Barbier; er leitet die Festlichkeiten und giebt dem Paare gute Lehren. Bei einigen Hindustämmen vermählt man die beiden Verlobten erst je einem Baume und dann miteinander. In manchen Teilen Indiens werden Braut und Bräutigam zum Zeichen ihrer innigen Vereinigung das eine mit dem Blute des anderen besprengt. Bei vielen Völkern wird indes die Ehe durch keinerlei Hochzeitsfeierlichkeiten eingeleitet. Die Mandingo in West- Afrika z. B., versichert Caillie, veranstalten keine Zeremonie bei Vereinigung eines Paares. Dasselbe berichtet Hutton von den Aschantis. Lavaillant wieder behauptet, daß auch manchen Hottentotten Hochzeitsgebräuche fremd seien, und nach Wood sind die Buschmänner nicht im stände, einen Unterschied zwischen einem verheirateten und einem ledigen Frauenzimmer in ihrer Sprache auszudrücken. Wie Oberst Dalton mitteilt, haben auch die Keriahs in Mittelindien in ihrer Muttersprache kein Wort für Hochzeit. Dasselbe trifft ferner nach Angabe spanischer Missionare bei den Indianern Kaliforniens zu. Aus den angeführten That- sachen folgt übrigens keineswegs, daß allen jenen Völkern, welche die Ehe in so formloser Weise abschließen, dieselbe auch als etwas sehr Gleichgiltiges erscheint. G—ck. (Aus: „Der Stein der Weisen", A. Hartlebens Verlag, Wien.) Gemeinnütziges. Wie soll es in der Küche aussehen? Es kommt vor, daß eine Hausfrau sehr eigen mit den Wohn- und Schlafräumen ist; da ist alles wie geleckt, aber in der Küche sieht es aus, daß einem der Appetit vergeht. Da liegt Kohlenstaub auf den blinden Blech- und Messinggeschirren, da sind die Tische schmutzig, gleichfalls die Tellertücher, da fehlt es an den notwendigen Gerätschaften, während die stilvolle Einrichtung des Salons nichts zu wünschen übrig läßt. Liebe junge Hausfrau, einen altdeutschen Krug, einen kostbaren Prunkteller, ein stilvolles Eckbrettchen weniger, aber an guten Töpfen, Kochlöffeln, sauberen Tellertüchern, scharfen, blanken Messern und großen, schneeweißen Tischen lasse es in der Küche nicht fehlen. Das fei dein Stolz. Lttterarisches. Das „Neunzehnte Jahrhundert in Bildnissen", heraus, gegeben von Karl Werkmeister, Photographische Gesellschaft, Berlin, dringt in seiner neuesten Lieserung (49, wieder einmal ein ganzes Heft von Bildnissen eines einzigen Mannes, und zwar wie früher von Beethoven und Göthe, so dieses Mal von Napoleon dem I, der in den verschiedenen Phasen seines Lebens nach von Zeitgenossen herrührenden Bildnissen gegeben wird. Eines der besten Bilder Napoleons ist das von Jsabey gefertigte Porträt aus dem Museum zu Lersailles, welches den ersten Konsul in der Uniform der Gardejäger darstellt. Napoleon war von kleiner Statur mit stark entwickeltem Oberleib, ebenmäßigen Gliedern, kleinen Händen und Füßen, als General und Konsul mager, später beleibt. Das scharf geschnillene klassisch südländische Antlitz mit der Adlernase, dem vorstehenden Kinn und den nahe bei einanderstehen- den tiefblickenden stahlgrauen Augen war in seinen jungen Jahren gelblich, später fast krankhaft weiß und bleich. Aus dieser späteren Zeit erwähnen wir besonders die Zeichnung von Vigneux, die nach dem Zeugnisse seiner damals lebenden Angehörigen das ähnlichste aller Porträts gewesen sein soll, das Gemälde von David, ihn im Arbeitszimmer darstellend, und die von Calamatta nach dem Abgusse Automarchis gezeichnete wundervolle Totenmaske, welche den cäsarischen Typus des rücksichtslosen Mannes deutlich zeigt, der anderthalb Jahrzehnte lang Europa den Stempel seiner genialen Energie aufgedrückl hat. Der bekannte Napoleon-Biograph, Prosefsor August Fournier in Wien hat die ganze historische Figur des Mannes in einem ausgezeichneten Essay geschildert, der sein Können und seine Größe uneingeschränkt anerkennt, ohne seine Fehler und Gewaltthaten entschuldigen zu wollen, wie die gegenwärtig wieder aufblühende napoleonische Legende es thut. Alles in allem: ein interessantes und reichhaltiges Heft, das dem Werke sicher neue Freunde erwerben wird. Im Verlage von Hermann Paetel in Berlin ist soeben erschienen die 21. Auflage von Haus» Gymnastik für Gesunde und Kranke Von w. Prof. Dr. E. Angcrstein und Prof. G. Eckler. Preis gebunden 3 Mark. Kein Werk auf gleichem Gebiete kann sich eines solchen Erfolges rühmen wie die Haus-Gymnastik von Angerstein und Eckler. Verfaßt von zwei Autoritäten auf dem Gebiete des Turnwesens und von der gesamten maßgebenden Presse schon längst als das beste Werk über Haus- Gymnastik anerkannt, hat dasselbe im Publikum wegen, seiner Vortrefflichkeit und praktischen Brauchbarkeit so große Verbreitung gefunden, daß im Verlaufe weniger Jahre bereits davon 21 Auflagen erforderlich wurden. Die vollständige theoretische Beherrschung des Stoffs, die dem Werke überall den Stempel einfacher Klarheit aufdrückt, die knappe und klare, stets auch dem Laien leicht verständliche Sprache, die vortreffliche Ausstattung des Werkes und endlich die zahlreichen vorzüglichen Illustrationen wirklich ausgeführter Hebungen nach photographischen Aufnahmen, das sind die wesentlichen Vorzüge, denen die Haus-Gymnastik von Angerstein und Ekler ihren großen Erfolg verdankt. Für den Hausarzt ist es eine gewisse hygienische Pflicht, das Buch in seiner Klientel einzuführen durch warme Empfehlung an Eltern und Lehrer. Preisrätsel.* *) Kreuzrätset. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sind die Bnch- staben aaa a, cc, eeee e e e e, f, g, h h, i, k k, l l, m m, n n, o o o o, p p, r r r r, s s s s, t t, z z derart einzutragen, daß die wage- rechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Weiblichen Vornamen. 2. Warmes Kleidungsstück. 3. Giftige Tiere. *) Von 1900 ab bringen wir in angemessenen Zwischenräumen in den Familienblättern Preisrütsel, an deren Lösung sich recht eifrig zu beteiligen, wir unsere geschätzten Leser bitten. Die Lösungsfrist läuft stets acht Tage nach Ausgabe der betr. Nr. ab. Unter den an die Redaktion der,,Familienblätter" einzusendenden richtigen Lösungen wird eine ausgelost, deren Einsender mit einem Preise — nützliches Buch oder dergleichen bedacht wird. Auflösung des Anagramms in voriger Nummer. Wein, Wien. «edaktiou: ®. Burkhardt. — Druck und «erlag der Brühl'schm Umversttits-Buch. und Eteindruckerei (Pietsch Erdens in «iehen.