eich und so halte d heißen en Tuche »le man, egen die :b letztere zwei Uhr daß er den ier heraus« hier mitten mlich! Erst i und dann natürlich.* ne Sie gar mmer 152!" ar: „Was? i Haus auf« das Wasser kummt nur „Ihre Frau mßer acht!" ten Sie ihr as Neunographischen ßorträt von ieristik von n d, gemalt den Physiker Lebensgang lusikern den Offenbach von Leopold orträts von ;raphie von »ildnisse aus Lebensbilds ichnung von § r n st von lg gewürdigt >r. Speyer. Stuttgart, erkwürdigen ischer Seite. , die inneren t, indem er lrakteristische Die Todes- Zuaven sind eingehendes n die Hand packend ent« jen Krieges: llustrationen Siegen. 1900 nr W »aßt uns das fein, wofür wir gehalten werden wollen; und wie wir gesonnen sind, so sollen wir uns zeigen. Ambrosius. Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Still sah sie auf das Kind hernieder. Es wäre ein Leichtes für sie, mit ihrem Trennmesser durch alle diese goldenen Schnüre zu fahren, und sie abzutrennen — Sie schüttelte den Kopf. Nein, sie würde Johanne keinen Schmerz verursachen, und sei es um allen Spott der Welt! Ihre Augen umfaßten im Geiste das Bild der Schtvieger- tochter, die zarte Erscheinung, die mit jedem Tage bleicher und schmaler wurde, und in deren zum Glück erwachten Augen mitunter ein fremder, überirdischer Strahl aufging •---Und mitten im Gewühls der Menschen, von den plaudernden, jauchzenden, lärinenden Stimmen umschrieen, sah siehen-sernen, großen Schatten stehen,,und sah kampfes- mutig aus ihn hin. — So lösten sich rings um sie die Menschenleben, die ihr die Teuersten waren, schwebten empor, gingen auf in überirdisches Licht. Und sie, die weiß und runzlich war, nnd müde, blieb zurück und kämpfte weiter. „Komm, Paulchen", sagte sie, „wir wollen nach Haus. Mütterchen ist allein. Wir wollen mit ihr plaudern". „Ich nehme ihr ein' Kuchen mit!" sagte der Kleine feurig, indem er in die schwarze Erde griff, und einen dicken Kloß davon in seine Tasche packte. „Und ein Pferd, daß sie reiten kann". Die Großmutter nahm ihm den schwarzen Stecken weg, den er aus dem Gebüsch gezerrt hatte, und der ganz voll Dornen und welker Papierfetzen hing. „Wir kaufen ihr etwas besseres, — eine Tüte voll Trauben", sagte sie. „Da kriegt dann mein Paulemann auch 'was von ab". Langsam gingen sie. „Wie spät ist es, mein Kind", fragte die Großmutter, um ihm eine Freude zu machen, als sie an den Ausgang gekommen waren. Der Kleine sah ernsthaft auf seine Uhr. „Es ist sieben", sagte er, „da muß ich in mein Deßäft". Er sprach nach, was er vom Vater gehört hatte. Die Großmutter blickte wehmütig auf ihn hin, und mußte wehmütig lächeln. Das war derselbe kleine Paul, der damals so ernst und altväterisch geplappert hatte, ehe Nettchen in's Haus gekommen und ihn in ihre laute Kinderart mit hineingezogen hatte. Bei dem Gedanken an diese Zeit konnte die alte Fran einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken. Was war aus Nettchen geworden? War sie langst in ihr Verderben gerannt? Und wie, wenn Gott dort droben Rechenschaft forderte für das ihnen anvertraute Menschenleben? Oft sprachen sie des Abends am runden Familientisch, an dem einst Nettchen ihre Aufgaben so eilig auf's Papier geflitzt hatte, von diesem Thema, Johanne in den Arm ihres Gatten geschmiegt, die Großmutter von ihrem Platz im Lehnstuhl aus. Paul streichelte Johannes weiches Haar, während er von der einstigen Jugendgeliebten wie von einer fernen Traumerscheinung sprach; Johanne selbst hatte gedrängt, daß man Nachforschungen nach dem Verbleib der Verschollenen aufnähme — aber alles war ohne Erfolg geblieben. So hatten sie sich im Verlauf der Jahre schließlich daran gewöhnt, das Unabänderliche mit ruhigen Augen anzusehen, und nur die Großmutter trug iin Innern ihres Herzens eine nie schweigende Unruhe mit sich herum. Ihre Gedanken waren dem Grabe schon so nahe, daß alles, !vas sie dachte nnd empfand, mit dein Leben da droben in Verbindung stand, und daß ihr der Rest des irdischen Daseins nur noch wie ein kleiner, dunkler Uebergang schien. Sie sprach nicht über die Tiefe dieses gläubigen Gefühles, sie war äußerlich ganz die sorgende, wirtschaftliche, treue Alte, die sie stets gewesen, aber während sie ihre Kinder in dem Vollbesitz ihres irdischen Glückes so fest am Leben wurzeln sah, löste sie selbst sich mit all' ihren Empfindungen zu einem geistigeren Dasein auf. In ihren Grübeleien fragte sie sich jetzt oft, ob sie alle drei auch in der That nichts versäumt hätten, um Nettchens Seele mit einem Heimatsgefühl zu erfüllen, und wenn sie an die Bemerkungen des damaligen Schulkindes zurückdachte, an „schlagt mich nur, ich bin ja man blos ein Waisenkind", dann regte sich in ihrem sorgenvollen Herzen etwas wie Gewissensangst, und jeder kleine Backenstreich, den sie jener Zeit dem ungebärdigen Pflegekinde versetzt hatte, nahm in ihrem Geiste unerhörte Formen an, und verfolgte sie wie ein Gespenst. — — Den kleinen Paul fester an die Hand fassend, schritt die alte Frau ängstlich durch die Uebergänge der Straßen. Tagtäglich las man von Unglücksfällen, von Kindern, alten und jungen Leuten, die überfahren wurden, und Paul der ältere las seiner Familie diese Notizen stets als abschreckende Warnung vor; aber Johanne in ihrer fatalistischen Fügung begriff nicht, wie man einem etwaigen Unglück gegenüber, sich abwehrend verhalten könne. Wie zur Zeit im WiNdelbach'schen Hanse war es auch jetzt noch ihr Charakterzug, ihr kleines, demütiges Leben als ein Stäubchen anzusehen, das nur eine unbegreifliche Gnade 178 — hatte fortbestehen lassen, und es war gut für die kommenden Tage, daß sie diese fromme Empfindung nicht verlor. Als die Großmutter mit Paul die Wohnung erreicht hatte, fanden sie das beste Zimmer strahlend erhellt. — Auf dem Sofa vor dem runden Tische saß ein kleiner dicker Herr, dem Johanne soeben ein Glas Wein präsentierte. Paul der ältere kramte hastig in seinem Schreibsekretär, auf dessen Platte verschiedene Papiere lagen. Er sah erhitzt, belebt und umruhig aus. Als er die alte Frau eintreten hörte, wendete er sich hastig um: „Da bist Du ja!" rief er, indem er ihr fast stürmisch entgegentrat. „Wir wollten Dich damit überraschen, und haben Dir's bis heut verheimlicht, Mütterchen. Doch jetzt sollst Du es erfahren". Die alte Frau war von dieser rätselhaften Einleitung so schreckhaft überrascht, daß sie sich setzen mußte. „Wir haben ein Geschäft gekauft, Großmutter, — das ist es", flüsterte Johanne. „Ein Drogen- und Parfümeriewarengeschäft, verehrte Frau", nahm nun eilig der kleine Herr, der sich aus dem Sofa erhob, das Wort. „Ihr Enkelsohn war in der günstigen Lage, mit seinem mütterlichen Kapital die lächerlich kleine Einzahlung zu leisten. Da er der Branche bereits so viele Jahre bei Perl u. Comp. en-gros gedient hat, ist es für ihn das einfachste von der Welt, einen Detailhandel zu feiten. Auf diese Weise Verehrte, wird er mit einem Schlage selbständig und sieht einer lukrativen Zukunft entgegen." Bei diesen Worten hätte die alte Frau den Sprecher auf den Mund schlagen mögen. Ihre Augen hefteten sich auf das schlaue, feiste und höflich lächelnde Gesicht, und mit Worten, die sich nur schwer von ihrer Zunge lösten, fragte sie: „Sind Sie der bisherige Besitzer des Geschäftes selbst?" „Nein", entgegnete der kleine Mann, indem er sich etwas hastig verbeugte. „Ich bin nur der Agent". Die alte Frau wandte sich ab. „Paul", sagte sie, und ihre Stimme zitterte. „Warum hast Du mir von dem allen nichts mitgeteilt. Johanne! Warum hast auch Du mir's verschwiegen? Gott, o mein Gott, mir ahnt es, Ihr seid in Euer Unglück gerannt".-- Der Agent wollte nun eine Flut von Einsprüchen erheben. Aber Paul schnitt ihm das Wort ab, trat zu der alten Frau, die er in einen Stuhl niederzog, und nun begann er fieberhaft zu reden. Die Acquisition wäre hie beste von der Welt, das sei doch klar. Durch die Zahlungsunfähigkeit des vorherigen Inhabers, eines leichtsinnigen Nichtsthuers, der das' große und lukrative Geschäft auf die unerhörte Weise vernachlässigt habe, sei diese Drogerie in Konkurs gekommen, und durch Herrn Silber, den Agenten, zu einem wahren Spottpreis zum Verkauf angeboten worden. Der Kaufpreis ein lächerlicher, die ganze Sache förmlich auf der Straße gefunden" — — „Mach keinen Quatsch", unterbrach die alte Frau die enthusiastische Schilderung Pauls. „Ich erkenne Dich kaum wieder. Die Spekulationswut, der größte Teufel unter Gottes Sonne, hat Dich erfaßt. Ich brauche nur den Herrn dort anzusehen, und ich weiß, mein Kind, Du bist verloren". Der Agent hatte seinen Hut ergriffen und stellte sich dreist in Positur. „Madame", sagte er, indem er ein bedauerndes Lächeln um seine Lippen spielen ließ, „Sie werden mir noch im Geiste diese raschen Worte abbitten, die ich Ihrer augenblicklichen, leichtbegreiflichen Besorghäit um das Wohl Ihrer Kinder zuschreibe. Wenn die Firma Brinkmann und Comp. in der Großbeerenstraße sich einen Weltruf erworben haben wird, werden Sie an mich zurückdenken". „Und wer soll die „Comp." sein?" fragte die Großmutter, in deren Augen Thränen ohnmächtigen Zornes traten. „Du, liebste Mutter", sagte Johanne sanft. „Wir haben den Wirtschaftszuschuß, den Du uns alle Jahre in Form Deiner Staatspension giebst, seit unserer Hochzeit beiseite gelegt, und nun die Summe mit ins Geschäft gesteckt. Den Anteil auf Konto dieser Summe erhältst Du schon nach dem ersten Jahr". — „Ihr habt den Verstand verloren", sagte die alte Frau. — Bleich, an allen Gliedern zitternd, ließ sie sich auf ihren Lehnstuhl nieder. Noch eben hätte sie vor Omnibussen gebebt, vor den Wagenrädern da draußen, und inzwischen waren hier drinnen schwerere, grausamere Wagenräder über das Glück ihrer Lieben hinweggegangen. Diese beiden schüchternen Menschen, Paul und Johanne, hatten sich in den Kampf mit der grausamen Existenznot geworfen. — „Wie viel hast Du für das „Geschäft" bezahlt?" fragte sie, indem sie dem sich empfehlenden Agenten einen Blick der Vernichtung zuwarf. — Paul berichtete verwirrt, daß er all sein mütterliches Geld, die ganzen 10 000 Mark hingegeben hatte. „Und die 500 Thaler Pension, sind 11500 Mark", rechnete die Großmutter mit schwerer Zunge. „O Sohn, Du hast mir seither keinen Kummer gemacht, von Deinen Kindesbeinen an; aber dieser wiegt alle schlimmen Stunden, die Du mir bislang erspart hast, auf". —-- Es dauerte lange, ehe sich die Großmutter soweit beruhigt hatte, daß sie der dringenden Bitte Pauls, das Geschäft doch wenigstens in Augenschein zu nehmen, keinen Widerstand mehr entgegensetzte. „Also führt mich hin zum Schaffst", sagte sie bitter, und so widerwillig wie noch nie im Leben, setzte sie den altmodischen Kapotthut auf, nahm die Mantille um und machte sich mit ihren Kindern auf den Weg. Nach wenigen Minuten waren sie bis an die Haltestelle der Pferdebahn gelangt, die sie bis zum Halleschen Thor benutzen mußten. . Denn dort, im äußersten Ende des Südwestens, in der Großbeerenstraße, lag das neu erworbene Geschäft. Als die Großmutter von der weiten Reise erfuhr, die man zurückzulegen hatte, steigerte sich ihr Grimm aufs äußerste. Die Thorheit, in jener flauen, stillen, vom Getriebe des Geschäftsverkehrs so weit entfernten Gegend einen Laden aufzumachen, schien ihr so himmelschreiend, daß sie keine Worte mehr, nur noch dumpfes Gemurmel fand, in dem sie ihren Seelenschmerz zum Ausdruck brachte. Nach fast einstüudiger Fahrt verließen sie die Pferdebahn am Endpunkt der Linie und schritten schweigsam die kleine Ecke bis zur Großbeerenstraße hinab. Zu jener Zeit war der Kreuzberg noch ein kahler, grotesker Sandhügel, ohne alle die Wunder der Gartenbaukunst, welche die neueste Kultur über seine traurigen Flächen gebreitet hat. Wo jetzt Wasserfälle rauschen, Felsgrotten winken, !und bunte, glühende Blumen aus dem südlichen Dickicht' der Pflanzen auftauchen, war damals nichts als Sand, gelber, undurchdringlicher, staubiger Sand, ein Stück Sahara am Eingang des stolzen, südwestlichen Berlin. Es war Abend geworden, der Mond beleuchtete die bergige Fläche, und die Großmutter, welche diesen kahlen, langgedehnten Hügel zum ersten Male sah, erschauerte vor dem öden Anblick, und in ihrer Phantasie malte sich die Vorstellung, daß dicht hinter dieser Gegend eine unwegsame, -kulturlose Wüste beginnen müsse, von welcher für eine Drogenhandlung und deren pekuniäres Gedeihen auch nicht das geringste zu erhoffen sei. — Der Laden, den Paul jetzt mit Hilfe eines mächtigen Schlüsselbundes öffnete, war finster und vielfach verrammelt, aber als nun der Gashahn aufgedreht war, und das ruhige gelbe Licht über das Interieur herniederfloß, da sah es ganz Anheimelnd in dem großen Raume aus. Die bis an die Decke reichenden Regale waren in schöner, weißer Farbe mit blauen Linien gehalten, Hundeköpfe mit symmetrischen Mähnen schlossen jedesmal ein Viereck ab, und messingne Möpse an jeder Kastenthür gaben dem Ganzen einen metallischen, lebhaften Glanz. In riesigen Glasbüchsen standen auf dem Ladentische allerlei ins Fach schlagende Dinge, Seifen, Haushaltungspräparate, Nagel-, Zahn- und Fingerbürsten, Kasten die mit Schwämmen, andere die mit Schminken, Puderquasten, Pasten rc. angefüllt waren. Wie Schlinggewächse 'hingen aus den Ecken der Wände Luffah's und gekräuselte Waschlappen herab, in breithalsigen Glaskruken leuchteten violette und smaragdfarbene Flüssigkeiten, — Besen, Bürsten, Staubwedel aus. bunten Hahnenfedern, zierliche Tonnen voll Fett und Oel, offene Blechbüchsen Lakritzen, Süßholz, Malzbonbons, und Säcke voll GyPS und Stärkemehl, sowie Drahtspähne, Scheuev tücher präsentierten sich. — Ein unendlicher Wirrwar von Dingen, durch den dennoch eine sichtende Ordnung geht, in dem jedes an seiner Stelle, seinem Platze steht, und nur die übergroße Anhäufung den Eindruck des wüsten Durcheinanders hervorruft. Die kleine Familie stand einen Augenblick ganz stumm vor diesem Warenlager, das sie von nun an zu verwalten hatte, und Paul, obgleich er schon so oft hier gewesen, und seinen in Aussicht genommenen Besitz geprüft und bewundert hatte, war fast von stolzer lleberraschung erfüllt, als sich ihm in Gegenwart der Seinen der Laden in seiner ganzen Weitläufigkeit präsentierte. „Seht her!" rief er aus, indem er in den Hintergrund trat, und eine Gardine von einem uischenartigen Wandraum zurückschob. Hier avar eine Art Wohnecke geschaffen, ein mit einem Shawl bedecktes Sopha, ein Lehnstuhl unb ein Tisch mit einer Spiritusmaschine nahmen das kleine Viereck ein. „Hierher können wir uns zurückziehen, wenn im Geschäftsgang einmal eine kleine Pause entsteht", erklärte er. Die Großmutter sah mißtrauisch nach den Fenstern hin, an denen sich langsam, ganz vereinzelt ab und zu ein Passant vorbeischob. Sie hatte die starke Ahnung daß der „Geschäftsgang" derlei Pausen zum Austmhen in einem mehr als erwünschten Maße gewähren würde. (Fortsetzung folgt.) Das Briefgeheimnis. Von Dr. AlbertLüders. Nachdruck verboten. Wenn Frau Wohlmut in Wölkenkuckucksheim an Frau Wehmut in dem nur 10 Kilometer entfernten Posemuckel in der haute saison der Kaffeegesellschaften in sorgfältig verschlossenem Couvert einen Brief schreibt, der die Quintessenz der allwinterlichen medisance enthält, kommt es wohl vor, daß Frau Neugier, wenn sie die Gattin eines auf dem Lande funktionierenden und die Korrespondenz der beiden genannten Damen vermittelnden kleinen Postmeisters ist, sich an die streng umschriebene Grenze des Briefgeheimnisses nicht kehrt und mit der gummilösenden Kraft des Wassers und mit der siegellackerweichenden Wärme des erhitzten Messerstahles in stillverschwiegener Maulwurfsarbeit den Geheimnissen ihrer Freundinnen aus die Spur zu kommen sucht, deren Gedankenfabrikat meistens ebenso unbedeutend ist wie die Schreiberin selbst. Der Endeffekt dieses gegen den Paragraphen 299 des Strafgesetzbuches gerichteten Vergehens ist meistens harmlos wie die demselben zu Grunde liegenden Motive: denn wichtige, das Allgemeinwohl berührende Interessen sind damit kaum gefährdet. In dem Augenblick aber, wo sich die politische Polizei mit den Briefgeheimnissen der eigenen Staatsangehörigen zu befassen beginnt oder den internationalen Briefverkehr antastet, gewinnt die Sache ein Interesse, wo jeder Bürger sich zurufen muß: „tun res agitur" (um deine Sache handelt sich's). Im Deutschen Reichstag sind vor kurzem aus dem Munde ernsthafter Männer Unregelmäßigkeiten in der Briefbeförderung in dem verbündeten und benachbarten Donaustaat zur Sprache gekommen; die Berechtigung dieser Beschwerden mag vorläufig dahingestellt bleiben und wird jedenfalls von maßgebender Seite in beiden Staaten einer strengen Untersuchung unterzogen werden. Aber die Wahrung des Briefgeheimnisses, wie sie in Vergangenheit und Gegenwart geehrt worden ist, kennzeichnet vielleicht besser als manches andere die Politik der einzelnen Staaten, die sich nicht von heute auf morgen ändert, sondern ihrem sie erfüllenden Geiste nach für längere Zeiträume die gleiche bleibt. , ... _ Ganz frei von der Verletzung des Briefgeheimnisses hat sich wohl überhaupt kein Staat gehalten. Uns Menschen von heute erscheint es als eine naturrechtliche, gar Nicht erst des Beweises bedürftige Rechtswahrheit, daß der Staat, der das Postwesen im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt in die Hand genommen hat, und Postsendungen, besonders Briefe gegen den in Briefmarken vereinnahmten Beförderungspreis ihrem Bestimmungsort zuführt, kemen 119 - Anspruch daraus 'hat, vow dem Inhalte Kenntnis zu nehmen, mit Ausnahme der wenigen gesetzlich geregelten Fälle, in welchen im Interesse des bedrohten Gemeinwohles der Richter die Beschlagnahme ausspricht. Darum sichern auch sämtliche Verfassungen den Schutz des Briefgeheimnisses ihren Staatsbürgern ausdrücklich zu. Früher war das jedoch ganz anders. In den Zeiten, wo man von der Qualität des „beschränkten Unterthanen- verstandes" eine so geringe Meinung hatte, daß man Ruhe für die erste Bürgerpflicht erklärte, hielt man sich bona fide für berechtigt, in der Privatkorrespondenz harmloser Staatsbürger auch ohne jede Verdachtsmomente herum- zuschnüffeln. Dieses unwürdige Ueberwachungssystem, mit dem nur eine Schar gewissenloser Polizeispitzel großge- zogen, im Publikum aber die Achtung vor den Staatsinstitutionen untergraben wurde, mag vielleicht der Wirtschaft einer Republik Venedig im 13. oder 14. Jahrhundert würdig sein, wo der furchtbare Rat der Zehn es für nötig befand, jeden, vom ärmsten Facchino bis zum Dogen, aufs genauste zu überwachen. Der moderne Mensch jedoch, der sich aus freiem Willen und Ueberzeugung im Interesse der Staatsnotwendigkeit die erforderlichen Beschränkungen auferlegt, empfindet diese Bevormundung als gehässigen Zwang. Nichtsdestoweniger wurde sogar im freien England vor wenig mehr als 50 Jahren das Briefgeheimnis von den politischen Behörden selbst auf das schmählichste verletzt. Damals hielt sich in London der italienische Verschwörer Mazzini auf, der von dort aus die Fäden jener zahlreichen Zettelungen in den kleinen Staaten Italiens dirigierte und ein Schrecken der dortigen Machthaber war. Nachdem man sich in England immer viel darauf zugute gethan, den von der kontinentalen Reaktion Verfolgten ein Asyl zu bieten, konnte man sich nicht dazu entschließen, dem Verschwörer die bis dahin gewährte Freistatt zu entziehen; man suchte sich jedoch der Regierung des Königs Franz von Neapel, welche am meisten durch Mazzinistische Verschwörungen bedroht war, durch mildere Mittel gefällig zu erweisen, indem man im Jahre 1844 auf Anordnung des Staatssekretärs des Innern, Graham, die Korrespondenz Mazzinis mit Beschlag belegte und deren Inhalt nach Neapel und an andere' kontinentale Regierungen mitteilte. Während die preußische Post, im Sinne ihres Gründers, des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und des allen geheimen Schnüffeleien gänzlich abholden Großen Friedrich sich von systematischen Verletzungen des Briefgeheimnisses im allgemeinen sreigehalten hat, existiert doch eine Zeitperiode, in der es ein Büreau zur heimlichen Briefaufmachung gab. Wie es damals in der preußischen Post zuging, können wir aus einem Briefe des Grafen zu Tohna- Schlobitten an den Präsidenten von Schön vom Jahre 1813 schließen, in welchem es heißt: „Da es mir greulvoll ist, an die Verletzung des Briefgeheimnisses zu denken, und weil ani Ende kein Mittel sicher genug ist, so habe ich mit den mir liebsten Menschen den einfachen Ausweg gewählt, uns gar nicht mehr zu schreiben." In der Folgezeit, wo der Geist Metternichs in den Kabinetten auch der anderen deutschen Staaten allmächtig war, wurde es noch schlimmer, es existierte damals in Berlin ein vollständiges schwarzes Kabinett, das mit Eifer der Untersuchung aller an bestimmte Personen gerichteten Briefe oblag. Was damals in Preußen geschah, ist jedoch nichts im Vergleich mit der Unsicherheit des Briesgeheimnisses, wie sie auf Oesterreich und Frankreich, den hohen Schulen der Briesöffnungskunst, lastete. Mag von den gräßlichen Geschichten, welche uns in Romanen, Memoirenwerken und Chroniken über die französische Gesellschaft unter Ludwig XIII. und XIV. berichtet werden, auch neun Zehntel auf Rechnung der erfindungsreichen Phantasie ihrer Verfasser gesetzt werden können, Thatsache war, daß in jenen, nur dem blinden Chauvinismus ruhmreich erscheinenden Zeiten eine grauenvolle Spionage die mündlichen Aeußer- ungen und schriftlichen Mitteilungen zahlloser Menschen zu deren Verderben fruktifizierte. Vielleicht liegt diese Ränkesucht und Spionierlust, die wir ja auch bei den rassse- verwandten Spaniern und Italienern hochentwickelt finden, im Blute der Franzosen, deren Charakter kem geringerer als Voltaire mit den Worten „Halb Affe, halb Tiger" schilderte. Jedenfalls Hatte Ludwig XI., der die erste Staats-: 180 Post in Frankreich, einrichtete, zu seinen eigenen Post- Beamten so geringes Vertrauen, daß er gleichzeitig eine zweite Behörde schuf, deren Aufgabe es war, die von den königlichen Post-Beamten beförderten Briefe auf deren Staatsgefährlichkeit zu untersuchen. Aus diesen Anfängen erwuchsen in Frankreich die „cabinets noirs", welche namentlich unter Richelieu und Biazarin zur Bekämpfung des Protestantismus im eigenen Lande, aber auch gegen die drohende Gefahr einer habsburgischen Weltmonarchie Verwendung fanden. Ihre Glanzzeit hatten sie indes unter Ludwig XV., der nicht weniger als 300 000 Franks alljährlich für sie verwendete und damit nicht nur staatsgefährliche.Umtriebe auskundschaften, sondern auch von der chronique scandaleuse der oberen Zehntausend unterrichtet sein wollte. Napoleon I. hob den Etat des cabinet noir auf 600 000 Franks. Seine Späher saßen nicht nur in den französischen großen Städten, sondern in Madrid, Mailand, Rom, Neapel, ebenso wie in Augsburg, Nürnberg, Frankfurt rc., und es kam sehr häufig vor, daß dieselben Leute, welche als Logisten in österreichischem Interesse die von der Nhurn- und Taxis'schen Post beförderten Briefe durchstöberten, gleichzeitig auch Bonaparte bedienten und von ihin dafür auch angemessen bezahlt wurden. Was von Napoleon III. und der dritten französischen Republik in diesem Punkte gesündigt wurde, gehört der Geschichte der Gegenwart an und ist genugsam bekannt. Aber ein von der „Kölnischen Zeitung" zur Zeit des Drey- fusprozesses erzähltes Geschichtchen ist zu amüsant, um hier nicht wiedergegeben zu werden. Ein Deputierter, der von einem anderen 100 Franks entliehen hatte, wollte diese seinem Freunde eines Tages zurücksenden, vergaß aber in seiner Zerstreutheit, in den Begleitbrief die "bewußten 100 Franks hineinzulegen. Am nächsten Tage sandte er dieselben mit einem Entschuldigungsbrief nach. Der Adressat hatte aber schon in dem ersten Brief 100 Frs. vorgefunden, obwohl der Absender auf keinen Fall die Note hineingethan haben konnte. Die Lösung des Rätsels war die, daß das schwarze Kabinett den Brief geöffnet hatte, der dann durch verschiedene §änbc gewandert war. Als man nun das Fehlen der darin erwähnten 100 Franks entdeckte, konnte der Verdacht der Unterschlagung nur auf die manipulierenden Beamten fallen, und da man mit einer Untersuchung nur die im geheimen wirkende Behörde blosgestellt Hütte, zog man es vor, die 100 Franks zu ersetzen, die thatsächlich nicht beigelegen hatten. In Oesterreich wurde schon unter Karl V. die Brieferöffnung in großem Maßstabe betrieben. Natürlich richtete sich diese Spionage in Seit Zeiten der Reformation vorzugsweise gegen die protestantischen Fürsten, deren Pläne und Verabredungen dem Kaiser meist eher bekannt waren, als den Empfängern der betreffenden Briefe. Als später durch kaiserliche Verordnung das Postregal im Reiche der Familie Thurn und Taxis übertragen wurde, lag es nur im Interesse der habsburgischen Politik, die Posten in Oesterreich sich selber vorzubehalten und durch den Grafen Taar organisieren zu lassen. Man behielt dadurch die Post im Jn- lande in eigener Hand, und daß die Thurn- und Taxissche Postkutsche nicht zum Nachteil des Kaisers durch Deutsch- lands Gauen wackelte, dafür sorgten schon die jeweiligen Herren und späteren Fürsten dieses Hauses, welche der gleichzeitig im Dienste Roms arbeitenden Sache des Kaisers blind ergeben waren. Denn in den Mittelpunkten dieses Verkehrsnetzes schuf man die geheimnisvollen Brieflogen, deren ausschließliche Aufgabe die Brieferöffnung war, und welche alles für die österreichische Politik Wissenswerte an ihre Mutteranstalt, das schwarze Kabinett in Wien meldeten. Dieses Wiener schwarze Kabinett, welches auch in der Wallensteinischen Tragödie wie überhaupt im dreißigjährigen Kriege tüchtige Arbeit leistete, war namentlich Friedrich dem Großen ein Dorn im Auge. Es war ihm nämlich geradezu unmöglich, seinem Wiener Gesandten einen Bries zukommen zu lassen, ohne daß Fürst Kaunitz, der österreichische Hof- und Staatskanzler, schon vorher um dessen Inhalt gevoußt hätte. Daß auch unter Metternich das schwarze Kabinett intensiv gearbeitet hat, ist schon oben angedeutet worden. In Lemberg, aber auch in Venedig, Mailand und Verona hat die Thätigkeit dieser Anstalten manches Komplott der der Fremdherrschaft widerstrebenden Bevölkerung enthüllt, aber auch manchen relativ unschuldigen Mann, der sich nur etwas unvorsichtig äußerte, ohne ein Verschwörer zu sein, langjähriger Kerkerhaft überliefert. Wie stand und steht es nun im benachbarten Rußland? Daß die geheimnisvolle dritte Abteilung des Ministeriums des Innern nichts anderes war, als die höchste Spitze einer Geheimpolizei, die in dem absolutistisch regierten Riesenreich vor dem Briefgeheimnis nicht Halt machte, ist bekannt. Von einem wirksamen Schutze desselben kann dort überhaupt nicht die Rede sein, so lange man das Recht beansprucht und ausübt, harmlose Bücher und Zeitungen, die der Reisende in der Tasche über die Grenze nimmt, dem verblüfften Ausländer wegzunehmen, der das heilige Ruß- land auf irgend einer Eisenbahngrenzstation betritt. Der Eingeborene mag sich aber dort damit trösten, daß der russische Zeitgeist eben hinter dem des westlichen Europa um mindestens ein Jahrhundert nachhinkt, wie man sich ja dort auch nicht hat entschließen können, jetzt an der Jahrhundertwende, dem dafür günstigsten Zeitpunkt, die lästige Kalenderdifferenz, die jetzt wiederum um einen Tag wächst, aus der Welt zu schaffen. Litterarisches. 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Gratisprobenum- mern durch erstere und den Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 35. Dechiffrier-Aufgabe. Nachdruck verboten. By