(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. „916er das wäre ja eine bodenlose Niederträchtigkeit! Ich muß mir solche Zumutungen denn doch ein für alle- male verbitten." Mit einem Nachdruck, wie er ihn dem ehemaligen Genossen gegenüber nur selten in seine Rede zu legen wagte, hatte Franz Norrenberg diese Worte gesprochen. Sein Gesicht war gerötet, und seine zitternden Hände zupsten nervös an der Krawatte. Jene Erregung, die ihn jedesmal überkam, wenn er Rudolf Sandorys hohe Gestalt in sein Privatkontor eintreten sah, hatte auch heute, und zwar augenscheinlich in erhöhtem Maße, von ihm Besitz ergriffen. Doch auch der andere war nicht in seiner gewohnten, gleichmütig liebenswürdigen Laune. „Verbitten Sie sich's meinetwegen", sagte er beinahe grob, „aber haben Sie gleichzeitig auch die Gefälligkeit, nach meinen Wünschen zu handeln! Ihre zarten Bedenklichkeiten sind lächerlich. Ich möchte wahrhaftig wissen, was daran so bodenlos Niederträchtiges sein soll." „Nun, mit welchem anderen Namen wollen Sie eine Handlungsweise belegen, die darauf hinausgeht, einen ehrenhaften, jungen Menschen zum Verbrecher zu machen?" „Erlauben Sie, Verehrtester, das ist eine grundfalsche Auffassung! Sind Sie nicht sogar gewissermaßen dazu (BBf f &tu- luni. fen Kopf empor, das Herz gestählt! Noch ist dein Leben nicht verfehlt. Verscheuche nur die Sehnsuchtsträume, Verlaß die alten Moder-Räume, Ermanne dich und schüttle ab Den Staub von deines Glückes Grab! Rings lockt die Ferne übermächtig Nach Ländern, fremd und farbenprächtig! Fern von vergang'ner Tage Spur, In daseinsfroher Urnatur, Kannst du aus Kleinmut dich erheben Zu neuem Kampf und neuem Streben. Die Welt ist groß, die Welt ist weit . . . Versuch' eS und entflieh dem Leid. Maximilian Bern. verpflichtet, die Zuverlässigkeit Ihrer Leute auf die Probe zu stellen? Wenn dieser junge Ruthardt wirklich! so ehrenhaft ist, wird er die Probe ja glänzend bestehen und rein wie ein Engel aus der Versuchung hervorgeheu. Sollte er aber unterliegen, so fällt die Verantwortung für seine Charakterschwäche doch nicht aus Sie." „Aber icty wiederhole Ihnen, daß seine Rechtschaffenheit für mich keiner Prüfung bedarf, und daß ich nicht den geringsten Anlaß habe, ihn in Versuchung zu führen. Ich sehe, daß Sie aus irgend welchen unbegreiflichen Gründen die Absicht haben, den jungen Mann zu verderben, und ich lehne es mit aller Entschiedenheit ab, Ihnen bei einem solchen Beginnen Handlangerdienste zu leisten." „So lassen Sie sich zur Beruhigung Ihres empfindlichen Gewissens gesagt sein, daß die Person Ihres Volontärs bei der ganzen Sache für mich ohne jedes Interesse ist, und daß mir durchaus nichts daran liegt, ihn zu verderben. Nicht um diesen unbedeutenden Jüngling handelt sich's für mich, sondern um feinen Vater. Den unnahbaren Herrn Doktor will ich in meine Hand bekommen. Ich! will ein sicheres Mittel haben, seinen Hochmut zu beugen!. Und ich bin nach reiflicher Ueberlegung zu der Erkenntnis gekommen, daß gerade dies das geeignetste wäre." „Ihre Pläne werden mir immer unverständlicher. Und Sie beurteilen den Mann offenbar ganz falsch Was man, auch immer an ihm auszusetzen haben mag, den Vorwurf des Hochmuts hat er gewiß nicht verdient." „Vielleicht ist er es nicht gegen andere; mir gegenüber aber hat er sich hochmütig gezeigt, und ich bin nicht gesonnen, das zu dulden. Während der ganzen Dauer meines Hierseins habe ich mich unablässig bemüht, mir die Thüren dieses Doktorhaüses zu erschließen. Ich habe es mich verhältnismäßig große Summen kosten lassen und bin auf alle menschenfreundlichen Launen des Herrn Doktors eingegangen, um ihn für mich zu gewinnen. Und mit welchem Erfolg? Während sich alle anderen guten Familien der Stadt heute bereits glücklich schätzen, mich unter ihren Gästen zu sehen, bleibt mir dieses einzige Haus hartnäckig verschlossen, und der aufgeblasene Herr behandelt mich bei zufälligen Begegnungen von oben herab wie einen hergelaufenen armen Teufel. Da möchte ich mir denn sehr gern die Möglichkeit verschaffen, bei passender Gelegenheit aus einer anderen Tonart mit ihm zu reden." „Weshalb aber legen Sie gerade auf einen Verkehr mit der Familie Ruthardt so großes Gewicht? Ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen schon bei unserer ersten Unterredung sagte: das ist kein Mann für Sie, und Sie thäten viel besser, ihm aus dem Wege zu gehen." „Für derartige gute Ratschläge, mein bester Norren- — 614 — berg, habe ich wenig Verwendung. Es ist Zeitvergeudung, mich damit zu bedenken. Und nun, Jöa ich Ihnen meine Gründe angedeutet habe, lassen Sie uns ohne viele Redensarten zum Schluß kommen. Sie werden also thun, um was ich Sie vorhin 'ersuchte?" „Ich kann nicht. Mein Rechtsgefühl — meine Menschlichkeit lehnt sich gegen einen so abscheulichen Gedanken auf." Sandory sah sich um, als ob er einen hinter thrn Stehenden suche. „Entschuldigen Sie, aber ich konnte mir wirklich nicht denken, daß diese schönen Worte für mich bestimmt seien. Daß sie sich mir gegenüber jemals auf Ihr Rechtsgefühl berufen würden, hatte ich wahrhasttg nicht erwartet." „Verhöhnen Sie mich immerhin! Ich bin in den schrecklichen Wochen seit Ihrer Rückkehr fast schon unempfindlich geworden für diese tückischen Dolchstöße, die Sie gegen einen Wehrlosen führen. Aber versuchen Sie wenigstens nicht, mich aufs neue in den Sumpf hinab zu zerren, aus dem ich mich mit Darangabe meiner halben Lebenskraft empor gearbeitet habe." Rudolf Sandory zog seine Taschenuhr. „Meine Zeit ist gemessen, darum wollen totr’g, kurz machen. Ich will Ihren humanen Empfindungen insoweit Rechnung tragen, daß ich Ihnen feierlich verspreche, nicht nur jeden Schaden zu ersetzen, der Jhnech etwa aus einer Unterschlagung des Herrn Sigismund Ruthardt entstehen könnte, sondern den jungen Mann auch noch obendrein vor dem Gefängnis und vor allen sonstigen schlimmen Folgen zu bewahren, wenn er wirklich nicht stark genug sein sollte, der Anfechtung - zu widerstehen. Machen Sie nun aber, bitte, keine weiteren Einwendungen mehr! Hinsichtlich der Ausführung meines kleinen Planes haben wir uns doch« wohl verstanden. An dem nämlichen Tage, an dem ich Sie mündlich oder schriftlich verständigt haben werde, ^daß es Zeit ist, werden Sie dem jungen Ruthardt eine Summe von dreitausend Mark einhändigen, die er irgendwo einzuzahlen hat, deren Bestimmung aber eine solche sein muß, daß eine Unterschlagung seiner Meinung nach mindestens ein paar Wochen lang unentdeckt bleiben würde. Nur wenn er sich ganz sicher fühlen darf, die Lücke noch« nach« acht oder vierzehn Tagen ohne Furcht vor früherer Entdeckung wieder ausfüllen zu können, hat das ganze Unternehmen für mich überhaupt einen Zweck. Ihrem Scharfsinn wird es ja ein Leichtes sein, die geeignete Form dafür zu finden; hat er doch schon in ungleich schwierigeren Lagen das Rechte zu treffen gewußt." „Und wenn ich« von alledem nichts thue?" Sandory war bereits aufgestanden. Er hatte Hut und Stock in« der Hand, und jetzt zum ersten Male erschien wieder das alte Lächeln auf seinem Gesicht. „Auf müßige Fragen, zu antworten, ist müßig, lieber Freund! Sie werden es eben thun, das ist ja ganz selbstverständlich. — Aber, a propos, sagen Sie mir doch, wer der lange dürre Kerl war, der gerade bei meinem Eintritt hier aus Ihrem Kontor heraus kam? Ein Waldenberger war es doch« wohl nicht?" „Nein! Es war ein Privatgelehrter aus Hamburg, der das dortige Klima nicht mehr vertragen kann und sich aus Gesundheitsrücksichten hier in Waldenberg niederzulassen gedenkt. Er wünschte von mir darauf hin einige Auskünfte und Ratschläge zu erhalten." „So? Ein vermögender Mann?" „Es hat den Anschein. Uebrigens war er mir ganz fremd, und ich weiß nichts näheres über seine Verhältnisse." „Nun, wenn er hier bleibt, wird man ja sehen, ob es der Mühe wert ist, seine Bekanntschaft zu machen. Er hatte kein übles Gesicht, und ich fange allgemach an, mich nach dem Umgang mit einem intelligenten Menschen zu sehnen." Er nickte dem Bankier so freundlich zu, als hätten sie einander während der letzten zehn Minuten nur die angenehmsten Dinge gesagt, und entfernte sich durch die auf den Treppenflur führende Thür, die er auf Norren- bergs ausdrücklichen Wunsch als der einzige von allen Besuchern benutzte. Der helle Sonnenschein eines klaren Frosttages empfing ihn draußen. Und er war kaum ein paar hundert Schritte gegangen, als er einer wohlbekannten zierlichen Mädcheugestalt in eng anschließendem Pelzjäckchen ansichtig wurde. Sie ging vor ihm her wie an jenem Tage, wo er sie zum ersten Male in den Villenstraßen des neuen Stadtviertels gesehen hatte, und wieder wie damals beeilte er sich, sie einzuholen. „Guten Morgen, Intern Fräulein!" redete er sie an. „Ist es unbescheiden, wenn ich mich erkundige, ob meine kleine Sendung das Glück gehabt hat, Ihren Beifall zu finden?" t Margarete hatte den Gruß erwidert, ohne sich durch die Begegnung sonderlich überrascht oder erfreut zu zeigen. „Die Sachen, die Sie mir für meinen Verkaufsttsch geschickt haben, Herr Sandory, sind ganz reizend. Hoffentlich wird es mir zum Besten der armen Kinder gelingen, einen recht beträchtlichen Erlös« dafür zu erzielen." Offenbar war es ihm viel weniger um irgend welche Anerkennung, als um die Anknüpfung eines Gespräches zu thun gewesen; denn jetzt, da er diesen Zweck erretcht hatte, lenkte er die Unterhaltung, rasch von seinen Geschenken auf das nahe bevorstehende Fest hinüber, für dessen Einzelheiten er sich sehr lebhaft zu interessieren toten. Margarate gab ihm zwar bereitwillig Antwort auf seine Fragen, aber ihre Auskünfte waren doch zumeist ziemlich kurz gefaßt, und als sie sich einer Straßenkreuzung näherten, verlangsamte sie ein wenig ihren, Schritt, wie um dadurch anzudeuten, daß sie sich dort von ihrem Begleiter zu trennen wünsche. Da ereignete sich etwas, das sie mit einem Male bestimmte, ihr Benehmen vollständig zu ändern. Aus einem Hause, von «dem sie nur noch wenige Dutzend Schritte trennten, waren zwei Herren getreten, die ihnen jetzt langsam entgegenkamen. Der eine war ein kleines, mageres Männchen, das die Sechzig wohl schon überschritten hatte. Er hatte ein spitziges, verkniffenes Gesicht und bewegte beim Sprechen, in sehr lebhafter, nervöser Weise beide Arme. Der andere aber, den man übrigens dem Aussehen nach schwerlich für seinen Sohn gehalten haben würde, war Doktor Walther Sartorius. Allem Anschein nach standen sie im Begriff, eine starke Meinungsverschiedenheit gegen einander zu verfechten; denn auch das Gesicht des jungen Arztes zeigte eine unverkennbare Erregung. Und so ganz waren sie in ihre leidenschaftliche Auseinandersetzung vertieft, daß sie trotz der kurzen Entfernung die Entgegenkommenden nicht sogleich gewahrten. Margarete aber hatte sie ohne jeden Zweifel schon im ersten Augenblick erkannt. Der rasche Wechsel der Farbe auf ihren. Wangen würde es verraten haben, auch wenn nicht jene seltsame uttd auffällige Veränderung in ihrem Benehmen eingetreten wäre. Mit einer Wärme, von der sich bisher nichts in ihrem Wesen gezeigt hatte, wandte sie sich plötzlich ihrem Begleiter zu. Ihre Augen blitzten, und jeder, der sie jetzt ansah, mußte den Eindruck gewinnen, daß ihr das Geplauder mit dem eleganten Fremden außerordentliches Vergnügen bereite. Selbst ihre Stimme hatte mit einem Male einen anderen Klang gewonnen, und Sandory durfte wohl einigermaßen überrascht sein, da sie ganz unvermittelt sagte: „Wissen Sie denn auch, daß Sie seit vorgestern der Löwe des Tages hier in Waldenberg sind? Man hört ja kaum von« etwas anderem reden, als von Ihrer Helden- that!" „Von meiner Heldenthat, Fräulein Ruthardt? Sollte da nicht am Ende eine Personenverwechslung im Spiele sein?" „O nein! Sie haben wirklich« keinen Grund, sich gegen die Anerkennung zu sträuben, die man Ihrer mutigen Handlungsweise zollt. Der Vorfall wird ja heute int Morgenblatt von einem Augenzeugen ganz ausführlich beschrieben." „O weh — auch' das uioch !Uud dies alles, weil ich einem Pferde in die Zügel gefallen bin, das, auch ein vierzehnjähriger Junge hätte zum Stehen bringen können? Man scheint in Ihrer guten Vaterstadt sehr freigebig umzugehen mit seiner Bewunderung." „Sie haben durch Ihre Tapferkeit einem Kinde, das -- 616 -> fast fdjion unter den Rädern des Wagens lag, das Leben gerettet, unbekümmert um die Gefahr, der Sie selber dabei ausgesetzt waren. Das ist unter allen Umständen eine schöne und bewundernswürdige That, wie sehr Ihre Bescheidenheit sich jetzt auch bemühen mag, sie zu verringern." (Fortsetzung folgt.) Schnelle Sühne. Von E. Römer. Nachdruck verboten. Von einem Bukarester Kunden meines Hauses, einem Herrn Athanassio, war eine Depesche des Inhalts gekommen, daß er seinen Konkurs anmelden müsse, wenn ein von ihm angestrebter außergerichtlicher Vergleich auf 25 Prozent nicht umgehend angenommen werde. Da die Forderung meines Hauses eine ziemlich große war, so schien es sich zu lohnen, die Sachlage einmal in der Nähe zu betrachten, und hauptsächlich zu diesem Zweck befand ich mich nun eben in Bukarest. Mein Weg führte mich in die Strada Lipscani" (Leipziger Straße), wo weitaus die meisten „Lipscani" (Leipziger) d. h. diejenigen Manufaktur-Grossisten, die ihre Waren vorherrschend aus Deutschland beziehen, ihre Geschäftslokale hatten, und wo auch Herr Athanassio zu finden war. Ich trat ein. Ein einziger Blick auf die dürftigen Warenvorräte belehrte mich-, daß der Mann die „Pleite" bereits trefflich .vorbereitet hatte; es lagen kaum noch zwanzig oder fünfundzwanzig Stück Ware in den Fächern! Den Versuch, diese paar Stück für mein Haus mit Beschlag belegen zu lassen, machte ich- gar nickst erst; denn der Erlös daraus würde nur ein Tropfen auf einen heißen Stein gewesen sein. Ein Anderes erschien mir als weit wichtiger: herauszubringen, ob der Mann nicht etwa den besseren und größeren Teil seines Warenlagers sowie sonstige Werte in betrügerischer Weise bereits beiseite geschafft habe. Aber wie das machen? Wem da bekannt ist, welche Schwierigkeiten mit der Lösung einer derartigen Aufgabe schon in Fällen verbunden sind, wo einem genügende Orts- und Gesetzkenntnis, sowie volles Vertrautsein mit der betreffenden Landessprache zur Seite stehen, der wird begreifen, daß ich, der ich damals das erste Mal nach Bukarest kam und kein Wort rumänisch verstand, nicht eben sonderlich zuversichtlich war. Gleichviel ging ich, mit leidlichem Mut ans Werk. Zunächst machte ich Bohrversuche an dem Manne selbst. Aber das erwies sich als fruchtloses Beginnen; denn der Herr übertraf an Härte noch den Granit. Bald ging ich mißmutig wieder von dannen. Wohin nun aber? Ich suchse einige Konkurrenten Athanassios auf; es schien mir nicht unmöglich, durch ein paar kleine freundschaftliche Konkurrenz-Indiskretionen den schlimmen Schleier ein wenig gelüftet zu erhalten. Aber auch damit wars nichts; die Herren zuckten nur bedauernd die ■ Achseln und ließen durchblicken, daß die „schweren Zeiten" wohl demnächst noch mehr Opfer fordern würden. Also auch hier wieder: rückwärts, Don Rodrigo! Ich. wanderte weiter, zu bekannten Agenten, Bankiers und Advokaten — umsonst! Worte, Worte überall, aber keine helfende Hand. Endlich — es ging schon stark auf den Abend zu — führte mich mein guter Stern, oder vielleicht auch nur meine unverdrossene Ausdauer, zu einem als sehr unzugänglich verschrieenen Agenten für große Häuser — einem biederen Sohn des schönen Schwabenlandes. Der Mann saß mir armen deutschen Landsmann gegenüber anfangs gar gewaltig auf dem hohen Roß> schimpfte wie ein Rohrspatz auf die „dumme Leipziger" (womit er natürlich alle Deutschen meinte), und behauptete allen Ernstes, daß kein Deutscher auch nur im allergeringsten für den Handel tauge — ausgenommen den Handel mit altem Käse. Dabei machte der Mann aber selbst ein so enormes Geschäft — wenn auch leider, wie gesagt, nur für englische Häuser —, daß ich seinen unpatriotischen Ausfall gegen die deutschen Kaufleute beim besten Willen nicht ernst nehmen, sondern mich eines Lächelns darüber nicht erwehren konnte. „Ja, es ischt so!" eiferte er weiter, wie er mein Lächeln bemerkte. „Soldate könnt ’r schpiele, exerziere könnt 'r, aber sonscht weiter nix. Und wenn de Karre verfahre ischt, dann kommt ’r gelaufe. Geht, lascht mich zufriede!" Diese etwas unhöflich klingende Aufforderung war, wie ich nicht undeutlich! herauszuhören glaubte, keineswegs ganz ernsthaft gemeint, und so entsprach ich ihr denn auch nicht; ich ging dem Herrn vielmehr auf sanften Sohlen hübsch um den Bart herum, und nicht lange dauerte es, da sah ich meine Ausdauer und Selbstverleugnung vom schönsten Erfolg gekrönt: Der brave Schwabe lenkte ein, streifte langsam die schillernde Schlangenhaut des Halb- Engländers ab und stand nun schmunzelnd in seiner wahren Gestalt, und zwar in der eines gutherzigen, feuerfesten Süddeutschen vom echten Schrot und Korn vor mir. Na, wissen S' wasch? Kommen S’ morgen in der Früh wieder. Mer wolle dann sehe, wos sich mache läscht." Mit diesen Worten schob er mich in höchst komischer Weise zur Thür hinaus. Wer war froher als ich? Der Mann wußte offenbar viel, was mir nützen konnte, und das flößte mir Hoffnung und Vertrauen ein. Kaum konnte ich den nächsten Morgen erwarten. Mit dem Glockenschlage acht trat ich auss neue bei dem Agenten ein. „Mer wolle nit erseht lang verhandle — glei fort wolle mer." Mit diesen Worten begrüßte mich der Mann, und gleich darauf drängte er mich; auch wieder zur Thür hinaus. Als wir auf der Straße waren, schwäbelte er wieder los: „Ae Malefizspitzbub, der Athanassio! Was wolle Se denn? Der Kerl hat bei ’nem Advokate 20000 Dukate versteckt!" „Der Athanassio?" „Na, wer denn sonscht? Und den Advokate wolle mer jetzt besuche." „Und Sie glauben, daß dieser — ?" „Nix glaub' ich —. mer wolle blos sehe." — — Der Advokat wohnte gleich in der Nähe und war aud} zu Hause. Der Agent sprang, wie’s schien, sofort mitten in die Sache hinein, und die äußerst lebhaft geführte Unterhaltung zwischen beiden dauerte ziemlich lange. Leider nur verstand ich kein Wort davon; denn sie wurde in der mir ganz ungeläufigen Landessprache — also auf rumänisch — geführt. Der langen Rede kurzer Sinn ist aber, wie mir der Agent später erzählt hat, einfach der gewesen, daß dem Advokaten dessen ungesetzliche Machenschaft mit dem Athanassio’schen Depot ohne weiteres auf den Kopf zugesagt und mit Veröffentlichung der ganzen Geschichte energisch gedroht worden ist, worauf dann der Anwalt allmählich eingelenkt und schließlich, in die Herausgabe des meinem Hause zukommenden Betrags unter Einhaltung gewisser gesetzlicher Förmlichkeiten gewilligt hat. Und richtig zahlte mir denn auch der Herr einige Stunden später fast die ganze Summe in vollwichtigen Dukaten aus — nur fünf Prozent Gebühren behielt er zurück. Wird man mir glauben, daß ich fortan den Kopf um wenigstens fünf Zoll englisch höher getragen habe? Es ist etwa zehn Stunden später — so gegen sieben Uhr.des Abends. Ich sitze im Hotel auf meinem Zimmer und schreibe; es war mir als eine Art Bedürfnis erschienen, mich und meine Thaten dem Haus gegenüber möglichst schnell in eine recht wirksame Beleuchtung zu bringen, und so hatte ich mich; denn soeben an die Abfassung eines entsprechenden Berichtes gemacht. Da klopfts eben an der Thür; herein! Die Thür geht auf und in ihr erscheint — Herr Athanassio! Mir stieg ein wenig das Blut in die Schläfen, und mit leisem, nervösem Zittern legte ich unwillkürlich die Feder weg. „Guten Abend, Herr Römer!" sagte Herr Athanassio. Dann kehrt er sich an der Thür um, schließt diese ab und schiebt langsam den Schlüssel in seine Paletottasche. Was sollte das bedeuten? Ich fühlte deutlich wie meine Nerven zu zittern begannen. Kam der Herr, um mir die schönen Dukaten wieder abzujagen? Die hate ich zum Glück schon nicht mehr; in Gestalt von kurzen Wechseln, die ich für das Gold gekauft, waren sie seit mehreren Stunden bereits nach Deutschland unterwegs. Und mein Leben? Pah — das würde man nötigenfalls noch! zu verteidigen wissen! Also nur hübsch rnhig, mein Junge! — 616 Ich erhob mnch denn auch möglichst kaltblütig und stand nun Herrn Athanassio, Auge in Auge, stramm gegenüber. „Was soll das?" sage ich zu ihm. Mit einer gewissen ruhigen Freundlichkeit erwiderte der Herr: „Es ist nur der elenden Kellner wegen. Sie sind so neugierig diese Kerls, und bei dem, was ich mit Ihnen zu sprechen habe, möchte ich gern ungestört sein." „Sie dürften sich irren, Herr Athanassio — wir sind fertig miteinander." „Meinen Sie? Ich war soeben bei meinem Rechtsanwalt?" „Aha! Nun, da wissen Sie ja wohl —" „Alles weiß ich. Aber Sie wissen noch nicht alles. Ter Advokat hat seinen Lohn dahin — ich habe ihn vor einer Stunde über den Haufen geschossen!" „Allmächtiger Gott!" entfuhr es mir, und entsetzt wich ich ein paar Schritte zurück. Athanassio aber erhob wie beschwichtigend die Hand gegen mich — dann fuhr er fort: „Bleiben Sie ganz ruhig, Herr Römer! Sie werde ich nicht erschießen; denn Sie haben nur Ihre Pflicht gethan. Aber dieser Elende er hat den Rest meines Depots an die Gerichte ausgeliefert und nun bin ich ein Bettelmann!" — Ich hatte trotz meiner Jugend schon eine ganze Menge Dinge von großer Ernsthaftigkeit erlebt, aber einem Mörder stand ich jetzt zum ersten Mal gegenüber; war's da ein Wunder, daß mir's einmal übers andere kalt über den Rücken lief? „Athanassio — das ist doch Ihr Ernst nicht?" So fragte ich nach qualvoller Pause. „Es ist die Wahrheit, Herr Römer — da ist nichts mehr zu ändern daran." „Aber das ist ja gräßlich, Mann!" Gräßlich oder nicht — davon ist nicht die Rede jetzt. Die Hauptsache ist: ich will fort; denn ich glaube bemerkt zu haben, daß man mir schon auf den Fersen ist. Aber ich habe kein Geld, Herr Römer. Geben Sie mir welches, und wenn's auch nur hundert Franken sind!" „Herr Athanassio, ich weiß nicht, ob ich soviel —" „Dann geben Sie, was Sie haben! Nur schnell! schnell!" lieber meinen Geist war's mit einem Male wie eine Art Verwirrung gekommen, und ich wußte kaum mehr klar, was ich thun und lassen sollte. Nach einem Moment halben Besinnens ging ich aber schließlich doch nach meinem Koffer, um die darin verborgenen fünfzig Franken zu holen. Aber noch ehe der Koffer geöffnet war, hörte ich vom Korridor her hastige, sich rasch nähernde Tritte, dann wurde plötzlich sehr stark von außen an die Thüre geklopft — Athanassio erschrak heftig und entfärbte sich stark. „Im Namen des Gesetzes, öffnen Sie, mein Herr!" rief draußen eine Stimme. „Was soll ich thun?" fragte ich leise Athanassio. „Oeffnen!" erwiderte er kurz und kalt, indem er mir zugleich den Thürschlüssel gab. „Die Jäger sind schneller gewesen als das Wild." Mit hundert widerstreitenden Empfindungen schritt ich zur Thüre und öffnete sie. Der Hotelier und ein Kriminalbeamter standen draußen. „Sie wünschen?" fragte ich. „Den Herrn dort!" erwiderte der Beamte, indem er auf Athanassio deutete und ins Zimmer trat. Unwillkürlich wandte icb> mich nach Athanassio um. Aber noch ehe das geschehen war, dröhnte ein Schuß durchs Zimmer. Ein schwerer Körper fiel zur Erde. . aus dem Mörder Athanassio war nun auch noch ein Selbstmörder geworden. Man trug ihn blutüberströmt hinaus.... Gemeinnütziges. Frikan,dellen. Fleischüberreste werden mit Zwiebeln oder Petersilie recht fein gehackt, dann einige Eier, Salz, Nelken oder Muskat, etwas abgeriebenes, in Butter- gelb gemachtes Weißbrot nebst Braten oder Fleischbrühe damit verarbeitet und längliche Klöße daraus geformt, die man in den feingestoßenen Krusten umdreht, und in Butter gelb brät. Der DaheiM'Kakettder für 1901 bringt unter „Gemein, nütziges" einen Beitrag von D. Theodor Schäfer: „Stifte und Heime", der einem dringenden Bedürfnis entgegenkommt und sich als ein wahrer Schatz für alle Besitzer des Kalenders erweisen wird. Wer von uns ist nicht schon einmal in der Lage gewesen, sich für einen Verwandten oder einen Schützling nach einem Heim umzusehen, das seinen Angehörigen einen ruhigen, vor den Stürmen des Lebens gesicherten Aufenthalt gewährt! Wir wußten, daß es solche Asyle in reicher Zahl gibt, aber wie dasjenige ausfindig machen, das gerade in unserem Fall in Frage kam? Hier nun will der Aufsatz Helsen, indem er ein zuverlässiges Verzeichnis all der Stifte und Heime bringt, in denen gewisse Persönlichkeiten einen dauernden Aufenthalt finden können. Bei allen sind die Bedingungen angegeben, unter denen das geschehen kann. Während nämlich die einen allen Bewerbern einer gewiffen Kategorie offen stehen, sind die anderen bestimmten Bevölkerungsklassen nach Stand, Beruf, Konfession u. s. w. Vorbehalten, beanspruchen ein Eintrittsgeld oder einen Zuschuß u. s. w. Es leuchtet ein, wie wertvoll ein solches Verzeichnis sein muß. Bei der großen Zahl derartiger Heime, die es erfreulicherweise in Deutschland gibt, haben in diesem Jahrgange allerdings nur die Anfnahme finden können, die den 28 deutschen Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern angehören. Das Verzeichnis soll aber im nächsten Jahre fortgesetzt werden. — In anderer Weise sehr interessant sind die zeitgemäßen Aufsätze: „Die Entstehung des preußischen König- tunis" von Professor Dr. Ed. Heyck und „Die deutsche Kriegsmarine" von Heinrich Lühr. Die Erzählungen, die ebenso reich illustriert sind wie die Aufsätze, lieferten Richard Skowronnek: „Jons Raudonati s" — die Erzählung spielt unter Förstern — und Charlotte Niese: „Der rote PatriarL und Jakob" — eine Menschen- und Tiergeschichte. Der Kalender bringt außer den genannten Aufsätzen noch eine reiche Fülle von Unterhaltung nnd Belehrung in Wort und Bild sowohl in seinem allgemeinen Teil wie in den Abteilungen: „Frauen- Kalender" und „Allerlei Kurzweil für die Jugend". Unter den selbständigen Bildern haben uns besonders die zahlreichen vortrefflichen Reproduktionen nach alten Meistern, wie Raffael, van Dyck, Holbein, Dürer u. s. w. gefallen. Dr. Adolf Rosenberg hat ein vorzügliches Geleitwort zu ihnen geschrieben. Als achter Band des neunten Jahrgangs der Veröffentlichungen des „Vereins der Bücherfreunde" (Geschästsleitung Alfred Schall, Hofbuchhandlung), Berlin W. 30, erschien soeben: Unabhängig. Roman von Ant. Andrea. Umfang 23 Bogen. Preis geheftet 4 Mk., eleg. gebd. 5 Mk. Für Mitglieder des „Vereins der Bücherfreunde" kostet der Band nur 1 Mk. 85 Pfg. geheftet und 2 Mk. 25 Pfg. gebd. Die bestens bekannte Schriftstellerin beschäftigt sich in vorliegendem Roman in hochinteressanter Weise mit der Frauenbewegung. Das Streben des weiblichen Geschlechts nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit wird in lebenswahrer Weise an verschiedenen Charakteren durchgeführt. Der Roman ist cin Meisterstück realer Darstcllungskunst und kann dabei als sittlich reine Lektüre auf jeden deutschen Familientisch gelegt werden. Der „Verein der Bücherfreunde" schließt mit diesem hervorragenden Roman seinen 9. Jahrgang. Was dieser Verein in den 9 Jahren seines Bestehens an guter deutscher Litteratur zu wohlfeilsten Preisen dem deutschen Volke geboten hat, ist in weiteren Kreisen bekannt, und die Tausende, die sich an seinen Gaben erfreut haben, werden seinen Eintritt in den zehnten Jahrgang sicher mit Freuden begrüßen. Der Inhalt dieses Jahrgangs wird wieder ein hervorragend interessanter werden, und man hat keine Mühe gespart, um diesen Jubiläumsjahrgang besonders zugkräftig zu gestalten. Mau verlange Prospekte des Vereins in der nächsten Buchhandlung oder direkt von der Geschäftsleitung (Berlin W. 30). Kreuzrätsel. Nachdruck verboten. 1 2 ein Volk im fernen Land 3 2 zerreißt der Freundschaft Band 3 1 ein schattiger Aufenthalt 3 4 besitzest du mannigfalt 4 1 siehst doppelt du an dir, auch hat's der Tisch und das Klavier. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Nachlaßversteigerungm. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UmverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.