m - .r* MW DW ri.wnzza.- nirfjt in seinen Grenzen bleibt, und sich Mit dem befaßt, waS nicht für ihn gehört, Dem ist der Himmel feiub. Euripides. (Nachdruck verboten.) Die Irre von Sankt Rochus. Kriminalroman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) , Gewiß nicht", gab der Detektiv zu. „Aber die Vornamen stimmen ebenfalls überein, und es ivüre doch höchst merkwürdig, wenn während meiner Fahndung auf den Maleraehilfen Ernst Gabriel Grotjan mir dieser abhanden gekommen wäre und ein anderer Malergehilfe Ernst Gabriel Grotjan sich mir gewissermaßen in die Hand gespielt hätte als welcher der Selbstmörder übrigens auch ailf dem Magdeburger Standesanit in der Sterbeliste eingetragen ist. Offenbar haben wir es in diesem Grotjan mit einem Menschen zu thuii, der eine Namensfalschnng begangen hat und hierzu triftigen Grund gehabt haben inuß" Allram machte eine Pause, während welcher er vor sich auf den FUßbboden blickte. Dann hob, er den Kopf wieder lind begann von neuem: „Es treffen nun zwei Momente zusammen, die wohl geeignet sind, auf, den an Georgi begangenen Mord ein neues Licht zu werfen, rci ift erstens der Neffe aus Amerika, der von der Verworfenheit seines Charakters bereits früher einen Beweis geliefert hat und nun abermals aufgetaucht ist, und zwar im Fustande größter Verkommenheit. Und da ist zweitens der Merkurbrieftrüger Grotjan, der vor, Gericht eme^uge gesagt hat, die ich nicht auf, die leichte Achsel zu nehmen geneigt bin; denn ein Mensch, der sich erhängt und be- qraben wird und daun wieder unter den Lebenden erscheint, ist im höchsten Grade verdächtig. So entstand nun in mir die Frage, ob wohl diese beiden Individuen einen ge- meinsamen Anteil au dem Morde selbst haben konnten und ob vielleicht schon früher eine GemSinschaft zwischen ihnen bestanden Hab7n könnte. Das lenkte meine Gedanteu wieder auf den Bibelraub zurück, zu ivelihem Wippach sich eines Gehilfen bedient hatte. War es nicht eine imtui- gemäße Jdeenverbindung, daß ich dabei an Grotfan denken mußtet M hatte freilich meine Zweifel, ich fürchtete über das Ziel hinauszuschießen, aber "us emen möglichen Frrtum durfte mir nicht ankommen. Ob sich du Bei- ÄKS« «i w «*» Iet8' noch werde erinnern können, ob ich selbst eine so genaue Beschreibung des Briefträgers Grotfan werde erhalten können, um ihn einem Dritten kenntlich zu machen, und in die Erinnerung zurückzurufen, war sehr zweifelhaft. Ein hübscher, schlanker Bursche, fast zierlich, dunkle Augen, schivarzes Haar — das war alles, was ich erfuhr, und mehr schien man mir auch im Bureau des Merkur nicht sagen zu können. Aber plötzlich besann sich der Bureauvorsteher und deutete auf eine Photographie an der Wand, ein großes Gruppenbild. „Wir haben zur Feier des zehnjährigen Bestehens unseres Instituts unser Gesamtpersonal photographisch aufnehmen lassen , erklärte er mir, „Grotjaii befindet sich ebenfalls darunter/ Er nahm das Bild herab, auf welchem außer den Unterneh- mern des Merkur und dessen Oberbeamteii etwa fünfzig bis sechzig Briefträger in ihrer eigenartigen Dienstkleidung abkonterfeit waren, unigeben von der üblichen landschaft- ilichen Staffage; die Hintere Reihe stehend, die vordere sitzend und ganz im Vordergründe ein halbes Dutzend malerisch hingestreckt - alles in allem eine Terrasse von Gesichtern und Gestalten. Der gefällige Bureauvorsteher, der sich ebenfalls auf dem Bilde befand und ein Buch in der Hand hielt, zwischen dessen Blätter er den Zeigefinger geklemmt hatte, fuhr mit demselben Zeigefinger ein paar- inal über die Gruppen hinweg. „Da ist Grotjan", sagte er und machte bei einer der Figuren Halt, einem bartlosen, allerdings recht hübschen jungen Manne, der zu- ■ nächst einem Bannie stand. Das Bild mußte ich aus ein paar Tage haben, und nach einigen Schwierigkeiten gelang ! es mir, den Bureauvorsteher zu überreden. Daß ich ihm persönlich bekannt war, hätte hierzu nicht ausgereicht, aber die schönen Dinge, die ich ihm über sein Porträt, seine vornehme Haltung uni) das graziöse Spiel seiner Hand mit dem Buche sagte, wirkten Wunder. . Mit dem Bilde reiste ich nach Berlin und suchte den Antiquar auf. Er zeigte sich mir entgegenkommend; er wußte, daß ich ihm damals wegen des nicht ganz sauberen Bibelhandels llnannehin- lichkeiten hätte bereiten können uni) ihn — freilich aus guten Gründen, die er nicht kannte — geschont hatte. Ich legte ihm das Bild vor und frng ihn, ob er unter dieser Gruppe wohl noeh den Mann werde herausfinden können, welcher ihn, die Bibel gebracht hätte. Meine Hoffnung war natürlich gering; fünf Jahre ivaren für das Gedächtnis eines so alten Mannes wie der Antiquar eine geraume Feit. Aber in einem lange betriebenen Geschäft scharfen und erhalten sich die Sinne, die man dazu braucht, j^hne. einen Blick auf das Bild zii werfen, brachte der Antiquar, einen älteren Kupferstich herbei, auf welchem eme historische . Szene dargestellt war. Der Alte wies auf eine ich Vordergründe stehende weibliche Gestalt und sagte: Betrachten Sie diese Frau mit dein leisen Zuge von Grausamkeit um den Mund, welcher dem Antlitz etwas männliches giebt. Dieser Frau sah jener Mann ähnlich, und als er mir die Bibel brachte, mußte ich an diesen Küpser- -i 358 -ä stich denken, der damals sehr beliebt war und viel gekauft wurde, und ich sagte mir: wenn man diesen Menschen in die Tracht dieser Frau kleidete, so würde man glauben, er sei das Modell dazu gewesen. Und nun lassen (Sie mich sehen, ob ich ihn finde." Der Antiquar betrachtete das Gruppenbild und brauchte nicht lange zu suchen. — „Dieser hier ist's und kein anderer", bemerkte er und legte den Finger auf Grotjan." „Also wirklich der alte Verbündete Wippachs!" ries Dpktor Gerth- dessen Auge unverwandt an den Lippen des Detektivs gehangen hatte. „Ich muß staunen, zu welchen Resultaten ein nicht abgelieserter Brief Sie geführt hat, und nehme meine vorlaute Bemerkung, daß Sie einem einfachen Versehen zu viel Gewicht beigelegt haben könnten, reumütig zurück." „Jedenfalls ist die Wahrscheinlichkeit vorhanden", sagte Allram, „daß die Ermordung Georgis auf eine gemein- same^,Aktion seines Neffen und Grotjans zurückzuführen rst. Gab Grotjan sich einst zum Hehler Wippachs her, so kann er sich auch zu dessen Mordgesellen hergegeben haben. Er hat die That vollbracht, mit dem unbequemen Briefe an Therese Zeidler in der Tasche, als er am 17. Februar morgens zwischen acht und neun im Hause wax. Welchen Lohn für diesen blutigen Dienst er sich von dem Enterbten versprechen konnte, welchen Gewinn dieser selbst für sich erhoffte, — das bleibt dunkel. Ich muß diese Burschen finden, den einen wie den anderen, und sollte ich. sie am Nordpol suchen!" Allram erhob sich. Doktor Gerth versah ihn, vorläufig nur zur Kosten- deckung, wie er hinzufügte, mit einer größeren Anweisung auf seinen Bankier, und fand nicht Worte genug, ihm für die bereits erzielten Erfolge seinen Dans auszudrücken. Er führte dann den Detektiv in der Anstalt umher. „Es war nicht überflüssig, daß ich zu meinem Besuche diese Maste genommen habe", äußerte Allram, als beide eben eine mit freundlichen Gartenanlagen versehene Abteilung besichtigt hatten, in welcher sich nur Kranke höherer und bemittelter Stande befanden, „ich bemerkte da -eine alte Bekannte, die sich meiner aus der Zeit, wo ich geheimer Kriminalkommissar war, wohl noch erinnern dürfte, denn ich habe wiederholt mit ihr zu thun gehabt." Mehr sagte er nicht, aber der Irrenarzt gab durch ein verständnisvolles Lächeln zu erkennen, daß er diese Anspielung auf eine sehr vornehme Dame bezog, welche wegen „unheilbarer Kleptomanie" von ihrem unglücklichen Gatten schon zum dritten Male hier hatte untergebracht werden müssen. Auch durch den mit Gras bewachsenen, von Kastanienbäumen überschatteten Hof, wo die schwerkranken fünfzig Weiber sich ergingen, führte Gerth seinen Gast. Er brauchte ihn nicht erst auf den Gegenstand seiner Bemühungen und Nachforschungen aufmerksam zu machen: es gab nur eine einzige hier, die es sein konnte und die wie ein trauernder Engel sich durch diese Horde stumpfsinniger oder ungeberdiger Geschöpfe bewegte. Ein teilnahmsvoller Blick auf die Arme und ein leises Kopfnicken verriet dem jungen Arzte, daß Allram Konstanze sofort herausgefunden hatte. Keine der anwesenden Wärterinnen soltte bemerken, daß der Fremde der Epileptikerin mehr Aufmerksamkeit schenkte als den übrigen. Konstanze Herbronn sah den alten Herrn an der Seite des Arztes wieder verschwinden, ohne die geristgste Ahnung, daß jener die Fäden ihres Schicksals in der Hand hielt. Gerth versäumte nicht, einigen seiner Kollegen, denen man aus diesem Rundgange begegnete, den Doktor Hauser als Irrenarzt aus einer Heilanstalt der Schweiz vvrzu- stellen. Die Zeremonie wurde stets rasch abgethan: nur! der Direktor von St. Rochus hätte sfch mit dem Schweizer Kollegen gern länger unterhalten und lud ihn ein, zum Diner zu bleiben, was Doktor Hauser jedoch dankend ablehnte, da er mit dem nächsten Zuge weiter müsse; viel- lercht aber werde er auf seiner Rückreise noch- einmal vorsprechen. Der heutige Tag hatte eine schwere Last von Gerths Herzen gewälzt. Welches Geheimnis auch Konshanzes Mund verschließen mochte, — von jener Art, wie er. geargwöhnt hatte, konnte es nicht sein, wenn der Detektiv auf der rechten Spur war. == — — — — 1 — p —. In das Haus, worin Titus Allram wohnte, trat eine Dame. Sie ging langsam, eher gemächlich, als zögernd. Sie legte für alles, was sie in dem Hause sah, ein lebhaftes, fast neugieriges Interesse an den Tag: für den Gräupner, der in der Hausflur seinen Verkaufsstand hatte, für die Erbsen, Linsen, Fadennudeln, Apfelsinen und gedörrten Aepfel und Zwetschen in den offenen Säcken und Kistchen, musterte jede Person, welcho ihr auf der Treppe begegnete, und blickte, im ersten Stock angelangt, aufmerksam umher, obwohl dort nichts zu sehen war, als zwei Thüren, von denen die eine in das Kontor des Bankgeschäfts, die andere in Allrams Wohnung führte. Eben als sie, um an die letztere anzuklopfen, die in einem tadellosen Glacehandschuh steckende Hand erhob, wurde die Thür so plötzlich von innen geöffnet und fo unversehens stand die Gestalt eines Mannes vor der Dame, daß sie, was sehr natürlich war, erschrocken zurücksprang. Der Heraustretende war Allram. Er hatte einen hellgrauen Sommerüberzieher über die Schultern geworfen und diesen am Halse zugeknöpft; es war dies seine Ge- wohnheit, wie er auch den breitrandigen Filzhut von gleich hellgrauer Farbe, der seinen Kopf bedeckte, tief in die Stirn gedrückt zu tragen Pflegte. Unter dem Arme hielt er einen starken, gewundenen Spazierstock, in der Hand ein kleines braunes Lederköffercheu. Seinen Hut lüftend, entschuldigte er sich wegen heD der Dame bereiteten Schrecks. „Wollten Sie zu mir?" frug er. „Wenn Sie Herr Mram selbst sind, ja", war die Antwort. Er zog die Uhr, denn er stand im Begriffe, zu verreisen. Da er noch ein halbes Stündchen übrig hatte, so ließ er die Dame..eintreten, wies ihr den üblichen Platz vor dem großen Mstden Tische an und nahm seinen gewohnten Sitz aMWem fchwarzledernen Fauteuil -ein. Die Fremde, Nne nicht übel aussehende Frau in der Mitte der Dreißigf war von kleiner Gestalt und von beweglichem Wesen und sehr elegant gekleidet. Der fastüber- reiche Schmuck, den sie trug, ließ auf Wohlhabenheit schließen, vielleicht auch auf das Bestteben, darin nicht unterschätzt zu werden. Sie nannte ihren Namen nicht, und Allram frug nicht danach; er wollte immer erst hören, was man von ihm verlangte. Die Dame setzte nun die Angelegenheit, in welcher sie sich an ihn wandte, ziemlich weitschweifig auseinander, wobei sie sich über Nebenumstände verbreitete, die gar nicht zur Sache gehörten. Wenn sie mit besonderem Nachdruck sprach, begleitete sie ihre Worte mit -einem herben Lächeln, und dann legte sich zugleich ein schlauer Zug um ihren Mund. In dem Blick ihrer hellbraunen Augen lag etwas! berechnendes. Dasselbe lebhafte Interesse, welches sie schon beim Heraufgehen den Personen und Gegenständen! dieses Hauses gewidmet hatte, übertrug sie auch auf ihre jetzige Umgebung, nur hatte sich hier ihre Neugier mit flinkeren Blicken bewaffnet, da ihr weniger Muße dazu gelassen war. Mitten in der Rede rückte sie plötzlich mit ihrem Stuhle hastig zur Seite und frug, ob das Ding geladen sei; denn sie hatte unter den Nippsachen, welche den großen runden Tisch bedeckten, den Revolver bemerkt, und da Allram der Waffe schweigend eine andere Lage gab, sodaß die Mündung der Besucherin abgekehrt war, so schien sie daraus zu schließen, daß mit dem Dinge nicht zu spaßen! sei und wandte kaum noch das Auge davon ab. Der Kern ihrer umständlichen Auseinandersetzungen war folgender: Sie war vor anderthalb Jahren Witwe geworden, hatte vor kurzem wieder geheiratet, mit ihrem zweiten Gatten aber eine sehr üble Erfahrung gemacht und wollte nun gegen denselben die diskreten Dienste des Detektivs in Anspruch nehmen. Allram kannte die wunden Punkte unglücklicher Ehen, Fast keine Woche verging, wo ihm nicht, bald von Frauen, bald von Männern, ein solcher Fall zu Gehör gebrach-t und seine „diskreten Dienste" angerufen worden wären. Was er stets darauf erwiderte, gab er auch jetzt zur Antwort: „Wenn Sie Ursache zur Eifersucht haben, gnädige Frau, und ich soll Ihren Gemahl überwachen, — oder wenn Sie wünschen, ihn unter meine Beobachtung zu stellen, bis er — 359 - in eine Halle geht, die Ihnen den Grund zur Klage auf Ehescheidung liefert, so sage ich Ihnen im voraus, daß ich! Ihnen meine Dienste nicht zur Verfügung stellen kann. Solche Sachen übernehme ich nicht." Sie schwieg einige Augenblickei In meinem Falle handelt es sich um etwas ganz anderes", entgegnete sie dann, „mein Gatte hat sich heimlich! entfernt. Er ist mir durchgegangen." „Und ich soll Ihnen vermutlich den Durchgänger wieder zurückbringen", meinte Allram. „Nein, ich mag ihn nicht wieder zurückhaben. Er hat sich an meinem Vermögen vergriffen und eine bedeutende Geldsumme nntgenjommen; auch diese will ich! nicht zurückhaben, denn ich bin in der Lage, sie zu verschmerzen. Abev er hat außerdem auch einen Rubinschmuck mitgenommen, und diesen zurück zu erhalten, daran liegt mir alles." „Warum wenden Sie sich nicht an die Kriminalpolizei?" frrig Allram. Sie schüttelte ablehnend den Kopf. „Wahrscheinliche wollen Sie Ihren Gatten schonen", bemerkte der Detektiv in einsichtsvollem Tone. „Weniger ihn als mich", entgegnete sie, „ich möchte jeden öffentlichen Skandal vermeiden, möchte mich nicht der Lächerlichkeit Preisgeben, daß ich mich von einem Manne, dem ich, mein Vertrauen schenkte, so arg täuschen ließ." Sie begleitete diese Worte wieder mit dem Herbert Lächeln und dem Zuge von Schlauheit, der dabei verräterisch zum Vorschein kam, und Allram vermutete, daß der Mann, von welchem diese Frau sich hintergehen ließ, sie nur durch äußere Vorzüge geblendet haben könne. „Höchstwahrscheinlich wird sich Ihr Gatte mit seinem Raube ins Ausland begeben haben", chigte Allram. „Zu einer solchen Reise habe ich jetzt absrHrß keine Zeit. Ich bedauere daher, die Sache nicht übernehmen zu können." Er sah nach seiner Uhr und stanKs Krft Auch die Dame erhob sich. Sie schien unschlüssig. „Ich würde Ihre Bemühungen glänzend honorieren", suchte sie ihm zuzureden. „Daran zweifle ich nicht", antwortete er in einem Tone, der zwar sehr verbindlich klang, aus dem aber auch herauszuhören war, daß er bei seiner Ablehnung beharrte. Gleichzeitig griff er wieder nach Stock und Reiseköfferchen. „Mein Gott! und mir liegt so viel an dem Schmucke!" rief die Dame kummervoll, die Hände ineinanderfaltend, „der Elende wird mich mit Versprechungen ködern, ihn zurückgeben zu wollen, wird versuchen, damit neue Geldsummen von mir zu erpressen. Er weiß, daß der Schmuck einen unschätzbaren Wert für mich! hat, denn er ist ein Andenken an meine verstorbene Mutter, und es giebt nichts, was mir heiliger wäre!" Sie hatte während dieser Worte bittend ihre Hand aus Allrams Hand gelegt, und als sie zu ihm aufblickte, sah er Thränen in rhren Augen schimmern. (Fortsetzung folgt.) In der blauen Grotte von Capri. Bon Dr. Gustav Adolf Müller. Nachdruck verboten. Ein herrlicher Junitag und dazu in Neapel. Was kümmert uns die zärtliche Mutter Sonne, die uns schon am Morgen mit seltener Wärme beglückt? Bor uns wogt das azurne Meer und verheißt eine kühlende Brise. Laß' den verschmitzt lächelnden Kutscher drunten vor dem etwas schäbigen Hotel de Russie vergeblich heute aus uns lauern — ich will übers Meer, nach dem Paradiese des Ozeans, nach Capri! Ein Ruderboot bringt uns hinüber nach dem Dampf- schisf. Ein italienisches Schiff, außen hui, innen pfui. Fährt stolz wie Italiens Politik hinaus aus die See und macht, wenn ein Sturm bläst, linksumkehrt' wie jene oder wie ein — erwischter Apfeldieb! „des, Yes!" Alles voll Engländerinnen und Engländer. Nach neapolitanischem Kinderglauben lauter Millionäre. Na,.für solche gelten wir auch-. Wer reist dort zu Lande und über die Alpen kommt, der hat Geld „tote Scheiterbeugen". Ein Jüngling naht mit niedlichen Erdbeerkörbchen. Die englischen Ladys betupfen die Ware, kaufen aber nicht. Erdbeeren! Ach, die haben so etwas Deutsches, so etwas Mädchenhaftes, so etwas Inniges! Und das niedliche volle Körbchen! Eine Lira. Hier ist sie. Der Schlauberger! Unter einer dünnen Schicht Beeren eine dicke, dicke Lage starker Pappe. Für kaum 15 Centesimi Erdbeeren. Und eine Lira! Die Erdbeeren sind mit ro«, mantischer Empfindung vertilgt. Die letzte ist noch nicht ganz an ihrem Reiseziel angelangt, da naht sich der pappe- begeisterte Sohn des Südens wieder. Möchte wohl ein zweites Körbchen verkaufen? Niente! — Er lächelt trotz der Absage, er ist bescheiden und will nur — das leere Körbchen. Det Jeschäft wär' richtig! — — Zum Golf hinaus, besser: durch den Golf! Solch eine Fahrt ist kein irdischer Genuß. Königin Schönheit thront über Neapels Höhen, und Jungfrau Anmut legt ihr die demantene Kette um den schneeigen Hals. Die Seele frohlockt. Das Herz schlägt wie in jungem Glück. Junges Glück. Wo bist Du nicht? Wo wärest Du nicht zu Hause wie der Schmerz und das Weh? Ich blicke um mich, auf dem Verdeck. Zwei Hochzeitspärchen girren wie Turteltäubchen. Oder sind es „blos" Liebespärchen? Oder gar alles beides? Ich! hab's bald heraus. Das eine der glücklichen Männchen ist ein deutscher Philologe, das andere ein deutscher Merkursjünger, jener ledern, dieser, ein Schwerenöter, den ich stark im Verdacht habe, das sei nicht seine erste — Hochzeitsreise. Die beiden jungen Dämlichkeiten trinken Cognac, Magenbitter, verziehen den liebreizenden Mund wie Megären und treiben bald an unbelauschten Orten tiefsinnige Studien über den Einfluß der Schiffsbewegungen auf das europäische Gleichgewicht. Hilflos lassen die „Herren der Schöpfung" ihre Grazien in den Händen der Würgerin .... Links drüben hebt sich am Fuße des Vesuvs rötlich das wiedererstandene Pompeji vom grauen Boden ab. Der Dampfer steuert Sorrent zu, dem hoch und herrlich ge- legenen Felsenidyll. Dann geht es direkt in blendendem! Sonnenschein nach Capri. Capri! Wie sie austaucht in blauer Ferne, die liedbesungene felsige Au, wie das Auge den Rauch, aufsteigen sieht von den Hütten und Klippenhöhen, da macht poetisches Empfinden aus unseren Herzen, was es mag. Wie ein lieber Traum aus Märchentagen ersteht das wundervolle Eiland vor uns; ein auf der Erde vergessen gebliebener Gedanke Gottes spricht aus ihm. Da verstummt das „Yes, Yes", da verllären sich! des deutschen Schulmeisters pedantische Züge, der Herr Commis Voyageur unterdrückt einen neuesten Kalauer, ja, die Augen der kranken Damen leuchten auf in erfreutem Bewundern .... Diesen erhabenen Moment benutzen ein halbes Dutzend Hotelagenten, um uns für dieses ober jenes Haus zu begeistern. Von allen Seiten streckt man uns Menukarten unter die Nase. Und das bei solchem Anblick! Wenn ich. nur wüßte, was in Italien eine Ohrfeige kostet! Nach rechts wendet sich der Kiel. Das Schiff fährt gen die blaue Grotte. Wer dieses Weltwunder schauen will, dem gönnt der Kapitän eine halbe Stunde Verweilen. Zwar ist tote der Krater des Vesuv so auch diese herrlichste aller Meeresgrotten vom gesegneten Königreich Italien zur finanziellen Spekulation entwürdigt — „spe- culum" heißt nicht umsonst „die Höhle" — aber was kommt es, wenn man gen Capri fährt, üuf ein paar Lire an? Und was thun deutsche Schriftsteller mit dem vielen überflüssigen Gelde? Wir sind dabei, wir machen mit! Nicht allzuweit von dem Felsenabhang, unter welchem das azurne Heim der Nixen erstrahlt, hält das Dampfboot. Schon rudern in leichtfertig schwankenden Kähnen die zum Abholen der Besucher angestellten Schiffer herbei. Die Treppe wird hinunter gelassen. Zu Zweien und Dreien, wie es gerade sich ergiebt, Männlein und Fräulein, bekannt und unbekannt, steigt man in einen Nachen, dessen Fährmann nicht gerade so vertrauenerweckend in die Welt sieht wie ein Helgoländer Bootsmann. Nun rudern, nein, wanken und schwanken wir dem fast unsichtbar niedrigen Eingangsloch der Grotte zu. Ein Gekreische aus edler Frauen Mund, als griffe ein Meer- centaur aus, sich ein hübsches Weiblein zu holen . . , „A basso! Niederlegen ins Boot! Duckt Euch !" Der Führer .360 — mahnt. Noch sicht da» erwartungsvolle Auge über der en gen Pforte den militärischen Posten stehen, dann legen mir uns flugs zurück in das Boot, der Fährmann _beugt sich tief hernieder, faßt mit beiden Händen den Felsen oben und schiebt so den Kahn durch die von brausenden Wellen fast ganz verschlossene Enge. Ah! O! I! Herrlich, wundervoll, himmlisch! Ein Verwundern in allen Sprächen! Wir fahren im unglaubliche märchenhaften Blau der Grotte von Capri! Es ist ein Unikum der Lichtwirkung. Man könnte das Blau der Grvtta Azzurra als eine besondere — aber freilich nicht reproduzierbare und unnachahmliche — Farbe aufführen. Es ist ein ganz eigenartiger Anblick, wenn sich vom Bootrande oder von den glitzernden Felsstusen im dunklen Hintergründe der Grotte aus eine nackte Gestalt in die leuchtende Flut hineinstürzt, wenn diese Flut wie Silberschaum aufwogt und die Tropfen wie leuchtende Perlen und fließendes Metall aufsprühen. Es ist bekannt, daß der Körper des im Wasser der Grotte Befindlichen dein Zuschauenden wie von Silber erscheint. Aber auch der Badende selber hat wie Dr. R. Schoener bezeugt — die Empfindung einer seltsamen Licht- und Farbeneinwirkung. Man atmet Bläue ein; der ganze Körper fühlt das magische Licht; es ist, als würde man von außerirdischen Elementen umfangen und durchdrungen. An schmeichelnder Phantastik mögen wenige Eindrücke dem Michkommen, den man empfindet, wenn man einsam in diesem Gewässer umherschwimmt. Man würde nicht im mindesten erstaunt sein, wenn Meergötter und Nymphen herauftauchen, Fabelwesen-unter den Felswölbungen sich regten und Tritonenmusik sich! hören ließe. Aengstlich wohl wird mir wie der entzückten Gefährtin meines Schiffleins, zu Mute, wie in dem blauen Halbdunkel ko viele Kähne durcheinandertreiben. Aber die Neugier, das Staunen siegt. Wir alle möchten wohl ein festum- rissenes Bild der 'Wundergrotte mit uns in unseren Seelen tragen. Aber — unaufhörlich weiß mit der Grazie eines galanten Banditen der Fährmann vom „Trinkgeld" zu schreien, landesüblich nennt er dieses — „maeearoni". „Ich werde heute Abend viele Maeearoni auf Ihr Wohl verspeisen" — ist die endlose, schlau bemessene Phrase. Das Schiff schaukelt bedenklich. Dieser Moment erzeugt eine neue Erpressung: „S'ist sehr gefährlich — aber ich habe viele Sorge für Sie!" Herr Gott, was kostet eine Ohrfeige auf Capri? Freilich -- ich würde mich hüten, hier eine auszuteilen! Und ringsum das.zaubervollste Licht, das die Schönheit sich entzündet! Und der schmutzige arme Kerl schreit „Maeearoni!" Wenn ich wieder gen Capri fahre, nehme ich mir vom, Mand chus ein eigenes Mietsboot und befehle dem Lenker, in der blauen Grotte zu schweigen. Reckst hat, wer da sagt: Die blaue Grotte läßt sich leider weder mit dem Pinsel, noch mit Worten schildern. Um M eine richtige Vorstellung von dem herrlichen Phänomen zu machen, mjuß man bei ruhigem Meere an einem sonnenhellen Sommermittag aus der blendenden Atmosphäre, die draußen über der herrlich- umrahmten glanzvollen Wasserfläche zittert, durch die niedrige Felsenöffnung in das kühle Halbdunkel der magischen Grotte hineingeschlüpft sein, um dann, sich umwendend, das zauberhafte phosphoreszierende, zartblaue Licht wie eine wunderbare, nie gesehene Substanz das Wasser und die Luft erfüllen, alle Gegenstände gleichsam durchdringen zu selben. Die Grotte ist gegen 50 Meter lang und 30 Meter breit. Die größte Wassertiefe beträgt 1.6 Meter; die Wölbung erhebt sich bis 15 Meter über dem jetzigen Wasserspiegel. Das Verdienst ihrer Entdeckung schreibt man gewöhnlich unferm deutschen Maler-Dichter August Koch sch aus Breslau zu. Dieser liebenswürdige Poet war nebst einem Begleiter im Jahre 1826 mit Pechfackeln versehen, schwimmend eingedrungen, und hat im Frewdenbuchc des „Albergo Pagano" eine aü schau liche Schilderung der überraschenden Erscheinung hinterlassen. Sicherlich gebührt ihm das Verdienst, die blaue Grotte und ihre Schönheit bekannt gemocht und dafür gesorgt zu habe«, daß sie welt- berühiitt und Capri ein Reiseziel für Tausende geworden ist. Wir wissen von Tiberius, daß er auf Capri üppige Badeszenen veranstaltet hat. Allein die an sich wohl richtige Annahme, daß der Schauplatz dieser Orgien in der „Blauen Grotte" zu suchen sei, ist schlecht gestützt durch die Meinung derer, welche einen im Hintergründe der Grotte mündenden Gang für den Verbindungsweg zwischen dem Palaste und der Grotte halten, nachdem durch eingehende Untersuchungen festgestellt ist, daß dieser — eine teilweise künstliche Bearbeitung aufweisende — Gang nichts anderes als eine natürliche Höhlung ist, wie sich deren zahlreiche im Kalkgestein der Insel finden, und daß er nie und nimmer zur Verbindung der Blauen Grotte mit einer kaiserlichen Villa gedient haben kann. Konnten auch die direkten Spuren einer Bearbeitung an den Wänden durch den Kalksinter, der dieselben mit einer dicken, schleimigen Kruste überzogen hat, unsichtbar gemacht werden, so ist doch ganz undenkbar, daß man es unterlassen hätte, die zahllosen Unebenheiten des Bodens, die Vorsprünge und Zacken der Wände und der niedrigen Decke zu beseitigen, an denen man beständig stick) zu verletzen in Gefahr ist. Die Bvrstelluiig, daß ein römischer Kaiser mit seinem Gefolge und einer Schar Oda- lisken kriechend, keuchend und schwitzend sich hier hindurch gezwängt habe, ist kaum denkbar. Andererseits spricht für eine Benutzung der Blauen Grotte in liberianischer Zeit, sowie für ihre Zugänglichkeit von der Meerseite her außer der zweieindrittel Meter hohen künstlichen Eingangs- und DentilationsöffnUng, die vor etwa 15 Jahren erneuerte Felstreppe, die den äußeren Zugang an dieser Oeffnung bildete, und das einstige Vorhandensein einer Villa unmittelbar oberhalb der Grotte. : Da man nahezu fünf Meter über dem jetzigen Meeres- niveau an den Wänden der Grotte eine Reihe von Aushöhlungen sieht, die nur durch das Wasser hervorgebracht fein können, muß die Insel in nachantiker Zeit um fünf Meter tiefer als heute, um 11 Meter tiefer als im Altertum im Wasser gestanden und diese Lage Jahrhunderte lang behalten haben. ' Das fabelhafte blaue Dämmerlicht, das ängstlich! Kreischen und heitere Lackmen der Damen, der laute Zuruf der Herren, das Plätschern des Wassers, die auf der Felsen- platte stehenden, leuchtendeit Körper nackter Männer, die um einen Obolus sich in die Flut zu stürzen bereit sind, das alles verschmilzt sich zu einem verwirrenden Märchenbild, aus dessen Jllufivncn uns das unermübMje Betteln des Bootsmanns um „molti maeearoni" nur allzu ernüchternd herausreißt .... Und wenn wir glücklich hinausgelailgt sind durch die enge Felsenpforte in das grelle, weißsonnige Lickst des Tages, da strecken sich uns geldgierige Hände neuerdings entgegen, uni im Namen der Grottenpächter die tarifmäßige Gebühr zu heischen. Wer Poesie in seiner Seele trägst der weiß, warum ich dies beklage. Immer klingen mir, wenn ich der „Blauen Grotte" und ihrer Wunder gedenke, die Worte „molti maeearoni" ins Ohr! . . . . BersteckrStse». Nachdruck ticrbotcu. Mau suche ein Sprichwort, beffcit einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind wie die Silbe „an" in „Wanderer." Uhrwert — Leverwurst — Schreibfehler — Polcnkönig — Willenhall — Mußbach — Adlerhorst — Schenkel — Thaler — Bohnen- salat._______________________________ Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Gitterrätsel« in voriger Nummer: B K B B r a u n b i e r a a r u l n K n a l l g a s e b n t i a e B e r n s t c i n r € n ®. Burkhardt. — Brnck und Herlag der Brühl'scheu UrriderMätSi-Buch- und GteMörmkerei (Pietsch Srd ens ip. ®tc8«.