Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von R. P. Roe. (Fortsetzung.) XXIV. Ein tückischer Anschlag. Robert war ein aufrichtiger und hingebender Freund. Er suchte alltäglich Frau Howell durch seine Aufmerksamkeiten und Gegenwart Trost zu bringen, und das, sowie die Freundschaft der Frau Willow waren der einzige Lichtstrahl auf ihrem dunklen Wege. Mildred war höflich und sogar freundlich gegen den jungen Mann, aus Rücksicht für ihre Mutter und Bella. Außerdem hatte auch sein Benehmen ihm ihre Achtung erworben. Nicht minder aber hatte er auch durch seinen Fleiß und seine Ausdauer in seinen Studien den Beifall seines alten Ontels gelvonnen. Der Frühling kam, aber er brachte keine Frühlings- Hoffnungen, sondern bittere Demütigungen. Die Not war schon so groß geworden, daß die Familie mit der Miete im Rückstand blieb und, genötigt war, auszuziehen. Hier war die praktische und unerschütterliche Frau Willow eine große Hilfe, sie besorgte fast alles, da auf Howell kein Verlaß mehr war. Sie mietete ein Wohnzimmer und zwei kleine Schlafzimmer in einer großen, modernen Mietkaserne, welche von fremden Arbeitern aller Nationalitäten angefüllt war. Alles in dem Gebände war dünn und dürftig, überall war gespart worden, und das Ganze entsprach nur eben noch den Bauvorschriften. Wenn ein Kind schrie oder ein zänkisches Weib kreischte,, oder wenn ein Arbeiter j.m Zorn oder in der Trunkenheit lärmte, so hörten dies sämtliche Bewohner, aber sie achteten wenig darauf. Nur Frau Howell und Mildred empfanden oft schmerzlich diese Mißklänge. Bellas Gemüt wurde verbittert durch die Entbehrungen, und die Kinder lernten viel zu in MB wL V Gerok. K in jeder seines Glückes Schmied! Wo bleibt da Gottes Ehre? Was seine Schickung mir beschick, Wer bin ich, daß ich's wehre? — Und doch, was dir des Höchsten Rat Von Lieb' nnd Leid beschieden, Du wirst dir erst durch eig'ne That Wohl oder Weh' d'raus schmieden. früh erkeunen, wie viel Böses und Gemeines es auf der Welt giebt. Mildred aber fühlte sich beständig tief verletzt durch die Demütigungen in ihrer Lage. Mehr als Hunger, Kälte und Entbehrung fürchtete sie das Gerede und die dreisten Blicke der Leute. Auch Mister Wentworth, dem Geistlichen, gegenüber, der die Familie oft durch seinen Zuspruch aufzurichten suchte, wurde sie schweigsam über ihre häuslichen Angelegenheiten. Mildred wußte, daß er manche Familie in Krankheit und Not fast ganz erhrelt, sie wußte, daß es noch viele gab, welche seine Sympathie und seine tzilse zu gewinnen suchten, sie hätte von ihm annehmen können, aber sie war der Meinung, daß sie ihm zuvor, volle Aufrichtigkeit schuldig sei/ Eher aber wäre sie verhungert, als daß sie von der Erniedrigung ihres Vaters selbst dem Geistlichen gegenüber gesprochen hätte. Er suchte wenigstens die jungen Mädchen vor den Gefahren zu warnen, welche oft aus Mutlosigkeit und Unglück entspringen, und ermahnte sie, an ihrem Glauben an Gott festzuhalten. Es ist eine schreckliche Eigenheit unserer christlichen Stadt, sagte er, daß junge, schöne Mädchen, wie Mildred und Bella, leicht eine Beute der Verfolgung werden können. Nup eigene, feste Entschlossenheit und große Klugheit können sie schützen, und auch diese bewahren sie nicht vor der Verfolgung, sondern nur vor dem Fall, der ihnen droht. Ein schreckliches Erlebnis Mildreds bestätigte diese Thatsache. In der Abteilung, in welcher sie arbeitete, war ein Mann als Geschäftsführer angestellt, welchem Grundsätze und Gewissen unbekannt waren. Er war von einnehmendem, halb weiblichem Aeußeren und anscheinend wachsam und treu in der Erfüllung seiner Pflichten. Er fühlte sich von Mildred sehr angezogen, und mit der Dreistigkeit, die ihm seine Gewalt verlieh, erlaubte er sich so offene Zudringlichkeiten, daß er mehr als eine scharfe Zurückweisung erhielt. Deshalb dürstete er nach Rache und wartete mit der kalten Ausdauer einer Schlange auf die Gelegenheit zu einem tückischen Angrisf. Ungeachtet seiner äußerlichen Höflichkeit konnte Mildred nur mit Schauder seinem Blick begegnen. Durch Bella hatte Robert einige Andeutungen von den früheren Aufmerksamkeiten dieses Menschen und seinem jetzigen, schlecht verborgenen Haß gegen Mildred erhalten, welcher diese nicht wenig beunruhigte, da sie befürchten mußte, unter irgend einem Vorwande entlassen zu werden. Sie wußte sehr wohl, daß sie in ihrer jetzigen Lage keine Stunde müßig sein durfte. Robert hegte daher eine bittere Feindschaft gegen den Menschen. Eines Abends im März machte Robert seinen gewöhnlichen Spaziergang, ehe er sich zu seinem Studium nieder- setzte. Er konnte gehen, wohin er wollte, und natürlich richteten sich seine Schritte fast immer zu jener Thüre, 54 durch welche er einen Blick nach dem jungen Mädchen werfen zu können hoffte, welches mit solcher Hoffnungslosigkeit und doch mit solcher geduldigen Ausdauer den Kampf ums Dasein kämpfte. Er war heute später als gewöhnlich gekommen, als das Geschäftspersonal schon den Laden zu verlassen begann. Plötzlich erschien der verhaßte Abteilungsvorsteher am Eingang und blieb einige Augenblicke stehen. Dann verbarg er sich an einem Schaufenster des Nebenhanses. Robert sah, daß er ein junges Mädchen beobachtete, welches eben den Laden verließ und mit einem scheuen Blick rückwärts die Straße entlang eilte. Der Verfolger ging ihr sogleich nach, wobei er sich in der Menge vor ihr zu verbergen suchte. In der Hoffnung, die Schliche des Menschen zu entdecken, in dessen Macht es lag, Mildred zu schaden, folgte ihm Robert nach. Mit einem raschen Blick über die Schnlter war das Mädchen in eine Nebenstraße eingebogen, welche weniger besucht war und schon halb im Schatten lag. Dort erreichte sie ihr Verfolger. Sie blieb plötzliche stehen mit einer Beivegung der Entrüstung, nach einigen Worten von ihm aber ging sie gefügig eine Strecke weit neben ihm. Der Mann sprach rasch, und dann bogen sie in einen langen, dunklen Gang ein, welcher in den Hof eines großen Miethauses führte. In der Mitte dieses Ganges brannte eine Gaslampe. Dort blieben sie stehen und beim Scheine des Lichtes sah Robert, wie das Mädchen unter seinem Mantel etwas Weißes hervorzog, das wie ein Stück Spitzen aussah. Der Mann untersuchte" das Packet, machte sich eine Notiz und reichte dasselbe dem Mädchen wieder, welches zögerte, es anzunehmen. Aber seine Weise war so drohend pnd gebieterisch, daß das Mädchen sich fügte und das Packet einsteckte. Als sie mit einander herauskamen, schrieb sich Robert die boshaften Züge des Mannes und die schuldbewußte Miene des Mädchens in sein Gedächtnis ein. Sie sahen ihn argwöhnisch an, aber als er weiterging,, ohne sich umzusehen, hielten sie ihn wahrscheinlich sür einen zufällig Vorübergehenden. Das war ein Schurkenstreich, murmelte Robert, aber von welcher Art, das kann ich noch nicht erkennen, doch davon bin ich überzeugt, — daß dieser Mensch ein Schurke ist. Augenscheinlich hat er das Mädchen in seiner Gewalt. Es scheint, sie hat die Waren gestohlen. Hätte er eine Ahnung gehabt von der Niederträchtigkeit dieses Menschen, so wäre er nicht so ruhig an seine Studien gegangen. Die Szene, welche er beobachtet hatte, ist leicht erklärlich. Seit einiger Zeit hatte man in der Spitzenabteilung Waren vermißt, und Mildreds Feind hegte die Hoffnung, den Verdacht auf sie werfen zu können. An diesem Abend hatte er jene Verkäuferin beobachtet, wie sie zwei oder drei Stücke entwendete. Sobald er sie später einholte, beschuldigte er sie des Diebstahles, und als sie leugnete, drohte er, sie durchsuchen zu lassen. In der Angst gestand das Mädchen alles und wurde jetzt das Werkzeug für seine teuflischen Pläne. Er sagte ihr, er habe noch ein anderes" Mädchen in Verdacht, nämlich Mildred Howell, und sie solle am folgenden Abend die Waren in den Mantel dieses Mädchens stecken, damit er auch von ihr ein Geständnis erzwingen könne. Dafür versprach er dem Mädchen, keine Klage gegen sie anzustellen, und überließ es ihr, sich eine andere Stelle zu suchen, was sie sofort thun müsse, da er nicht zugeben könne, daß sie noch länger im Geschäft bleibe. In der Angst und Verwirrung, wenn auch mit großem Widerstreben, gab das Mädchen dieses Versprechen und lernte jetzt durch die bittere Erfahrung, daß eine Sünde, wie ein Feind innerhalb der Festungsmauern, das Thor für viele andere öffnet. Sie suchte ihr Gewissen mit dem Gedanken zu beschwichtigen, daß Mildred nicht besser sei, als sie, und daß nichts weiter erfolgen werde, als eine stille Andeutung, Mildred solle sich eine andere Stelle suchen. Dies versprach ihr der Mann, obgleich er eine andere Meinung hatte. Er wollte Mildred öffentlich beschimpfen und sie zur Verzweiflung bringen. Er hatte erfahren, daß sie keinen Beschützer hatte, und glaubte, er werde seinen Plan so geschickt ausführen können, daß er nur im Lichte eines wachsamen, treuen Dieners des Geschäfts erschien. Ohne eine Ahnung von der Grube, welche vor ihren Füßen gegraben worden war, legte Mildred am folgenden Abend ihren Mantel um und war im Begriff zu gehen, als der Geschäftsführer ihre Schulter berührte und sagte, einer der Geschäftsinhaber wolle sie sprechen. Sogleiü, erwachte in Mildred die Sorge um ihre Stellung, doH ohne eine andere Befürchtung, als die Angst, ihre Stellung zu verlieren, folgte sie dem Manne in das Kontor, wo st zwei Geschäftsführer mit ernsten Gesichtern antraf. Miß Howell, begann der- ältere ohne Umschweife, ei sind Spitzen vermißt worden. Der Verdacht ist auf Sn gefallen. Ich hoffe. Sie können ihre Unschuld beweisen- Die Anklage war so schrecklich und unerwartet, das sie bleich und halb ohnmächtig in einen Stuhl sank. Die- wurde als Zeichen ihrer Schuld angesehen. Bald aber erholte sie sich hinlänglich, um mit großem Ernst zu ant Worten: Meine Herren, ich bin unschuldig! Das ist kein Beweis. Sie werden natürlich nichts da, gegen haben, durchsucht zu werden? . Sie, Mildred Howell, sollte nach gestohlenen Ware« durchsucht werden, allein, in Gegenwart dieser finstem Herren! Eine dunkle Röte der Entrüstung stieg auf ihren Gesicht auf. Ich fürchte die Durchsuchung nicht, sagte sie kalt, aber sie darf nur durch eilte Dame geschehen. Gewiß, aber erst soll ein Polizist geholt werden. Sie waren überzeugt, die Schuldige gefunden zu Haber und entschlossen, ein Beispiel aufzustellen, das allen ander« im Laden zur Warnung gereichen sollte. Ein wilder Sturm von schrecklichen Gedanken tobt« durch Mildreds Sinn, während sie einige Augenblicke fitfi selbst überlassen blieb. Dann wurde sie ruhiger irrt W wußtsein ihrer Unschuld und hoffte auf baldige Recht fertigt!ttg. Aber sie war doch so erschüttert, daß sie zitternd den beiden Verkäuferinnen in ein Nebenzimmer folgte, an dessen Thüre ein Diener des Gesetzes stand. Die Mehr zahl des Personals war schon gegangen, ohne zu wissen was vorgefallen war. Aber die Zurückgebliebenen Ware« erstaunt über das Erscheinen des Schutzmanns, sie glaubte sofort, die Wahrheit zu erraten und warteten das Ergeb nis der Durchsuchung in atemloser Spannung ab. Da- Mädchen, welches Mildred so grausames Unrecht zugefüg! hatte, war zuerst davongeeilt, um nicht Zeugin zu fein Der Geschäftsführer beobachtete aus einer dunklen Ecke bei jetzt halb erleuchteten Ladens den Vorgang mit grausamer Blicken. XXV. Mildred int Gefängnis. Mildred zitterte nicht aus Schuldbewußtsein, fonberr aus Angst, welche ihren durch unverdientes Unglück schm halb gebrochenen Geist erschütterte, als sie in dem kleiner Zimmer, in das sie geführt worden war, auf einen Stuhl zuging. O, beeilen Sie sich, meine Unschuld zu erweisen, sagt sie mit einem bittenden Blick auf die beiden Damen. Fräulein, erwiderte die ältere in geschäftsmäßige« Tone, es ist unsere Pflicht, Sie zu durchsuchen, und wem Sie unschuldig sind, werden Sie davor keine Angst habe« Die Sache ist gar nicht schrecklich, wenn Sie nicht gestohler haben, und ich sollte meinen, ein ehrliches Mädchen sollt mehr Kraft zeigen. Dann suchen Sie! — Suchen Sie! rief Mildred mit einem Glanz der Entrüstung in ihren Augen. Ich würd eher tausenmal verhungern, als den Wert eines Pfennigs stehlen. Schweigend mit einem ungläubigen Achselzucken toutb die Durchsuchung begonnen und zuerst der Mantel bei jungen Mädchens abgenommen. Warum ist denn hier das Futter offen? fragte die ei« streng, und zog zwei Stücke teurer Spitzen heraus. — Mildred blickte mit Entsetzen auf die Spitzen nnd toffl einen Augenblick sprachlos vor Erstaunen und Schrecken. Ich weiß nichts von diesen Spitzen! rief Mildred leiben- schaftlich. Das ist ein Anschlag gegen . . . O, Unsinn! unterbrach sie die Frau, welche schon W früher gegen sie eingenommen war. Hier, Schutzmann, tief sie, die Thüre öffnend, führen Sie sie fort! Dies« Waren sind bei ihr im Mantelfutter gefunden worben! Dabei zeigte sie ihm, wo die Spitzen entdeckt worden waren. Ein sehr klarer Fall, sagte er grinsend. Aber Sie 55 :iff zu gehen, e und sagte, :n. Sogleiit, ielluitg, bodi hre Stellung mtor, wo fit rtraf. nschweife, ei ist auf Sil Ib beweisen; cwartet, bat l sank. Die- Bald aber crnft zu ant- ch nichts ba> enen Ware« ser finstere« -g auf ihren sie kalt, aber werben, ben zu habe« allen anbei« )entfett tobt! genblicke sich iger im Bß ilbige Recht B sie zitternd itmer folgte, . Die Mehr te zu wissen, betten wäre« sie glaubte« t bas Ergeb ttg ab. Das echt zugefüg! ;gitt zu sein flen Ecke bei it grausame« sein, sonberi Ittgiücf schm bem kleiner einen Stuhl weisen, sagt Damen, äftsmäßigen rt, und wem Angst haben icht gestohler üdchen sollt Mildred mit . Ich würdi ies Pfennigs zucken tourb Mantel bei agte die eint aus. — [5 en und Wal tb Schrecken ildred leiden- he schon vo« Schutzmann fort! Dies! Den worden! Deckt worden >. Aber Sie müssen morgen als Zeugin bereit sein, außer, wenn das Mädchen eingesteht, was das Beste für sie wäre. Was haben Sie vor? fragte Mildred mit heiserem Flüstern. O, nichts besonderes. Miß, nur was immer in solchen Fällen geschieht. Sie bekommen heute nacht freies Quartier und Zeit zum Nachdenken. Fortsetzung folgt. Wenn ein Papst stirbt . . . Nachdruck verboten. Die kürzlich stattgehabte feierliche Eröffnung des „heiligen Jahres" hat nach der letzten schweren, mit wunder- LarerRaschheit überstandenen Krankheit des greisen Papstes Leo XIII. wiederum die Augen der ganzen Welt auf die dunklen Pfade gerichtet, auf denen Asrael, der Todesengel, auch in das Schlafgemach des römischen Pontifex den Weg findet. Der neunzigjährige Priestergreis selbst sprach seiner Umgebung gegenüber die Ergebung in das natürliche Schicksal aus. Welch strenges, bis in das winzigste Detail geordnetes Zeremoniell seit Jahrhunderten die geheiligte Person des Papstes vom Augenblick der Erwählung bis zum feierlichen Begräbnis seiner Leiche begleitet, ist weltbekannt, und dennoch so gar wenig den weiteren Kreisen des Publikums bewußt, daß eine auf unserer persönlichen Kenntnis der lokalen Umstände beruhende Schilde- derung der für den sterbenden und gestorbenen Papst geltenden hochinteressanten Zeremonien nur willkommen sein kann. — Ich führe den Leser freundlich nach Rom in den apostolischen Riesenpalast des ^Vatikans, wo Leo XIII. wenige Gemächer im zweiten Stockwerke des Damasus- hofbaues bewohnt. Da es sich nicht ziemt, daß wir am lebenden Papste demonstrieren, was am toten geschieht, schieben wir die Zeiger der Zeitenuhr zurück und knieen, wie es Sitte und Anstand, mit der trauernden Umgebung am Totenbette Pius IX. nieder. Es war am 7. Februar 1878, als Pius IX. seinen Tod herankommen fühlte. Er ließ deshalb seinen Beichtvater rufen. Der Sakristan, ein Augustiner-Bischof, brachte ihm die heilige Wegzehrung und die letzte Oelung. Ganz in Schwarz gekleidet, nur am Hute eine grüne Schnur, stach er Mtnter der violetten Schar den Prälaten, durch die Schlichtheit seiner Kleidung hervor; aber bei außerordentlichen Anlässen, am Sterbebett, kurz überall da, wo der Papst in feierlicher Weise mit Gott in Verkehr tritt, übt er gewisse Funktionen aus, die ihm allein zustehen. Der Kardinal- Pönitentiar sprach die große General-Absolution, und die Pönitentiaren von St. Peter — ein Dutzend Franziskaner — fangen unten die Bußpsalmen. Kardinäle und Kame- riere eilten zum Sterbezimmer. Gegen 3 Uhr erteilte ihnen Pius IX. den Segen. Um1 5 Uhr 30 Min. war er verschieden. Der Kardinal Staatssekretär Simeoni notifizierte den Tod des Papstes dem diplomatischen Korps; mit der Erfüllung dieser letzten Pflicht erlosch sein Amt. Die interimistische Verwaltung der Kirche fiel den Kardi- nälen zu. Sie sollten sie mit aller Zurückhaltung besorgen und vor allem stets eingedenk bleiben, daß „während der Sedisvakanz keinerlei Neuerung vorgenommen werden darf". Auch int Aeußeren bekundete sich diese ihnen gewordene neue Macht. So lange der Papst lebt, tragen die Kardinäle iy,Rvm über dem Chorhemd die Manteletta; sobald der Papst tot ist, legen sie dieses Uebergewand ab: ihre Jurisdiktion ist „eben nicht mehr durch eine höhere Autorität beschränkt". In ihrem Wagen darf niemand mehr den Platz zu ihrer Seite einnehmen. Sind ihrer auch nur wenige versammelt, so kniet der Gläubige, genau wie vorm heiligen Vater, vor ihnen nieder. Diese flüchtige Größe nahm für die Kardinäle noch am Abend des 7. Februar ihren Anfang. Das heilige Kollegium kamt als solches alle Geschäfte des Interims selbst erledigen. Aber eine Exekutivgewalt in den Händen von siebzig Personen — tote will man sich das vorstellen! Sie ist daher vier Kardi- nälen anvertraut. Drei davon bleiben im Direktorium, das erneuert werden kann; bis zum vierten Tag des Konklaves sind dies die drei eapita ordinum (d. h. die Dekane der Kardinalbischöfe, der Kardinalpresbyter und der Kardinaldiakone); für die Folge werden sie von den Subdekanen der drei Ordos abgelöst. Zieht sich das Konklave in die Länge, so wechselt das Direktorium alle drei Tage, und zwar genau nach der Anciennetätsliste einer jeden Ordnung. Was den vierten Kardinal, den Kamer- lengo anlangt, so übt dieser sein Exekutivamt ununterbrochen bis zur Wahl des Papstes. Seine Befugnisse sind alten Ursprungs. Im September 1876 wurde dieser Posten mit dem Ableben des Kardinals De Angelis frei. In dem nächsten geheimen Konsistorium erklärte Pius IX.: „In Autorität des allmächtigen Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus übertragen Wir das Amt des Kamerlengo der heiligen, römischen Kirche dem Kardinal Joachim Pecci und freieren und deputieren ihn als solchen auf Lebensdauer mit allen Aemtern, Privilegien und Fakultäten nach dem Wortlaut der apostolischen Bullen. „In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti, Amen! Vierundzwanzig Stunden später vollzog sich in den päpstlichen Gemächern der zweite Teil des Amtsantrittes des Kamerlengo. „Empfange den Stab deiner Jurisdiktions-Gewalt und deiner Autorität", sagte Pius IX. zu dem Kardinal Pecci, „und sei Kamerlengo der heiligen römischen Kirche". Und er reichte ihm den symbolischen Stab, den zwei goldene Aepfel krönen. Zwei Stunden nach dem Hinscheiden Giovanni Mastais, der sich unter dem Namen Pio Nono der Liebe Italiens und der Kirche erfreut hatte, trat Kardinal Pecci an das Sterbebett. Er hatte, als ob der Papst noch lebte, die Manteletta umhängen. Der weiße Schleier, welcher über das Antlitz Pius IX. ausgebreitet lag, wurde gelüstet. „Giovanni! Giovanni! Giovanni!" ertönte die Stimme des Kamerlengo, und er klopfte ihm dreimal mit einem silbernem Hammer auf die Stirne. Aber der Mund verharrte stumm, die Züge blieben unbewegt. „Der ZPapst ist wirklich tot", wandte er sich an die Umstehenden. Sofort erklang das De Profundis. Hierauf zog der Kammerherr und spätere Kardinal Msgr. Macechi vom Finger Pius IX. den Fischerring, mit dem zweiunddreißig Jahre lang die päpstlichen SSrebeS gesiegelt worden waren, und übergab ihn dem Kamerlengo. Der Protonotar verlaß mit lauter Stimme den Verbalprozeß der soeben stattgehabten Zeremonie, die Konstatierung des Todes und der Niederlegung des Ringes, und Kardinal Pecci verließ das Zimmer. Von nun ab wurde er stetes von der Schweizergarde feierlich eskortiert. Da der Papst nunmehr tot war, legte der Kamerlengo die Manteletta ab. Noch am selben Abend gesellten sich ihm die Kardinale eapita ordinum bei, die selbviert jetzt die interimistische Verwaltungsbehörde der Kirche bildeten. In der geheimen Antikamera wurde Pius IX. aus ein mit roter Seide überhängtes Bett aufgebahrt. Seit Paul IV. besteht der Brauch, „in den Körper des Papstes einen Schnitt zu machen, den Körper zu öffnen, die Eingeweide herauszunehmen, ihn zu waschen und dann zuzubereiten". Demgemäß wurde Pius IX. in der Macht des 8. Februar eiubalsamiert. Sein Herz wurde in eine Marmorurne verschlossen, und diese in der Krypta von St. Peter aufgestellt. Es bedarf mehrmaliger Aufbahrung an verschiedenen Orten und wiederholter Umkleidung, bis der Papst ans den Räumen des Vatikans scheidet. Einer der üblichen Ortswechsel wurde 1878 aufgegeben. Die Ueberlieferung wollte nämlich, daß der Tote int päpstlichen Ornat eine Macht in der sixtinischeu Kapelle ausgestellt wurde. Kardinal Pecci fürchtete indes den allzu großen Andrang des Volkes, und besonders die Hilfsbereitschaft der italienischen Polizei. So unterblieb der letzte Abschied des toten Papstes von den Fresken Michelangelos. Im Saal, worin die erste Aufbahrung stattgefunden, war Pius IX. mit den liturgischen Gewändern geschmückt worden. Von hier setzte sich der Zug in Bewegung. Voraus schritten Hellebarden tragende Schweizer und Kleriker mit Fackeln. Sodann kamen die rot gekleideten Sediarii mit dem Sarg des toten Papstes, genau wie sie die Sedia trugen, da der Papst noch lebte. Den Beschluß bildete der Hof und die päpstliche Familie. Man durchschritt die Loggien des Rafael, den Herzogssaal, den Königssaal, und langte durch den den Vatikan mit der Peterskirche verbindenden Seitenausgang in der Sa- — ßß I*) Bon jetzt ab werden wir in angemessenen Zwischenräumen in den Familienblättern Preisrätsel bringen, an deren Lösung recht eifrig sich a.. vnir itnfprp npfrhnhtpit bitten. Die ßöfunflSftifl läuft ut beteiligen, wir unsere geschätzten Leser bitten. Die Lösungsfrist lauft stets acht Tage nach Ausgabe der betr. Nr. ab. Unter den an die Redaktion der , Famiiienblätter ' einzusendenden richtigen Lösungen wird eine auSgelost, deren Einsender mit einem Preise — nützliches Buch oder dergleichen — bedacht wird. iramentskapelle an. Bor dem verschlossenen Eisengitter schob und drängte sich im Seitenschiff der Kirche die Menge, durch die italienische Polizei in Ordnung gehalten. Hinter dem Gitter in der Kapelle harrte des nahenden Zuges das Kapitel der Basilika. Pius IX. wurde auf einem niederen Katafalk aufgebahrt. Die Füße ragten über das Eisengitter hinaus, damit das Volk sie küssen konnte. Es war inzwischen 5 Uhr abends geworden. So verblieb die Leiche Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Junggesellenwirtschaft. Lttterarisches. Pharmaceutisches Lexikon. Ein Hflfs- und Nach- schlagebnch für Apotheker, Aerzte, Chemiker und NaturkeMer. Von Dr. et Mag. pharm. Max von Waldheim. Das Werk ist vollständig in 20 Lieferungen zu 50 Pfg. Auch m zwei Halb» bänden geh. zu je 5 Mk., oder in emem eleg. Halbsranzbande für 12,50 Mk.' (A. Hartleb en's Verlag in Wien.) Mit Lieferung 20 ist das vorliegende Werk vollständig erschienen und können wir dasselbe seines umfassenden und gediegenen Inhaltes wegen allen Fachgenossen der Pharmacie, wie auch Merzten, Wemikern, Drogisten 2c. auf das angelegentlichste empfehlen. Man findet rm „Pharmaceutischen Lexikon" die Darstellungsweisen, Unter» suchungs - Methoden und die medizinische Anwendung aller wichtigen, sowie der neuesten chemischen Präparate und Drogen re verzeichnet, es sind in demselben in ausführlicher Weise die Gebiete der Botanik, Pharmakognosie, Chemie, Toxikologie, Organotherapie und aller verwandten Fächer berücksichtigt. Des weiteren werden medizinische Fachausdrücke und andere wtstenschastliche Bezeichnungen kurz erklärt, sowie von hervorragenden Bade- und Luftkurorten Lage, Kurmittel und deren Indikation bei bestimmten Erkrankungen angegeben. Diese kurzen Andeutungen über die Reichhaltigkeit und Fülle des Wissenswerten, welche tn diesem Buche geboten werden, lassen es erklärlich erscheinen, wenn sich für dasselbe in pharmaceutischen und ärztlichen Kreisen ent reges Interesse kundgiebt. Es erfüllt ja dieses Werk seme Aufgabe, dem Apotheker, Arzte re. alles wichtige, pharmaceutische Wissen in klarer und gedrängter Kürze zu vermitteln, in durchaus treffender und gediegener Weise. Bei mäßigem Umfange und ebensolchem Preise erweist sich das „Pharmaceutische Lexikon' als ein handliches und praktisches Nachschlagewerk, das in keiner pharmaceutischen Bibliothek fehlen sollte. Eine retrende neue Modenschkift wird soeben von der Firma Steig er w ald u. Kaiser-Frankfurt a. M. herausgegeben, die geeignet ist, in Frauenkreisen größtes Interesse wachznrufen. In Roben, Putz und Mode bietet diese neue Zeitschrift, die mit etwa hundert Illustrationen der verschiedensten Art ausgestattet ist, das denkbar möglichste tn allen Variationen. Ein beigcgebener großer Schnittmusterbogen gibt zum Selbstanfertigen die beste Anleitung. Auch ein unterhaltender, belletristischer Teil ist in dieser „Modeberichte" betitelten, neuen Zettschrtft enthalten, sodaß das weibliche Herz auch in dieser Hinsicht volle Befriedigung finden dürfte. Die „Modenberichte" erscheinen am 1. und 15. eines jeden Monats nnd kosten pro Heft nur 10 Pfennig. Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brsthl'schen Universitäts-Buch, und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Vermischtes. Fort mit den Mausefallen und Glasscherben, ins Feuer mit dem Giftweizen und dem Speckköder! Langsamen Hungertod der Hauskatze! Juble, von Mäusen geplagte Menschheit. ■ hat es entdeckt, das Mittel, die Maus e p l a g e ö» beseitigen Man höre, staune und nehme em Stuck Eisenblech oder Papier» machee, oder sonst etwas, das Nichts kostet, forme daraus em Katzenbildnis, und streiche dieses mü leuchteudm Mosphorfarben an. Nun stelle mau es an den Ort, wo die nächtlichen Bersamm lungen und Freudenfeste der Hausratten und Mause stattzufinden vileaeu und lege sich beruhigt schlafen. Der plötzliche Anblick dieses im Dunkeln unheimlich leuchtenden Katzengespenstes wird jedem nicht gänzlich verrohten Mäusegemut eine so, heftige Er- schütterung zuziehen, daß es feierlich groben wird me wieder an diesen Ort der Schrecken znruckzukehren. Und das Hans wird von der Plage befreit sein! Hoch lebe die Yankee-Phautaste! — Mit» geteilt vom Internationalen Patentbnreau Carl Fr. Reichelt, Berlin.) _____________ Preisrätsel.*) (Nachdruck verboten.) In die Felder nebenstehenden Quadrates sollen die Ziffern 222 233 446 999 viermal derart eingetragen werden, daß die Summe der Zahlen in jeder der senkrechten, wagerechten und Diagonalreihen stets 19 0 0 ergibt. bis zum 13. , , , ~ , Der Regel nach verbleibt der Papst nach seinem Tode wenigstens 12 Monate in der Peterskirche. Die provisorische Beisetzung Puls IX. erfolgte am 13. Februar, dem vierten Tage des Exequiem. Es war Nacht. Die Menge batte von dem Papst Abschied genommen. Die Thore waren verschlossen. In der Sakramentskapelle harrten die Kardinale, und der Schein ihrer Kerzen fiel auf den toten Papst. Die Kanoniker nahmen das Paradebett aus, eine lange Prozession folgte ihnen nach. Die Sakramentskapelle ist im rechten Schiff der Basilika gelegen; in einer linken Nische des Schisses sollte die Leiche beigesetzt werden. Um dahin zu gelangen, bewegte sich der Trauerzug durch die Kirche, an der Bronzestatue des Apostelsursten Petrus im Mittelschiff rechts vorbei, die Konfession unter der Riesenkuppel entlang, und auf die Kapelle der Kanoniker zu. Hier erwarteten drei Särge den Leichnam. Unter Trauergesängen wurde der Papst von den Kaplänen und Nobelgardisten in den ersten Sarg aus Cypressenholz hm- eingebettet. Der Majordomus fügte zwei Börsen hinzu. Dieselben enthielten die alljährlich mit dem Bilde Pms IX. geprägten Gold-, Silber- und Bronze-Medaillen. Der älteste unter den vom verstorbenen Papste ernannten Kardinälen legte zu den Füßen eine Metallkapsel, in der ein Pergament mit einem geschichtlichen Abriß des Pontifikates verschlossen war. Hieraus wurde das Antlitz des Toten mit einem weißen, die Brust mit einem purpurroten Schleier bedeckt,, und über das Ganze ein Brokatlmnen gebreitet. Der Notar des Kapitels verlaß ein Protokoll, darnach wurde der Sargdeckel zugeschraubt, und vier rote Wachssiegel mit dem Wappen des Majordomus, des Ka- merlengos, des Archipresbyters und des Kapitels daraus gedrückt. Von nun ab stand der Leichnam Pms IX. nicht mehr unter der Obhut des hl. Kollegs, sondern unter der der Kanoniker. Aber noch harrten zwei Särge, einer aus Blei und einer aus Eichenholz, ihrer Bestimmung. Der aus Cypressenholz wurde in den Bleisarg versenkt und der Kamerlengo, der Archipresbyter und das Kapitel versiegelten ihn. Auf dem Deckel las man in lateinischer Aufschrift die Worte: „Leib Pius IX. Papst. Er lebte fünfundachtzig Jahre und regierte die Kirche während emunddreitzig Jahren sieben Monaten und zweiundzwanzig Tagen. Er starb am siebenten Februar eintausendachthundertundacht- । undsiebzig". Darüber befanden sich ein Kreuz und das Wappenschild des Toten. Dieser Bleisarg hinwiederum wurde in den von Eichenholz eingeschlossen. Im Seitenschiff, links von der Kapelle, ist in der halben Höhe eines Pfeilers über der zur Chor-Kantana (Sanger- tribüne) führenden Thüre eine Nische angebracht. Es ist die Aufbewahrungsstätte für die Leiche eines jeden Papstes, bevor sie in der selbstgewählten Grabstätte ihren dauernden Platz findet. Ein Gerüst mit Aufzugsvorrichtung steht zur Hinaufbeförderung des Sarges in Bereitschaft. Auch I &O. touibe in bTefet Mich- b-ig-I-dt, und b« Oer. mauerte Stelle sodann mit einer Marmorplatte bedeckt, auf welcher geschrieben stand: „Pins IX. Pont. Max. Hier verblieb Pins IX. bis zum Juli 1881, dem Tage seiner Ueberführung nach St. Laurentius vor den Mauern. k Daß dieses ausführlich geschilderte Zeremoniell em feststehendes ist und bleiben wird, so lange das Papsttum in Rom residiert, erhellt auch daraus, daß es die bedeutendsten Monographen des Vatikans, die F^anzwsen Goyau, Peratee und Fabre in ihr Monumentalwerk „Der Vatikan wie ein historisches Dokument ausgenommen haben. Wenn einmal der langlebige Leo XIII. wird sterben musten, so wissen unsere Leser nun, wie es in Rom zugeht, wenn ein Papst den letzten Weg wandeln muß, den wir alle einmal zu gehen haben am Ende der Tage. M.