16 JsÄSS fas Schicksal ist ein Wirbelwind, Ein armes Blatt das Menschenkind, Er treibt's zn Thal, er hebt's zum Hügel — Das Blättchen rühmt sich seiner Flügel. Hieronymus Lorm. (Nachdruck verboten.) Die Heimat. Bon Ludwig Theodor Hageri. (Schluß.) Und nun trippelte sie hinunter. „Marie!" „Frau Rat!" antwortete sofort, wider Gewohnheit selbst etwas erregt, die alte Magd. „Sie haben doch Christian deutlich gesagt: 3 Uhr 20, daß er um 3 Uhr 20 Minuten pünktlich an der Bahn sein soll?" „Ei gewiß, Frau Rat, er freut sich ja schon lange drauf!" „Gehn Sie doch lieber noch einmal hin, -Marie, und erinnern Sie ihn daran, er ist oft so vergeßlich". „Aber Frau Rat, das ist wirklich nrcht nötig, er hat ja . . ." „Nein, nein, gehen Sie nur gleich noch einmal hin. Es wäre doch schrecklich, wenn mern armer Ernst gar niemand an der Bahn träfe, da rch nicht mehr hingehen kann in meiner Aufregung, ich alte, gebrechliche Person". „Aber Frau Rat, so schlimm is es doch noch nit, Sie sind doch noch immer hübsch ber der Hand gewefe!" . , . , „Ach nein, Marie, ach nein, man hat zuviel durchgemacht — aber gehen Sie jetzt, Marie, gehn Sie, es rst die höchste Zeit". Marie ging und mußte denken ,,^a, sie sieht 'wirklich auf einmal arg gealtert aus) die gute, alte Frau; kein sWunder auch; dieses Schaffen und Rusten, die letzte Zeit..." Frau Rat ging in ihr gutes Zrminer, wo ste Ernst empfangen wollte und setzte sich, etwas erschöpft, m ihren geschnitzten Lehnsessel. Sie fühlte stch wirklich recht angegriffen. Es war ja auch eine zu große Freude ^hren Ernst sollte sie Wiedersehen, ihren Jungen, von dem sie selbst wußte, daß er zu Hause nie so recht sem Heim gehabt hatte. Wie gern hätte sie's ihm geboten. Gewiß, der Vater hatte es immer gut mit ihm gemeint, er hatte ihn nicht verziehen wollen, feinen Einzigen, aber er war doch oft eigenartig, ja hart gewesen - Ein ^ahr war s jetzt schon her, dcyß man! ihn draußen bestattet hatte und seitdem war's ihr erst recht einsam geworden. Wie oft hatte sie namentlich in dieser letzten Zeit ihres Ernst gedacht, mit heißen Thräuen in den Augen- nachtv m schlaflosen Stunden t— in der Abenddämmerung, wenn es so imählich still wurde und die Schatten leise durch die verlassenen Zimmer schlichen. Wie ihr Junge wohl aussehen mochte? Groß und stark war er sicher geworden. Ob's wohl noch der alte Trotzkopf war? Doch bald würde sie's ja sehen. Der Zeiger an der Uhr gegenüber rückte langsam vor, schon ein Viertel über 3 in wenigen! Minuten mußte der Zug einsahren. Eine große «Aufregung erfaßte sie. — Ja, sie müßte sich unbedingt noch etwas ausruhen. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. „Frau Rat ist jedenfalls im guten Zimmer", hatte ihm die alte Marie im Hofe gesagt. „Sie ist erst vorhin raufgegangen und jedenfalls ein bischen eingenickt. Sie wollte's freilich -durchaus nicht. Aber das is so ihre Zeit. Und sie hatte sich auch zu sehr abgejagt in diesen letzten Tagen. Nein, wird das eine Freud' sein!" Daß sie ihm !aber doch- nicht entgegenkam —. Nun stand er vor der Thüre, Marie hinter ihm, in gespanntester, freudiger Erwartung, wie Wohl der Empfang sein würde. Hörbar fühlte Ernst sein Herz schlagen, als er nun an die Thüre klopfte, ein- — zweimal. Niemand antwortete. Sie schlief also wirklich. Leise, ganz leise klinkte er die Thüre aus. Mein Gott — war das Schlaf? Den Kopf zur Seite gebeugt — wie war er so grau geworden — lag sein altes gutes Mütterchen im Lehnsessel, die Arme . schlaff herabgesunken, fast wie leblos. trat behutsam hinzu und preßte einen innigen Kuß auf ihre Stirne — aber nichts regte sich. Ein greller Schmerz durchzuckte ihn. Tot?! Es war nicht möglich! „Mutter, liebes Mütterchen, sieh doch, dein Ernst ist ja zurückgekommen, du 'kannst nicht tot sein!" rief er verzweifelt. Und laut jammernd stürzte die alte Magd an seiner Seite nieder. Aber — sie blieb still. — „Schnell zum Arzt! Holt vorher noch etwas Wasser!" Ernst versuchte, was ihm gerade an Wiederbelebungsmitteln einsiel — der alte Hausarzt kam — eine kurze Untersuchung — dann zog er Ernst mit leiser Hand in's Nebenzimmer. „Mein lieber, junger Freund" — die, Stimme des- alten, freundlichen Mannes erzitterte — „es ist mir furchtbar, ich habe Sie ja schon als Kind gekannt. Ich weiß alles. Welche ein Schmerz für Sie, jetzt, da Sie heim- gekoMinen sind nach so langer Zeit, zehn oder zwölf Jahre werden's ja wohl gewesen sein — aber sie hat schon Einige Zeit mit einem Herzfehler zu thun gehabt, Ihre arme Mutter. Und nun die Aufregung der letzten Tage, die Freude des Wiedersehens — das wär zuviel für sie. ' Augenscheinlich- hat sie einen Herzschlag gehabt, kurz eh' Sie eintraten. Mein aufrichtigstes, innigstes Beileid". Ernst ergriff die dargebotene Hand und fühlte einen warmen Druck. Dann ging der Alte. Wie betäubt blieb Ernst stehen. Was nachher kam — wie im Traum ging's an ihm vorüber. All diese Fragen der teilnehmenden Nachbarn und Bekannten, die nach ländlicher Sitte sofort sich ein- stetlten — rind doch hatte es ihm jo wohl gethan, dieses offenbar meist wirklich herzliche Beileid, das sich nicht nur in Worten und Mienen, vielmehr in alt dem Unsagbaren, Unmittelbaren ausgesprochen hatte, das als echtes, ungeheucheltes Gefühl iri eigenartiger Weise tiefer auf uns einwirkt, ohne daß. wir uns sagen können, wie und warum. Dann war's 'wieder still geworden. Auch die letzten Besucher tparen ..gegangen. Marie war weg, um noch einiges Wichtige 'zu besorgen. Er war jetzt ganz allein mit der stillen Toten. Er hatte in ihrem Schlafzimmer seinen Stuhl so gestellt, daß er ihr in's Gesicht sehen konnte. Welch ein Ausdruck des Friedens in ihren Zügen — noch ein Schimmer jenes lieben, milden Lächelns, mit dem sie -sich so manchmal zu ihm niedergebeugt hatte, das ihr auch wohl so viele Herzen gewonnen hatte, wie er soeben erfahren. Tie Abendsonne kam jetzt durchs Fenster uni), sandte noch einmal rotgoldene Strahlen über die gefalteten Hände, über ihr freundliches Gesicht — einen Abschiedsgruß. Und während -er so dasaß, ging Eigenartiges durch die Seele des stillen Mannes. Sie war nur eine einfache, alte Frau, die keine Ansprüche auf Beachtung mehr an die Mitwelt stellte — und doch, welchen Anteil nahm man an ihr. Welches herzliche, tiefe Bedauern hatte sich bei ihrem Scheiden -kund gegeben Und er mußte eine merkwürdige Frage an sich stellen. Wie wäre das wohl drüben gewesen, wenn Dich der Tod plötzlich hinweggerissen hätte? Welche Lücke hättest Du gelassen? Eigentlich — keine. Tie drei, vier näheren Bekannten — war en's eigentlich Freunde? so fragte er sich zum ersten Mal, würden wohl noch einige Tage von ihm gesprochen haben; o gewiß — er hörte jes förmlich: „Schade uni den Erkner — war ein ganz tüchtiger Kerl, mitunter Träumer, verstand aber was.' Na, er ist hin". Und nach einigen Wochen dachte man nicht mehr an ihn. Er war vergessen. Was war das alles da draußen? Ja, er war reich geworden und nicht zuletzt deshalb war er auch angesehen. Aber sonst — ein Fremder unter Fremden. War das eine .Heimat, seine Heimat? Ein schmerzliches Gefühl stieg in ihm auf, das Bewußtsein einer großen Irrung, die Erkenntnis, daß Heimat doch noch mehr sei, als die Stätte, da man sich abarbeitet, sich ernährt, Geld erwirbt — ein mehr oder wenigechglücklichechFutterplatz. Heimatdu wunderbares, wonniges, is-eliges -Gefühl — wie hatte er sie so lange entbehren tonnen. Wie tauchte es aus seiner Erinnerung empor, wie erschien ihm auch sein Heimatstädtchen, diese ganze Umgebung in einem andren, viel hellerem Lichte. Gewiß, hier -war nicht diese geschäfts- mäßige Welterfahrenheit, vielmehr oft beschränkte Kleinlichkeit, aber auch nicht dieses alles tiefere Gefühl bare Ringen nach, Geld und wilden Genuß. Abep dafür war hier etwas anderes. Wie grm hatte er doch seither gelebt. Ihm war's, als sei er innerlich erstarrt gewesen. Hatte er sich denn eigentlich auch nur einen Tag einmal wirklich glücklich gefühlt? Die Luft schien ihm auf einmal drückend dumpf. Er öffnete ein Fenster und sah hinaus. Draußen wunderbare -Maienpracht — der herrliche deutsche Frühling. Aus dem Gipfel einer hohen Fichte sang die Amsel ihr altes, ergreifendes Abendlied. Auf dem Wege -drüben im Nachbargarten — wer war diese liebe, lichte 'Gestalt in dem frischen, duftigen, weißen Kleid, zwischen den blühenden Sträuchern? Sollte das die Kleine sein? Sie (mochte zehn Jahre alt gewesen sein, als er weg gegangen war. Auch ein Stück Heimat. Welche anmutige Erscheinung, dieses deutsche Mädchen! Durfte er sich das 'jetzt überhaupt sagen, jetzt, in diesem Augenblick, da seine igute Mutter kalt und stumm neben ihm lag. Aber seine Blicke waren wie gebannt. Wie ganz anders war diese deutsche Mädchengestalt, als die Schönheiten da draußen . . . Anders auch als — Juana, die schöne, erst dreizehnjährige, aber schon voll entwickelte Mestize, die er zu sich in sein Haus genommen hatte. Ohne Hintergedanken hatte er sich der Waise angenommen. Aber etwas wie Scham überkam ihn doch, als er an den Abend kurz vor seiner Abreise dachte, da er ihren Lieblingswunsch erfüllt und ihr aus der Stadt den seidenen Shawl mitgebracht hatte, farbenprächtig, wie sie das liebte. Und sie hatte ihn erst stumm angesehen mit ihren großen, dunklen Augen — dann aber leidenschaftlich die Arme um ihn geschlungen — und ein heißes Gefühl war über ihn gekommen, ein Gefühl, das er jetzt widerwillig abschüttelte. Er war ja wieder daheim. In der Straßenecke, unter den Kastanien, rauschte der Brunnen, ganz wie in früherer Zeit. Ein paar Frauen standen dabei und er hörte, wie sie sich mit gedämpften Stimmen unterhielten von der guten Frau Rat, der lieben alten «Frau, von dem armen Sohn, der zu so trauriger Stunde nach Hause gekommen sei, nur um sie noch zu begraben. Er schloß leise das Fenster und setzte sich wieder auf seinen alten Platz. Die Sonne war jetzt untergegangen. Aber noch konnte man die Züge der Toten deutlich erkennen. Und wunderbar, es war ihm, als ob er ihr vom Gesicht ablesen könnte, was sie zu ihm noch hätte reden wollen, deutlicher, eindringlicher vernahm er's, als sie's ihm vielleicht bei Lebzeiten gesagt hätte —. Sich nicht selbst zu verlieren, nicht sein Bestes aufzugeben draußen in der fremden Welt, nicht arm zu werden im Reichtum, nicht innerlich zu veröden in der tropischen Pracht. Er stützte den Kopf auf beide Arme und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Ein wehmütig-freundliches Gefühl durchschauerte ihn. O Hekmat — Heimat — kam es leise von seinen Lippen, vielleicht, daß ich dich wieder- finde! Eins jedenfalls fühlte er deutlich. Er wiirde nicht immer in Venezuela bleiben, wie er auf der Herreise noch fest vorgehabt hatte. ---- Kein Land giebt's in der ganzen Welt, Das gleich der Heimat uns gefällt. Und keine Sprache klingt so traut Als unsrer Muttersprache Laut. „Die gnädige Fran ist nicht zu Hause!" Novelette von O. H a l w i g. (Nachdruck verboten.) „Also, ich gehe jetzt", sagte Fritz Erland zu seinen Damen. Diese — es waren ihrer drei, nämlich seine beiden jungfräulichen Tanten und deren verwittwete Mutter — sahen ihn vorwurfsvoll an. „So willst Du wirklich bei Frau Tiefurt Besuch machen?" fragte Tante Adelgunde, tändelnd Gundchen genannt, schmerzlich bewegt. „Ich kann nicht anders. Sie ist die Nichte meines Prinzipals, und alle meine Kollegen sind dort gewesen." Eine schwüle Pause folgte. Dann äußerte die jüngere der Tanten, welche den zarten, wenig zu ihren 50 Jahren passenden Namen Blanche führte, in spitzem Ton, „für heute wirst Du Deinen Plan doch wohl aufgeben müssen, ich habe nämlich —" „Den Schlüssel zu meinem Kleiderschrank verlegt", vollendete ihr Neffe gemütlich. Er kannte die Redensart auswendig; denn er- mußte sie stets hören, wenn er aus- gehen wollte, ohne daß es in die Absichten der Tanten paßte. „Beruhige Dich —“ fuhr er fort — „ich brauche meinen schwarzen Anzug nicht; denn ich- gehe so, wie ich bin." „Wa—a—a—s?" klang's voll grenzenlosen Staunens von drei Lippenpaaren zugleich. „In Deinem Lodenjacket und dem alten verbolzten Filzhut?" fügte spöttisch Fräulein Gundchen hinzu. „Du meintest ja, als ich mir kürzlich einen neuen kaufen wollte, er sähe aus, wie aus dem Laden genommen", warf ihr Neffe ein. „Na ja — aber um Besuch zu machen — ejnen feierlichen Antrittsbesuch- —" Fritz sah sie mit einer Ueberlegenfjeit an, die sonst nicht seine Sache War. Er hatte heute entschieden seinen aufsässigen Tag. „Ich weiß nämlich aus zuverlässiger Quelle, daß Frau Tiefurt jeden Donnerstag bei einer Verwandten aus dem Lande zubringt — und heute ist Donners- tas", sagte er bedeutungsvoll. 'Die drei Damen wußten nicht, ob sie lachen oder sich ärgern sollten. Es war ja nett von dem Jungen, daß er diesen Ausweg aus der Klemme wählte, denn eine Klemme war's — die geschäftlichen Rücksichten geboten ihm am Ende wirklich diesen Besuch — andererseits verdroß es sie doch stark, daß ihr Fritzchen, welches sie zur Folgsamkeit gegen die Hüterinnen seiner häuslichen Penaten erzogen, diesmal ihrem ausdrücklichen Wunsch entgegen, seinen Willen durchsetzte. O, sie wußteu's recht gut,’wenn huch er in seiner Unschuld nichts davon ahnte, Warum sie sich der Bekanntschaft mit Frau Tiefurt Widersetzten. Sie war eine schöne junge Witwe, sehr schön sogar und mit Herrn Liebmann, in dessen Bankgeschäft Fritz Erland die Stelle eines zweiten Buchhalters bekleidete, nahe verwandt — der Fall aber, daß jemand eine Frau nahm, um rasch Garriere zu machen, ereignete sich durchaus nicht selten. Ihr Fritzchen aber sollte nicht heiraten, es paßte ihnen das ganz und gar nicht in ihrem Kram. Und wozu denn auch? Sie sorgten ja so liebevoll für ihn, kochten ihm seine Lieblingsgerichte und nahmen ihm sogar die Mühe ab, seine Kasse zu verwalten, also —--- Während sie noch so kummervoll über die bewußte Angelegenheit nachsannen, wanderte der liebe Fritz, vergnügt den Spazierstock in den unbehandschuhten Händen schwingend, der Straße zu, in der die verführerische Witwe wohnte. Bei ihrem Hause angeiangt, öffnete ihm auf sein Schellen eine zierliche kleine Zofe die Thür. „Frau Tiefurt zu Hause?" fragte er. Die Kleine überlegte. „Ich will nachsehen gehen", entgegnete sie und huschte fort. „Seltsam", dachte Fritz. „Sie weiß nicht, daß ihre Gebieterin ausgesahren ist. Kaum glaublich!" „Nach einigen Minuten erschien das Mädchen wieder. „Die gnädige Frau ist. nicht z-u Hause", verkündete sie bedauernd. „So geben Sie ihr bei ihrer Rückkehr meine Karte ab." Draußen atmete er erleichtert auf. Das war also glücklich erledigt. Er War doch ein kluger Junge? Solche schlauen Einfälle hätte nicht jeder. Schmunzelnd blickte er nach Frau Tiefurts Fenstern empor. Wie hübsch die aussahen! Ganz mit Blumen und Blattpflanzen bestellt, und dahinter die Gardinen so duftig und blütenweiß, so — ja, aber um Himmelswillen, was War das? Spähte da nicht zwischen den Zweigen eines blühenden Rosenstocks ein glänzendes schwarzes Augenpaar hindurch und--Wahrhaftig, das war sie selbst, die schöne Frau, das War ihr krauses Stirnhaar, ihr rosiges Gesicht mit den pikanten Zügen, die er schon neulich, als sie nach dem Kontor kam, um ihren Oheim zu sprechen, mit herzklopfender Bewunderung betrachtet. Solch eine Unverschämtheit! Vorzugeben, daß sie nicht daheim war, während sie ganz gemütlich am Fenster saß! Eigentlich zeigte es von Nichtachtung gegen ihn. Denn, wenn ein hübscher, gut gestellter junger Mann bei einer Dame Besuch -macht, was zweifellos so viel heißt, als ob er ihr sagt, „ich wünsche Sie näher kennen zu lernen, meine gnädige Frau", so darf er doch erwarten, daß sie sich freut. Statt dessen ließ sie sich kurzweg vor ihm verleugnen! Warum nur in aller Welt? . Ob er ihr nickst gefiel? Ob sie nachteiliges über ihn gehört? Das war kaum auzu- uehmeu In übelster Stimmung langte er zu Hause an. Der Tisch war schon zum Mittagsmahl gedeckt, und seine Damen, sowie die zehnjährige Lena, das Töchterchen seines früh verstorbenen Bruders, für das er nach dessen Tode die Sorge übernommen, saßen im Speisezimmer, seiner harrend. „Nun —" begrüßte ihn Tante Blanche ironisch — „Dü siehst ja so verdrießlich aus. Du bedauerst es am Ende, für Deinen Besuch nicht einen Tag gewählt zu haben, an dem die schöne Frau Tiefurt zu Hause war?" „Sie war zu Hause", entgegnete er mit schwerer Betonung. 551 e „So hast Du sie also doch gesprochen?" riefen die Damen, aufs peinlichste überrascht, einstimmig. Fritz warf ihnen einen düsteren Blick zu. Einen Moment zögerte er noch bann aber brach die Empörung über die ihm widerfahrene Kränkung gewaltig hervor. Er erzählte ausführlich was ihm geschehen, und ergoß den ganzen Strom seiner sittlichen Entrüstung auf Frau Tiefurts schuldiges Haupt. Seine Empfindungen fanden vollsten Widerhall bei den Damen. Die feindseligen Mienen, mit denen sie ihn empfangen, verwandelten sich blitzschnell ins Gegenteil. Da er die Strafe für feinen Ungehorsam ihnen gegenüber erhalten, wollten sie sich die gute Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit ihrer liebevollen Teilnahme sein Herz zu rühren. Gar nicht genug thun konnte man sich in Schmähungen jener hochmütigen Frau, welche die Ehre, die Herr Fritz Erland ihr durch seinen Besuch erwiesen, nicht zu schätzen wußte. Fritz aber that das Mitgefühl seiner Anverwandten unendlich wohl, und immer mehr redete er sich in die Rolle des Beleidigten hinein. „Wenn mir von je eine Redensart verhaßt gewesen", rief er erregt, so war’g( die — die gnädige Frau ist nicht zu Hause! Wenn ich einmal verheiratet bin, so werde ich meiner Frau nicht erlauben, sich, vor den Leuten, die sie besuchen wollen, zu verleugnen. Ist sie zu Hause, so muß sie sie auch empfangen — dafür werde ich sorgen."- „Sag’ mal, Onkel —" fragte hier Leuchen, die dem Gespräch aufmerksam zugehört hatte — „wenn FrtzU Tiefurt Dich nun angenommen hätte, würdest Du dann in Deiner Lodenjacke, mit dem alten Filzhut Besuch gemacht haben? Tas wäre doch! recht peinlich für Dich gewesen —" „Gleich schweigst Du still, Du naseweises Ding", schrie Tanke Adelgunde zornig. „Willst Du Dich über Deinen Onkel lustig machen?" „Aber Taute, so schilt doch das Kind nicht", fuhr Fritz, dem bei Leuchens Worten das Rot der Beschämung ins Gesicht gestiegen war, dazwischen. „Es denkt nicht daran, sich über mich lustig zu machen." Nein, Leuchen dachte in der That nicht daran. Die großen Augen in dem holden Gesichtchen schauten ängstlich und erstaunt vom einen zum andern — sie hatte ihre Frage ganz ernsthaft aus reiner Wißbegier gethan und begriff nicht, warum die Taute so erzürnt war. Fritz aber fühlte sich tief betroffen. Dies Kind war die einzige unter ihnen allen, die erkannt hatte, daß es nicht nur Widersinnig von ihm gewesen, sich durch Frau Tiefurt beleidigt zu fühlen, sondern daß er ihr vielmehr zu Dank verpflichtet War, weil sie ihm eine verlegene und beschämende Lage erspart hatte. „Du hast ganz recht, mein Liebling —" sagte er, sich zu der Kleinen niederbeugend und sie küssend — „es wäre wirklich peinlich für mich gewesen, wenn die Dame mich empfangen hätte. Ich werde auch niemals wieder ans Bequemlichkeit und Schwäche einen Besuch machen, wenn ich glaube, daß die, Welchen er gilt, nicht daheim sind." „Und Frau Tiefurt hat es gewiß nicht böse gemeint", plauderte Leuchen eifrig weiter. „Sie hat Dich sehr gern, ich habe vorgestern gehört, wie sie mit dem Herrn, bet dem Du im Geschäft bist, über Dich sprach und —" „Schweig und geh in die Kinderstube", ertönte Tante Adelgundes schrille Stimme. „Also, was hat sie über mich gesprochen?" forschte Fritz, ohne die Unterbrechung zu beachten. „Sie lobte Dich sehr; denn der Herr sagte, Du wärst ein sehr netter und gescheiter Mensch, nur eine gräßliche Schlafmütze seist Du, weil Du die alten Damen, die Dich so sehr unter dem Pantoffel hätten, nicht zum Hause hin aus jag test; darauf sagte Frau Tiefurt, dazu hättest Du ein zu gutes Herz, und nur deshalb ließest Du Dir alles gefallen." „Wo Willst Du das gehört haben, Lene?" forschte Fräulein Blanche. „Ich spielte gerade mit Else Kramer auf der Promenade, ganz dicht neben der Bank, auf der der Herr Bankier und Frau Tiefurt saßen, da könnt euch alles hören", verteidigte sich das Kind. „Tas ist nun der Dank, daß mau solch ein Schreckens- kiud im Hause duldet", fauchte Tante Gundchen, indes ihre Mutter beiftimmenb mit dem Kopfe nickte. 552 - Las war Fritz denn dock zu toll. „JK mutz bemerken, daß diese Bezeichnung durchaus nicht für Lenchen paßt. Und was Du da von „im Hause dulden" sprichst, Tante, hast Du Dir wohl nfcht recht überlegt. Das Haus ist mein Haus, und ach allein habe zu bestimmen, wer hier Heimatsrecht geniesten soll, und wer nicht." Ein drohender Blick, der mehr fugte, als die Worte selbst, traf das vor Wut bebende ältliche Fräulein. Dann stand der junge Mann aus und zog sich! in sein Zimmer zurück, Lenchen an der Hand mit sich! führend, in der wohlweislichen Annahme, dast es ihr schlecht ergehen könnte, sofern er sie dem Born der drei Damen überliest. „Gott sei Dank"— sprach er bei sich —„daß mich endlich ein Zufall gelehrt, welch lächerliche Rolle ich bisher gespielt. Aber jetzt ßoll's ou^l damit vorbei sein, ein für alle Mal! Wie gut, datz die gnädige Frau nicht zu Hause war; denn sonst —" Ja, es war gut gewesen, sehr gut! Denn alles, was sich weiterhin ereignete, war streng genommen nur die Folge davon. Fritz würde andernfalls nicht mit den Tanten aneinandergeraten sein und von seinem Haus- herrnrecht Besitz ergriffen haben, und er würde auch nicht in weicher Stimmung Frau Tiefurt einen zweiten Besuch gemacht haben — diesmal im schwarzen Gehrock und hohem Hut — um ihre Verzeihung zu erbitten für — nun, wir wissen schon wofür. Da die schöne Witwe, wie wir bereits von Lenchen gehört, durchaus keine schlechte Meinung von dem jungen Manne hatte, so zeigte sie sich auch nicht unversöhnlich, sondern t— .-- Doch, wozu soll ich mich mit langen Auseinandersetzungen chufhalten/ meine Leser haben zweifellos längst erraten, was das Endergebnis von alledem war, das bald darauf auf goldgeränderten Karten Freunden und Verwandten verkündet wurde. So viel Ursache die beiden jungen Leute aber auch hatten, zufrieden dainit zu sein, dast Frau Tiefurt sich bei ihres Fritz' erstem Besuch! vor ihm verleugnen liest, so mußte sie ihm doch am Hochzeitstage versprechen, daß die Redensart: „die gnädige Frau ist nicht zu Hause", niemals bei ihnen laut werden sollte, sofern sie nicht auf strengster Wahrheit beruhte. Schpn um Leuchens willen mar es nötig, da solche Lügen auf Kinder doch einen schlechten Einfluh üben; außerdem aber hatte Fritz sich auch in Gegenwart der Tanten feierlich dazu verpflichtet und — ein rechter Mann hält stets sein Wort---- Deutsch überall! Langsam, aber sicher vollzieht sich! die Sprachreinigung buch! aus dem Gebiete der Küchensprach e. Wenn auch viele aus alter Gewohnheit noch« an den französischen Ausdrücken festhalten, so kommt doch der gesunde deutsche Smn mehr und mehr zu der Erkenntnis, dast uns hier noch ein Stück Welschtum aus vergangenen Zeiten der Erniedrigung anhaftet, welches nunmehr endlich abgeschüttelt werden muß. Ter früher ost erhobene Einwand, daß wir keine deutschen Erfatzwörter für die französischen Bezeichnungen hätten, ist längst widerlegt worden, vor allem durch das glänzende Beispiel unseres deutschen Kaisers, der seit zwölf Jahren rein deutsche Tafelkarten führt. Ein bequemes Hilfsmittel zur Verdeutschung der Tischkarten bietet das von dem Allgemeinen Deutschen Sprachverein herausgegebene Verdeutschpngsbuch I, „Die deutsche Speisekarte", dessen 4. Auflage jetzt erschienen ist. Die neue Auflage ist eine vollständige Umarbeitung des alten Büch!- leins, zu welcher sich der frühere Herausgeber, Professor Dr. H. D u n g e r, mit einem angesehenen Fachmann, Ernst L ö st Nr tz e r, vereinigt hat. In einer ausführlichen Einleitung behandelt H. Dünger das Fremdwort-Unwesen in der 'Küchen-, und Gasthofsprache. Er erörtert die Gründe gegen und für die Verdeutschung der Speisekarte und zeigt, was in dieser Richtung bereits geleistet worden ist und was noch zu thun ist. Hieran schließt sich eine stattliche Reihe von deutsche Tischkarten, wie sie an Fürftenhöfen und bei festlichen Gelegenheiten gebraucht worden sind. Auch eine Anzahl scherzhafter Taselkarten ist mit ausgenommen. Das eigentliche Verdeutschungs-Wörterbuch ist bedeutend vermehrt. Während die 3. Auflage 738 Ausdrücke bot, umfaßt die 4. Auflage 1133 Wörter. Außerdem ist noch ein Verzeichnis der ge- brärichlichsten Speisen hinzugefügt worden, ferner zwei Bildtafeln über die Fleischstücke des Rindes und Kalbes und ein verdeutschter Speisekarten-Vordruck für solcher Wirtschaften, die nicht besondere Mittags- und Abendkarten drucken lassen. Als Titelbild ist die verkleinerte Nachbildung einer deutschen Tischkarte unseres Kaisers beigegeben. Das fm Verlage des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins (F. Berggold in Berlin) erschienene, sauber ausgestattete Büchlein kostet nur 60 Pfg. Gemeinnütziges. Früh tragbare und früh reifende Aepfel. Die Pflanzzeit steht vor der Thür. Der Obstsreund überlegt, was er zu wählen hat, um seinen Obstgarten mit reiche und sicher tragenden Sorten zu bepflanzen. Ter Obstzüchter sieht nach! Sorten, die ihm auf dem Markte Geld bringen. Beider Bestreben kommt ein Artikel in Nr. 26 des „Erfurter Führers" entgegen, wo die früh reifenden und früh tragbaren Aepfel einer eingehenden Besprechung unterzogen sind und durch vorzügliche Abbildungen dem Leser nahe gebracht werden. Da diese Nummer unseren Lesern kostenfrei zur Verfügung steht, wenn sie dieselbe vom Geschäfts amt des „Erfurter Führers" verlangen, so möchten wir daraus verweisen. Lttterarisches. Ich halte einst ein schönes Vaterland. Novellen von H. Hermann. E. Pierson's Verlag; Dresden. Preis M. 2.50. — Die vier Novellen, die der Heinesche Vers zu einem Ganzen verbindet, haben einen Vorzug gemeinsam: sie zeichnen sich sämtlich durch eine reich belebte, viel verschlungene Handlung aus und wollen mehr durch geschickte Lösung spannender und verwickelter Verhältnisse erfreuen, als durch eine geistreichelnde Behandlung tiefgründiger seelischer Vorwürfe. Daß den Erzählungen trotzdem immer ein harmonischer Abschluß sicher ist und der Autor mit gutem Geschmack und sicherem Geschick durch all' die Kreuz- und Ouergänge das Schifflein der Handlung zu steuern weiß, macht seiner Gestaltungsgabe alle Ehre, nicht minder die wechselvolle Verschiedenheit des Aschenbrödelmotivs, das Hermann ganz besonders in diesen Novellen bevorzugt, und dem er neue Seiten abzugewinnen mit Glück versucht hat. Eine gewisse Vorliebe für baltische Gesellschaftskreise als den Hintergrund der fesselnden Erzählungen scheint nicht ohne Einfluß auf die Wahl dieses Titels gewesen zu sein und gießt zugleich den Schlüssel zu seinem Verständnis. Das Buch verdient allen Freunden gediegener Unterhaltungslektüre empfohlen zu werden. F. Füllrätsel. Nachdruck verboten. Kleidungsstück. Stadt in Afrika. Stadt in Irland, deutscher Held. Flüßchen in den Alpen. Kleidungsstück. 1. 2. 3. 4. 5. 6, In die Felder vorstehender Figur sind die Buchstaben a a a a, b, d d d, e e, i i, l l l l l, m m, n n n n n, o o o o o, p p, r, s, t, u, z derart einzutragen, daß die wagerechten Reihen Wörter von der beigefügten Bedeutung ergeben, während die erste und die letzte senkrechte Reihe je eine europäische Hauptstadt bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Homonym in voriger Nummer: Der Band, das Band. V^" Das neue Quartal werden die Familien- blätter mit einem spannenden Roman von Reinhold Ortmann, betitelt: Unter dem Schwerte der Themis beginnen. strdMi»»: st. »urltznrdt. — »ruck unk «erlag der »rstchl'fchen UniverStiit-.Buch. und Gteindruckerei (Pietsch Erke«) in «ietzen.