Nachdruck verboten. „Es sah eine Linde ins tiefe Thal?' Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) VI. Schloß Mellinghausen. Nie, nie vergißt das Herz Den Traum der ersten Liebe. Die Sonne stand im Mittag, und man hatte vor allen Fenstern des Schlosses Mellinghausen sorgsam die gestreiften Jalousien Herabgelassen. Nur eins, es gehörte zu einem der Erkerzimmer, stand weit offen und gewährte einer Fülle von Licht und Wärme Eintritt in das behagliche, braungetäfelte, stille Gemach. Nichts regte sich darin, der Kanarienvogel fm blanken Käfig hielt das Köpfchen unter den Flügeln, das schneeweiße Kätzchen lag in sich zusammengerollt in dem breiten Sonnenstreifen auf dem weichen dunklen Teppich. Das Gemach der Alten in Dornröschens Zauberschloß! Und da ist ja auch das Königskind selbst! Vor dem gebückten ruuzlichen Mütterchen im tiefen Lehnstuhl kniet e§,. den Kopf tief in den Falten ihres Kleides. Aber jetzt regt es sich, hebt das im Sonnenlicht goldig schimmernde Köpfchen und sieht aus großen ängstlichen Augen zu der Alten auf. „Ach, Brigitte, mir ist so bange! Lange Jahre habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt, so heiß, so glühend, so mit jedem Schlage meines' Herzens, und nun, da er naht, findet er mich als schwaches, zagendes Weib. Wenn er sich verändert hat, Brigitte, wenn er nicht der ist, dem das Kind einen Altar aufbaute in seinem Herzen, einen War, der von Jahr zu Jahr fester, geschmückter stand, den keine Lockung, keine Macht der Welt umzustoßen imstande war? — Doch nein" — die schlanke Mädchengestalt richtete sich höher auf, die schönen Augen leuchten in stolzem Vertrauen — „er ist derselbe geblieben, er hat gehalten, was er versprach. Dafür zeugt sein Buch. Aber wenn sein Herz onntag den 2?» Mai K irang j'in n Ö2 H-------- MM» erlasse dich auf dich allein Und niemals auf die andern; Denn du wirst immer bei dir sein, Indes die Freunde wandern. 4 Klipstein. Ein Held ist, wer sein Leben Großem opfert, Wer's für ein Nichts vergeudet, ist ein Thor. Grillparzer. nicht mehr frei wäre, wenn ich umsonst all die langen Jahre — Sie wollte aufspringen, aber die Greisin legte sanft die dürre Hand auf ihren Scheitel. „Und an den dort oben, der Deine Schritte bis hierher so gnadenvoll geleitet, denkt Dein Herz gar nicht Elfe?" fragte sie mit leisem Vorwurf. „Glaubst Du denn, er habe so reiche Wunder an dem verlassenen Kinde gethan, um es dann doch elend werden zu lassen?" Sie richtete die eingesunkenen, glanzlosen Augen nach oben. „Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden!" murmelte sie leise. Durch das geöffnete Fenster drang der Klang fröhlicher, jugendlicher Männerstimmen ins Zimmer. Das Mädchen horchte mit angehaltenem Atem, dann sprang es glühend, bebend auf. „Das ist er! O, Gitta, liebe Gitta, wie mein Herz pocht, wie laut und stürmisch! Ob er mich erkennen wird, Brigitte, ob ich ihm gefallen werde, ein wenig, ein klein wenig nur?" Und die Gräfin Frieda Wellinghausen, dieselbe, welche stets für ein Muster vornehmer Ruhe galt, und so gern ihre 26 Jahre betonte, flog zum Spiegel, genau wie jedes andere Mädchen, welches den Geliebten erwartet, und sah ängstlich prüfend hinein. Aber wahrlich, sie hatte keinen Grund zu solchem Thun. Das Glas strahlte ein edles Gesicht von der köstlichen Farbe des gelblich angehauchten Marmors zurück, und das schlichte, Helle, nur mit einem Strauße dunkelroter Nelken geschmückte Kleid umschloß eine grazienhafte, bei aller Schlankheit vollendete Gestalt. Ein Diener überreichte auf silberner Schale zwei Karten, dabei ausrichtend, daß Frau von Suchen mit den Herren bereits im roten Salon weile. Als er gegangen war, stand seine junge Herrin noch ein paar Minuten regungslos da, und blickte starr auf das weiße Kärtchen, welches sie in. der Hand hielt. „Ob er mich kennen wird?" murmelte sie wieder. Und „ob er mich kennen wird?" flüsterte sie ein drittes! Mal, als sie die Zimmerreihe durchschritten hatte und die tiefrote Sammetportiere, die das Empfangszimmer von dem dar anstoßenden Boudoir trennte, zurückschlug. Bei ihrem Eintritt in den Salon sprangen die beiden Herren von ihren Sitzen auf, auch Frau von Suchen, dick würdige Dame, die seit dem Tode des alten Grafen im Schlosse war, erhob sich aus ihrer Sofaecke. „Herr Professor Volkmann, meine liebe Komtesse, ein Freund unseres teuren Barons, — Frieda, Gräfin von Wellinghausen, mein Herr Professor". Die gute Dame stockte ein wenig bei dieser Vorstellung und richtete die kleinen, wasserblauen Aenglein in höchster Verwunderung auf ihre Schutzbefohlene. Was war denn 298 Heute mit der sonst so formgewandten Komtesse vorgegangen? Stand sie nicht erst sekundenlang wie ein Bild — wie ein schönes Bild freilich — zwischen den roten Vorhängen, und schritt sie nicht jetzt, weder rechts noch links blickend, ohne ihr sonniges Lächeln, ohne eine graziöse Verneigung auf den Fremden zu und reichte ihm die Hand? „Sie sind Mir kein Fremder!" sagte Frieda dabei mit leiser verschleierter Stimme. Und wie sie zu ihm aufschaute, wie sehnsüchtig und erwartungsvoll zugleich! Frau von Suchen konnte sich nicht helfen, ein leises Räuspern kam von ihren Lippen, und nun war es, als ob das Mädchen erwache. Das Blut stieg ihr heiß in das Gesicht, sie reichte auch dem Barvm die Hand, nahm Platz unh machte eine einladende Bewegung nach den Sesseln der Herren. „Wirklich kein Fremder", wiederholte sie lächelnd. „Ich kenne Ihr Werk, Herr Professor, Ihren „Führer durch Hellas", und ich gehöre nicht zu denjenigen, welche sich am Schönen erfreuen, ohne seines Schöpfers zu gedenken. Ich freue mich, dem ins Antlitz zu schauen, dessen Buch mich so begeisterte". Ihre Stimme hatte den gewohnten weichen Klang wiedergefunden; es schien, als ob der Gelehrte einen Moment sinnend .darauf lausche, gleich darauf aber richtete er lächelnd die machtvollen Augen auf die Sprecherin. „Viel Ehre für mich und mein Buch, gnädigste Gräfin! Und was, westn ich so fragen darf, war das Resultat Ihrer. Forschung, was fanden Sie in meinem Antlitz?" Sie hob die rätselhaften dunkelschimmernden Augen zu ihm empor: „Es sagte mir, daß Ihre Begeisterung für das, was Sie schildern, echt ist, daß sie schon seit langem, vielleicht seit Ihrer Kindheit, die Fackel ist, welche Ihrem Pfade voranleuchtet, und daß —" sie stockte, dunkle Glut huschte über ihr Gesicht — „sie die einzig gebietende Göttin Ihres Herzens ist". Bevor der, dem diese Worte galten, antwortete, bog sich Clemens Heiking in seinem Sessel vor und schlug lachend die Hände zusammen. „Bravo, Gräfin Frieda, bravo! Sie beschämen ja alle Gedankenleser! Stimmt, stimmt alles auffallend! Echte Begeisterung: Habe sie vier Wochen lang miterlebt, durch Dick 'und Dünn, unter und aus der Erde. Schon lange leuchtende Fackel: Hat mir erst heute erzählt vom kleinen weltvergessenen Städtchen dort oben nach Rußland zu, altem Onkel, Land der Griechen mit der Seele suchend —i auf Ehre, meine Damen, die reinste Storm'sche Novelle. Und was Artikel drei anbetrifft, die göttliche Herzensdame, stimmt erst recht". Der lebhafte Herr sprang auf, mit ausgestreckter Hand auf seinen Gast zeigend. „Bitte, verehrte Anwesende, staunen Sie mit mir diesen sonst normal gebildeten Jüngling an! Werden Sie es glauben, daß fein Herz kalt wie einer seiner geliebten Marmelsteine, daß sein Knie sich noch nie vor einer holdseligen Heiligen gebeugt, daß seinen Lippen noch nie das verhängnisvolle, zauberkräftige Wort entflohen, das Wort, welches das Leben erst des Lebens wert macht?" Er neigte sich Frau von Suchen zu: „Wissen Sie, was ich meine, Gnädige?" Die Engel nennen es Himmelsfreud', Die Teufel nennen es Höllenleid, Die Menschen nennen es Liebe. Die Verse wurden mit hohlem Theaterpathos geflüstert, das letzte Wort derselben aber so kräftig hervorgestoßen, daß die behäbige runde Dame erschreckt zusammenfuhr. Gleich darauf freilich lachte sie und drohte dem Uebermütigen, der nun einmal ihr erklärter Liebling war, mit dem Fächer. Indessen neigte die junge Gräfin ihr schönes, jetzt rosiges Gesicht, ihre wie Sterne leuchtenden Augen dem anderen Herrn zu. „Ich verstand recht, Herr Professor, Sie stammen aus einer kleinen Stadt?" Er verneigte sich zustimmend. „Ja, gnädigste Gräfin, aus einem winzigen kulturvergessenen Winkel der Provinz Ostpreußen. Ich verlebte übrigens die letztvergangenen Monate dort und benutzte die idyllische Ruhe zum Schreiben meines bescheidenen Werkes". „So haben Sie Verwandte in der alten Heimat Freunde?" Ein Schatten flog über das männlich schöne Gesicht. „Niemand, Gräfin! Mein Onkel, mein Erzieher und Wohlthäter schläft längst auf dem kleinen heckenumzäunten Krrchhof, und Freunde besitze ich dort nicht, ich verließ schon als Knabe den Ort". Frieda hielt die dunklen Wimpern gesenkt, ihre schlanken Finger zerzupften mechanisch eine duftende rote Nelke, welche sie von der Brust genommen. „So hatten Sie eine einsame Kindheit, Herr Professor? Keine Gespielen?" Der Gefragte sah nicht den Blick grenzenloser, verzehrender Spannung, der an seinen Lippen hing, er bemerkte Baron Heikings aufforderndes Nicken, und meinte, ihre erste Frage beantwortend, leichthin: „Jedenfalls eine bedeutend stillere wie die anderer Knaben. Ich glaube wirklich kaum, haß ich jemals eine rechte echte Jungenbalgerei mitgemacht habe. Doch nun" — er erhob sich — „darf ich aber das Pantomimenspiel des Barons nicht länger unbeachtet lassen, freilick noch viel weniger Ihre Geduld mißbrauchen, meine gnädige Gräfin". Er verneigte sich tief, während sein Freund der jungen Dame die Hand reichte und in seiner sprudelnden Art auf sie einsprach: „Für heute nur Staatsvisite, Komtesse, feierliche Einführung und so weiter. Nächstens, wenn Sie nicht zu sehr erschrecken wollen, Ueberfall für längere Zeit. Jetzt müssen wir nach Annahof, der schöne Viktor feiert Geburtstag. Große Gratulationskour, Gabelfrühstück rc. ic. Darf ich Frau von Meinert Grüße von Ihnen ausrichten?" „Gewiß, lieber Baron, auch der reizenden kleinen Else, ihrer Schwester". Gräfin Frieda lächelte ein wenig, als der lustige junge Herr für einen Moment unsicher die Augen senkte, dann reichte sie seinem Gaste das schmale Händchen. „Darf ich Sie bald wieder auf Wellinghausen begrüßen, Herr Professor? Es wäre eine große Freude für mich!" Heiking horchte hoch auf. Wie seltsam die tiefe Stimme der Sprechenden heute klang, so gedämpfft, so bebend, und welch glühendes Rot über ihr Gesicht flog, als der Gelehrte sich nun über ihre Hand neigte. Wie oft sie überhaupt während der letzten halben Stunde die Farbe gewechselt hatte! Er schüttelte leise den Kopf. Sie war doch nrcht etwa krank, oder hatte sich gar Nerven zugelegt? Lange freilich hielt der Gedanke bei ihm nicht stand. Der Ritt nach AnNahof war zu zweien so angenehm, die bereits bei Meinerts versammelte Gesellschaft so heiter — und dann die kleine Else mit dem goldblonden dicken Zopf, der dem winzigen Persönchen so lächerlich lang über den Rücken hing. Und wie hell sie lachen konnte, wie ungeniert sie ihr Kelchglas an dem seinen anklingen ließ: Freilich, sie war ein ganz anderes Genre als Frieda Wellinghausen, und er hatte sich zugeschworen, die zukünftige Herrin von Schloß Heiking Müsse dieser gleichen, wenn sie es brau' schon nicht selbst sein wollte — aber — aber, die kleine Goldelse mit den lachenden braunen Augen war just nicht das Mädchen dazu, solche Grundsätze zu respektieren. (Fortsetzung folgt.) „Zwischen Jasmin und Flieder . . ." Novellette von Paula Kaldewey. Nachdruck verboten. „Zwischen Jasmin und Flieder senden wir von den: Gipfel der Wartburg herzlichen Gruß und freuen uns auf ein baldiges Sehen! Irene von Gilsach, Hertha von Gilsach." Leutnant von Bodcnheim drehte die Ansichtspostkarw noch einmal um und um! „Was kann das nur bedeuten*? 'Schreiben mir da zwei unbekannte Damen, deren Namen ich sogar noch niemals gehört habe, eine Karte, als ob ich iHv nächster Verwandter wäre! Auch die Adresse stimmt ganz genau: „Friedrichroda, Hotel Bella Vista." Selbst der Vorname Eckhard fehlt nicht. Also für mich hat die Sache ihre Richtigkeit. Ich bin der berechtigte Empfänger dieses Grußes von mir zwar unbekannten, aber hoffentlich schönen Händen. Anmutig und weiblich dünkt mich übrigens ein solches Benehmen nicht, und ich würde für eine Frau 299 danken, von der ich, wüßte, daß sie sich mit fremden Männern derartige Scherze erlaubt." Dabei zwirbelte Eckhard von Bodenheim seinen hübschen blonden Schnurrbart, um endlich die ominöse Ansichtspostkarte mißmutig in die Ecke zu schleudern. Dadurch wollte er sich die Laune doch nicht verderben lassen. Noch vierzehn Tage, dann hatte das schöne Leben in dem lieblichen Bade ein Ende, und des Dienstes ewiges Einerlei trat wieder in seine Rechte. „Nein, er wollte seinen Urtaub noch, so recht nach Herzenslust genießen. Vielleicht, daß er jetzt auf der Promenade einige Freunde traf, um mit ihnen einen Ausflug in das herrliche Thüringer Land zu verabreden. „Richtig, da kam ja auch schon der lange Lüderitz, der gleich, ihm hier Heilung von einem rheumatischen Leiden suchte. „Morgen, Kamerad! Kur schon gebraucht ober nur geschnitten?" rief er ihm scherzend entgegen. „Beides", entgegnete jener gutgelaunt. „Friedrichroda hat großartigen Zuwachs erhalten. War eben auf dem Bahnhof, als der Zug von Fröttstädt ankam. Im ganzen brachte er meiner Schätzung nach so ungefähr dreißig neue Badegäste, darunter aber zwei entzückende Mädels von vielleicht zwanzig und neunzehn Jahren. Bodenheim, ich sage Ihnen, ich habe mich sofort sterblich in beide verliebt und weiß nur noch nicht genau, welche von ihnen ich zur Baronin von Lüderitz machen soll. Die eine ist groß und hellblond, die andere kaum über mittel und brünett." „Na, na, sachte mit den jungen Pferden, bester Freund. Wie oft in Ihrem Leben hegten Sie schon derartige Zweifel? Sie vergessen immer, daß zum Heiraten zwei gehören, und dabei wissen Sie doch sicher noch nicht einmal, web die Damen sind?" „Das ist ein Fehler, der sich bald gut machen läßt! Fräulein Lebus, die alte Pensionstante aus der Kronenallee, holte die beiden ab, wahrscheinlich, sind sie bei der Alten abgestiegen. Dort brauche ich mich nur nach den Neulingen zu erkundigen." „So eilig werden Sie's ja wohl nicht haben! Warten Sie bis zur morgigen Reunion, da werden die jungen Damen doch! sicher auch sein. Dann erfahren wir gleich, tote sie heißen, und ich kann selber urteilen, ob Ihr leicht entzündliches Herz Ihnen nicht wieder einen Streich gespielt hat." „Diesmal ganz bestimmt nicht, bester Bodenheim! Doch nun kommen Sie zum Frühschoppen! Ich verdurste fast!" Der Kursaal erstrahlte in hellstem Kerzenglanz, als die beiden Freunde pünktlich zum Beginn der Reunion erschienen. Das Orchester war noch mit dem Stimmen der Instrumente beschäftigt, und in dem weiten Raume herrschte jenes Summen und Surren, das sich, so leicht dort einstellt, wo eine große Gesellschaft erwartungsvoll auf etwas harrt., Fast die gesamte tanzende Damenwelt war den jungen Offizieren bekannt, da sie ja bisher an jeder der Reunions teilgenommen hatten. Doch erkannte Eckhard von Bodenheims scharfes Auge beim Eintritt in den Saal sofort, daß dort in jener Ecke die beiden lieblichen Mädchenblüten in den lichten Gesellschaftstoiletten, noch Neulinge in diesem Kreise seien. „Bodenheim, das sind die reizenden Mädels von gestern! Na, habe ich! zu viel gesagt?" flüsterte Lüderitz dem Freunde zu. „Ich hätte Jhnens einen so brillanten Geschmack gar nicht zugetraut! Bin selbst ganz baff! Welche von den beiden gefällt Ihnen, denn besser, die Blonde ober bie Schwarze?" „Mir natürlich bie Kleine mit bent brünetten Typus in so entzückenben Farben! Da ist Race brüt — das sieht man. Sie fesselt ohne Zweifel, wie ich Sie kenne, das blonde Gretchen mehr. Stimmts?" „Auffallend! Aber kommen Sie, wir wollen uns vorstellen lassen. Sonst werden uns sämtliche Tänze weggeschnappt!" „Bester Doktor, kennen Sie die Damen dort?" Ein Kopfnicken des! jungen Badearztes war die Antwort. „Dann stellen Sie uns, bitte, vor." „Gestatten die Damen: Leutnant Freiherr von Lüderitz, Leutnant von Bodenheim — Freiinnen von Gilsach!" Eckhard blieb fast in seiner ehrfurchtsvollen Verbeugung stecken. „Also' das waren die emanzipierten jungen Damen, die ihm/ ohne ihn zu kennen, eine Ansichtspostkarte von der Wartburg geschickt hatten. Und dabei schien es ihm, als wenn die kleinere der beiden, als sie seinen Namen hörte, noch freudig ihm entgegengehen wollte, um ihm etwas zu fagen/. Nein, das war ihm denn doch zu viel! Hier wollte er das Feld Lüderitz lieber allein überlassen! Vielleicht, daß bent, solche Scherze besser zusagten!" Ohne sich auch; nur unt einen Tanz zu bemühen, trat Eckhard wieder zurück — was ihm einen verwunderten Blick sowohl von feiten des Freundes als auch der Damen einbrachte. In diesem Augenblicke begann das Orchester einen flotten Walzer, den Lüderitz mit dem einen Fräulein von Gilsach, eröffnete. Eckhard stand mißmutig in einer Ecke und starrte in das muntere Treiben. Wer hätte den reizenden jungen Damen, die einen so zurückhaltenden Eindruck machten, einen derartigen kecken, Scherz zugetraut? Wenn es ihm jemand erzählte, müßte er ungläubig den Kopf schütteln. Aber er besah es ja schwarz auf weiß! Wie kam es, daß ihm in diesem Augenblick der alte Vers ins Gedächtnis kam: „Von einer aber, thut mir's weh!" und er dabei immer mit den Blicken der hohen, blonden Mädchengestalt folgen mußte, die dort eben so anmutig int Tanze an ihm vor- überMwebte.... Nein, er wollte nicht sentimental werden, sondern das Vergnügen des heutigen Abends so recht nach, Herzenslust genießen. Kaum eine Minute später wirbelte er int Tanze davon. „Kamerad, uns fehlt ein Paar zur Quadrille. Thun Sie mir den Gefallen und seien Sie unser Gegenüber. Ich tanze mit der blonden Baronesse!" „Mit der blonden?" spöttelte Eckhard; „ich, dachte, die dunkle gefiel Ihnen besser?" „Nichts mehr zu wollen da! Ist verlobt! Erwartet jeden Augenblick ihren Bräutigam!" Die Geschichte wurde ja immer schöner! Also selbst eine Dame, die sich einem anderen Manne anverlobt hatte, erlaubte sich einen derartigen Scherz wie mit der Ansichtspostkarte. Der arme Bräutigam in seiner Ahnungslosigkeit 'konnte (einem(wahrhaftig leids thnn! Die Musik intonierte die Vortakte, und Eckhard blieb nichts anders übrig, als sich- dem Freunde gegenüberzustellen. Ein fragender, fast bittender Blick aus tiefblauen Augen traf ihn, schien aber nicht von ihm bemerkt zu werden. „Changez les dames!" Gleiche einem elektrischen Schlag durchzuckte es den jungen Offizier, als er die kleine, schmale Hand in der seinen fühlte — doch er blieb ruhig und unbeweglich. Lüderitz schwelgte in Wonne als Partner einer so reizenden jungen Dame und brachte seine Huldigungen so unverblümt bar, daß, Eckhard wider Willen eine jähe Eifersucht auflvdern fühlte. Sollte er den Freund auf» klären? Nein, das wäre eines Ehrenmannes unwürdig' Aber der Dame selber wollte er nicht verhehlen, wie er den Ansichtskartengruß aufgefaßt hatte. Die „granb chaine" bot die erwünschte Gelegenheit. „Nun, gnädigste Baronesse, amüsieren Sie sich hier ebenso vorzüglich,, wie zwischen — „Jasmin und Flieder?" fragte er spöttisch, als die junge Dame ihm Begegnete. „Ich verstehe Sie nicht, Herr Leutnant? . . . Thronen erstickten fast zhre> Stimme . . . Doch- da trennte sie das nächste Paar schon wieder. Der Tanz wav zu Ende, und Eckhard brachte feine Dame an den Platz zurück. Er wollte sich eben verabschieden, als er einen leichten Schlag auf der Schulter fühlte. Erstaunt blickte er sich um. „Erich, alter Junge, wo kommst Du denn her?" Damit schüttelte er einem hoch- gewachsenen Manne, der auf den ersten Blick den Gelehrten verriet, bie Hand. „Nun, ich habe Dir doch geschrieben, daß ich Dich bald 300 Zu sehen hoffte", entgegnete Dr. Ruhland, Privatdvzent an der Universität Erlangen. Mir? Verzeih, aber' das ist ein Irrtum! Ich habe seit Jahr und Tag nichts mehr von Dir gehört!" „Wir haben Dir doch vorgestern eine Ansichtspostkarte von der Wartburg geschickt: meine Braut, deren Schwester und ich." „Braut? Du bist also verlobt? Mit wem denn? Ich w»iß von nichts!" „Seit acht Tagen mit Irene von Gilsach aus C. Ich wollte Dir die Nachricht mündlich bringen, deshalb schrieb ich Dir aus der Karte nichts davon." „Ach höre auf! Ich habe keine Ansichtspostkarte von Dir bekommen; dafür aber allerdings eine von zwei Fräuleins von Gilsach." „Um des Himmels willen, was habe ich in meiner unglückseligen Zerstreutheit da wieder angerichtet! Jetzt entsinne ich mich deutlich, daß ich vergessen, meinen Namen hinzuzufügen. Wenn das Irene erfährt!" Damit sah sich der junge Gelehrte aügstvoll in dem großen Saale um. „Ich! bitte darum, daß sie es erfährt", entgegnete Eckhard ernst. „Du bist mir das schuldig, liebster Freund! Denn, daß ich es offen gestehe: ich habe mich von den Damen zurückgezogen, da ich sie für die Urheber eines schlechten Scherzes hielt. Nun, da ich weiß, daß sie ahnungslos in dieses Mißverständnis verstrickt wurden, möchte ich ihnen gerne eine entschuldigende Erklärung geben. Führe mich zu ihnen und bitte sie, mir ein milder Richter zu sein." Einen peinlicheren Augenblick hatte Eckhard von Bodenheim wohl selten erlebt, als jetzt, wo er als Büßender seine Verteidigungsrede stammelte. Aber es mußte ihm doch nicht allzu schwer gewesen sein. Verzeihung zu erlangen — denn kaum eine Viertelstunde später saß das Brautpaar mit Hertha und Eckhard vergnügt an einem der kleinen Tische, die auf der Kur- terasse standen, und Dr. Ruhland erging sich noch einmal in Selbstvorwürfen über seine grenzenlose Zerstreutheit, die ihm einen so üblen Streick) gespielt hatte. „Nun höre auf davon, alter Junge!" unterbrach ihn der Leutnant. Du warst freilich der Sünder. Aber wer will mit Dir rechten, wenn er weiß, unter welchen Umständen sich das Geschehnis abspielte. Seit drei Tagen verlobt, an der Seite der reizendsten Braut" — hier verneigte er sich galant gegen Irene — und überdies „zwischen Jasmin und Flieder... ich glaube bestimmt, daß es mir auch passieren würde", vollendete er, indem er Hertha tief und fragend in die Augen blickte. Sie errötete bis herauf zur schneeweißen Stirn. Und sie duldete den leichten Druck seiner Hand, die ihre schmalen, schlanken Finger suchten und — fanden. Einen Augenblick war es still in dem kleinen Kreise, den die vier glücklichen Menschenkinder hier bildeten. Denn das leise Geflüster der Elfen vernahmen sie nicht, die neckisch an dem lauen Lenzesabend ringsum ihr Spiel trieben und sich zuraunten, daß schon an einem der nächsten Tage zwischen „Jasmin und Flieder", der überall hier duftete und blühte, zwei Herzen den Bund fürs Leben schließen würden — — — GsMHZnnNtziges. BeiderZüchtigungderKinder beherzige man in erster Linie, daß sich weder der Kopf, am allerwenigsten! aber das Ohr zum ZüchtigungMatz eignet, weil die Folgen davon schlimme sein können. Es bedarf nämlich keines starken Schlages, um Schaden anzurichten, es genügt ost schon ein leichter Klaps. Der Vorgang ist der: Die schlagende Hand trifft aus die Ohrmuschel und schließt so den Gehörgang aus einen Moment luftdicht ab. Hierdurch wirkt die Luftsäule im Gehörgang auf das Trommelfell ein, der Luftdruck bewirkt eine Sprengung desselben. Das geschieht meist bei nicht normalen Trommelfellen, aber auch ein vollkommen gesundes kann auf diese Weise geschädigt werden. Es ist jedoch nicht schwer, ein Trommelfell mit einen: Loch zu heilen, wenn Laiemittel davon ferngehalten werden. Man steckt einen Wattpfropfen ins Ohr, und die Verletzung heilt oft schon nach einigen Tagen, doch muß starkes Schneuzen unbedingt unterlassen werden. Dabei braucht aber das Trommelfell nicht immer gerissen zu fein, und doch kann das Gehörorgan durch, einen Schlag geschädigt, ja es kann Schwerhörigkeit und Taubheit herbeigeführt werden. Preßhefe längere Zeit aufzubewahren. Ein halbes Pfund Preßhefe zerschneidet man in ganz kleine Stücke, thut sie in eine gewöhnliche Weinflasche und gießt die Flascye voll mit Wasser. Die Hefe ist an einem frost- freien Orte aufzubewahren, da Frost sie ihrer Kraft beraubt. Will man die Hefe benützen, so schüttle man die Flasche gut durch und nehme von dieser Flüssigkeit zum Backen so viel man braucht. Soll der Teig schneller aufgehen, so gießt man vorsichtig von dem Wasser ab, damit die Flüssigkeit hefenhaltiger wird. So bewahrt, hält sich die Hefe immerhin 3 bis 4 Wochen. Wachspolitur. Man mische unter 900 Gramm Wasser 200 Gramm Pottasche, erhitze es bis zum Sieden und setze nach und nach unter beständigem llmrühren 400 Gramm gelbes Wachs zu. Nach erfolgtem Aufkochen gieße man noch 900 Gramm Wasser zu und erhitze so lange, bis eine gleichartige Milch entstanden ist. Stockflecke. Man vermischt einen Eßlöffel Kochsalz mit einem Theelöffel gepulvertem Salmiak und löst beides in zwei Eßlöffeln Wasser auf. Mit dieser Mischung bestreicht man wiederholt die Stockflecke; dann hängt man das Wäschestück einige Stunden in die frische Lust und gießt es erst dann in die Wäsche. Preisrätsel.*) Magisches Dreieck. (Nachdruck verboten.) In die Felder nebenstehender Figur sollen j i j die Buchstaben a a, e e, f f, h, m rn, r I I________ I r r r, u u derart eingetragen werden, daß die einander entsprechenden wagerechten und ----!---senkrechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben. —---—— 1. Musikalisches Instrument. 2. Asiatischen Strom. 3. Alkoholhaltiges Getränk. ____I 4. Teil von- Frankreich. 5. Einen Buchstaben. *) Von 1900 ab bringen wir in angemessenen Zwischenräumen in den Familienblättern Preisrätsel, an deren Lösung sich recht eifrig zu beteiligen, wir unsere geschätzten Leser bitten. Die Lösungsfrist läuft stets acht Tage nach Ausgabe der betr. Nr. ab. Unter den an die Redaktion der„Familienblätter" einzuseudenden richtigen Lösungen wird eine ausgclost, deren Einsender mit einem Preise — nützliches Buch oder dergleichen — bedacht wird. Citatenrätsel. Nachdruck verboten. Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen,»sodass sich ein neues Citat ergiebt. 1. Was dem Manne das Leben Nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben. 2. Ich versprach, dir einmal spanisch zu kommen. 3. Es blüht eine schöne Blume. 4. Im engen Kreis verengert sich der Sinn. 5. Ueber's Jahr, über's Jahr, wenn die Schwalben wieder kommen. 6. Alles freut sich und hoffet, Wenn der Frühling sich erneut. 7. Der Mai ist gekommen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer. Hall, Wall, Fall, Ball. •Ubaftten: r. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UnisersttätS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erdens in «ießen.