Sonntag den 26. August Bl Töifiy wrnfisS3 ■i1’ n iiffi® Swffir ■Steh WiiW Hum WM W gas* UM Arbeit meines Lebens ist nur ein Spiel mit den Muscheln an der Küste des Meeres gewesen, während der Ozean der Wahrheit sich noch unerforscht vor mir ausbrcitet. Newton. (Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von Lothar Brenkendorf. (Fortsetzung.) „Dem Könige ist so viel daran gelegen, die verwüstete Provinz wieder in die Höhe zu bringen", sagte sie, bei ihrer Darstellung allgemach in wirklichen Eifer geratend, „daß man mir ohne Zweifel auch das erforderliche Saatgetreide und Vieh, dessen Anschaffung augenblicklich meine Mittel übersteigen würde, zur Verfügung stellen wird. In einigen Jahren schon wäre auf einen ansehnlichen Ertrag zu rechnen, und ich bin gewiß, daß mW nach, einem Jahrzehnt jalle Welt um den trefflichen Tausch beneidet. Da ich, Litauen bereits von Herzen lieb gewonnen habe und es nie mehr zu verlassen gedenke, wäre es für mich ohnedies viel angenehmer, mein ganzes Vermögen in dieser Provinz angelegt zu sehen." Schweigend und nachdenklich hatte Sixtus ihr zugehört; nun da sie innehielt, sagte er: „Wenn Sie ein Mann wären, würde ich Sie vielleicht ermutigen, das Wagnis zu unternehmen; für ein junges Mädchen aber erscheint es mir so gefährlich und verwegen, daß ich Sie vor seiner Ausführung auf das eindringlichste warnen möchte." Als hätte sie nur auf diesen Einwand gewartet, fuhr Elisabeth rasch und mit verdoppelter Lebhaftigkeit fort: „Natürlich könnte ich die Bewirtschaftung eines so ausgedehnten Besitzes nicht mehr allein durchführen. Und dies eben ist es, was mich bestimmt hat, Sie, Herr Major, um diese Unterredung zu bitten. Wie viel Leute sind es, über die Sie gegenwärtig noch verfügen?" „Etwa sechzig. Aber ich weiß nicht —" „Glauben Sie nicht, daß hundertundzwanzig rüstige Arme ausreichen würden, zunächst wenigstens einen Teil dieses verwahrlosten Bodens wieder ertragsfähig zu machen? Und wenn Sie selbst sich herbeilassen würden, gewissermaßen als mein Stellvertreter die oberste Leitung —" Er ließ sie nicht ausreden, sondern fiel ihr, diesmal seine Bewegung nicht verbergend, in die Rede: „Darum also wollen Sie Ihr Vermögen aufs Spiel setzen, Fräulein von Marschall? Nur um uns beizustehen, haben Sie dies alles erdacht? O, leugnen Sie es nickst; denn es würde Ihnen doch nicht gelingen, mir die Ueberzeugung davon zu nehmen! Ihr Edelmut macht mich glückliche, wie tief er mich auch beschämen mag, und die Erinnerung an Ihre Hochherzigkeit wird mich ausrecht erhalten in all den schweren Stunden, die mir etwa noch beschieden sein sein mögen. Lassen Sie mich Ihnen von ganzem Herzen dafür danken!" „Verstehe ich Sie recht, Herr Major? Ist das eine Ablehnung?" „Ja — und zürnen Sie mir darum nicht! Nicht aus einem Grunde, sondern aus zwanzig triftigen Ursachen ist es unausführbar, was Sie da für uns ersonnen haben. Ich will gar nicht davon sprechen, daß es geradezu verbrecherisch wäre, ein solches Opfer von Ihnen anzunehmen; denn selbst jwenn ich Ihrem GedankenganU folgte und Ihnen glaubte, daß Sie nur um Ihres eigenen Vorteils willen so handeln wollten, selbst dann wäre es unmöglich. Nur eine kleine Anzahl meiner Leute ist mit der Landwirtschaft vertraut, und auch diese wenigen sind durch das lange Kriegsleben für die schwere und stetige Arbeit von Tagelöhnern und Ackerknechten untauglich geworden — ganz abgesehen davon, daß ich wahrscheinlich! gar nicht die Macht haben würde, sie zur Annahme solchen Dienstes zu bewegen." , ' • . ; Elisabeth schöpfte wieder Hoffnung. Sie unterbrach ihn mit dem Bemerken, daß er sie mißverstanden habe, und daß es keineswegs ihre Absicht sei, altgediente brave Soldaten zu niedrigen Verrichtungen um kargen Lohn zu zwingen. Nach ihrem Pane sollte jeder von ihnen gewissermaßen als Pächter ein Stück Land zur eigenen Bewirtschaftung erhalten und sich so als freier Herr auf seiner Scholle fühlen können. Einstweilen aber würden die Leute auf einem Vorwerk von Lasdehnen mit der Errichtung verschiedener notwendiger Baulichkeiten beschäftigt werden, und,es sollte ihnen freigestellt bleiben, ob sie sich bei den bevorstehenden Erntearbeiten gegen gute Bezahlung nützlich machen wollten oder nicht. „Ich habe einen ziemlich schweren Stand mit meinen Gutsarbeitern", fügte sie hinzu, da sie sah, daß die ernste Miene des Majors sich noch immer nicht aufhellte, „und schon das Bewußtsein, eine Anzahl tapferer und zuverlässiger Männer zu meinem persönlichen Schutze in der Nähe zu haben, würde für mich von unschätzbarem Werte sein." ; ‘■•«I- I Aber ihre Beredtsamkeit hatte die gehoffte Wirkung nicht. Mit einem trüben Lächeln schüttelte Sixtus den Kopf. „Wie dürften Sie Schutz erwarten von Leuten, die selber schutzlos und rechtlos, geächtet und ausgestoßen sind? 482 iur ier Abteilung meiner nach allen Richtungen hin versprengten Leute brach zu später Abendstunde in einen einsam gelegenen Gutshof ein, verlangte drohend, wie in Kriegszeiten, Lebensmittel und Geld, und nahm schließlich mit Gewalt, was ihnen auf die bloße Forderung hin entschieden verweigert wurde. Dabei sollen der Hofbesitzer, sein Sohn und mehrere Gutsleute ernstliche Verwundungen erlitten haben. Einer dieser letzteren ist jedenfalls am Tage nach dem Uebersall gestorben." Er brach mit versagender Stimme ab; Elisabeth aber atmete tief auf wie aus befreiter Brust. „Das ist entsetzlich — Sie aber haben feinen Anteil an diesem Verbrechen. Man mag seine Urheber zi- Rechenschaft ziehen, nicht einen Unschuldigen, der Wed den Befehl dazu gegeben hatte, noch die Möglichkeit besaß, es zu verhindern." Wweisend schüttelte Sixtus den Kops. „Sie irren, mein gnädiges Fräulein! Da ich nach meiner Wiederherstellung die Führung der Truppe wieder übernahm, obgleich mir jener Vorfall inzwischen bekannt geworden war, trage ich auch für diesen die Verantwortung — wenn nicht vor dem Gesetz, so doch vor meinem eigenen Gewissen. Mit Ausnahme eines einzigen verwilderten Gesellen, der mir als der Anstifter bezeichnet wurde, und den ich aus unseren Reihen ausstieß, habe ich alle Teilnehmer an der todeswürdigen Plünderung in meiner Schar behalten. Und mein Eid verpflichtet mich, zu ihnen zu stehen, wie zu jedem anderen Mann." , „Aber das ist unmöglich! Es ist ein falscher Ehrbegriff, von dem Sie sich zu solcher Aufopferung bestimmen lassen. Sie stürzen sich selbst ins Verderben und erweisen niemand einen Dienst, wenn Sie Ihr kostbares Leben einsetzen für das Leben von Dieben und Räubern." „Ich habe diesen Dieben und Räubern verziehen, Fräulein von Marschall; denn ich hatte ihre Rot gesehen, schreiben — nein, heute noch werde ich mich aus die Reise nach Berlin begeben." -■ ' Mit einem seltsamen Blick sah er sie an, doch die Züge seines Antlitzes blieben unbeweglich. „Sie mögen es immerhin thun, Fräulein von Marschall, wenn Ihnen daran gelegen ist, unser Verderben zu beschleunigen." „Wie?" fragte sie betroffen. „Ihr Verderben zu beschleunigen? Ist das im Ernst Ihre Meinung?" „Gewiß — int vollen Ernst! Die Schwerfälligkeit und pflichtwidrige Säumnis der Behörden allein ist es, die uns bis heute noch unser vogelfreies Dasein fristen laßt. Nein, mein gnädiges Fräulein, auch wenn Ihr Plan ausführbar wäre, und wenn keine Rücksicht aus Ihr eigenem Wohl uns abhielte, den großherzigen Vorschlag anzunehmen, könnten wir doch den Weg nicht gehen, den ^hre Großmut uns zeigen will. Wir haben das Recht verwirkt, uns irgendwo hinzusetzen und unangefochten das Leden harmloser, friedfertiger Staatsbürger zu beginnen. Noch wissen Sie ja nicht alles, und ich empfange jetzt meme Strafe dafür, daß eine gewisse Feigheit mich gestern abhielt, Ihnen auch das letzte, das schlimmste zu offenbaren. Fch hätte eben von vornherein mit der Möglichkeit rechnen sollen daß Ihr Edelsinn aus eine Milderung unseres Loses bedacht sein würde, und ich hätte sogleich- die ganze Wahrheit sagen müssen, um Ihnen wie nur die Pem des gegenwärtigen Augenblickes zu ersparen." „Mein Gott, Sie ängstigen mich, Herr Major! Kann es denn noch Schlimmeres geben, als ich; bereits von ^hnen ae^„3a; denn ich sprach Ihnen eigentlich; nur von dem Unrecht, das wir erlitten, nicht von dem Unrecht, das wir begangen haben. Und dieses ist leider großer als jenes Wir sind nicht nur obdachlose Vagabunden, wie Sie in Ihrem Wohlwollen annehmen, und wenn mau uns -ergriffe, würde man sich nicht damit begnügen, uns ins Gefängnis zu werfen. Nein, wir sind heute bereits wirkliche Uebelthäter, und jeden von uns erwartet der Elisabeth schrie laut auf, und unfähig, sich zu beherrschen, erfaßte sie mit heftigem Griff seinen Arm. „Nein, um des Himmels willen, sagen Sie, daß es nicht wahr ist, daß Sie mich nur aus die Probe stellen wollten. Es würde mich ja um den Verstand bringen, wenn ich daran glauben müßte." jedenfalls werden Sie sich nicht länger wegen unseres Schicksals beunruhigen, nachdem Sie auch; dies noch er- ------ , „ - , faftr-en Wir verdienen in der Thal Ihre Teilnahme so und ich bin sicher, daß sie an jenem Unglucksabend kaum wenig als die irgend eines ehrlichen Menschen. Sagen „och wußten, was sie thaten. Damit aber bm ich auch Sie mir doch aufrichtig, Fräulein von Marschall: wenn ihresgleichen geworden und muß es. für meme Pflicht heute eine Horde arbeitsscheuen Gesindels Ihren Gutshof I erachten, ihr Schicksal zu teilen. Ob ich mich dabei von überfiele um ihn auszuplündern, und wenn Sie oder Ihre einem falschen Ehrbegriff leiten lasse, weiß ich nicht; aber Leute bei dem Versuche, Ihr Eigentum zu verteidigen, Sie begreifen, daß ich in solchen Dingen eben nur den von diesen Banditen brutale Mißhandlungen erlitten, wur- Vorschriften meines eigenen Gewissens folgen darf, den Sie bann nicht unnachsichtlich die strengste Bestrafung sollte mich und meine Leute außerhalb des Gesetzes, rudern der Schuldigen verlangen?" I ich sie in offenem Ungehorsam gegen die Ordre des Königs »6re ruckenden Lippen versagten die Antwort. als organisierte Truppe unter meinem Befehl behielt. , 2/ JL ■ r nTlpT rafrfver in bastigen Worten, Ohne mich wären sie vielleicht alle nach und nach zu dieses GEnduisses auch für ihn ehrlichen, bürgerlichen Beschäftigungen zurückgekehrt. So to« ^enn dw Eal Eses GeMttuiines augr w ^t es sich denn auch-, daß ich; meinen Teil an der Ver- pst öu " Unb nicht erst seit heute und antwortlichkeit für ihre Uebergriffe und Verirrungen trage." Ste™ W ..Das mag Ar- Meinung fein; di- B-Hörd-N mib Z-- R-i»-mitt™ im -Ämter, ba $unger, di- Richte-ab™ w--d°» -S M-l^-w-,te anders ans-»-». Kälte und Krankheiten meine Soldaten dem Wahnsinn wenn sie den wahren Sachverhalt erfahren.- Nfive aebradit hatten Wir waren aus dieser Gegend, die I „Vielleicht. Doch ich werde Sorge tragen, daß e. uns nickt mehr Schutz und Nahrung genug gewährte, niemals geschieht. Keinem lebenden Wesen außer chnen fort L in die Nche von Danzig gezogen. Meine Leute werde ich je mitteilen was n dieser Angelegenheit zu befanden fick in einem Zustande, der jeder Beschreibung meiner Rechtfertigung dienen konnte Ihnen agte ich es, ivlttet Si hätten dama s jed , auch die schimpflichste weil ich den Wunsch hegte, mir wenigstens einen kleinen Arbeitverfühtet wenn ihnen Brot und Obdach dafür Rest Ihrer Achtung zu bewahrem An der Meinung aller gewährt worden wäre. Aber man hatte nirgends Der- I übrigen ist mir nicht das mindeste gelegen. Wendung für die Dienste von so heruntergekommenen, ab- „So baute ich Ihnen denn boppelt für ^hr Ber- ae^ebrten unb kraftlosen Bur chen, wie es biese Unglück- trauen unb Ihr freimütiges Bekenntnis. Einmal wohl ttchen w!ren. Rauh wies man sie von allen THÜren zurück, konnte ich den rechten Augenblick versäumen beim Komg die fiunbe wurden auf sie gehetzt, und oft starrten ihnen j um Gnade für Sie zu bitten, zum zweiten Male soll e_> fc&on bei der bloßen Annäherung die Mündungen von I sicherlich nicht geschehen. Sie sagen, daß niemand außer Tfiittentäufen entgegen Da packte sie denn mit jedem I mir die Wahrheit kennt, wohlan denn, es soll genug [em, Le wilder die wütendste Verzweiflung. Nur weil ich daß ich sie fenne^ Heute noch werde ich; an den König meine ganze Autorität dafür einsetzte, und weil sie sahen, • Kutte merhe irf* mich, auf die Reise baß ich alle ihre Entbehrungen brüderlich teilte, gehorchten sie noch meinem strengen Befehl, sich jeher Versünbigung an frembem Eigentum unb jeber Gewaltthat zu enthalten. Vielleicht wäre es mir wirklich gelungen, sie als ehrliche Kerle burch ben grausamen Winter zu bringen. Aber bas Unglück wollte, baß ich an einer Geleukentzünbung schwer erkrankte unb wochenlang unter ber Pflege meines ehemaligen Wachtmeisters, bes treuesten Menschen auf Erben, in einem verlassenen Heuschober liegen mußte, unfähig, mich auch; nur von meiner Strohschütte zu erheben. In jenen Tagen war es, wo bas Bebauerliche geschah. Eine 483 Aehnliche Banden, wie die unsrige treiben sich noch! hier und da im Lande umher, und man ist augenscheinlich noch im Ungewissen darüber, welche von ihnen den sträflichen Friedensbruch bei Danzig verübt hat. Man wird Ihnen in Berlin für die Aufklärung sehr dankbar sein, und ich zweifle nicht, daß man dann auch! bald genug die geeigneten Mittel finden wird, uns aufzuheben." (Fortsetzung folgt.) Sommer. Eine Verlobungsgeschichte von L u i s e G l a ß. Nachdruck verboten. Das Heu lag in Schwaden, die Linden blühten, und hie Kirschen wurden rot. „Wenn das keine Sommerzeichen sind, womit soll man ihn sonst beweisen?" sagte Hans Fridolin, der von so fröhf- licher Urlaubstimmung beherrscht war, daß er sich sogar zu einer Landpartie bereden ließ. Gestern abend, da er, nach drei zu Schiffe verbrachten Zähren, wieder einmal auf dem kleinen Schemel neben der Mutter saß, war ihm zu Mute, als werde er die 14 Ferientage nicht viel von diesem Platze wegkommen. Heute wanderte er schon mit einer Schar Menschen, die nicht einmal alle alte Bekannte waren, ins Grüne hinaus. Natürlich auf der Mutter Betreiben. „Darfst ihnen doch das Vergnügen nicht verderben. Bist doch ’ne Sehenswürdigkeit, und ich hab auch meinen Wunsch dabei!" — Sie lächelte schalkhaft. „S’ist Sommer, Hans! Wer weiß — ein Weib aus der Heimat ist immer das beste — vom gleichen Boden erwachsen, an der gleichen Luft genährt. Daß Dir auch die rauhe Luft der Fremde ums Gesicht gestrichen ist, schadet nichts — zu Hause soll der Mensch Heimatluft spüren." Hans Fridolin hatte das kluge Mütterchen geneckt mit den Fallen, die sie seiner Freiheit stelle, und darüber gescherzt. Heute aber, zwischen den reifenden Feldern klang ihre mahnende Stimme dringlich auf ihn ein: Sommerzeit ist Erntezeit, da braucht man jemand, der einem den kühlen Trank bereit hält nach des Tages Hitze, jemand der sich freut über den eingebrachten Segen, jemand der mitbangt, wenn Wetterwolken aufziehen, ehe die Garben in der Scheuer geborgen sind. So sah er sich denn die Mädchen darauf an, ob sie wohl Gefährtinnen sein könnten. Zunächst die Flammen seiner Brausejahre. „Ich habe wirklich guten Geschmack gehabt", dachte Doktor Hans, „die blonde Grete war noch immer ein reizendes Geschöpf, die braune Laura war noch hübscher geworden, das dicke Emmchen hatte sich gestreckt, und die blasse Lotte — na die hatte Allerdings, „eingepackt" — aber hübsch, sehr hübsch, war die auch gewesen." Eine fehlte, seine Letzte, die Einzige, die keinen Beinamen nach ihrem Aussehen erhalten hatte, weil schon der grüne Student empfand, hier sei das äußere Nebensache Bienchen nannte er sie, teils um ihres Namens Sabine, teils um ihrer anmutigen Geschäftigkeit willen. Sie war die Jüngste von neun 'Geschwistern und doch schon mit 14 Jahren des Haushalts Stütze, weil die älteren alle versagten. Der Vater war eine geniale Natur, seine Kinder thatens ihm nach, sie konnten alles, aber nichts so recht eigentlich; sie schäfterten von früh bis spät und brachten doch nichts fertig. — Da kams denn ganz von selber, daß das talentlose Bienchen nach der Mutter Tode alles das that, was die anderen versäumten. Ein sogenanntes Fürchtetantchen, selbständig genug, den Leuten ihre Meinung zu sagen, verhalf dem Bienchen zur Tanzstunde. „Ach was, auch talentlose Leute müssen sich ihrer Jugend freuen, ja die erst recht: denn sie fliegen nicht so leicht in die Wolken, wie Ihr selbstsüchtiges Phan- tastenvolk." Auf dem Tanzstundenball hatte sich, Hans als Student in höheren Semestern in das Bienchen verliebt; nicht in ihre häuslichen Eigenschaften, aber in ihr sonniges Lachen, ihre fröhliche Laune und die klugen Möge, die sie spracht ohne etwas davon zu wissen. Es war eine derbe Kur von drei Tagen: Ball, Landpartie und ein Besuch zur Nachfrage nach, ihrem Befinden, wobei die Genies einigermaßen störten. Dann kam die Examenzeit, Hans sah das Bienchen nur auf der Straße. Anfangs errötete sie bei seinem Gruße, später gabs nicht einmal einen Farbenwechsel. — Ob sie verheiratet war? Natürlich. Der kluge Mann holt sich ein Bienchen heim. Aber gewußt hätte er es gerne und endlich fragte er nach ihr. „Das Bienchen? wer ist denn das?" Nur eine ältere Dame wußte Bescheid. „Ach, Sabine Wendt, der Tugendspiegel!" rief ein niedlicher Lockenkopf. „Die und beim Kirschfest? Die muh doch ihren großen Brüdern die Servietten Vorbinden und den Schwestern das Fleisch zerschneiden und dem Papa die Fliegen wegwedeln". „Gewöhn' Dir das schneppern ab, Lida, Dein Mann legt Dir sonst dermaleinst ein Schloß vor den Mund, und Du erstickst an unausgesprochenen Bosheiten", schalt die Wissende, und sagte dann zum Doktor : „Der Vater ist gelähmt, die Geschwister fliegen aus, sowie ihnen das Leben lacht, aber kehren heim, wenn ihnen ein Wetter die Flügel naß gemacht hat, Sabine ist die unentbehrliche Jmmer- gleiche. Und ein Bienchen ist sie wirklich: nimmermüd, und saugt Honig aus Giftblumen". Doktor Hans dachte: Schade, da hat das Leben wieder mal eine, die für Sonnenschein und blühende Wiesen geschaffen war, in dumpfige Stuben gebannt, ^aus dem Bienchen ist eine Motte geworden; nur die alte Tante weiß noch von dem Namen, und ein Name hält sich gemeinhin länger als die Sache selber. Aber das half nichts gegen die Gedanken an die vergangene Zeit, kein gegenwärtiges Mädchen kam gegen das Bienchen von damals auf. Auch am folgenden Morgen weckte der Lindenduft vor dem Fenster gleich, wieder dje Erinnerung. Gerade so hatte er ihn umweht, als er ihr das letzte Mal begegnet war; sie hatte ihn mit großen Augen angesehen und sehr ernsthaft gedankt. Warum wohl? Doktor Hans sprang aus dem Bette: Weil wir ern- . ander fremd geworden sind, natürlich;. Und nun hört das Märchenerzählen auf, nun geht's an die Ferienarbeit." Als er dann aber mit der Mutter Kaffe trank, lief ihm doch über die Lippen: „Das Bienchen war nicht da." „Ja", sagte Mama Fridolin vorsichtig, „das Bienchen verstecken die Wendts gerne, damit es ihnen keiner wegfängt." Zwei Wendts Geschwister kamen zur Kirschhutte nachgefahren, hatten den Abmarsch versäumt und waren dann sehr lustig." . 1 ■ „Ja, die versäumen alles und genießen rhr Leben doch." Als Hans dann wieder bei der Arbeit saß, sah er das Bienchen unter den anspruchsvollen Geschwistern stehen, es holte das Versäumte nach, richtete das Schiefe zurecht, gab dem Schwankenden Stand und trug für alle den Honig ein, von dem sie selber nie zu kosten bekam. Unwillkürlich stand er auf, nahm seinen Hut und ging hinaus. Erst unter den Promenadenlinden wurde er srch bewußt, daß er auf dem Wege zu Sabine war. Sofort lenkte er um. — Unsinn! Er war nie bei den Leuten gewesen, außer vor zehn Jahren nach dem Tanzstundenball. „ Da aber die Promenade in Schlangenpfaden lief, kam er doch wieder in die Richtung des Wendischen Hauses. — So gut Du damals hingingst, kannst Du's heute auch dachte er, und drückte die Klingel nieder, ehe dieser Gedanke von dem nachfolgenden widerlegt wurde, sortlaufen wie ein Gassenjunge, der die Nachbarn mit Klingeln foppt, konnte er doch nicht; also vorwärts! „Ich möchte Fräulein Sabine mente Aufwartung machen." - Die Magd glotzte ihn verwundert an, er stand schon in dem Hausflur und faßte mit einem Blick Sabrnen, dre in der grünumrankten Hofthür stand. . „Nehmen Sie mich an, Fräulein Wendt!" rief er so vergnügt, als sei er noch der Bruder Studio, „wir haben uns ja unglaublich lange nicht gesehen." Rot wurde sie auch heute nicht, aber blaß; trotz des trügerischen Flurlichts sah es das scharfe Doktorauge, ehe 484 fie sich umwandte und die Thür nach dem Gartenzimmer aufstieß. „Bitte, Herr Doktor." Sie war wirklich noch ganz das Bienchen von damals — keine Spur Motte. Goldbraun das Haar, goldbraun die Augen, alles anmutig, beweglich frisch und jung. Sommer, Blüten und alle Rüstigkeiten des Lebens fiel einem ein, wenn man sie ansah, Hans wurde immer vergnügter, obgleich die Unterhaltung förmlich blieb. Draußen schwatzten die Spatzen, einer flog dreist herein und rief: Gieb, gieb! „Natürlich!, auch die Spatzen haben Zutrauen zu Ihnen." Da lachte sie zum ersten Mal und nun war's, als habe die Sonne eine schöne, wolkenverhangene Landschaft plötzlich verklärt. „Fräulein Sabine, finden Sie mich auch so wenig verändert, wie ich Sie?" „Für einen Studenten kann ich Sie nicht mehr halten, sonst aber." „Wie ich Sie nicht mehr für einen Backfisch. Sonst aber! Fräulein Sabine, der Student war Ihnen sehr gut. Wie stand es denn mit dem Backfisch?" „Das ist so lange her, ich kann mich schwer darauf besinnen, wie es dem Backfisch zu Mute war." — Das sagte sie sehr schnell, und doch klang es schwerfällig, auch stand sie von ihrem Stuhle auf und sah nach der Thür, als müsse ihr jemand zu Hilfe kommen, da stand Hans Fridolin aber schon neben ihr. „Sabine, — ich! brauche eine Frau — darf ich mir das Bienchen heim holen?" Das Bienchen stand in heller Verwirrung da. „Ach Gott — sie können mich ja hier nicht entbehren." „Wenn das kein Ja ist", rief Doktor Hans fröhlich, dann will ich nicht drei Jahre lang durch fremde Sprachen! hindurch geschifft sein. Kannst Du das Haus nicht mehr halten, so mögen's die Schwestern thun, oder sonst wer. Seit zehn Jahren lebst Du für die andern, nun lebst Du für Dich iund mich!! Bienchen! bilde Dir nur nichts ein — alle Menschen sind zu ersetzen, — außer der Herzallerliebsten — die giebt's nur einmal." Diese lange Rede hielt Hans nicht wie ein Katheder- prosessor; er hatte die Arme dabei um das Bienchen geschlungen und nach! jedem dritten Wort küßte er sie. Als er zu Ende war, hatte er die Liebste zwar noch nicht überzeugt, aber sie küßte ihn wieder. Und als sich der Doktor am Abend schlafen legte, war alles in Ordnung. Mutter Fridolin hatte den Wendischen eine wunderschöne Predigt gehalten, bis sich deren empörtes Nein in ein beschämtes Ja verwandelte. „Merkwürdig", dachte der Bräutigam und nickte Mond und Sternen zu, „merkwürdig, vorgestern kam ich mir noch, vogelfrei vor und lag doch schon seit zehn Jahren an der Kette. Gestern hielt ich die Junggesellen für die klügsten Wesen der Erde, und heute weiß, ich, daß sie arme Narren sind. Wie weise einen der Sommer macht." Der Trank im Sommer. Nachdruck verboten. Die warme Jahreszeit hat ihre Freuden, aber auch ihre Leiden. Angenehm und erträglich ist sie natürlich! für den, der bei dampfender Zigarre gemächlich die Zeitung in der Laube lesen kann. Wer aber schwere Arbeiten verrichten muß, den plagt der Schweiß und als Folge davon der Durst, und wiederum als Folge hiervon der Schweiß, wenn, wie so häufig, die unrechten Getränke gewählt werden. Spielt im Winter das Essen bte Hauptrolle, so ist es ipr Sommer der Trank. Der Verehrer der Naturheilkunde sagt vielleicht: Das beste Getränk bleibt frisches, klares Wasser, das giebt uns die Natur, das lehren uns die Tiere. Ja, diese Theorie wäre schon richtig, wenn die Menschen nach der Natur leben könnten, wie die wilden Tiere in Feld und Wald, nämlich ohne besondere anhaltende und anstrengende Arbeit in der Sonnenglut, vor welcher sich sogar der lercht- beschwingte Vogel verbirgt. Darum weiß auch! der Landmann, dessen schwerste Arbeit gerade in die ch'ßesten Tage fällt, daß er auf freiem Felde, wo es unmöglich ist, sich gegen die sengende Glut zu schützen, mit Wasser allein nicht auskommen kann. Manchen Gutsbesitzer hört man klagen, daß er nicht weiß, was er den Leuten zu trinken geben soll. Nachdem Genuß alkoholartiger Getränke, das weiß jeder Landmann, taugen die Arbeiter erst recht nicht mehr zu schwerer Arbeit. Alkohol regt für den Augenblick an, um nachher umsomehr zu erschlaffen. Auch vermehrt er die Herzthätigkeit und somit die Leibeswärme, daher kehren Herzschläge mitten auf der Straße nach dem Genuß schwerer Getränke jeden Sommer wieder. Am empfehlenswertesten ist Vermischung des Wassers mit Essig, Zitrone, kohlensaurem Natron und vor allem mit Zucker, der nicht nur durstlöschend, sondern auch kräftigend und erfrischend wirkt. Sehr erfrischend, ist Aepfelwein mit gekochtem Wasser verdünnt genossen, um ihn für die, die ihn nur anfangs nicht vertragen, bekömmlich zu machen. Für Touristen ist es empfehlenswert, stets kalten Kaffee oder Thee mit sich zu führen, da diese Flüssigkeiten kalt beruhigend wirken. Angenehm und erfrischend sind alle Früchte, auch ist es gut, statt des aufregenden Kaffees morgens gleich, ohne zu trinken, etwas zu essen. Statt der unvermeidlichen Zigarre kaue man bei Anstrengung eine Zitronen-, Apfelsinen- oder jede andere Frucht- schale möglichst lange. Man wird dadurch imstande sein, den Durst, diesen Quäler, statt anzuregen, zu bannen. • Literarisches. W. H. Mehls Geschichten unv Novellen. Gesamt-Ausgabe. Erscheint vollständig in 44 Lieferungen zu 50 Pf., alle 14 Tage eine Lieferung. Stuttgart. I. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger. Einen Hausschatz für das deutsche Volk hat man Riehls Erzählungen genannt, und in der That verdienen sie diesen Ehrennamen reichlich durch die Fülle gediegensten Unterhaltungsstosis, den sie bieten. Der erste Band der neuen in Lieferungen erscheinenden Gesamt-Ausgabe der „Geschichten und Novellen" von W. H. Riehl enthält die „Kulturgeschichtlichen Novellen", in denen der Meister eine neue Gattung der deutschen Erzählungskunst geschaffen hatt. In diesen Novellen hat sich Riehl selbst das hohe Ziel gesteckt, daß sie sich wie echte Geschichten lesen sollen, so wie man umgekehrt von einem guten Geschichtswerk sagt, daß es sich wie ein Roman lese. Man darf sagen, daß er sein Ziel in dieser Sammlung, deren Entstehung denn auch in die Jahre des fröhlichsten Produzierens, der Jünglings- und ersten Mannesjahre fiel, erreicht hat. Es sind kurze, kraftvolle und in Riehls Behandlungsart doch behaglich wirkende „Bilder aus der deutschen Vergangenheit". Sie sind nicht lehrhaft der geschichtlichen Zeitfolge nach angeordnet, sondern lassen uns da und dort hincinblicken in längst gewesene Tage: der „Stadtpseifer" in die Zeit des siebenjährigen Kriegs, „Im Jahre des Herrn" in die drangvolle Mitte des neunten Jahrhunderts, „Ovid bei Hofe" und „Amphion" in die Schnörkel der Zopfzeit, die „Werke der Barmherzigkeit" und „Gräfin Ursula" in die Stürme des dreißigjährigen Kriegs, „Meister Martin Hildebrand" in die Blüte der Handwrrksburschenzeit, die „Lehrjahre eines Humanisten" m Zunft- und Gelehrtenstuben vor über dreihundert Jahren. Tauschrätsel. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. Narbe Laub Die Anfangsbuchstaben nebenstehender Alm Feige Wörter sind mit anderen Buchstaben der- Haube Sorgen art zu vertauschen, daß man ebenso viele Ober Engel neue Wörter erhält, deren Anfangsbuch- Hebel Wall Rest staben den Namen eines Erfinders und Asche Becher dessen Vaterstadt bezeichnen. Auflösung des Citatenrätsels in voriger Nummer: Alles ist verloren, nur die Ehre nicht. $. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen Uui»erfit«t-.Buch. m,d Gtemdruckerei (Pietsch Erben) in «iehe«.